Aspekte des Islamic Banking 3
1. Das islamische Wirtschaftssystem
1.1 Historie 5
1.2 Grundlagen des Islamic Banking 6
1.3 Instrumente des Islamic Banking 8
1.3.1 Kreditgeschäfte 8
1.3.2 Murabaha - der islamische Finanzierungskauf 9
1.3.3 Musharaka - das islamische Joint Venture 9
1.3.4 Mudarabah - die islamische Partnerschaft 10
1.3.5 Ijarah, Salam und Sukuk 11
2. Prinzipal-Agent-Theorie
2.1 Drei Problembereiche 12
2.1.1 Asymmetrische Informationen 13
2.1.2 Moralische Wagnisse 13
2.1.3 Adverse Selektion 14
2.2 Fokus: islamische Partnerschaft 14
2.2.1 Prinzipal-Agent-Problematik im Mudarabah-Vertrag 14
3. Das Zinsverbot der katholischen Kirche
3.1 Einleitung 18
3.2 Quellen des Zinsverbotes 18
3.3 Begründungen des Wucherverbotes 20
3.4 Vergleich des islamischen und christlichen Standpunktes 21
3.4.1 Gemeinsamkeiten 21
3.4.2 Unterschiede 21
4. Konklusion
4.1 Zukunft des Islamic Banking 23
Literaturverzeichnis 25
Elektronische Quellen 27
2
Aspekte des Islamic Banking
In den siebziger Jahren haben die Länder in der Golfregion enorme Einnahmen durch den Ölex-port erwirtschaftet, welche sie in konventionelle Finanzprodukte investiert haben. Dies hatte die islamische Kritik zur Folge, die vorhandenen Gelder falsch oder ins Ausland investiert zu haben. Vor dem Hintergrund der muslimischen Bevölkerung in den meisten arabischen Staaten wurde eine moderne Version des islamischen Finanzsystems zum Wunsch gläubiger Muslime. Der Islam beinhaltet als Lebensordnung ein Normensystem, das nicht nur religiöse, sondern auch wirtschaftliche Handlungen regelt. Für Muslime existiert keine Aufteilung zwischen religiöser und weltlicher Dimension, daher versuchen sie all ihre Handlungen mit den Normen des Islam in Einklang zu bringen. 2 Das so entstandene islamische Wirtschaftssystem hat jahrhundertalte Wurzeln, wurde jedoch schon bald von der westlichen Wirtschaftsordnung dominiert. Zusätzlich führt die ununterbrochene mediale Präsenz des Themas Islam zu einer ausgeprägten Sensibilisierung der Weltbevölkerung für bisher unbekannte Themengebiete der islamischen Kultur. Im Zuge dessen erlangt auch Islamic Finance ein höheres Interesse. Dieses offeriert Finanzdienstleistungen in Vereinbarkeit mit den Gesetzen der islamischen Religion. Der Begriff Islamic Finance steht somit nicht für Finanzgeschäfte in islamisch geprägten Regionen, sondern für eine alternative Form der weltweiten Finanzdienstleistungen. Neben dem Islamic Banking, der Begriff für Banktransaktionen, zählen auch Versicherungsgeschäfte und private Transaktionen zum Islamic Finance. Über den genauen wirtschaftlichen Umfang des Islamic Finance liegen keine geprüften Angaben vor. Der Islamic Banker gibt an, dass 500 Milliarden Dollar durch 300 islamische Finanzinstitutionen vertreten werden. 3 Inhalt dieser Arbeit wird vor allem das Islamic Banking sein.
Zu Beginn ist es erforderlich, die Begrifflichkeiten des Islamic Banking zu erläutern, bevor eine anwendungsorientierte Untersuchung stattfinden kann. Folglich umfasst die vorliegende Arbeit einen umfassenden informativen Teil, um den Leser mit der Perspektive des islamischen Finanzsystems vertraut zu machen.
1 Goethe 1819: Kap. Aus dem Nachlass.
2 Vgl. Lewis/Algaoud 2007: S. 38.
3 Vgl. N. N.: Global Islamic Finance Monitor (s. d.), URL: http://www.islamicbanker.com/database.html (Stand:
19.10.2009).
3
Die Theorie befasst sich heute weniger mit Anleitungen für Muslime zum individuell richtigen Verhalten, sondern vor allem mit gesellschaftlichen Institutionen und Regeln, die in der zunehmend komplexer werdenden Wirtschaft die Umsetzung islamischer Werte gestalten sollen. Die vorliegende Arbeit geht in vier Schritten vor. Zuerst wird ein kurzer historischer Überblick über die Entstehung und das Wachstum des Islamic Finance gegeben. Anschließend werden in einem zweiten Schritt ausgewählte Vertragskonstruktionen des Finanzbereiches, die den religiösen Erfordernissen des Islams entsprechen, zunächst theoretisch dargestellt. Ziel der Arbeit ist es, die These zu überprüfen, inwiefern sich die Theorie der Prinzipal-Agent-Problematik des konventionellen Wirtschaftssystems auch im Islamic Banking bestätigt. Daher folgt in einem dritten Schritt die problemorientierte Betrachtung des islamischen Finanzsystems aus mikroökonomischer Perspektive. Aufgrund der offensichtlichen Ähnlichkeit des Zinsverbotes in der katholischen und islamischen Lehre wird als abschließender Bestandteil die Gemeinsamkeit des Zinsverbotes in der islamischen und katholischen Lehre herausgestellt. Dabei werden die his-torischen Wurzeln des Islams und Christentums nicht näher auf Gemeinsamkeiten untersucht. Im Rahmen der Finanzinstrumente werden teilweise bewusst englische Begriffe beibehalten, wobei diese der deutschen Groß- und Kleinschreibung folgen. Auf Kursivsetzung der arabischen Termini wurde aus Gründen der Übersichtlichkeit verzichtet.
4
1. Das islamische Wirtschaftssystem
1.1 Historie
Im 19. Jahrhundert wurden mit der Kolonialisierung auch in islamischen Ländern konventionelle Finanzsysteme eingeführt. Die Kolonialmächte errichteten ohne Rücksichtnahme auf örtliche Gegebenheiten Banknetze, die der Vereinfachung von Import- und Exportzahlungen dienten. Die kolonialisierten Völker lehnten das Bankensystem aus nationalistischen, aber auch aus religiösen Gründen ab. Mit der fortschreitenden Verbreitung dieses Systems wuchs gleichzeitig die Ablehnung der Muslime es zu nutzen. Zeitgleich jedoch wurde auf Grund der wirtschaftlichen Weiterentwicklung der Länder das Bankensystem für viele Transaktionen zwingend notwendig und war somit auch für gläubige Personen unumgänglich. Diese Entwicklung beobachteten die islamischen Staaten und erkannten, dass ein zinsloses Bankensystem nötig ist, um den gläubigen Muslimen die Einhaltung ihrer religiösen und ethischen Grundsätze zu garantieren. Im Jahre 1971 wurde in einer kleinen Stadt im Nildelta in Ägypten die erste Bank in Form einer zinsfreien Sparkasse gegründet. 4 Die Absicht war, durch die Sparkonten der Bank Investitionskredite ausgeben zu können. Schon rasch entstanden in der Umgebung mehrere solcher Sparkassen, durch deren Kreditvergabe eine stärkere Wirtschaftsentwicklung erhoffte wurde. Dieser Aspekt der Wirtschaftsförderung passte nicht in das zentralistische Wirtschaftssystem des damaligen Präsidenten Nasser, woraufhin die Schließung sämtlicher Banken folgte. 5
Die Versuchsphase der Banken war zwar nur relativ kurz, dennoch zeigte sich bereits, dass die zu jenem Zeitpunkt bekannten Islamic-Banking-Methoden praktikabel waren. Zehn Jahre später, am 18. Dezember 1973, wurde die Islamische Entwicklungsbank (IDB) anlässlich der ersten Konferenz der Finanzminister sämtlicher Mitgliedsländer gegründet. Erklärtes Ziel war die Wirtschaftsförderung und die Entwicklung eines Bankensystems, welches für den öffentlichen - aber auch für den privaten Sektor - aktiv sein sollte. Mit der Gründung der IDB wurde die Entwicklung des islamischen Bankensystems eingeleitet. Nach dem ersten Ölpreisschub im Jahre 1975 nahm die IDB ihre Tätigkeit offiziell auf. Im gleichen Jahr noch kam es zur Gründung der ersten privaten islamischen Geschäftsbank in Dubai. In den folgenden zehn Jahren entstanden ungefähr 50 weitere islamische Banken in der Golfregion sowie im Sudan und in Ägypten. Seit den neunziger Jahren findet man sogar in Zentralasien und Europa islamische Finanzinstitutionen. 6 Vor allem in den vergangenen Jahren hat das Islamic Banking zunehmend an globaler Bedeutung gewonnen. Man konnte ein verstärktes Interesse konventioneller Banken am islamischen Markt beobachten; viele spezielle islamische Abteilungen wurden eingerichtet. Die letzen Jahre sind
4 Vgl. Iqbal/Molyneux 2005: S. 37.
5 Vgl. Ende/Steinbach 1984: S. 167.
6 Vgl. a. a. O.: S. 170.
5
durch die Entwicklung von neuen Wertpapiertypen und die Belebung islamischer Kapitalmärkte gekennzeichnet.
Das islamische Bankwesen hat sich nach rund 30-jähriger Entwicklung internationale Anerkennung verschafft. Dies zeigt sich darin, dass sich Institutionen wie Weltbank und Internationaler Währungsfonds um ein vertieftes Verständnis und um eine Berücksichtigung der Besonderheiten des islamischen Bankwesen mit Blick auf Bankenaufsicht und -regulierung bemühen. 7 Die explizite quantitative Dimension des islamischen Finanzsektors ist schwer zu ermitteln, da die Bilanzen islamischer Banken bislang nicht nach international vergleichbaren Regeln erstellt werden. Auf-grund verschiedener Schätzungen und Relationen erscheint ein Marktanteil islamischer Finanzprodukte von 6 bis 10 % plausibel. 8
1.2 Grundlagen des Islamic Banking
Das Islamic Banking definiert sich auf Basis islamitisch-ethischer Normen mit einem entscheidenden Hauptunterschied zu konventionellen Bankgeschäften: Muslime dürfen weder Zins bezahlen noch Zins entgegennehmen. Diese zinslose Finanzwirtschaft steht somit im Einklang mit dem islamischen Recht: der Scharia und dem Koran.
Der Koran als Offenbarung Allahs Wort nimmt für alle Muslime einen sehr hohen Stellenwert ein. Er verbietet den Muslimen bei Gelddarlehen Riba zu nehmen. Riba lässt sich als jegliche Form des ethisch ungerechtfertigten Zuwachses an Kapital durch einen Preis für die Überlassung von finanziellen Mitteln verstehen. 9 Im Finanzbereich wird der Begriff schlichtweg als Zins oder Wucher verwendet. 10 Das Riba-Verbot wird insbesondere in folgender Textpassage des Korans deutlich:
„Oh ihr, die ihr glaubt, verzehrt nicht den Zins in mehrfach verdoppelten Beträgen und fürchtet Gott, auf dass es euch wohl ergehe.“ 11
Von diesem Verbot unberührt bleibt jedoch die Ausschüttung von Gewinnanteilen, da diese direkt vom Erfolg der Investition mit allen ihren Risikoaspekten abhängen. Die Begründung des Riba-Verbotes basiert vor allem auf Aspekten der sozialen Gerechtigkeit. Des Weiteren wird argumentiert, dass Zinsen einen vom Unternehmensgewinn losgelösten Kostenfaktor darstellen, der im Fall von Verlusten keinen Wohlstand generieren kann. Im Gegensatz dazu werden Ge-
7 Vgl.a. a. O.: S. 167f.
8 Vgl. N. N.: Islamic Finance in the Middle East (2002), in: HSBC Economic Bulletin, URL:
http://www.econresearch.net/admin/articles/7(2).pdf (Stand: 22.10.2009).
9 Vgl. Iqbal/Molyneux 2005: S 7.
10 Vgl. Bosworth/Donzel/Heinrichs/Lecomte 1993: S. 491.
11 Koran, Sure 3, Vers 130.
6
Arbeit zitieren:
2009, Aspekte des Islamic Banking, München, GRIN Verlag GmbH
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