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Vorwort. 4
Einleitung. 8
1. Terminologie “Ozan“ und “Aşık“, Geschichte und Herkunft Geschichte. 10
1.1 Die Baglama in Geschichte und Gegenwart. 14
1.2 In der Frühzeit. 18
1.3 Unter den Seldschuken im 11./12. Jh. 19
1.4 Aşıks im Osmanischen Reich bis etwa 1923. 21
1.5 In der Türkischen Republik ab 1923 unter Mustafa Kemal Atatürk. 23
1.6 Ausbreitung der traditionellen Volksdichtung und Volksmusik
durch vermehrt auftretende Wandersänger. 25
2. Die geographische Lage der Provinz Sivas als kultureller Mittelpunkt
der Ozans und Aşıks. 28
2.1 Klima von Sivas. 29
2.2 Geschichte von Sivas. 30
2.2.1 Sivas unter den Seldschuken. 31
2.2.2 Atatürk der Gründer der Republik. 32
2.3 Bedeutende Aşıks aus der Region Sivas. 33
2.4 Die Region Emlek als Stätte der Aleviten. 37
3. Werdegang von Veysel Şatıroğlu zum “Aşık Veysel“ 43
3.1 Erste Bekanntschaft mit fahrenden Volkssängern. 45
3.1.1 Aufnahme in den engeren Kreis der Volkssänger. 48
3.1.2 Veysel Şatıroğlus Aufstieg vom wandernden Volkspoeten
und Volkssänger zum “Aşık Veysel“ 49
3.2 Veysel erhält fördernden Beistand. 51
3.3 Einfluss moderner Medien. 52
3.4 Ausklang zum Werdegang von Aşık Veysel 53
2
4. Die Musik von Aşık Veysel...............................................................................55
4.1 Tabellarische Analyse von achtundsechzig seiner Lieder...............................57 4.2 Transkriptionen und Analysen von zehn Titeln................................................67 5. Der Poet Veysel im Spiegel seiner Gedichte...................................................87
5.1 Ausgewählte Gedichte zu folgenden Themen:................................................93 seinem Leben - seinemVerhältnis zur Liebe - seinerSichtweise der Natur - seineStellung zur Solidarität - seinemBewusstsein für die Bildung - 6. Erben von Aşık Veysels Musik und die türkische traditionelle
Volksmusik in der Gegenwart........................................................................162
6.1 Türkische Folkloresänger, die als Band
“Heimatliebende Geschwister“, auftreten......................................................164 6.1.1 Tarkan singt Dichtung von Veysel.................................................................166 6.1.2 Zehra Şatıroğlu, Urenkelin von Aşık Veysel, singt und
spielt Titel von Veysel....................................................................................169 6.2 Vergleich des Liedes “Uzun ince bir yoldayım“ , “Ich laufe auf einem
schmalen dunklen Pfad“ in drei Versionen....................................................171 6.2.1 Tabellarischer musikalischer Vergleich zum Hervorheben einiger Unterschiede im Vortrag des Titels “Ich laufe auf einem
schmalen dunklen Pfad“................................................................................171 6.2.2 Ausführlicher Notenvergleich des in der Tabelle bearbeiteten Titels.............172 Original von Veysel - Interpretationvon Tarkan - Variationvon Zehra Şatıroğlu -
6.2.3 Fazit meines Vergleichs.................................................................................176
3
7. Gespräche während meiner Studienreise 2002. 177
7.1 Mit den Nachkommen Veysels. 177
7.2 Mit Bewohnern der Heimatregion von Veysel. 180
7.3 Mit Wissenschaftlern der Aşık-Veysel-Hochschule. 188
Literaturverzeichnis. 191
Diskographie. 196
Anhang. 200
Gedichte. 200
-
Zeitschriftenartikel und andere. 289
-
Veröffentlichte Kassetten und CDs von Veysel und
-
anderen Musikern 293
Gesellschaftliche und persönliche Motive sind für mich die maßgeblichen Kräfte, diese Dissertation zu schreiben. Dabei steht an erster Stelle das Zusammenleben von Deutschen und Türken in den letzten 40 Jahren in der Bundesrepublik Deutschland.
Als Mitglied dieser mittlerweile aus Menschen verschiedener ethnischer und nationaler Herkunft bestehenden deutschen Bundesrepublik möchte ich als Deutscher türkischer Abstammung einen Beitrag im kulturellen Bereich leisten, weil ich der Meinung bin, dass über Kultur Menschen sich besser kennen lernen können. In dieser Dissertation gebe ich einen Einblick in die Wurzeln der türkischen Tradition und ihrer Quellen.
Mit dem Anwerberabkommen am 30. Oktober 1961 wurden Türken offiziell von der Bundesrepublik gebeten, in Deutschland zu arbeiten, um das Land mit aufzubauen. Aufgrund der Kriegsfragen fehlten im damaligen Deutschland-West Arbeitskräfte. Zurzeit leben über 2,5 Millionen Türken, davon ungefähr eine halbe Million türkisch stämmige Mitbürger mit deutschem Pass in unserer Mitte. Die Einbürgerung von Türken, die eine deutsche Staatsangehörigkeit beantragen, steigt von Tag zu Tag.
Das zeigt, wie notwendig und wichtig das gegenseitige Wissen über beide Kulturen ist. Dies gilt ebenfalls für den wissenschaftlichen Bereich, weil türkische Mitbürger heute in fast allen akademischen Berufen und in Berufen, die über die ursprünglichen Arbeitsgebiete hinausgehen, tätig sind. Das beschränkte Gebiet des einfachen Arbeitsplatzes, wo die Gastarbeiter anfangs nur geringe Tuchfühlung mit ihren deutschen Kollegen hatten, ist überwunden. Die Nachkommen stellen andere Ansprüche an sich selbst und an den deutschen Lebensbereich. Umgekehrt interessiert sich auch zunehmend die deutsche Bevölkerung für die Herkunft ihrer türkischen Mitbewohner und für ihre Kultur.
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Ein weiterer Grund für diese Dissertation ist, die Deutschen mit dem letzten bedeutenden Repräsentanten der türkischen Volksdichtung und des Volksgesangs, mit der alttürkischen sowie türkischen Musiktradition, bekannt zu machen. Kulturkreises.
Für mich ergab sich der Anreiz über den türkischen Poeten und Sänger, Aşık Veysel Şatıroğlu (Schatiroglu),1894-1973, eine Dissertation zu schreiben. Meine Forschung nach der Entwicklung dieses Mannes, die Analyse seiner Besonderheit und der Zeit, in der er lebte, ergeben das Spiegelbild einer Kultur und Tradition, die immer noch lebendig ist und weiter, wenn auch manchmal in anderer Ausdrucksform, verbreitet wird.
Meine ganz persönliche Motivation rührt von der Tatsache her, dass mein Großvater wie Veysel aus einem ostanatolischen Dorf stammte und ebenfalls gut auf der Baglama "Bağlama" spielte und dazu sang. Wie ich heute beurteilen kann, ähnelte seine Spieltechnik der Veysels. Nachdem ich eine Musikkassette von Großvater gehört hatte, begeistert war, begann ich selbst das Baglamaspiel zu erlernen. Während meiner Schulferienaufenthalte in der Türkei spielte ich stolz den Großeltern, Verwandten und Bekannten etwas vor. Diejenigen, die mir zuhörten, stellten damals schon einen Vergleich zu meinem Großvater her und meinten, ich würde eines Tages ein Meister sein wie mein Vorbild. Vorbild war und ist mein Großvater für mich, weil er außerdem ein bescheidener, gerechter und friedfertiger Mann war. Ich bin sein ältester Enkelsohn und fühle mich verpflichtet, ihm nachzueifern. Für meinen Großpapa war Veysel u.a. ein Begriff für Solidarität, Freundschaft, Versöhnung und Natur. So lernte ich schon in jungen Jahren etwas von türkischer Kultur und Tradition kennen. Die Kenntnisse vertiefte und erweiterte ich später im Studium. Diese vergangene und noch immer lebendige Tradition möchte ich darstellen.
Ich hoffe, dass diese Untersuchung die Musikethnologie bereichert, zum besseren Verständnis der türkischen traditionellen Volksmusik führt und zum geeigneteren Einvernehmen der deutschen und türkischen Kultur beträgt. Professor Dr. Kurt Reinhard hat dies treffend ausgedrückt: "Das Zusammenleben mit den türkischen Bewohnern in unserem Land macht die Beschäftigung mit der kulturellen Tradition dieses Volkes zu einer dringenden Aufgabe."
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Wissenschaftliche Anregungen von Seiten meiner Professoren bestärkten mich außerdem zu meiner Dissertation, ein Stipendium machte sie möglich. Diejenigen, die mich unterstützten auf meinem oftmals steinigem Weg, bin ich zu Dank verpflichtet:
Hier möchte ich mit meinen Eltern beginnen, die mir eine schulische und letztlich akademische Ausbildung gestatteten, die mir immer mit ganzem Herzen beistanden, mich stets wieder mit Liebe ermutigten, nicht aufzugeben. Meinen tiefsten Dank schulde ich meinem Doktorvater, Herrn Prof. Dr. Rüdiger Schumacher, der mir viel mehr war als nur Doktorvater. Seine stete Bereitschaft und seine Hilfe, den Dialog zwischen Deutschen und Türken zu stützen, ist für mich vorbildlich. Infolge seiner gesicherten wissenschaftlichen Kenntnisse wurde von ihm jede Frage, die ich für meine Forschung brauchte, beantwortet und weitere Anregungen gegeben.
Mein aufrichtiger Dank gilt Herrn Prof. Dr. Tassilo Küpper, Rektor der Universität zu Köln, der sich persönlich für mich einsetzte und mir ein Stipendium ermöglichte. Sein Engagement gab mir die nötige moralische Stärke zielbewusst zu forschen.
Besonders dankbar bin ich ferner Herrn Prof. Dr. Uwe Seifert, der mir stets von Herzen half.
Ein weiterer herzlicher Dank gilt meiner ehemaligen Lehrerin, Frau Hilde Heekeren, sie bot mir Hilfe in Schrift und Form. Herzlich danken möchte ich meinen drei älteren Schwestern, Muazez, Sadet und Zehra, die mich niemals alleine ließen, mir ihre Zuneigung und Hilfe nicht versagten. Meine besondere Dankbarkeit geht an meinen Schwager, Barış Martin, der mich mit seinen technischen Kenntnissen im Umgang mit dem PC zu einem Könner machte.
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Nicht vergessen möchte ich all denjenigen zu danken, die mein Leben während der Arbeit kreuzten, meine Freunde sind und das Miteinander mit Rücksicht auf mich gestalteten und mir beistanden.
Mit der vorliegenden Dissertation möchte ich einen Einblick bieten in die reiche anatolische Kultur. Unter dem Aspekt der Musikethnologie stelle ich in den Mittelpunkt den letzten bedeutenden Volkspoeten und Volkssänger der Republik Türkei, Aşık Veysel (1894-1973). Aşık Veysel führte die ihm vorausgegangene Tradition der epischen Dichtung, vorgetragen in einem Sprechgesang zum Saitenspiel, fort, bereicherte sie und machte sie über die Grenzen der Türkei hinaus bekannt. Da er fast dreißig Jahre seines Lebens Untertan des Osmanischen Reiches war und fünfzig Jahre Bürger der Republik Türkei, wurde er zum Vertreter einer alten und neueren Volksmusiktradition. Als noch relativ junger Mann hieß er die modernen Ideen Atatürks gut, setzte sich für ihn und dessen Ziele ein und verehrte ihn. Erst die von Atatürk vertretene türkische Kulturpolitik im 20. Jh. verschaffte Veysel den Durchbruch zum Erfolg.
Aşık Veysel hieß mit Geburtsnamen "Veysel Şatıroğlu". Der in besonderer Würdigung verliehene Zusatz "Aşık" wird abgeleitet von der Dichtungsart "Aşık", auch Tekke-Literatur, die einen Volksgesang in mystischer Dichtung, bekannt seit dem 16. Jh., bezeichnet.
Vorläufer dieser Art zu dichten, sind Schamanen der Turkvölker, die, aus Zentralasien kommend, in Anatolien siedelten. Später nannte sich der Schamane "Ozan". Ihre Kulte übten sie musikalisch aus. Mit Trommeln oder einfachen Zupfinstrumenten begleiteten sie ihre einstufigen, jedoch aufrüttelnden Sprechgesänge. Im Zuge der Islamisierung des türkischen Gebietes wurden verständlicherweise Begriffe dem Arabischen entnommen, da die Turkvölker über arabisches Gebiet nach Anatolien eindrangen. Der Ozan hieß nun Aşık. Der Begriff Aşık heißt wörtlich „mystische Liebe zu Gott“. Der Aşık war Epensänger und Ependichter, Wandersänger, Volksdichter und Volkssänger; im weitesten Sinne ist er mit Troubadouren vergleichbar. Jedoch noch weiter zurückliegende Vorgänger der Aşıks aus der Antike sollen hier kurz genannt werden: der Aöde und Rhapsode der homerischen Zeit. 1 In dieser Arbeit werden beide nicht behandelt, obwohl starke
1 Vgl. Website mythologica.de, Brockhaus: fünfte, völlig neubearbeitete Auflage. Band 2. S.619.
Wiesbaden, 1973.
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Parallelen bestehen, jedoch würde dies den begrenzten Rahmen dieser Studie überschreiten.
Ich lenke die Aufmerksamkeit des Lesers von Kapitel zu Kapitel durch die Jahrhunderte bis zur Gegenwart. Stets steht meine Arbeit unter dem Aspekt "Aşık", bis zum herausragenden Volkspoeten und Volkssänger der türkischen Kultur des 20. Jh. Aşık Veysel, der Ursache und Mitte für die Wahl meines Themas ist. Alle Kapitel führen zu Veysel, seiner Entwicklung vom blinden Knaben Veysel Şatıroğlu ohne Schulbildung zum Aşık Veysel; sie sind diesem Poeten fortgesetzt untergeordnet oder beigeordnet.
Dem Leser verschaffe ich einen Streifzug durch die anatolische und türkische Geschichte, besondere geographische Regionen, Orte und Städte unter Verknüpfung ihrer klimatischen Verhältnisse, ihrer Besonderheiten und der Schönheiten, die sie darbieten.
Über die Lebensbedingungen der Aşıks, ihre Handlungsfreiheit oder Unfreiheit unter den verschiedenen Herrschaftsstrukturen, über herausragende Aşıks in der Historie, über einige Biographien außer der von Veysel, über ihre Gedichte und ihre Musik werde ich berichten.
Analysen und Transkriptionen, besonders von Veysels Noten, Übersetzungen seiner Gedichte im Kontext, aktueller Stand der türkischen Folklore sowie ein Ausblick auf den Fortbestand der Tradition, reichliches Bild- und Kartenmaterial, Ergebnisse meiner Gespräche mit Verwandten und Bekannten von Veysel sowie anderen an ihm Interessierten während meiner Studienreise durch Anatolien und hier vor Ort, runden die vorliegende Arbeit ab.
Da Veysel ohne seine Baglama nicht denkbar wäre, erhält der Leser der vorliegenden Arbeit darüber einen Einblick in Geschichte und Gegenwart dieses einzigartigen Musikinstruments.
Ich lenke hier die Aufmerksamkeit auf das erste Kapitel mit der nachstehenden Überschrift "Die Baglama in Geschichte und Gegenwart". Ihr gebührt gleichfalls eine entsprechende Würdigung.
Die Frage, ob Veysel Şatıroğlu den Titel "Aşık" verdient hat, der ein hohes Ansehen für den Träger bedeutet, hoffe ich ebenfalls gebührend zu beantworten.
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1. Terminologie "Ozan" und "Aşık", Herkunft und Geschichte
Viele Volkssänger und Volksdichter stammten aus Zentralasien. Sie betätigten sich als Wandersänger der Turkvölker und fungierten bis zum 9. /10. Jahrhundert, in der vorislamischen Zeit, der Schamanen. Als wandernde Dichtersänger wurden sie auch 'Ozan' genannt. Sie waren nicht nur umherziehende Musiker, sondern auch Heiler, Priester, Verkünder und Ratgeber. Die Menschen schätzten sie hoch. Sie entwickelten sich zu Förderern und Aufklärern ihrer damaligen Gesellschaft. Nachdem Turkvölker 1071 erstmals nach Anatolien eindrangen, folgten ihnen auch ihre Ozans. Die Ozans, die mit Ihrer Laute (Kopuz-i Ozan) ihre Dichtungen begleiteten, nannte man ab dem 15. Jahrhundert 'Aşık'. Dieser Begriff stammt aus dem Arabischen (âšiq) und bedeutet 'Liebhaber'. Die Aşıks meinten jedoch mehr die mystische Liebe zu Gott. Sie sangen zur Verehrung Gottes hauptsächlich religiöse Liebeslieder. Unter dem Begriff "Aşık" versteht man nicht nur eine Person, sondern ebenfalls eine mystische Dichtungsart, auch Tekkeliteratur (Ordensliteratur) genannt.
Fast 90 % der Aşıks und Ozans in Geschichte und Gegenwart gehörten und gehören in ihrer Mehrheit der islamischen Minderheitsgruppe der "Aleviten" an. Die Aleviten, nach Ali, dem Schwiegersohn des Propheten Mohammed benannt, hatten ihren generellen Ursprung in der Schia-Bewegung der Partei Alis. 2 Das Alevitentum erhielt die erste festere Ausprägung in Anatolien durch Hacı Bektaş-ı Veli. Da der Bektaşi Orden des Mystikers Hacı Bektaş Veli (1209-1271), in Hacıbektaş in der Provinz Kırşehir, Ali als den rechtmäßigen Nachfolger Mohammeds (Kalifen) ansah, sprach er besonders die türkischen Schiiten oder Aleviten an. Seine Anhänger übernahmen auch nichtmoslemische Rituale wie die Taufe. Die Bruderschaft war lange Zeit eng mit den Janitscharen [Osmanischer Heer-Janitscharen-Musik] verbunden. 3 In der heutigen Republik Türkei vertreten die Aleviten einen westlich orientierten Islam mit Inhalten turkmenischer Tradition. Ein Drittel der türkischen Moslems ist Mitglied der alevitischen Religionsgruppe.
2 Der Islam des 12. Jh., “Die Schiiten“, Brockhaus Band 4, 1975. S. 548.
3 Vgl. Hütteroth, Wolf-Dieter und Höhfeld, Volker: Türkei, Geographie, Geschichte, Wirtschaft,
Politik. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt, 2002. S. 344-345.
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"Die halbprofessionellen Volkssänger, "Aşık'', die sich selbst auf der Langhalslaute (Baglama) 4 begleiteten, sind als Erben alttürkischer Barden und islamisch mystischer Troubadourtradition anzusehen". 5
Die Benennung Aşık ist vergleichbar mit einer "Doktorwürde". Diesen Titel erlangte nur derjenige, der nach den von ihnen selbst aufgestellten strengen Regeln lebte. Ein Aşık verpflichtete sich für die Dauer seines Lebens, dem Wohl der Gesellschaft zu dienen, sich stets vorbildlich zu verhalten. Verstieß er gegen die von den Aşıks selbst gestellten strengen Statuten, schloss die Gemeinschaft ihn aus. Aşıks hätten sich keineswegs schuldhaft auf betrügerische Weise kommerzielle Vorteile verschaffen dürfen. Andere illegale Machenschaften waren ebenfalls tabu, die der Tradition und dem Ansehen der Aşıks hätten schaden können. Den Titel "Aşık" hätte die Gemeinschaft der Aşıks dem schuldig Gewordenen entzogen. Sie hätten ihn verachtet und aus ihrer Mitte ausgestoßen.
Aşıks in ihrer Eigenschaft als Wandersänger, nicht als Titelträger, sind vergleichbar mit den Troubadouren in Frankreich, den Minnesängern im deutschen Raum während des Mittelalters und den Wandersängern in anderen europäischen Gebieten 6 . Ebenfalls bestand eine geistige Verwandtschaft mit russischen Wandersängern nach Aufhebung der Leibeigenschaft in Russland nach 1681. Ihre dichterischen Motive und ihre musikalische Begleitung unterschieden sich natürlich wegen anderer Lebensgewohnheiten und anderem Kulturraum. Deckungsgleichheit bestand zwischen den Gruppen, weil sie alle verkündeten, aufklärten sowie Weitergeber von Ereignissen waren, die Menschen der damaligen Zeit anders nicht hätten erfahren können.
Die einfache Musik der Aşıks diente nicht der Unterhaltung, sondern sie unterstrich die mündlichen Aussagen und diente als Identifikationsfaktor ihres Kulturkreises. Die Musikbegleitung zur vortragenden Dichtung stützte die Kommunikation. Zu dieser Art der musikalisch vorgetragenen Dichtung passt
4 Baglama: „Am häufigsten ist die mittelgroße bağlama vertreten. Bağlama heißt „binden“ und
bezeichnet die Gepflogenheit, die 12 bis 28 Bünde aus Darm, bei den neueren Instrumenten aus
Nylon, so um den Hals des Instrumentes zu befestigen, dass sie verschoben werden können, wenn es
notwendig ist. Die Baglama hat drei, ebenfalls chörige Saiten aus Metall. Die Wirbel sind wie bei allen
saz-Instrumenten vorder- und seitenständig angebracht“, zitiert in: Reinhard, Ursula/de Oliveira Pinto,
Tiago: Sänger und Poeten mit der Laute. Dietrich Reimer Verlag. Berlin, 1990. S.172.
5 Vgl. Der Brockhaus Musik, Verlag F. A. Brockhaus. Mannheim, 2001. S. 818
6 Vgl. Der Brockhaus Musik, (Minnesang) Verlag F. A Brockhaus, Mannheim, 2001. S.569.
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ebenfalls, was Grillparzer über Schubert sagt: "Er hieß die Dichtkunst tönen und reden die Musik“. 7 Fast jeder Aşık verarbeitete individuell bestimmte Inhalte. Diese entnahm er der Mystik, der Natur, der Liebe, der Gesellschaft, seinem eigenen Erleben oder der Politik. Jedoch fühlten sich die vortragenden Dichter und Sänger nicht nur einer Thematik verpflichtet. Im Laufe ihres Lebens passten sie ihre Dichtungen und musikalischen Vorstellungen ihrem jeweiligen Alter, ihren Erfahrungen, ihren Lebensumständen und denen der Gesellschaft an. Aşıks wirkten in fast allen islamisch ausgerichteten Ländern. In Persien hießen sie âşhuq, im Irak und in Ägypten săır, in Afghanistan āshıq und in Turkmenistan băkhsı.
7 Über Schubert, eine Anthologie, Reclam o.J.
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1.1 Die Baglama in Geschichte und Gegenwart
Abbildung 3: Die Entstehungsphasen der Baglama Abbildung 4: Anatomie der Baglama
Die zentralasiatischen Türken machten Pfeil und Bogen, die sie zur Jagd benötigten, gleichfalls zu einem bedeutsamen Musikinstrument. Es wurde ebenfalls das erste primitive Saiteninstrument der Türken. Sie nannten es Okluğ, kurz Ok, übersetzt: Pfeil. Für die ersten Instrumente hobelten sie einen Kürbis aus. An seinem untersten Teil montierten sie den Bogen, um mehr Klangvolumen zu erreichen. Später veränderten sie den Okluğ. Sie montierten auf den Kürbis einen geradlinigen Holzgriff und überzogen den Kürbiskörper mit dünnem Leder. Das nun verbesserte Instrument erhielt mehrere Saiten, hieß jetzt Iklığ und ähnelte einem richtigen Musikinstrument. Es war das erste Streichinstrument der Türken. Sie beließen es nicht dabei, sondern entwickelten außerdem noch ein Zupfinstrument, den Kopuz, der aus einem Holzkörper bestand. Diesen Prototyp fertigten die Türken später zur Baglama um.
Auf dem Kopuz spielte der Schamane der Türken, auch Heiler, Priester, Ratgeber und Epensänger in einer Person. Der spielende Schamane und der Kopuz nahmen in der türkischen Gesellschaft eine hohe Stellung ein. Der spezialisierte Kopuzspieler erhielt mit der Zeit den Namen "Ozan".
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Der Musikethnologe Ali Uçan geht davon aus, dass der Kopuz sowie Iklığ bereits zur Zeit der Hunnen im 5. Jh. in Europa gesichtet wurde 8 . Ikonographische Funde weisen darauf hin, dass ähnliche Langhalslauten bereits ca. dreitausend Jahre vor Chr. in Syrien und Babylon und Kleinasien, wo Hethiter lebten, vermutet werden, Belege gibt es jedoch erst seit ca. 2000 bis 1200 v. Chr.. In Byzanz hieß ein entsprechendes Instrument Pandura, in Rumänien cobza, in Ungarn koboz. Aus anderen südosteuropäischen Ländern sind die Begriffe Kobez, Kobzikcu oder Kobuz bekannt. Länder in Afrika (Sansibar), Indonesien und Indien sind gleichfalls im Gespräch. 9
Der Musikethnologe M. R. Gazimihal erwähnt, dass in früherer Zeit, im heutigen deutschen Raum, für einige Lauteninstrumente der Begriff (=lağuta çalgısı) Kobus benutzt wurde. Er erwähnt, dass dieses Wort dem türkischen Kopuz entlehnt sein könnte. Als Beweis legt Gazimihal uns diese Überschrift vor: “Die Kobus mit der Luten“ (mhd.). Mit "Lute" ist die Vorläuferin der heutigen Laute gemeint. Im 18. Jh. wurde dieses bautechnisch verfeinert als Generalbasinstrument in Europa benutzt. Zum östlichen Kopuz war der Resonanzkörper ausgedehnter und unter dem Namen „kolaşon“ bekannt. 10
Ab 1780 wandelte sich in der Türkei der Begriff Kopuz in Baglama. Baglama kommt vom baglamak, das bedeutet übersetzt "Binden" und meint das Verfahren der Instrumentenbauer, die auf dem Griffbrett "Bünde" anbrachten. Beginnend mit dem Bau der Baglama gab es Bünde, vordem waren sie unbekannt.
8 Vgl. Uçan, Ali: Geçmisten günümüze Günümüzden Geleceğe, Türk Müzik Kültürü, Müzik
Ansiklopedisi Yayınları, Ankara, 2000. S. 23: Bilinen en eski Türk telli çalgısı olan „kopuz“un kökü
Milattan önceki ilkçağ Hunlarına dayanır. S. 25: Türk kopuzu Hunlar yoluyla Asya`dan Avrupa`ya
taşınan Hun pentatonik (beşperdeli) müziği oralarda, özellikle bugünkü Macaristan`da ve Balkanlar`da
kalıcı izler bırakıyordu.
9 Vgl. Reinhard, Kurt und Ursula: Musik der Türkei: Band 2: Die Volksmusik. S. 88.
10 Vgl.Gazimihal, Mahmut Ragıp: Ülkemizde Kopuz ve Tezeneli Sazlarımız (In unserem Lande, die
Kopuz und Zupfinstrumente). Ankara: Üniversite Basımevi, 1975.
Almanlar Lauteninstrument (lağuta çalgısı) karşılığı olarak bir zamanlar Kobus adını kullandıklarını
biliyor ve kelimenin aslı „Türkçe kopuz“ olduğunu belirtiyor, hem de eski metinlerinden şunu misal
olarak hatıratıyorlar: „Die kobus mit der luten“ Gottes Zukunft 4672.
XVIII. Yüzyıl Almanya´sın da Kopuz adıyla generalbasinstrument vazifesini bile gördü; ancak, bu
oradakinin Doğu Avrupa üzerinden gelme tipinin az ıslah edilebilmiş bir kocamanı olmuşluğu daha
yakın bir ihtimaldir. Latin Avrupa´sı kopuz adını hiç kullanmamıştı; olnar kolaşonu bildiler.
Die Baglama wird in verschiedenen Größen gebaut. Daher hat man einen Überbegriff angewendet: „Die Baglama Familie“. Die Kleinste dieser Familie ist die
Cura . Sie ist etwa 60 - 80 cm lang. Die nächst größere ist die meist bevorzugte
Baglama , ungefähr 80 - 120 cm lang. Sie ist das beliebteste Instrument der
Baglama-Anhänger und am weitesten verbreitet. Die beiden größten sind Divan 114-140 cm lang und Meydan 122,5 -152,5 cm lang.
Die Baglama weist nach je nach Größe und je nach Anzahl der gewünschten Halb- oder Vierteltonschritten in der Skala des Instrumentes 14 - 26 Bünde auf. Die bekannteste und bevorzugste Baglama hat 19 Bünde. Das Zupfinstrument wird unterschiedlich gestimmt, anders von Region zu Region, selbst von Dorf zu Dorf dem entsprechenden Repertoire angemessen. Allerdings sind besonders zwei Arten des Stimmens gebräuchlich. Die meist verwendete Stimmung ist: Bağlama - Düzeni, besser bekannt als Aşık Veysel Düzeni; die zweitrangige ist die Bozuk - Düzeni.
Die Baglama hat 7 Saiten, untergeordnet in drei Chören (2+2+3), die der Spieler aktuell bevorzugt.
Die Instrumentenbauer verwenden in unserer Zeit edle Holzarten wie Ebenholz für die sieben Wirbel, für die Decke Fichte und für das Korpus Mahagoni, Holz vom Maulbeerbaum, von der Kastanie o. ä.. Für den Griff nutzen sie Buche oder andere Holzarten mit höhere Dichte, die den Zug der stark gespannten Saiten halten können. Leichtere Holzarten sind für Decke und Korpus wegen der besseren Resonanz und Schallabstrahlung angemessener. Seit einigen Jahren besitzt die Baglama auch einen eigenen Tonabnehmer, der extra für die Baglama angefertigt wurde. Der Tonabnehmer wird unter dem Steg montiert. Die Baglama lässt sich sowohl akustisch als auch mit Verstärker spielen. Vierteltöne und halbe Töne eröffnen jedem Musiker fast unbegrenzte Möglichkeiten bei seinem Baglamaspiel. Die Musiker haben fast unbegrenzte Möglichkeiten, östliche wie auch europäische Musik vorzuführen. Sie können sowohl fröhliche als auch melancholische Klänge hervorbringen.
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Tonausstattung und Tonfarbe der Baglama sind inzwischen auf modernstem technischen Stand. Mit Gitarre und Mandoline könnte die Baglama ein gutes Trio bilden.
Die Baglama ist in der türkischen Bevölkerung hauptsächlich als Saz bekannt. Im Türkischen heißt Saz ganz allgemein nur Instrument. Die Baglama ist in der gegenwärtigen Türkei und unter den seit über 40 Jahren in Europa lebenden Türken oder türkisch Abstämmigen das beliebteste und bekannteste Instrument. Touristen, die die Türkei besuchen, kaufen sich oftmals eine Baglama, deren Spiel sie in Deutschland auf türkischen Veranstaltungen oder in den Ferien in der Türkei hörten. Die Baglama gibt Gelegenheit, Liebe, Herzenswünsche, Trauer oder Lebensfreude zum Ausdruck zu bringen, sofern der Interessierte musikalisch ausreichend begabt ist.
Beim türkischen Publikum nimmt die Baglama den ersten Rang in Konzerten, bei Feierlichkeiten und anderen Veranstaltungen ein. Seit Anfang der neunziger Jahre ist die Baglama zunehmend ein beliebtes und nachgefragtes Zupfinstrument bei jüngeren Männern und Frauen. Junge Menschen beiderlei Geschlechts kommen zum Musizieren zusammen. Infolgedessen wird hierdurch auch die Emanzipation der Frau in der türkischen Gesellschaft enorm gefördert. Die Baglama wurde zum Symbol der modernen türkischen Republik. Fast in jedem türkischen Haushalt ist eine Baglama zu finden. Laut Angaben des größten türkischen Instrumentenbauers steigt die Zahl der verkauften Baglamas wie bei keinem anderen Instrument. Im Jahre 2001 verkaufte man im Inland und Ausland insgesamt viele Millionen Baglamas. Diese überwältigende Zahl zeigt ebenfalls die Steigerung der Bedeutsamkeit, die das Instrument bei den Jugendlichen in der Türkei, in Deutschland und anderen Ländern Europas erwirbt.
1.2 In der Frühzeit
Die Türkvölker oder auch Turkvölker, die aus den Steppen Zentralasiens sich nach Westen ausdehnten, siedelten in fast allen Gebieten des Nahen Ostens und in Südosteuropa. Friedlich blieb jedoch ihre Niederlassung in keinem der neuen Länder. Sie erlebten kaum eine geschichtliche Epoche ohne Krieg oder diverse Schlachten. Da sie zunächst als Nomaden eindrangen, suchten sie fruchtbares Land. Sie konnten nur überleben, wenn sie neue fruchtbringende Gebiete entdeckten, die sie, wenn notwendig, eroberten. 11
11 Vgl. Yayla, Ali: Türk Kültür Medeniyet Tarihi, Istanbul, 1994. Bu nedenle bu milleti „Ordu Millet“
olarak da tanımlarız. Technische Universität zu Istanbul- Türk Musikisi Devlet Konservatuarı,
Vorlesung, 1997.
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Das Leben der halb nomadisierenden Turkvölker war hart. Zu ihrer Geschichte gehörten Belastungen, Sehnsüchte, seelische und körperliche Qualen und immer wieder Trennungen von für sie geeigneten Orten, ohne die zukünftigen zu kennen. Aus diesen Situationen heraus entwickelten einige Männer der Stämme Fähigkeiten, als Ratgeber zu wirken, den Alltag zu dokumentieren und den gesammelten Erfahrungsschatz weiterzugeben. Fast jeder Stamm hatte seinen eigenen "Ozan", der die Erfolge, Niederlagen und Erfahrungen seines Stammes poetisch und musikalisch umsetzte. 12 1.3 Unter den Seldschuken im 11. /12. Jh.
Die Seldschuken, nach dem Anführer "Selçuk Bey" in Turkestan um 1000 n. Chr. benannte türkische Dynastie, dehnte ihre Herrschaft auch nach Kleinasien aus 13 . In der Schlacht von Malazgirt um 1071 gewannen die Seldschuken. Sie schlugen die Byzantiner. Ost- und Mittelanatolien, ehedem christlich, machten sie zu ihrer Heimat und gleichzeitig zu einer islamisch türkischen Region. Das Jahr 1071 wird als Anfang des türkisch muslimischen Anatolien betrachtet. Auf dem Weg nach Kleinasien folgten ihnen auch ihre Ozans. Die erste Hauptstadt dieser Türken war Konya in einer verhältnismäßig großen Provinz in Mittelanatolien (38.257 km²), vergleichbar mit der Größe einer Fläche wie Niederlande (41.526 km²).
12 Vgl. Uçan, Ali: Geçmisten günümüze Günümüzden Geleceğe, Türk Müzik Kültürü, Müzik
Ansiklopedisi Yayınları, Ankara, 2000.
13 Vgl. Brockhaus, Band 4, Wiesbaden, 1975. S.666.
20
Aus Konya stammte auch der Orden Mevlana (Mevlana Celalettin-i Rumi). Im 12. Jh. gründeten sie den Orden, der bekannt wurde durch die „Tanzenden Derwische“. Diese führten Medizintänze auf, die Menschen heilen sollten.
Während der Zeit der Seldschuken teilten sich Führungen der einzelnen Stämme in zwei Gruppen. Die Sunniten stellten die gebieterische Macht und verfochten den sunnitischen Islam. Sie wohnten vornehmlich in den Städten. Eine andere Gruppe setzte sich aus nomadisierenden turkmenischen Glaubenskämpfern zusammen, die den 4. Kalif des Islams Ali unterstützten. Sie nannten sich Kızılbas Bektaşi, heute bekannt als Aleviten. Die Aleviten nannten ihre "Ozans" nun "Aşıks". Die Aşıks drückten ihre religiösen Riten durch Poetik und Musik aus, beeinflusst vom mystischen Gedankengut der Ozans. Der altschamanische Geist lebte nun islamisch geprägt im Glauben und in den Herzen der alevitischen Turkvölker in Kleinasien weiter. 14
14 Vgl. Ursula Reinhard; Tiago de Oliveira Pinto, Sänger und Poeten mit der Laute, D. Reimer Verlag.
Berlin, 1990. S. 12-15.
21
1.4 Aşıks im Osmanischen Reich bis etwa 1923
"Das Osmanische Reich, genannt nach seinem Gründer Sultan Osman I., ist auch bekannt als das Türkische Reich". 15
Von 1299 bis 1923 existierte das Reich über 600 Jahre als Weltmacht im Nahen Osten weit über die Grenzen der heutigen Republik Türkei hinaus. Die Osmanen unterdrückten das überlieferte Kulturgut und dessen Vertreter. In einigen Epochen wurden die Aşıks als Feinde und als Verräter des Reiches angesehen. Das osmanische Geschlecht hatte sich von der altturkmenischen Tradition gelöst. Die Osmanen führten eine andere Kultur in Sprache und Musik ein. Die türkischen Untertanen ihres Landes verstanden die elitäre Sprache des Hofes nicht, die nun "osmanisch" hieß. Sie bestand aus Elementen der persischen, arabischen und türkischen Sprache, war jedoch nicht die Muttersprache der einfachen Untertanen. Die Hofmusik der Osmanen, heute bekannt als Kunstmusik (Sanat Müziği), beeinflusst von der arabischen Musik, besaß keine Gemeinsamkeiten mit der originalen überlieferten turkmenischen Musik und Dichtung. Diese richtete sich an das einfache Volk, wandte sich an das Volk und wurde von ihm verstanden. Der elitären Schicht fehlte der Bezug zum turkmenischen Kulturgut. So versagte die gegenseitige Beziehung zwischen der osmanischen Macht und ihren Untertanen. Diese fühlten sich unverstanden, weil sie der Sprache ihrer Obrigkeit nicht zu folgen wussten. Durch Unverständnis entstand nun eine Kluft, die sich weiter vergrößerte. Daraufhin zogen sich die Aşıks zurück. Ohne Anerkennung und Unterstützung ihrer Obrigkeit fehlte ihnen ein wichtiger Motor. Das bewirkte ein Abklingen der Tradition der Aşıks.
Nur wenige dieser Meister sind uns aus dieser Zeit bekannt. Ein berühmter Aşık im 16. Jh. hieß Pir Sultan Abdal. Er stammte aus der Provinz Sivas. Er trat besonders für das turkmenische Volk dieser Provinz ein, das vielfach zum Kreis der Aleviten gehörte. Pir Sultan Abdal ist heute noch nicht vergessen. Seinen Schwerpunkt legte er auf die Mystik. Die osmanischen Gebieter lehnte er ab, er redete gegen sie. Pir 16 Sultan Abdal vertrat die Belange der Safawiden. Er trat für die Gründung eines alevitischen eigenständigen Staates ein. Ihr erster Gründer war der persische
15 Vgl. Brockhaus Band 4, Wiesbaden, 1975. S. 91.
16 Pir = Meister. Vgl. Hiç Kalan Müzik, Istanbul, 1999.
22
Şah Ismail 17 , der sich jedoch nur kurz halten konnte. Ein späterer Herrscher der Provinz Sivas, Hızır Paşa, verurteilte Pir Sultan zumTode durch den Strang. Einige andere bedeutende Aşıks im 16. Jh., die unter dem Einfluss von Pir Sultan Abdal wirkten, hießen "Kul Himmet", "Kul Hüseyin" und "Kul Ibrahim". Der Begriff "Kul" steht im mystischen Sinn für "Knecht Gottes". Im 16. Jh. lebten außerdem Aşıks, die mit Einstellungen zu einer besseren Welt und ihrer Sehnsucht nach ihr bekannt wurden. Der berühmteste unter ihnen war Köroğlu. Er prangerte die Ungerechtigkeiten an, unter denen die Menschen litten. Ein weiterer ist Kerem. Er betrachtete das Extrem in der islamischen Religion als ein Hindernis auf dem Weg zur Liebe. Aşık Garip drückte in seinen Gedichten Widerstand gegen die häufigen Trennungen aus, weil er, wie viele andere, jahrelang fern von seinem Heimatland leben musste. Mehrmals wurde er aus seiner Heimat vertrieben. Aus dem 17. Jh. ist der Aşık Karacaoğlan und aus dem 19. Jh. sind die Aşıks Dadaloğlu und Güneşlioğlu bedeutend.
Als weitere Aşıks sind außerdem noch Tokatlı Nuri, Ruhsati, Sümmani und Deli Boran zu nennen.
Alle Aşıks genossen ein hohes Ansehen und wurden anerkannt von der damaligen einfachen Bevölkerung, deren Belange sie vertraten. Sie erwarben ihr Wissen im täglichen Umgang mit ihren Mitbürgern. Ihre "Universität" waren die Begegnungen mit einfachen Leuten, die sie auf ihren Wanderungen oder am Ort kennen lernten, deren Bedürfnisse und Notlagen sie in Epen und Musik umsetzten. Die erworbenen Erkenntnisse und Nutzbringendes für die Zukunft teilten sie den Menschen mit. Dagegen studierten die elitären Schichten in Hochschulen (Medressen) Islamwissenschaften unter dem Einfluss der persischen und arabischen Sprache sowie deren Literatur. Ihr Kunstverständnis stand in Distanz zur Kultur des übrigen Volkes und hatte mit deren Erwartungen, Meinungen und Interessen wenig zu tun. 18
17 Şah Ismail. Safawidenherscher (16. Jh.). Vgl. a.a.O., S.345 Hütteroth/Höhfeld. Der letztere war ein
überzeugter Schiit. Er hatte theologische Gelehrte an seinen Hof geholt, die den Beweis der
Rechtmäßigkeit der Zwölfer-Schi`a, das heißt des Imams Ali und seiner elf Nachfolger erbrachten und
zur Doktrin erhoben. Vgl. a.a.O., S. 65. Reinhard/Tiago Ursula und Pinto
18 Vgl. Emnalar, A: Tüm Yönleriyle Türk Halk Müzigi ve Nazariyati, Ege Üniversitesi Basımevi, I
Izmir, 1998. S. 228-229.
23
1.5 In der Türkischen Republik ab 1923 unter Mustafa Kemal Atatürk
Das Osmanische Reich endete 1923. Ab 1920 begann der Niedergang des Herrscherhauses der Osmanen und seit Süleymans Tod verfiel das Reich. 19 Mustafa Kemal, besser bekannt unter dem Namen "Atatürk", übernahm 1923 die Regierungsgewalt und wurde erster Staatspräsident der „Republik Türkei“. Die Entfremdung von der eigenen turkmenischen Tradition ließ nach und endete vollends. Aşıks, die eine schwere Zeit unter den Osmanen erduldeten, als Gegner und sogar als Landesverräter gegolten hatten, konnten trotzdem ihr Kulturgut und ihre Tradition retten, die sie in die neue Zeit einbrachten. Die Überlieferung der Aşıks erfuhr in der Türkischen Republik eine Restauration und Auferstehung. Die moderne Regierung stellte Dialoge zwischen Staat und Bevölkerung wieder her. Die Administrationen förderten die Auffrischung der alttürkischen Kultur, die ja stets eine Kultur für die allgemeine Bevölkerung bedeutete. Niemals richtete sie sich gegen sie.
19 Vgl. Brockhaus Band 5, Wiesbaden, 1975. S. 328.
24
Gründer der Republik, Mustafa Kemal Atatürk 20 , führte viele Reformen durch. Er schaffte 1924 das Kalifat 21 und auf diese Weise das sunnitische 22 Regierungssystem ab.
Atatürk reaktivierte ebenfalls die türkische Sprache. Zu seinen Reformen gehörten auch die Gleichberechtigung der Frauen und ihr Wahlrecht. Mit der Einführung der lateinischen Schrift, öffnete er die Türkei für die westliche Welt. Hiermit anerkannte er die Wünsche seines Volkes, deren Aşıks (fast 90 % Aleviten) stets die Orthodoxie der islamischen Staatsform missbilligt hatten.
Dank Mustafa Kemal Atatürk konnten sich die Aşıks wieder frei im Land bewegen. Sie wanderten nun erneut mit ihrer Laute (Bağlama) von Ort zu Ort, von Provinz zu Provinz, ohne Angst haben zu müssen, von Staatsorganen festgenommen oder vertrieben zu werden. Im Gegenteil: Programmgestalter des staatlichen Rundfunks, später des Fernsehfung, (TRT) luden Aşıks zur Mitarbeit an der Programmgestaltung ein. Die Zuhörer lernten so die Tradition der Aşıks, ihre musikalisch untermalte Poesie erstmals kennen oder sie entdeckten sie wieder. Themen, Sprache und Stil wurden und werden in der alttürkischen Tradition der Ozans und Aşıks angeboten. Der TRT passte unter der Mitwirkung der Aşıks Dichtungen und musikalische Darbietungen der modernen Zeit und den aktuellen Geschehnissen an. Dieser Zusammenarbeit verdanken die Türken heute die Überlieferung des alttürkischen Kulturgutes und bedeutende Kenntnisse ihrer eigenen Geschichte.
In unserer Zeit werden in vielen Provinzen der Türkei "Aşıkfeiern" (Aşık Bayramı) organisiert, vielfach gefördert vom Staat. Einige besonders hervorragende
20 Kemal Atatürk, eigt. Mustafa Kemal Pascha, * Saloniki 12 März 1881, - Istanbul 10. Nov. 1938, türk.
Politiker. - Offizier; Teilnahme an der jungtürk. Revolution 1908/09; Armeebefehlshaber im 1.
Weltkrieg, vereitelte den Landungsversuch der Alliierten an den Dardanellen; organisierte als Führer
der nat. Bewegung ab Mai 1919 den Widerstand gegen die alliierte und griech. Okkupation; 1920 zum
Vors. Der Großen Nationalversammlung gewählt. Vertrieb 1922 im Griech.-Türk. Krieg die Griechen
aus Kleinasien. Nach dem Frieden von Lausanne setzte er den Sultan ab und rief am 19. Okt. 1923
die Republik aus. Als Staatspräs. (seit 1923) formte er - die Türkei nach den Prinzipien des
Kemalismus zu einem modernen Nationalstaat westeurop. Prägung. Der Beiname Atatürk („Vater der
Türken“) wurde ihm 1934 verliehen. Vgl. Meyers G. T. Lexikon. Band 11. J-Klas. Seite 283. Meyers
Lexikonverlag, 1983.
21 Vgl. Brockhaus Band 5, a.a.O., S. 328.
22 Vgl. Brockhaus Band 5, a.a.O., S. 194.
25
Aşıks werden als "Künstler des Staates" (Devlet Sanatcısı) vom Ministerium für Kultur besoldet. Sie haben dort eine Art von "außerordentlicher" Stelle. Der erste Aşık, der ab 1965 vom türkischen Parlament mit einer Ausnahmeregelung auf Lebenszeit mit monatlich 500 Lira besoldet wurde, war der berühmte Aşık Veysel Şatıroğlu. 23 1.6 Ausbreitung der traditionellen Volksdichtung und Volksmusik durch vermehrt auftretende Wandersänger
Die Musik der Aşıks veränderte sich kaum in den letzten tausend Jahren. An der musikalischen Grundstruktur hat sich nichts Wesentliches geändert. 24 Die Instrumentenausstattung bestand und besteht aus der Langhalslaute (Bağlama). Ihre Bağlamas waren und sind ausschließlich mit 12 oder 17 Bünden eingerichtet, mit ganzen und halben Tönen (Chromatische Töne). Daneben spielen derzeit Aşıks auch auf Baglamas mit bis zu 26 Bünden. Diese Veränderung kommt zustande, weil die türkische Volksmusik in den letzten drei Jahrzehnten stark vom arabischen Tonsystem, das auch Viertel- und Mikrotöne kennt, beeinflusst wird. Die Musikindustrie unterstützt den Trend teils gewünscht, teils intuitiv. Die Themen der Aşıks sind immerzu noch ziemlich breit gefächert und dem Leben entnommen. Sie behandeln wie früher die Mystik, die Gesellschaft, die Politik, die Natur, die Liebe zu Gott und die zwischenmenschliche Liebe im Allgemeinen. Ali Ufki 25 , der im 16. /17. Jh. ein Mitglied des Osmanischen Hofes war, gab damals die Zeitschrift „Mecmua-i Saz ü Söz“ heraus. Von ihm wissen wir, dass der Textaufbau der Aşıks hauptsächlich aus sieben, acht oder elf Silben bestand. 26
23 Vgl. Gülağ Öz, Aşık Veysel Antolojisi, Uyum Yayınları, Yenişehir Ankara. (Jahr nicht angegeben)
24 Vgl.Emnalar, Atınς: Tüm Yönleriyle Türk Halk Müziği ve Nazariyatı (Richtungen der türkischen
Volksmusik und ihre Theorie.). Izmir: Ege Üniversitesi Basımevi, 1998.
25 Ali Ufki (1610-1675) war als polnischer Sklave Albert Bobocski an den Sultanshof gekommen. Dort
war er Musiklehrer und komponierte auch im türkischen Stil der Kunstmusik. Er war es, der zum
erstenmal türkische Kunst- und Volksmusik in europäischer Notenschrift aufgeschrieben hat. In seiner
Sammlung „Mecmua-i Söz“ sind eine Reihe von aşık - Liedern enthalten. Er selber hat ebenfalls einige
Volksdichter- Lieder gemacht.
Vgl. Reinhard, Ursula/Pinto, Tiago de Oliveira: Sänger und Peoten mit der Laute. Türkische Aşık und
Ozan. Berlin: Dietrich Reimer Verlag, 1990. S. 14.
26 Emnalar macht keine Angaben zu den Zeilen und Strophen. Vgl. Emnalar, a.a.O., S. 232.
26
Leider überdauerten wenige der bis heute überlieferten Lieder der Aşıks die Tradition des "Meistergutes" (Usta Malı), weil Zwischenzeiten verhinderten, dass Meister ihre Gesellen unterrichten konnten. Dieser Brauch sagt nämlich, dass der Meister die Quelle sei und er nur die Kunst, die er von seinem Meister erlernte, an seine Gesellen weitergebe könne. Ein Aşık verpflichtete sich moralisch, so zu handeln, um das alte Kulturerbe für zukünftige Zeiten zu erhalten. Die Kompositionen der Aşıks weisen beachtliche Kerngedanken der Volksmusik auf. Die traditionelle Volkmusik wird gewöhnlich in zwei Kategorien aufgeteilt in: 1. Komponist bekannt. 2. Komponist unbekannt.
Die Musik und die Dichtungen der Aşıks gehörten und gehören meist der ersten Kategorie an, weil in der letzten Strophe der Texte der Name des Aşıks angegeben wird. 27
Die Musik der Volkssänger ist entweder "metrisch gebunden" (Kırık Hava) oder "nicht metrisch gebunden" (Uzun Hava). 28 Jedoch ist etwa 90 % ihrer Musik metrisch gebunden. Metrisch gebunden heißt, dass die Melodie in ein bestimmtes Metrum eingepasst ist. Die hauptsächlichen Grundtakte sind 2/4, 4/4, und zusammengestellte wie 5/8, 6/8, 7/8, 8/8, 9/8 und 10/8 Metren, die in verschiedenen Varianten auftreten können.
Die Aşıks waren keine gelernten Berufsmusiker, mehr Dichter und Philosophen aus der Zeit heraus. Sie setzen ihre Poetik lediglich angemessen musikalisch um. Die Inhalte der Texte waren wichtiger als die dazu komponierte musikalische Begleitung. Ich möchte es so ausdrücken: Virtuosität und Perfektion der musikalischen Begleitung standen und stehen auch gegenwärtig nicht im Vordergrund.
27 Vgl. Emnalar, a.a.O., S. 219.
28 Vgl. Reinhard, Kurt/Ursula: Band 2: Die Volksmusik. Internationales Institut für vergleichende
Musikstudien. Heinrichshofen`s Verlag. Wilhelmshaven, 1984. S. 16-18.
27
Ihre Kompositionen sind "einstimmig" 'homophon', deshalb kann außer den Bordunklängen, die in den oberen Saiten ihrer Baglama entstehen, von Harmonik und und Mehrstimmigkeit im europäischen Sinne nicht die Rede sein. Die arabische Art zu musizieren mit vielen Verzierungen in “arabesker“ Art, vermissen wir bei den Aşıks. Sie verwendeten den Bordun, der ihrer Musik auf der Baglama eine gewisse Wärme und Gleichklang verlieh. Eine Darbietung dauerte durchschnittlich drei bis fünf Minuten.
Das Vermögen der Aşıks war und ist ihre Poetik und ihre besondere Musik. Sie boten und bieten sie jeweils dort an, wo sie gewünscht wurde und wird. Zu ihren Vorstellungen kamen und kommen Menschen, die ihrer Musik und ihren Worten gerne zuhören.
Ein Aşık gehörte keiner festen Institution an, wo er hätte präsent sein müssen wie ein Berufsmusiker eines Orchesters oder einer Philharmonie. Die Kompositionen der Aşıks sind zum Teil Momentaufnahmen. Aşık-Dichtung und Musik gehören zur ältesten und klarsten Form der türkischen Klangwelt. Sie ging schon den Turkvölkern beim Zuhören zu Herzen, und auch die heutigen Türken bleiben nicht ungerührt. Aufgrund des zunehmenden Bekanntheitsgrades dieser besonderen Musik in Europa eroberte sie in den letzten Jahrzehnten auch vermehrt Zuhörer aus den europäischen Kulturkreisen.
28
2. Die geographische Lage der Provinz Sivas als kultureller Mittelpunkt der Ozans und Aşıks
Die Provinz Sivas war in allen Epochen ein kultureller Mittelpunkt der Aşıks. Sie liegt mitten auf der Halbinsel Türkei, am oberlauf Teil des Flusses Kızılırmak, eine Gegend in Zentralanatolien. Der größere Abschnitt Anatoliens befindet sich am oberen Flusstal des Kızılırmak, der Untere, Kleinere, liegt in der Nähe des Flusses Yeşilırmak im Gebiet des Euphrat. Der Kızılırmak ist der längste Fluss der Türkei. Im Größenvergleich zu anderen europäischen Ländern ist die Region Sivas so groß wie Belgien. Siebzehn Städte interessieren im Zusammenhang mit Aşıks und Ozans. Es sind die Städte Akıncılar, Altıyala, Divriği, Suşehri, Doğansar, Gemerek, Gürün, Gölova, Hafik, Imranlı, Kangal, Koyulhisar, Şarkışla, Ulaş, Yıldızeli und Zara.
2.1 Klima von Sivas
Trockenklima: Warmgemäßigtes Klima:
Heißes Wüstenklima
Gemäßigtes
Wüstenklima
Gemäßigtes
Steppenklima
Kaltes Wüstenklima
Kaltes Steppenklima
30
Die Provinz Sivas verfügt über ein besonders charakteristisches Klima. Sie liegt auf einem Hochplateau ungefähr auf 1.285 m Höhe. Entsprechend der Lage herrscht dort ein Mikroklima mit stetigem Nordwind. Die Sommer sind ziemlich heiß, die Winter sehr kalt mit schneebedeckten Höhen. Die größeren Bereiche der Provinz werden vom zentralanatolischen Klima beeinflusst, der Norden dagegen vom Schwarzen Meer. Die östliche Lage von Sivas wird bedacht vom Klima Ostanatoliens. Das Dorf von Aşık Veysel, Sivrialan liegt auf 39° 28' nördlicher Breite und 36° 10' östlicher Länge.
2.2 Geschichte von Sivas
Die Provinz Sivas war immer einer der bedeutendsten Provinzen Anatoliens. Die Stadt Sivas hatte in ihrer wechselvollen Geschichte mehrere Namen: Megalopolis, Sebastia, Sebasteia, Sevas, Sewas. Ausgrabungen förderten prähistorische Funde zutage. Diese Funde beweisen erste Siedlungen bereits in der Neolithischen Zeit (8. bis 6. Jahrtausend v.Chr.). Mit schriftlichen Aufzeichnungen der Geschichte von Sivas wurde ca. Anfang des 2. Jahrtausend vor Chr. begonnen. Verschiedene historische Zeiten sind schriftlich belegt. Anfang des 7. Jh. vor Chr. führten dort die Hethiter, im 6. Jahrhundert vor Chr. die Meder und im gleichen Jh. die Perser. In der zweiten Hälfte des 4. Jh. vor Chr. streifte Alexander der Große die Provinz Sivas auf seinem Zug nach Osten. 29 Im 1 Jh. bis zum 12. Jh. nach Chr. herrschten dort die Byzantiner. Die Stadt Sivas wurzelt auf dem Gebiet der antiken Stadt Sebaste. Unter seldschukischer, byzantinischer und römischer Herrschaft erlebte Sebaste eine Blütezeit.
Heute heißt die Stadt Sivas, ist wieder bedeutend, zählt ungefähr 250.000 Einwohner und ist die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz Sivas. 30
29 Vgl. Brockhaus Band 1, a.a.O. S. 54.
30 Vgl. Encarta Weltatlas, 2000.
31
Sivas ist ein Handelszentrum und eine Industriestadt. In ihr gibt es u. a. verschiedene verarbeitende Betriebe, Kleinbetriebe und Fabriken, Nahrungsmittelhersteller, Zementfabriken und Eisenbahnreparaturwerkstätten.
2.2.1 Sivas unter den Seldschuken
Die seldschukischen Türken drangen vor der Malazgirtschlacht zwar bis nach Sivas, eroberten doch zunächst nicht die ganze Region. Dies gelang ihnen erst nach der Malazgirtschlacht 1071 n. Chr.
Um 1243 herrschten die Mongolen in Sivas und Umgebung. Im 14. Jh. besetzten türkische Emire die Provinz Sivas, die sie 1398 als Provinz dem osmanischen Sultan Yıldırım Beyazıt übergaben. Im Sommer 1400 verdrängte Timur die Osmanen aus Sivas. Er tötete alle Soldaten der Stadt in einem Volksmassaker. In den Jahren 1403 bis 1408 wurde Sivas wieder eine Provinz des Osmanischen Reiches. In den Dokumenten des berühmten türkischen Reisenden Evliya Çelebi, der sich 1649 in Sivas aufhielt, steht, dass sich innerhalb der Stadtmauern 44 Viertel (Mahallee) mit 4600 Häusern befanden. Außerdem schreibt er von Schulen, zahlreichen Läden, vielen Herbergen und 40 Brunnen. Er schätzte für diese Zeit eine Einwohnerzahl von etwa 30.000-40.000, vielleicht etwas zu hoch angesetzt. Dieser Ausblick in die Historie der Stadt Sivas zeigt für die damalige Zeit eine beachtliche Infrastruktur, die auf eine hohe Bedeutung bereits im 17. Jh. hinweist.
32
2.2.2 Atatürk der Gründer der Republik
Mustafa Kemal Atatürk (1881-1938), der Gründer der modernen Türkei, die den offiziellen Namen „Republik Türkei“ erhielt, betrachtete Sivas als so bemerkenswert, dass er von dort aus begann, die Menschen aufzurütteln. Als Atatürk am 2. September 1919 nach Sivas kam, organisierte er innerhalb von zwei Tagen einen Kongress, der am vierten September 1919 begann und am elften endete. Es handelt sich um den berühmten "Kongress von Sivas" (Sivas Kongresi). Kemal organisierte ihn nicht nur, sondern leitete ihn auch. Auf diesem Kongress überzeugte Atatürk die Bevölkerung von Sivas und außerdem die Bevölkerung der gesamten ostanatolischen Region, mit ihm, für die Freiheit, gegen die osmanische Regierung zu kämpfen. Dieser Kongress läutete große, einschneidende historische Veränderungen ein, die schließlich zur Gründung der Republik Türkei und ihrer modernen Neuordnung führten.
33
2.3 Bedeutende Aşıks aus der Region Sivas a) Pir Sultan Abdal (16. Jh.)
Pir Sultan Abdals Geburtsort war das Dorf Banaz im Bezirk Yıldızeli in der Region Sivas. Sein Geburtsname ist Haydar. Über seine persönlichen Lebensumstände ist wenig bekannt. Als Poet kritisierte er die Politik des Landes und dessen Führung. Seine Gedichte schrieb er in einer direkten Sprache. Er stellte einer der bedeutendsten Poeten der alevitischen Religionsgruppe dar. Wer an der türkischen Volksmusik im 21. Jh. interessiert ist, für den ist auch der Name Pir Sultan ein Begriff. Pir Sultan war Enthusiast und drückte seinen Enthusiasmus in seinen Gedichten aus. Er beeinflusste stark zeitgenössischen Dichter, besonders diejenigen, die sich der Tradition verpflichtet fühlten. b) Aşık (16. Jh.)
Ibrahim Tennuri, nur als "Aşık" bekannt, war ein Dichter des 16. Jh. und wurde in Sivas geboren. Er dichtete im mystischen Stil von Yunus Emre. Seine bekannteste Dichtung war Gülizar- ı Manevi.
c) Kul Himmet Ustadım (18. Jh.) Ibrahim, bekannt unter dem Namen Kul Himmet Ustadım,
lebte Ende des 18. Jh. im Dorf Örencik bei der Stadt Divriği. Er dichtete in reiner (Volkssprache) türkischen Sprache mystische Gedichte. Seine Themen widmete er hauptsächlich dem Alevitischen. Er verehrte Pir Sultan Abdal und ließ sich von dessen Kunst beeinflussen.
34
d) Agahi (19./20. Jh.)
Velis Künstlername war Agahi. Er wohnte von 1871 bis 1916 im Dorf Kılıçı. Als guter Kenner der türkischen Sprache liebte er insbesondere Wortspielereien. In seiner Zeit war er ein großer Poet. Leider starb er in der Blüte seines Lebens an Cholera.
e) Ruhsati (19./20. Jh.)
Ruhsati lebte von 1835 bis 1911 in Deliktaş im Bezirks Kangal. Als Kind einer armen Familie arbeitete er von klein auf als Hirte. Später zog er als Wandersänger durch viele Orte Anatoliens. Er dichtete ausdrucksstarke traurige und mystische Gedichte mit didaktischem Charakter. Ebenfalls versuchte er sich in Liebesgedichten von besonderer Lebensnähe. Er legte großen Wert auf die Form seiner Dichtungen.
f) Derdiment (19./20. Jh.)
Fatma Oflaz, bekannt unter dem Namen "Derdiment", lebte von 1894 bis 1980. Sie wurde im Bezirk Kangal geboren. Diese berühmte Dichterin war Analphabetin. Das bedeutet, dass sie ihre Dichtungen rezitierte und memorierte. Sie muss im Zusammenhang mit Aşıks genannt werden, weil sie als eine der wenigen Frauen den Asıks zugeordnet werden kann.
g) Ayşe Berk (19./20 Jh.)
Ayşe Berk, die Tochter von Aşık Serdari, lebte von 1874 bis1953 und wurde im Bezirk Şarkışla geboren. In ihrem Leben musste sie Unzähliges erdulden. Ihr leidvolles Leben drückte sie in ihren Gedichten aus.
35
h) Mesleki
Mesleki wurde im Dorf Mesciti im Bezirk Kangal geboren. Er war ein Schüler von Ruhsati, der ihm auch den Namen Mesleki gab.
i ) Zihni (20. Jh.)
Zihni lebte von 1904 bis 1991 in dem Dorf Çaykaya in der Region Sivas. Er war einer der wenigen Poeten, die Gedichte im Dialekt der Aserbaidschaner verfassten.
j) Ali Izzet Özkan (20. Jh.)
Ali Izzet lebte von 1902 bis 1981 in Höyük, einem Nachbarort von Sivrialan, dem Heimatort von Aşık Veysel. Beide verband eine Freundschaft. Özkan entnahm seine Themen der Mystik, der Liebe, der Natur und seinem sozialen Umfeld. Die Themen lassen erkennen, dass Veysel ihn beeinflusste. Nicht zuletzt traten sie gemeinsam in vielen Konzerten in Anatolien auf. Ali Izzet Özkan spielte und sang auch öffentlich außerhalb der Türkei.
k) Kul Gazi (20. Jh.)
Kul Gazi wurde 1934 im Dorf Tuzla im Bezirk Şarkışla unter dem Namen Gazi Kurt geboren. Er verliebte sich in seine Lehrerin und gab ihr den Kosename "Gelbe Blume" (Sarı Çiçek). Zwei kleine Gedichtbände veröffentlichte er. Eine betitelte er mit dem Kosenamen "Gelbe Blume" (Sarı Çiςek), der zweiten gab er den Titel "Vogel im Wind" (Rüzgarlarda Keklik ).
36
l) Feyzullah Çınar (20 Jh.)
Çınar erblickte 1937 im Dorf Çamağa in der Nähe der Stadt Çamşıh in der Provinz Sivas das Licht der Welt. Er eiferte Pir Sultan Abdal, Kaygusuz und Virani nach. 1969 ging er nach Frankreich, wo er Gelegenheiten wahrnahm, an zahlreichen Kolloquien teil zu nehmen, wo er mit der berühmten Aleviten - Forscherin Irene Melikoff oft zusammentraf. Französische Radio- und Fernsehanstalten spielten viele Aufnahmen von Çınar, von ihm existieren über 60 Schallplatten. Eine Schallplatte befindet sich im Archiv des Musikwissenschaftlichen Institutes der Universität zu Köln. Çınar, ein Aşık unserer Zeit, starb 1982 mit 46 Jahren in Paris.
m) Muhlis Akarsu (20. Jh.)
Muhlis Akarsu 1948 im Dorf Minarekaya, in der Nähe der Stadt Kangal geboren, ließ sich von Pir Sultan Abdal und von Kul Himmet Ustadım beeinflussen. Er brachte über 100 Singles, vier LPs und 20 Kassetten heraus. Ein Feuer, das islamische fundamentalistische Terroristen am 2. Juli 1993 in Sivas legten, tötete ihn und 37 andere Künstler.
37
2.4 Die Region Emlek als Stätte der Aleviten
Die Region Emlek ist das Gebiet, wo die alevitischen Dörfer 32 um die Stadt Şarkışla dicht beieinander liegen. Emlek liegt cirka 30 km entfernt von Şarkışla auf
31 Abbildung 11: Bulgan, Murat: Studienreise, Türkei, 2002.
32 Alevitenfrauen in einem Dorf östlich Kayseri: Die türkischen Aleviten leben zurückgezogen und doch
in einer vor allem für Frauen bisweilen ungewöhnlich „aufgeschlossenen“ Lebensweise.
Vgl. Hütteroth, Wolf-Dieter Höhfeld, Volker, a.a.O. (Bild 36) S. 182.
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