Julia Leib: Eine Frage der Perspektive - Julius Lips und die Bedeutung der Colon-Figuren
I Inhaltsverzeichnis
I Inhaltsverzeichnis 1
II Abbildungsverzeichnis 2
1 Einleitung - über die Bedeutung der Perspektive 3
2 Über den Begriff der Colon-Figuren 4
3 Das schwarze Bild vom weißen Mann 5
3.1 Julius Lips - Leben und Entstehungsgeschichte des Werkes. 6
3.2 „The Savage Hits Back“ 8
3.3 Darstellung und Beschreibung der Figuren 9
3.3.1 Die Schiffe der Weisen 10
3.3.2 Soldaten und Offiziere 11
3.3.3 Der weiße Mann in der Masse 13
3.3.4 Seltsame Dinge um den weißen Mann 14
3.3.5 Die Häuptlinge der Weißen 15
4 Rezeption und Wirkungsgeschichte 17
4.1 Frühe Rezensionen 17
4.2 Wiederentdeckung des Werkes 19
4.3 Der rote Fes 20
5 Zusammenfassung 23
6 Literaturverzeichnis. 25
1
Julia Leib: Eine Frage der Perspektive - Julius Lips und die Bedeutung der Colon-Figuren
II Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Julius Lips, Fotografie (Pützstück 1995) 6
Abbildung 2: Segelschiff, Holzschnitzerei (Lips 1937:64 Fig.12) 10
Abbildung 3: Europäischer Soldat mit Gewehr, Holz (Lips 1937:81
Fig.28 ) 11
Abbildung 4: Deutscher Offizier mit Tropenhelm, Holzfigur (Lips
1937:87 Fig.36) 12
Abbildung 5: Offizier der deutschen Truppe, geschnitzte Figur (Lips
1937:91 Fig.42) 12
Abbildung 6: Europäer mit Strohhut, Holz (Lips 1937:131 Fig.91) 13
Abbildung 7: Häuptlingsstuhl mit Leopardenjagd, Holz vom
Baumwollbaum (Lips 1937:142 Fig.196) 15
Abbildung 8: Königin Victoria, Fotografie (Lips 1937:230 Fig.204) 16
Abbildung 9: Königin Victoria, Holzplastik (Lips 1937:231 Fig.206) 16
Abbildung 10: Königin Victoria, Holzplastik (Lips 1937:231 Fig.208) 16
2
Julia Leib: Eine Frage der Perspektive - Julius Lips und die Bedeutung der Colon-Figuren
1 Einleitung - über die Bedeutung der Perspektive
In Lauf der Geschichte haben die Weißen als Eroberer, Missionare, Kolonisatoren, Händler, Touristen usw. zwangsläufig bei allen Farbigen, welche sie vor allem als Fremde wahrnahmen, einen tiefen Eindruck hinterlassen. Kehrt man jedoch die Perspektive einmal um, stellt sich ziemlich schnell die Frage, wie sie denn über uns (die Weißen) denken. Für diese Umkehrung gibt es ein interessantes Beispiel: Bronislaw Malinowski, einer der großen Ethnologen, traf einmal in Britisch-Borneo einen alten Kannibalen, der ihn über den Krieg in Europa ausfragte, von dem er gerade gehört hatte. Die Frage, welche ihn dabei am meisten interessierte, war jene, wie die riesigen Mengen Menschenfleisch aufgegessen werden konnten, die ja zwangsläufig bei einem Krieg anfallen mussten. Malinowski erklärte ihm daraufhin, dass die Weißen ihre getöteten Feinde nicht verzehren, worauf ihn der Kannibale entsetzt ansah und sagte: „Was seid ihr nur für Barbaren, Menschen ohne triftigen Grund zu töten“. „In such incidents as these the athropologist learns to appreciate that Socratic wisdom can be best reached by sympathetic insight into the lives and viewpoints of others”. 1 Anhand dieser kurzen Episode wird bereits deutlich, wie entscheidend die Perspektive des Betrachters und eine eventuelle Einseitigkeit seiner Beobachtungen ist. In der Ethnologie, die sich ja nun gerade damit beschäftigt, die Menschen in fremden Gesellschaften zu beobachten, sollte man am ehesten eine Spur von Unbehagen an der Einseitigkeit des Beobachtens erwarten. Die ethnologische Beobachtung wird heute noch größtenteils als teilnehmende Beobachtung praktiziert, der Ethnologe neigt jedoch dazu, sich als Teilnehmer auszuklammern und sich auf einen beobachtenden, aber seinerseits nicht wahrnehmbaren Punkt zu reduzieren. In der Aufklärung traute man dem Blick von außen noch eine Erkenntnis und ein Urteil zu. Heute vertrauen wir so sehr auf den Blick von innen, dass der Ethnologe sich gerade die Aufgabe stellt, die von ihm untersuchte Gesellschaft so zu sehen, wie sie sich selbst sieht. Diese Erkenntnisfähigkeit setzt jedoch auch ein großes Wissen voraus über das, was betrachtet wird. So stellt sich unter anderem auch Fritz Kramer die Frage, welcher Wert der Erkenntnis eines Fremden zukommen kann, der die moderne Zivilisation von außen sieht. 2
Die genannten Probleme der eingeschränkten Perspektive sowie eine gewisse Voreingenommenheit westlicher Ethnologen finden ihre wissenschaftliche Aufarbeitung im relativ jungen Forschungszweig der „Whiteness-Studies“. In diesem Bereich arbeiten Wissenschaftler aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammen. „Whiteness has been established as an object of study by scholars from an array of disciplines, each struggling with the task of making visible the operations of racial privilege and advantage that structure the lives, attitudes, and actions of white people“. 3
1 Malinowski 1937:vii
2 Vgl. Kramer 1987
3 Hartigan 1997:496
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Man muss sich des eigenen Weiß-Seins bewusst werden, um die eigenen Voruteile sowie die eingeschränkte Sichtweise zu erkennen. Zu dem Blick von innen sollte also immer auch ein Blick von außen gehören, die Perspektiven der Anderen müssen in die eigenen miteinbezogen werden, um ein realistisches Bild der untersuchten Gesellschaft (und rückschließend davon auch der eigenen) zu erhalten.
Nur einmal hat ein Außenseiter der deutschen Ethnologie es gewagt, ernsthaft ein Bild der modernen Zivilisation in den Augen des „Wilden“ nachzuzeichnen und sich damit über die damaligen Grenzen der Ethnologie hinaus gewagt. Diese Arbeit widmet sich daher dem ersten ernsthaften Perspektivenwechsel in der Ethnologie, welcher mit dem Werk „The savage hits back or the white man through native eyes“ von Julius E. Lips stattfand. Dieser beschäftigte sich mit dem Phänomen der Colon-Figuren und deren seiner Meinung nach satirischen Darstellung der Europäer. Im folgenden Punkt 2 wird zunächst der Begriff der Colon-Figuren erklärt, bevor sich Punkt 3 mit dem Werk in seinem Inhalt an sich beschäftigt. Die Rezension und Wirkungsgeschichte steht beim anschließenden Punkt 4 im Mittelpunkt, wobei zwischen frühen Rezensionen und einer, in gewisser Weise, Wiederentdeckung des Werkes unterschieden werden muss. Die Ergebnisse der Untersuchung werden abschließend in Punkt 5 dargestellt.
2 Über den Begriff der Colon-Figuren
Seitdem es den Europäer seit dem 15. Jahrhundert in die Welt zieht, um sie kennenzulernen, lernt auch zunehmend die Welt ihn kennen. So überrascht es nicht, dass Europäer auch in der bildenden Kunst vieler außereuropäischer Völker dargestellt wurden. 4 Die frühesten bekannten Darstellungen von Europäern finden sich bereits im 16. und 17. Jahrhundert in der höfischen Kunst Benins. Plastische Darstellungen dieser Art werden heute oft zusammenfassend als Colon-Figuren bezeichnet. Dabei handelt es sich jedoch um eine Bezeichnung, die streng genommen nur auf afrikanische Kunstwerke zutrifft, die während der Kolonialzeit entstanden sind. Charakteristisch für alle Darstellungen ist, dass der Weiße weniger an seiner Physiognomie oder an der Hautfarbe zu erkennen ist, als an seinen Attributen. Es sind die Dinge in seinem Besitz, die ihn ausmachen: Anzüge, Spazierstock, Flaschen, Stühle, Uhren, Fahrräder und Hüte, insbesondere der Tropenhelm. Den Soldaten macht weiterhin das Gewehr und die Uniform aus. Meist steht er in strammer Haltung da, die Hände an der Hosennaht. Es werden ferner immer bestimmte Personengruppen abgebildet, mit denen der Künstler in seiner Lebenswelt konfrontiert wurde. Charakteristisch ist auch, dass man eigentlich nichts über die Colon-Figuren weiß, weder wann sie hergestellt wurden, noch von wem, und erst recht nicht warum und wofür. In der Regel sind gerade
4 Vgl. Augustat 1995:92
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einmal die Herkunftsethnie und der Sammelzeitpunkt bekannt.“Wie sehr die Figuren aber auch auf historische Vorbilder zugehen mögen, fast immer sind sie durch Pose und Ausdrucksvermögen überlieferten Stereotypen und ihrer Ikonographie verpflichtet“. 5
Der Begriff „Colon“ selbst stammt aus dem Französischen. Ursprünglich wurden die französischen Siedler, welche sich in den afrikanischen Kolonien eine neue Existenz aufbauten, von den Daheimgebliebenen abschätzig „Colons“ genannt. Diese Bezeichnung wurde auf die Skulpturen übertragen, die ebenfalls lange Zeit von der Fachwelt als minderwertige, degenerierte Zeugnisse der afrikanischen Kunst angesehen wurden. An dieser Stelle sei jedoch angemerkt, dass man die afrikanische Kunst überhaupt erst Anfang des 20. Jahrhunderts als Kunst entdeckt hatte. 6 Prinzipiell galt afrikanische Kunst nach Augustat als durchweg religiös motiviert und zeugte in ihrer Formgebung für das europäische Auge von einer Ursprünglichkeit, die von den europäischen Künstler als verloren gegangen angesehen wurde. Die Darstellung von Europäern in dieser Kunst könne folglich nur als Zeichen für den Zerfall und die Degeneration der afrikanischen Gesellschaft durch den europäischen Einfluss gewertet werden. Die Colon-Figuren wurden damit als „nicht traditionell“ abgelehnt. Das Bild der afrikanischen Kunst, ebenso wie das Verständnis der Colon-Figuren an sich, ist somit nicht unabhängig von der europäischen Kultur gewachsen. Dies wird vor allem bei der wissenschaftlichen Rezeption der Figuren besonders deutlich. „Colon-Stücke sind [jedoch] keineswegs vereinzelte Kuriositäten, die aus vorübergehenden Launen vereinzelter Künstler entstanden sind, sie sind vielmehr integraler Bestandteil gewisser kultischer Handlungen und besitzen ihre eigenen Regeln bildhafter Metaphorik“. 7
Die erste wesentliche Attacke gegen solche Auffassungen sowie eine positive Neubewertung der Colon-Figuren markierte das 1937 erschienene Werk „The Savage Hits Back“ des deutschen Ethnologen Julius Lips, welches der Darstellung des Europäers in der außereuropäischen „primitiven Kunst“ gewidmet ist. Im Folgenden soll auf die Person des Autors und den Inhalt seines wohl bekanntesten Werkes näher eingegangen werden.
3 Das schwarze Bild vom weißen Mann
Nach der Auffassung von Julius Lips sind die Colon-Figuren als satirischer Gegenschlag der Unterdrückten zu verstehen. Lips lebte zum Zeitpunkt des Erscheinens im amerikanischen Exil und hatte Unterdrückung am eigenen Leib erfahren. Die Lips’sche These kann daher nur vor dem
5 Kramer 1983:207
6 Man hatte jedoch nicht die afrikanische Kunst entdeckt, sondern ein Bild, das man sich von der afrikanischen Kunst
machte.
7 Norris 1983:15
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zeitgeschichtlichen 8 und persönlichen Hintergrund betrachtet werden. Der Autor hat selbst im Vorwort, welches er als Rückblick im amerikanischen Exil geschrieben hat, die Entstehungsgeschichte des Buches mit seiner eigenen Biographie verknüpft. 9
3.1 Julius Lips - Leben und Entstehungsgeschichte des Werkes
Der deutsche Ethnologe und Soziologe Julius Ernst Lips wurde am 8.
September 1895 in Saarbrücken geboren. 10 Von 1914 bis 1916 dient er als Soldat im Ersten Weltkrieg. Anschließend studierte er Jura, Psychologie, Völkerpsychologie und Völkerkunde in Leipzig, wobei er sein Studium in Psychologie (1919) und Jura (1921) jeweils mit der Promotion abschloss. Ab 1928 war Lips Direktor des Rautenstrauch-Joest-Museum für Völkerkunde in Köln und ab 1930 bekleidete er eine außerordentliche Professur für Völkerkunde und Soziologie an der Universität Köln.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 erfuhr die Karriere von Lips vorläufig ein jähes Ende. Er weigerte sich, die Ethnologie in den Dienst der nationalsozialistischen Rassenlehre zu stellen und legte seine Professur nieder um nicht zum Mitläufer zu werden. 11 Im Vorwort zu „The savage hits back“ stellt er eine ausdrückliche Beziehung zwischen dem Verlust seiner Ämter sowie den folgenden Schikanen und Repressalien durch die Nazis auf der einen und dem Inhalt des Buches auf der anderen Seite her. Lips stellt als Grund für wiederholte Drohungen und Hausdurchsuchungen vor allem die Photograhpien der Skulpturen und Zeichnungen dar, die von den Nationalsozialisten unter anderem als „Nigger pictures, which were a crime against the race“ 12 dargestellt worden seien. Er wurde von den Behörden schließlich wegen „Verleumdung des Regimes“ angeklagt, woraufhin er Deutschland 1934 verlassen musste. Nur durch die Hilfe von Mittelsmännern sei es ihm gelungen, seine Abbildungen aus Deutschland herauszubringen und mit ins Exil zu nehmen. „These pictures that had before been the building stones for a new work now became the starting point and foundation of a new life”. 13 Es gibt jedoch Zweifel daran, ob die
8 „Deutschland hatte seine Kolonien bereits 1918 verloren. Nationale Bewegungen und die Gewährung einer
beschränkten Selbstverwaltung in den Kolonien kündigten das Ende der klassischen Form der Kolonialisierung an. Die
Kritik an den Formen des Kolonialismus nahm auch in den eigenen Reihen zu“ (Augustat 1995:94).
9 Vgl. Lips 1937:xix-xxxi
10 Für eine genaue Beschreibung siehe Krings 2001b:223.
11 Siehe hierzu Lips 1937:xxii. Die Darstellung des Autors, er habe seine Ämter aus freien Stücken niedergelegt
entspricht jedoch nicht ganz der historischen Wahrheit. Tatsächlich hatte er sich laut Krings im März 1933 zunächst
vom Museumsdienst befristet beurlauben lassen, vermutlich um Zeit zu gewinnen. Seine de facto im Oktober 1933
erfolgte Amtsenthebung als Museumsdirektor und der Entzug seiner Lehrbefugnis im Dezember erfolgten ebenfalls aus
politischen Gründen.
12 Lips 1937:xxix
13 Lips 1937:xxx
6
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Julia Leib, 2009, Eine Frage der Perspektive - Julius Lips und die Bedeutung der Colon-Figuren, München, GRIN Verlag GmbH
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