4. Die Textanalyse 35
4.1. Kriterien für die Auswahl der Texte 35
4.1.1. Deutsch-Russisch 36
4.1.2. Russisch-Deutsch 37
4.1.3 Die Frage der Vergleichbarkeit beider Texte 37
4.2. Die Vorgehensweise 37
4.3. Methodologische Einschränkungen 38
4.4. Die Auswertung von Analyseergebnissen 39
4.4.1. Agentivität und Transitivität 40
4.4.2. Menschliches vs. nicht menschliches Agens im unpersönlichen Passiv 40
4.4.3. Der Kontext 40
4.4.4. Der passiv-fördernde Kontext: Theorie 41
4.4.5. Der restriktive Kontext: Was kann die Passivierung verhindern? 42
4.4.6. Ereignisperspektivierung: Die Perspektive als Restriktion 43
4.5. Deutscher Text 46
4.5.1. Das reale Passiv im deutschen Original 46
4.5.2. Das potentielle Passiv im Roman Das Parfüm 48
4.5.2.1 Passivfähig im deutschen Originaltext 48
4.5.2.2 Passivfähig in der russischen Übersetzung 49
4.5.2.3 Passivunfähig im deutschen Originaltext 51
4.5.2.4 Passivunfähig in der russischen Übersetzung 53
4.6. Der russische Text 56
4.6.1. Das reale Passiv im Eisbrecher. 56
4.6.2. Passivfähig im russischen Originaltext 58
4.6.2.1. Passivfähig in der deutschen Übersetzung 60
4.6.2.2. Passivunfähig im russischen Originaltext (Ледокол) 62
4.6.2.3. Passivunfähig in der deutschen Übersetzung von Dem Eisbrecher 65
4.7. Die Gesamtauswertung der Analyseergebnisse 67
4.7.1. Die Übersetzung des realen Passivs im Originaltext in die jeweils andere Sprache 67
4.7.2. Das potentielle Passiv im Deutschen und im Russischen 69
4.7.2.1 Die passivfähigen Aktivsätze 69
4.7.2.2 Die passivunfähigen Aktivsätze 71
4.7.2.3. Fazit 74
5. Zusammenfassung 75
5.1. Resümee I (zum Anliegen der Arbeit) 75
5.2. Resümee II: Schlussbemerkungen 76
2
2
Bibliographie der Magisterarbeit ............................................................................................ 78
Internetbelege: ......................................................................................................................... 84
Anhang ..................................................................................................................................... 85
3
1. Einleitung
Das Thema der vorliegenden Abhandlung ist das deutsche Verbalgenus im kontrastiven Vergleich mit dem im Russischen. Diese grammatische Kategorie, die auch häufig als Diathese bezeichnet wird, umfasst in beiden Sprachen zwei Formen: Aktiv und Passiv (vgl. Duden 2009: 543 sowie Kirschbaum 2001: 61).
Das Deutsche gilt bekanntlich als eine Sprache, in der das markierte Genus - das Passivrelativ häufig vorkommt (vgl. Krušel’nickaja 2008: 169ff). Im Russischen wird das Passiv wesentlich seltener verwendet, was sich auch in der Übersetzung aus einer Sprache in die andere widerspiegelt - so lautet zumindest ein notorisches Klischee über das Verhältnis der Verbalgenera in beiden Sprachen (vgl. bspw. Mihajlova/Šendels 1969: 126). 1 Und wie auch viele andere Klischees, muss dieses nicht unbedingt wahr sein, es ist aber nicht umsonst ent-standen, sondern sollte zumindest teilweise stimmen. Genau diese Frage wird in der vorliegenden Arbeit behandelt.
An dieser Stelle möchte ich vom Thema kurz abschweifen, um die Grundidee dieser Arbeit klarzumachen, aus der die Arbeitshypothese gefolgert wird.
Seit der Zeit der griechischen Antike sind die Meinungen bekannt, die Sprache als wichtigstes Charakteristikum des Menschen betrachten (vgl. Trabant 2009: 7-10). In der modernen Wissenschaft gilt dies als generell anerkannt (vgl. Lyons 1983: 12). Sprache ist nicht nur ein Mittel der Kommunikation 2 , sondern sie stellt die Grundlage aller kognitiven Prozesse dar (vgl. Trabant 2009: 15):
1 Da diese kontrastiv konzipierte Abhandlung eine germanistische Arbeit ist, die in erster Linie an deutschsprachige Leser gerichtet ist, die nicht unbedingt der russischen Sprache mächtig sein sollen, werden die entsprechenden Passagen in den Fußnoten ins Deutsche übersetzt. Die Eigennamen und andere wichtige Bezeichnungen werden von mir nach ISO 9 transkribiert, in der Bibliografie werden zunächst die Originale und dann die transkribierte Formen angeführt.
2 Die Kommunikation hat die cognitive Entwicklung der Vor-Menschen zu den Menschenarten erst ermöglicht (vgl. Benke-Bursian 2009: 309 u. Mayr 2003: 309ff).
4
Wir fassen also uns und unsere (Um)welt in der und durch die Sprache, und geben die auf die sprachliche Art und Weise erfassten und verarbeiteten Informationen (kognitive Funktion) an andere Menschen weiter (kommunikative Funktion). 3
Damit die Informationen adäquat erfasst und dem Kommunikationspartner übermittelt werden können, d.h. damit die Sprache ihre Funktionen erfüllen kann, bedarf sie zwangsläufig eines entwickelten Apparates aus bestimmten Kategorien und Strukturen, die auf mehreren Ebenen - u. a. auf der lexikalischen (Wortschatz), formal-syntaktischen, semantischen, stilistischen - dem Zwecke der ‚Flexibilität‘ der Sprache dienen. Beispielsweise signalisiert die grammatische Kategorie Modus im Deutschen die Modalität der Aussage und dient somit dem Ausdruck der subjektiven Stellungnahme des Sprechenden zum Inhalt der Aussage (vgl. Eisenberg 2006: 114f). Das Vorhandensein der Modi stellt also dem Sprecher eine gewisse Vielfalt von (zusätzlichen) Möglichkeiten zur Verfügung, bestimmte Inhalte zu äußern, die er ohne diese Kategorie nicht hätte. Mit Sicherheit erfüllt auch das Diathesensystem in jeder Sprache, in dem ein solches vorhanden ist, bestimmte Funktionen, denn es kann in der Sprache nichts ‚einfach so‘ geben, alles dient (s)einem Zweck. 4 Welche Funktionen das Passiv hat, wird weiter unten besprochen, jetzt möchte ich zum Thema dieser Arbeit zurückkehren und die These aufstellen, die in der Arbeit untersucht und geprüft werden soll: Weil es gilt, dass das deutsche Passiv, also das markierte Verbalgenus, (textsortengebunden) häufiger verwendet wird als das Passiv im Russischen, ist das verbale Paradigma des Deutschen hinsichtlich der Diathese wesentlich variabler als das des Russischen. Oder anders formuliert: Die deutsche (Schrift-)Sprache bietet mehr Möglichkeiten, das Genus verbi zu wechseln, vom nicht markierten zum markierten (und umgekehrt), also einen Aktivsatz in einen Passivsatz umzuformen, als es im Russischen (der gleichen Textsorte) möglich wäre.
Dabei möchte ich ausdrücklich betonen, dass diese Annahme keine allgemeine Wertung der genannten Sprachen enthält: Ich will damit keinesfalls behaupten, dass das Russische (meine Muttersprache nebenbei bemerkt) schlechter ist als das Deutsche. Die Sprache von Puschkin und Tschechow ist meiner Meinung nach in funktionaler Hinsicht nicht weniger
3 Die Sapir-Whorf-Hypothese besagt sogar, dass die konkrete Einzelsprache die Denkweise der Teilnehmer einer Sprachgemeinschaft prädestiniert (vgl. Pelz 2005: 34-38 u. Gipper 1972: 7-18).
4 Diese Feststellung folgt u.a. aus der Auffassung der Sprache als Instrument (vgl. dazu Bühler 1999) und bezüglich der Diathese kann sie als bestätigt gelten.
5
wertvoll als die von Goethe und Brecht und lässt alle Sachverhalte genauso prägnant undwenn nötig - auch literarisch schön ausdrücken wie die deutsche, nur muss sich der Russe dafür wohl anderer sprachlicher Mittel bedienen als der Deutsche. Selbstverständlich gehört auch die theoretische Erklärung der Gründe für diese Tatsache (falls sie sich als solche erweisen sollte) zum Anliegen dieser Arbeit.
Das Anliegen der vorliegenden Arbeit lässt sich dementsprechend wie folgt formulieren: Anhand der kontrastiven Analyse zweier Texte mit den Übersetzungen in die jeweils andere Sprache (aus dem Deutschen ins Russische und aus dem Russischen ins Deutsche) sollen die Gesetzmäßigkeiten der Wahl des Verbalgenus bei der Übersetzung der passivischen und aktivischen Sätze in die Zielsprache (das ‚reale‘ Passiv) sowie die Möglichkeiten der Passivierung in beiden Sprachen (das ‚potentielle‘ Passiv) festgestellt werden. Dabei wird meine These entweder bestätigt oder widerlegt.
Zu diesem Zweck wird ein Korpus aus zwei belletristischen Texten zusammengestellt, zu denen brauchbare Übersetzungen vorliegen. Die Belletristik ist zwar bekanntlich nicht die Textsorte, die im Hinblick auf das markierte Verbalgenus als besonders produktiv erscheinen kann, dafür kann sie meiner Meinung nach die prototypischen Fälle des Passivgebrauchs in der Schriftsprache zeigen. Der Grundgedanke ist hier der folgende: Da die Belletristik sich nicht restlos der Distanzsprache zuordnen lässt und die Schriftsprache nicht nur aus konzeptuell schriftlichen Texten besteht (vgl. Koch/Oesterreicher 1985: 18 sowie 2007: 328), ist sie somit für die ganze Schriftsprache repräsentativer als die rein wissenschaftlichen oder Gesetzestexte, da das Passiv für die Schriftsprache bzw. für die konzeptuelle Schriftlichkeit typisch ist (vgl. Helbig/Buscha 2007: 147). Es wird dabei angenommen, dass in der russischen Schriftsprache die gleiche bzw. ähnliche Abhängigkeit der Passivverwendung von der Texts-orte besteht wie in der deutschen.
Die Arbeit wird zweigeteilt: Der erste Teil enthält die theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema Verbalgenus im Deutschen und im Russischen, er soll einen theoretischen Hin-tergrund für die empirische Analyse des Textkorpus bilden, auf die ich bei der Textanalyse zurückgreifen kann. Zu diesem Zweck wird zunächst ein Überblick über den aktuellen Stand der Passivforschung gegeben; dargestellt werden dabei die wichtigsten Passivtheorien, die in den neueren Grammatiken des Deutschen zu finden sind. 5 Da viele von ihnen nicht alle für unsere Fragestellung relevanten Aspekte gründlich genug behandeln, werden sie kombiniert dargelegt. Ähnlich wird bezüglich des russischen Passivs vorgegangen, nur mit dem Unterschied, dass es weniger ausführlich beschrieben wird.
5 Das Auswahlkriterium ist vor allem die Häufigkeit des Zitierens in den Arbeiten anderer Grammatiker.
6
Die grammatische Kategorie Passiv wird umfassend beschrieben, d.h. Passivtypen werden dargestellt. Dem Thema und der methodologischen Vorgehensweise dieser Arbeit entsprechend werden dabei vor allem die Fragen der Voraussetzungen und Restriktionen für die Passivbildung in beiden Sprachen sowie die des Gebrauchs im Fokus meines Interesses liegen. Auf die Beschreibung der Formenbildung des deutschen Passivs werde ich aus Platzgründen verzichten, denn diese Arbeit ist für sprachkundige Germanisten gedacht; und ich gehe davon aus, dass der Leser wenigsten im Allgemeinen weiß, was das Passiv ist und wie es gebildet wird.
Im praktischen Teil werden die Ergebnisse der Textanalyse ausgewertet. Die Belege aus dem Textkorpus werden im Anhang nummeriert und tabellarisch angezeigt. Die Texte sind der Roman des deutschen Schriftstellers Patrik Süskind Das Parfüm. Die Geschichte eines Mörders mit einer Übersetzung ins Russische und der Roman des russischsprachigen Exilau-tors Viktor Suworow Der Eisbrecher mit einer Übersetzung ins Deutsche. Das Verständnis dieser Arbeit setzt generell keine Russischkenntnisse voraus, alle Beispielsätze, Belege sowie direkte Zitate werden von mir ins Deutsche übersetzt. Da es sich beim sinngemäßen Zitieren häufig um größere Textabschnitte handelt, sehe ich mich gezwungen, solche Zitate genauso behandeln wie die Literatur auf Deutsch oder Englisch, d.h., ich werde auf sie einfach verweisen, ohne sie zu übersetzen, denn anderenfalls nähme jedes Zitat zu viel Platz in Anspruch: Es muss zunächst die ganze Passage aus dem russischen Original komplett angeführt und anschließend noch in der Fußnote übersetzt werden (so wie es z. B. Barański (2007) tut). Dem verehrten Leser bleibt dann die Wahl, sich entweder mit meiner Interpretation der angegebenen Stellen zu begnügen oder selbst um eine Übersetzung zu kümmern.
2. Das deutsche Passiv
2.1. Der aktuelle Stand der Passivforschung
Das Passiv gehört in der Germanistik wie in der allgemeinen Sprachwissenschaft zweifelsohne zu den interessanten und gut erforschten grammatischen Themen. Die elektronische Bibliographie zur deutschen Grammatik (BDG) des Instituts für deutsche Sprache gibt zum Suchbegriff Passiv mehrere hundert Ergebnisse an. 6 Dieses Phänomen wurde unter verschiedenen Aspekten (vgl. Zifonun et. al. 1997: 1789), bspw. von Klaus Welke (2002: 260-326) unter
6 Die elektronische Adresse der BDG lautet http://hypermedia.ids-mannheim.de/pls/public/bib.ansicht. Der Suchbegriff Passiv soll als Schlagwort ohne weitere Angaben eingegeben werden.
7
dem funktionalen - untersucht und auf verschiedene Art und Weise, je nach der Perspektive und dem Forschungsinteresse, definiert. Viele renommierte Grammatiker wie Eisenberg (2003) oder Welke (2002) haben im Rahmen der allgemeinen Grammatikbeschreibung resp. bei der gezielten Auseinandersetzung mit diesem Thema in Form einer Monographie eine eigene Passivtheorie entwickelt und somit die gängigen Vorstellungen über das Passiv infrage gestellt. Die meisten dieser Theorien weisen viele Gemeinsamkeiten mit den Passivdarstellungen anderer Autoren auf, evidente Unterschiede zwischen ihnen sind aber auch nicht selten, man denke in diesem Zusammenhang nur an Eroms (2000: 405ff), der nicht davor zurückschreckt, die bar-Adjektive aufgrund von semantischen Kriterien den passivischen Konstruktionen zuzurechnen.
Die Passivtheorien, die hier im Folgenden dargestellt werden, stammen von den bekannten und aus meiner Sicht bedeutendsten Grammatiken deutscher Sprache. Das sind etwa: der Duden. Die Grammatik (2009) und die IDS-Grammatik (Zifonun et. al. 1997) sowie die von Peter Eisenberg (2004), Hans-Werner Eroms (2000) und die Deutsche Grammatik für Ausländerunterricht von Helbig und Buscha (2007). Es sind also (i.d.R. relativ prägnante) Passivdarstellungen in den entsprechenden Kapiteln der großen Grammatikwerke. Diese Literatur findet hier Verwendung vor allem bei der allgemeinen Klassifizierung und für die Definition der Kategorie Genus verbi.
Eine andere Gruppe der Forschungsliteratur bilden Überblicksartikel und Monographien, die das Passiv thematisieren. Sie werden vor allem zu Rate gezogen, wenn auf eine bestimmte Frage - z. B. bekommen-Passiv oder Reflexivpassiv - genauer eingegangen werden soll; eine Ausnahme bildet der Artikel von Ágel (1996a), in dem er sich mit dem Passiv allgemein aus-einandersetzt (mit dem Akzent auf die Funktion und Passivbildung) und eine eigene Typologie vorschlägt, die als eine (knappe) Passivtheorie angesehen werden kann. Der theoretische Teil dieser Arbeit erhebt keinen Anspruch, das ganze aktuelle Passivwissen zu präsentieren; noch weniger will ich mich hier zu sehr ins Theoretische vertiefen und auf die Frage eingehen, was das Passiv ist. 7 Vielmehr interessieren mich zwei Aspekte, die ich in der Einleitung schon erwähnt habe: die Verwendung des Passivs und die Einschränkungen der Passivbildung. Aus der ganzen Fülle der einschlägigen Literatur wird nur einiges ausgewählt, was für den Untersuchungsgegenstand relevant ist. Das einzige Auswahlkriterium ist die Anwendbarkeit der Passiv-Theorie bei der Textanalyse.
7 Dieser Frage wird zwar nachgegangen, aber nur insoweit dies für die notwendige Passivbeschreibung erforderlich ist.
8
2.2. Die Qual der Wahl: Definition(en) des Passivs und Kriterien für die Auswahl der brauchbaren Passivtheorien
Das Anliegen dieser Arbeit - die kontrastive Textanalyse - bedarf einer klaren Definition des zu untersuchenden Phänomens. Diese Definition muss unbedingt zwei Kriterien erfüllen: Sie soll einerseits die Kategorie komplett erfassen, andererseits muss sie sie von allen anderen Formen, auch von den ähnlichen, klar abgrenzen. Hier möchte ich Helbig und Buscha (2007: 168), die sich zu diesem Problem äußern, zu Wort kommen lassen:
Aus meiner Sicht lassen sich die genaue Begriffsbestimmung sowie die klare Abgrenzung von anderen Formen am besten durch eine Definition aufgrund von „morphologischen Kriterien“ (Helbig/Buscha 2007: 168) durchführen, die sich folgendermaßen beschreiben lassen: Passiv setzt sich immer „aus einem auxialisierten Nicht-Vollverb + Partizip II [des Vollverbs - W.I.] (das gilt nur für die Passivkonstruktionen, nicht für die Passiv-Paraphrasen)“ zusammen (vgl. ebd.). Nur eine solche Passivbestimmung kann uns eine eindeutige Antwort auf die Frage geben, was zum Passiv gehört und was nicht.
Die zu starke Berücksichtigung der semantischen Qualitäten der betroffenen Verben kann dagegen zu terminologischen und methodologischen Problemen führen und Fragen aufwerfen, auf die im Rahmen dieser Abhandlung nicht eingegangen werden kann. Autoren, deren Passivbegriff unter Berücksichtigung semantischer Tiefenstrukturen zu viele Elemente umfasst, 8 wie die von Eroms (2000) oder Barański (2007), werden also hinsichtlich ihrer Definition aus der Betrachtung (teilweise) ausgeschlossen.
All die Theorien, die hier zu Rate gezogen werden, passen in dieser Hinsicht zur Zielsetzung dieser Arbeit: Sie alle fassen Passiv als ein verbales Gefüge aus einem Auxiliarverb und dem Partizip II eines Vollverbs auf (vgl. u.a. Zifonun et. al. 1997: 1790 o. Duden 2009: 543). 9 Alle Konstruktionen mit anderen Bildungsmustern werden in ihnen als passiv-analoge und
8 Zum Beispiel werden die Konstruktionen mit stark ausgeprägten modalen Komponenten wie sich lassen + Infinitiv- oder sein + zu + Infinitiv-Konstruktionen dem Passiv zugesprochen (vgl. z. B. Eroms 2000: 404-414).
9 Damit wird aber selbstverständlich keineswegs behauptet, dass alle Auxiliar + Partizip II-Konstruktionen Passive sind.
9
passiv-äquivalente Konkurrenzformen betrachtet (vgl. u.a. Duden 2009: 549f u. 1117 sowie Helbig/Buscha 2007: 163-168); 10 diese Auffassung wird in dieser Arbeit übernommen. Gemeinsam ist den angeführten Theorien noch ein Merkmal: Sie alle spiegeln im Allgemeinen die ‚klassischen‘ Vorstellungen über das Passiv wider, u.a. die Einteilung des Passivs - auch wenn sie sich anderer Termini bedienen - in das Vorgangspassiv (werden-Passiv), das Zustandspassiv (sein-Passiv) und sehr häufig auch das Rezipientenpassiv (bekommen-Passiv). 11 Die anderen, ‚exotischen‘ (und für mich nicht besonders überzeugenden) Meinungen, wie etwa die von Oliver Teuber (2005: 197-200), der die passivischen sein + Partizip II-Konstruktionen wegen ihrer „Nachzeit“ (ebd.: 198) aus dem Passivsystem ausschließen will, werden hier - aus nachvollziehbaren Gründen - außer Betracht gelassen. Da aber keine der verfügbaren Theorien alle Aspekte erfasst, werden mehrere Theorien gebraucht, um alles Passivierbare flächendeckend beschreiben zu können. Diese Ausführungen werden mit den Meinungen anderer Grammatiker punktuell ergänzt bzw. sie werdenwenn nötig - mit anderen Theorien kombiniert.
2.3. Das Verbalgenus im Deutschen
2.3.1. Definition
Wie oben in 2.1.2 bereits erwähnt, verstehen wir unter Passiv eine analytisch gebildete Verbkonstruktion aus einem konjugierten Passivauxiliar (das sind in erster Linie die Verben werden und sein sowie die Verben der bekommen-Gruppe) und dem Partizip II des Vollverbs. Dies ist der sogenannte engere Passivbegriff (vgl. Duden 2009: 543). In einem weiteren Sinne gehören dazu auch alle Konstruktionen mit passivischen Bedeutung wie etwa rezessive Reflexiva, Kausativkomplexe, alle Adjektive mit dem Suffix -bar u.a.m. (vgl. ebd. u. Eroms 2000: 406f). Diese Konstruktionen werden von meisten Grammatikern als passiväquivalente Konstruktionen (Passiv-Paraphrasen) aufgefasst (vgl. u.a. Duden 2009: 549f).
2.3.2. Funktionen des Passivs
Es besteht in der Grammatikforschung ein weitgehender Konsens darüber, dass die beiden Formen - der ‚Normalfall‘ Aktiv und das markierte Passiv - lexikalisch weitgehend identisch sind (Eroms 2000: 384). Der Passivsatz wird dabei als aus dem jeweiligen Aktivsatz abgeleitet angesehen (vgl. ebd.). Sie sind aber in ihrem Gebrauch keineswegs gleichwertig: Statis-
10 Helbig/Buscha (2007: 167f) rechnen auch das bekommen-Passiv zu den Passiv-Paraphrasen. Sie erwähnen allerdings, dass es „heute vielfach schon als eigenständige Passivkonstruktion […] angesehen wird“ (vgl. ebd.).
11 Die einzige Ausnahme unter den oben genannten Autoren ist die Diathesenauffassung von Helbig/Buscha (2007: 143-168), die die bekommen-Konstruktionen als zu den Passiv-Periphrasen gehörig betrachten (vgl. ebd.: 167f).
10
tisch gesehen kommen über 90% der Sätze im Aktiv und folglich weniger als 10% im Passiv vor (vgl. Ágel 1996a: 76). Dies wirft die Frage auf, warum es im Deutschen eine Form gibt, die relativ selten gebraucht wird und auf die in vielen anderen Sprachen verzichtet werden kann. Dabei ist diese Form „formal komplexer […] als die unmarkierte Entsprechung“ (Leiss 1992: 74), d.h., sie ist kognitiv aufwendiger, 12 ohne dass sie inhaltlich etwas Neues mitbringt (vgl. ebd.). Das ist eine grundlegende Frage, die Antwort auf sie bildet den Ausgangspunkt für das Verständnis dieses Phänomens. In den neueren Grammatiken werden mehrere Funktionen des Passivs genannt:
Funktion 1: Wie Eroms (2000: 384) feststellt, ist das Kennzeichen vom Passiv, dass es „eine Ausdrucksweise darstellt, mit der nicht eine aktive Tätigkeit, sondern ein Geschehen fokussiert wird“ Nach Ágel (1996a: 77f) ist dies auch die „semantische Primärfunktion“ (ebd.: 77) aller Passivstrukturen in allen Sprachen: „Aktiv ist das Verbalgenus für die Handlungsperspektive, Passiv das Verbalgenus für die Geschehensperspektive.“ (Ebd.: 78) Diese Auffassung wird m.E. von den meisten von mir gelesenen Grammatikern geteilt. Helbig und Buscha (2007: 146) schreiben: Aktiv und Passiv „bezeichnen […] in der Regel den gleichen Sachverhalt in der objektiven Realität, unterscheiden sich aber durch eine verschiedene Perspektivierung dieses Sachverhalts, durch eine verschiedene Blickrichtung auf das gleiche Geschehen“ [Hervorhebungen im Original].
Bleibt das Agens im Satz in Form einer Präpositionalphrase erhalten, so geht seine ‚Degradierung‘ vom Satzsubjekt zu einer fakultativen Präpositionalangabe des Passivsatzes immer mit der Verschiebung der Aktionalität einher (vgl. Duden 2009: 544). „Das Aktiv lässt das Geschehen als agensorientiert (oder agenszugewandt), das Passiv als nicht-agensorientiert (oder agensabgewandt) erscheinen.“ (Helbig/Buscha 2007: 146) Die Abwendung von Agenssubjekt ist eine Voraussetzung für den genannten Perspektivenwechsel und das wichtigste Merkmal eines Passivsatzes (vgl. Ágel 1996a: 79). Die Frage, die zu dem Prädikat eines Passivsatzes gestellt werden kann, heißt immer: Was geschieht/geschah mit X? Die Frage Was tut X? ist unmöglich (vgl. ebd.).
Genau das ist der Grund, warum das Passiv häufig in wissenschaftlichen und Gesetzestexten gebraucht wird, in denen die Veränderungen der objektiven außersprachlichen Wirklichkeit auch ‚objektiv‘ (als Geschehen) dargestellt werden sollten und das Agens als unwichtig oder sogar störend empfunden wird (vgl. Schoenthal 1986: 116 sowie Helbig/Buscha 2007: 147). Bei der agenszugewandten Handlungsperspektive ist eine solche Objektivität wohl nicht
12 Dass das Passiv mit mehr kognitivem Aufwand verbunden ist, bezeugen auch die Daten aus der Kinderspracherwerb- und der Aphasieforschung (vgl. Leiss 1992: 74).
11
zu erreichen, da in einem Aktivsatz „das Zentrum des Ereignisses“ (Pittner/Berman 2008: 70) immer bei Agens liegt (vgl. ebd.: 69f).
Funktion 2: Der weit verbreiteten Vorstellung, dass es bei der Verwendung des Passivs vor allem um die Agenstilgung geht, tragen u.a. Helbig und Buscha (2007: 146) Rechnung, indem sie sie als „kommunikative Perspektivierung“ (ebd.) fungieren lassen: Will (oder kann) der Sprecher das Agens nicht nennen, so macht er vom Passiv Gebrauch 13 (vgl. ebd., sowie Flämig 1991: 417, Eisenberg 2006: 135 u. Duden 2009: 1117). Ein dem Völkermord an den Armeniern gewidmeter Wikipedia-Artikel (Internetbeleg 1) liefert uns dafür ein charakteristisches Beispiel: 14
Der zitierte Passivsatz klingt für mich viel neutraler als ein Aktivsatz mit dem gleichen Inhalt, in dem die angeblichen Mörder (hier: der türkische Staat) zwangsläufig direkt genannt werden müssten und der deswegen eindeutig einen expliziten Anschuldigungscharakter hätte. Ein man-Satz wäre hier einfach unangemessen, würde vielleicht sogar zynisch und lächerlich erscheinen (wer war dieser ‚man‘, der da alle ermordet hat?). Der Passivsatz klingt dagegen natürlich(er) als eine sachliche Darstellung des genannten Ereignisses (als Gesche-hen/Vorgang), und genau deswegen ermöglicht das Passiv in diesem Fall die explizite Anonymität des Täters.
Wichtig ist dabei, dass das agenshaltige Präpositionalobjekt mit von oder durch soll ausgelassen wird, anderenfalls wird das Agens fokussiert und als besonders wichtiger Moment in der Satzaussage empfunden 15 (vgl. Helbig/Buscha 2007: 146; vgl. auch Duden 2009: 1117, Eisenberg 2006: 136, Eroms 2000: 423 sowie Zifonun et. al. 1837-1840). Funktion 3: Eroms (2000: 386) nennt „eine andere Konstellation der nominalen Satzglieder, als sie der Aktivsatz vorgibt“ die Grundfunktion des Passivs. Hiermit schließt er sich (wie auch andere vor ihm, wie etwa Flämig (1991: 427)) der Theorie von Schoenthal an (1976: 108f), die „das Bedürfnis eines Sprechers nach Variation“ (ebd.: 109) als eine der Funktionen
13 Die aktivische Alternative zu dem Passiv wäre dann eine Konstruktion mit dem Indefinitpronomen man (vgl. Zifonun et. al. 1838).
14 Den Beleg habe ich ausgewählt, weil die im Zitat geschilderten Ereignisse noch nicht offiziell als ein Genozid anerkannt worden sind und deswegen von den Interessenten auf den beiden Seiten sehr unterschiedlich interpretiert werden, was sich notwendigerweise in der Verwendung der entsprechenden grammatischen Strukturen manifestiert.
15 Ágel (1996a: 79) sieht es allerdings anders: Die in der Präpositionalphrase codierten Informationen über das Agens seien nur „Hintergrundinformation zum Geschehen“ [Hervorhebung im Original].
12
auffasst. Der Zweck des Passivgebrauchs ist in diesem Fall, das Auftreten des Agens in der Subjektposition zu verhindern: Da diese Kombination von der semantischen Rolle, syntaktischen Funktion und der Position im Satz - das Agens als Subjekt im Vorfeld des Satzes - im Deutschen die unmarkierte ist, würde es bei den längeren Passagen mit vielen höherwertigen Verben extrem monoton wirken. Passiv lässt hier dagegen eine alternative Bildweise zu (vgl. Eroms 2000: 386 sowie Flämig 1991: 427).
Funktion 4 findet sich laut Eisenberg (2006: 135f) auf der textuell-pragmatischen Ebene. Ein (adäquater) Text muss inhaltlich und formal kohärent sein. Dies kann nur durch Bezüge zwischen Sätzen erreicht werden (vgl. ebd.). Die meisten dieser Bezüge sind anaphorisch: Das schon Genannte (Thema) wird im nächsten Satz wieder aufgenommen und bekommt neue Informationen hinzugefügt (Rhema) (vgl. ebd.). Das Rhema des Vorgängersatzes wird normalerweise zum Thema des Folgesatzes (vgl. ebd. sowie Duden 2009: 1128). Auf diese Weise erfolgt die thematische Progression im Text: T 1 - R 1 (= T 2 ) - R 2 (vgl. ebd.). 16 Weisen die Sätze im Text eine unangemessene Thema-Rhema-Struktur auf, so wird der Text unverständlich, wie im Beispielsatz von Eisenberg (2006: 135): Der Präsident schlägt den Kanzler vor. Benannt werden die Minister vom Kanzler.
Im Deutschen ist das Thema meisten im Satzsubjekt codiert, das im unmarkierten Fall am Satzanfang steht [und das Rhema dementsprechend in allen anderen Aktanten - W. I.] (vgl. ebd.). „Der Passivsatz erlaubt es […], dieselbe semantische Rolle zu thematisieren wie der Aktivsatz mit vorangestelltem Objekt.“ (Ebd.) Dabei kann das Agens als von-Phrase allein oder gemeinsam mit dem Prädikat rhematisiert werden - diese Möglichkeit bietet sich nur im Passiv (vgl. ebd.).
Es stellt sich an dieser Stelle eine Frage, auf die Eisenberg (2006: 135) in seinen Ausführungen nicht explizit eingeht: Warum sollte denn ein Schreiber diese Möglichkeiten brauchen oder, anders formuliert, zu welchem Zweck kann er sie gebrauchen? Man kann doch grundsätzlich ohne sie auskommen. Die Antwort darauf gibt aus meiner Sicht die von Eroms genannte Funktion (Nr. 3): Damit ein längerer Text nicht zu monoton gebaut werden kann. Der Textverfasser wählt normalerweise „diejenige Variante, die die angeknüpfte Information am natürlichsten in den Textfluss integriert“ (Duden 2009: 1117). Das Vorhandensein des Passivs bietet ihm also mehr Möglichkeiten, zwischen denen er die jeweils optimale wählen kann. Die Funktionen 3 und 4 korrelieren also auf der textuellen Ebene aufs Engste.
16 Das beschriebene Schema heißt „einfache Progression“ [Hervorhebung im Original] (vgl. Duden 2009: 1128).
13
Wie aus den obigen Ausführungen ersichtlich ist, erfüllt das (deutsche) Passiv mehrere Funktionen auf den semantischen und pragmatischen Ebenen. Als seine primäre Funktion betrachten wir hier die von Ágel (1996a: 78f) aufgestellte semantische Funktion (Nr. 1): Passiv stellt die außersprachlichen Sachverhalte (Aktivitäten) als Geschehen/Vorgang dar. Diese Feststellung betrifft im gleichen Maße alle Typen von Passiv (vgl. ebd.: 78f u. 81). 17 Und wie wir weiter sehen werden, stellt diese Funktion die ‚produktivste‘ Einschränkung für die Passivierung von Aktivsätzen und generell für den Passivgebrauch dar.
2.3.3. Typen von Passiv nach Ágel (1996a)
2.3.3.1. Die methodologische Grundlage für die Typologie Aus der genannten Funktion 1 zieht Ágel (1996a: 79f) folgende Schlüsse: 1. Das Subjekt im Aktivsatz hat kein Pendant in einem Passivsatz. In den meisten Fällen enthält der Passivsatz keine von- oder durch-Präpositionalphrase, die das Agens codiert; die semantische Rolle Agens bleibt also in einem Passivsatz zumeist unbenannt. 2. Für die Darstellung eines Geschehens ist nicht immer ein Subjekt notwendig; subjekthaltige Passivsätze sind die ‚Normalfälle‘ für diese Kategorie, subjektlose die markierten. 3. Das primäre Merkmal des Passivs ist „die Abwendung vom Agenssubjekt“ (ebd.). Diese Agensdezentrierung ist für die Darstellung der sich verändernden Wirklichkeit aus der Geschehensperspektive notwendig. Die Zentrierung des nichtagentiven Passivsubjekts ist hingegen nur ein sekundäres Charakteristikum dieser Kategorie; für die Passivbildung ist sie nicht obligatorisch, aber typisch. 18
4. Die Transitivität des Verbs ist auch keine Voraussetzung für die Passivbildung.
2.3.3.2. Die Passivtypen
Die Typologie wird aus dem Hauptmerkmal des Passivs - der Agensdezentrierung - abgeleitet. Die Grundlage für die Einteilung dieser Kategorie in Unterkategorien (Passivtypen) bilden die semantischen Rollen im Satz, „die nicht Agens sind und die im Passiv zentriert (=als Bezugspunkt des Geschehens gewählt) werden können“ (ebd.: 80). Diese Rollen sind bekannt: Das sind zum einen das Patiens, das in deutschen Aktivsätzen immer als Akkusativobjekt zum Ausdruck kommt, und der Rezipient - im deutschen Aktivsatz immer als Dativobjekt codiert.
17 Gemeint werden die Vorgangspassive (vgl. Ágel 1996a: 81).
18 Es gibt z. B. subjektlose Passivsätze (vgl. Ágel 1996a: 80f).
14
Beide Rollen können zentriert werden. Es kommen aber auch Passivsätze ohne formales Subjekt vor; daraus ergeben sich folgende Passivtypen (ebd.: 81): 19
Die drei aufgelisteten Passivtypen repräsentieren das Geschehen in seinem Verlauf, das sind Vorgangspassive. Alle drei haben zustandspassivische Pendants, die das Ergebnis/Resultat des durch die vorgangspassivischen Sätze ausgedrückten Geschehens präsenteren (vgl. ebd.). „Die Hilfsverben der zustandspassivischen Nebentypen sind sein (subjektloses Passiv), sein (Patienspassiv) und haben (Rezipientenpassiv)[…]“. (Ebd.) Als Nebentypen werden sie bezeichnet, weil sie, wie schon erwähnt wurde, alle Ableitungen der entsprechenden Vorgangspassive mit werden oder bekommen darstellen (vgl. ebd.):
(Genauer wird auf die Zustandspassive weiter unten bei der Einzelbetrachtung jedes Passivtyps eingegangen.)
2.3.4. Zusätzliche Passivtypen
I. Zu den sechs genannten Passivtypen - je drei vorgangspassivischen und drei zustandspassivischen - fügt Ágel (1996a: 82) noch zwei modale Sonderformen hinzu: subjektloses (unpersönliches) gehören-Passiv und gehören-Patienspassiv. Die beiden Passive sind Vorgangspas-
19 Die unten aufgeführten Passivtypen betrachtet Ágel (1996a: 81) als Haupttypen, von denen jeder eine Unterka-tegorie hat. Dazu s. S. unten in diesem Kapitel.
20 Dieser Passivtyp wird auch bekommen-Passiv genannt (vgl. u.a. Duden 2009: 550).
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sive, sie enthalten zusätzliche modale Komponenten, weswegen sie auch als Modalpassiv aufgefasst und bezeichnet werden. Beispiele solcher Konstruktionen sind Hier gehört gründlich ausgemistet. für subjektloses gehören-Passiv und Wer über dreißig ist, gehört aufgehängt. für gehören-Patienspassiv.
II. Eine umstrittene Kategorie stellen die bleiben + Part. II-Konstruktionen dar. Grammatiker, die sie als einen zusätzlichen Passivtyp betrachten, ordnen sie sie den nicht-modalen Passivkonstruktionen zu 21 , die eine gewisse Erweiterung des sein-Passivs auf regelmäßiger Bildungsbasis darstellen: Die Tür ist geöffnet. => Die Tür bleibt geöffnet. (vgl. dazu Eroms 2000: 404f u. Helbig/Buscha 2007: 163, Hentschel/Weydt 1995: 169 sowie Leirbukt 2006: 217f). Im Unterschied zu sein-Passiv weist das bleiben-Passiv zusätzlich das Merkmal der Kontinuativität (Nichtänderung des beschriebenen Zustands) auf, das bleiben mitbringt; dabei muss der beschriebene Zustand reversibel sein, wie es im Satz Das Fenster bleibt geschlossen. der Fall ist, anderenfalls ist die Konstruktion ungrammatisch: Der Kuchen bleibt aufgegessen. (vgl. Helbig/Buscha 2007: 163).
Da dieser Konstruktionstyp ausgeprägt passivische Semantik aufweist und den oben aufgestellten formalen Kriterien (Auxiliar + Partizip II) entspricht, kann sie als zusätzlicher Passivtyp gewertet werden (vgl. dazu Eroms 2000: 404f).
2.3.5. Die Einzelbetrachtung der Passivtypen und das Problem der Passivierbarkeit Wie es auch schon aus dem Format dieses Artikels, aus dem wir die Typologie übernommen haben - der Autor selbst spricht von einem „einen knappen Überblicksartikel“ (ebd.) -, folgt, kann er unmöglich alle Aspekte und Elemente eines so umfangreichen Phänomens wie Diathese alias Verbalgenus des Deutschen eingehend genug erfassen und beschreiben, sodass diese Beschreibung als theoretische Grundlage für die bevorstehende Analyse anwendbar sein kann. Eine solche Darstellung kann uns nur eine Gliederung des Themas bieten. Des Weiteren wird auf jeden Passivtyp einzeln eingegangen, dabei wird die dargestellte Typologie durch andere mit der Ágel’schen Typologie ‚kompatible‘ Meinungen ergänzt.
Bevor wir uns den Einzeltypen des Passivs widmen, ist die Frage der Passivbildung zu klären.
21 Laut Leirbukt (2006: 218) beinhalten bleiben-Konstruktionen doch („kontinuativ gefasste“ (ebd.)) modale Komponente der Notwendigkeit bzw. Möglichkeit.
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2.3.5.1. Passivbildung und Passivierbarkeit
Es steht fest, dass die Transitivität des Verbs grundsätzlich nicht obligatorisch für die Passivierbarkeit ist (vgl. Ágel 1996a: 79f). Was sind dann die Voraussetzungen für sie? Ágel führt dazu Folgendes aus: Da Passivsätze immer Geschehenssätze sind, entsprechen ihnen die aktivischen Handlungssätze, was zur Folge hat, dass „Passivsätze nur dann gebildet werden können, wenn die ihnen entsprechenden Aktivsätze Handlungssätze (=agens-zentrale Sätze) wären“ [Hervorhebung im Original] (vgl. ebd.). Die wichtigste Voraussetzung für die Passivfähigkeit ist also ein aus einem Handlungsverb bestehendes Prädikat und das Agenssubjekt im entsprechenden Aktivsatz. 22 Das hat zu Folge, dass die Verben mit nichtagentiven Subjekten, die Geschehensverben und Zustandsverben, i.a.R. nicht passivfähig sind (vgl. ebd). Diese Feststellung wird in dieser Arbeit als ein allgemeingültiger Grundsatz angenommen. Bei der Auseinandersetzung mit den Einzeltypen des Passivs wird auf diese Frage zusätzlich einzeln eingegangen.
2.3.5.2. Unpersönliches (subjektloses) Passiv
Wie Ágel (1996a: 80f) ausführt, können auch Sätze, die keine semantische Rolle (weder Patiens noch Rezipient) in der Subjektfunktion zu codieren haben, subjektlose Passivformen bilden. Da bei diesem Passivtyp keine Rolle zentriert wird, steht das Verb selbst bzw. das durch es ausgedrückte Geschehen im Mittelpunkt der Aussage (vgl. Hentschel/Weydt 2003: 130f). Es ist auch offensichtlich, dass diese Konstruktionen nur auf der syntaktischen Oberfläche kein Subjekt aufweisen, ein tiefenstrukturelles (semantisches) Subjekt ist jedoch immer implizit vorhanden, weil es in der zugrunde liegenden aktivischen Struktur vorhanden ist (vgl. Eroms 2000: 424). Wichtig ist dabei auch, dass in solchen Konstruktionen nur ein menschliches Agens als logisches Subjekt ‚mitgedacht‘ werden kann (Hundt 2002: 127ff sowie Vogel 2006: 50). Dies wird deutlich, wenn man das logische Subjekt als Präpositionalphrase wiedereinführt (vgl. ebd.): Von den Mädchen wird getanzt. vs. ? Von den Bienen wird getanzt. Subjektlose Formen kommen viel seltener vor und werden deswegen von einigen Grammatikern als markiert angesehen (vgl. u.a. Zifonun et. al. 1997: 1794, Eroms 2000: 427 sowie Duden 2009: 544). Transitive Verben lassen beide Passivbildungen zu: mit einem Subjekt und ohne es (vgl. Hentschel/Weydt 2006: 130 u. Eroms 2000: 429). Helbig und Buscha (2007: 145) bezeichnen unpersönliche Konstruktionen außerdem als eingliedrig, da sie nur aus einem Glied - „der Passivform des Verbs“ (ebd.) - bestehen. Die
22 Diese Voraussetzung für die Passivfähigkeit gilt nicht nur fürs Deutsche, sondern auch für alle Akkusativsprachen (Kozmová 2001: 102).
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leere Subjektstelle am Satzanfang wird durch expletives es gefüllt 23 , das als formales syntaktisches Subjekt auftritt (vgl. u. a. Brinker 1971: 36 u. Helbig/Buscha 2007: 145). Steht am Anfang des Satzes ein anderes Satzglied als Subjekt (bspw. wegen dem Satzakzent), so bleibt die Subjektstelle unbesetzt (vgl. ebd. u. Hentschel/Weydt 2003: 130 u. Schoenthal 1976: 120f). Auch können bestimmte Tempora für die Passivbildung restriktiv wirken: „Die zusätzliche Markierung von analytischen Tempora (Perfekt, Plqupf., Futur I, Futur II) übersteigt offen-kundig (bislang noch) die Kodierungs- und Dekodierungskapazitäten der Sprecher.“ (Hundt 2002: 144)
Genauso wie das subjekthaltige Passiv kann das subjektlose das jeweilige Geschehen vorgangs- und zustandsbezogen darstellen (vgl. Ágel 1996a: 81 sowie Eroms 2000: 427-431). Die unpersönlichen Passivkonstruktionen mit sein-Auxiliar sind allerdings extrem selten. Nur die ‚makellosen‘ werden-Konstruktionen, die Subjekte von höchster agentiver Qualität haben, können Zustandspassive haben: Dort ist bereits gebaut. vs. *Jetzt ist geschlafen (vgl. Eroms 2000: 430).
2.3.5.3. Reflexivpassiv
In der grammatischen Forschung besteht über diese Kategorie kein Konsens: Viele Grammatiker lehnen sie als ungrammatisch ab bzw. sie wird als eine marginale Erscheinung innerhalb des ‚normalen‘ unpersönlichen Passivs betrachtet, eine kleinere Gruppe der Konstruktionen von fragwürdiger Akzeptabilität und sehr begrenzten Verwendungsmöglichkeiten (Alltagssprache), die wegen ihrer angeblichen Irrelevanz ignoriert werden (sollten) (vgl. dazu Ágel 1997: 147ff u. Hundt 2002: 130f). In seiner Studie über das genannte Phänomen versucht Hundt (2002: 132) diese Haltung zu widerlegen (allerdings sehr überzeugend):
Die Studien zeigten, dass viele Sprachnutzer solche Sätze als absolut normal einschätzen (vgl. ebd.: 130).
Für unser Anliegen ist diese Konstruktion vor allem deswegen wichtig, weil reflexive Verben in allen Textsorten in großer Anzahl und mit großer Wahrscheinlichkeit in den zu untersuchenden Texten massenhaft auftauchen werden. Gleichzeitig fällt es schwer, über die Passivierbarkeit solcher Sätze zu urteilen.
23 Eroms (2000: 424) nennt es dummy.
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Nach Hundt (2002: 146) unterliegt die Bildung von Reflexivpassiv zwei semantischen Restriktionen: Erstens sind nur die Verben mit (in Hundt’scher Terminologie) „anaphorischem oder mit lexikalischem Reflexivpronomen“ passivfähig, Verben mit medialem Reflexivpronomen bleibt das Passiv verwehrt, denn (ähnlich wie Mittelverben und Witterungsverben) weisen sie an sich schon im Aktiv passivische Semantik auf. 24 Das zweite Kriterium ist obligatorisch für alle subjektlosen Passivkonstruktionen (vgl. auch oben Kap. 2.1.6.2): Es muss unbedingt ein menschliches Agens implizit vorstellbar sein; kann diese Voraussetzung nicht erfüllt werden, so ist die Passivierung unmöglich (vgl. ebd.: 146f u. 159). Dabei ist das zweite Kriterium viel wichtiger als das erste und im Gegensatz zur Bestimmung der Zugehörigkeit des Verbs einer der genannten Gruppen ist die Zulässigkeit eines menschlichen Agens eindeutig feststellbar (vgl. ebd: 147). Demzufolge werde ich in meiner Analyse vor allem am zweiten Kriterium orientieren. 25
2.3.5.4. Das persönliche (subjekthaltige) Passiv
2.3.5.4.1. Das Akkusativpassiv
Das Akkusativpassiv entsteht bei der Passivierung von transitiven Verben, d.h. den Verben, die im Aktivsatz eine Akkusativergänzung, die Patiens ist und nach der Transformation zum formalen Satzsubjekt wird, erfordern (vgl. Duden 2009: 545). Alle anderen Ergänzungen bleiben unverändert (vgl. ebd.). Die zentrale Kategorie ist dabei das vorgangsbezogene werden-Passiv, die sein-passivischen Formen sind weniger wichtig (vgl. ebd.).
2.3.5.4.1.1. Bildungsmuster und Einschränkungen
Dieser Passivtyp ist von allen Verben bildbar, deren Subjekt Agens ist (also von Handlungsverben); anderenfalls ist die Passivierung unmöglich (vgl. Eroms 2000: 400). Helbig und Buscha (1997: 148) führen zu der Passivfähigkeit der Sätze mit agentiven Subjekten resp. der Passivunfähigkeit der Sätze mit nichtagentiven Subjekten folgende Beispiele an: Die Mutter schneidet das Brot. (Agenssubjekt) => Das Brot wird von der Mutter geschnitten. vs. Das Messer schneidet das Brot. (nichtagentives Subjekt) => *Das Brot wird vom Messer geschnitten.
24 Dazu gehören die Mittelkonstruktionen wie Das Buch liest sich leicht. sowie mediale Verben wie in De Draht biegt sich. (vgl. Hundt 2002: 146). Ágel (1997: 182f) bezeichnet sie jeweils als patientive Mittelkonstruktionen und patientive Mittelverben.
25 Ágel (1997: 166) nennt auch den intransitiven Satzbau die Voraussetzung für die Passivierung einer reflexiven (medialen) Konstruktion, deswegen seien die man-Sätze mit reflexiven (oder medialen?) Verben, bei denen die Transitivität am niedrigsten ist (weil anonym), am besten passivierbar.
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Ist das Patiens ein Körperteil (nomen anatomicus), so ist die Passivbildung unmöglich, da die Einwirkung auf den eigenen Körperteil nicht als Handlung empfunden wird (vgl. Eroms 2000: 400 u. Ágel 1996a: 85): Peter hob den Arm. => *Der Arm wurde gehoben. Die Verben mit den sogenannten ‚inneren Objekten‘ lassen das Passiv zu (Eroms 2000: 400): Ein tiefer Schlaf wurde hier geschlafen.
Steht das Verb in Verbindung mit verbalen Konstruktionen, wie etwa denen mit Modalverben oder mit Wahrnehmungsverben und lassen, ist Passivierung unmöglich (Helbig/Buscha 2007: 152f): Der Arzt will sie besuchen. => *Sie wird (von dem Arzt) besuchen gewollt. Genauso: Er sieht die Mutter kommen. => *Die Mutter wird (von ihm) kommen gesehen. Die Verben mit Reflexivpronomen erlauben kein persönliches Passiv (vgl. Helbig/Buscha 2007: 153). Hat ein ‚normales‘ transitives Verb eine reflexive Variante, so kann das Passiv nur zu der transitiven Verbvariante gebildet werden (vgl. Duden 2009: 547; vgl. auch Helbig/Buscha 2007: 153): Das aktivische Pendant zum Passivsatz Das Kind wird gekämmt. kann nur der Aktivsatz Jemand kämmt das Kind. sein, nicht Das Kind kämmt sich. Falls im Aktivsatz ein Adverbial im Akkusativ vorhanden ist, bleibt es unverändert, zum Subjekt im Passiv kann es nicht ‚promoviert‘ werden (vgl. Helbig/Buscha 2007: 153): Er aß den ganzen Abend. => Den ganzen Abend wurde von ihm gegessen. vs. *Der ganze Abend wurde von ihm gegessen.
Die Verben mit doppelten Akkusativen (lehren, abfragen, abhören, bitten und fragen) lassen grundsätzlich die Passivierung von beiden Akkusativobjekten zu (vgl. Eroms 2000: 401). Werden sie passiviert, so wird das Personenobjekt nicht zum Subjekt des Passivsatzes, das Sachsubjekt bleibt dabei unverändert (vgl. Eroms 2000: 401 u. Duden 2009: 546): Er lehrt sie europäische Geschichte. => Sie werden von ihm europäische Geschichte gelernt. vs. ? Europäische Geschichte wird sie von ihm gelernt. Da im letzten Satz nicht eindeutig zwischen Subjekt und Akkusativergänzung unterschieden werden kann, werden solche Konstruktionen vermieden; in der Alltagssprachen wird das Akkusativobjekt schon im Aktiv durch ein Dativobjekt ersetzt (vgl. Eroms 2000: 401). Die doppelten Akkusative sind bei der Passivbildung die Ausnahmen, ansonsten können die Passivsätze generell kein Akkusativobjekt enthalten (Duden 2009: 546).
20
2.3.5.4.1.2 Die Agensphrase
Die Angaben zur Häufigkeit des Vorkommens von Agensphrasen variieren von Werk zu Werk, 26 die Häufigkeitsrate liegt durchschnittlich bei ~ 88%, sie kommt also in allermeisten Fällen nicht vor (vgl. u.a. Brinker 1971: 85). Dies ist der Fall, wenn die Identität des Agens/Verursachers aus dem Kontext hervorgeht, die handelnde Instanz nicht weiter definiert werden kann, der Satz also eine allgemeingültige Bedeutung hat, oder wenn das Agens unwichtig ist bzw. nicht genannt werden darf (vgl. Duden 2009: 548). Syntaktisch gesehen gehört die Agensphrase nicht zur Valenz des Verbs und ist als freies Adverbial zu begreifen (vgl. Abraham 1995: 116).
Bei personalem Agens wird die Präpositionalphrase zumeist mit der Präposition von gebildet: (34) Das kranke Kind wird von der Nachbarin gepflegt. In Texten bestimmter Register (Verwaltungssprache) können statt von die Präpositionen seitens oder vonseiten gebraucht werden (vgl. Eroms 2000: 401 sowie Duden 2009: 548): Seitens der Behörden ist nichts unternommen worden.
„Handelt es sich nicht um einen willentlich verursachendes Agens“ (Duden 2009: 548), so kann anstelle von die Präposition durch erscheinen (vgl. ebd.): Er wurde (zufällig) [durch eine johlende Menge] aufgehalten. Oder: Die Stadt wurde [durch feindliche Bomben] vollständig zerstört.
Die Präposition durch findet auch Verwendung, wenn das Agens nicht aus eigenem Willen handelt, sondern als Vermittler (Mittelperson) auftritt oder instrumental zu interpretieren ist (vgl. ebd. u. Eroms 2000: 403): Das Gelände wurde [durch die Polizei] gesichert. Der Unterschied zwischen den genannten Präpositionen kommt deutlich zum Ausdruck, wenn eine von-Phrase gemeinsam mit einer durch-Phrase (und in Opposition zu ihr) im Satz steht (vgl. Duden 2009: 549 u. Helbig/Buscha 2007: 153): Das Schiff wurde von einem Flugzeug durch Bomben zerstört.
In solchen Fällen ist in der von-Phrase das Agens codiert, die PP mit durch weist auf das Mittel oder Vermittler hin. Die Präposition durch kann hier durch mit oder mittels ersetzt werden (vgl. Helbig/Buscha 2007: 153). Diese Bedeutungsnuancen führen zur gewissen Doppeldeutigkeit (vgl. ebd.): Der Brief wurde durch den Boten geschickt. (Der Bote kann entweder Sender oder Überbringer sein.)
26 Ágel (1996a: 76f) gibt „ca. 20% der Fälle“ an, Brinker (1971: 85) schreibt von 86,3%, laut Duden-Grammatik (2009: 548) enthalten ca. 90% aller Passivsätze keine Agensphrase.
21
Die Faustregel für die Wahl der passenden Präposition ist, dass von vor allem bei Personen und Abstrakta, seltener bei Sachen auftritt, die Präpositionalgruppe mit durch meistens bei Sachen und Abstrakta, seltener bei Personen (vgl. ebd.).
Auch andere Präpositionen außer den oben genannten und einige Adverbialien können als Agensangabe erscheinen bzw. als solche interpretiert werden (vgl. Helbig/Buscha 2007: 154 u. Duden 2009: 549): [Auf dem Messinstrument] werden auch die feinsten Details angezeigt. (Duden), Bei Hegel werden diese Probleme entwickelt. (Helbig/Buscha)
2.3.5.4.1.3. Die passiv-alternativen Konstruktionen (Passiv-Paraphrasen)
Als Passiv-Paraphrasen werden von den meisten Grammatikern die formal-syntaktisch aktivischen Formen mit passivischer Bedeutung begriffen, die auch das ‚semantische Passiv‘ genannt werden (vgl. Helbig/Buscha 2007: 148 u. 163). Sie sind die Konkurrenzformen des Passivs, die alternativ zu ihm verwendet werden können, weil sie kein Agens in der Subjektfunktion haben (vgl. Duden 2009: 549). Helbig/Buscha (2007: 163-167) unterscheiden zwischen denen ohne Modalfaktor (Funktionsverbgefüge, Reflexivkonstruktionen und „Aktivsätze mit reduzierter Valenz“ (ebd.: 164)) und denen mit ihm (lassen + Infinitiv, sein/bleiben + Infinitiv, gehen/stehen + zu + Inf., bar-Adjektive uvm.). Diesen Konstruktionen entspricht i. a. R. ein werden-Passivsatz (vgl. Helbig/Buscha 2007: 163).
Einige Autoren, wie etwa Eroms (2000: 406-414), betrachten diese Formen nicht als Passiv-Alternativen, sondern als reguläre passivische Konstruktionen. Diese Auffassung wird hier als eine ‚radikal semantische‘ abgelehnt, deswegen werden sie nicht weiter berücksichtigt.
2.3.5.4.2. Zustandspassiv (sein-Passiv)
Das sein-Passiv bezeichnet immer einen (resultativ-)statischen Zustand, der das Resultat eines Vorgangs ist, deswegen ist es offensichtlich, dass es immer ein entsprechendes Vorgangspassiv (werden-Passiv) präsupponiert (vgl. Ágel 1996a: 81, Helbig/Buscha 2007: 155f, Kozmová 2001: 111 sowie Zifonun et. al. 1997: 1810), z.B.: Das Fenster ist geöffnet. <= Das Fenster wird geöffnet. Das Fenster ist also jetzt geöffnet, weil es davor geöffnet worden ist. Das Resultat eines Verbereignisses „überdauert [weiter] als Zustand“ (Kozmová 2001: 111). Dass eine sein-Form immer aus einer werden-Form abgeleitet ist, gilt als sein wichtigstes Kriterium: Kann eine Konstruktion aus sein + Partizip II keiner Konstruktion mit werden + Partizip II zugeordnet werden, so liegt in aller Regel eine formengleiche Konstruktion vor, die aber kein Passiv ist: ein adjektivisches Prädikativ, ein Perfekt Aktiv, ein Zustandsreflexiv
22
oder eine allgemeine Zustandsform 27 (vgl. Helbig/Buscha 2007: 155). Weiter muss es die für die werden-Konstruktionen charakteristische Verhältnis von semantischen Rollen und syntaktischen Funktionen aufweisen: Das Objekt des entsprechenden Aktivsatzes wird im Passivsatz zum Träger eines Zustands, das Agens wird - genauso wie im Vorgangspassiv - durch eine Präpositionalphrase eingeführt (vgl. Duden 2009: 552 u. Helbig/Buscha 2007: 156). Das Partizip II geht dabei aus dem verbalen in den adjektivischen Bereich über (vgl. Helbig/Buscha 2007: 155).
Es besteht ein wichtiger semantischer Unterschied zwischen sein- und werden-Formen sowie zwischen sein-Passiv und Aktiv: Während Aktiv und werden-Passiv zwei verschiedene Perspektiven auf das gleiche Geschehen (also Veränderungen der Wirklichkeit) sind, bezeichnet einen Zustand als Resultat/Folge des entsprechenden Prozesses (Helbig/Buscha 2007: 155). Aus diesem Grund können die ‚verwandten‘ Vorgangs- und Zustandspassive nicht in gleichem Tempus erscheinen (Helbig/Buscha 2007: 155 u. Duden 2009: 553).
2.3.5.4.2.1. Restriktionen
Da ein Zustand normalerweise die Folge bestimmter Prozesse darstellt, können nur die trans-formativen bzw. resultativen Verben, d.h. Verben, die bestimmte Veränderungen bezeichnen, zustandspassivische Formen bilden (u. a. Eroms 2000: 141, Kozmová 2001: 110 sowie Zifonun et.al. 1997: 1809).
Da das sein-Passiv immer einen gleichbleibenden Zustand bezeichnet, kann das Auxiliarverb sein häufig durch bleiben ersetzt werden: Das Fenster ist geöffnet. - Das Fenster bleibt geöffnet. Aus dem gleichen Grund können im sein-Passiv (im Gegensatz zum werden-Passiv) die Temporalangaben der Zeitdauer erscheinen (vgl. Helbig/ Buscha 2007: 156 sowie Zifonun et. al. 1997: 1811): Das Fenster ist seit gestern geöffnet. vs. *Das Fenster wird seit gestern geöffnet.
Das Erscheinen einer Agensphrase ist im sein-Passiv selten, aber grundsätzlich möglich. Die Voraussetzung ist, dass der Grad der verbalen Einwirkung auf das direkte Objekt stark genug ist, sodass daraus ein stabiler Zustand resultieren kann. Gleichzeitig darf die Affiziertheit des Objekts nicht zu stark sein, sodass der Zustand rückgängig gemacht werden kann (Helbig/Buscha 2007: 162): Seine Ernennung ist vom Minister bestätigt. Die Ernennung eines neuen Ministers ist eine Zustandsveränderung, die aber widerrufen werden kann. Somit ist die Voraussetzung erfüllt.
27 Duden-Grammatik (2009: 555) bezeichnet die allgemeine Zustandsform als konverse Zustandskonstruktion.
23
2.3.5.4.2.2. Die Abgrenzung von formal gleichen Konstruktionen
Es gibt im Deutschen mehrere Formen, die aus sein und dem Partizip II eines Vollverbs bestehen, die aber kein Passiv sind (vgl. Zifonun et. al. 1997: 1808f u. Duden 2009: 552).
I. Zustandspassiv vs. adjektivisches Prädikativ
Bei adjektivischen Prädikativen handelt es sich um aus einem adjektivierten Partizip II bestehende Kopulakonstruktionen, bei denen keine ‚verbale Vergangenheit‘ mehr erkennbar ist (vgl. Duden 2009: 552 u. Helbig/Buscha 2007: 157): Der Mann ist begabt. <= *Der Mann ist begabt worden.
II. Zustandspassiv vs. Perfekt Aktiv
Aktivsätze wie (66), die eine resultative Bedeutungskomponente beinhalten, stimmen mit dem sein-Passiv in formaler und teilweise auch semantischer Hinsicht überein (vgl. Helbig/Buscha 2007: 157f): Die Frucht ist gereift. <= Die Frucht reift.
Im Unterschied zum Passiv lassen sich die Sätze mit Perfekt Aktiv nicht auf ein werden- Passivzurückführen (vgl. ebd.). Nicht selten sind die beiden Formen homonym und lassen sich kombinieren (vgl. ebd.): Sie waren aus der Partei ausgeschlossen oder ausgetreten.
III. Zustandspassiv vs. Zustandsreflexiv
Die echten reflexiven Verben sowie reflexive Verbvarianten können sein-Konstruktionen bilden, 28 bei denen das formale Subjekt dem formalen Subjekt des Aktivsatzes entspricht. Sie sind mit dem sein-Passiv absolut formengleich, lassen sich aber - ähnlich wie Perfekt Aktivnicht auf werden-Passiv, sondern auf eine Reflexivkonstruktion zurückführen (Helbig/Buscha 2007: 158f): Das Mädchen ist verliebt. (<= Das Mädchen verliebt sich.) Genauso wie sein-Passiv drücken auch die Zustandsreflexive „einen Folgezustand als Resultat eines vorausgegangenen Vorgangs“ (ebd.) aus (= Stativ-Konstruktionen), deswegen sind diese Formen nur bei transformativen bzw. resultativen Verben bildbar (vgl. Helbig/Buscha 2007: 159, Duden 2009: 555f sowie Kozmová 2001: 111). Die nicht echt reflexiven Verben bilden Formen, die sich nicht eindeutig zu einer der Kategorien zuordnen lassen; manchmal wird die richtige Lesart durch den Kontext ersichtlich (vgl. Helbig/Buscha 2007: 159f): Das Kind ist gewaschen. <= Das Kind wäscht sich./Das Kind ist gewaschen worden. vs. Der Mantel ist gewaschen. <= Der Mantel ist gewaschen worden./*Der Mantel wäscht sich.
28 Weswegen Duden-Grammatik (2009: 555f) sie als nicht konverse Zustandskonstruktionen bezeichnet.
24
IV. Zustandspassiv vs. allgemeine Zustandsform
Wie auch andere Formen, die sein-Passiv ‚imitieren‘, setzt sich die allgemeine Zustandsform aus sein + Part. II zusammen, wobei das Zurückführen auf die entsprechende werden-Form nur begrenzt möglich ist (Duden 2007: 555). Kennzeichnend für diese Formen ist, dass sie vollständig oder partiell mit werden-Passiv (wenn möglich) oder Aktiv bedeutungsgleich sind: Alle drei bezeichnen einen statischen Zustand, der nicht als Resultat eines vorangegangenen Prozesses (Folgezustand) aufzufassen ist, weswegen der Aktivsatz der allgemeinen Zustandsform nicht vorzeitig ist (Helbig/Buscha 2007: 161): Die Flasche enthält Milch. = Der Milch ist in der Flasche enthalten.
Gebildet werden kann die allgemeine Zustandsform logischerweise nur mit durativen Verben, die keinen Übergang von einem Zustand in einen anderen bezeichnen und bei denen kein ‚Zeitsprung‘ möglich ist (vgl. Eroms 2000: 403 sowie Helbig/Buscha 2007: 161). Die Aktivsätze enthalten kein Agens, sind also nicht passivfähig (vgl. Helbig/Buscha 2007: 161).
2.3.5.4.3. Rezipientenpassiv (Dativpassiv)
2.3.5.4.3.1. Das vorgangsbezogene bekommen-Passiv (b-Passiv)
Zurzeit werden die aus bekommen, erhalten und kriegen + Partizip II bestehenden Konstruktionen allgemein von der Mehrheit der Grammatiker - wenn auch mit einigen Vorbehaltenals regelmäßige Passiva anerkannt (vgl. Eroms 2000: 414 u. Helbig/Buscha 2007: 167). Diese Formen sind alle Vorgangspassive (Ágel 1996b: 50). Kennzeichnend für sie ist die Zentrierung der semantischen Rolle Rezipient, Benefizient oder Possessor, die im Aktiv in der Funktion eines indirekten Objekts im Dativ erscheinen, im syntaktischen Subjekt des jeweiligen Passivsatzes (vgl. Ágel 1996b: 49f u. Duden 2009: 550). In den allermeisten Fällen sind die Dativobjekte Lebewesen, es kommen aber auch unbelebte Dativobjekte vor (Ágel 1996b: 49). Auch einige freie Dative (Dativus commodi/incomodi und Pertinenzdativ) können in die Subjektposition transformiert werden (Leirbukt 1987: 102 u. Ágel 1996b: 51f; zu den freien Dativen vgl. z. B. Dürscheid 2007: 41f).
Das Agens kann in verschiedenen Formen zum Ausdruck kommen, es überwiegen hier die agentiven Präpositionalphrasen mit von oder durch (vgl. Leirbukt 1997: 126-136). Zumeist (in 84% der Fälle) wird das Agens nicht realisiert mit Ausnahme von Fällen, wenn die Notwendigkeit, es zu bezeichnen, sich aus der Situation ergibt (vgl. ebd.: 126-130). 29
29 Woraus man folgern kann, dass die Funktionen des Dativpassivs die gleichen sind wie die des Akkusativpassivs (vgl. Eroms 2000: 415).
25
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Germanistik - Linguistik: neuer Titel erschienen: Diathese: Das deutsche Verbalgenus im kontrastiven Vergleich mit dem im Russischen
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