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Vorwort
ich freue mich, dass Sie diesen ctkommREADER in den Händen halten oder auf dem Bildschirm betrachten. Mit dieser Ausgabe möchte ich Ihnen eine Auswertung über eine Social‐Media‐Welle, die am 2. März 2011 Facebook überspülte, vorlegen. Im Zusam‐ menhang mit dem Rücktritt von Karl‐Theodor zu Guttenberg, ent‐ stand eine Gegenbewegung auf Facebook. Hunderttausende von Usern stürmten eine kurzfristig gegründete Gruppe namens „Wir wollen Guttenberg zurück“.
Die Ausmaßen dieser Welle waren dermaßen interessant zu be‐ obachten, dass ich das Wachstum der Gruppe über 25 Stunden in Zahlen dokumentiert habe. Herausgekommen ist ein interessantes Momentbild einer Welle. Ich hoffe, dass Ihnen diese Unterlage einen interessanten Überblick über dieses Ereignis vermittelt. Ihr Christian Thieme
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ctkommREADER
Nach dem Rücktritt von Verteidigungsminister zu Guttenberg am 1. März 2011 ist das Land geteilter Mei‐ nung. Am Abend strahlten die TV‐Sender zahlreiche, schnell einberufene Talksendungen zum Rücktritt aus. Diskutiert wurde dabei heftig unter den anwesenden Politikern, Moderatoren, Publizisten und Schauspie‐ lern. Aber auch im Internet startete die Social‐Media‐Gemeinde einen Meinungsfeldzug. Am Mittwochmor‐ gen explodierten u. a. die Mitgliederzahlen der Facebook‐Gruppe „Wir wollen Guttenberg zurück“. Im Se‐ kundentakt verkündeten zahlreiche Facebooker ihre Sympathien zum zurückgetretenen Politiker. Am Mittwochmorgen schaffte die Fangruppe sogar den ersten Sprung ins Fernsehen.
„Für Social‐Media‐Interessierte dürfte diese Welle sehr interessant zu beobachten sein. Wie hoch wird sie? - Wie lang hält sie an? - Wird gar ein Tsunami daraus?“ (Zitat aus meinem Blog)
Im folgenden Abschnitt finden Sie die Auswertung der gesammelten Daten.
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Aufgrund der stark wachsenden Mitgliederzahlen wurde zu Dokumentationszwecken ein Monitoring der Facebook‐Gruppe gestartet. Das Monitoring begann am 2. März 2011 um 9:10 Uhr. In unregelmäßigen Abständen wurden hinzu die Uhrzeit und die Mitgliederzahlen notiert. Diese Daten flossen als Berech‐ nungsgrundlage in eine statistische Auswertung ein (siehe Tabelle 1). Uhrzeit: manuell erfasster Wert Mitglieder: manuell erfasster Wert Wachstum:
Errechnet sich aus der jeweiligen Mitgliederzahl minus der Ausgangszahl von 300.000 Mitgliedern. Verstrichene Zeit:
Errechnet sich aus der Differenz zwischen der jeweiligen Uhrzeit und der Startzeit (9:10 Uhr). Neuzugang pro Sekunde: Durchschnittswert (gerundet)
Formel: Wachstum : (Verstrichene Zeit x 3.600 Sekunden) Neuzugang pro Minute: Durchschnittswert (gerundet) Formel: Wachstum : (Verstrichene Zeit x 60 Minuten)
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Gruppenentwicklung: „Wir wollen Guttenberg zurück“ 2. + 3. März 2011
Tabelle 2: Berechnungsdaten für die statistische Auswertung
[ENDE DES MONITORINGS AM 3. März 2011 UM 10:32 Uhr]
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Ziel sollte es sein den Gruppenwachstum transparent darzustellen. Hierzu sollte aus den Daten ein Dia‐ gramm entstehen, dass den Mitgliederzuwachs, die durchschnittlichen Neuzugänge pro Sekunde und Minu‐ te grafisch darstellt. Das Ergebnis finden Sie in den Diagrammen 1 und 2.
Diagramm 1: Wachstumskurve der Mitgliederzahlen (Zeitraum: 25 Stunden)
Diagramm 2: Kurven über die Anzahl an Neuzugängen pro Sekunde und Minute (Zeitraum: 25 Stunden)
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Das Monitoring endete am 3. März um 10:32 Uhr, nach einer Dauer von 25 Stunden. Insgesamt gewann die Gruppe im Messzeitraum ca. 200.000 Mitglieder, innerhalb von 25 Stunden. Am Donnerstagmorgen um 10:32 Uhr überschritt die Mitgliederzahl die Marke von 500.000 Usern. Das ent‐ sprach einem durchschnittlichen Mitgliederwachstum von 183 User pro Minute über den gesamten Mess‐ zeitraum. Der Höhepunkt des Wachstums wurde am 2. März zwischen 21:00 und 22:00 Uhr erreicht. Zu diesem Zeitpunkt lagen die durchschnittlichen Zuwachszahlen bei 225 Usern pro Minute. Derzeit befindet sich die Gruppe weiterhin im Wachstum aber mit deutlich geringeren Werten. (Stand 4. März 2011)
Während das Diagramm 1 die stetig wachsende Zahl der Gruppenmitglieder zeigt, zeigen die Neuzugänge pro Minute (in Diagramm 2) einen volatilen Verlauf. Zwischen 9:00 und 10:00 Uhr erfolgt der erste Peak. Dieser liegt zeitlich in den Bereichen von Frühstückspausen, Schulpausen usw.. In der Folge schwenkt die Kurve bis 12:00 Uhr wieder ab. In der Mittagszeit erfolgt der nächste kleine Peak. In den folgenden Stunden ist der Kurve ein stetiger Wachstum zu entnehmen. Die Kurve erreicht ihren Höhepunkt zwischen 21:00 und 22:00 Uhr und fällt danach rapide ab. Am folgenden Morgen bleibt das Niveau deutlich unter den Wer‐ ten den Vortags.
Die stetig wachsende Anzahl an Interessierten kann mit folgenden Begebenheiten erklärt werden. Über den gesamten Tag war eine starke mediale Präsenz in Internet, Radio, TV und Print zu verzeichnen. Zusätzlich wurde im Laufe des Tages auch speziell über diese Gruppe berichtet. Durch die starke mediale Durchdrin‐ gung in der Bevölkerung erreichten die Nachrichten viele Personen. Besonders die jüngeren Zielgruppen, die bei Facebook zu finden sind, scheinen sich für die politischen Gegebenheiten interessiert zu haben. Innerhalb der Gruppenmitglieder waren aber auch Gegner vertreten, die den Zugang nutzten um ihre Ge‐ genmeinung zu platzieren. Die Mitgliederzahlen spiegeln demnach nicht zu 100 Prozent die Aussage des Gruppennamens wieder.
In der Presse wurde über manipulierte Mitgliederzahlen durch „gekaufte Mitgliedschaften“ gemutmaßt. Diese Meinung kann weder bestätigt noch widerlegt werden. Eine Prüfung eines solchen Sachverhaltes könnte nur durch Facebook geschehen, allerdings zeigt die Wachstumskurve eine mäßige Zuwachsrate. Ein gesteuerter Peak ist an diesem Messtag nicht zu erkennen. Zudem muss berücksichtigt werden, dass für eine derartige Manipulation aufwendige Steuerungsmaßnahmen betrieben werden müssten. Eine kurzfris‐ tige Planung einer solchen Aktion dürfte nicht möglich gewesen sein, desweiteren sollte der hohe personel‐ le Aufwand berücksichtigt werden. Eine Manipulation wird deshalb tendenziell eher nicht vorliegen.
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Die Messdaten zum Mitgliederwachstum pro Sekunde stellten sich als unbrauchbar heraus. Die gerundeten Ergebnisse lagen im tiefen einstelligen Bereich. Somit konnte über dieses Messergebnis keine weitere Aus‐ sage getroffen werden.
Die Messergebnisse des Tages lassen interessante Rückschüsse auf das Userverhalten in sozialen Netzwer‐ ken schließen. Die starke mediale Präsenz initialisierte den Schneeballeffekt der in dieser Gruppe aufgetre‐ ten ist. Über den gesamten Tag waren steigende Userzahlen zu verzeichnen. Am darauffolgenden Morgen brach das Interesse schlagartig zusammen und erholte sich nicht mehr. Dieses Phänomen ist auch immer wieder bei anderen Wellen zu erkennen.
Die mediale Durchdringung bei den Rezipienten führt offensichtlich nur zur Initialzündung eines Vorgangs und beeinflusst den weiteren Verlauf des Schneeballeffekts nur noch kurze Zeit (einige Stunden) nach dem auslösenden Ereignis. Belegt wird diese Tatsache durch die weiterhin hohe mediale Präsenz des Themas am Folgetag aber der zusammengebrochenen Wachstumskurve innerhalb der Gruppe.
Die blitzartige Wahrnehmung der Geschehnisse in den sozialen Netzwerken führte auch in diesem Fall schnell zum Interesse der Medien. Die Presseberichterstattung verfolgte die Wachstumszahlen aufmerk‐ sam und dokumentierte diese auch in ihren Beiträgen. Zudem wurde nach kurzer Zeit Kontakt zum Urheber der Gruppe gesucht und die rasante Entwicklung hinterfragt und infrage gestellt.
Die Vielschichtigkeit des gesamten Ereignisses ist auch interessant in einer Grafik (Abbildung 2) zu erken‐ nen.
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Abbildung 2: Modell eines Verlaufs von der Ursache bis zur Auswirkung
Ein Vergleich der Ergebnisse von kleinen Social‐Media‐Bewegungen mit größeren Ereignissen wie z. B. in Ägypten und Libyen dürfte für die Experten interessante Erkenntnisse über die Mechanismen von Social Media ergeben.
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http://fotoblog.christian‐thieme.de
(URL: Besuch am 3.3.2011)
(Hinter diesem Link finden Sie meinen eigenen Blog, auf dem ich die Entwicklungen der Welle dokumentiert habe.)
http://de‐de.facebook.com/pages/Wir‐wollen‐Guttenberg‐zur%C3%BCck/136786223053705?sk=wall (URL: Besuch am 2.3.2011)
(Link zur Facebook‐Gruppe „Wir wollen Guttenberg zurück“)
http://www.tagesschau.de/inland/guttenbergfacebook100.html (URL: Besuch am 2.3.2011)
http://www.fr‐online.de/politik/‐das‐netz‐als‐fuenfte‐macht‐im‐staate‐/‐/1472596/7537674/‐ /view/asFirstTeaser/‐/index.html (URL: Besuch am 2.3.2011)
http://www.echo‐online.de/nachrichten/schlaglichter/Verteidigung‐Bundesregierung‐Internet‐ Guttenberg;art112,1647928 (URL: Besuch am 2.3.2011)
http://www.bild.de/BILD/politik/2011/03/03/wulff‐ernennung‐neue‐minister/de‐maiziere‐ verteidigungsminister‐guttenberg‐entlassungs‐urkunde‐friedrich‐innenminister‐amtsuebergabe.html (URL: Besuch am 3.3.2011)
http://www.zeit.de/2011/10/Guttenberg‐Freundeskreis (URL: Besuch am 4.3.2011)
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Arbeit zitieren:
Christian Thieme, 2011, Social Media: Betrachtung der Social‐Media‐Welle in der Facebook‐Gruppe „Wir wollen Guttenberg zurück“, München, GRIN Verlag GmbH
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