Inhalt
1. Einleitung 3
2. Ideengeschichtlicher und zeitgeschichtlicher Kontext. 3
3. Zentrale Ideen der Dependenztheorie 4
3.1 Kritik der Modernisierungstheorie 5
3.2 Erklärungsansatz der Unterentwicklung in Lateinamerika. 6
3.3 Weiterentwicklung durch Cardoso und Faletto 7
4. Kritik und heutige Relevanz 8
5. Fazit. 9
6. Literaturverzeichnis 10
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1. Einleitung
Die Dependenztheorie 1 gehört als eine der großen Entwicklungstheorien in den Kanon der entwicklungssoziologischen Basislektüre. Ihre Postulate haben nicht nur weltweit viele Studierende und Wissenschaftler, sondern auch politische Entscheidungsträger maßgeblich beeinflusst. Sie eröffnete einen neuen Ansatz des Verständnisses von Entwicklung und Unterentwicklung. 2
In dieser Referatsausarbeit wird zunächst der ideengeschichtliche und zeitgeschichtliche Kontext dargestellt, die die Entstehung der Dependenztheorie begünstigte oder überhaupt erst ermöglichte. Darauf folgt eine Zusammenfassung der zentralen Ideen der Dependenztheoretiker, zunächst in Abgrenzung zur Modernisierungstheorie und abschließend ihre Weiterentwicklung durch Cardoso und Faletto. Das letzte Kapitel schildert die Kritik an den dependenztheoretischen Erklärungsansätzen und dessen Grundannahmen sowie eine Einordnung der heutigen Relevanz der Dependenztheorie.
2. Ideengeschichtlicher und zeitgeschichtlicher Kontext
Wie jede Idee ist auch die Dependenztheorie ein Kind ihrer Zeit. Ihr theoretisches Fundament wurde in den 60er und 70er Jahren gelegt, in Jahren enormer politischer Polarisierung. Zur Einordnung dieser Theorie ist es jedoch nötig weiter zurück zu blicken.
Die bis heute prägenden Dependenzgeflechte des lateinamerikanischen Kontinents mit den wirtschaftlich fortgeschritteneren Staaten Europas finden ihren Anfang mit der Möglichkeit der transatlantischen Seefahrt und der „Entdeckung“ der „neuen Welt“ im späten 15. und beginnenden 16. Jahrhundert. Die im 16. Jahrhundert beginnende Kolonisation Lateinamerikas wirkt bis heute nach. Zu Beginn diente die Kolonisation der fernen Länder in erster Linie wirtschaftlichen Zwecken der südeuropäischen Seemächte, im 17. Jahrhundert entwickelte sich in den Ländern Europas mit dem Gefühl der zivilisatorischen Überlegenheit auch ein kulturelles Sendungsbewusstsein. Zwar errangen viele lateinamerikanische Staaten im Laufe des 19. Jahrhunderts formal Souveränität und Autonomie, die wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeitsverhältnisse dauerten jedoch an. Dies rief bereits lange vor Entstehung der Dependenztheorie eine Analyse
1 Stammt vom spanischen dependencia, das Abhängigkeit bedeutet. Obwohl auch afrikanische Vertreter Beiträge zur Entwicklung der Dependenztheorie geleistet haben, beschränkt sich diese Arbeit auf die Theorie zur Entwicklung Lateinamerikas.
2 Die Begriffe Entwicklung und Unterentwicklungen sind häufig Gegenstand der Kritik (z.B. Sen 2000), werden in Ermangelung praktikabler Alternativen in dieser Arbeit dennoch verwendet. 3
dieser Abhängigkeitsverhältnisse und Forderungen nach deren Beseitigung hervor (vgl. Grosfoguel 2000).
Die Kolonialisierung und der sich im späten 19. Jahrhundert entwickelnde europäisch-‐ amerikanische Imperialismus wurde von marxistischen Theoretikern als Vehikel zur Aufrechterhaltung des kapitalistischen Wirtschaftssystems verstanden, da diesem der Zwang zu kontinuierlichen Expansion immanent sei (u.a. Luxemburg 1975). Ebenso wie spätere Werke von Haya de la Torre und Mariátegui 3 lieferte Imperialismustheorie die theoretische Vorarbeit für die spätere lateinamerikanische Dependenztheorie.
Im engeren historischen Kontext begünstigten vor allem drei Entwicklungen die Entstehung einer neuen Theorie der Unterentwicklung lateinamerikanischer Staaten. Erstens scheiterten die den vorherrschenden Entwicklungstheorien entspringenden Lösungsansätze in der Realität. Die Strategie der Importsubstitution löste keinen Industrialisierungsschub aus, sondern verschärfte die Probleme der Entwicklungsländer vielmehr noch, da diese nun in die Abhängigkeit von Investitionsgütern gerieten. Zweitens löste die erfolgreiche kubanische Revolution ein politisches Erdbeben aus, welches alte Gewissheiten erschütterte und neues Denken ermöglichte. Kommunistische Parteien hielten sozialistische Revolutionen im feudal strukturierten Lateinamerika bis dahin für undenkbar, da nach orthodoxer Interpretation der marxistischen Entwicklungsgesetze dem Kommunismus zwangsläufig die kapitalistische Klassengesellschaft vorausgehen
müsste. Für viele war Kuba „living proof of the possibility for an alternative path of development ‚outside the world capitalist system‘“ (Grosfoguel 2000). In dem über Jahrhunderte vom westlichen Kolonialismus geprägten und gebeutelten lateinamerikanischen Kontinent wuchs nun angesichts des Scheiterns der vorherrschenden Entwicklungstheorien und ihrer Lösungsansätze die Sehnsucht nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit und alternativen Entwicklungspfaden. Die Konzentration linker Intellektueller in Chile ermöglichte schließlich die Übersetzung dieser politischen Ziele in ein theoretisches Paradigma, der Dependenztheorie
3. Zentrale Ideen der Dependenztheorie
Der Kompositumskopf des Begriffes „Dependenztheorie“ ist missverständlich, da die Dependenztheorie weniger eine Theorie im engeren Sinne als vielmehr einen
3 Haya de la Torre und Mariátegui erarbeiten Entwicklungstheorien auf Basis der Marxschen Kapitalismusanalyse. Wie auch ihre geistigen Nachfolger der dependenztheoretischen Schule waren sie sich in den sich daraus ergebenden politischen Schlussfolgerungen (unabhängige Entwicklung (Haya), sozialistische Revolution (Mariátegui)) uneins. 4
Arbeit zitieren:
Alexander Wuttke, 2011, Die Dependenztheorie - Zentrale Ideen und Kritik, München, GRIN Verlag GmbH
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