Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
2. Die Forschungsfragen 6
3. Kurze Geschichte der Telefonie 8
3.1. Ausgangspunkt: Die Zeit vor 1876 8
3.2. Eine Idee- viele Erfinder 9
3.2.1 Philipp Reis 10
3.2.2. Alexander Graham Bell 11
3.2.3. Schlussfolgerung: Zwei Forscher- differente Motive 12
4. Drei kulturelle Konzepte von Telefonie 15
4.1. Das Transportkonzept 16
4.2. Das Radiokonzept 17
4.3. Das Verständigungskonzept 19
5. Der globale Siegeszug der Telefonie: Ein Zwei-Länder-Vergleich 21
5.1. Die Ausgangssituation 22
5.1.1. In Deutschland 22
5.1.2. In Amerika 23
5.2. Die technische Entwicklung 24
5.2.1. In Deutschland 25
5.2.2. In Amerika 27
5.3. Forcierende und hemmende Faktoren 29
5.3.1. Hemmende Faktoren in Deutschland 30
5.3.2. Forcierende Faktoren in Deutschland 33
5.3.3. Hemmende Faktoren in Amerika 34
5.3.3. Forcierende Faktoren in Amerika 35
5.4. Erste Nutzungsformen und -gruppen 38
5.4.1. In Deutschland 38
5.4.2. In Amerika 39
6. Schlusszusammenfassung und Zukunftsausblick 42
Literaturverzeichnis 45
2
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Philipp Reis Seite
Abbildung 2: Alexander Graham Bell Seite
Abbildung 3: Transportkonzept Seite
Abbildung 4: Radiokonzept Seite
Abbildung 5: Verständigungskonzept Seite
Abbildung 6: Telefon von 1880 Seite
Abbildung 7: Anschlüsse in Deutschland Seite
Abbildung 8: Anschlüsse in Amerika Seite
3
1. Einleitung
„Das Pferd frißt keinen Gurkensalat.“- Dieser groteske Satz markierte den Auftakt einer globalen Kommunikationsrevolution. Ausgesprochen hat ihn 1861 der deutsche Lehrer Philipp Reis (vgl. Maschke 1989: 97), als es ihm zum ersten Mal gelang, Stimme mit Hilfe elektronischen Stroms zu übermitteln. Damit legte er den Grundstein des Siegeszug der Telefonie als neue interaktive Kommunikationsinfrastruktur, die sich im Laufe ihrer internationalen Entwicklung häufig gegen Widerstände verschiedenster Art behaupten musste, bis sie schließlich Einzug fand in die Privaträume und Arbeitsstellen vieler Millionen Menschen. Heute ist das Telefon fest in unseren kommunikativen Alltag integriert und ist aus unserer modernen Welt auch nicht mehr wegdenkbar. Dabei ist das Bedürfnis miteinander über große Distanzen und zu jeder Zeit zu kommunizieren so alt, wie die Menschheit selber. Erste Frühformen der Telekommunikation sind bereits seit der Antike belegt in Form von Feuersignalketten und Rufposten (vgl. Hartmann 2006: 21). Diese gipfelten schließlich in der Telegrafie, die einen Signalaustausch auch über weite Strecken ermöglichte. Jedoch war mit ihr nur einseitige Kommunikation möglich und mit dem Telefon wurde das erste interaktive Kommunikationsinstrument geschaffen- ein Meilenstein der Technikgeschichte. Mit ihm war es möglich, unmittelbar auf Gesprochenes reagieren zu können, und Sender und Empfänger emanzipierten sich von zeitlichen und räumlichen Beschränkungen. Kein Wunder also, dass das Telefon in seiner fast 150-jährigen Geschichte mehrfach Gegenstand wissenschaftlichen Forschungsinteresses war. Dennoch proklamieren besonders Sozial- und Kommunikationswissenschaftler ein Forschungsdefizit in diesem Bereich. Die technische Entwicklungsgeschichte hat zwar Erwähnung in zahlreicher wissenschaftlicher Fachliteratur gefunden, der kulturelle und gesellschaftliche Hinter-grund wurde jedoch nur unzureichend beleuchtet. Es wäre grob fahrlässig eine neue Medientechnologie isoliert zu untersuchen, sie muss immer in den soziokulturellen und
ökonomischen Kontext ihrer Zeit gesetzt werden. Erfolg oder Misserfolg einer Erfindung hängen nicht nur von ihrer Funktionalität ab, entscheidend sind darüber hinaus Gebrauchswert, Nutzen und gesellschaftliche Akzeptanz. Das Telefon hat sich letzteres hierzulande hart erkämpfen müssen und nimmt somit eine Sonderstellung in der kommunikationswissenschaftlichen Forschungstradition ein.
Die vorliegende wissenschaftliche Arbeit möchte über das reine Rezitieren wissenschaftlicher Daten hinausgehen und sowohl techno-, als auch soziokulturelle Aspekte der Telefonie von seiner Erfindung bis in die Gegenwart in den Vordergrund rücken. Um dies zu ermöglichen, wurde die Entwicklung der Telefonie als interaktive Kommunikationsstruktur in zwei exemplarisch ausgewählten Ländern gegenübergestellt: Deutschland und Amerika. Beide zeigen spezifische Charakteristika in diesem Forschungsbereich auf, die sich für einen Vergleich hervorragend eignen. Zu Beginn soll jedoch kurz auf die Geschichte des Telefons eingegangen werden, die Ausgangssituation und den legendären Erfinderwettstreit. Anschließend widmet sich die Arbeit der komplexen Thematik differenzierender kultureller Konzepte von Telefonie und zeigt auf, welches sich letztendlich durchgesetzt hat. Weiterführend soll mit Hilfe eines Ländervergleichs Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der jeweiligen Ausgangssituation, der technischen Entwicklung und der Diffusionsgeschwindigkeit, den forcierenden und hemmenden Faktoren und den frühen Nutzungsformen und Nutzungsgruppen der Telefonie herausgearbeitet werden.
Die zu Beginn formulierten Forschungsfragen sollen abschließend mittels der Ergebnisse des Vergleichs beantwortet werden. Die wissenschaftliche Grundlage bildet eine umfassende Berücksichtigung einschlägiger Fachliteratur aus verschiedenen Kulturkreisen und Epochen.
Bevor jedoch tiefer in die Materie eingedrungen werden kann, ist es wichtig, zu Beginn die forschungsleitenden Fragestellungen zu formulieren. Im anschließenden Kapitel wurden zwei theoriegeleitete Forschungsfragen von kommunikationswissenschaftlicher Relevanz herausgearbeitet.
2. Die Forschungsfragen
Wie eingangs bereits erwähnt, ist es von enormer Wichtigkeit die Entwicklung eines Mediums immer in seinem kulturellen, ökonomischen und sozialen Kontext zu beschreiben. Besonders bei der Telefonie wird diese Notwendigkeit deutlich, wie sich im Laufe dieser wissenschaftlichen Arbeit herausstellen wird. Vor diesem Hintergrund hat die Verfasserin eine allgemeine und, daraus abgeleitet, eine spezifische Forschungsfrage formuliert. Die erste Frage soll mit Hilfe des Länder-Vergleichs beantwortet werden und lautet:
Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten zeigen sich in der Entwicklung des Telefons vom Zeitpunkt seiner Erfindung bis in die 1980er Jahre in Deutschland und Amerika? Die beiden Länder wurden aufgrund ihrer individuellen und prägnanten Spezifika im Hinblick auf die sozio- und technokulturellen Entwicklungslinien der Telefonie ausgewählt. Amerika hatte im Untersuchungszeitraum die höchste Telefondichte, Deutsch-land nur einen Mittelwert. Weiterhin zeigen sich bei beiden auch signifikante Unterschiede in der Organisationsform und Nutzungsweise. Der Zeitraum wurde bewusst auf das ausgehende 20. Jahrhundert begrenzt, da sich beide Länder in den entscheidenden Untersuchungskriterien im Laufe der Zeit zunehmend angeglichen haben. Moderne Formen und Konvergenzen der Telefonie sollen Berücksichtigung in einem abschließenden Zukunftsausblick finden.
Die zweite Forschungsfrage ist indes wesentlich konkreter und greift bereits etwas voraus:
Welche Faktoren waren dafür verantwortlich, dass sich das Telefon in den Vereinigten Staaten von Amerika schneller verbreitet hat als in Deutschland? Durch diese Frage wird bereits deutlich, dass es massive Unterschiede in der Diffusionsgeschwindigkeit gegeben hat. Verschiedene AutorInnen liefern hierfür verschiedene Ansätze, variierend nach ihrem Forschungshintergrund. Die Autorin möchte die verschiedenen Antworten zusammenfassen und aus einer kommunikationswissenschaftlichen Perspektive heraus strukturieren, um nicht nur einzelne Aspekte, sondern eine umfassende Erklärung zu erhalten.
Um die Fragen jedoch adäquat und umfassend beantworten zu können, muss zum Einstieg der historische Hintergrund erläutert werden. Aus diesem Grund setzt diese Arbeit mit einer kleinen Geschichte der Telefonie und ihren Schöpfern ein.
3. Kurze Geschichte der Telefonie
Wenn man sich mit der Geschichte der Telefonie befasst, sind besonders zwei Namen von Bedeutung: Philipp Reis und Alexander Graham Bell. Beide werden in der wissenschaftlichen Literatur in unterschiedlichem Ausmaß als Erfinders des Telefons genannt. Der Erste, der jedoch Gedanken der elektronischen Übertragung der Sprache schriftlich formuliert hat, war der Franzose Charles Bourseul (1829-1912) (vgl. Horstmann 1952: 19). Allerdings handelt es sich bei seinen Aufzeichnung lediglich um „technische Phantasien im Stil eines Jules Verne“ (ebd.: 19). Er lieferte noch keine konkrete Umsetzung. Dies gelang erstmals dem deutschen Lehrer Johann Philipp Reis, der sein Telephon, damals noch in der alten Schreibweise mit -ph-, zwischen 1860 und 1863 konstruierte und öffentlich präsentierte (vgl. Bernzen 1992: 7). Jedoch gelang es ihm nicht, die Gesellschaft und Elektroindustrie von der Sinnhaftigkeit seiner Erfindung zu überzeugen (vgl. Genth/Hoppe 1986: 22). Der Schotte und Taubstummenlehrer Alexander Graham Bell, der später in die USA emigrierte, schaffte es als erster mit dem Telefon kommerziell erfolgreich zu sein und sicherte sich so seinen Eintrag in die Geschichtsbücher (vgl. ebd.: 23).
Im Kontext der technischen Entwicklung und Verbesserung tauchen noch weitere Namen bedeutender Wissenschaftler auf, jedoch liegt der wissenschaftliche Fokus auf Reis und Bell und der Frage, wer nun der tatsächliche Erfinder war. Bevor sich die vorliegende Arbeit dieser komplexen Frage widmet, soll die Ausgangssituation, also die Zeit vor 1876, untersucht werden.
3.1. Ausgangspunkt: Die Zeit vor 1876
Viele Jahre bevor Alexander Graham Bell das Telefon auf Ausstellungen präsentierte, veränderte sich der Kommunikationssektor gewaltig: Eine Revolution der modernen Kommunikation wurde Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Erfindung und Etablierung des elektromagnetischen Telegrafen eingeläutet (vgl. Wessel 2000: 13). Ähnlich wie beim Telefon, kann man die Erfindung der Telegraphie keiner einzelnen Person zuschreiben, populär jedoch wurde der Bildhauer und Kunstmaler Samuel F. Morse, dessen System sich Mitte des 19. Jahrhunderts international durchsetzte (vgl. Brockhaus-Redaktion 1999: 243f.). Die Telegraphie etablierte sich schnell, da kommunikativer
Austausch über größere Distanzen vor ihrer Einführung nur durch das langwierige Versenden von Briefen möglich war (vgl. Raum 2009: 4). Sie legte den Grundstein für die moderne Telekommunikation.
„Telekommunikation [Herv.i.O.] heißt, im grundlegenden Sinne des Wortes,
über Entfernungen zu kommunizieren, ohne selbst in die Ferne zu gehen
bzw. Boten oder Kuriere mit einer Botschaft oder stellvertretend für die Bot-
schaft dorthin zu schicken. Es bedeutet im wesentlichen Sinne einen Infor-
mationsaustausch ohne materiellen Transport.“ (Hartmann 2006: 22) Die Telegrafie kann daher als wichtiges Werkzeug der zu dieser Zeit langsam einsetzenden Globalisierung begriffen werden und sie darf in einer wissenschaftlichen Arbeit über die Telefonie nicht übergangen werden, wie Jörg Becker bereits betonte: „Wer immer über die Genese einer spezifischen Technologie nachdenkt, muß davon ausgehen, daß es vor Beginn dieser Technologie bereits Vorläufertechnologien mit konkurrierendem/ähnlichen/substituierbarem Leistungspotential gab.“ (1994: 31). Die Telegrafie ist daher als Vorläufertechnologie zu begreifen und, obwohl das Telefon die Defizite der Telegrafie aufhob (schnelleres Verfahren, Zwei-Weg-Kommunikation), wurde anfänglich kein gesellschaftlicher Bedarf für sie festgestellt (vgl. Rammert 1989: 90). Telegrafie und Brief hatten sich über einen langen Zeitraum hinweg bewährt und galten als „erprobte Technik“ (Beck 1989: 61) in der privaten und geschäftlichen Kommunikation. Die enge Verknüpfung von Technik und Kultur wird hier besonders deutlich, da die Erfindung alleine nicht ausreicht, es muss auch ein kultureller Nutzen impliziert werden. Dies gelang erstmals Alexander Graham Bell und er machte das Telefon wirtschaftlich rentabel, ganz im Gegensatz zu seinem deutschen Kollegen Philipp Reis. Der Frage, wer nun der tatsächliche Erfinder der Telefonie ist, widmen sich die nächsten Kapitel.
3.2. Eine Idee- viele Erfinder
Beim genaueren Durchsehen der wissenschaftlichen Primärliteratur fällt dem/r aufmerksamen LeserIn sofort ein nationaler Dualismus auf: Deutsche Wissenschaftler stützten sich primär auf den, in Gelnhausen geborenen, Lehrer Philipp Reis als Erfinder der Telefonie, im anglo-amerikanischen Raum jedoch findet Reis so gut wie keine Erwähnung. Dort ist der in die USA emigrierte Schotte Alexander Graham Bell in die Annalen eingegangen. Obwohl beide als Pioniere des Telefons gelten, scheinen hier Motive wie Patriotismus oder Nationalstolz die Oberhand zu gewinnen. Schon Klaus Beyrer stellte
Arbeit zitieren:
Anna Dobler, 2010, "Please Hold The Line" - Technokulturelle Entwicklungslinien der Telefonie, München, GRIN Verlag GmbH
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