Abkürzungsverzeichnis
Alte Rechtschreib. i. Orig. Alte Rechtschreibung im Original
BDM Bund Deutscher Mädel
Hervorh. i. Orig. Hervorhebung im Original
HJ Hitlerjugend
KLV Kinderlandverschickung
NSDAP Nationalsozialistische Arbeiterpartei
SA Sturmabteilung (Teil der NSDAP)
Abbildungsverzeichnis
ABB. 1: FÜR DIE SOZIALISATION RELEVANTE ORGANISATIONEN UND
SYSTEME 4
ABB. 2: ZUSAMMENHANG DER SOZIALISATIONSBEDINGUNGEN 4
ABB. 3: AUFBAU UND EINHEITEN DER HJ 10
ABB. 4: ZEITLICHE BELASTUNG DURCH DIE HJ 12
1.
Thema
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Hitlerjugend, welche als eine der bestimmenden Organisationen für Kinder und Jugendliche im Dritten Reich einen besonderen Stellenwert im Lebenslauf vieler ehemaliger Mitglieder hatte. In ihr manifestierte sich der Wunsch der nationalsozialistischen Führung totalen Zugriff auf die jungen Bürger zu erlangen. Im Rückblick beschreiben ehemalige Mitglieder der HJ unter anderem ein Gefühl des Stolzes angesichts der Größe der Organisation und des eigenen Wirkens in dieser (vgl. Kater 2005, 7 f.). Das Erleben von Abenteuern und das Erfahren großer Beachtung in der Gesellschaft steigerten die Attraktivität dieser Organisation insbesondere für junge Menschen dieser Zeit erheblich (vgl. ebd.). Doch neben diesen Möglichkeiten hielt die HJ auch militärisch anmutende Ausbildungsabschnitte für die ihr anvertrauten Jungen bereit, die sie ihren zukünftigen Aufgaben noch willfähriger zuführen sollten (vgl. ebd.). Allerdings waren die HJ und ihre inneren Verhältnisse seit dem Zeitpunkt ihrer Gründung enormen Entwicklungen unterworfen, welche in dieser Arbeit unter der folgenden Fragestellung erörtert werden sollen. Fragestellung
Vorgehen
Zum Zweck der Beantwortung der aufgeworfenen Fragestellung erfolgt eine überblicksartige Darstellung auf der Basis von Fachliteratur verschiedener Autoren, wobei kein Anspruch auf vollständige Darstellung besteht. Zur besseren Erhellung einzelner Aspekte werden allerdings auch einzelne autobiographische Dokumente hinzugezogen. Gliederung
Zu klären sind zunächst die Begrifflichkeiten der Sozialisation und Sozialisationsinstanz, dieses erfolgt im zweiten Kapitel dieser Arbeit. Daran anschließend erfolgt eine Darstellung der Entwicklung der Hitlerjugend von der Jugendorganisation der wenige Monate zuvor noch verbotenen NSDAP hin zur Staatsjugend im Dritten Reich. Hierbei werden in gebotener Kürze die Aufgaben der Hitlerjugend und deren Veränderungen im
Entwicklungsprozess dargestellt. Das folgende Kapitel hat den Dienst innerhalb der HJ und dessen innere Differenzierung zum Gegenstand, während das fünfte Kapitel einen Blick auf den Widerstand gegen und in der Hitlerjugend sowie den Umgang mit widerständigem Verhalten gewährt. Das finale Kapitel liefert eine kurze Zusammenfassung und Diskussion der vorangegangenen Inhalte.
2. Sozialisation und Sozialisationsinstanzen
Sozialisation stellt trotz des Gebrauchs im alltäglichen Wortschatz einen umstrittenen, konstruierten und durchaus unterschiedlich aufgefassten Begriff innerhalb der Wissenschaften dar. Wissenschaften wie Soziologie, Erziehungswissenschaften sowie Psychologie waren in der Vergangenheit an der Deutung von Sozialisation beteiligt und trugen zu der Genese verschiedener Verständnisse bei (vgl. Nestvogel 2010, S. 166). An dieser Stelle soll allerdings lediglich eine kurze Darstellung der Begrifflichkeit in ihrer aktuellen Verwendung im erziehungswissenschaftlichen Bereich erfolgen, um eine bessere Verständlichkeit der Ausführungen zu gewährleisten. Nestvogel formulierte allgemein der „Begriff Sozialisation bezieht sich auf die Entwicklung des Individuums in seinem Verhältnis zur Umwelt“ (Nestvogel 2010, S. 166). Nach Hurrelmanns Sicht handelt es sich bei Sozialisation um den lebenslangen Prozess „der Verarbeitung von inneren und äußeren Anforderungen“ (Hurrelmann 2006, S. 20), hierbei betont er insbesondere den Grundcharakter der wechselseitigen Beeinflussung von Persönlichkeit und Umwelt im Kontext der gesellschaftlichen sowie biologischen Gegebenheiten für das Individuum (vgl. Hurrelmann 2006, S. 20 f.). Die wechselseitige Beeinflussung stellt einen wesentlichen Unterschied zu früheren Vertretern der Erziehungswissenschaft dar, welche vorrangig auf die „erzieherische Interaktion eines Erwachsenen gegenüber dem Heranwachsenden“ (Tillmann 2006, S. 14) fokussiert waren und damit für die Sozialisation wichtige Akteure wie die Peergroups nahezu ausklammerten. Für die vorliegende Arbeit ist die Wechselwirkung zwischen Individuum und Gesellschaft von großer Bedeutung, da die Individuen stets auch auf die sie umgebende Umwelt einwirken. Aus diesem Grund wird für diese Arbeit dem Begriff Sozialisation gegenüber dem mehr auf die absichtsvolle Handlung fokussierten Begriff der Erziehung der Vorzug gegeben (vgl. Brezinka 1974, S. 95). Als Subjekte der Sozialisation durch ihre Umwelt erhalten die Akteure nicht nur Einfluss auf die Aufnahme von Inhalten, was im Extremfall zu der Erzeugung einer zu den Intentionen der Sozialisationsagenten konträren Haltung führen kann, sondern darüber hinaus wirken sie auch umgekehrt auf ihre Umwelt. Sozialisation erfolgt nach Hurrelmann in drei sogenannten Instanzen, welche in Abbildung 1 aufgeführt sind. Diese sind seiner Ansicht nach nicht zu trennen, beeinflussen sich gegenseitig und wirken intersubjektiv unterschiedlich stark auf die jeweiligen Personen (vgl. Hurrelmann 2006, S. 32 ff.).
3
Allerdings kommt unter diesen der primären Sozialisationsinstanz eine besondere Bedeutung zu, da „sich Menschen [in diese] täglich mit ihrer ganzen Persönlichkeit einbringen und sie sehr stark mitgestalten“ (Hurrelmann 2006, S. 32). Abb. 1: Für die Sozialisation relevante Organisationen und Systeme
Quelle: Hurrelmann 2006, S. 34
Eine ähnliche Einteilung findet sich bei Tillmann, welcher eine stärker hierarchisierte Form der Darstellung wählte [siehe Abb. 2]. Nach diesem kommt zwar den jeweils übergeordneten Ebenen der Sozialisation die Stellung der Rahmenbedingungen zu, allerdings entsteht dadurch keine festgelegte Reaktion auf den unteren Ebenen, welche demnach über ein gewisses Eigenleben verfügen (vgl. Tillmann 2006, S. 17 f.). Beiden Ansätzen ist gemeinsam, dass höhere Ebenen der Gesamtgesellschaft über Wechselwirkungen mit niederen Ebenen Einfluss auf die einzelne Person nehmen, wobei nicht jede Ebene auf die gleiche Weise wirken muss. Abb. 2: Zusammenhang der Sozialisationsbedingungen
Quelle: Tillmann 2006, S. 18
Festzuhalten ist, dass Sozialisation die Entwicklung der Persönlichkeit des Menschen in Wechselwirkung mit seiner jeweiligen Umwelt meint, wobei sich die Ergebnisse dieser Wechselwirkung im Vorhinein aus den dargestellten Gründen nur schwer bestimmen lassen. Bei der Verwendung der Begrifflichkeit Sozialisationsinstanz wird im Weiteren auf die Unterteilung nach Hurrelmann in primäre, sekundäre und tertiäre
Sozialisationsinstanzen zurückgegriffen. Die Hitlerjugend selbst veränderte bei dieser Einteilung im Laufe ihrer Entwicklung ihren Stellenwert von einer tertiären Sozialisationsinstanz mit freiwilligem Grundcharakter hin zu einer sekundären Sozialisationsinstanz mit obligatorischem Charakter sowie einer zumindest gleichberechtigten Stellung neben den Schulen des Dritten Reiches.
3. Die HJ als Organisation
a. Historische Genese
In diesem Unterkapitel wird die HJ als Teil der Landschaft von Jugendorganisationen der Zwischenkriegszeit in der Weimarer Republik dargestellt, um anschließend ihren Weg zum Alleinvertretungsanspruch der gesamten Jugend nachzuzeichnen. Der Fokus liegt hierbei auf der eigentlichen HJ und dem Deutschen Jungvolk in der HJ, da sich insbesondere vormilitärische Ausbildungen verstärkt an diese Zielgruppe richteten. In der Konsequenz werden der Bund Deutscher Mädel sowie die Jungmädel nur am Rande Erwähnung finden.
Vorgeschichte
Wie bereits angedeutet ist die Geschichte der Hitlerjugend verknüpft mit der Geschichte der Jugendorganisationen in der Zeit der Weimarer Republik. Mittelbarer Vorläufer ist die deutsche Jugendbewegung Wandervogel, welche 1901 als offizieller Verein begründet wurde (vgl. Kater 2005, S. 11 ff.). Doch während sich dieser Verein am Rande Berlins vorrangig dem einfachen Leben, der Pflege eines idealisierten Nationalgedankens, dem Erleben der Natur und damit der relativen Abkehr von der modernen, zunehmend technisierten Welt hingab wendete er sich von der Rationalität ab (vgl. ebd.). Die Emotion nicht der Verstand sollte im Mittelpunkt stehen (vgl. ebd.). In dieser frühen Form waren auch weibliche Mitglieder noch voll in die Gruppen integriert, was in späteren Organisationen so nicht mehr der Fall war (vgl. ebd.). Mit großer Begeisterung gingen viele Mitglieder dieser Gruppe in den ersten Weltkrieg und leisteten ihren Beitrag sowie
Arbeit zitieren:
Christof Kaczmarkiewicz, 2010, Hitlerjugend als Sozialisationsinstanz, München, GRIN Verlag GmbH
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