Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Autismus
2.1 Begriffsklärung 4
2.2 Spannungsfeld Kommunikation 9
3. Ein Weg aus dem autistischen Kerker?
3.1 Gestützte Kommunikation bei autistischen Menschen 11
3.2 „ ich zerreisse die stricke des öden stummen autismus“ - Birger Sellin 14
4. Fazit 17
5. Literaturverzeichnis 19
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1. Einleitung
Während meiner Arbeit als Einzelfallhelferin begegnete ich vor einigen Monaten im Oberlinhaus in Potsdam einem autistischen Jungen. Ich stand vor dem Herd und unterhielt mich mit Paula 1 , dem Mädchen, das ich betreue, als sich der Junge unmittelbar vor mich stellte und von einem Fuß auf den anderen wippte. Er sah mich nicht direkt an und sagte auch nichts, also stellte ich mich vor. Erst auf meine Nachfrage erwiderte er formelhaft seinen Namen, nahm sogar meine Hand. Dann wippte wieder einige Minuten hin und her und rief plötzlich: „Ich will die Frau sein.“ Danach lief er in eine Ecke des Zimmers, schrie und klopfte lautstark gegen die Wand. Ein ihm vertrauter Pfleger schaffte es, ihn nach etwa fünfzehn Minuten zu beruhigen.
Als ich später Paula fragte, wer der Junge gewesen sei, erwiderte sie nur: „Ach, das ist ein Autist.“ Auf meine Frage, was sie darunter verstehe, konnte sie mir keine Antwort geben. Einen zweiten Berührungspunkt mit dem Thema hatte ich wenige Wochen später im Theater der Schaubühne Berlin. Das Stück „Die Wissenden“ handelte von den so genannten Savants -Menschen, die trotz einer kognitiven, psychischen oder geistigen Behinderung in einem gewissen Bereich geniale Fähigkeiten aufweisen. Es wird geschätzt, dass etwa die Hälfte jener Savants an Autismus erkrankt ist. 2
Ich beschäftigte mich etwas mit der autistischen Störung, dennoch fiel es mir weiterhin schwer, ein klares Bild davon zu bekommen, was Autismus genau bedeutet. Die Gründe hierfür sind mir inzwischen klar:
Die unterschiedlichen Symptome, die unter das Diagnoseraster des Autismus fallen und die enorme Reichweite des individuellen Schweregrades der Erkrankung führen zu einem komplexen Bild, das aus vielen möglichen Störungsbildern zusammengesetzt ist. Diese Vielfalt stellte sich mir auch bei dem Verfassen dieser Hausarbeit in den Weg. Autismus ist ein Thema, welches man im Umfang einer solchen Arbeit nur ansatzweise vorstellen kann. Bei der Darstellung des Autismus unter 2.1 habe ich versucht, mich auf die wichtigsten Punkte zu beschränken, sowie die unterschiedlichen wissenschaftlichen Standpunkte zu berücksichtigen. Ich selbst betrachte die autistische Störung vorwiegend aus einem entwicklungspädagogischen Blickwinkel.
1 Name geändert.
2 Einige Wissenschaftler vermeiden die Verwendung des Begriffes Autismus als Oberbegriff für die voneinander unterschiedenen Störungsbilder, da der Begriff Autismus oder autistische Störung nach einigen Definitionen nur den frühkindlichen Autismus beschreibt. Ich verwende im Folgenden die Begriffe Autismus, Autismus-Spektrum-Störung und autistische Störung synonym als Oberbegriffe für sämtliche Störungsbilder.
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Trotz der ungleichen individuellen Ausprägungen und Kombinationen mit anderen Erkrankungen oder Behinderungen weisen fast alle Menschen mit Autismus eine Störung des Sozialverhaltens auf. Sie haben Probleme, mit anderen Menschen zu sprechen oder Wünsche zu äußern sowie Mimik oder Körpersprache zu verstehen. Gesellschaftliche Kommunikationskonventionen scheinen für sie ein Rätsel zu sein. In einem Seminar erfuhr ich von den Möglichkeiten alternativer Kommunikationssysteme. Ein Beispiel ist die Methode des taktilen Gebärdens, welche bei taubblinden Menschen sehr erfolgreich angewendet wird. Ich fragte mich, ob es ähnliche Konzepte gibt, die bei nichtsprechenden autistischen Menschen verwendet werden. Im Internet stieß ich auf die Bücher von Birger Sellin, einem Autisten, der mit Hilfe der so genannten Gestützten Kommunikation einen Weg aus der „sicherheitsstummen“ Welt fand (Sellin 1995:40). Mit seinen Büchern gab er Einblicke in die Wahrnehmung eines Autisten, die so bislang nicht bekannt waren. Ich möchte unter Punkt 3.1 zunächst die Methode der Gestützten Kommunikation erläutern.
Das Konzept wurde und wird kontrovers diskutiert - wissenschaftliche Forschungsergebnisse und persönliche Erfahrungen stehen in einem scharfen Kontrast zueinander. Die Kritikpunkte sollen nicht unerwähnt bleiben, da sie nach meiner persönlichen Überzeugung durchaus ihre Berechtigung haben. Als Fallbeispiel (gar für den sagenhaften Erfolg der Methode?) möchte ich anschließend unter 3.2 auf Birger Sellin und seine Bücher eingehen. In meinem Fazit möchte ich meine persönliche Meinung zu den Gegnern und Vertretern der Gestützten Kommunikation darlegen, eventuell offen gebliebene Fragen anführen und abschließend meine Hausarbeit kurz resümieren. Letztendlich soll die Frage geklärt werden, ob Birger Sellin den einleitend zitierten „Weg ins Leben“ gefunden hat oder er - wie so manche Quelle vorm Erreichen des Meeres - versiegt ist. 2.Autismus
2.1 Begriffsklärung
Menschen mit einer autistischen Störung wirken äußerlich meist völlig normal. Oft fällt erst bei näherer Betrachtung auf, dass ihr Verhalten nicht mit dem anderer Kinder oder Erwachsener vergleichbar ist. Ihre Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitung ist gestört. Sie scheinen die Fülle an Eindrücken, mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden, nicht richtig filtern zu können und schotten sich von der Außenwelt ab - daher auch die
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Bezeichnung Autismus. Der Begriff Autismus kommt vom griechischen „autós“ (αὐτός) und bedeutet „selbst“. Es bezeichnet den starken Bezug auf das Selbst und den Rückzug in die eigene Welt, den man bei autistischen Menschen feststellen kann. Die Frage nach den Ursachen und Diagnosekriterien der autistischen Störung ist in den vergangenen 20 - 30 Jahren unterschiedlich beantwortet worden. Zum einen liegt dies daran, dass sich die Forschung stetig weiter entwickelt und neue Erkenntnisse über die autistische Störung geliefert hat. Zum anderen wurden, je nach dem, aus welcher wissenschaftlichen Fachrichtung der Autismus betrachtet wurde, andere Ursachen und Symptome als wichtig erachtet. Es existieren daher viele veraltete, medizinische, psychologische, pädagogische oder soziologische Theorien. Heute besteht weitgehend ein Konsens über die verschiedenen Störungsbilder, ihre Symptome und Diagnostik. Die Ursachen jedoch sind bis heute nicht endgültig erforscht, es gibt jedoch einige Erkenntnisse aus neurowissenschaftlichen Untersuchungen.
Ich möchte im Folgenden erklären, was Autismus bedeutet, wobei dies, wie einleitend erwähnt, nur in Ansätzen geschehen kann. Ich möchte zunächst einige allgemeine Fakten über die autistische Störung anführen und die unterschiedlichen Arten des Autismus-Spektrums anführen. Anschließend möchte ich die Symptome für eine Autismusdiagnose aufzeigen und aktuelle Erkenntnisse der Ursachenforschung in Ansätzen darstellen. Abschließend möchte ich die historische Entwicklung der differenten Begründungen skizzieren und aktuelle Trends der pädagogisch-therapeutischen Praxis anführen. Eine Autismus-Spektrum-Störung tritt bei etwa 19 von 10.000 Personen auf, wobei Jungen drei- bis viermal häufiger betroffen sind. 3 Dies könnte mit dem männlichen Geschlechtshormon Testosteron zusammenhängen. Nach der Theorie des englischen Wissenschaftlers Simon Baron-Cohen, führt eine Überdosis Testosteron im Mutterleib zu einer Fehlentwicklung im Gehirn, welche den Autismus auslöst.
Klassifiziert wird die autistische Störung als eine tief greifende Entwicklungsstörung (Dodd 2007:3). 4 Etwa 70% der autistischen Menschen sind gleichzeitig geistig behindert oder haben eine weitere Krankheit oder Behinderung. Die verbleibenden 30% schaffen es oft, ein selbstständiges Leben zu führen. Dennoch bleibt die Fähigkeit, einen emotionalen und engen
3 Zählt man das Asperger Syndrom hinzu, vergrößert sich die Zahl auf 93 von 10 000 betroffenen Personen und einem entsprechenden Verhältnis von 9:1 in der Geschlechterverteilung (vgl. Dodd 2000:10ff).
4 Der Begriff der tief greifenden Entwicklungsstörung wird von einigen Wissenschaftlern kritisiert, da er zu unspezifisch sei. Stattdessen solle ausschließlich der Begriff „Autismus-Spektrum-Störung“ verwendet werden (vgl. Dodd 2007:147).
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Arbeit zitieren:
Lena H., 2009, Ein Weg aus dem gefangenen Ich?, München, GRIN Verlag GmbH
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