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H. Karl Kopanitsak, Konfliktlösung in Gemeinden. Betrachtungen aus systemischer Sicht,
2011
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INHALT
Vorwort................................................................................................................ 5
TEIL 1
01 Einleitung 9
02 Warum überhaupt Gemeindebau? 15
03 Was wir von der Systemtheorie lernen können 19
04 Exkurs: Sekundäre Systeme und ihre Relevanz 31
05 Gemeindebau in der Vergangenheit 39
06 Die Qualität der Gemeinde 49
07 Gemeindesituationen verstehen lernen 61
08 Nach dem Herzen Gottes fragen 73
TEIL 2
09 Agiler Gemeindebau und die Einheit der Gemeinde 87
10 Gebunden im Geist vorwärtsgehen 105
11 Die Enthüllung der Gerechtigkeit Gottes 127
12 Echter Dialog: Zwischen Grenze und Freiheit 137
13 Vertrauen will Gott uns schenken 153
14 Vision und Auftrag 167
15 Weisheit im Gemeindebau ist notwendig 173
TEIL 3
16 Praktische Hilfen und Lösungsmöglichkeiten 179
17 Die hörende Gemeinde 227
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TEIL 4
18 Neu zur Ordnung der Gemeinde zurückkehren 245
19 Unser Kampf und die Bewahrung des Glaubens 261
20 Radikaler Umbau - ein Kraftakt der Gemeinde 287
21 Schlussbemerkung: Verantwortung und Gnade 297
Anhang 303
Wortlaut der sechs Barmer Thesen (1934) 305
Berliner Erklärung von 1909 308
Gemeinsame Erklärung von DEA und BFP 312
Literaturverzeichnis 317
Über den Autor 323
Vorwort
»Aber der Herr ist der Geist.
Wo aber der Geist des Herrn ist, dort ist Freiheit«. 2. Korinther 3, 17
Die Gedanken des vorliegenden Buches sind aus einem langjährigen Prozess des Verstehens und des eigenen Werdens entstanden. Das eine Wort, das den Ausführungen zu Grunde liegt, heißt: Einheit. Die Frage, die ich mir nach jahrzehntelangen persönlichen und auch gemeindlichen Kämpfen immer wieder gestellt habe, ist diese: Wie kann die von Gott geschenkte Einheit Seines Leibes bewahrt bleiben?
Zweifelsohne ist die Gemeinde Jesu Christi durch die vielen Jahrhunderte der Konflikte, Kämpfe und Spaltungen zu einem nur mehr schwachen Leib atrophiert. Aus eigener Schuld. Wohlgemerkt. Nicht Gott hat das bewirkt, sondern der Mensch selbst in seiner Auseinandersetzung mit dem Bruder und der Schwester. In seinem Egoismus, in seiner Selbstzentriertheit, in seiner Ablehnung des anderen hat er sich eigene Wege gesucht, Gemeinde zu verstehen und zu bauen. Auf Kosten der Einheit der Gemeinde. Inzwischen ist allerdings die Vielfalt des Leibes schon unübersichtlich geworden. Vielfalt ist aber an sich nicht das Problem; sie wird nur zum Problem, wenn einzelne sich von anderen bewusst absetzen, abschotten und andere der Nähe eines Geistes von unten bezichtigen. Dann wird es nicht nur gefährlich; es ist auch die Einheit des Leibes gefährdet. Und mehr noch: Dort, wo dem anderen die echte Gottesbeziehung weitestgehend abgesprochen wird, kommt die uns schnell umstrickende Sünde ins Spiel. Der Apostel Paulus schreibt den Hebräern: »Lasst uns abgelegt haben alles Beschwerende und die gern umstrickende Sünde« (Hebr 12,1). Es geht ihm um diese Sünde, die uns gern umstrickt und an uns haften bleibt - wie ein Kleidungsstück, das zu eng ist und unsere Bewegung behindern will. Es gibt nicht nur Beschwerendes; es gibt auch Sünde. Es geht um Zielverfehlung in Bezug auf die Gemeinde Jesu Christi. Hier muss sich jeder selbst fragen lassen, inwieweit er die Einheit des Leibes durch sein Denken und Handeln gefährdet oder bereits zerstört hat. Es geht damit auch um Verantwortung und Selbstverantwortung.
Wie kann aber die Gemeinde Jesu Christi ihren Lauf erfolgreich vollenden? Gott hat sie ja in diese Welt gestellt und wird sie - am Ende des Zeitlaufeszu sich entrücken. Wie ist sie darauf vorbereitet?
Persönlich habe ich in all den Jahren die herausfordernde Erfahrung gemacht, dass man viel Erkenntnis über das Wort Gottes haben kann, dennoch aber Sünde ständig beim anderen sucht. Den Balken im eigenen Auge sieht man nicht. Daher glaube ich, dass sich unser Denken, besser unser Denksinn, ändern muss. Und dann unser Handeln. Dann wird sich auch die Situation ändern. Gemeindlich, wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich. Doch keiner ist dazu in der Lage. Nur der Heilige Geist. Er möchte uns heute in Deutschland anrühren, führen und in Gottes Richtung lenken.
Propheten sind dabei Sprecher Gottes, die in einer lebendigen Beziehung zu Ihm stehen, von Ihm gesandt sind und Seinen Willen verkünden. Jesus selbst ist uns hier das Vorbild (Joh 14,19; LK 7,16; 24,19; Mt 21,46). Er ist der Prophet, der sich in unserem Reden offenbart und uns das Herz des Vaters zeigen will und auch zeigt. In diesem Licht möchte man das Buch lesen. Am Widerspruch wird jeder die Gewissheit erlangen, dass Gemeinde und Gemeindebau ausschließlich Werk Gottes sind. Dem Leser möchten die Augen geöffnet werden, die Gemeinde in »neuem« und anderen Licht zu sehen, als wir dies in den letzten Jahren erlebt haben.
Möge dieses Buch ein ernstes und ernsthaftes geistliches Suchen und Ringen auslösen, Gemeinde nach Gottes Bild zu bauen. Mit der Schrift hat Er uns den Bauplan gegeben. Aber wir müssen wieder neu lernen, auf Seine Stimme zu hören und ins Gebet gehen. Lasst uns diesen Aufbruch zu Veränderungen wagen. Globalisierung verändert mehr und mehr die Welt. Aber wir müssen Gemeinde wieder neu und lebendig gestalten.
Der Autor hat selbst während seines mehr als 20-jährigen Glaubenslebens in den verschiedensten Gemeinden und Denominationen diese Kämpfe unter den Geschwistern leidvoll miterlebt. Ob Landeskirche, charismatische, pfingstlerische oder evangelikale Gemeinde; immer wieder gab es Trennung, Spaltung, Leid und Unversöhnlichkeit. Gott hat der Gemeinde Ämter und Gaben gegeben, damit sie nicht hilflos und mutlos bleiben muss.
H. Karl Kopanitsak, im April 2011
TEIL 1
01 Einleitung
Die Tatsache, dass wir uns alle nach mehr von Jesus sehnen und damit auch nach mehr an Gemeinde, bleibt sicherlich unwidersprochen. Aber wie erfahren wir diese Nähe zu Jesus und diese Nähe in der Gemeinde? Indem wir mehr in der Schrift studieren? Indem wir intensiver ins Gebet gehen? Indem wir offener sind für das Wirken des Heiligen Geistes?
Sicherlich gibt es viele Möglichkeiten, die Nähe zu Gott und die Nähe zum nächsten zu suchen und zu fördern. Nicht zu vergessen die Nähe zu denen, die Jesus noch gar nicht kennen. Angesprochen ist damit unser Evangelisationseifer, der bei all der Gemeinschaft nach innen nicht fehlen darf und durch den die Gemeinde auch erst biblisch wächst. Dennoch können wir bei vielen Christen feststellen, dass die ursprüngliche Euphorie, Reich Gottes zu bauen, zwar noch nicht verflogen ist, aber der geistliche Anspruch dem Pragmatismus mehr oder weniger gewichen ist. Zunehmend wird erkannt, dass wir als Christen anderen Zeitströmungen (Esoterik, Individualismus, Vergnügungen, u.a.) die Oberhand gelassen haben. Die Kraft und die Dynamik der Gemeinde sind verloren gegangen.
Wie reagiert die Gemeinde darauf? Oder - mutiger formuliert: Wie wird sie wieder aktiv, die ihr von Gott in der Welt zukommende Rolle als »Himmel- fahrtskommando« stärkerwahrzunehmen? Viele Gemeindekonzepte haben in den letzten Jahren dazu ihren Beitrag geleistet. Nicht alle sind gleichermaßen akzeptiert worden. Manchen Konzepten wird gar das Etikett des Marketings angeheftet. Von daher sind in den letzten Jahren zahlreiche Grabenkämpfe entstanden, die auch noch beeinflusst sind durch die Auseinandersetzung zwischen Evangelikalen und Charismatikern. Das hat dem Leib Christi enorm geschadet. Noch ist nicht offensichtlich, wohin die Gemeinde des 21. Jahrhunderts tendiert. Gleichwohl sehen wir auch in der Gemeinde enorme Individualisierungstendenzen; manche sprechen sogar davon, dass sich die Gemeinde in Deutschland in Richtung Hauskirche entwickeln könnte. Dieses Entstehen von kleinen Zellen birgt sicherlich Chancen, aber zugleich auch Gefahren.
Häufig entstehen andere Gemeinden aus Enttäuschung, Trennung oder gar Spaltungen. Auf beiden Seiten bleiben Geschwister manchmal frustriert zurück, ohne wirklich Heilung erlebt zu haben. Das Thema »Heiligung« ist in vielen Gemeinden fast schon zum Fremdwort geworden. Viel mehr wird nach neuen Konzepten, nach neuen Methoden und nach neuen Ansätzen gesucht, Gemeinde nach der »eigenen« Vorstellung zu bauen.
Kann aber die Gemeinde Jesu aus diesem Kreislauf des »Immer-wieder-Neuen« aussteigen? Kann sie sich frei machen vom Hang nach »Neuem«, nach »Spek- takulärem«? Wirdsie die Spaltung aufgeben können, in die sie durch dieses Handeln hineingeraten ist? Wir leben in einer Zeit, die durch ungeheure Veränderungen geprägt ist. In keiner Epoche erlebte die Welt eine so rasante Umwälzung von Staaten, Regierungen, Technik und Erfindungen, gesellschaftlichen Veränderungen, gewalttätigen Auseinandersetzungen, wirtschaftlichen Zusammenbrüchen. Aber auch zu keiner Zeit ist die Welt so gefährdet, wie gerade heute. Der moderne Terrorismus ist nur ein Beispiel. Wir sehen den Planeten Erde »von oben«. Und wir erkennen, wie klein, unscheinbar und zerbrechlich dieses Stück »Erde« tatsächlich ist. Gemeinde braucht wohl »Heilung«. Der Heiland ist da, wird aber auch ausgeschlossen. Gemeinde existiert, hat aber aufgehört zu leben. Sie »zerbröckelt«, »zerfällt« und wird wieder »neu« aufgebaut. Haben wir diese »Wiederkehr des Gleichen«, über die der Philosoph Friedrich Nietzsche so leidvoll nachgesonnen hatte? Oder können wir uns von sog. Gemeindekonzepten, -Modellen und -Theorien endlich lösen und verabschieden? Brauchen wir sie noch?
Wir erleben andererseits, wie die Welt scheinbar zusammenwächst. Moderne Technologie, Internet und Web 2.0 haben es möglich gemacht. Aber Gemeinde Jesu »implodiert« auseinander. Zumindest steht sie in dieser Gefahr. Können wir es sehen? Können wir es fühlen? Können wir da noch Zuschauer bleiben? Oder gibt es jemand, der die »Bremse« zieht? Wenn ich mir die Apostelgeschichte veranschauliche, dann finde ich so viel Dynamik, so viel Kraft, so viele Impulse. Demgegenüber scheint Gemeinde in der heutigen Zeit an einem gewissen Scheideweg. Sie befindet sich in einer Situation, in der eine Richtungsentscheidung notwendig wird.
Kein Wunder, es hat in den letzten Jahrzehnten so viel gegenseitige Abneigung und Ablehnung, Verachtung und sogar »Verteufelung« (vgl. Berliner Erklärung) gegeben. Jesu Bitte im »Hohepriesterlichen Gebet« geht in eine andere Richtung. Er stellt uns die Vision des Himmlischen Vaters vor Augen:
»Ich bitte aber nicht für diese allein, sondern auch für die, welche durch ihr Wort an mich glauben werden, auf dass sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir; auf dass auch sie in uns ein seien, damit die Welt glaube, dass du mich ge-sandt hast« (Joh. 17, 20-21). Während die Gemeinde Jesu also mehr und mehr »auseinanderdriftet« und so der Bitte Jesu und der Vision des Vaters entgegenarbeitet, macht sich der Feind auf, Verwirrung und Unruhe zu stiften. Spätestens seit dem 11.09.2001 ist die Welt nicht mehr, wie sie vorher war. Der Tsunami in Süd-Ost-Asien (2004), die Erdbeben in Haiti (2010) und Japan (2011) mit der
Atomkatastrophe, die Weltfinanzkrise (2009) und die damit zusammenhängenden Finanzhilfen für ganze Staaten (Irland, Griechenland, Portugal) haben uns vor Augen geführt, dass der Mensch und die Menschheit an ihre natürlichen Grenzen gekommen sind. Auch die Gemeinde Jesu Christi ist heute mehr oder weniger an den Punkt angelangt, wo ihr zumindest Grenzen aufgezeigt werden. Hartmut Steeb, Generalsekretär der Evangelischen Allianz, spricht daher von einem »Anstoß zu neuer Entschlossenheit« und formuliert: »Nicht die Erstarkung anderer Religionen ist unser Problem, sondern eine schwächelnde und verunsicherte Christenheit« (vgl. EiNS!, 4/2010, Vorwort). Sein Tenor: Die Wahrheit des Evangeliums ist uns nicht als Waffe gegen andere Christen gegeben. Denn Wahrheit ohne Liebe ist wie Liebe ohne Wahrheit bedeutungslos - keine biblische Wahrheit, keine biblische Liebe. Bereits 1997 setzten sich die beiden Professoren Philip D. Kenneson und James L. Street (Selling out the church - The Dangers of Church Marketing, Nashville 1997; ISBN 0 -68701044-6) »vorsichtig und gründlich«, wie es in einer Rezension heißt, mit der Übernahme westlicher Marketingkonzepte durch eine zunehmende Anzahl christlicher Gemeinden auseinander. Auch hierzulande (vgl. Georg Walter, Der Angriff auf die Wahrheit, 2009) fehlt es nicht an kritischen oder warnenden Stimmen, wenn es darum geht, Stellung zu gegenwärtigen Bewegungen zu beziehen. Dennoch ist die berechtigte Frage, ob nicht die Liebe bei all den Auseinandersetzungen schlichtweg auf der Strecke bleibt.
In jüngster Zeit wird die Notwendigkeit innerer Analysen der Gemeinde durchaus erkannt (Kanwischer/Spincke, Das Gemeinde-Comeback, 2010). Die Feststellung, dass viele Gemeinden ihre rückläufigen Entwicklungen einfach ignorieren und sogar die Augen vor dem Ernst der Lage verschliessen, ist allerdings noch nicht bei allen angekommen. Noch traut man den gebeutelten Gemeinden ein sog. Comeback zu; aber es wird nur zum Teil berücksichtigt, dass vor allem erneut Strukturen, Prozesse und Organisation im Fokus der Betrachtung stehen. Es geht auch hier mehr um äußeren Gemeindebau. Fataler noch: Der Blick geht stärker auf die Gemeinde; das Herz Gottes und die Frage, wie Gott Seine Gemeinde sieht und bauen will, stehen dagegen weniger im Vordergrund. Wir sehen aber vor allem die Gefahr, dass mentale Einflüsse auf die Gemeinde zukommen bzw. schon lange auf sie einwirken. Die Schrift spricht von Wölfen und von falschen Propheten; von Menschen, die sich in die Gemeinde einschleichen, um sie zu verwirren. Dagegen möchten wir aufstehen.
Das Ziel des Buches ist daher die Betonung des »inneren Gemeindebaus«, ohne allerdings das Wesentliche der Evangelisation und der Mission vergessen zu wollen. Diese Betrachtung zieht sich durch alle Kapitel und Begriffs- definitionen hindurch. Dabei sind uns Beziehungen untereinander vorrangig.
Der Gemeinde von heute fehlen aber ganz offensichtlich praktische Ansätze, auf Veränderungen, Probleme, Auseinandersetzungen und vor allem Krisen zu reagieren. Gemeindebau in der Vergangenheit war mehr ein »Entwurf«, Gemeinde aus »geordneten« Zuständen zu entwickeln. Nicht oder weniger berücksichtigt wurde, dass die Gemeinde - wie Organisationen, Institutionen der Welt - ebenso in krisenhafte Verläufe gerät. Daher will der Agile Gemeindebau Gemeinde überhaupt und stärker noch aus systemischer Sicht beleuchten. Das Buch ist biblisch orientiert und biblisch ausgerichtet; von daher darf es auch als eine Art Nachschlagewerk zu bestimmten Themen verstanden werden. Es hat nicht den üblichen Verlauf in bestimmte Teile oder Abschnitte; vielmehr kann man sich die einzelnen Kapitel wie konzentrische Kreise vorstellen, die den Blick der Betrachtung von außen nach innen führenzum Herzen Gottes. Damit ist zugleich die Intention des Buches beschrieben. Kapitel 02 bis 06 beleuchten Gemeinde stärker in ihrem prozessartigen Werden und gehen der Frage nach, welche äußeren Einflüsse auf die Gemeinde einwirken. Ab Kapitel 07 bis 15 beschäftigen wir uns mehr mit den wichtigen Begriffen des inneren Gemeindebaus: Gemeinde verstehen, Herz Gottes, gebunden im Geist leben, Gerechtigkeit, Grenze und Freiheit, Vision und Auftrag einer versöhnten Gemeinde, Weisheit Gottes. Wir möchten dazu einladen, mehr und mehr die Perspektive Gottes zu sehen und von daher Gemeinde zu bauen. Kapitel 16 will daher ganz konkrete und praktische Hilfen zur Hand geben; hier geht es um einen gemeinsamen Prozess der Gestaltung von Gemeinde. In den Kapitel 17, 18 und 19 geht es um Hören - Kampf - Glauben, alsoum die Motivation für den Gemeindebau. Kapitel 21 nimmt uns schließlich in die Pflicht, unseren Auftrag als königliche Priester ernst zu nehmen.
Der Agile Gemeindebau ist ein Ansatz, Gemeinde in schwierigen Zeiten zu entwickeln, zu bewahren und zu stärken. Es geht um das Erkennen geistlicher Erneuerungsprozesse und um die Frage, wie Gefahren, Fehlentwicklungen, krisenhafte Verläufe und ähnliches in der Gemeinde entdeckt und behoben werden können. Welche Umgangsformen und Werkzeuge sind dabei notwendig? Und wie reagiert Gemeinde darauf? Jede Gemeinde ist anders; sie hat ihre ganz individuelle Entstehungsgeschichte, ihre ganz individuelle Entwicklung, ihre individuelle Struktur. Welche ganz individuellen Hilfen und Strategien findet jede Gemeinde für sich, um die Einheit zu bewahren? Es geht nicht um Modelle und Konzepte von außen, sondern darum, dass »… wir nicht mehr Unmündige seien, hin- und hergeworfen und umhergetrieben von jedem Wind der Lehre durch das betrügerische Spiel der Menschen, durch die Schlauheit, mit der sie zum Irrtum verführen, sondern, wahrhaftig in der Liebe, heranwachsen in allen Stücken zu ihm hin [oder: in ihn hinein], der das Haupt ist, der Christus. Von ihm aus vollbringt der ganze Leib, zusammengefügt und verbunden durch alle Gelenke, die einander
Handreichung tun nach dem Maß der Leistungsfähigkeit jedes einzelnen Gliedes, das Wachstum des Leibes zur Auferbauung seiner selbst in Liebe« (Eph 4,14-16). Erneuerung geschieht von oben her, von Gottes Geist her. Gott selbst ist der Handelnde. Aber wir dürfen um Erneuerung bitten. In unseren Herzen, in unseren Familien, in unseren Gemeinden. Von oben her fließt Gottes Gnade auf uns; der Mensch und die Gemeinde werden im Inneren erneuert. Und von da bricht Erneuerung nach außen, in unser Land. Nicht Angst, sondern Gottes Liebe ist die treibende Kraft.
02 Warum überhaupt Gemeindebau?
Jesus hatte sehr deutlich gesagt: »Ich will meine Gemeinde bauen« (Mt 16,18). Also Er selbst will sie bauen. Stören wir da nicht vielleicht manchmal eher? Sind wir Ihm nicht häufig genug ein Hindernis? Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass wir die »Dinge« oft selbst in die Hand nehmen wollen und Ihn dabei außen vor lassen. Ich muss mich ja nur selbst anschauen! Und dabei wünschen wir uns noch, dass Er unsere Arbeit doch bitte segnen möchte. Was für ein fataler Irrtum an Gemeindebauverständnis. Wie viele haben nach einer bewussten Gemeindespaltung oder ihrem Weggang versucht, selbst Gemeinde zu bauen. Und sind dann häufig genug ganz kläglich gescheitert. Vielleicht auch erst Jahre später.
Nirgendwo sonst aber wächst Gemeinde so radikal, so schnell und so nachhaltig, wie in Gegenden und mit Menschen, die sich scheinbar so wenig Gedanken über »Gemeindebau«, über Methoden, Konzepte, Strukturen, Funktionen und Prinzipien machen. China ist ein viel zitiertes Beispiel. Überall da, wo sich Menschen ernsthaft engagieren, wächst Gemeinde. Sie wächst ganz einfach; und wie von selbst. Und eines wird dabei offensichtlich: Die Welt hat sich verändert, die Gemeinde hat sich bewegt - und also muss sich auch der Einzelne ändern!
Um Gemeinde zu bauen (oder vielleicht auch bauen zu können), erscheint es mir notwendig, Gemeinde aber überhaupt erst zu »verstehen«. Also Fragen zu klären, wie die folgenden: Was ist Gemeinde? Was macht Gemeinde aus? Wie »funktioniert« Gemeinde? Was sind klar zu bestimmende soziale Prozesse im Gemeindeleben? Wie sind diese »gestrickt«? Wie bilden sich Meinungen, Strukturen und Festlegungen? Und jetzt nicht nur vom biblischen Standpunkt her - also vergeistlicht; denn Gemeinde ist ja in die Welt hineingestellt (worden). Der HERR baut Seine Gemeinde; aber Er baut sie eben mit und auch durch Menschen.
Gemeinde und Gemeindebau sind zwar immer »biblisch« gewollt - also davon gehe ich in jedem Fall aus -, aber wir haben es immer auch mit kulturellen und gesellschaftlichen wie auch mit sozialen Einflüssen zu tun. Insofern entsteht Gemeinde nicht in einem »biblisch-autarken« Raum. Die »Gemeinde-Typen« in der Offenbarung des Johannes zeigen das zu deutlich. Auch hier werden nicht alle Gemeinden gelobt, sondern laufen mehr oder weniger »aus der Spur«. Gleichwohl dürfen wir bei unserer Betrachtung nicht die Dimension des »Reiches Gottes« außer acht lassen. Die Schrift lehrt uns ja eindeutig, dass wir die »Einheit« der Gemeinde nicht erst noch herstellen müssen. Im Gegenteil: Wir sind schon jetzt geistlich eins! Das ist auch keine Frage mehr - und wird von den allermeisten so verstanden. Aber das eigentliche Problem ist
doch die Frage, wie wir diese Einheit auch tatsächlich bewahren können. Das ist die besondere Aufgabe und Kunst der Gemeinde vor Ort. Hierzu möchte der »agile Gemeindebau« mithelfen und dazu beitragen. Die wichtige und entscheidende Frage in diesem Zusammenhang ist dann aber: »Was tun wir konkret, um die Einheit der Gemeinde zu bewahren«? Also, anders ausgedrückt: Wie können Menschen aus unterschiedlichen Hintergründen, mit unterschiedlichen Denkstrukturen und Meinungen zu echter »Einheit« finden? Nach dem Ansatz der Systemtheorie (LUHMANN) 1 scheint »Einheit« nur auf der Basis selbstreferentieller Handlungen möglich zu sein. D.h.: Eine Gemeinde bezieht nur ihre eigenen Denkweisen und -strukturen in den Gemeindebau ein und gestaltet sich daraus. Das scheint sie vordergründig dann auch vor Spaltungen und Trennungen und »Auseinandersetzungen« innerhalb der Gemeinde zu bewahren. Aber tatsächlich nur scheinbar, wie wir noch im nächsten Kapitel sehen werden.
Ich denke also, dass soziologisches Denken beim biblischen Gemeindebau nicht einfach ausgeschlossen werden darf. Wir haben von der Schrift (logos) her Gottes Vorstellung von biblischem Gemeindebau. Der Heilige Geist öffnet uns in jedem Fall das Verständnis (rhema) und leitet uns (an) beim Gemeindebau. Und doch ist immer wieder die Frage, wie wir das Reden des Heiligen Geistes verstehen, aufnehmen, verarbeiten und umsetzen. Da haben viele doch andere Vorstellungen, woraus sich auch Denominationen, Strömungen und Bewegungen ergeben.
Gemeindebau nach »traditioneller« Weise hat es vordergründig mit unterschiedlichen Denkweisen und Bewusstseinsvorstellungen zu tun. Daraus entwickeln sich dann diese verschiedenen Formen des Gemeindebaus. Dies »widerspricht« aber im Grunde genommen dem biblischen Verständnis von Gemeindebau und läuft der Vision der Einheit entgegen. Von daher sehe ich »Agilen Gemeindebau«, wie ich ihn verstehe, zwischen dem neutestamentlichen Logos von Gemeindebau und den bestehenden Gemeindebaukonzepten angesiedelt. Es geht mir nicht um konkrete Formen, Strukturen und Funktionen, sondern um das Verstehen von Gemeinde und -bau; Gemeindebau wird so eher möglich oder doch einfacher. Wir müssen Gemeinde mitbauen; dazu hat uns der HERR den Auftrag gegeben. Aber die Ausformung der jeweiligen Gemeinde steht ideal-typischerweise nicht im Widerspruch zu anderen Gemeinden, sondern spiegelt nur ihre jeweilige Individualität und Identität wider.
1 Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie, 1993
Gott hat dazu Apostel und Propheten (Eph 4,11 ff) eingesetzt, auf deren Grundlage Gemeinde entstanden ist und auch immer wieder entsteht. Sicherlich haben wir heute nicht mehr diese »Über/Ur-Apostel«, wie wir sie von der Schrift her kennen. Aber immerhin - sie haben auch heute noch Ihren Auftrag. Auch denke ich, dass sie in der Lage und dazu bestimmt sind, Versöhner im Leib Christi zu sein; also Einheit im Leib Christi wiederherzustellen und auch zu bewahren. Gleichzeitig ist es die Aufgabe der Gemeinde, auf jemand anderen, nämlich auf Jesus, ihren HERRN, und also nicht auf sich selbst, zu verweisen!
Weltweit erleben wir heute, wie unvorhergesehene Ereignisse - etwa Terroranschläge, Naturkatastrophen, Finanz- und Wirtschaftskrise - zur Wirklichkeit geworden sind. Organisationen und sogar ganze Nationen müssen sich mehr denn je auf diese Extremsituationen einstellen. Das gilt in gleicherweise auch für die Gemeinde Jesu, die immer mehr unter Beschuss von unterschiedlichen Zeitströmungen kommt. Äußerliche Veränderungen, so wirksam sie auch sein mögen, helfen kaum wirklich. Es bedarf innerer Veränderungen im Gemein- debau.
03 Was wir von der Systemtheorie lernen können
Um Gemeinde überhaupt zu verstehen und um zu begreifen, wie eine Gemeinde »funktioniert“, wie sie sich »verändert« bzw. mehr noch »verfestigt“, wie sie sich entwickelt und wie sie kommuniziert oder sich auch nach außen hin »abschottet“, um damit ihre Identität und/oder Individualität zu bewahren, erscheint mir das Reflektieren über LUHMANNs Systemtheorie brauchbar und sinnvoll. Wir können damit gut erfassen, was Gemeinde als soziales Gebilde in ihrem Innersten ausmacht und zusammenhält. Auch können wir dabei eher lernen, welche konkreten Probleme beim Gemeindebau entstehen können bzw. überhaupt existieren. Nicht dass man mich falsch versteht: Ein biblisches Gemeindeverständnis schenkt letztlich nur der Heilige Geist. Und doch müssen wir Gemeinde - wie überhaupt das Haupt, nämlich Jesus - auch erst »sehen“, »anschauen« und (im wahrsten Sinne des Wortes) »begreifen« sowie »betasten“, um tatsächlich Gemeinde leben zu können. Das ist unsere menschliche Aufgabe am Gemeindebau.
Ist die Gemeinde eins?
Ich gehe bei meinen Überlegungen davon aus, dass »Einheit« nichts Statisches ist, sondern etwas höchst »Dynamisches“. Einheit des Geistes und Einheit des Leibes ist sogar etwas sehr Bewegliches. Sie ist spannende Vielfalt. Einheit ist geistlich zwar vorgegeben (durch die Bekehrung zu Jesus und die Eingliederung in die Gemeinde); aber sie vollzieht sich erst in der konkreten Begegnung mit dem anderen. Insofern ist Einheit nicht »einfach“. Sie ist immer wieder gefährdet. Es geht auch nicht um Gleichklang, sondern um Zusammenklang. LUHMANNs Systemtheorie macht das, wie wir noch sehen werden, sehr deutlich. Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang zu betonen, dass »Einheit« immer auch gewollt sein muss. Das ist quasi die Voraussetzung für biblischen Gemeindebau. Es gibt keine fruchtbare Zusammenarbeit ohne wirkliche Einheit. Auch gibt es keine wirkliche Einheit ohne echtes Bemühen darum. Dazu aber ist jeder in der Gemeinde unwiderruflich aufgefordert. Und das macht überhaupt nur verständlich, warum Jesus um diese Einheit gebetet hatte. »Einheit« entsteht tatsächlich - und mehr noch - immer wieder »neu“. Das klingt zunächst widersprüchlich zu dem Gesagten. Und ist doch kein Widerspruch in sich. Denn wenn sie echt sein will, dann darf sie kein »Dogma« sein, sondern muss sich in Gegenwart und Zukunft immer neu »beweisen“ bzw. bestätigen. Dadurch erst wird Gemeinde nach außen hin »offen« - nicht im Sinne von Beliebigkeit, sondern im Sinne von »Freiheit«. Paulus ist ja doch dem Griechen ein Grieche geworden, dem Juden ein Jude ..., »damit er möglichst viele gewinne» (1. Kor. 9). Anders ist Gemeinde, meines Erachtens, auch gar nicht möglich. Sie
ist - um es bildlich zu sagen - eine »Bewegung« des Heiligen Geistes. Sie ist nicht unser Eigentum, unser Besitz, unsere Identität! Wir gehören Christus und unsere einzige Identität ist in Ihm.
Wenn aber »Einheit« immer wieder »neu entsteht« bzw. sich immer erst wieder neu finden (soziale vs. geistliche Einheit) und/oder konstituieren muss, dann ist auch klar, dass Gemeinde offen sein muss für Veränderung. Ohne Veränderung, können wir daher sagen, gibt es keine echte Einheit. Auch bedingt und (er-)fordert Einheit geradezu Veränderung. So verstehe ich die Schrift. Und damit rede ich jetzt keiner Philosophie und auch keinem Gnostizismus Bahn. Im Hohenpriesterlichen Gebet (Joh. 17,21-23) betet Jesus ja geradezu diese äußerst komplizierten »Dinge«, die uns zur Einheit ermutigen wollen:
»... damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns eins seien, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst«. Jesus ging und geht es also um »vollkommene Einheit“, nicht um »ge-spielte«, erzwungene oder (ein-)geforderte Einheit, sondern um Einheit »in Freiheit«. Einheit wird »von oben« gegeben (geistliche Einheit); aber sie wird »von unten« (soziale Einheit) auch bestätigt bzw. mehr noch: »Vollkommene Einheit« erfordert sogar diese gegenseitige Bestätigung. Damit ist Gemeinde zugleich immer auch »unterwegs«. Und in diesem Unterwegssein erwartet sie ihren HERRN. Das Problem, das ich daher sehe, ist: dass »Einheit« einerseits häufig »nur« rein geistlich verstanden wird, ohne aber den Prozess, wie Einheit immer wieder bewahrt wird oder bewahrt bleiben muss, zu beachten oder zu betrachten. Andererseits wird »Einheit« quasi »selbst« definiert und (fast) alle Einflüsse von außen »abgewehrt«. Man versteht also Gemeinde nur »von oben« her oder baut sie sich selbst. In Wirklichkeit baut aber der HERR die Gemeinde - und Er hat Seinen Schatz ganz bewusst »in irdene Gefäße« (2. Kor. 4,7) gelegt. »Einheit« ist daher mitnichten ein »stilles Einverständnis« untereinander, sondern vollzieht sich im Prozess der Kommunikation. Menschen sprechen, reden, kritisieren und argumentieren miteinander - und in diesem Prozess eben »ereignet« sich Gemeinde und auch »Einheit“. Daher ist Kommunikation immer wieder wichtig. Ein Handeln in und aus Liebe lässt dabei die Herzen gleich schlagen. Gemeinde als System
Der Begriff »System«, den ich kurz in die Diskussion einführen möchte, kommt aus dem Griechischen und meint so viel wie »Zusammenstellung«. Ein System ist also durch ein Geflecht von Beziehungen und Wechselbeziehungen definiert, das sich von seiner Umwelt abgrenzt. Diese Bezie- hungen bilden quasi die Struktur eines Systems. Für das Verständnis der
Dynamik eines Systems ist das Erkennen dieser Strukturen von grundle-gender Bedeutung. Erst dadurch sind auch praktikable Veränderungen möglich, ohne dass das System in sich zusammenfällt. Aber auch nur so kann es bewahrt bleiben vor allzu starken Einflüssen von außen.
Auf die Gemeinde bezogen bedeutet dies, dass die Mitglieder einer Ge-meinde und das Netz ihrer Beziehungen eine bestimmte Gemeindestruktur repräsentieren. Je nach dem wie diese Beziehungen zueinander sind, welche Meinungen und Vorstellungen, religiöse Überzeugungen und Grundeinstellungen vorherrschen, lässt sich Gemeinde als »evangelikal“, »charismatisch«, »pfingstlerisch« oder sonst wie einstufen. Das ist zunächst nicht negativ zu verstehen, sondern umschreibt wertneutral nur ihre innere Struktur, die sie von anderen - zum Teil fundamental bzw. sogar radikal - unterscheidet. Diese Struktur ist es aber auch, die ihr Wachsen, Schrumpfen oder ihren Rhythmus bestimmt. Darin eingebunden sind »alle« Mitglieder des Systems, woraus sich ein bestimmtes Maß von Integration und Geschlossenheit zueinander ergibt. Entsprechend ist die Beziehung nach außen. Jedes System, und also auch jede Gemeinde, ist darauf be-dacht, alles sie »verneinende« auszuschließen - seien es jetzt andersartige Überzeugungen, religiöse Anschauungen oder theologische Differenzen. Das ist die Stärke einer Gemeinde; aber gleichzeitig auch ihre Schwäche, wenn nämlich notwendige und/oder erforderliche Veränderungen abge-lehnt und - bewusst oder unbewusst - nicht angegangen werden. Die Wahl der Diakone in APG 6 ist ein beredtes Beispiel dafür, wie auf eine bestimmte Situation aber passend reagiert worden war. Normalerweise kennen wir im Gemeindebau die Begriffe wie »Leib« (Röm 12,3-8; 1 Kor 12,4-30; Eph 4,11-16) als Organisation in Vielfalt und Einheit, »Tempel« (1. Kor. 3,16; 2. Kor 6,16-17; Eph 2,19-22; 1. Petr 2,4-5) als Gegenwart GOTTES und Anbetung in Heiligkeit und Gehorsam, »Herde« (Joh 10,1-16; Lk 12,32; APG 20,28-29; 1. Petr 5,2-4) als geleitete und geschützte Gemeinschaft oder auch »Weinstock« (1. Kor 3,6-9; Joh 15,1-8; Gal 5,22) als Erwählung zu Wachstum und Fruchtbarkeit. Daneben aber auch Begriffe wie »Braut« (Eph 5,25-32; Mt 25,1-13; Off 19,7-9; 21, 2-4.9-10) als Betonung der ausschließlichen Liebe zu JESUS und der Vorbereitung auf sein Kommen, »Heiliges Volk« (1. Petr 2,9; Off 1,6) als Herausstellung der Erwählung, Heiligkeit und Zusammengehörigkeit unter Gottes Leitung sowie »Licht« (Mt 5,14-16; Phil 2,15) als Orientierung und Hinweis auf Gott. Damit sind die biblischen Vorstellungen der Einheit des Leibes Christi definiert. Es sind geistliche Begriffe, die Gottes Sehnsucht nach Einheit (Joh 17,21) ausdrücken. Und doch sehen wir, dass schon in der neutestamentlichen Gemeinde das Problem der Uneinigkeit oder fehlenden Einheit (vgl. 1. Korinther; Epheser) gegeben war. Die Frage, die sich damit für den Gemeindebau stellt, ist: Wie können Menschen Gottes Absichten und Plänen mit
Seiner Gemeinde gerecht werden und also Gemeinde entsprechend bauen? Genau das aber führt uns zum System-Gedanken! Systeme, und also auch Gemeinden, haben nämlich eine bestimmte »Grenze« gegenüber ihrem Umfeld, ihrer Umwelt. Diese Systemgrenze definiert alles, was zum System/zur Gemeinde gehört, passt und (gerade) noch angenommen wird; alles andere liegt außerhalb und kann nur Einfluss ausüben, Druck verursachen oder Veränderung bewirken wollen. Die Stabilität der Gemeinde ist davon abhängig, wie sie darauf reagiert. Biblisch gesehen bildet die »Welt« (Mt 18,7; Joh 15,18; 16,33; 18,36; Röm 12,2; 1. Kor 2,12; 3,19; 6,2; 7,31; 2. Kor 4,4; Gal 1,4; 6,14: 1. Joh 3,1; Jak 1,27; 4,4) oder das »fleischliche Wesen« (Röm 8,5; 1. Kor 3,3; 2. Kor 1,12; 1. Petr 2,11-12) diese Grenze. Tatsächlich aber ziehen Gemeinden untereinander solche (nicht-biblischen) Grenzen. Im Extremfall führt dies zur Spaltung oder sogar zum Tod einer Gemeinde, wenn sie nämlich nicht mehr in der Lage ist, die Beziehungen in Einheit zu bewahren.
LUHMANN (1993) 2 hat nun in seiner Systemtheorie klar gemacht, dass Systeme eine Differenz zwischen sich und der Umwelt, zwischen Innen und Außen stabilisieren. Sie formen sich also quasi ein »Regulativ« (Gemeindeidentität), das alle auf sie einströmenden Einflüsse in einer für sie inhärenten Weise verarbeitet. Mit anderen Worten: Eine Gemeinde nimmt nur die »Impulse« von außen auf, die auch systemimmanent sind; alles andere wird »herausgefiltert«. Eine Gemeinde verfestigt damit ihre eigenen Anschauungen und Einstellungen; d.h.: sie tut dies »bewusst«. So entsteht ihre (Pseudo)Identität und »Ordnung«. Das Wissen um diese Prozesse und Strukturen berührt aber unmittelbar die Frage nach Stabilisierungs- und/oder Veränderungschancen. Denn heutige Gemeinde baut sich zum Teil tatsächlich so auf wie weltliche Institutionen und Organisationen - mit der vermeintlichen Legitimation des Wortes Gottes. Aber Jesu Ansinnen ist es nicht. Er will echte Einheit, d.h. »geistliche Einheit“, die über jede Form von Denomination oder Richtung hinausreicht.
Jedes entwickelte soziale System (Gemeinde) muss dabei nach Talcott PARSONS, einem der bekanntesten amerikanischen Soziologen, vier Grundfunktionen erfüllen:
- Anpassung an die Umwelt (adaptation) i.S.v. »Differenz«, »Grenze«
- Zielverwirklichung (goal-attainment)
- Integration (integration)
- Strukturerhaltung (latent pattern maintenance) Anpassung und Zielerreichung bezeichnen den »Außenbezug«; Integration und Strukturerhaltung beziehen sich auf die inneren Prozesse. Dieses sog. AGIL- A.a.O.,Niklas Luhmann, Soziale Systeme … 2
Schema schafft und verfestigt gewissermaßen die Form und Struktur einer Gemeinde. Das Problem und die häufige Not, die sich aus system-theoretischer Sicht daraus ergeben, sind: dass komplexe Systeme, wie z.B. eine Gemeinde, sich dadurch mit sich selbst beschäftigen »müssen«. LUHMANN hat hierfür die Begriffe »Selbstreferenz« (oder auch »Selbstreferentialität«) und »Autopoiesis« geformt und in die Systemtheorie eingearbeitet. Es ist wichtig hierbei zu betonen, dass diese Begriffe besondere »Kennzeichen der Kultur der Moderne« (NÖTH, 2004) 3 darstellen. Beim Computerspiel z.B. erreicht diese Selbstbezüglichkeit der Kommunikation seinen Höhepunkt. Und auch viele Gemeinden drehen sich nur noch um sich selbst, ohne dem Missionsauftrag tatsächlich gerecht zu werden. So entwickelt sich Gemeinde immer mehr aus unzufriedenen oder aus dem System selbst erwachsenden Gliedern.
»Selbstreferenz« (Selbstbezug, Selbstbezogenheit) ist dabei die Eigenschaft oder auch die »Fähigkeit« bzw. »Leistung« von Systemen, sich auf sich selbst statt auf die Umwelt (Jesus: »Geht hin alle Welt«) - zu beziehen, sich also von der Umwelt abzukoppeln. Für die Gemeinde zeigt sich die Tendenz darin, dass sich die Mitglieder eher an internen Verhaltens- und Sprachregeln orientieren als an der Wirkung gegenüber äußeren Einflüssen. Das hat für ihr Fortbestehen und ihre Entwicklung Konsequenzen: Sie produziert einerseits Mitglieder, die sich in ihr Denken und Handeln einfügen oder einfügen lassen; andererseits ist alle Information und Kontrolle daraufhin ausgerichtet. Allerdings bedeutet »Selbstbezug« nicht schon gleich »Isoliertheit«. Denn Gemeinde lebt ja - qua Auftrag - davon, Jünger zu machen; also Menschen zu Jesus zu führen und sie aus der Welt zu »holen«. Auch ist »Selbstreferenz« nicht unbedingt immer negativ zu verstehen - im Gegenteil: Es geht um die »Einheit«, die ein System für sich selbst darstellt. Wie diese Einheit dann im Einzelnen aussieht, ist allerdings eine andere Frage. Einheit ist eben nicht immer schon gleich »Einheit«.
Ähnliches gilt für den Begriff »Autopoiesis«. Der Begriff ist zusammen-gesetzt aus den griechischen Begriffen »autos« = selbst und »poiein« = machen. Autopoietische Systeme sind also solche, die sich »selbst machen« können. Selbstherstellung und Selbsterhaltung sind somit Grundeigenschaften dessen, was als »Autopoiesis« bezeichnet wird. Autopoiesis ist der Vorgang, die Einheit immer wieder neu herzustellen; denn Gemeinde ist durch die Einflüsse von außen (Welt, falsche Lehre, ungesunde Lehre, Irrlehre, neue Lehre, u.a.) dazu gezwungen. Dabei besteht aber immer auch die Gefahr des Eigenlebens. Denn Einflüsse von außen werden zwar aufgenommen; aber in welcher Weise sie in die Gemeinde integriert werden, wird durch die innere Verarbeitung bzw. Winfried Nöth, Formen der Selbstreferenz in den Medien. In Schnitt-Stellen: Erster 3
Basler Kongress für Medienwissenschaft. Hrsg. von S. Schade, T. Sieber und G. C. Tholen. Basel: Schwabe. Im Druck, 2004
die Kultur einer Gemeinde selbst bestimmt. Das macht es dann häufig schwierig, als »Neuer« in die Gemeinde zu finden. Der Begriff erinnert in seiner Bedeutung an die »Selbtsauferbauung des Leibes in Liebe«, wie wir ihn aus Eph 4,16 kennen. Dort heisst es: »Von ihm (Christus) aus vollbringt der ganze Leib, zusammengefügt und verbunden durch alle Gelenke, die einander Handreichung tun nach dem Maß der Leistungsfähigkeit jedes einzelnen Gliedes, das Wachstum des Leibes zur Auferbauung seiner selbst in Liebe« (SCHLA). Dort ist es das »System« als äußere Form, hier ist es die Liebe als innerer Antrieb des Heiligen Geistes (Röm 5,5; 15,30; 2. Kor 5,14; Gal 5,22). Die Gefahr in der heutigen Gemeinde besteht jedoch darin, dass sie nicht nur die »Welt« und das »fleischliche Wesen« zur Erhaltung ihrer vermeintlichen Einheit aus-schliesst, sondern eben auch gläubige Christen, die unterschiedliche geistliche Erkenntnisse haben.
Gemeinde denken und entwerfen?
»Systeme« wie eine Gemeinde sind nun normalerweise durch Zwecke und Ziele bestimmt. Die Gemeinde hat auch tatsächlich diesen Auftrag, »Licht und Salz« in dieser Welt (Mt 5,13-14) zu sein, das Evangelium in die Welt hineinzutragen und so Jünger zu »machen« (Mt 28,19). Sie erfüllt diese Aufgabe nunmehr seit über 2000 Jahren - mehr oder weniger - »erfolg-reich« bzw. fruchtbringend. Die Frage ist aber, ob sich Gemeinde auf diese nur rein funktionale Art reduzieren lässt und ob nicht die Beziehung der Menschen untereinander in einen sehr viel stärkeren Bezug zueinander gestellt werden muss, um Einheit zu bewahren. Immerhin will der HERR Jesus seine Gemeinde »herrlich« und »ohne Flecken und Runzeln« (Eph 5, 27; Off 19,7-8) dargestellt wissen, wenn Er wiederkommt.
Gemeinde existiert daher mitnichten in einem »umgebungsfreien Raum«, so dass ihre Entwicklung problemlos verlaufen könnte. Immer sind es Einflüsse von außen, die auf sie einwirken, sie berühren und manchmal sogar in Frage stellen. Wie reagiert sie darauf? Was tut sie, wenn unterschiedliche Meinungen und Vorstellungen über konkrete Zwecke und Ziele auftauchen? Kann sie diese divergierenden Impulse ernsthaft »versöhnen«? Sie ist ja doch hineingestellt in dieses Spannungsfeld zwischen Gemeinde und (Um-) Welt. Und darin hat sie sich auch zu bewähren. Es gibt damit quasi diese permanente Notwendigkeit, auch »Stellung« gegenüber Menschen, Meinungen und deren Absichten zu beziehen - und nicht nur gegen die Welt. Das aber erfordert einen Prozess der »Selbstfindung« der Gemeinde - und zwar immer wieder und auch auf neue Weise.
Wir können zwar Gemeinde »denken« und »bauen«; aber wir brauchen auch gemeinsame Vorstellungen von dem, was und wie sie ist und was sie konkret
ausmacht. Dies ist ihr nicht automatisch und wie »von selbst gegeben«. Immer wieder verstehen ja Menschen ihre Gemeinde »anders« als der Bruder oder die Schwester in der Nachbarreihe. Veränderungen aber erfordern diese Art von »Selbstreflexion«. Einer der Gründe für das Scheitern von Gemeinden oder für krisenhafte Entwicklungen ist daher auch in der fehlenden Bereitschaft zu sehen, die Dynamik des Umfeldes als für sie »konstitutiv« anzuerkennen und positiv damit umzugehen. Wenn wir uns aber in der Gemeinde dieses Defizits stärker bewusst wären, könnte Kommunikation eine viel größere Rolle spielen. In Japan z.B. wird über ein Problem so lange gesprochen, bis ein Konsens gefunden ist. Das erfordert selbstverständlich Geduld, gegenseitiges Vertrauen und ein gewisses Aufeinanderzugehen. Aber auch nur so kann Gemeinde »attraktiv« sein und wachsen. Nur so wird sie auch ihrer Rolle in der Welt gerecht. Aber wie weit sind wir doch heute in unseren Gemeinden davon entfernt. Echte Kommunikation, Wissen um die Bekehrungsgeschichte des Bruders oder der Schwester, Anteilnahme an den Nöten des anderen - all das finden wir nur noch selten! Die Gemeinde hat ihren formalen Charakter gefunden, von dem sie sich nur schwer lösen kann. Echte koinonia sucht man in ihr häufig vergeblich. Der Prozess des Kommunizierens miteinander darf aber nicht nur etwas Institutionalisiertes sein, sondern muss mehr noch eine Bereitschaft und eine Bewusstseinseinstellung werden. Er kann ein regelmäßiges »Warm-up« über die Gemeindeatmosphäre sein, wie das beispielsweise im Wörnersberger Anker, einer christlichen Lebensgemeinschaft, geschieht; da werden oder wurden zweimal im Jahr regelmäßige Treffen abgehalten, bei denen über die gegenseitigen Beziehungen und die Aktivitäten gesprochen wurde. Es gehörte sozusagen zum »Lebenselixier« der Gemeinschaft, solche Treffen zu haben. Entsprechend können in einem solchen Prozess Fragen der Zukunft der Gemeinde, der Innovation, des effektiven Handelns, des Beziehungsgefüges, u.a.m. abgeklärt werden.
Ich habe selbst immer wieder die Erfahrung gemacht, dass häufig über ziel-orientierte Handlungen (Evangelisation, Lobpreis, u.ä.) gesprochen wird; aber eine allgemeine und gemeinsame Abschätzung der Gemeindesituation gab es nicht. Und wenn schon, dann erst bei krisenhaften Situationen. Einen echten Freiheitsspielraum, über Gemeinde zu sprechen, nicht nur, wie sie ist, sondern wie sie sein könnte und wie der einzelne sie sich vorstellt bzw. auch erlebt, gibt es nur selten.
Es ist dies ein dauernder »Prozess der Versöhnung« in der Gemeinde, wie ich ihn mir aber vorstelle. Versöhnung findet allzu häufig erst zu spät statt. Dann nämlich, wenn Schuld und Schuldeingeständnis da sind. Aber die Schrift sagt uns, dass wir schon »vorher« versöhnt wurden durch das Werk Jesu Christi. Versöhnung ist also vorgelagert, sie ist nicht eine Reaktion Gottes auf den Menschen, sondern Seine Aktion auf die Freiheit des Menschen hin. Insofern
können wir immer »Versöhner« sein - Versöhner nach innen, und dannselbstverständlich - Versöhner nach außen.
Im Systemansatz wird nun neben der Differenz System - Umwelt auch die Differenz Teile - Ganzes betrachtet. Normalerweise wird es als selbstver-ständlich betrachtet, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. In der systemtheoretischen Betrachtung ist aber gerade das Gegenteil die Wirklichkeit! Und das hat auch für jede Gemeinde Konsequenzen. Jedes einzelne Mitglied hat zwar von Gott Gaben und Fähigkeiten (vgl. 1. Kor 12 und 14) erhalten; das sind großartige Potenziale an die Gemeinde. Aber das gemeindeimmanente System legt dem einzelnen oft auch Beschränkungen oder auch Selbstbeschränkungen »im Interesse« der Gemeinde (»Identität“) oder einiger Weniger auf. So haben z.B. Frauen, obwohl sie großartige Gaben haben, in manchen Gemeinden nicht die Möglichkeit, diese für den Bau des Reiches Gottes einzusetzen. Leitung vor der Gemeinde und Lehre, Ältestendienst, Austeilen des Abendmahls, u.a. sind ihnen in manchen Gemeinden verwehrt. Ähnliches gilt generell z.B. für die Themen wie »Zungengebet« und »-sprache«, »Taufe im Heiligen Geist«, »Heilung« und »Heiligung«. Die Potenziale einer Gemeinde, ihre von Gott geschenkten Gaben und Fähigkeiten, werden dadurch aber begrenzt und beschnitten. Es ist dies quasi die »Selbstbeschneidung« der Gemeinde zu ihrem eigenen Nachteil. Insofern ist dann das Ganze selbstverständlich weniger als die Summe der Teile! Ich denke, heutige Gemeinde muss da radikal umdenken, wenn sie einen »fruchtbaren« Weg gehen will. Wir sollen nämlich »alle zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen« und »zum Maß der vollen Größe des Christus« (Eph 4, 13) hinwachsen. Und das schließt jeden ein, Mann wie Frau; jeden einzelnen, welche Gaben und Fähigkeiten er auch immer haben mag. Eine versöhnte Beziehung zwischen den Gemeindemitgliedern ist daher nicht nur wünschenswert, sondern in der Schrift, wenn man sie ernsthaft erforscht, (vor-)gegeben. Danach müssen wir streben. »Versöhnte Gemeinschaft« bezieht sich aber auch auf den Umgang mit unterschiedlichen theologischen Auffassungen und auf Unterschiede im Schriftver-ständnis. Nur wenn eine Gemeinde zu einer voneinander lernenden »Organisation« wird, kann Einheit auch tatsächlich gelebt werden. Damit meine ich das ständige Bemühen um das gegenseitige Verstehen und Vertrauen. Es ist ein Willensentschluss, wenn ich mich in den anderen hineindenke und versuche, ihn zu verstehen. Dietrich BONHOEFFER hat uns ja gelehrt, wie tatsächlich Gemeinschaft entsteht - indem ich nämlich den Bruder »erleide«. D.h.: Der andere ist mir »gegeben« und ich bin in diese Beziehung mit ihm gestellt, damit wir alle zum diesem vollen Maße gemeinsam heranreifen. 4 Ich kann mir den anderen also nicht einfach aussuchen. Gemeinde wächst nicht Dietrich Bonhoeffer, Gemeinsames Leben, 1988 4
nach meinen Vorstellungen, sondern nach Gottes Vorstellungen. Aber wie lange muss Er warten, bis Er wieder kommen »kann«. Allzu häufig wird auch die Frage gestellt: »Was ist Gemeinde«? Und dann werden Bibelstellen - z.T. zu Recht - als Belege angeführt, um die eigene Gemeinde(philosophie) zu »begründen«. Meines Erachtens ist es aber genauso wichtig zu fragen: »Wie ist Gemeinde möglich«? Wir bleiben damit nicht beim Problem der »Selbstreferenz« stehen, sondern sehen auch die Notwendigkeit der »Fremdreferenz«. Gemeinde muss nämlich offen sein für das, was Gott immer auch konkret neu wirken will. Das heißt dann, dass wir den Heiligen Geist nicht dämpfen! »Offenheit« ist also etwas, was keine Angst machen sollte, sondern - im Gegenteil - Chancen für fruchtbaren Gemeindebau eröffnet. Insofern widersprechen sich »Geschlossenheit« und »Offenheit« keineswegs - und schließen sich auch nicht gegenseitig aus.
Strategieentwicklung in der Gemeinde?
Wir haben gesehen, dass jede Gemeinde ein bestimmtes Maß an Inte-gration und Geschlossenheit besitzt. Die Beziehungen innerhalb einer Gemeinde folgen einer gewissen Ordnung, haben eine gewisse Kontinuität und Regelmäßigkeit. Und doch ist Offenheit, wie es auch einem system-theoretischen Postulat entspricht, notwendig. Von daher muss Gemeinde umdenken. Für strategische Überlegungen in der Gemeinde bedeutet dies, den Grundsatz der Bewahrung von Flexibilität ernst zu nehmen. Beim Gemeindebau gibt es nämlich immer gleichzeitig unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten. In einem (mehr oder weniger) geschlossenen System werden jedoch von vornherein bestimmte Möglichkeiten - quasi systemimmanent ausgeschlossen. Dadurch entstehen »einspurige« Strategien, die sich auf die jeweilige Gemeinde verengen. Über den eigenen Tellerrand hinaus wird nicht oder kaum geschaut.
Wenn wir für Gemeinde »Strategien« entwickeln, dann meinen wir - wie auch immer wir es jetzt konkret formulieren oder denken - häufig u.a. an folgendes: Leitbild-Verständnis (Was ist unser Selbstverständnis als Gemeinde?), Positionierung (Wie sehen wir uns? Wie wollen wir von anderen gesehen werden?), Kompetenzen (Gabe, Fähigkeiten, Fertigkeiten) sowie konkrete Aktionen (Konsequenzen daraus, Aktivitäten). Das ist entweder schriftlich formuliert oder zumindest doch allgemeiner Gemeindekonsenz, d.h. das Verständnis: So und genauso bauen wir Gemeinde. Im Sinne der Flexibilität kommt dabei den Kompetenzen eine besondere Bedeutung zu. Sie sind es immerhin, die darüber entscheiden, was und wie etwas in der Gemeinde angegangen oder nicht angegangen wird. In der Praxis sieht es allerdings häufig so aus, dass nicht alle Gaben und Fähigkeiten be-
bzw. geachtet werden. Es gibt quasi eine geistliche »Auslese« - ob bewusst oder unbewusst, sei dahingestellt -, die häufig zu Unfrieden und Unzufriedenheit in der Gemeinde führt. Nicht selten verlassen Geschwister die Gemeinde oder haben innerlich bereits gekündigt. Die Frage, die sich dabei für den Agilen Gemeindebau stellt, ist folgende: Wie kommt ein gemeinsames Handeln zustande, das alle Möglichkeiten der Gemeinde einschließt? Wenn wir die letzten Jahre betrachten, dann sehen wir, dass immer wieder Versuche da sind, aus diesem »begrenzten« oder »begrenzenden« Rahmen eines althergebrachten Gemeindeverständnisses herauszukommen oder gar auszubrechen. Ob nun Viynard-Bewegung, Hauskirchen-Bewegung oder emerging church - häufig sind es die systemimmanenten Zwänge, die zum »Aussteigen« bewegen. Mit der Konsequenz der weiteren Schwächung des Leibes Christi. Nicht notwendigerweise; aber immer häufiger. Und immer sind es einzelne Menschen (Geschwister!), die verletzen und/oder verletzt werden. Gerade das scheint mir das Dilemma der heutigen Zeit. Wir erleben eine »Multi-Kulti-Gemeinde«, die kaum noch ein echtes Zeugnis für die Welt ist. Alles oder vieles ist - wie in der Welt selbst - austauschbar geworden. Von daher bleibt tatsächlich zu fragen, was wir ernsthaft voneinander ler-nen können und lernen wollen, ohne uns »abzuschotten« oder gar eigene Wege zu gehen. Scheinbar biblisch in den meisten Fällen, aber doch allzu oft auf Kosten der Einheit des Leibes. Es ist schon eine berechtigte Frage: »Management« - oder »Versöhnung« in der Gemeinde? Und doch denke ich, dass wir nicht unbedingt beides gegeneinander ausspielen können. Beides hat seine Berechtigung und auch seinen Stellenwert in der Ge-meinde. Jeder Kontakt, sagt schon der Soziologe Niklas L. LUHMANN, ist bereits ein »System«. Das bedeutet dann auch, dass jeder »Nicht-Kontakt« sich zu einem »System« verfestigt. Genauer gefragt: Wie sind die Beziehungen und Kontakte innerhalb der Gemeinde strukturiert? Wo bilden sich Gruppen und/oder Gegengruppen? Wo werden Menschen, ob bewusst oder unbewusst, aus sozialen Beziehungen ausgeschlossen? Wie entwickeln sich »Gegenbewegungen«? Oder auch »Gegenströmungen«? Wo regt sich Widerstand? Was geschieht, wenn andere in die Gemeinde kommen? Mit anderen Vorstellungen, anderem geistlichen Hintergrund? Dann erleben wir das, was Niklas A. LUHMANN von der »Selbstreferenz« im Allgemeinen sagt: Sie entfaltet ihre eigene Geschlossenheit über den »kontrollierten Umgang mit der Negation«! Gerade hierin liegt das Problem, wenn Gemeinde »sich selbst auferbauen soll in Liebe«. Wie gehe ich nämlich mit dem anderen um, der neu in die Gemeinde kommt und auch neue Impulse in die Gemeinde einbringt oder einbringen möchte? Wir stehen hier vor dem Dilemma, dass Gemeinde nach ihren bisherigen Konzepten wenig bis kaum in der Lage ist, ihre Einheit zu bewahren. Und von daher die vielen Abspaltungen, »Alleingänge« und »Auflösungen«.
Was können wir von der Systemtheorie lernen? Angesichts der rasanten Veränderung der gemeindlichen Rahmenbedingungen der letzten Jahre durch ein schier unüberschaubares Aufkommen von gedanklichen Einflüssen und Gemeindekonzepten stellt sich die Frage nach der Überlebensfähigkeit für viele freie Gemeinden und auch für die Landeskirchen in einer noch nicht gekannten Radikalität. Lokale Gemeinden müssen ihr Überleben in einer Zeit sichern, deren Eigendynamik und Einflussnahme die gewohnte gemeindliche Stabilität in Frage stellt. Dazu bedarf es eines erneuerten Denkens, wie es der Agile Gemeindebau beabsichtigt. Vor diesem Hintergrund hilft systemisches Denken, richtige Fragen in der Gemeinde/Kirche zu stellen und Wege zur Problembewältigung zu gehen:
- Diagnose des bisherigen Umgangs untereinander und in der Vergangenheit (Was ist los? Warum ist das so? Was ist zu tun?)
- Verständnis für die Herausforderungen im Gemeindeleben gewinnen
- Wichtige Entwicklungen im Gemeindeleben entdecken
- Soziale Gruppierungen und Zusammenschlüsse in der Gemeinde herauskristallisieren und in Liebe darauf reagieren
- Gaben entdecken lernen und freisetzen
- Ständiger Austausch untereinander
- Entwicklung einer »offenen« Kultur
- Entwicklung einer wertschätzenden Haltung gegenüber Denomina-tionen, Gemeinden im Leib Christi
- Anpassung der Organisationsstrukturen
- Entwicklung neuer Formen der Zusammenarbeit
- Integrationsprozesse (Menschen, Gedanken)
- Optimierung gemeindlicher Prozesse
- Auffinden von Problemlösungsprozessen
- Schärfung der Wahrnehmung für geistliche Unterschiede und deren Wirkungen
- Wissen um Prozesse der Veränderung
- u.a.m.
Jede Einflussnahme hilft der Gemeinde dabei, sich mehr und mehr in das Bild einer neutestamentlichen Gemeinde zu entwickeln, in der Einmütigkeit, Wirken des Heiligen Geistes und Verantwortung gegeneinander möglich sind. Dies betrifft - aus systemischer Sicht - dann unmittelbar die Probleme der Funktionalität der Gemeinde (Wie »funktioniert« Gemeinde?), der Weiterentwicklung ihres Selbstverständnisses (das nicht statisch sein darf) sowie die Überprüfung und Optimierung der Gemeindeprozesse (Wie vollziehen sich Entscheidungen? Was läuft gut? Was läuft schlecht?).
Es sind also letztlich vier Faktoren, die das Gemeindeleben und den Gemeindebau prägen und damit auch die »Gesundheit« einer Gemeinde aus-
2. Der Einzelne/die Einzelne (Erfahrung/Wissen, persönliche Ziele, Bedürfnisse, Ängste/Befürchtungen)
3. Die Beziehung aller (Entscheidungen, Kommunikation, Konflikte/ Umgang damit, Beziehungen, Hierarchie - formell/ informell) 4. Sachebene (Thema, Auftrag, Aufgabe, Ziele, Strukturen, Werkzeu-ge, Prozesse, Ressourcen, Rahmenbedingunen)
Jede gesellschaftliche Veränderung mutet der Gemeinde eine Veränderung zu. Nicht aber das biblische Vorbild muss verändert werden; vielmehr bedarf die jeweilige soziale Ausprägung der Gemeinde der ständigen »Überprüfung« und ggfs. der Korrektur. Es sind nicht wenige Stimmen, die der Gemeinde in Deutschland eine Entwicklung in Richtung Hauskirche bescheinigen! Gemeinde ist also nicht statisch; sie ist unterwegs auf ihrem Weg zum HERRN. Dem müssen Ausbildungsstätten (z.B. Bibelschulen, Hochschulen, Jüngerschaftsschulung) in jedem Fall Rechnung tragen, damit Gemeinde gesund wachsen kann. Die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen, dass vollmächtige apostolische Teams für den Aufbau der Gemeinde zukünftig notwendig sein können. Insofern ist Eph 4,11-16 dringlicher als je zuvor. Gemeinden brauchen - wie wir es aus der Schrift wissen - Begleitung. Eine Gemeinde oder eine Leiterschaft, die sich isoliert und auf Hilfe von außen verzichtet, vor allem wenn es Konflikte in der Gemeinde gibt, geht am Ziel der Selbsterbauung des Leibes vorbei. Selbsterbauung geschieht durch den ganzen Leib, nicht durch einzelne. Ein einzelner oder eine einzelne Gruppe ist nicht in der Lage, alle Sozial-, Prozess- und Inhaltsebenen im Blick zu haben. Aber wenn alle Gelenke einander Handreichung geben, kann es gelingen. Zu jeder fruchtbaren Entwicklung gehören: Können, Wollen und Dürfen. Das müssen Gemeinden und vor allem Leiter wieder neu lernen und »durchbuchstabieren«.
Vgl. Infobrief der develoop GmbH - Systemische Organisationsberatung, Februar 2007 5
04 Exkurs: Sekundäre Systeme und ihre Relevanz
Mit seiner Schrift „Theorie des gegenwärtigen Zeitalters“ (erschienen 1955) versucht der Soziologe Hans FREYER den - vor allem technischen, aber auch gesellschaftlichen - Wandel zu beschreiben. Er skizziert die Industriegesellschaft im Gegensatz zu älteren Gesellschaften als sogenanntes „sekundäres System“. Diese Denkweise findet auch heute ihren Widerhall in der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise, in der sich die Finanzmärkte verselbständigten. Aber auch im Bereich des Gemeindebaus sind solche sekundären Systeme für die Erklärung bestimmter Phänomene, z.B. „geistlicher Missbrauch“, überaus interessant zu studieren.
„Sekundäre Systeme“ sind - nach FREYER - dadurch charakterisiert, dass sie Handlungsabläufe entwerfen, die nicht an vorgefundenen Ordnungen - wie etwa die Kultur einer Gemeinde - anknüpfen, sondern von wenigen zweckrationalen Setzungen ausgehen, von denen her sie konstruiert sind und ihre Rationalität erhalten. »Solche Handlungsabläufe beziehen die Menschen nicht als Person in ihrer Ganzheit, sondern nur mit den Antriebskräften und Funktionen in sich ein, die von den Setzungen und deren Realisierung gefordert sind«. 6 Das klingt zunächst sehr soziologisch und schwer verständlich. Aber wenn wir die »Antriebskräfte« beispielsweise als ein anderes theologisches Verständnis und die »Setzungen« als theologische Ausbildung und Ausbildungsstätte begreifen - oder auch umgekehrt, dann verstehen wir, warum es in vielen Gemeinden zu derartigen Problemen wie Spaltung, Parteienzwist oder Machtmissbrauch kommen kann. Gerade bei Pastoren, die von außen in eine Gemeinde kommen, besteht die Gefahr, dass sich solche sekundären Systeme etablieren. Sie bringen oftmals eine andere theologische Prägung, Erfahrung oder Intention mit, die sich von denen der Gemeinde - manchmal sogar gravierend unterscheiden. Wenn sie da keine Geduld und Demut aufbringen, kann es für eine Gemeinde gefährlich werden und zu einer Spaltung kommen, im schlimmsten Fall sogar zu einer Katastrophe, wenn sich eine Gemeinde sogar ganz auflöst. Beides habe ich schon erlebt!
Ein Beispiel aus der Schrift …
In einem solchen »sekundären System« bleibt grundsätzlich außen vor, was die Menschen sind oder sein sollen. Die Befriedigung ihrer (berechtigten) Bedürfnisse ist nicht Ausgangspunkt der Handlungsabläufe, sondern das, was das System vorgibt. Die Dynamik und verhaltensprägende Kraft eines solchen Systems darf dabei nicht unterschätzt werden. Es wird und ist selbst Ernst-Wolfgang Böckenförde, Woran der Kapitalismus krankt, Süddeutsche Zeitung, Nr. 6 94, S. 8
Subjekt des Handelns. Ein gutes Beispiel finden wir in der jüdischen Tradition, die mit ihrer Regelung nach Gesetzen verknüpft ist. Als die neutestamentliche Gemeinde entstanden war, gab es nach wie vor Probleme mit der Gesetzlichkeit. Obwohl Christus das »Ende des Gesetzes« (Röm 10,4) bedeutete, musste Paulus selbst eine so etablierte Persönlichkeit wie Petrus öffentlich zurechtweisen. Wir finden diese Auseinandersetzung des Paulus mit Petrus in Antiochia in Galater 2,11f:
»Als aber Kephas nach Antiochia kam, widerstand ich ihm ins Angesicht; denn es war Grund zur Klage gegen ihn. Denn bevor einige von Jakobus kamen, aß er mit den Heiden; als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, weil er die aus dem Judentum fürchtete. Und mit ihm heuchelten auch die andern Juden, so dass selbst Barnabas verführt wurde, mit ihnen zu heucheln«. Wir haben also hier die - zunächst umgekehrte - Problematik, dass von außen die jüdische Tradition auf die neu entstandene Gemeinde Einfluss nahm, indem sich ein neues System bildetete, das beides - Freiheit und Gesetzlichkeit tollerierte, und das Verhalten bestimmte. Dank dem Wirken des Heiligen Geistes und des Paulus konnte dieses Problem aber bewältigt werden. Ein Petrus ließ sich sogar von dem Heidenapostel Paulus etwas sagen! Dennoch sehen wir, wie späterhin die Gemeindestreitigkeiten im Apostelkonzil (APG 15) noch zum Thema wurden. In diesem Fall also war nicht nur die neutestamentliche Gemeinde entstanden, sondern ein sekündäres System aus Freiheit und Gesetzlichkeit, das sich mit Petrus´ Verhalten etabliert hatte. Dieses nahm von außen Einfluss auf die neu entstandene Gemeinde - mit ihrer vom Heiligen Geist gewirkten Erkenntnis von Gnade und Freiheit. Nicht die Gnade allein sollte ausschlaggebend für das Heil sein, sondern Gnade und gesetzliche Handlung - und zwar zugleich. Das aber hebelte das Evangelium aus. Und dagegen stand Paulus - zu Recht - auf.
Die Negation des Systems
Ein »sekundäres System« ist daher eine weitgehend voraussetzungslose Konstruktion. Es entwickelt sich nicht auf einem gewachsenen Boden (hier: die neutestamentliche Gemeinde). Es nimmt keine vorgefundene Ordnung (Freiheit, Gnade) in sich auf, anerkennt auch kein hergebrachtes Eigenrecht und vertraut keiner vorausliegenden Gültigkeit. Mit anderen Worten: Ein solches System negiert das vorhandene! Es ignoriert und »entrümpelt«, was im bisherigen System als verbindlich gegolten hat.
Wenn wir das auf die Gemeinde übertragen, dann verstehen wir, wie Gemeinden eines Tages ihre Identität verlieren können und sogar manch-mal ihre Berufung. Wie es im Industriezeitalter zur »Entfremdung« des Arbeiters von seiner Arbeit gekommen ist, so geht in einer Gemeinde die Brüderlichkeit
und (äußere) Einheit verloren. Die Gemeinde hat dann nur noch den Namen, aber ist geistlich tot (Off 3, 14 ff., Laodizea).
Abb. 1: Sekundäres System im Neuen Testament
Das sekundäre System negiert nicht nur die althergebrachte Tradition der jüdischen Kultur mit ihrer Vielfalt an Gesetzen und Regeln; es negiert auch die neutestamentlich Gemeinde mit ihrer von Gott geschenkten Gnade und Freiheit (vgl. Kol 2,16-23; Gal 4,1-11.19; Röm 7; 1. Tim 4,1-4). Theologie und genormte Verhaltensweisen definieren also oftmals ein System, das den Menschen willig und angepasst macht oder machen will. Das Besondere an »sekundären Systemen« ist, dass sie sich hinsichtlich ihrer Funktion und Legitimation auch grundsätzlich unabhängig von früheren und gewachsenen Strukturen machen. 7 Dennoch benötigen sie für ihre Stabilisierung tatsächlich die Unterstützung von Institutionen und Traditionen (z,B. jüdische Tradition), die ihnen zeitlich vorausgehen und die außerhalb dieser liegen. 8 Im Falle der Gemeinde und ihrer internen Problematik können dies auch theologische Vorstellungen sein - wie etwa die Einstellung zur charismatischen Bewegung oder zur Pfingstbewegung (vgl. Berliner Erklärung, 1909, Anhang) bzw. die Einschätzung der Rolle des Heiligen Geistes - und dahinterstehende Bibelschulen oder Ausbildungsstätten und Autoritätspersonen. Diese Einstellungen und Einschätzungen nehmen dann Einfluss auf die vorgefundene Gemeinde.
Widerstände stabilisieren eher solche Systeme, als dass sie sie beseitigen. Es sei denn, dass - wie im Falle Antiochia und bezogen auf die Gemeinde Jesu - das Wirken des Heiligen Geistes spürbar wird. In jedem Fall hinterlassen »sekundäre Systeme« in den Menschen eine Leere, die sogar so weit gehen kann, dass man die Gemeinde und die Gottesdienste meidet, andere Gemeinden besucht - oder schließlich die Gemeinde wechselt. Es muss aber nicht in Vgl. Sven Papcke, Schlüssenwerke der Soziologie, download, S. 162 7 a.a.O., S. 163 8
jedem Fall »geistlicher Missbrauch« im Spiel sein; wo es von Seiten der Leiterschaft jedoch zu »Entgleisungen« kommt, kann dies nicht allein mit dem Vorhandensein eines sekundären Systems erklärt werden. Dann liegt es häufig in der Persönlichkeit des Betreffenden begründet.
Die Dynamik eines sekundären Systems
»Sekundäre Systeme« tendieren dazu, ein sich immer weiter steigendes Tempo zu produzieren. D.h.: In einer Gemeinde kommt es zur Konfliktverschärfung und seltener, falls die »Weisheit von oben« (Jak 3) fehlt, zu einer Vermeidung weiterer Konflikte. Es entstehen Parteiungen, die das sekundäre System notwendigerweise gebiert, bis es schließlich alle Glieder, die widerstehen und sich widersetzen, ausgeschlossen hat. Man kann das mit einem Luftballon - als sekundärem System - vergleichen, der sich in einem Eimer mit Wasser befindet. Je mehr sich dieser aufbläht, desto mehr Wasser verdrängt er, bis schließlich kein Wasser mehr im Eimer ist.
In einem »sekundären System« geht es von daher um Unbeschränktheit bzw. Unbeschränkbarkeit und Dominanz. Es geht nicht mehr um den Nutzen einer Gemeinde, sondern um Macht. Subjekt, der maßgebende Bestimmungsfaktor, ist das System bzw. die bestimmende Denkweise selbst. Für ein solches System gilt, was Thomas BERNHARD schreibt: 9
»Was ein Mensch sonst noch ist oder sein könnte, was ihn einmalig und unverwechselbar machen würde: Charakter, Empfindungsreichtum, jegliche Differenzierung, Herkunft, Geschichte, alles Qualitative, im Unterschied zu dem, was quantifizierbar ist, wird als störendes Beiwerk ignoriert, unterdrückt und schließlich zum Verschwinden gebracht. Die Vermittlung eines Besonderen mit einem Allgemeinen, auch Voraussetzung von Bildung und Entwicklung statt Dressur und Anpassung, findet nicht mehr statt«. Letztlich wird der Mensch in einem »sekundärem System« einer Gemeinde auf ein ausführendes Individuum reduziert, ohne eigene Freiheit oder Kreativität. Man kann deshalb bei einem »sekundären System« von »Bedrohung der individuellen Freiheit« (Werner CONZE, 1957) sprechen. Im Falle der Gemeinde ist dann zu befürchten, dass sich »Gesetzlichkeit« breit macht - und das Wirken des Heiligen Geistes gedämpft wird. Der Galater-Brief warnt ausdrücklich davor: »So unverständig seid ihr? Nachdem ihr im Geist anfingt, werdet ihr nun im Fleisch ans Ziel gebracht« (3,3, JAN-Übs.)?
Die Gefährlichkeit sekundärer Systeme
»Sekundäre Systeme« sind nun deshalb so gefährlich, weil der Gläubige allein von seiner Funktion her definiert wird (Zustimmung - ja / nein) und dem Thomas Bernhard, S. 6, download, o.T. 9
System angepasst wird. Der Einzelne wird - wie FREYER sich ausdrückte»genommen«, »gelebt« und »ergriffen«. Der Mensch als Subjekt wird zum Objekt des Systems, der Gemeinde. Letztlich entfremdet sich der Mensch dabeimehr und mehr - von den Geschwistern und von Gott. Mehrmals spricht die Schrift davon, wie sich Menschen in die Gemeinde eingeschlichen haben. Das macht die Wichtigkeit des Themas umso deutlicher. Im Folgenden die biblischen Belege:
»Denn es hatten sich einige falsche Brüder eingedrängt und neben eingeschlichen, um unsere Freiheit auszukundschaften, die wir in Christus Jesus haben, und uns zu knechten« (Gal 2, 4)
»Denn es haben sich einige Menschen eingeschlichen, über die schon längst das Urteil geschrieben ist; Gottlose sind sie, missbrauchen die Gnade unseres Gottes für ihre Ausschweifung und verleugnen unsern alleinigen Herrscher und Herrn Jesus Christus« (Jud 4).
Aber auch APG 20, 29: »Denn das weiß ich, dass nach meinem Abschied räuberische Wölfe zu euch hineinkommen werden, die die Herde nicht schonen; und aus eurer eigenen Mitte werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger wegzuziehen in ihre Gefolgschaft«. Joh 10, 11-13: »Ich bin der gute Hirte, der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht; und der Wolf raubt und zerstreut die Schafe. Der Mietling aber flieht, weil er ein Mietling ist und sich nicht um die Schafe kümmert«.
Dass es sich bei »sekundären Systemen« in der Gemeinde aber nicht immer um lehrmäßige Strukturen handeln muss, macht die Schriftstelle aus 2. Tim 3 deutlich. Auch christlich-ethische Fragen können ein solches System verfestigen und eine Gemeinde beeinträchtigen. Aber immer kommen die Angriffe von außen, schleichen sich Menschen ein und kommen neben her. Deshalb ermutigt uns Paulus zum Glaubenskampf. Die heutige Gemeinde muss auf der Hut sein, wenn sie ihrem HERRN entgegengerückt werden wird. Jesus warnte ausdrücklich davor, dass nicht alle, die ihn HERR nennen, auch tatsächlich mit Ihm verbunden sind. Sekundäre Systeme, wie ich sie hier vorgestellt habe, sind wie gedankliche Festungen, die die Gemeinde angreifen und zerstören wollen. Ihr Vorhandensein (vgl. Gal 1,6-7; Eph 6,10-17; Hebr 10,29) zu erkennen, war Anliegen dieser Ausführungen.
05 Gemeindebau in der Vergangenheit
In der Vergangenheit hat es niemals an Gedanken gefehlt, Gemeinde zu formen, zu bauen und zu entwickeln. Seit der Entstehung der neutestamentlichen Gemeinde gab es immer wieder neue Anläufe. Häufig genug aber waren es Reaktionen auf Unzufriedenheit, Unzulänglichkeit, Besserwisserei und Rebellion. Das unterscheidet die heutige Gemeinde grundsätzlich von der neutestamentlichen Gemeinde. Letztere war eine Antwort auf die Berufung des HERRN gewesen und wurde eindeutig vom Heiligen Geist ins Leben gerufen und angeleitet. Daraufhin finden wir auch entscheidende Merkmale des Gemeindebaus in der Schrift. Von daher haben alle Kriterien im Gemeindebau von der Schrift auszugehen.
Viele interpretieren jedoch die Schrift so, wie sie sie verstehen. Das macht die eigentliche Schwierigkeit im Verständnis des Gemeindebaus aus. Die Streitpunkte haben sich über die Jahrhunderte hinweg wenig verändert; trotzdem wollen wir einige dieser Streitpunkte klar herauskristallisieren. Sie prägen auch heute noch die Gemeindelandschaft, obwohl wir eigentlich mit der Einheit der Gemeinde und ihrer sozialen Ausformung schon weiter sein sollten. Einige dieser Streitpunkte sind: Frauen in Leiterschaft, Heiligung, Thema Heiliger Geist, Heilung, allgemeines Priestertum, Lobpreis und Anbetung, Leitungsautorität, Jüngerschaft und anderes mehr. Häufig waren es Lehrthemen, die zu Uneinigkeit und Spaltungen geführt haben; in den letzten Jahren gibt es aber auch eine Tendenz zu geistlichem (Macht-) Missbrauch. Immer aber sind es damit verbunden menschliche Unzulänglichkeiten, die den Gemeindebau und gesundes Gemeindewachstum behindern. Die Frage ist also generell, wie und ob wir uns überhaupt dem »Bild« und Ideal der neutestamentlichen Gemeinde (an)nähern können. Oder bleibt es immer nur bei einem Versuch? Ist der Mensch zu egoistisch und einfach zu unfähig, Gemeinde nach neutestamentlichen Prinzipien zu bauen? Immerhin gab es schon in der frühen neutestamentlichen Gemeinde zahleiche Probleme, Irrlehrer, falsche Propheten und Menschen, die sich in die Gemeinde eingeschlichen hatten, um diese zu verderben. Inwieweit der Teufel dabei immer schon im Spiel war, werden wir an anderer Stelle diskutieren.
Wenn wir bedenken, dass Paulus den überwiegenden Teil des Neuen Testaments geschrieben hat, dann müssen wir konsequenterweise bei seiner ganz persönlichen Entwicklung ansetzen. Denn das Werden der neutestamentlichen Gemeinde ist unwiderlegbar mit seinem eigenen Werden verbunden. Immer wieder betonen die Ausleger der paulinischen Schriften auch diesen Umstand. Und vermutlich werden wir bei vielen Gemeindegründern denselben Tatbe- stand feststellen können.
Zweifelsohne ist eine Trennung zwischen Entstehung der lokalen Gemeinde und dem persönlichen Werden der Menschen auch gar nicht machbar. Gott arbeitet ja an, mit und durch Menschen. Zudem sind wir stets Kinder unserer Zeit und unserer Erfahrung. Von daher können die verschiedenen Gemeinde-bauvorstellungen auch gar nicht vollends miteinander verglichen oder - mehr noch - beurteilt werden, ohne das Werden des jeweiligen Gründers im Auge zu haben. Die Frage des Erfolges (im Gegensatz zur Frucht) kann aber auch kein endgültiges Kriterium für einen erstrebenswerten Nachahmungseifer sein. Immer müssen Zeit, Ort und Personen zusammenkommen, damit Entscheidendes geschieht.
Was aber den meisten Gemeindebaukonzepten gleich zu sein scheint, ist, dass wir es immer wieder mit »charismatischen« Persönlichkeiten (Ausnahme: Emerging Church) zu tun haben. Von daher sind die meisten Konzepte konkret mit Namen zu identifizieren. Dies ist eines der Erkennungsmerkmale beim Gemeindebau schlechthin. Und das bestätigt die Annahme des Zusammenwirkens von persönlichem Werden und Gemeindebau. Ob Bill Hybels (Willow Creek), Rick Warren (Saddleback), John Wimber (Vineyard-Bewegung) oder - als fragwürdiges Beispiel etwa - HelmutBauer
(WORT+GEIST) - immer ist es die Person des Gründers, die ein neues Konzept oder eine neue Bewegung hat entstehen lassen. Es sind nicht generell neue Konzepte; aber doch Impulse für das Werden einer »neuen« Entwicklung. Dann aber haben wir uns zu fragen, was sie generell Neues »entdeckt« haben oder vorgeben, entdeckt zu haben.
Es hat also in der Vergangenheit immer wieder Impulse gegeben, neue Konzepte in den Gemeindebau einzubringen. Die Zahl der Bücher, Zeitschriften und Gedanken, in denen über Gemeindewachstum und -bau nachgedacht und reflektiert wird, ist fast schon unüberschaubar. Nicht alle Impulse sind gleichermaßen brauchbar und immer schon klar biblisch orientiert. Manchen Konzepten spürt man den menschlichen Drang nach Innovation ab; auch fehlt zum Teil ein klar fundiertes, für alle Denominationen und Bewegungen gleichermaßen brauchbares Fundament, das den geistlichen Aspekt des Gemeindebaus begleitet.
In 1. Thess. 5,21 lesen wir: »Prüft aber alles, und das Gute behaltet«. Wir sollen also prüfen! Dies ist auch ein Prinzip des »agilen Gemeindebaus“. Wir dürfen nicht generell alles »verteufeln«, wenn wir es nicht gleich »verstehen« oder innerlich unsere Probleme damit haben. Wenn wir ernsthaft mit dem HERRN leben, dann wird der Heilige Geist uns vor Schaden bewahren, aber auch - da und dort - die Augen für neue Anregungen öffnen. Gewiss, Verführer wird es immer geben (vgl. Judas 4). Aber wir haben aus der Schrift die Gewähr, dass Gott uns diese, also die Verführer, zeigen wird. Der Judas-Brief, der eine
deutliche Warnung vor Irrlehrern darstellt, und 2. Petrus 2,2 zeigen uns entsprechend Merkmale der »Verführer« auf:
- Sie verkehren die Gnade unseres Gottes in Zügellosigkeit [Jud. 4]
- Sie verleugnen Gott, den einzigen Herrscher [Jud. 4]
- Sie verleugnen unseren Herrn Jesus Christus [Jud. 4]
- Sie haben »Träumereien« [Jud. 8]
- Sie verachten die Herrschaft Gottes [Jud. 8]
- Sie lästern [überheben sich] »Mächte«, also den Teufel [Jud. 8]
- Sie »lästern alles, was sie nicht verstehen« [Jud. 8]
- Sie gehen den Weg Kains [Jud 11]
- Sie gehen - »um Gewinnes willen« - den Weg Bileams [Jud 11]
- Sie haben die »Widersetzlichkeit Korahs« [Jud. 11]
- Sie weiden »ohne Scheu sich selbst« [Jud. 12]
- Sie sind »Unzufriedene, die mit ihrem Schicksal hadern« [Jud. 16]
- Sie wandeln »nach ihren Begierden« [Jud. 16]
- Sie reden »übertriebene Worte« [Jud. 16]
- Sie »schmeicheln aus Eigennutz ins Angesicht« [Jud. 16]
- Sie wandeln »nach ihren eigenen gottlosen Begierden« [Jud. 18]
- Sie verursachen »Trennungen« [Jud. 19]
- Sie haben »nicht« den Geist Gottes [Jud. 19]
- Sie führen »heimlich verderbliche Sekten ein« [2. Petr. 2,1] Eines der deutlichsten Merkmale der »Verführer« ist also: Ich - meiner - mirmich selbst. »Eigennutz«, »Selbstüberhebung« (gegenüber Gott und den »Mächten«) und Bedachtsein auf »eigenen Gewinn« sind wesentliche Kennzeichen. Darauf müssen wir vorbereitet sein, wenn wir uns mit neuen Gemeindebaukonzepten beschäftigen. Es sind vielleicht fähige bis sehr fähige Menschen, die vordergründig »Erfolg« haben und Menschen (im wortwörtlichen Sinne) »mitreißen« - aber doch in die eigene Richtung. Ihre Motive sind unrein, auch wenn sie selbst es manchmal gar nicht bewusst merken und so verstehen. Das kann aber leicht zur Abneigung, Ablehnung, gar Neid und vielleicht sogar »Hass« führen. Wir aber sollen »nüchtern« bleiben (1.Kor. 15,33-34; 1. Thess. 5,6; 1. Petr. 5,8) und nicht mit den Irrenden »streiten« (2. Tim. 2,24), auch wenn uns das manchmal ernsthaft »auf den Nägeln brennt«! Judas, der Bruder des Jakobus (und wohl auch Jesu leiblicher Bruder), »ermahnt« uns sogar: »Ihr aber«! Und er listet auf, wie wir uns stattdessen verhalten sollen (Jud. 20-22): 1. »Erbaut euch auf euren allerheiligsten Glauben«
2. »Betet im Heiligen Geist« 3. »Bewahrt euch in der Liebe Gottes« 4. »Hofft auf die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus« 5. »Erbarmt euch« (über die Irrenden) 6. »Andere aber rettet mit Furcht, indem ihr sie aus dem Feuer reißt«.
Arbeit zitieren:
Hugo Kopanitsak, 2011, Konfliktlösung in Gemeinden, München, GRIN Verlag GmbH
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