Inhalt
Vorwort. 4
Erkenne dich selbst - Experimente am Körper 5
Bannung der Kinesis - Fixierung und Flucht. 9
Organe und Diskurse - Tod und Individualität 17
Bibliographie. 26
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Vorwort
Foucaults Nachwort zur „Geburt der Klinik" präsentiert sich dem linearen Leser als eine Art Belohnung. Foucaults Technik einer „Archäologie des Wissens“ besteht praktisch aus einer Aneinanderreihung historischer Zitate eines zeitlich und thematisch schmal begrenzten Fachgebietes, hier: der Medizin am Ausgang des 18. Jahrhunderts. Kurze Einschübe verweisen auf weiter reichende Dimensionen. Das Nachwort erscheint daraufhin als eine „Explosion“ der Bezüge und der Relevanz des Dargestellten.
Die Entstehung der pathologischen Anatomie wird präsentiert als entscheidend prägender Faktor für die Entstehung der Humanwissenschaften und hiermit der Diskurse über das Individuum und der philosophischen Selbstverortung des Menschen, die Entstehung der modernen Identitätsvorstellungen und hiermit der Festlegung von individuellen wie gesamtkulturellen Grenzen, 1 die Vorstellungen und Manifestationen von Wahrheit und Objektivität, die Organisation von Wahrnehmung und Sprache sowie letztendlich auch für die moderne Literatur, explizit des 19. Jahrhunderts. Während die „Geburt der Klinik“ eine sehr genaue, explizite und strukturelle Beschreibung der klinischen Diskurse vornimmt, ist das (fünfseitige) Nachwort eine esoterische Verdichtung, weniger ein abschließendes Resümee, mehr ein Feld, das Spuren des Vorherigen aufnimmt und gleichzeitig Verweise andeutet. Es stellt die Behauptung auf, daß aus dem Vorhergesagten diese gesamtkulturelle Dimension ersichtbar ist, ohne die Wege explizit zu erläutern. Es handelt sich um eine provokative Technik, welche den Leser herausfordert, die Bezüge selbst herzustellen. Dieser Provokation möchte ich mich mit dieser Arbeit stellen! Ich möchte versuchen einen der Wege nachzuvollziehen, den Foucault andeutet, aber nicht mehr explizit verfolgt. Wie wird eine sich zum Ende des 18. Jahrhunderts rapide verändernde medizinische Praxis zum (geheimen) Paradigma moderner Literatur? Wie läßt sich der Transformationsweg vom einen zum anderen genauer beschreiben? Auf welche verschiedene Weise kann sich Medizin in der Literatur widerspiegeln, kann Medizin Literatur beeinflussen?
Um hier nicht selbst im Allgemeinen zu verbleiben, möchte ich als explizites Beispiel und Gegenstück Georg Büchners „Woyzeck“ setzen. Ich denke, daß sich zu den Ansätzen in der „Geburt der Klinik“ Absätze im „Woyzeck" befinden, welche verschiedene Weisen und Formen der Beeinflussung von Literatur durch den medizinischen Diskurs verdeutlichen. Absatz verstehe ich hier in einem doppelten Sinn. Zum einem als die Beeinflussung und
1 Der Begriff der Grenze und der Schwelle ist für Foucault entscheidend für sein gesamtes philosophisches Denken, und kann hier nicht in dem Maß erläutert werden. Ich will es hier grob als das, was eine Kultur ausgrenzt, wovon sie sich abgrenzt und womit sie sich damit gleichfalls definiert bezeichnen. Zum Begriff der Grenze vgl. Michel Foucault: Archäologie des Wissens. Frankfurt a.M.: 1973. S. 33ff.
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Interdependenz, als etwas, das sich von einem vermeintlich anderen Ort, hier, in einem literarischen Text, absetzt, seine Spuren läßt. Zum anderen verweist es auf die nur punktuelle und fragmentarische Lektüre, die ich am Woyzeck vornehmen kann. Es kann sich um keine irgendwie abgeschlossene Interpretation handeln, sondern ich will Punkte und Strukturen aufsuchen, an denen Beeinflussungen durch den anderen Diskurs deutlich wird; es geht um Absätze, welche die Wege von einer wissenschaftlichen Praxis und einem wissenschaftlichen Diskurs zu einem literarischen Text verdeutlichen. Mir wurde bei meiner umfangreichen Vorlektüre deutlich, daß dies kein einseitiger Weg ist und sich die Interdependenzen plastischer durch einen größeren historischen Focus darstellen lassen. Deswegen möchte ich Exkurse über Umfeld und Vorgeschichte der Sujets nicht auspaaren, geschichtliche Linien aufzeigen und damit die historische Dimension der Problematik verdeutlichen.
Erkenne dich selbst - Experimente am Körper
Ich möchte zunächst ins Gedächtnis rufen, daß es sich keinesfalls um eine einseitige Prägung, eine kurzzeitige Wechselwirkung und/ oder eine nur bedingte Beeinflussung handelt. Man muß die Diskurse von Philosophie, Sprache, Literatur und (Natur-) Wissenschaft (die Reihe ließe sich für andere Betrachtungen erweitern) als einen Bereich verstehen, in dem Grenzen stets neu gezogen werden, und die sich bei genauer Betrachtung von ihren verborgenen Dispositiven gegenseitig durchwoben darstellen. Die Utopie einer „sauberen“ Trennung der Disziplinen wurde von den postmodernen Intertextualitätstheorien, mit Foucault als einer ihrer Wortführer, kritisiert und dekonstruiert. Foucault fordert in der „Archäologie des Wissens“: Man muß beschreiben
wie sich schließlich die Beziehungen zwischen verschiedenen Positivitäten transformieren (wie die Beziehungen zwischen Philologie, Biologie und Ökonomie die Beziehungen zwischen Grammatik, Naturgeschichte und Analyse der Reichtümer transformieren; wie sich die interdiskursive Konfiguration auflöst, die die privilegierten Beziehungen dieser drei Disziplinen umrissen; wie sich ihre die Mathematik und die Philosophie betreffenden Beziehungen verändert haben; wie sich ein Platz für andere diskursive Formationen und insbesondere für jene Interpositivität abzeichnet, die den Namen Humanwissenschaft tragen wird.) 2
Anhand unseres Beispiels, der Anatomie, wird eine gegenseitige Transformation deutlich. Hartmut Böhme beschreibt in „Der Körper als Bühne“ anhand historischer Gemälde und
2 Ebd. S. 245.
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Plastiken, wie Kunst der Anatomie zur Legitimität verhalf, sich sozusagen langsam an den Körper, bis an die sich an der Hautoberfläche abzeichnenden Organe, herantastete.
So geht die Körper-Ästhetik eine enge Fusion mit der Wissenschaft der Anatomie ein. Die Unheimlichkeit und Hybridität, den menschlichen Körper zu öffnen, um an ihm das Geheimnis der Schöpfung zu studieren und in Wissen zu überführen, verbindet sich schon bei Leonardo mit Fragen der Ästhetik, besonders der Skulptur, deren Oberflächengestaltung der Widerschein der daruntergelagerten physiologischen Verhältnisse zu sein hatte - das reicht bis zu Goethes Idee einer „plastischen Anatomie“. 3
Paradigmatisch an Holbein Gemälde „der Leichnam Christis im Grabe“ (1521) erkennt er in dieser Fokussierung des Körpers nicht nur eine ästhetische, sondern weiterhin eine religiösrituelle Komponente. Am szenischen Arrangement des ausgezehrten Jesuskörpers wird das Wissen über die inneren Organe präsentiert und gleichzeitig, durch die religiöse Konnotation des Sujets, geheiligt. Das Opfer wiederholt sich als Opfer für eine kollektive Erkenntnis
Diese Komponente wird deutlich bei den ersten (zunächst halb-legalen) Leichensektionen, die gleichfalls im rituell behafteten Kunstraum vollzogen wurden: Im Theater. Das „Theatrum Anatomicum“ (es kommt im 16. Jahrhundert in Padua auf) ist ein öffentliches Spektakel: im Aufbau eines Amphitheaters kommt es bei Alkoholausschank und Musik zur theatralen Leichenöffnung. Die Toten sind Schwerverbrecher, Hingerichtete (deren Körperteilen der magische Volksglauben heilige und heilende Kräfte zuspricht) 4 . Sie dienen dazu, eine kollektive Neugier zu befriedigen, die Neugierde über das Innere des Leibes, des Menschen; sie dienen einer empirischen Wissenschaft wie einer Faszination für das Unheimliche/ den Schauder. Sie sind somit Opfer für bestimmte Zwecke. Die jahrtausend alte Frage über das Wesen des Menschen wird im „Theatrum Anatomicum" schockhaft entschleiert. Die Präsentation des amputierten Organs, als Reliquie des Opfers in religiöser Tradition stehend, wird zur heilig legitimierten Antwort. Es wird mit Hilfe wirkungsstrategischer Theatralität als Wahrheit gesetzt. Böhme spricht von einer anatomischen Katharsis. An diesem Beispiel wird deutlich, wie Kunstinszenierungen als Paradigma der anatomischen Wissenschaft fungierten.
Böhme macht deutlich, wie die Experimente und die Praxis der Anatomie und der Medizin im
3 Hartmut Böhme: Der Körper als Bühne. Zur Protogeschichte der Anatomie. In Helmar Schramm (Hg.): Bühnen des Wissens. Interferenzen zwischen Wissenschaft und Kunst. Berlin: 2003. S.124f.
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Verlauf der Geschichte unbewußt als ein Opfer für die analytisch-empirische Erkenntnis der Gemeinschaft fungierten und sich hiermit legitimierten. 5 Im 18. Jahrhundert besitzt der Anatom keine gesellschaftliche Randstellung mehr, sondern wird zum Repräsentanten öffentlichen Wissens. Bei Foucault erscheint die Opferthematik als Gesellschaftsvertrag, welcher die auf den Grundpfeilern der Anatomie errichtete klinische Praxis prägt:
Darf denn der Schmerz zum Schauspiel gemacht werden? Er darf es und er muß es sogar kraft eines subtiles Rechtes, das darauf beruht, daß niemand allein existiert und am wenigsten der Arme, der nur durch Vermittlung des Reichen Beistand erhalten kann. Da die Krankheit nur Heilung finden kann, wenn die anderen mit ihrem Wissen, ihren materiellen Mitteln und ihrem Mitleid dazukommen, da die Krankheit also nur in der Gesellschaft geheilt werden kann, ist es recht, daß das Leiden der einen zu einer Erfahrung für die anderen wird, daß dem Schmerz die Kraft des Offenbarens verliehen wird. [...Die Klinik] ist sowohl Zins wie Interesse und letzteres in zweierlei Bedeutung, da es bei dieser Entschädigung sowohl um das objektive Interesse der Wissenschaft als auch um das vitale Interesse der Reichen geht. 6
Die Präsentation des Leidens bekommt eine soziale Dimension - im gesellschaftlich fixierten Vertrag fungiert der Arme als Tableau des Wissens. Und die Ärzte dieser Zeit gehen weiter. Es geht nicht mehr nur um Beobachtung, sondern um Experimente am lebenden Körper. Das Zeichen wird von der „Untersuchung erst hervorgerufen und beinahe erzeugt“ 7 .
Die Klinik war in ihrer Diagnose ebenso abwartend wie in ihrer Therapie. Sobald jedoch die pathologische Anatomie der Klinik vorschreibt, den Körper in den Massen seines Organismus zu befragen und seine Tiefenschichten an die Oberfläche zu bringen, wird die Idee eines technischen Instruments zur Aufbringung einer Läsion wissenschaftlich fundiert. 8
In der Berühmten Doktorszene im „Woyzeck“ (eine der zuerst geschriebenen Szenen der Fragmente, die somit als eine Kernszene betrachtet werden muß) taucht diese Konstellation als direktes Zitat auf. Büchner stellt Woyzecks soziale Armut als Zwang dar, beim Doktor für medizinische Experimente sich einen Zulohn zu verdienen. Albert Meier bezeichnet dies als
4 Vgl. hierzu James George Frazer: Der Goldene Zweig. Das Geheimnis von Glauben und Sitten der Völker. Hamburg: 1989. S.357.
5 Vgl. hierzu Hartmut Böhme: Der Körper als Bühne. Zur Protogeschichte der Anatomie. In Helmar Schramm (Hg.): Bühnen des Wissens. Interferenzen zwischen Wissenschaft und Kunst. Berlin: 2003. S.118.
6 Michel Foucault: Die Geburt der Klinik. Eine Archäologie des ärztlichen Blicks. Frankfurt a.M.: 1988. S.99f.
7 Ebd. S. 175.
8 Ebd. S. 176.
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Arbeit zitieren:
Magister Heiko Michels, 2003, Wege der Anatomie - Einflüsse der Medizin auf die Literatur, anhand von Foucaults Theorie in „Die Geburt der Klinik“ und am Beispiel von Georg Büchners „Woyzeck“ , München, GRIN Verlag GmbH
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