Einleitung
Zwar ist die Gleichstellung von Frauen und Männern gesetzlich weitgehend erreicht worden, allerdings gibt es praktisch noch immer soziale Benachteiligungen zwischen Männern und Frauen. Frauen haben meistens untergeordnete Positionen inne, während Männer eher in Führungspositionen zu finden sind. Im Bildungswesen zeigt sich allerdings ein anderes Bild. Mädchen sind im höheren Schulbereich angemessen repräsentiert, man spricht sogar schon von einer Benachteiligung von Jungen. Allerdings ist es noch nicht geklärt, ob Frauen dadurch auch die gleichen Berufschancen haben. (vgl. Hurrelmann, Roda, Spitz: S. 11)
Ein wichtiger Aspekt in einer wissenschaftlichen Arbeit über Koedukation ist das Geschlecht. Man kann den Bereich Geschlecht auf vielen verschiedenen Ebenen analysieren. Man kann den Schüler-Schülerin Aspekt, Lehrer-Lehrerin Aspekt, Zukunftschancen oder auch gesellschaftliche Ansprüche beleuchten. Ich will im weiteren mein Hauptaugenmerk auf dem Schüler-Schülerin Aspekt legen.
Ich will anhand von Literaturrecherchen kritisch die Vor- und Nachteile der Koedukation aufzeigen. Um diese Vor- und Nachteile zu verstehen, ist es zunächst wichtig, die historische Entwicklung genauer zu betrachten. Darum will ich auch mit ihr beginnen. Seit Beginn der Koedukationsdebatte hat sich noch kein eindeutiges Bild ergeben. Plötzlich wollen immer mehr Mädchen wieder auf reine Mädchenschulen gehen. Gegner behaupten, dass Mädchen unterdrückt werden, es wurden zwar die Türen für Mädchen geöffnet, allerdings das Curriculum überhaupt nicht angepasst. Aber nicht nur die Benachteiligung von Mädchen wird kritisiert, es wird auch von einer Verschlechterung für Jungen gesprochen.
Während meiner Literaturrecherchen bin ich aber auf genauso viele Befürworter gestoßen. Die Befürworter meine damit aber nicht, dass das bestehende System erhalten bleiben soll. Sie sind sich durchaus bewusst, dass noch eine gewisse Reife und Entwicklung notwendig ist. Der Streitpunkt zwischen Befürwortern und Gegnern liegt nicht in der Erhaltung des jetzigen Systems, es geht vielmehr darum, ob das System weiterentwickelt werden soll, oder ob wir wieder zu dem getrennten Unterricht übergehen sollen. Ich will in dieser Seminararbeit so gut wie möglich beide Sichtweisen behandeln und aufzeigen, um am Ende ein möglichst objektives Resumee zu bilden.
Koedukation - gemeinsam oder doch lieber getrennt 2
Geschichte der Koedukation
Das Volksschulwesen
Der Beginn des 19. Jahrhunderts stellt für die Pädagogik eine große Wende dar. Es kamen neue Werte und Normen auf, es wurde die allgemeine Unterrichtspflicht durchgesetzt und auch die Frage der Bildung für die Mädchen wurde bedeutend. Eine Folge der französischen Revolution ist unter anderem die Trennung von Haushalt und Erwerbsstätte. Das soll aber nicht heißen, dass von heute auf morgen diese Trennung erfolgt ist. Die traditionelle Form, nämlich die Einheit von Produktion und Haushalt, war immer noch weit verbreitet. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten Mädchen auch meistens die notwendigen Fähigkeiten zu Hause erlernt. Als diese Trennung von Arbeit und Haushalt immer mehr Menschen betraf, wurden Sozialisationsprozesse in die Schule verlagert. Hierarchische Beziehungen und persönliche Abhängigkeiten erhielten eine neue Bedeutung und so stellte man auch das traditionelle Denken über Mann und Frau in Frage. Natürlich war das nicht ein Prozess, der in einem Tag vollzogen wurde. Es dauerte Jahrzehnte bis sich Menschen den Strukturen fügten. Die Kirche hatte Angst um ihren Einfluss und die Gemeinden wollten die Kosten so gering als möglich halten, somit wurde auch viel Widerstand gegen das neue System geleistet. Auf der anderen Seite hofften aber vor allem die liberalen Kreise durch Bildung die Weltanschauungskonflikte zu lösen. Die bildungspolitischen Konzepte im 19. Jahrhundert waren von einer Revolutionsfurcht und konservativen Gesellschaftspolitik geprägt, aber auch von überfüllten Klassen, schlecht bezahlten Lehrkräften und Fehlen von Unterrichtsmaterialien. Da sich aber der Unterricht ohnehin nur auf die Ehrung des Vaterlandes und der Religion ausrichtete, war im Volksschulwesen eine geschlechtsspezifische Differenzierung nicht notwendig. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde eine verpflichtende Grundschule eingeführt. Diese sah in den oberen Jahrgängen eine nach Geschlechter differenzierte Stundentafel vor. Auf dem Land gab es meistens nur zwei- oder dreiklassige Schulen. Um die Kosten so gering wie möglich zu halten, stand hierbei eine Trennung der Geschlechter gar nicht in Frage. Auch wenn die nationalsozialistische Ideologie anderes besagt, so wurde gar nicht versucht, die Koedukation in den Volksschulen abzuschaffen, da es finanziell nicht tragbar gewesen wäre. (vgl. Pfister: S. 10ff)
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Das höhere Schulwesen
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann in Preußen die Reform des Mädchenschulwesens. Diese sollte 30 Jahre lang anhalten. Nach diesen 30 Jahren sollte eine gleichwertige höhere Frauenbildung erreicht sein. Vor dieser Zeit hatten Mädchen nicht das Recht auf höhere Bildung, zumindest nicht in öffentlichen Lehranstalten. Somit war die Mädchenbildung überwiegend in privater Hand. Für die Mädchenbildung gab es keinen einheitlichen Lehrplan. Schulvereine hatten in der Gestaltung freie Hand. Einig war man sich nur in dem Punkt, dass das Schulwesen nach Geschlecht zu trennen sei. Reformbewegungen nach der Jahrhundertwende ließen die Frage der Koedukation überhaupt erst aufkommen. Gegner und Befürworter argumentierten hauptsächlich mit der Gesundheit und mit der Einhaltung von Normen. Intellektuelle Fähigkeiten standen bei der Diskussion um Koedukation im Hintergrund. Weiters wurde argumentiert, dass eine gemeinsame Bildung nur dann sinnvoll sei, wenn die Interessen beider Geschlechter berücksichtigt werden. Noch bis heute ist die Debatte um die Koedukation nicht beendet. Getrennte Schulen sind zwar heute eine Seltenheit, jedoch wird heute noch genauso oft diskutiert. Das Problem im ausgehenden 19. Jahrhundert bestand darin, dass eine Reform des Knabenschulwesens ausgeschlossen war und eine Koedukation somit eine einseitige Angleichung zur Folge hätte. Zu dieser Zeit ging es vielmehr um die Diskussion, wer die Mädchen unterrichten sollte. Es entstand der `Verein für höheres Mädchenschulwesen´. Es wurde kritisiert, dass es für das höhere Schulwesen nur männliche Lehrer gab und dass diese die Mädchen nach Interessen des Mannes erziehen. Die Lehrerinnenausbildung sollte der Lehrerausbildung gleichgestellt werden, um in weitere Folge die Mädchenbildung in Frauenhand zu geben. Diese Frauenbewegung richtete sich also nicht gegen das damalige Verständnis von Frau und Mann, sondern die Besonderheit an der weiblichen Bildung wurde hervorgehoben. Was aber von Bedeutung war, war die Forderung des gleichen Fächerkanons. Zur Wende zum 20. Jahrhundert kam es zur Anhebung der Lehrerinnenbildung und 1908 wurde die Zulassung zum Universitätsstudium für Frauen erreicht. Somit war zunächst die Koedukationsfrage stillgelegt, da die Forderungen theoretisch erfüllt wurden. Da dies aber nur theoretisch der Fall war, wurde immer mehr der gleiche Zugang zum Bildungssystem gefordert. Diese Diskussion, und das zeigt auch noch die heutige Schulpraxis, wurde nie richtig diskutiert, sondern Mädchen wurden einfach in Knabenschulen eingegliedert. Die Schulen wurden nie grundsätzlich reformiert. Die Frauenbewegungen begannen sich im Laufe der Zeit
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auch anderen Lebensbereichen als der Bildungsfrage zu widmen. Auch heute sind die Schulen noch weitgehend nach männlichen Bedürfnissen ausgerichtet und auch neuere Reformkonzepte zeigen die gleiche Tendenz. (vgl. Wildt, Naundorf: S. 93ff)
Somit kann man sagen, dass die Forderung nach Koedukation nur schnell mit minimalsten Aufwand abgetan wurde und dass der Streit bis heute noch nicht zu Ende geführt worden ist. Bis heute kann man nicht sagen, ob eine Schule, die die Bedürfnisse beider Geschlechter gleichermaßen berücksichtigt, Vorteile für die Gesamtgesellschaft und das Individuum bringen würde, da dieses System noch nicht unter dieser Bedingungen erprobt worden ist. Der gemeinsame Unterricht ist heute eine Selbstverständlichkeit, hat allerdings an politischer und gesellschaftlicher Bedeutung verloren und nach wie vor sind Mädchen lediglich in das männliche System eingegliedert worden und es besteht kein Kompromiss.
Geschlechtsspezifische Unterschiede im Bildungswesen
Verhalten der Mädchen und Jungen in der Schule
Hierbei möchte ich auf die Erfahrungen zweier Lehrerinnen an einer Berliner Schule eingehen.
Die typischen Verhaltensweisen haben gezeigt, dass diese ihren Ursprung bei der Begegnung mit Familie, Verwandte und Bekannte haben. In der häuslichen Erziehung der Mädchen, wird ihnen gelernt, dass der Handlungsspielraum der Jungen auf keinen Fall behindert werden darf. Meistens müssen Jungen und Mädchen im Haushalt helfen, allerdings sind auch hier die Rollen schon streng verteilt. Die Erfüllung der Wünsche der Mädchen sind sehr oft mit schlechtem Gewissen verbunden. Der Freiraum, der den Jungen eingeräumt wird, ermuntert diese häufig zu dominierenden Verhalten. Die Mädchen und Jungen entwickeln dadurch ein Selbstbild, dass sich auch im Schulalltag widerspiegelt. (vgl. Wildt, Naundorf: S.131ff)
Raumverhalten
Die beiden Lehrerinnen haben über Jahre beobachtet, dass Jungen und Mädchen immer ähnliche Sitzplätze aussuchen. Die Sitzordnung war eigentlich immer die gleiche: Mädchen und Jungen saßen streng getrennt voneinander. Die Jungen suchten sich immer
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Arbeit zitieren:
Marina Jelovcan, 2011, Koedukation - Gemeinsam oder lieber doch getrennt?, München, GRIN Verlag GmbH
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