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1. Die Definition der Situation und das Framing 1
1.1 Die Definition der Situation 1
1.2 Soziale Produktionsfunktionen 1
1.3 Sinn und Interesse 2
1.4 Einstellungen 3
1.5 Framing 3
1.6 Esser und Schütz 5
1.7 Das Problem des Alltagshandelns 7
1.8 Die Übersetzung 8
2. Etzrodts Kritik 9
2.1 Um-zu und Weil-Motive 9
2.2 Kalkulationskosten 11
2.3 Zwischenfazit 12
3. Essers empirische Überprüfung des Framing-Konzepts 12
3.1 Framing der „Situation“? 13
3.2 Modellierung von „m“ 13
3.3 Kohorteneffekte 14
4. Fazit 15
Literatur 16
1. Die Definition der Situation und das Framing
Die hier vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der „Definition der Situation“ wie sie Hartmut Esser in seiner Theorie des „Framings“ behandelt. Zuerst soll geklärt werden, wie Esser die Definition der Situation beschreibt, und wie sein Konzept des Framings das Problem des Alltagshandelns unter den Prämissen der Rational Choice Theorien erklärbar macht. Esser stützt sich dabei auf die theoretischen Arbeiten von Alfred Schütz und dessen Theorie der Konstrukte erster und zweiter Ordnung.
Im weiteren Verlauf der Arbeit werde ich die Kritik an der Herleitung des Framing-Modells und Essers Definition der Situation von Christian Etzrodt („Alfred Schütz - Ökonom und/oder Soziologe“) betrachten, um danach einen genaueren Blick auf die empirische Überprüfung des Framing-Modells zu werfen, die Esser vorgelegt hat („In guten wie in schlechten Tagen - Das Framing der Ehe und das Risiko zu Scheidung“).
1.1 Die Definition der Situation
Eine Grundannahme in vielen soziologischen Handlungstheorien ist, dass der Handelnde die Situation in der er sich befindet definiert und aufgrund dieser Definition sein Handeln ausrichtet.
Die Kernaussage dieser Annahme gibt das Thomas-Theorem wieder: „If men define situations as real, they are real in their consequences“ (Thomas and Thomas 1928, S. 572; zitiert nach Esser 1996, S. 3), oder um es in anderen Worten auszudrücken: Die subjektive Definition einer gegebenen Situation konstituiert dem Individuum den objektiven Rahmen seiner Handlungen. Alle Handlungen die dann ausgeführt werden sind innerhalb der subjektiven Rahmung als folgerichtig anzusehen. Dabei nimmt die subjektive Definition der Situation den Akteur vollkommen ein - sie, und nur sie gilt. „Die subjektive Definition der Situation bedeutet eine 'Rahmung' der Situation unter einem leitenden Gesichtspunkt, unter einem Imperativ, unter einem als dominant vorgestellten 'Modell' des weiteren Ablaufs. Erst von dem so aktualisierten und alles andere dominierenden Rahmen her erfolgt dann die Selektion des eigentlichen Handelns.“ (Esser 1996, S. 5)
1.2 Soziale Produktionsfunktionen
Dass die subjektiven Rahmungen nicht unabhängig von den objektiven Umständen sind, erklärt
1
Esser anhand der sozialen Produktionsfunktionen. Demnach besteht das Handeln von Menschen aus nichts anderem als der Produktion von Gütern. Diese Güter lassen sich in zwei Kategorien einteilen: einerseits Primärgüter und andererseits Zwischengüter. Primärgüter sind die grundlegenden Bedürfnisse eines jeden Menschen: soziale Wertschätzung und physisches Wohlbefinden. Beide sind evolutionär verankert und unumgänglich - beide dienen der Erhaltung des eigenen Lebens und der Reproduktion der eigenen Gene, und beide müssen ständig erfüllt werden, da sie nicht abschließend befriedigt werden können. Daher muss man sich der Zwischengüter bedienen, die innerhalb ihrer natürlichen Grenzen gesellschaftlich definiert werden. Die so festgelegten „obersten Ziele des Handelns“ nennt Esser primäre Zwischengüter (vgl. Esser 1996, S. 7). Die kulturellen Ziele einer Gesellschaft (bspw. Ehre, Geld, Wohlstand) bestimmen den jeweiligen Wert der primären Zwischengüter. Diese können jedoch in der Regel nicht unmittelbar erworben werden, sondern müssen wiederum über nicht-primäre-Zwischengüter hergestellt werden. „Da auch für die indirekten Zwischengüter institutionell festgelegt ist, ob sie erlaubt sind oder nicht, können sie [...] auch als institutionalisierte Mittel angesehen werden. Sie sind deshalb für die Menschen interessant, weil sie unmittelbar mit der Erreichbarkeit der kulturellen Ziele verbunden sind.“ (ebd. S. 8) Der Sinn des Handelns entscheidet sich demnach an der Grenze zwischen den institutionellen Definitionen und den Bedürfnissen des Organismus, da hier Präferenzen definiert werden zwischen kulturellen und individuellen Aspekten der Bedürfnisbefriedigung.
1.3 Sinn und Interesse
Der Akteur kann den beabsichtigten Nutzen nur dann erzielen, wenn seine subjektive Situationsdefinition mit dem objektiven Rahmen der Situation übereinstimmt. Er muss sich also immer vergewissern, dass er den sozialen Sinn der Situation in seiner Definition (annähernd) richtig erfasst hat. In einer Situation, in der eine Fehlinterpretation des sozialen Sinns zu hohen Verlusten führen würde, ist dem Akteur entsprechend viel daran gelegen, seine subjektive Definition auf die objektiv gegebene Rahmung abzustimmen. Lediglich in Situationen in denen wenig auf dem Spiel steht wird der Akteur keine große Veranlassung haben seinen subjektiven Sinn den objektiven Gegebenheiten anzugleichen. Es wird angenommen, „daß die Akteure die Relationen von Gewinn und Verlust typischerweise richtig beurteilen und typischerweise in der Lage sind, jeweils recht zuverlässig zu identifizieren, welcher 'Typ' von Situationen gerade vorliegt.“ (Esser 1996, S. 11)
2
1.4 Einstellungen
Esser stellt bezugnehmend auf Parsons fest, dass jedem Handeln zuerst „eine interpretierende Einordnung in ein vorhandenes Hintergrundwissen voraus[geht]“ (Esser 1996, S. 12). Aufgrund dieser Einordnung wird ein Modell der Situation und ein Modus des Prozessierens aktiviert. Je nach Auferlegtheit des Modells ist der Modus entweder der des automatischen Prozessierens oder des rationalen Durchdringens einer Situation.
Stimmt das Modell der Situation mit den abgespeicherten Erinnerungen an ähnliche Situationen überein, wird in der Regel der Modus des automatischen Prozessierens gewählt - er ist in diesem Kontext erfahrungserprobt und sehr (zeit)effizient. Erst wenn das Modell nicht richtig passt und darüberhinaus die Motivation zur rationalen Durchdringung der Situation recht hoch ist - sowie der zeitlichen Möglichkeit dazu - wird der rationale Modus eingeschaltet. Esser bedient sich hier der Theorie des Alltagshandelns von Alfred Schütz, den er diesbezüglich folgendermaßen wiedergibt: „Menschen greifen ohne viel Nachdenken auf Routinen zurück, wenn die Situation in ihrer 'Relevanzstruktur' den Erwartungen entspricht. Erst wenn es Störungen der gewohnten Abläufe gibt, wird nachgedacht und nach neuen Wegen gesucht.“ (ebd. S. 13)
1.5 Framing
Basierend auf den vorangegangenen Überlegungen modelliert Esser die (rationalen) Regeln des Framings. Er geht davon aus, dass prinzipiell immer nur zwei sich gegenseitig ausschliessende Frames zur Verfügung stehen. Der erste Frame (i) ist derjenige, der der Symbolik der Situation am wahrscheinlichsten zu entsprechen scheint, der alternative Frame (j) steht dem ersten gegensätzlich gegenüber und ist mit einem anderen Ziel ausgestattet. Zudem stehen zwei Modi zur Verfügung, zum einen der Modus des automatisierten, reflexartigen (ap) und zum anderen der des reflexiv kalkulierenden (rc) Prozessierens. Beide zur Verfügung stehende Frames beinhalten eine Bewertung, also einen erwarteten Nutzen in der gegebenen Situation, U(i) und U(j).
Damit ein Frame ausgelöst werden kann, muss er im Gedächtnis verankert sein, es muss mindestens ein signifikantes Symbol auftreten welches dem Frame zugrunde liegt und es darf keine Störung des gespeicherten Situationswissens auftreten. (vgl. Esser 2002, S. 34f) Aus diesen Bedingungen errechnet Esser den „Übereinstimmungsfaktor“ ('m' wie Match) eines Frames mit der vorgefundenen Situation, der automatisch entsteht, also vom Akteur nicht
3
Arbeit zitieren:
Marian Bosse, 2006, Die Definition der Situation bei Hartmut Esser in einer kritischen Betrachtung, München, GRIN Verlag GmbH
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