Während des Trauerns ist das soziale Leben für alle aufgehoben, die davon betroffen sind. Der Zeitraum dieser Periode hängt von Beziehung zu und Status des Verstorbenen ab. Handelt es sich um einen Anführer, ist die gesamte Gemeinschaft betroffen. Die Übergangsperiode in Bestattungsriten wird zunächst physisch markiert, durch die Präsenz bzw. die Abwesenheit des Leichnams oder Sarges im Zimmer des Verstorbenen, beispielsweise bei einer Wache, oder sonstwo.
Es gibt verschiedene Prozeduren, mit deren Hilfe der Verstorbene anschließend nach Draußen befördert wird, diese können durchaus als Trennungsrituale bezeichnet werden. Dazu können gehören das Verbrennen von Gegenständen, die dem Toten gehört haben oder die man mit ihm verbindet, das Mitbestatten seiner Frau, Sklaven, Lieblingshaustiere, Waschungen oder generelle Reinigungsrituale, Tabus aller Arten. Hinzu kommen physische Prozedere der Trennung: ein Grab, ein Sarg, ein Friedhof, usw.
Das Schließen des Sarges oder Grabes gilt häufig als besonders feierlicher Abschluss der ganzen Zeremonie.
Zu den Eingliederungsriten zählen die Mahlzeiten, die nach der Beerdigung oder Gedächtnisfeier eingenommen werden. Ihr Zweck ist die Hinterbliebenen wieder miteinander zu verbinden, manchmal auch mit den Verstorbenen. Vergleichen lässt sich dieser Vorgang mit einer Kette, bei der ein Glied zerstört wurde (bzw. jetzt fehlt) und die nun wieder neu zusammengebracht werden muss.
2. Bedeutung von Traditionen
Viele traditionellen Bilder und Erzählungen, die mit der Identität eines Volkes zu tun haben, greifen auf Motive von Leben, Lebensdauer, Leiden oder Tod zurück. Die neuen dynamischen Ikonen, wie Fußball oder Popmusik, sind eher kosmopolitischer, weltlicher, weniger einheimischer Natur.
In Irland mischen sich diese Traditionen besonders. Volkstümliche, oft Tod-zentrierte Bräuche vermengen sich mit modernen Gewohnheiten. Besonders dem ärmeren Landvolk dienen sie, um zu zeigen, dass sie, trotz ihrer Armut, das Wesentlichste im Leben besitzen: Seele, Vorstellungskraft, Tradition.
Traditionen müssen jedoch nicht immer gut und lebensverbessernd sein. Genau können sie einen zerstörerischen Charakter haben, können Menschenrechte untergraben und zu Tragödien führen (auch die Mädchenbescheidung zählt in Teilen Afrikas zur Tradition). Ebenso können wirtschaftliche Fortschritte zurückgehalten werden, um der Traditionen Willen. Im Falle Irlands, so Pat Sheeran 1 würde jedoch besonders die irische Literatur darunter leiden, wenn die ausgeprägte Bestattungskultur mit all ihren Traditionen in Irland nicht geben würde. So beispielsweise die vom Tod inspirierte Poesie von Heaney und Kinsella sowie das „nekrologische“ Drama von Becket und Fiel. 2
Die irische Kultur scheint bis in die prä-Invasionszeit zu reichen und kann so als einheimische bezeichnet werden. Jedoch wurde sie durch die Kolonialisierung verändert, was aber natürlich nicht heißt, dass sie sich im Stillstand befindet. Ganz im Gegenteil, sie hat sich entwickelt, entwickelt sich bis heute, hat sich über die Jahrhunderte neue Bedeutungen angeeignet, die sich wiederrum weiterentwickeln. So nehmen in diesem Zusammenhang auch traditionelle irische Bräuche, wie sie im Mittelalter beispielsweise gebräuchlich waren, an Bedeutung ab, vor allem in städtischen Gebieten, und werden in moderne Formen eingearbeitet (wenn auch selten vollkommen ersetzt). Die Auseinandersetzung mit dem Tod jedoch, hat im Allgemeinen nicht abgenommen (wenn überhaupt wurde sie verstärkt). Es gibt wenige europäische Traditionen, die fortlaufende Generationen von Schriftstellern so obsessiv kommentiert haben, wie diese, die mit dem Tod zu tun haben. Zum Beispiel James Joyce:
„The Irishman’s house is his coffin. “ 3 Auch Denis Johnston, der die die Frage stellte:
„Do you not know…that this land belongs not to them that are on it but to them who are under it? 4
Der Tod ist in der irischen Kultur eine zwanghafte Wiederholung, verkleidet in verschiedene Gattungen und verschlüsselt in verschiedene Reden. Unzählbare literarische Formen haben sich dem Thema angenommen, in Gedichten, Witzen, Dramen, Geschichten, usw.
1 Sheeran, Pat: Talking to the Dead. Atlanta 1998. S.10
2 Ebd.
3 S.20
4 Ebd.
3. Theatrum Mortis
Das Theatrum Mortis“ als Metapher für die irische Kultur geht zurück auf Peter Brook’s Definition des theatralischen Aktes: Ich kann einen leeren Platz nehmen und es eine freie Bühne nennen. Ein Mann läuft darüber während jemand ihn beobachtet. Und das ist alles, was es braucht, um als Theater begriffen zu werden. Ein Ort, der geteilt ist in die, die zuschauen und die, die auftreten. Im irischen Theatrum Mortis beobachtet das untere Land das obere Land. Die Toten und die Lebenden bilden den Schnitt zwischen Bühne und Zuschauern. 5
Die Schlüsselstelle des Theatrum Mortis ist nicht so sehr das stimmige Auftreten, als vielmehr ein ehrenhafter Abgang: „ The most anxious thoughts of the Irish peasant through life revert to death and he will endure extreme poverty in order that he may scrape together the means of obtaining the wake and a decent funeral.” 6
Der Begräbnisort wird als Ehrenort gesehen, noch bevor er sich auf den Toten bezieht. Das Wichtigste wird hier eingefangen, der statusbezogene Charakter der Beerdigung spielt in der irischen Mythologie eine tragende Rolle.
Der Ort der letzten Ruhestätte kann auch zum Streitobjekt werden, wie der Fall von Patrick Kavanagh (Schriftsteller) 1989 zeigt: Dessen später verstorbene Frau Katherine sollte an gleicher Stelle im Familiengrab beigesetzt werden, als Peter Kavanagh, als Zeichen des Protestes, den Grabstein des Bruders entfernte (vermutlich weil Katherines Name dort zu sehen war). In seinen Augen war sie es nicht wert, die letzte Ruhestätte eines so großen Mannes wie Patrick Kavanagh zu teilen. Ein Ausdruck einer Art post-mortem Reviermarkierung, die wohl in einigen Kulturen bekannt sein dürfte. 7 Es braucht eigentlich kein prominentes Beispiel, um darzustellen, wie häufig der Bestattungsort zum Streitobjekt wird. Wer will schon den falschen Menschen auf ewig neben sich liegen haben (oder es seinen Angehörigen zumuten)?
5 S.21/22
6 S.29
7 S. 31
Arbeit zitieren:
Katrin Hillenbrand, 2010, "May the road rise up to meet you" - Tod und Bestattung in Irland, München, GRIN Verlag GmbH
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