Schon mit dem Beginn meines Studiums stand für mich fest, dass ein
Auslandsaufenthalt und Studium in einem anderen Land unbedingt ein Teil werden
sollten. Diese Entscheidung habe ich nicht nur getroffen, weil es mein Studienplan
im Europalehramt so vorsah, dass ich für ein Semester im englischsprachigen
Ausland studieren sollte, sondern auch, weil ich kurz zuvor von einem fast
zweijährigen USA-Aufenthalt zurück gekehrt war, wo ich als AuPair
(Kindermädchen) gearbeitet hatte. Ich vermisste die USA und konnte es kaum
erwarten, wieder für einige Zeit ins Ausland zu gehen.
Sobald sich herausstellte, dass ich an die Central Connecticut State
University gehen würde, begann ich den Aufenthalt intensiv vorzubereiten. Ich
kaufte Flugtickets für den Hinflug Ende August sowie den Rückflug im Juni. Des
Weiteren buchte ich einen Termin an der Amerikanischen Botschaft in
Frankfurt/Main, wo ich mein Visum für den Aufenthalt beantragen wollte. Dazu
erhielt ich das von der amerikanischen Universität ausgefüllte und unterschriebene
Formular DS-2019 per Post und reichte es zusammen mit den
Bewerbungsformularen sowie weiteren Unterlagen wie Passfotos und Nachweis über
die bezahlte SEVIS-Gebühr ein. Es wurden außerdem Nachweise gefordert, die zum
einen belegen, dass ich über ausreichend finanzielle Mittel für den Aufenthalt
verfüge und zum anderen zeigen, dass ich tatsächlich nach Ablauf meines Visums in
mein Heimatland zurückkehren werde. Meinen Pass erhielt ich zusammen mit dem
J1-Visum zirka zwei Wochen nach meinem Besuch an der Botschaft Ende Juli.
Ich machte mir außerdem Gedanken zu meinem Leben in den USA. Ich
entschied mich dafür, nach einem Zimmer außerhalb des Campus zu schauen, da
die Dorm Rooms auf dem Campus rund $2000 pro Semester kosten und nur
zusammen mit einem Meal Plan, der ungefähr ebenso teuer ist, zu bekommen sind.
Dies erschien mir nicht nur sehr teuer, ich befürchtete auch, dass ich mein Zimmer
mit jemandem teilen würde, mit der ich mich eventuell nicht gut verstehen würde.
Da ich mir auch nicht sicher war, wie die Qualität des Essens auf dem Campus sein
würde, entschied ich mich, nach einem privaten Zimmer in der Umgebung der
Universität zu suchen. Dazu schaute ich in private Kleinanzeigen aus New Britain
und fand viele interessante Angebote auf Craigslist (www.craigslist.com) sowie
Facebook Marketplace (www.facebook.com/marketplace). Schließlich fand ich ein
zweckmäßiges Zimmer in einem Haus, welches von mehreren jungen Leuten nur
zwei Blocks vom Campus entfernt bewohnt wurde. Der Vermieter war
einverstanden damit, dass ich Kaution und Miete erst nach meiner Ankunft
bezahlen würde und erlaubte mir sogar, dass ich in der letzten Augustwoche, in der
ich das Zimmer noch nicht bewohnen würde, kostenlos auf der Couch schlafen
könnte. Somit hatte ich gleich direkt nach meiner Ankunft in den USA eine
Unterkunft und musste nicht übergangsweise in ein Hotel ziehen.
Eine weitere Frage, mit der ich mich beschäftigte, war die Anschaffung
eines Autos während meines Auslandsaufenthaltes. Von meinem vorangegangenen
Auslandsaufenthalt wusste ich, dass ein Leben in den USA ohne Fahrzeug fast
undenkbar war. Ich sprach mit der Austauschschülerin, die im Jahr vorher ebenfalls
in New Britain studierte, und auch sie riet mir sehr zum Kauf eines Autos, da man
damit viel flexibler war und mehr Freiheiten hatte als ohne fahrbaren Untersatz.
Ich beschloss also, mich sofort nach der Ankunft in den USA nach einem geeigneten
Gebrauchtwagen umzusehen.
Die Kurswahl traf ich ebenfalls, während ich in Deutschland war. Ich
entschloss, sowohl Kurse, von denen ich die Credits an der Pädagogischen
Hochschule anrechnen konnte, als auch ein paar Kurse aus Interesse zu wählen. So
belegte ich einen Einführungskurs in die Philosophie, der sich als schwierig
herausstellte, da ich in diesem Kurs und vor allem während Examen an meine
sprachlichen Grenzen geriet; einen Einführungskurs in American Studies, den ich
eigentlich schon einmal in Deutschland besucht hatte, aber die amerikanische
Perspektive reizte mich; einen Französischkurs für Anfänger, da ich schon immer an
dieser Sprache interessiert war, aber in Deutschland hatte sich bis dahin noch nicht
die Möglichkeit ergeben. Des Weiteren besuchte ich einen TESOL Methods-Kurs, in
dem wir uns intensiv mit verschiedenen Methoden beschäftigten, um Englisch als
Zweit- oder Fremdsprache zu unterrichten. Ich genoss diesen Kurs sehr, da wir sehr
produktiv und hart arbeiteten. Fast alle meine Klassenkameraden hatten Englisch
als Zweit- oder Fremdsprache gelernt und konnten sich so besser in zukünftige
Schüler hinein versetzen. Als Teil unseres Leistungsnachweises sollten wir einem
internationalen Studenten an der Universität als Conversation Partner zur
Verfügung stehen und diese Treffen über mehrere Wochen lang dokumentieren.
Außerdem sollten wir mindestens zwei Stunden in verschiedenen Kursen des
Intensiv English Language Programs (IELP) der Central Connecticut State University
hospitieren. Das Semester schloss ab mit einer selbst kreierten Unterrichtsstunde,
die wir an einem Abend den Studenten, die intensiv Englisch an der Universität
lernen, unterrichten sollten.
Durch die Teilnahme an diesem Kurs kam ich in engen Kontakt mit IELP.
Es handelt sich dabei um ein Programm, welches Studenten aus aller Welt in einem
Intensivkurs Englisch beibringen soll. Die Studenten besuchen als Vollzeitstudenten
die Universität und beschäftigen sich in separaten Kursen mit Lesen/Schreiben und
Hören/Sprechen. Sie werden dabei je nach ihrem Sprachlevel in unterschiedliche
Schwierigkeitsstufen eingeteilt, wobei sie am Ende einer Session (acht Wochen)
relativ flexibel in ein anderes Level wechseln können.
Durch die Treffen mit meinem Conversation Partner, der selbst aus
Ägypten stammt und am Anfang unserer Treffen nur minimal Englisch sprechen und
verstehen konnte, erfuhr ich mehr über das Programm und traf andere Studenten,
die ebenfalls in diesem lernten. Ursprünglich war mir eine Assistant Teacher-Stelle
in der Deutsch-Fakultät der Universität versprochen worden, aber nach meiner
Ankunft stellte sich heraus, dass die Fakultät unter extremem Stellenabbau zu
leiden hatte und deshalb konnte ich nicht als Tutor arbeiten. Dadurch war es mir
aber möglich, die Treffen mit meinem Conversation Partner über die Anzahl, die für
den Leistungsnachweis nötig gewesen wäre, hinweg auszudehnen und tatsächlich
unterstützte ich ihn bei seinem Lernprozess bis kurz vor meiner Abreise. Ich hatte
hauptsächlich Kontakt zu Studenten aus Arabisch sprechenden Ländern und erlebte,
wie Schüler nicht nur mit Wortstellungen, Aussprache und Vokabeln zu kämpfen
haben, sondern auch neue Buchstaben lernen und sich an eine andere Leseweise
gewöhnen müssen. Viele Fehler wurden mir erst klarer, nachdem ich ein bisschen
über die Muttersprache dieser Studenten erfahren hatte. So erst gelang es mir,
ausgelassene Formen von „be“ in Sätzen zu verstehen, da das Arabische, zumindest
in einigen Dialekten, diese ebenfalls auslässt. Auch Probleme mit Wortstellungen im
Satz konnten meist mit dem Übertragen der Struktur aus dem Arabischen erklärt
werden. Ich lernte einen anderen Tutor kennen, der das Unterrichten von Englisch
als Zweitsprache studiert und selbst Amerikaner mit der Muttersprache Englisch ist.
Wir hatten angeregte Gespräche über die Qualität der Kurse im IELP.
Diese Gespräche sowie Unterhaltungen, die ich mit anderen Studenten
führte, machten mir klar, dass ein Englischprogramm mehr tun muss als nur die
Sprache zu unterrichten. Die Lehrer müssen zuallererst versuchen, sich in die Lage
der Schüler zu versetzen. Dazu ist es nötig, sich mit deren Muttersprache
auseinander zu setzen und zumindest Grundstrukturen dieser Sprache zu kennen,
um spätere Fehler nicht als Dummheit oder Unwissenheit abzutun, sondern als
Übertragung aus der Muttersprache zu erkennen und so zielstrebig an deren
Bekämpfung zu arbeiten. Weiter ist es hilfreich, wenn Lehrer selbst Erfahrung mit
Fremdsprachen gesammelt haben, um den Lernprozess, der dabei abläuft, und die
Irrtümer und Missverständnisse, die ebenfalls immer stattfinden, besser verstehen
zu können. Leider musste ich feststellen, dass einige Lehrer im IELP wenige dieser
Eigenschaften mitbrachten und die Qualität des Unterrichts erheblich darunter
leidete. Weiter schien es mir, dass das IELP kaum verbindliche Standards für die
Lehrer vorschreibt. Zum Beispiel wäre es wünschenswert, für jedes Level Vokabeln
festzulegen, die gelernt und beherrscht werden sollten. Oft musste ich erleben,
dass die Studenten im Rahmen von Hausaufgaben mehrere Seiten aus
Bilderwörterbüchern lernen sollten, die oft viel zu detailliertes und unnötiges
Vokabular enthielten. Es scheint mir sinnvoll, kritisch zu fragen, welches Vokabular
als unbedingt notwendig erachtet werden sollte. Auch dies gelingt leichter, wenn
man sich als Lehrer selbst einmal in einer ähnlichen Situation befunden hatte, in
der man in einem fremden Land mit einer anderen Sprache Alltagssituationen
meistern musste.
Trotzdem ich also nicht selbst unterrichten konnte, wie ursprünglich
gedacht, half mir dieser Auslandsaufenthalt sehr, mich beruflich weiter zu
entwickeln und ich habe in den vergangenen Monaten viel gelernt. Nebenbei
arbeitete ich als Kassiererin im Universitäts-Buchladen. Ich mochte diesen Job, da
ich dort weiter an meinen Sprachkenntnissen arbeiten konnte, neue Menschen
kennen lernte und interessante Gespräche führen durfte. Ich denke, dass mir diese
Erfahrungen auch für zukünftige Arbeitsplätze in Deutschland helfen werden.
Natürlich nutzte ich meine Zeit in den USA auch, um intensiv zu reisen.
Ich unternahm Wochenendtrips nach Washington D.C., Boston und New York City.
Ich verbrachte Halloween bei meiner ehemaligen Gastfamilie in Michigan,
Weihnachten mit Freunden in der Nähe von Hartford und feierte das neue Jahr
ebenfalls in Michigan. Ich genoss die Spring Break in Florida bei warmen
Temperaturen, während es in Connecticut schneite, und traf eine Freundin nach
Jahren in Toronto, Kanada. Ich lernte viele Leute kennen, mit denen ich hoffentlich
auch nach meiner Rückkehr nach Deutschland und trotz großer Distanzen zwischen
uns weiterhin gut befreundet bleiben werde.
Während meines Aufenthaltes kam ich des Öfteren in Situationen, die
mich an den Rand der Verzweiflung brachten und die ich auf eigene Faust meistern
musste. Ich habe in dieser Zeit gelernt, dass man mit einem starken Willen und
Durchsetzungskraft vieles erreichen kann und dass ich beides besitze. Es ist
manchmal erschreckend, wenn man sich weit weg von seiner Heimat ganz alleine
mit Problemen konfrontiert sieht, die unüberwindbar scheinen - und es ist herrlich,
wenn am Ende doch alles irgendwie klappt. Ich beginne vieles ein wenig
Amerikanischer zu sehen, mich nicht immer zu sorgen und bin langsam auch der
Überzeugung, dass „everything will work out“.
Das Studium hier ist viel intensiver als in Deutschland. Man muss
während der Vorlesungszeit mehr Hausaufgaben machen und die Kurse viel
intensiver vor- und nachbereiten - und die Dozenten zählen auch darauf, dass man
sich mit den Materialien beschäftigt. Viele Leistungsnachweise setzen sich aus
kleineren Arbeiten und selbst verfassten Artikeln zusammen, wohingegen man in
Deutschland oft nur eine abschließende Hausarbeit in den Ferien anfertigen muss.
Ich habe allerdings festgestellt, dass ich mich während des Semesters in den USA
viel mehr in den Unterrichtsstoff hinein gedacht habe, als ich es je in Deutschland
erlebt habe. Im zweiten Semesters meines Aufenthaltes hatte ich fünf verschiedene
Kurse zu besuchen - American Sign Language, Algebra, Medial English, Children’s
Literature und weiterhin Französisch. Das sich daraus ergebende Arbeitspensum
war enorm und den kursfreien Freitag habe ich oft vollständig benötigt, um alle
anfallende Arbeit zu erledigen.
Das Campusleben ist wesentlich vielfältiger gestaltet als in Deutschand.
Es gibt zahlreiche Clubs und Organisationen sowie Sportteams. Auch die finanzielle
Unterstützung dieser Clubs scheint größer, da viele Veranstaltungen für uns
Studenten kostenfrei sind. Auf dem CCSU-Campus gibt es ein Student Center, ein
Gebäude, welches den Studenten in der Zeit nach und zwischen den Vorlesungen
zur Verfügung steht. Hier gibt es eine kleine Mensa, viele Rückzugsorte zum Sitzen
und Entspannen oder Lernen auf drei Etagen sowie einen Raum mit Billiardtischen,
Spielkonsolen und Brettspielen. Im Gebäude gibt es auch zahlreiche
Versammlungsräume, in denen verschiedene Veranstaltungen stattfinden, sowie
den Buchladen, der neben den Lehrbüchern auch verschiedenste Kleidungsstücke
mit dem Universitätslogo sowie eine kleine Auswahl an Lebensmitteln und
Schreibwaren anbietet.
In meiner Freizeit kam ich oft zum Student Center, um an den
verschiedensten Veranstaltungen teilzunehmen. Besonders mochte ich
Donnerstagabende, an denen nicht nur ein kostenloser Film gezeigt wurde, sondern
auch Partys zu einem jeweils anderen Thema stattfanden, die immer sehr lustig
und unterhaltsam waren. So gab es unter anderem eine Halloweenparty, eine Party
mit dem Thema Mexiko, eine Party mit Wahrsagern, einem Mann, der Golfbälle und
andere fragwürdige Objekte verschlucken konnte und eine Veranstaltung mit einer
Ghosthunterin, die von ihrer Arbeit erzählte. Zurückblickend würde ich sagen, dass
diese Aktivitäten das Studentenleben in den USA erst zu etwas Besonderem
gemacht haben, denn ansonsten ist der Alltag an der amerikanischen Universität
sehr mit dem deutschen zu vergleichen.
Es hat sich herausgestellt, dass meine Entscheidung, nicht auf den
Campus zu ziehen, die richtige war. Ich habe einige Leute kennen gelernt, die
unzufrieden mit ihrem Dorm Room und / oder mit dem Essen waren und sich im
Laufe der Zeit eine Unterkunft außerhalb des Campus gesucht haben. Durch mein
Leben in einer Wohngemeinschaft habe ich außerdem auch Nichtstudenten kennen
gelernt, welches eine weitere gute Erfahrung war. Ich habe es auch nicht bereut,
ein Fahrzeug anzuschaffen - ich bin in zehn Monaten fast 20000 Meilen mit dem
Auto gefahren (zum Campus konnte ich laufen).
Im Großen und Ganzen kann ich sagen, dass meine Zeit an einer
amerikanischen Universität erfolgreich war. Vor allem durch meine persönlichen
Beziehungen, die ich während meines Aufenthaltes weiter ausbauen konnte, ist das
Jahr zu dem geworden, was es ist: unvergesslich und mit Geld nicht zu bezahlen.
Arbeit zitieren:
Luisa Liebold, 2011, Zwei Semester an einer amerikanischen Hochschule - Ein Erfahrungsbericht, München, GRIN Verlag GmbH
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