Essay 2010 der/die/das Nächste bitte?! Autorin: Nadine Ghanawi Der/die/das Nächste, bitte! - Die nächste Generation im sozialen Wandel
Veni, vidi, vici. Ich kam, sah, siegte? Heutzutage kann es zwar gar nicht schnell genug gehen, trotzdem scheint ein „Sieg“, ein Sinn, ein Ziel, ein Zweck, in immer weitere Fernen zu rücken. Denn die Konkurrenz ist groß, und frei nach Darwin gilt: Lediglich der unserer gegenwärtigen Konsum- und Informationsgesellschaft am besten Angepasste überlebt. Wer abwartet und Tee trinkt, den Button zur Absendung des Gebots bei ebay um 0,056 Sekunden verfehlt, die mündliche Prüfung um eine überzogene Minute verhaut, oder im Eignungstest dem Nebenbuhler zeitlich unterliegt, der wird ziemlich schnell von der gewaltigen Welle der Globalisierung überrollt - zu Gunsten eines „Nächsten“. „Wir danken Ihnen für die dreißigjährige Zusammenarbeit und wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute. Nun stelle ich Ihnen Ihren um einiges jüngeren und kompetenteren Nachfolger vor.“ Vor diesem Hintergrund steigt der Leistungsdruck besonders bei der „nächsten Generation“ - und das nicht nur auf dem Arbeitsmarkt. Als Zukunfts- und Hoffnungsträger wird von jungen Menschen oftmals das Äußerste abverlangt: Das Bildungssystem steckt den Nachwuchs schon mit bemerkenswerter Antizipation in die Schubladen „Erfolg“, „Potential“ und „Sieh zu was du mit einem Hauptschulabschluss anfängst“, wobei es das neue G9-System, mit dem wohl eine erneute Pisa-Blamage vermieden werden soll, auch nicht einfacher macht. Wenn Schulabgänger dann doch gut genug für ein Studium sind, werden sie sich unweigerlich aus der zuweilen exorbitanten Masse der Mitstudierenden herausheben müssen, wenn sie nicht bereits durch ein strenges Bewerbungs- oder Aufnahmeverfahren aussortiert wurden. Der Generationenvertrag, welcher die Vertragsbedingungen offenbar bereits gesprengt hat, kann zwar nicht gekündigt werden, trotzdem soll unter dieser Bürde für Nachwuchs gesorgt, und somit der negativen sozialdemografischen Entwicklung entgegen gewirkt werden. Parallel zu sinkenden Löhnen und steigenden Steuerabgaben soll der Bundeshaushalt stabilisiert, die Staatsverschuldung vermindert und Arbeitslose wie Hartz IV - Empfänger über dem Existenzminimum gehalten werden. Tja, die sozialen Anforderungen sind eben hoch, und wer sie nicht erfüllen kann, bleibt unbeachtet auf der Strecke; ertränkt sich in Alkohol, in ohrenbetäubendem Partylärm, läuft Amok oder begeht Suizid. Wenn ich jetzt so über meine Zukunft nachdenke, höre ich im Geiste ironischerweise noch die tiefe Männerstimme aus Angela Merkels Promotionswerbespot sagen: „DU...BIST...DEUTSCHLAND“. Was unsere moderne Gesellschaft beansprucht, ist weniger ein humanes Wesen, als ein allwissendes Arbeitstier, eine offensichtliche Fehlinterpretation von Nietzsches „Übermenschen“. Es scheint beinahe, als zwinge uns der besonders durch die internationalisierten Märkte und dem damit einhergehenden verstärkten Wettbewerb vorangetriebene soziale Wandel zum Einsatz von Ellenbogen, anstatt streichelnder Hände. Zu einem Individualismus, einem Egoismus, einem Materialismus, welcher für das soziale Umfeld nichts mehr übrig hat. Das unaufhaltsame Voranschreiten von Technisierung,
Medialisierung und Modernisierung bringt zwar immer neue Perspektiven, Profite, Erfindungen und
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Methoden hervor, führt uns aber auch mehr und mehr in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der es heißt „get rich or die trying“. Ließ sich Moral normalerweise an der Legitimität einer Sache festmachen, so beschränkt diese sich in modernen Zeiten rein auf die Aspekte der Legalität, ganz nach dem machiavellistischen Motto „der Zweck heiligt die Mittel“. Im ständigen Konkurrenzkampf der Gesellschaft denkt der homo oeconomicus nur an den eigenen Vorteil und setzt sich oft rücksichts- und skrupellos durch. Denn Moral oder gar Mitleid sind ein Risiko.
Individualität und Selbstverwirklichung, sonst mit abschätzendem Blick auf asiatische Kollektivitätsprinzipien hoch gelobte Attribute, sollten sich eigentlich nicht in einem gnadenlosen Interessenwettstreit vollziehen, sondern eher dem aristotelischen Ideal der Entelechie, der eigenen Wesensvervollkommnung innerhalb und der existenzgebenden, geschätzten „polis“, folgen; doch wie ein Damoklesschwert hält uns die Gesellschaft stets vor Augen: Nichts und niemand ist unersetzlich. Im Klartext heißt das: Der/ die / das Nächste, bitte!
Humankapital wird ersetzt durch Maschinen, der Produktionsort Deutschland durch Billiglohnland, Tante Emma durch laufbandproduzierte Massenvielfalt, der Ehemann durch den Liebhaber. Stundenlange Plaudereien mit der besten Freundin sind heute nichts mehr als durch ständige Übertragungsprobleme unterbrochene facebook-Chats, und familiäre Kommunikation findet selten ohne fernsehbedingte Hintergrundgeräusche statt.
Ist uns eigentlich nichts mehr heilig? Der deutsche Schriftsteller Gustav Nieritz sagte einmal: „Alles, was wir wirklich lieben, ist unersetzlich, und alles, wofür Ersatz nur denkbar ist, haben wir niemals wahrhaftig geliebt.“ Doch wo sind die zwischenmenschlichen Beziehungen, die in unserer Nationalhymne hoch gelobte Brüderlichkeit; wo ist die Nächstenliebe geblieben? Wie sieht unsere zukünftige Gesellschaft aus? Und was kommt überhaupt als Nächstes?
Der erste Schritt zur drohenden unpersönlichen Massengesellschaft ist für mich der Verlust der Kommunikation. Kommunikation innerhalb einer Gemeinschaft müssen wir als Aktion verstehen, doch wer nicht agiert, der verliert den sozialen Anschluss. Mit der Einführung moderner Medien, allen voran das Fernsehen und das Internet, wurde zweifellos der größte Wandel unserer Gesellschaft eingeleitet. Denn durch die veränderte Weise der Informationsaufnahme ändert sich auch die Kommunikationsweise. Die Rolle der Medien versteht sich als eine Interpretation des sozialen Lebens, als Prozess des Informationsaustausches wie auch als eine neue Beziehung zwischen Individuen. Sie gibt Denkansätze, Meinungen und Weltanschauungen vor, und beeinflusst somit - in mehr oder weniger großem Ausmaßunser Sozialverhalten. Allerdings hat sie aus vielen homo sapiens eher phlegmatische homo videns gemacht, unfähig (oder unwillig?) sich aktiv am politisch-sozialen Leben zu beteiligen, da ihm ja nun die Geistes- und Denkarbeit abgenommen wird. Besonders Kinder und Jugendliche stellen ein besonders beeinflussbares Publikum dar.
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Bekanntlich fällt es vielen Kindern bereits schwer, abgesehen der ihnen von den jeweiligen Bildungseinrichtungen auferlegten Lektüren einmal ein Buch in die Hand zu nehmen, ebenso wird Übergewicht durch Bewegungsmangel zu einem immer größeren Problem. Unter Teenagern verbreiten sich vor allem verzerrte, durch die Medien- und Filmwelt erschaffene Schönheitsideale aus, welche häufig die Ursache für Essstörungen, Selbstzweifel oder simplen Realitätsverlustes sind. Es kommt vor, dass sich Kinder und Jugendliche aus ihrem sozialen Umfeld zurückziehen, um sich in kontrovers diskutierte „Killerspiele“ zu vertiefen oder wildfremden Menschen in Internet-Communities ihre intimsten Gefühle, Probleme und Gedanken zu offenbaren. Auch verbrecherische Absichten, fragwürdige Videoaufnahmen oder anrüchige Fotos werden vorsätzlich über das Internet verbreitet und machen es zu einem überaus riskanten Medium.
Sollten Jugendliche im familiären und schulischen Umfeld ein anti-soziales bis gesetzwidriges Verhalten an den Tag legen, wird dies gerne in Fernsehprogrammen wie „Die Super-Nanny“ oder „Böse Mädchen“ zum Amusement des Publikums dokumentiert. Auch Serien wie „Die Auswanderer“ oder im Anschluss „Die Rückwanderer“ ziehen jegliche Privatsphäre und Intimität einer hohen Einschaltquote vor. Sich für das Leben seiner Mitmenschen interessieren, so war das nicht ganz gemeint. Darüber hinaus haben sich die Medien noch eine weitere Schwäche des Menschen zu Nutze gemacht: Seinen Hang zum Konsumismus. Das menschliche Dasein ist von Grund auf ein Materialistisches, und folglich bewirkt dies eine gewisse materielle Abhängigkeit. Tatsächlich wird jenes Laster durch die großen Interessenverbände der Wirtschaft und der Medien genährt, indem diese uns durch Werbung und Öffentlichkeitsarbeit das falsche Bild zu vermitteln versuchen, dass wir im Konsum glücklich werden - und sich gleichzeitig die Hände reiben.
Bereits die Bedürfnispyramide nach Maslow beschreibt, wie der Mensch stets versucht, die nächste Stufe innerhalb seiner personellen Entwicklung zu erlangen, doch der moderne Typ Mensch, genannt „Couchpotato“ oder „Mobiltelefonbildschirmbewunderer“ hat das wohl irgendwie falsch verstanden und laut aktueller Sozialgesetzgebung gehören Automobil, Handy und Fernsehen bereits zu den menschlichen Grundbedürfnissen. Von Kassettenrecorder, Walk- und Discman, über MP3-Player, iPod und Blackberry zur absoluten Glückseligkeit?
Die subjektiv empfundene Wichtigkeit im Besitz eines Markenartikels zu sein wird besonders unter sozialpädagogischen Aspekten, wie zum Beispiel im Hinblick auf Mobbing in Schulen, zu einem ernsten Thema. Wer dem Trend nicht folgt, ist „out“. Diese Überlegungen führen zu einem weiteren Problem, welches unmittelbar mit unserem unstillbaren Konsumdrang verknüpft ist: Soziale Differenzierung und das unsere Gesellschaft stark beeinflussende Konzept der „Macht“. Der weitläufige Begriff lässt sich unter wirtschaftlichen, politischen, diktatorischen und eine symbolischen Gesichtspunkten betrachten und stellt in seiner Gesamtheit die Basis einer Massengesellschaft dar. Macht ist das Hauptwerkzeug, um seinen eigenen Status zu markieren und gleichzeitig ein effektiver sozialer Kontrollmechanismus.
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Arbeit zitieren:
Nadine Ghanawi, 2010, Der/die/das Nächste, bitte?!, München, GRIN Verlag GmbH
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