2. Begriffserklärung und Definition des Zionismus
Der hebräische Begriff „Zionismus“ als solcher wird von Zion, einem Hügel Jerusalems, abgeleitet und stellt eine national-jüdische Bewegung auf internationaler Grundlage dar, die die Lösung der sogenannten Judenfrage durch die Gründung beziehungsweise Wiedererrichtung eines jüdischen Staats in Palästina anstrebte und die Rückkehr aller Juden in diesen Staat propagierte. 4
Die Bewegung entstand im 19. Jahrhundert als Reaktion auf den wachsenden, vor allem russischen und osteuropäischen Antisemitismus und beinhaltete drei Grundsätze: Er besagt, dass die Juden ein Volk und nicht nur eine Religionsgemeinschaft sind und die Judenfrage somit eine nationale Frage darstellt, dass der Antisemitismus eine ständige und lebensbedrohende Gefahr für die Juden ist und außerdem, dass Palästina, das „Land Israel“ die einzig wahre Heimat des jüdischen Volkes war und ist. 5 Mit der Gründung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland 1894 und dem Engagement des Präsidenten Theodor Herzl wurde die Bewegung allmählich international zur „politischen Kraft“ 6 im Kampf gegen den Antisemitismus.
3. Die Ursprünge und Gründe für die Entstehung des Zionismus
Wie bereits bei der Begriffsbestimmung erläutert wurde, war der Zionismus eine Strömung, die auf die Gründung eines jüdischen Nationalstaates in Palästina abzielte. Jedoch entstand diese Idee einer Rückkehr nicht erst im 19. Jahrhundert im Rahmen des europäischen Nationalismus, sondern sie ist bereits viele Jahrhunderte alt. Denn sowohl die Klage und Trauer über das Exil als auch der Wunsch nach einer Rückkehr nach Jerusalem bestehen schon seit der Zerstörung der zwei Tempel in den Jahren 586 v. Chr. und 70 n. Chr., die gemeinhin als symbolische Wendepunkte in der jüdischen Geschichte gelten. 7 Seit jeher beteten viele Juden stets für eine Rückkehr in ihre Heimat und verarbeiteten dieses Begehren in Prosa und Lyrik. So wird zum Beispiel im „Achtzehngebet“ 8 für einen raschen Wiederaufbau Jerusalems gebetet. Allerdings waren die Gebete und die Idee der Nationwerdung in dieser Zeit weniger politisch geprägt, sondern fanden eher im Bewusstsein der Juden statt.
4 Vgl. BpB, Zionismus, in: http://www.bpb.de/publikationen/AQ36B7,0,Zionismus.html (letzter Zugriff: 07.03.2011).
5 Vgl. haGalil.com, Staat Israel und Zionismus, in: http://www.hagalil.com/israel/geschichte/daten.htm 1998 (letzter Zugriff 07.03.2011).
6 Schubert, Klaus/ Klein, Martina, Zionismus, in: Das Politiklexion, Bonn 2006.
7 Vgl. Brenner 2005, S. 7f.
8 Ebd., S. 8.
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In Mittel- und Westeuropa kam es seit der Französischen Revolution zu einer beginnenden Emanzipation, die die jüdische Existenz auf rein konfessioneller Basis neu definierte. Im Emanzipationsvertrag von 1789 wurde festgehalten, dass Juden „sehr wohl französische, […] deutsche oder italienische Bürger werden“ 9 könnten, aber nur unter der Voraussetzung, dass sie jegliche nationale jüdische Merkmale ablegen würden. Sie sollten sich nur noch anhand ihrer Religion von den christlichen Bürgern unterscheiden. Diese Entwicklung hatte zur Folge, dass die jüdische Bevölkerung bald zu einer mittelständischen Bevölkerungsgruppe aufsteigen konnte und Juden auch im Beruf des Arztes oder Rechtsanwaltes vorzufinden waren. Außerdem versuchte sich die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung von ihren Traditionen freizumachen und „durch Säkularisation, Assimilation, Reform-Synagogen, Mischehen und Konversion mit ihren Gastgeber-Gesellschaften zu verschmelzen.“ 10
Allerdings entstand parallel zu den Emanzipationsbestrebungen in Deutschland bereits der erste Trend, der sich diesen Bestrebungen widersetzte, der aber indes agierte, ohne Aufsehen zu erregen. Diese Gegenbewegung zielte auf die Notwendigkeit der Restauration der kulturellen und historischen Heimat der Juden ab und betonte außerdem das nationale Wesen des jüdischen Volkes. Die Anhänger dieses Trends sahen die Assimilation, die mit der wachsenden Emanzipation einherging, als nicht realisierbar. 11 Im Gegensatz zu Westeuropa stand die Situation der Juden in Osteuropa, die einen wesentlich größeren Teil der Bevölkerung ausmachten. Denn die Rückständigkeit verhinderte den Emanzipationsprozess und „verwandelte das Dasein der Juden in eine Hölle.“ 12 Das vorrevolutionäre Russland war geprägt durch eine „wirtschaftliche Rückständigkeit, die Primitivität in der Kultur und die Brutalität in den gesellschaftlichen Verhältnissen und in den politischen Zuständen.“ 13 Dieser vorherrschende Zustand war ein „Grundfaktor für das Erscheinen des Zionismus.“ 14 Da die staatlichen Voraussetzungen für die wachsende Emanzipation im Vergleich zu Westeuropa fehlten, fand das jüdische Leben bis weit in das 20. Jahrhundert in kollektiven Strukturen statt, die sich durch ihre eigene Sprache (Jiddisch), Kleidung, Kultur und Erziehung von ihrer Umwelt unterschieden. 15 Diese nahezu autonomen Gemeinschaften wurden von den westlichen Juden
9 Brenner 2005, S. 11.
10 Rubinstein 2001, S. 36.
11 Vgl. Eloni, Yehuda, Zionismus in Deutschland. Von den Anfängen bis 1914, Gerlingen 1987, S. 17.
12 Taut, Jakob, Judenfrage und Zionismus, Frankfurt am Main 1986, S. 9.
13 Ebd., S. 13.
14 Ebd.
15 Vgl. Brenner 2005, S. 12.
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als die „besseren Juden“ 16 betrachtet, weil sie eine engere Verbindung zu ihrer Kultur und Tradition hatten und dadurch einen gewissen Vorbildcharakter einnahmen. Trotzdem wurden auch sie von den entstehenden politischen, geistigen und sozialen Bewegungen beeinflusst.
Knapp ein halbes Jahrhundert nach dem Emanzipationsvertrag scheiterte die errungene Gleichstellung der Juden 1848 und es kam zu einer ersten kleinen Welle des Aufbegehrens vor allem durch die orthodoxen Juden. Doch ein Großteil war immer noch mit seine kollektiven Strukturen verwurzelt und schenkte der neuerlichen Beschneidung ihrer Rechte kaum Beachtung. 17
Erst die Ermordung des Zaren Alexander II. im Jahr 1881 und die dadurch entstandenen „mörderischen Pogrome“ 18 sowie die zunehmenden staatlichen Restriktionen führten in Russland zu einer allmählichen Selbstemanzipation der Juden als eine Nation. Federführend war hierbei der jüdische Arzt Leon Pinsker, der in seinem Werk „Auto-Emancipation“ zu dieser eben genannten Selbstemanzipation aufrief und erklärte, dass diese nur außerhalb des europäischen Kontinents erfolgen könne. 19 Allerdings äußert er sich in diesem Zusammenhang nicht über einen spezifischen Ort. In dieser Zeit kam es in Russland wie auch in West- und Mitteleuropa zu einer sukzessiven Auflösung der kollektiven jüdischen Strukturen des Ghettos und der Lebensweise, die sich zuvor völlig von der Umwelt abgrenzt hatte. Außerdem sahen viele Juden die Massenauswanderung nach Amerika als einzige Möglichkeit, um ihrer ausweglosen Situation zu entfliehen. So sind zwischen 1880 und 1914 mehr als zweieinhalb Millionen Juden aus dem Zarenreich ausgewandert. 20
Obwohl die Idee des Zionismus bereits mehrere Jahrhunderte alt war, konnte er in Europa erst im Zeitalter des Nationalismus und als „Teil einer allgemeinen Politisierung des europäischen Judentums am Ausgang des 19. Jahrhunderts“ 21 Gestalt annehmen. Als ursächlich für die Politisierung wurden die Damaskus-Affäre 22 von 1840 und der
16 Reinharz, Jehuda, Jüdische Identität in Zentraleuropa vor dem Zweiten Weltkrieg, in: Beck, Wolfgang (Hrsg.), Die Juden in der europäischen Geschichte, München 1992, S. 112.
17 Vgl. Brenner 2005, S. 14.
18 Taut 1986, S. 14.
19 Vgl. Brenner 2005, S. 15.
20 Vgl. Taut 1986, S. 14.
21 Ebd., S. 16.
22 Eine Beschuldigung von Christen aus Europa an den muslimischen Orient, dass Juden in Damaskus einen Christen getötet und dessen Blut für rituelle Zwecke genutzt haben sollen (Vgl. Ben-Sasson, Haim Hillel, Geschichte des jüdischen Volkes. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 2007, S. 1039).
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Arbeit zitieren:
Nadja Kemter, 2011, Die Ursprünge des Zionismus, München, GRIN Verlag GmbH
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