Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG 2
TEIL I - HOCHBEGABUNG
1. ZUM EINLEITENDEN VERSTÄNDNIS 5
2. DEFINITION UND ABGRENZUNG 5
2.1 EX-POST-FACTO- DEFINITIONEN 6
2.2 IQ-DEFINITIONEN 6
2.3 PROZENTSATZDEFINITIONEN 8
2.4 TALENTDEFINITIONEN 8
2.5 KREATIVITÄTSDEFINITIONEN 9
2.6 ZUSAMMENFASSUNG 10
3. FORMEN DER HOCHBEGABUNG 11
3.1 SPRACHLICHE BEGABUNG 12
3.2 MUSIKALISCHE BEGABUNG 12
3.3 MATHEMATISCHE BEGABUNG 13
3.4 RÄUMLICH-VISUELLE BEGABUNG 13
3.5 KÜNSTLERISCHE BEGABUNG 13
3.6 KINÄSTHETISCHE BEGABUNG 14
3.7 SOZIALE BEGABUNG 14
3.8 ZUSAMMENFASSUNG 15
4. MODELLE DER HOCHBEGABUNG 16
4.1 ZWEIFAKTORENMODELL 16
4.1.1 Spearmans „Zwei-Faktoren-Theorie“ 16
4.2 MEHRFAKTORENMODELLE 17
4.2.1 Renzullis „Drei-Ringe-Modell“ 17
4.2.2 Mönks „Triadisches Interdependenz- Modell“ 20
4.2.3 Gagnés „Differenziertes Begabungs- Talent- Modell“ 21
4.2.4 Heller und Hanys „Münchner Hochbegabungsmodell“ 23
4.2.5 Sternbergs „Implizites pentagonales Modell“ 25
4.3 ZUSAMMENFASSUNG 27
5. IDENTIFIZIERUNG HOCHBEGABTER 28
5.1 VERFAHREN ZUR IDENTIFIKATION. 30
5 1 1 Formelle Verfahren 30
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5.1.1.1 Intelligenztests 31
5.1.1.2 Zensuren 32
5.1.1.3 Schulleistungsprüfungen 33
5.1.1.4 Arbeitsproben 33
5.1.2 Informelle Verfahren 34
5.1.2.1 Lehrervorschlag 34
5.1.2.2 Elternvorschlag 35
5.1.2.3 Selbstnominierung und Selbstauskunft 36
5.1.2.4 Peervorschlag 37
5.1.2.5 Checklisten und Ratingskalen 38
5.1.2.6 Tabellarischer Vergleich möglicher Identifizierungsverfahren 39
5.1.3 Identifizierung hochbegabter Underachiever 41
5.2 HINWEISE UND MERKMALE AUF HOCHBEGABUNG 44
5.3 ZUSAMMENFASSUNG 46
TEIL II - VERHALTENSAUFFÄLLIGKEITEN
6. ZUM EINLEITENDEN VERSTÄNDNIS 48
7. DEFINITION UND ABGRENZUNG 49
7.1 IM HINBLICK AUF HOCHBEGABUNG 50
7.2 ZUSAMMENFASSUNG 51
8. VERBREITUNG VON VERHALTENSAUFFÄLLIGKEITEN/PRÄVALENZ 53
8.1 ZUSAMMENFASSUNG 55
9. VERURSACHUNG UND ENTSTEHUNG VON VERHALTENSAUFFÄLLIGKEITEN 56
9.1 BIOLOGISCHE FAKTOREN 58
9.1.1 Genetische Faktoren 58
9.1.2 Konstitutionelle Faktoren 58
9.1.3 Somatische Faktoren 59
9.2 PSYCHO-SOZIALE FAKTOREN 59
9.2.1 Individuelle Faktoren 59
9.2.2 Familiäre Faktoren 60
9.2.3 Außerfamiliäre Erziehungsfaktoren 62
9.2.3.1 Der Kindergarten. 63
9.2.3.2 Die Schule 64
9.3 SOZIOKULTURELLE FAKTOREN 66
9.3.1 Sozialschichtzugehörigkeit 66
9.3.2 Ökologie 67
9.3.3 Migration 68
9 4 AKTUELLE LEBENSUMSTÄNDE UND SITUATIVE BELASTUNGSFAKTOREN 68
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9.5 ZUSAMMENFASSUNG 71
10. ERSCHEINUNGSFORMEN, SYMPTOME UND SPEZIELLE STÖRUNGSBILDER
IN BEZUG AUF IHRE RELEVANZ FÜR HOCHBEGABUNG 71
10.1 PROBLEME DES SOZIALVERHALTENS 75
10.1.1 Auffälligkeiten des Sozialverhaltens 76
10.1.2 Auffälligkeiten des Sozialverhaltens mit oppositionellem aufsässigen Verhalten 78
10.1.3 Aggressives Verhalten 79
10.2 PSYCHIATRISCH RELEVANTE STÖRUNGSBILDER 82
10.2.1 Angst 82
10.2.2 Depressivität 85
10.2.3 Suizidalität 87
10.3 LERNAUFFÄLLIGKEITEN 90
10.4 PSYCHOPHYSISCHE/PSYCHOSOMATISCHE AUFFÄLLIGKEITEN 91
10.5 ZUSAMMENFASSUNG 92
11. DIAGNOSTIK BEI VERHALTENSAUFFÄLLIGKEITEN 92
11.1 DER SONDERPÄDAGOGISCHER ANSATZ 93
11.1.1 Diagnostische Fragestellungen 93
11.1.2 Diagnostische Verfahren 96
11.2 ZUSAMMENFASSUNG 98
TEIL III - ZUM VERHÄLTNIS VON HOCHBEGABUNG UND
VERHALTENSAUFFÄLLIGKEITEN
12. ZUM EINLEITENDEN VERSTÄNDNIS 100
13. AUSGANGSLAGE UND FORSCHUNGSSTAN:D HARMONIETHESE VS.
DISHARMONIETHESE 102
13.1 DIE DISHARMONIETHESE 102
13.2 DIE HARMONIETHESE 104
13.3 ZUSAMMENFASSUNG 105
14. HOCHBEGABUNG IM KONTEXT DER PERSÖNLICHKEIT UND
EIGENSCHAFTEN MIT IHREN PROBLEMLAGEN/-KONSTELLATIONEN UND FOLGEN
105
14.1 ÜBERBLICK ÜBER DIE SOZIALE UND EMOTIONALE ENTWICKLUNG HOCHBEGABTER 107
14.1.1 Dyssynchronien 120
14.2 SELBSTKONZEPT UND SELBSTWERT 122
14.2.1 Störungen im Bereich des Selbstkonzepts 125
14 2 2 Selbstkonzept hochbegabter Underachiever 128
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14.3 KOGNITIVE, SENSORISCHE UND EMOTIONALE VORGÄNGE 130
14.3.1 Geistige Überaktivität 131
14.3.2 Sozialverhalten und geistige Überaktivität 133
14.3.3 Emotionale Hypersensibilität 135
14.3.4 Sensorische Überempfindlichkeit 138
14.4 DENKEN UND WERTVORSTELLUNGEN 140
14.4.1 Autonomie, eigener Wille und Nonkonformismus 141
14.4.2 Moralisches Denken 142
14.5 ZUSAMMENFASSUNG 144
15. HOCHBEGABUNG IM KONTEXT FAMILIE, SCHULE UND FREIZEIT MIT
IHREN PROBLEMLAGEN/-KONSTELLATIONEN UND FOLGEN 145
15.1 FAMILIE 145
15.1.1 Sonderstellung 145
15.1.2 Anregende Umwelt 147
15.1.3 Elterliche Erziehungshaltung 148
15.1.4 Zu viel elterlicher Druck 151
15.2 SCHULE 153
15.2.1 Schulische Leistungsproblematik 153
15.2.1.1 Overachievement oder Scheinhochbegabung 154
15.2.1.2 Underachievement 155
15.2.2 Lern- und Arbeitsverhalten 158
15.2.3 Hohe Anforderungen/Perfektionismus 159
15.2.4 Selbsteinschätzung/Selbstkonzept 160
15.3 FREIZEIT 161
15.3.1 Einsamkeit. 161
15.3.2 Introversion 163
15.3.3 Vertrauen in eigene soziale Fähigkeiten 165
15.3.4 Etikettierung 166
15.4 ZUSAMMENFASSUNG 168
16. RESÜMEE 170
TABELLENVERZEICHNIS 174
ABBILDUNGSVERZEICHNIS 175
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS 176
LITERATURVERZEICHNIS 177
INTERNETQUELLEN 200
EHRENWÖRTLICHE ERKLÄRUNG 201
Einleitung 2
Einleitung
Der Anspruch an Erziehung im Allgemeinen, besonders aber der an die Familien und Schulen gerichtete pädagogische Leistungsgedanke ist mehr denn je auch Grund dafür, dass es in der heutigen Zeit, in der viele unterschiedliche Ansprüche und Bedürfnisse von Kindern in einer heterogenen Gruppe zusammentreffen, zu immer mehr Problemkonstellationen und -konfrontationen kommt, die im Zuge ihrer Pluralitäten und Komplexitäten kaum noch individuell gerecht behandelt werden können. Aussagen von Lehrern zur Folge lässt sich der Schulalltag schwerer bewältigen wie früher, was nicht zuletzt auch darin liegen mag, dass Kinder neben ihren Entwicklungsunterschieden und unterschiedlichen Lebensentwürfen verschiedenste Formen von Lern- und Verhaltensschwierigkeiten zeigen. Zumal erschreckend sind auch die in aktuellen Berichten verlautenden Ergebnisse von Studien, die besagen, dass es um die Gesundheit der heutigen Kinder und Jugendlichen nicht allzu gut steht. Eine größere Belastung durch früh aufkommende oftmals schon chronische Erkrankungen, psychosomatische Probleme und Verhaltensauffälligkeiten sei zu vermerken. Doch bei genauerem Hinsehen spiegeln sich vielmehr die aktuellen kulturellen, politischen, sozialen, ökonomischen und ökologischen Gesellschaftsbegebenheiten in diesen gesundheitlichen Problemen wider. Diese Probleme und die mit ihnen einhergehenden Reaktionen sind Ausdruck einer Auseinandersetzung zwischen den Kindern und Jugendlichen und ihrer auf sie einwirkenden, herausfordernden und oftmals überfordernden Umwelt (vgl. Kolip, Hurrelmann & Schnabel 1995, S.16).
Gerade für Kinder und Jugendlichen, von denen ein gewisser Grad an Leistung gefordert oder vorausgesetzt wird und für all jene, die große Problem mit der Bewältigung ihrer Lebensaufgaben haben, kann eine Überforderung durch vielzählige Belastungen, welche z.B. durch die Familie und/oder Schule erzeugt werden, über ihre Kräfte, Bewältigungsmöglichkeiten und eigenen Ressourcen hinausgehen. Die Rede ist von Kindern, „die in ihrem Lernvermögen, in der Art sich Kenntnisse anzueignen, von den Durchschnittswerten ihrer Altersgruppe abweichen, die infolge festgelegter Organisations- und Inhaltsstrukturen über- oder unterfordert sind“ (Vernooij 2004, S.94) .
Einleitung 3
Die Rede ist in dieser Arbeit von hochbegabten Kindern und Jugendlichen, die als Reaktion auf die Anforderungen ihrer Umwelt Verhaltensweisen zeigen, die in den Augen Außenstehender als auffällig bezeichnet werden können. Ihre Reaktionen sind Ausdruck ihrer Überforderung oder Unterforderung und zeigen sich oftmals auf ganz unterschiedliche Weise. Während das eine Kind z.B. mit Aggression oder Rückzug reagiert, versucht das andere durch bestimmte Verhaltensweisen von seinen Problemen abzulenken. Andere Kinder wiederum versuchen die Zurückweisung ihrer Bedürfnisse mit abweichendem Verhalten zu kompensieren, reagieren psychosomatisch oder resignativ (Prado & Wieczerkowski 1990, S.63-64). Jedoch spielt die Hochbegabung an sich für viele Experten bei der Entstehung von Auffälligkeiten im Bereich der Psyche und des Verhaltens eine nur nichtige Rolle. Ihr Anliegen besteht vielmehr darin, den „inadäquate[n] Umgang der Umwelt mit den besonderen Begabungen“ (Holling & Kanning 1999, S.60) des hochbegabten Kindes herauszustellen.
Das Thema dieser Arbeit, Hochbegabung mit Verhaltensauffälligkeiten zu verknüpfen, mag für den einen Leser interessant und auch plausibel erscheinen, einem anderen jedoch absurd vorkommen. In der folgenden Arbeit soll dem Aspekt der Hochbegabung als ein möglicher Risikofaktor für Verhaltensauffälligkeiten Beachtung geschenkt werden, wobei nicht davon ausgegangen wird, dass zwingend ein monokausaler positiver Bedingungszusammenhang zwischen diesen beiden Phänomenen bestehen muss oder auf der anderen Seite eine Korrelation vorherrscht, die Hochbegabten eine generelle Überlegenheit in den meisten Persönlichkeits- und Verhaltensbereichen zuschreibt (emotional und allgemein stabiler). Vielmehr liegt das Anliegen der Arbeit darin, dem Leser vor Augen zu führen, dass gerade hochbegabte Kinder und Jugendliche durch ihre Andersartigkeit eher gefährdet sein können, Verhaltensauffälligkeiten zu entwickeln, wenn ihre Umwelt (Umfeld), besonders die Familie und die Schule, auf ihre Besonderheiten nicht adäquat reagiert.
Der Aufbau dieser Arbeit orientiert sich im Groben an den beiden Phänomenen der Hochbegabung und der Verhaltensauffälligkeit bei Kindern und Jugendlichen, welche in den ersten beiden Teilen dieser Arbeit separat behandelt werden. Der dritte Teil widmet sich dem bereits erwähnten Zusammenhang dieser beiden Phänomene mit dem Hauptaugenmerk auf ein mögliches Kausalgefüge unter Einbezug wissen-
Einleitung 4
schaftlicher Befunde und Erklärungen, wobei die Ausführungen und Schlussfolgerungen keinesfalls Anspruch wissenschaftlicher Vollständigkeit und Absicherung unterliegen, sondern vielmehr als Versuch gelten, zu dem noch relativ jungen Forschungsgebiet der Hochbegabung einige Denkanstöße zu liefern. Ausführlichere oder differenziertere inhaltliche Gliederungen der einzelnen Thematiken finden sich immer vor den Ausführungen der jeweiligen Kapitel unter den Kapitelunterpunkten „zum einleitenden Verständnis“. Abrunden soll diese Arbeit ein Resümee, das einen letzten Blick auf die Hochbegabung als Risikofaktor für Verhaltensauffälligkeiten wirft und sich zusätzlich dem Aspekt des aktuellen Forschungsstandes widmet.
Teil I - Hochbegabung 5
Teil I - Hochbegabung
1. Zum einleitenden Verständnis
Hochbegabung ist in ihrer Komplexität kaum zu erfassen. Seitdem sie als Diskussionsthema für die Medien interessant geworden ist, gibt es erfreulicherweise zahlreiche Literatur zu dieser Thematik, die ihr auf die eine oder andere Art gerecht zu werden versucht. Problematisch ist für den interessierten Leser hingegen, sich bei all der Literaturvielfalt mit seinen unterschiedlichsten Auslegungen und Themenschwerpunkten zurechtzufinden. Teil I dieser Arbeit soll gerade aus diesem Grund dem Leser überblickhaft die facettenreiche und vielschichtige Thematik der Hochbegabung näherbringen, um somit eine qualitative Auseinandersetzung mit dem Thema zu erleichtern. Dabei lässt sich allerdings nicht vermeiden, sich mit den verschiedenen vorherrschenden Definitionen (Kapitel 2), den unterschiedlichen Formen der Hochbegabung (Kapitel 3) und mit Hochbegabtenmodellen (Kapitel 4) auseinanderzusetzen. Abschließend soll in Kapitel 5 auf die Identifizierung von Hochbegabten eingegangen werden, die sowohl für die hochbegabten Kinder und Jugendlichen sowie ihren Familien als auch für andere Institutionen von großer Bedeutung ist.
2. Definition und Abgrenzung
Bei der Literaturrecherche zum Thema Hochbegabung stößt der Leser zwangsläufig auf eine Vielzahl an Bergriffserklärungen und -definitionen, die allesamt durch ihre zum Teil auch verwirrende Varietät eine einheitliche Begriffsbildung über Hochbegabung erheblich erschweren, mehr noch unmöglich machen. In der Fachliteratur wird eine große Anzahl von Definitionen (siehe z.B. die Auflistung von Feger 1988) und Modellen aufgeführt (z.B. Heller 2001; Mönks 1992; Gagné 1993; Renzulli 1993 & Urban 1996), die jedoch bis zu diesem Zeitpunkt keine universelle Zustimmung aller Forscher erlangen konnten. Ganz im Gegenteil, es besteht eine heftige Kontroverse zwischen einigen Experten bezüglich des aktuellen Begabungsverständnisses. An dieser Stelle seien zwei Namen explizit genannt, die
Teil I - Hochbegabung 6
für unterschiedlichste Betrachtung exemplarisch sind: Mönks (1991) und Rost (1991; 1993; 2000). Gerade im deutschsprachigen Bereich gibt es noch sehr wenige wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Hochbegabung. Gründe dafür werden gehäuft in Konflikten bei der Erfassung von Hochbegabung gesehen, die, wie schon zuvor erwähnt, auf der mangelnden Präzision und Schärfe des Begabungsbegriffs basieren. Einige Auslegungen hinsichtlich des Begabtenbegriffs werden trotz alledem zum Verständnis des Problems der Definitionsbildung aufgeführt, wobei aus dem eben genannten Grund kein Anspruch auf Vollständigkeit bestehen kann, da eine anerkannte und auch international gültige Definition bis zum heutigen Tag nicht existiert. Vielmehr wird es ein Versuch sein, die Bandbreite an gebotenen Definitionen über Hochbegabung unter verschiedenen Gesichtspunkten schematisch zu ordnen, um, ungeachtet des „alles andere als präzisen Begriff[s]“ Hochbegabung, einen Überblick über seine Verwendung zu schaffen (Rost 1991, S.197).
2.1 Ex-post-facto- Definitionen
Nach diesen Definitionen werden Jugendliche und Erwachsene als hochbegabt bezeichnet, nachdem herausragende Leistungen in bestimmten Bereichen erbracht worden sind, z.B. im Bereich Mathematik, Musik oder Sport. Sie ist die älteste Festlegung von Hochbegabung. Die Person muss demnach mit ihren Leistungen ihrer Umwelt und ihrem Umfeld aufgefallen sein und wird daraus resultierend von ihren Mitmenschen hoch geachtet. Die Bezeichnung erfolgt sozusagen rückwirkend auf die erbrachte Leistung (vgl. Fels 1999, S.39; Henze, Sandfuchs& Zumhasch 2006, S.14; Vernooij 2004, S.96).
2.2 IQ-Definitionen
Laut den IQ-Definitionen werden diejenigen Personen als hochbegabt angesehen, deren Intelligenzquotient über einem bestimmten Wert liegt. In der Regel liegt dieser Grenzwert bei 130 (siehe hierzu die Auffassung von Holling & Kanning 1999, S.5). Gemäß dieser Grenzziehung würde ein Kind mit einem IQ von z.B. 125 nicht als hochbegabt angesehen. In der Literatur lassen sich für diese Art von Abgrenzung weitere Begriffe finden. Im IQ-Bereich von 111 bis 120 spricht man auch von „überdurchschnittlicher Intelligenz“, ab einem IQ-Wert von 121 von „deutlich über- durchschnittlicher Intelligenz“ (vgl. Brackmann 2005, S.21). Ebenso finden sich in
Teil I - Hochbegabung 7
der Literatur Begriffe für einen IQ-Wert von weit über 130. Ausdrücke wie „extreme Hochbegabung“ oder „höchst begabt“ im Vergleich zu „besonderer Begabung“ oder „Hochbegabung“ bei einem IQ-Wert von 130 bis 140 sind nur einige von vielen. Oft sind diese auch an unterschiedliche Sichtweisen in Bezug auf den Grenzwert des Intelligenzquotienten angelehnt und weisen aus diesem Grund andere Termini zur Hochbegabung auf. Terman (1926) spricht z.B. von einer Hochbegabung erst ab einem IQ von 140, während andere Wissenschaftler in diesem Bereich schon von einer weit überdurchschnittlichen Hochbegabung sprechen (siehe hierzu Jost 2003; Renzulli 1986; 1998; Heller 2000b).
Somit ist erkennbar, dass der Begriff der Intelligenz ebenso wie der Begriff der Hochbegabung vielfältige Definitionen zulässt. Auf eine allgemein anerkannte Definition über Intelligenz wird vergebens gewartet. Vielfach wird der Begriff der Begabung mit dem der Intelligenz und des Intelligenzquotienten gleichgesetzt (vgl. Gerstenberger-Ratzeburg 2007, Seite19), häufig auch synonym gebraucht (siehe hierzu auch Perleth 2001b, S.33-46). Jedoch weist eine derartige Grenzwertziehung von Hochbegabung anhand des Intelligenzquotienten erhebliche Mängel auf: Neben der schon bereits erwähnten willkürlichen Grenzziehung erfasst diese Art von Definition nur die intellektuelle Hochbegabung und übersieht somit weitere Typen menschlichen Könnens, wie z.B. Fähigkeiten in den Bereichen Kunst und Musik, Sport (Psychomotorik) und sozialer Begabung, auf welche in einem separaten Kapitel „Formen der Hochbegabung“ (Kapitel 3) weiter eingegangen wird. Ebenso vernachlässigt diese Definition wichtige Determinanten bei der Entfaltung der Hochbegabung. Aufzuzählen wären beispielsweise interne Faktoren wie die eigene Motivation, Wissbegierde, die emotionale Befindlichkeit, Persönlichkeitsmerkmale, ebenso wie Kreativität und das soziale Umweltgefüge Familie, Schule und Peers (Freunde). Diese Definitionsklassifikation ist damit sehr eindimensional und übersieht unabwendbar schwierige Hochbegabtengruppen wie Hochbegabte Leistungsversager (Underachiever), Kinder und Jugendliche die unter Schulangst und Testphobie leiden und solche, die aus schwierigen sozialen Verhältnissen und Rahmenbedingungen stammen.
Inzwischen gibt es eine Flut an Literatur, die sich mit intellektueller Hochbegabung befasst (z.B. Heller 2001; Holling & Kanning 1999). Allgemein wird darunter die Befähigung verstanden, sich Wissen effektiv und schnell anzueignen, Probleme in verschiedenen Bereichen wie z.B. in der Technik, Mathematik, Sprache, uvm. mit
Teil I - Hochbegabung 8
dessen Hilfe zu bewältigen und flexibel auf neue Herausforderungen und Probleme mit Lösungsstrategien reagieren zu können (vgl. z.B. Bingham, 1937 & Wittmann 2003, Seite16). Nach Andrea Brackmann (2005, S.18f) gilt eine Person dann als intellektuell hochbegabt, wenn sie in einem oder mehreren Bereichen über geistige Fähigkeiten verfügt, die in ihrer Ausprägung extrem weit über dem Durchschnitt ihrer Altersgenossen liegen. Dies können sprachliche, naturwissenschaftliche, technische, musische, aber auch alltagspraktische und soziale Fähigkeiten sein. Die Autorin führt weiter aus, dass per Definition ungefähr 2% der Bevölkerung (2 von 100 Menschen) intellektuell hochbegabt seien und einen Intelligenzquotienten von 130 und mehr aufwiesen.
2.3 Prozentsatzdefinitionen
Diese Definitionen basieren auf bestimmten Leistungserhebungen wie z.B. Schulnoten, Leistungstests oder Intelligenztests und stufen somit einen bestimmten Prozentsatz der Gesamtbevölkerung als hochbegabt ein, so z.B. die drei Prozent Besten des Abschlussjahrganges oder das oberste Drittel beim Abschneiden eines Intelligenztests usw. Jedoch kann es bei dieser Art von Hochbegabungsdefinitionen leicht zur Überschneidung mit anderen Definitionsklassen kommen, da in der Regel Begabung mit Leistung gleichgestellt wird und diese, wie schon vorherig erwähnt, sehr unterschiedlich ausgelegt wird. Somit ist eine Überschneidung gerade mit den IQ-Definitionen keine Seltenheit (vgl. Feger & Prado 1998, S.31).
2.4 Talentdefinitionen
Ein weiterer Begriff, der zusätzlich für Verwirrung sorgt, ist der Begriff des Talents. Man findet ihn oft auch synonym mit Begabung und Intelligenz (siehe hierzu Schank-Danzinger 1972). In der Regel beziehen sich Talentdefinitionen in Deutschland im Vergleich zu Amerika (vgl. Gagné 2004) im Allgemeinen auf besondere Begabungen in bestimmten Bereichen, so z.B. im künstlerischen oder wissenschaftlichen Bereich, Sport, Musik oder Sprache. Ebenso sind Leistungen in mehreren Bereichen mit eingeschlossen (vgl. Fels, 1999; Gerstenberg-Ratzeburg 2007, S.22; Mönks & Ypenburg 1998, S.29; Vernooij 2004, S.96). Urban spricht in diesem Zusammenhang beim Terminus Talent auch von einer „Spezialbegabung in einem abgrenzbaren Bereich in Abhebung von „nur“ allgemein hoher kognitiver
Teil I - Hochbegabung 9
Begabung“ (Urban 2004, S.105) und verweist auf Heller (1987). Ein derart verschiedener Gebrauch der beiden Termini „Hochbegabung“ und „Talent“ wird von vielen kritisiert, da die wirkliche Bedeutung somit verschleiert wird bzw. verborgen bleibt. Ellen Winner (1998, S. 17; 277f), eine amerikanische Professorin für Psychologie am Boston College, die sich ausführlich mit dem Thema Lernen und Kognition Hochbegabter beschäftigt 1 , kritisiert diese Art der Unterscheidung von Talent und Hochbegabung. Sie deute auf zwei unterschiedliche Gruppen von Menschen hin. Jedoch gibt es, so Winner, keine nennenswerten Unterschiede. Auch wenn die Fähigkeiten in unterschiedlichen Domänen liegen, so gleichen sich die Personen in ihrer frühen Begabungsphase, in ihrer Divergenz und Energie. Alle Begabungen weisen zum Teil einen genetischen Aspekt auf, ihre Entfaltung im familiären und sozialen Umfeld entwickelt sich als dessen Ergebnis und alle brauchen die gleiche Förderung zu ihrer positiven Verwirklichung. Die Trennung nach Hochbegabung und Talent ist nach Winner nur eine irreführende Klassifikation. Sie deklariert dieses Phänomen sogar als Mythos, der Menschen mit außergewöhnlichen intellektuellen Befähigungen als hochbegabt, andere mit außergewöhnlichen Fähigkeiten z.B. in Musik oder Kunst als talentiert bezeichnet und abgrenzt.
2.5 Kreativitätsdefinitionen
Kreativitätsdefinitionen lehnen die Definition von Hochbegabung über den Intelligenzquotienten ab und setzen an seine Stelle die Kreativität. Somit gilt jemand als hochbegabt, der die Fähigkeit besitzt, „etwas Neues, Originelles zu schaffen“ (Feger & Prado 1998, S.31). Somit rücken kreative produzierte und originelle Leistungen in den Vordergrund und lassen die bloße Betrachtung des Intelligenzquotienten als Kriterium für Hochbegabung keine bedeutende Rolle mehr spielen. Zwar geht aus einer Vielzahl von Untersuchungen hervor, dass die meisten kreativen Personen auch hochbegabt sind. Die Gegenthese ist jedoch nicht haltbar: Nicht alle hochbegabten Personen sind auch kreativ.
Bei der Kreativität handelt es sich um einen schwer erfassbaren und facettenreichen Begriff, der sich dadurch nur bedingt umschreiben lässt, da es auch bei der Kreativität keine allgemein gültige und von allen Forschern und Experten akzeptierte
1 Bei Interesse an ihren Büchern und Arbeiten verweise ich auf die Homepage von Ellen Winner: http://www2.bc.edu/~winner/bio.html (26.10.2007, 11.57 Uhr)
Teil I - Hochbegabung 10
Definition gibt. Erschwerend kommt hinzu, dass es keine eindeutigen Anhaltspunkte in der frühen Kindheit gibt, die auf eine spätere Kreativität hinweisen. Ein weiteres Klassifikationsproblem tritt bei der Tatsache auf, dass sich Kreativität ebenso wie Hochbegabung auf einem bestimmten Gebiet zeigt. Jemand kann beispielsweise sehr originelle Ideen im Umgang mit logischen Problemen entwickeln, jedoch keinerlei Kreativität beim freien Schreiben zeigen. In der Literatur findet man weiterführend Hinweise auf Zeiteingrenzungen bezüglich der Kreativität, die eine ununterbrochene oder fortwährende Kreativität ausschließen und auf bestimmte kreative Lebensperioden auf einem oder auch verschiedenen Gebieten hinweisen (vgl. Mönks & Ypenburg 1998, S.26- 27).
2.6 Zusammenfassung
Wie durch die verschiedenen Definitionen und Abgrenzungen hervorgegangen, ist eine Klassifikation von Hochbegabung nur sehr schwer möglich. Zu variabel wird mit der Definition von Hochbegabung und den verschiedenen Begriffsmöglichkeiten umgegangen, so dass keine allgemein gültige und universale Begriffsbildung gegeben werden kann. Jeder Wissenschaftler (Experte) legt sich im Allgemeinen je nach seiner Überzeugung eine eigene Auslegung über den Begriff „Hochbegabung“ zurecht und schafft somit die Basis seiner Argumentation. Auch ich werde mich in meiner Arbeit auf ein Begriffsverständnis von Hochbegabung beschränken müssen, damit der Überblick nicht verloren geht. So werden von mir alle Ausdrücke wie z.B. hoch leistend, extrem begabt, höchst begabt, überdurchschnittlich begabt uvm. synonym zu hochbegabt verwendet. Dabei verstehe ich unter hochbegabten Kindern und Jugendliche all jene, die mit ihren Leistungen im intellektuellen Bereich über der durchschnittlichen Norm ihrer Altersklasse liegen, denn in meinen Augen halte ich überdurchschnittliche intellektuelle Fähigkeiten für ein wichtiges Kriterium als Voraussetzung für hohe Leistungen auch in anderen Begabungsbereichen wie Musik, Kunst , Sport usw., die in Kapitel 3 dieser Arbeit noch weiter erläutert werden. Jedoch sehe ich einen hohen IQ-Wert, erreicht in einem standardisierten Intelligenztest, nicht als unbedingtes Kriterium für Hochbegabung an. Vielmehr basiert meine Auffassung von intellektuellen Fähigkeiten auf ein außergewöhnliches Lerninteresse, Lernbereitschaft und eine ungewöhnlich hohe Lernfähigkeit. Darunter fallen Kinder und Jugendlichen, die in kürzester Zeit effektiv und intensiv verschie- denste Informationen in großen Mengen und auf hochgradigem Niveau aufnehmen
Teil I - Hochbegabung 11
und verarbeiten und auf neuartige Situationen anwenden können. Darunter fällt auch die Verknüpfung von eigenem (angeeignetem) Wissen mit der Bewertung des Anforderungsproblems, um somit neue Erkenntnisse und Informationen zu gewinnen. Mit dieser Auffassung von Hochbegabung schließe ich mich der Definition von Urban und Geuß an, die hohe intellektuelle und kreativen Denkfähigkeiten postulieren, welche in Verbindung mit einer großen Bereitschaft (Motivation) und Ausdauer und unter günstigen Umweltbedingungen zu herausragenden Großtaten führen können ( vgl. Geuß & Urban, 1981; Urban 1985; Urban 2004, S.14).
3. Formen der Hochbegabung
Die vorliegende Arbeit basiert, wie mehrmals erwähnt, auf dem Begriffsverständnis, dass Hochbegabung als ein individuelles Fähigkeitspotential für sehr gute oder herausragende Leistungen angesehen wird. Diese Leistungen treten mindestens in einem Bereich auf und begrenzen sich nicht nur auf die intellektuelle Begabung, die weiter oben bereits erläutert wurde. Das Potential kann prinzipiell in verschiedenen Begabungsbereichen vorliegen, die je nach Auffassung der Experten variieren können. Im Folgenden werden Begabungsbereiche nach dem Konzept von Gardner (1991) 2 aufgezeigt, der sieben verschiedene Begabungsfelder unterscheidet, obgleich die weiteren Ausführungen in den nächsten Kapiteln aus methodischen Gründen auf den Bereich der intellektuellen Hochbegabung beschränken werden, da dieser Bereich, so auch nach Weinert (2001), im Zentrum der aktuellen Hochbegabungs-
2 Fürdie Einteilung von Begabungsfeldern gibt es verschiedenste Modelle in der Literatur, so z.B. nach Marland (1971), Heller (2001), Mönks (1992; 1996), Gagné (1993) oder Renzulli (1985; 1993),
jedoch, und da schließe ich mich Christian Fels an (vgl. Fels 1999, S.33), leitet sich Gardners Modell
von seinen zahlreichen Ergebnissen und Beobachtungen bei hirnverletzten Patienten unter
Berücksichtigung des sozialen Kontextes (Kultur und Umfeld) ab und erscheint daher von den
möglichen Modellen von der wissenschaftlichen Seite her am besten begründet und gut
nachvollziehbar. Ebenso finden sich in der Literatur zahlreiche Hervorhebungen zu Gardners
Leistungen und seinem Buch (Gardner 1991), welches auch ins Deutsche übersetzt worden ist. So
wurde Gardner nicht umsonst vom Buchhandel „Buch“ aktuell in der Frühjahresausgabe 1997 (Erst
der EQ…Buch aktuell 1997, S.24) als Pionier der multiplen Intelligenz bezeichnet (vgl. Feger &
Prado 1998, S.34-35). Einen guten Überblick über die verschiedenen Modelle und ihre Anzahl an
Begabungsfelder gibt Ahlbrecht in tabellarischer Form (siehe hierzu Ahlbrecht 2006, S.22-23).
Teil I - Hochbegabung 12
forschung steht. Ebenso orientieren sich die meisten Hochbegabungsmodelle, die im Kapitel 4 behandelt werden, am intellektuellen Potential 3 .
3.1 Sprachliche Begabung
Unter sprachlicher Begabung versteht Gardner (1991) die Fähigkeit, der jeweiligen Situation angepasst, die richtige Wortwahl zu treffen. Dies muss einhergehen mit Feingefühl für die Phonetik, Klangwahl und Prosodie in Zusammenhang mit dem Abwägen des positiven und negativen Rangs von Worten. Ebenso dazu zählt das Empfinden für die Expressivität von Fremdsprachen.
Leider fehlen in diesem Begabungsbereich bislang verwertbare Beobachtungen und Resultate im frühkindlichen Stadium. Jedoch sind diese Begabungsinhalte besonders im poetischen und schriftstellerischen Bereich nicht von der Hand zu weisen.
3.2 Musikalische Begabung
Eine Begabung im musischen Bereich zeigt sich schon in frühen Kinderjahren. Als ein akkurates Merkmal kann das präzise Nachsingen von melodischen Einheiten genannt werden, welches sogar vor dem Spracheinstieg stattfinden kann (gewöhnlich im Alter von 1-2 Jahren). Winner und Martino (1993) führen weiter aus, dass für die Hochbegabung im Musikalischen keinerlei überdurchschnittliche intellektuelle Leistung oder ein präzises Gehör von Nöten sei, im Gegensatz zu Feingefühl für Harmonien, rhythmische Einheiten und Tonalität.
Das Gebiet der musikalischen Hochbegabung ist eines von wenigen, auf welchem hohe Leistungen schon im frühkindlichen Stadion beobachtet werden konnten mit Einschränkungen auf den westlichen Kulturkreis und klassischer Musik (vgl. Fels 1999 S.34-35).
3 Mit dieser Festlegung und Konzentration ausschließlich auf einen Begabungsbereich möchte ich jedoch nicht die Wichtigkeit und Bedeutung der Förderbedürftigkeit der anderen Begabungs-
bereichen ignorieren. Sie alle bedürfen gleicher intensiver Förderung vonseiten der Schule und Gesell-
schaft!
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3.3 Mathematische Begabung
Die mathematische Begabung wird von schulischer Seite meist als ein Teil der intellektuellen Begabung angesehen und zeichnet sich im Wesentlichen durch besondere Fähigkeiten in drei Teilbereichen aus, die Fels (1999, S.35) von Krutetskii (1976) übernommen hat:
1. Mathematische Informationsverarbeitung durch Anwendung des Verstandes auf symbolischer Ebene, Generalisierung, Flexibilität und Schlussfolgern auch in Bezug auf die Umkehrbarkeit (Umwandlung) eines bereits erkannten Problems.
2. Gliederung mathematischer Informationen und die damit verbundene Erkenntnis des Problems mit seinen Strukturen. 3. Ein ausgezeichnetes Gedächtnis für Probleme und dessen Lösungswege, Beziehungen, Argumente, Beweise und mögliche Vorgehensweisen.
3.4 Räumlich-visuelle Begabung
Nach Gardner (1991) liegt diese Begabung in der Befähigung, Gegenstände im Geiste zu manipulieren, sie sich anschaulich zu machen (anschauliches Denken) und auch kleinste visuelle Unterschiede zu erkennen. Diese Voraussetzung ist besonders für bestimmte Personen- und Berufstätigkeiten von großer Wichtigkeit, so z.B. für mechanische Beschäftigungen, architektonische Arbeiten, Strategiespiele (wie Schach) und künstlerische Arbeiten (vgl. hierzu auch Gardner & Ramos-Ford 1991, S.55-64). Im nächsten Punkt wird von Gardner noch mal gesondert auf die künstlerische Begabung eingegangen, da diese Fähigkeit in unserer westlichen Kultur allgemein als Begabung anerkannt und geschätzt wird.
3.5 Künstlerische Begabung
Im Gegensatz zur musikalischen Hochbegabung ist die künstlerische Hochbegabung im Frühkindesalter mit ihren so genannten Wunderkindern deutlich spärlicher zu finden. Sie tritt gewöhnlich erst im Schulkindesalter auf (ab dem Alter von sieben bis acht) und ist meist durch eine um ungefähr ein Jahr verfrühte künstlerische Ent- wicklung und durch frühzeitigen detailgetreuen Realismus (im Gegensatz zum ex-
Teil I - Hochbegabung 14
pressionistischen Zeichencharakter) in den Malereien zu erkennen (vgl. Winner & Martino 1993) 4 . Vermutungen gehen hierbei in den Bereich der nur wenig strukturierten Kunst im Zusammenhang mit Kreativität und die Erschwernis der Identifizierung durch die vielen verschiedenen Auffassungen über gute und schöne Kunst. Ebenso gibt es im künstlerischen Begabungsbereich, da sich keine Beziehung zum Intelligenzquotienten nachweisen lässt, (bisher) kein verlässliches Testverfahren, welches künstlerisch hochbegabte Kinder frühzeitig identifizieren könnte.
3.6 Kinästhetische Begabung
Unter kinästhetischer Begabung wird im Allgemeinen die ausgezeichnete Befähigung des eigenen Körpers verstanden, auch in Verbindung mit Ausdruck und Empfinden von Emotionen. Die Begabung äußert sich z.B. im Tanz, im Schauspiel, in verschiedenen Sportarten oder auch in der Chirurgie (vgl. Fels 1999, S.36). In der Literatur finden sich noch weitere Ausdrücke synonym zur kinästhetische Begabung. So spricht Mönks (1992; 1996) z.B. von motorischer, Heller (2001) von psycho-motorischer und Gagné (1993) von sensomotorischer Begabung, die sich jedoch im Gegensatz zu Gardners Auffassung (1991) fast ausschließlich auf den körperlich-sportlichen Bereich beziehen.
3.7 Soziale Begabung
Die soziale Begabung äußert sich nach Ramos-Ford und Gardner (1991) in der Fähigkeit, sich in die eigenen und auch in fremde Emotionen und Bedürfnisse hineinzuversetzen und diese zu erfassen, Handlungsmotive zu begreifen und unter Miteinbezug dieser Erkenntnisse Handlungen zu vollziehen. Ebenso wird darunter die Befähigung verstanden, auf der Basis dieses Wissens auf Gruppen und Gemeinschaften so Einfluss zu nehmen, dass es zu ihrer positiven Entwicklung
4 Im Allgemeinen ist das künstlerische Schaffen von Kindern ab zwei Jahren geprägt von einfachen Kritzeleien, welche ab drei bis vier Jahren in noch sehr elementare aber bereits schon erkennbare
Zeichnungen und Darstellungen münden. Realistische Abbildungen mit Einbezug von Größe,
Proportion, Perspektive und Schattierung sind ab dem siebten Lebensjahr feststellbar und heben sich
somit von dem eher expressionistischen Zeichnen ab, welches die Phase vor dem siebten Lebensjahr
kennzeichnet. Expressionistisches Zeichnen ist jedoch weiterhin zu beobachten, wenn die Kinder
besonders ausdrucksstark malen wollen (Winner &Martino 1993).
Teil I - Hochbegabung 15
beiträgt. Gerade bei Lehrern und Therapeuten aber auch bei Priestern oder Politikern ist soziale Begabung unter diesem Aspekt eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiches Arbeiten. Personen, denen man Führungsqualität („Führerqualitäten“) zuspricht, werden häufig mit dem Aspekt der sozialen Begabung ausgezeichnet (vgl. Fels 1991, S.36-37). Renzulli (1971) aber auch Plowman (1981) zeigen noch weiter Eigenschaften auf, die in ihren Augen unablässig für eine Betätigung in führenden Positionen sind:
1. Zuverlässigkeit
2. Selbstbewusstsein 3. Fähigkeit zur Anpassung und zur Moral 4. Kontaktfreudigkeit 5. Beliebtheit 6. Zugänglichkeit 7. Vorausdenken 8. Empfindsamkeit 9. Charisma 10. Tendenz zur Anführerschaft 11. Ausdrucksfähigkeit
Im Bereich der sozialen Begabung liegen bislang keine frühkindlichen Anzeichen für hohe Leistungen vor, was nicht zuletzt auf das Fehlen einer einheitlichen Definition einerseits sowie Identifikationsverfahren und Förderungsmöglichkeiten andererseits zurückzuführen ist.
3.8 Zusammenfassung
Neben der intellektuellen Hochbegabung gibt es weitere Begabungsbereiche, in denen ebenso Hochbegabungen auftreten können. Jedoch liegt hierbei die Schwierigkeit in der Findung von allgemeiner Gültigkeit und Zustimmung in Bezug auf eine universale Begriffs- und Definitionsfindung in den einzelnen Begabungsbereichen. Dies erschwert somit auch die Identifikation und Förderung der einzelnen Begabungsbereiche.
Teil I - Hochbegabung 16
4. Modelle der Hochbegabung
Während die in den letzten beiden Kapiteln vorgestellten Definitionen, Abgrenzungen und Hochbegabungsformen aufzeigen sollten, welche Kinder und Jugendliche als hochbegabt anzusehen sind, sollen die im Folgenden dargestellten Modelle zur Hochbegabung klären, welche Einflüsse (Faktoren) die Entfaltung von Begabungen beeinflussen können. Dabei lassen sich zwei Arten von Modellen erkennen, die sich nur in der Anzahl ihrer möglichen Wirkfaktoren auf die Hochbegabung unterscheiden. Im Folgenden wird ein Zweifaktorenmodell vorgestellt, welches jedoch durch seine begrenzte Anzahl an Faktoren nur noch wenig Zustimmung von Forschern und Wissenschaftlern erhält und in der aktuellen Begabungsdebatte als zu veraltet und nicht mehr repräsentativ angesehen wird. Die Mehr-faktorenmodelle hingegen stoßen auf große Zustimmung vonseiten der Experten und werden aus diesem Grund ausführlicher behandelt. Dabei wird im Weiteren auf fünf Modelle eingegangen, die in ihrer Reihenfolge nach die Entwicklung des pädagogischen Verständnisses zur Erläuterung der Begabungsentfaltung und seinen Bedingungen aufzeigen sollen.
4.1 Zweifaktorenmodell
Das Zweifaktorenmodell zeichnet sich im Allgemeinen dadurch aus, dass im Hinblick auf Hochbegabung von einer einheitlichen Fähigkeit im Sinne einer allgemeinen Intelligenz („g“) ausgegangen wird. Diese Auffassung unterscheidet sich von denen der meisten Fachleute, die das Fähigkeitspotential in mehreren, voneinander meist unabhängigen Begabungsbereichen sehen (z.B. musikalische oder künstlerische Begabung), wie in Punkt zwei dieser Arbeit bereits erläutert.
4.1.1 Spearmans „Zwei-Faktoren-Theorie“
Rost (1991; 1993; 2000) ist ein Vertreter des Zweifaktorenmodells und spricht sich demnach gegen weitere unabhängige und nicht intellektuelle Begabungen aus. Er macht unmissverständlich klar, dass das Fähigkeitspotential das einzige Definitionskriterium für Hochbegabung darstellt. Rosts Auffassung liegt die Zwei-Faktoren-Theorie (Intelligenztheorie) zugrunde, die im Wesentlichen auf Charles Spearman (1904; 1923; 1927) zurückzuführen ist. Nach Spearmans Auffassung ist an
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allen Intelligenzleistungen ein so genannter General- oder g-Faktor beteiligt, unter dem so etwas wie eine zentrale mentale Energie zu verstehen ist. Außer dem g-Faktor gibt es eine zweite Gruppe von Faktoren, die so genannten Spezial- oder s-Faktoren, die die jeweilige Besonderheit spezieller Leistungsformen repräsentieren. 5
4.2 Mehrfaktorenmodelle
In der Hochbegabungsforschung werden Mehrfaktorenmodelle zur Hilfe genommen, um zu erklären, welche Einflüsse (Faktoren) eine wichtige Rolle bei der Umsetzung des Potentials in Leistung spielen. Es lassen sich verschiedene als relevant erachtete Faktoren erkennen, die im Wesentlichen zwei Gruppen zugeordnet werden können: der Gruppe der nicht kognitiven Persönlichkeitsfaktoren und der Gruppe der Umweltfaktoren. Zur Ersten zählen z.B. die Motivation, die Kreativität oder die eigene Kontrollüberzeugung. In die zweite Gruppe einzuordnen wären demnach die Faktoren Schule, Familie, Peers, usw. In wie weit diese Faktoren in den einzelnen Modellen eingebettet sind, werden die folgenden Ausführungen zeigen:
4.2.1 Renzullis „Drei-Ringe-Modell“
Renzullis Modell der drei Ringe (siehe Abb.1), entstanden aus Ergebnissen der psychologischen Hochbegabtenforschung, ist eines der ersten Modelle über Hochbegabung und besticht durch seine Schlichtheit und Verständlichkeit, was nicht zuletzt auch ein Grund gewesen sein könnte, dass dieses Modell so viel Akzeptanz zu der damaligen Zeit (1975) erlangte. Im Allgemeinen ist es eine „mengentheoretische Darstellung“ (Feger & Prado 1998, S.36), die aus drei sich schneidenden Kreisen besteht. Die dabei erstehende Schnittmenge stellt die Hochbegabung dar.
5 Nachzulesen ist Spearmnas Auffassung auch bei Feger 1988, Funke & Vaterrodt-Plunnecke 1998 und Mönks 1987.
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Die psychologische Forschung auf dem Gebiet der Hochbegabung kam zu dem Schluss, dass hohe intellektuelle Fähigkeiten alleine nicht genügen, um eine Hochbegabungen zu entwickeln. Vielmehr bedarf es noch einer Menge an Eigenschaften, die sich in die Kategorien Kreativität und Motivation einordnen lassen. Nur in Interaktion der drei gleichberechtigten und gleichgewichtigen Kategorien Kreativität, Motivation (Aufgabenhingabe) und hohe intellektuelle Fähigkeiten, die ungeachtet dessen in überdurchschnittlicher Qualität vorliegen müssen, kann Hochbegabung entstehen. Eine herausragende Qualität der drei Ausprägungen in den Fähigkeitsbereichen ist allerdings nicht nötig. Renzulli (1993) erläutert noch ausführlicher die Inhalte der drei Fähigkeitscluster, die von Fels (1999, S.42 ff) folgendermaßen beschrieben werden 6 :
1) überdurchschnittliche Begabung:
a) allgemeine kognitive Fähigkeiten:
- hohes Niveau im abstrakten Denken und Schlussfolgern, im räumlichen Vorstellungsvermögen, im Erinnern und in sprachlicher Gewandtheit. - gute situative Anpassungsfähigkeit
- schnelle Informationsverarbeitung und schneller Informationszugriff b) Spezielle Fähigkeiten:
6 Siehe hierzu auch Feger & Prado 1998, S.36-38.
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- Begabung in einzelnen Bereichen
- Anwendung dieser Fähigkeiten in speziellen Lebensgebieten - Erwerb von weiteren Arbeitstechniken - Fähigkeit des Bewertens von Informationen 2) Aufgabenhingabe: - hohes Interessenniveau - Begeisterungsfähigkeit - hohe Maßstäbe und Kritikfähigkeit - Ausdauer und Entschlossenheit - Selbstbewusstsein 3) Kreativität:
- Flexibilität und Originalität im Denken - Offenheit und Aufnahmefähigkeit für Neues - Neugier und Risikobereitschaft - Sensibilität
Das Modell von Renzulli ist das erste Modell, das Hochbegabung nicht alleine auf hohe intellektuelle Fähigkeiten zurückführt, sondern um die Kategorien Kreativität und Motivation erweitert. Leider fehlt in seinem Modell der Aspekt der Umwelt auf die Realisierung des Fähigkeitspotentials. Das Phänomen der hochbegabten Underachiever findet demnach keinerlei Beachtung und Begründung in diesem Modell. Mehr noch wird ihr Leistungsversagen auf mangelnde Motivation zurückgeführt. Das Modell weist demnach Lücken in Bezug auf die Erklärung der Bedingungen für die Hochbegabtenentfaltung auf und wurde nicht zuletzt aus diesem Grund von Mönks et al. modifiziert (vgl. Fels 1999, S.43-44). Weitere Kritik über Renzullis Modell findet sich bei vielen Hochbegabtenforschern und ebenso in Fachkreisen. Zu erwähnen wäre Rost (1991), Heller & Hany (1991) sowie Mönks (1991). Unterzieht man das Modell von Renzulli einer genaueren Betrachtung, so offenbart sich das Problem, dass die drei Ringe nur schwer voneinander abzugrenzen sind. Es mag für Experten schwer zu erklären sein, weshalb in den Bereich der „überdurchschnittlichen Begabung“ zum einen kognitive Fähigkeiten zum anderen auch arbeitstechnische Fähigkeiten gehören, wie u.a. wichtige von unwichtigen Informationen hin- sichtlich der Problemlösung zu unterscheiden, hingegen aber die Fähigkeit,
Teil I - Hochbegabung 20
relevante Fragestellungen in speziellen Problemkontexten zu erkennen, zur „Aufgabenhingabe“ gezählt wird (vgl. Feger& Prado 1998, S.37).
4.2.2 Mönks „Triadisches Interdependenz- Modell“
Das Modell von Mönks (siehe Abb. 2) stellt eine Weiterentwicklung des Drei-Ringe-Modells nach Renzulli dar und entstand 1986. Mönks „Triadisches Interdependenz-Modell“ berücksichtigt zum einen Renzullis Kategorien Kreativität, Motivation und hohe intellektuelle Fähigkeiten, zum anderen finden aber auch Einflussfaktoren wie Familie, Schule, Freunde (Peers) Anerkennung. Ebenso wird der Aspekt der Umwelt beachtet.
Mönks geht von einer wechselseitigen Abhängigkeit aller Merkmale aus, in dessen Mitte, in der sich überschneidenden Fläche, die Hochbegabung angesiedelt ist. Somit geht auch Mönks nicht von einer Hochbegabung im Sinne reiner intellektueller Fähigkeiten aus, sondern sieht diese nur als gleichberechtigten von den anderen Faktoren abhängigen Teilbereich an. Hochbegabung kann sich demnach nur dann entfalten, wenn die drei Einflussfaktoren außerhalb des triadischen Ringkomplexes (Familie, Schule und Peers) in positiver Art Einfluss nehmen und die drei inneren
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Einflussgrößen (Motivation, Kreativität und hohe intellektuelle Fähigkeiten) vorteilhaft ineinander greifen (vgl. Fels 1999, S.32). Positiv hervorzuheben sei Mönks Modell als ein nicht statisches Konstrukt von Hochbegabung. Er sieht Hochbegabung vielmehr als das Resultat einer dynamischen Wechselwirkung zwischen individuellen Begabungsanlagen und dem fördernden oder hemmenden Einfluß der sozialen Umwelt an (vgl. Fels 1999, S.32 und 45). Jedoch weist auch dieses Modell Schwächen in der Erklärung des Phänomens hochbegabter Underachiever auf. Der Aspekt der sozialen Kompetenz fehlt trotz Erwähnung von Seiten Mönks (siehe z.B. Mönks 1995 oder Mönks & Ypenburg 1998) gänzlich. Stapf (1999) kritisiert in diesem Zusammenhang, dass sich auch bei Mönks, wie schon bei Renzulli, Leistungs- und Fähigkeitsdispositionen vermischen. Somit kann das Auftreten von Underachievement nur unter schulischem Einfluss gesehen werden, nicht aber unter dem Aspekt einer hohen Begabung mit verminderter Leistungsfähigkeit, die hochbegabte Underachiever auszeichnet. Dieser Erklärungsansatz wird dem Phänomen allerdings nicht annähernd gerecht. Auch Rost (1991) kritisiert Mönks erweitertes Modell. In seinen Augen sei es zu wenig hochbegabungsspezifisch. Er formuliert diesen wesentlichen Kritikpunkt wie folgt: „Wie wenig (hoch-) begabungsspezifisch die „Modell“-Erweiterung von Mönks ist, lässt sich demonstrieren, platziert man anstelle von „Hochbegabung“ in die Mitte des Dreiecks von Mönks` „Modell“ eine beliebige andere Personenvariable: Sei es Depressivität oder Neurotizismus, Glück oder Zufriedenheit, Ängstlichkeit oder Aggressivität etc., das Bild stimmt immer: Peers, Schule und Familie sind als Umfeld stets wichtig, jedes Verhalten, jede Eigenschaft des Individuums wird von den jeweiligen besonderen gesellschaftlichen Verhältnissen beeinflusst.“ (zit. nach Rost 1991, S.105). Es ist nach Feger und Prado (1998, S.38) des Weiteren nur allzu erstaunlich, wie gut dieses nochmals erweiterte Modell funktioniert, wenn man alle die Nachteile des ursprünglichen Modells in Kauf zu nehmen bereit ist.
4.2.3 Gagnés „Differenziertes Begabungs- Talent- Modell“
Nach Wild (1991, S.16-17) ist Gagnés graphische Darstellung eines Begabungskonzepts (siehe Abb. 3) eine brauchbare Alternative zu den anderen bereits vorgestellten Modellen.
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In Gagnés differenziertem Begabungs-Talent-Modell (1991) wird eine in deutschen Fachkreisen ungewöhnliche Unterscheidung zwischen Hochbegabung und Talent vorgenommen, versteht man doch im Allgemeinen unter Talent eine Sonderbegabung (siehe hierzu noch mal Kapitel 2.4). Gagné hingegen sieht Hochbegabung als etwas an, das auch ohne gezielte Förderung von außen natürlich entstehen und ein ausgezeichnetes Niveau erreichen kann, Talent sich aber nur durch Förderung entfaltet. Er unterscheidet demnach zwischen einer durch Erbe und Anlage vorgegebenen Hochbegabung und zwischen Talent als Erwerb in Zusammenspiel mit Familie, Schule, Motivation, Einstellung und Interessen (vgl. Gerstenberger-Ratzeburg 2007, S.36 f). Im Jahre 2004 überarbeitet Gagné sein Modell (siehe als Vergleich das Modelle von Gagné 2004, S. 121 7 ). Sein ursprünglicher Erklärungsansatz bleibt bestehen. Das überarbeitete Modell ist lediglich übersichtlicher in sechs Komponenten eingeteilt. Auch führt er neu den Begriff des „Katalysators“ ein, unter welchem er ausschlaggebende Faktoren wie die Persönlichkeit des betreffenden Menschen, aber auch Umweltbedingungen versteht. Gerade in der Schulpädagogik ist Gagnés Modell auf Interesse gestoßen, da es zunächst von Begabungsanlagen ausgeht, die sich zeigen und erstaunliche
7 Das überarbeitete Modell von Gagné ist in graphischer Form und übersetzt ins Deutsche auch in Feger & Prado 1998, S. 39 zu sehen. Es wurde an dieser Stelle aus Platzgründen und dem doch nur
geringen Unterschied zum Vormodell nicht abgebildet.
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Leistungen erbringen können. Gleichzeitig macht es aber auch deutlich, dass diese nur durch schulische und außerschulische Förderung soweit entwickelt werden können, dass sie sich in vollständig ausgeformte Talente verwandeln (Fels 1999, S.45f). Fels führt weiter aus, dass das Modell allerdings nicht nur positive sondern auch negative Kritik mit sich bringt. Denn auch ihm fehlt eine Erläuterung des Phänomens Hochbegabung und Underachievement. Die betroffenen Schüler können bereits sehr wohl durch die Förderung zu Hause hohe Leitungen erbracht haben, diese aber auf schulischer Ebene nicht realisieren bzw. umsetzen.Vor allem eine Rückkopplung mit der Umwelt benötigt dieses Modell als Ergänzung.
4.2.4 Heller und Hanys „Münchner Hochbegabungsmodell“
Das Münchner Hochbegabungsmodell ist infolge einer Längsschnittstudie an hochbegabten Schülern 1986 (Heller & Hany 1986) in Anlehnung an Gagnés Modell entwickelt worden und unterlag in den darauffolgenden Jahren zahlreichen kleinen Umgestaltungen, welche jedoch an dem Grundkonzept nichts änderten.
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Abb. 4: Das Münchner Hochbegabungsmodell (nach Heller 1995)
Schon im ersten Modell von 1986 8 legten Heller und Hany ein Augenmerk auf die Kreativität. Ebenso inkludierte es auch weitere Faktoren, die die Existenz einer Hochbegabung beeinflussen, so z.B. Fähigkeiten im intellektuellen und naturwissenschaftlichen Bereich, soziale Kompetenz aber auch artistische und psychomotorische Fertigkeiten. Die Ausführungen der Autoren bezogen sich auf die Bereiche Sport, Sprachen, Naturwissenschaften, Kunst, Handwerk, abstraktes Denken, Mathematik und soziale Beziehungen. Im Original-Modell von 1986 findet die Entstehung von Underachievement noch keinerlei Erwähnung. Erst in einem der nachfolgenden weiterentwickelten Modelle findet das Phänomen Berücksichtigung (siehe Abb.4). Heller (2000a; 2001) nennt hierbei bestimmte Faktoren, die Hochbegabung bedingen, und gleichzeitig so genannte Moderatoren, wie z.B. Prüfungsängste oder das Familienklima mit einbeziehen, so dass davon ausgegangen werden kann, dass eine Wechselwirkung zwischen Mensch und Umwelt besteht und somit
8 Eine gut verständliche Abbildung des Modells findet sich auch in Fels 1999, S.47.
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auch ein Versagen z.B. in Form eines Underachievements wahrscheinlich sein kann. Leider, so nach Fels (1999, S.47), finden hingegen Behinderungen und auch der „gesellschaftlich-historische Kontext“ keinerlei Berücksichtigung.
4.2.5 Sternbergs „Implizites pentagonales Modell“
Sternbergs Modell von 1993 (siehe Abb. 5) sieht Hochbegabung im Zusammenhang mit einem „kulturrealtivistischen“ Hintergrund (Fels 1999, S.47 f). Das heißt, er bettet Hochbegabung in das jeweilig vorherrschende gesellschaftliche Umfeld ein. Somit ist sie abhängig von gesellschaftlichen Überzeugungen, Normen und Werten, und der bereits vorhandenen Verteilung der Begabungsniveaus.
In seinem pentagonalen Modell lassen sich demnach fünf (penta) Merkmale unterscheiden, die nach Sternberg die gesellschaftliche Einteilung eines Fähigkeitspotentials als „Hochbegabung“ vornehmen. Diese sind in Ahnlehnung an Fels (ebd., S.48 ff) folgende:
1. Exzellenz: In Bezug auf die jeweilige Gruppe der Gleichaltrigen (Peers) wird darunter eine herausragende Leistung in einem oder mehreren Bereichen im Vergleich zum Durchschnitt verstanden. Dieser Bezug zu den Peers ist des- wegen von Wichtigkeit, weil ein jüngeres Kind durch das Überspringen von
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einer oder mehreren Klassen in einer Klasse von älteren Kindern wohl kaum aufgrund der dann doch ausgeglichenen Leistungen als hochbegabt angesehen werden dürfte. Ebenso klärt dieser Bezug das oft zu beobachtende Geschehen (Phänomen) auf, dass es bei hochbegabter Kindern durch das Überspringen von Klassen aufgrund der nun ausgeglichenen Leistungen zu einer Verminderung des Selbstwertgefühls kommen kann, da sie merken, dass sie nun nicht mehr die Besten sind.
2. Seltenheit: In Bezug auf die jeweilige Vergleichsgruppe müssen die gelieferten Leistungen von Seltenheit sein. Sie gehört somit zum einen zum Kriterium der Exzellenz, erweitert es aber um den Aspekt der Leistungsrelativität unter Altersverschiedenen. Erst ein Vergleich von einer überdurchschnittlich herausragenden Leistung unter herausragenden Leistern wäre ein gutes Ergebnis.
3. Produktivität: Hinsichtlich des Kriteriums Produktivität wird die gezeigte Leistung als produktiv eingestuft oder erwartet zumindest produktiv zu sein, wobei nach Sternberg stets von einer „Veränderbarkeit der Leistung“ ausgegangen wird. Dieses Kriterium ist synonym zu Renzullis drei Ringen in dessen Modell zu begreifen. Fehlen demnach momentane Leistungen, obwohl sie zu einem früheren Zeitpunkt schon einmal erbracht wurden, ist der damit verbundenen „Produktivitätsstop“ im Sinne einer fehlenden Überschneidung der drei Ringe zu verstehen, wenn nicht weitere/ andere Indizien gegen eine Hochbegabung sprechen, wie z.B. eine geistige Beeinträchtigung infolge einer Hirnverletzung. Weiterführend spricht sich Sternberg gegen Intelligenztests als Fähigkeitsnachweis aus. Er ist vielmehr der Meinung, dass gute Ergebnisse als Leistungspotential gesehen werden sollten.
4. Nachweis: Die herausragende Leistung muss diesem Kriterium zur Folge beweisbar sein, was eine Absicherung durch mehrmaliges Testen miteinbezieht, um Messfehler und andere ungünstige Faktoren weitestgehend auszuschließen.
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5. Wert: Dieses Kriterium ist in Zusammenhang mit dem Nutzen für die Gesellschaft zu sehen. Somit werden Diktatoren, Verbrecher, Künstler und Musiker ausgeschlossen, die nicht zeitgemäß agieren/ leisten.
Betrachtet man Sternbergs Modell eingehender, so sind zahlreiche positive Aspekte zu vermerken. Gerade für die Schulpädagogik sind die Aspekte der Einstufung von Kindern nach Überspringen von Klassen und der damit oft verbundenen Selbstwertverlust von Wichtigkeit. Ebenso ist das Kriterium der Relativität beim Leistungsvergleich von großer Bedeutung für hochbegabte aber sozial benachteiligte Schüler, die unter anderen, ungleichen Bedingungen wie ihre in der Sozialschicht höher angesiedelten Mitschüler auch unterschiedliche Leistungen zeigen. Ein weiterer positiv zu vermerkender Aspekt ist der der „Veränderlichkeit der Leistungsausprägung“ (ebd., S.49). Ebenso, wenn auch nicht explizit von Sternberg erwähnt, beinhaltet die Definition des Kriteriums des Wertes eine Unterscheidung zwischen Hochbegabung und schulischen Leistungen. Somit müssen schlechte schulische Zensuren eine Hochbegabung nicht ausschließen. Jedoch findet das Phänomen des hochbegabten Underachievements keine ausdrückliche Erläuterung.
4.3 Zusammenfassung
Da die Mehrheit an Fachleuten den Vertretern der Mehrfaktorenmodelle angehört, wurden einige solcher Modelle aufgezeigt. Jedoch hat sich keines der Modelle, die oft erhebliche Unterschiede in der Auffassung von Intelligenz und Begabung zeigen, bis zum heutigen Tag mit einheitlicher Zustimmung der Experten durchgesetzt. An jedem Modell werden einzelne Aspekte kritisiert. Zu den Ansätzen mit den größten Differenzierungen im Bereich Hochbegabung zählen die Modelle von Sternberg und Gagnè. Beachtung fanden in den Ansätzen hierbei weitestgehend Umweltbedingungen mit ihren fördernden aber auch hemmenden Einflüssen sowie der gesellschaftliche Aspekt. Jedoch, so auch in diesen und in den meisten Modellen über Hochbegabung, bleibt eine Erklärung für das Phänomen des Underachievements außen vor. Ebenso werden Hinweise auf Konsequenzen, besonders negativer Art, die sich aus der Hochbegabung heraus entwickeln können, in den Modellen vermisst.
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5. Identifizierung Hochbegabter
Zur Identifikation von hochbegabten Schülern werden in Anlehnung an die jeweiligen Auffassungen über das Konzept von Hochbegabung unterschiedliche diagnostische Verfahren bevorzugt. Allen ausgewählten Verfahren ist in der Regel ein formelles Verfahren gemeinsam, welches die intellektuelle Leistungsfähigkeit messen soll. Basiert das Hochbegabungskonzept auf einem mehrdimensionalen Modell oder Ansatz, so genügt die Verwendung von einzelnen Intelligenztests, welche die kognitiven Fähigkeiten messen sollen, in der Regel nicht aus, da weitere Informationen zu den in den Modellen aufgeführten Konstrukten wie z.B. Kreativität, Motivation oder soziale Kompetenz erhoben werden müssen. Nimmt man als Beispiel das Münchner Hochbegabungsprojekt und sein Identifikationssystem, welches sich nach seinem Modell orientiert (siehe hierzu noch mal Kapitel 4.2.4), so lassen sich zahlreiche Verfahren ausmachen wie z.B. ein Kreativitätstest und Fragebögen, die die Leistungsmotivation und Interessen oder das Schulklima erfassen (siehe Hany 1992b). Aus Platz- und Überzeugungsgründen werden sich die Ausführungen jedoch auf den Intelligenztest als formelles Verfahren zur Erfassung der kognitiven Leistungsfähigkeit beschränken und weitere Tests wie z.B. Kreativitätstest finden nur eine kurze Erwähnung, da der Intelligenztest aus zahlreichen Forschungsergebnissen belegbar die besten und validesten Ergebnisse für die Identifizierung von Hochbegabung liefert. Neben den formellen Verfahren werden zahlreiche informelle Verfahren zur Identifikation von Hochbegabung eingesetzt. Diese umfassen z.B. Checklisten und Merkmalslisten für Eltern und Lehrer oder Anamnese- und Explorationsfragebögen. Ein einheitliches Vorgehen bei der Identifikation ist nicht zu erwarten. Ein so genanntes „allgemeingültiges und unumstrittenes Patentrezept“ (Henze, Sandfuchs & Zumhasch 2006, S.18) bleibt weit hinter den verschiedenen Auffassungen und Erwartungen der Experten zurück.
Rost, ein Kritiker der mehrdimensionalen Modelle, lehnt z.B. jeglichen Miteinbezug von Merkmalen in die Identifikationsverfahren aufgrund ihrer mangelhaften Operationalisierbarkeit ab. Ebenso kritisiert er die Verwendung von weiteren Informationsquellen wegen ihrer geringen Objektivität, Reliabilität und Validität (vgl. Rost 1991, S.197-232). Rosts Auffassung gegenüber steht u.a. Mönks 9 mit
9 Siehe hierzu auch Hany und Nickel (1992).
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seiner Meinung (vgl. Mönks 1991, S.232-240). Er bemängelt ein eindimensionales Verständnis von Hochbegabung und die darauf ausgerichtete einseitige Identifikation durch kognitive Intelligenztests. Intelligenzmessungen als Leistungsindikatoren wären nicht valide genug, wenig ausreichend und prognostisch. Eine Bestätigung für die Relevanz von nicht kognitiven Merkmalen sieht Mönks in den zahlreichen empirischen Untersuchungen.
Im Folgenden (Kapitel 5) wird ein kleiner Überblick über mögliche Identifizierungsverfahren gegeben, welcher jedoch keinem Anspruch auf Vollständigkeit unterliegt. Die Gliederung orientiert sich dabei an Fels Methodenauflistung (vgl. Fels 1999, S.125 ff). Im Anschluss soll eine Tabelle, ebenfalls von Fels (1999, S.156-157), einen Gesamtüberblick über mögliche Methoden mit ihren Vor- und Nachteilen verschaffen (siehe Kapitel 5.1.2.6). Die Einteilung der einzelnen Verfahren in bestimmte Abschnitte kann jedoch nicht eindeutig stattfinden. Vereinzelte Überschneidungen sind möglich. Auf die Identifizierung von hochbegabten Underachievern wird in einem gesonderten Punkt eingegangen (Kapitel 5.1.3), da dieser durch die „Underachiever-Problematik“ neben der allgemeinen Identifizierung besondere Erachtung und Schwierigkeit beigemessen werden muss. Die Problematik liegt darin, dass die Leistungen dieser Kinder (hochbegabte Underachiever) trotz großer kognitiver Fähigkeiten weit hinter ihren Möglichkeiten zurückliegen. Gründe dafür sind in inneren (Eigenmotivation, Selbstkonzept u.v.m.) und in äußeren Einflüssen (Schule Familie, Peers usw.) zu sehen. Im Anschluss an die Verfahren sind mögliche Hinweise auf Hochbegabung und/oder charakteristische Merkmale von Hochbegabten aufgelistet (Kapitel 5.2). Diese sollen als zusätzliche Erkennungsmöglichkeit von Hochbegabung in der Thematik der Identifizierung Erwähnung finden, da sie gerade Eltern aber auch Erziehern für den Einstieg und erste Auseinandersetzung mit dem Hochbegabtenthema hilfreich sein und ebenso als Hilfe bei der Erstidentifikation dienen können.
Unter der Identifizierung von Hochbegabten muss im Allgemeinen das Erkennen von Schülern und Schülerinnen verstanden werden, deren besondere Fähigkeiten zumindest soweit ausgeprägt sind, dass ihr noch ungenutztes Potential erkennbar wird. Vom heutigen Stand der Forschung aus gesehen, gibt es noch keine geeigneten Identifikationsverfahren und/oder Methoden, die latente hochbegabte Kinder und
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Jugendliche, deren Begabungsanlagen noch gänzlich unentfaltet sind, anhand spezifischer Merkmale erkennen lassen. Im Großen und Ganzen sprechen sich fast alle Fachvertreter für eine frühzeitige Identifizierung aus, welche aus zwei Gründen vorgenommen werden soll: Erstens soll damit eine Unterforderung vermieden werden, die negative Folgen nach sich ziehen könnte wie eine verringerte Lern- und Arbeitbereitschaft, aber auch zu möglichen Lern-, Leistungs-, Entwicklungs- und Verhaltensstörungen führen könnte. 10 Zum anderen soll eine frühestmögliche Identifizierung dazu beitragen, für jedes hochbegabte Kind die optimalsten Entwicklungschancen in seiner jeweiligen (sozialen) Umwelt zu schaffen (Ward 1965; Strang 1975; Mönks und Heller 1994; Stapf 1999a; Hartmann 2001). Weiterhin stimmen die Fachvertreter in einem dritten Punkt überein: Da kein Identifizierungsverfahren ohne Fehler ist, wird ein mehrmals durchgeführtes Erkennungsverfahren als notwendig angesehen, um die Gefahr einer Falschdiagnose zu minimieren und ebenso hochbegabten Spätentwicklern die Chance einer Identifizierung zu ermöglichen (Heller 1991; 1992; Mönks & Heller 1994; Urban 1988).
5.1 Verfahren zur Identifikation
Die Verfahren können im Allgemeinen in formelle und informelle Verfahren eingeteilt werden
5.1.1 Formelle Verfahren
Unter die formellen Verfahren zählen im Allgemeinen Erhebungen, die objektive und somit weitestgehend valide Ergebnisse liefern, indem sie subjektive Wertungen auszugrenzen versuchen.
10 Die Thematik der Verhaltensauffälligkeiten in Bezug auf Hochbegabung wird noch ausführlicher im Teil II und III dieser Arbeit behandelt und soll an dieser Stelle nur eine kurze Erwähnung gefunden
haben.
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5.1.1.1 Intelligenztests
Unter standardisierte Tests zählen alle Arten von Einzel- oder Gruppentests, Intelligenz- und Kreativitätstests 11 , jedoch sind besonders die Kreativitätstests noch in den Anfängen und ihre Ergebnisse weisen durch den bislang wenig ausgereiften Aufbau der Tests und ihre sehr umstrittenen Auswertung zu wenig Validität auf (vgl. Fels 1999, S.125). Daher sollen sie an dieser Stelle nur erwähnt werden. Die weiteren Ausführungen beschränken sich auf den Intelligenztest als Individual- oder Gruppenausführung, denn, so nach Stapf (1999a; 1999b) oder Hany (2001), sind sie in der Hochbegabtenforschung unverzichtbar geworden. Sie bestechen durch ihre wissenschaftliche Erprobung und erfüllen die geforderten Testkriterien bei weitem am besten von allen gängigen Verfahren, die in der Identifikation eingesetzt werden (siehe hierzu z.B. Heller & Perleth 2000). Ebenso eignen sie sich bei der Erfassung hochbegabter Underachiever, da Intelligenztests grundsätzlich das intellektuelle Potential erfassen und nicht die gezeigte Leistung bewerten, die bei Underachievern unter den eigenen Erwartungen und Leistungsmöglichkeiten liegen. Jedoch, und das ist unumstritten, können Tests aufgrund bestimmter Faktoren (wie z.B. Nervosität, Versagensängste, Motivationsverlust, eingeschränkter Gesundheitszustand u.v.m) die Ergebnisse verfälschen. Ebenso nicht unterschätzt werden dürfen Bildungs- und Kulturumstände und ihre Abhängigkeiten und Gebundenheiten (Urban 1988; Hany 1992b; Fels 1999; Hartmann 2001). Aus den letzten beiden Gründen heraus bieten „kulturfaire Intelligenztests“ den Vorteil, Daten vergleichbarer zu machen. Jedoch, kritisiert Perleth (2001a), haben Aspekte der Testfairness in Deutschland bislang wenig Berücksichtigung gefunden. Gerade sprachabhängige Intelligenztests benachteiligen bestimmte Bevölkerungsgruppen, die mit den Aufgabenstellungen, welche sich an der Mittelschicht orientieren, nur wenig anfangen können (vgl. Fels 1999, S.126; Ahlbrecht 2006, S.44).
Intelligenztest können grundsätzlich als Gruppen- oder Einzeltests durchgeführt werden. Die Vorteile der Gruppentests liegen in der Ökonomie. Sie sind relativ einfach einzusetzen und könne viele Kinder mit einem einmaligen Aufwand testen. Im Rahmen einer Talentsuche im ersten Stadium sind sie demnach optimal. Jedoch weisen sie auch große Einschränkungen auf: Sie sind nicht so valide und reliabel wie
11 Beispiele für mögliche Tests finden sich in einer kurzen Auflistung von Hartmann (Hartmann 2001, S. 5).
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Einzeltests, erfassen sie die wahren Fähigkeitspotentiale von z.B. Kinder und Jugendliche, die Schulleistungsprobleme haben, schon deswegen nicht sehr gut, da die Ergebnisse aufgrund von schulischer Motivation und eventueller Prüfungsangst sehr stark mit den Leistungen, die in der Schule erbracht werden, korrelieren. 50% der Hochbegabten werden im Durchschnitt nicht erfasst (vgl. Fels 1999, S.127). Demgegenüber stehen die Individualtests. Sie werden in der Regel von ausgebildeten Psychologen durchgeführt und erhalten dadurch eine größere Validität, da sie im Gegensatz zu Laien über die wichtigen Kenntnisse und Erfahrungen verfügen, um die Testergebnisse im Zusammenhang mit dem Problemlöseverhalten, der Motivation und dem sozialen Hintergründen der Testperson interpretieren zu können (vgl. Fels 1999, S.127; Stapf 1999b; Hartmann 2001, S.5-7; Ahlbrecht 2006, S.45). Erschwerend hinzu kommt die Durchführungszeit, die bei ein bis zwei Stunden liegt und nicht nur zeit- sondern auch kostenintensiv ist. Ein großer Vorteil der Einzeltests gerade aufgrund der großen Zeitintensität liegt laut Fels (1999, S.127 f)) aber in der Möglichkeit, hochbegabte Underachiever besser zu ermitteln. Die Gründe liegen nicht nur in der hervorragenden Beobachtungsmöglichkeit des Problemlöseverhaltens, der Verfassung und Motivation der Testperson, sondern auch in ihrer Antwortoriginalität und -qualität. Sie liefern so weit mehr Informationen als der alleinige Ergebnis-Wert, da die Antworten durch die Testperson selbst formuliert werden müssen.
5.1.1.2 Zensuren
Weil Zensuren normalerweise von allen Schulkindern aller Altersstufen und Schulformen erhoben werden, stehen sie ohne zusätzlichen Aufwand zum Vergleich von Leistungen schnell und direkt zur Verfügung. Aus diesem Grund werden sie gerne als zusätzliche Methode zur Identifizierung von Hochbegabung angesehen, da sie auch noch als zuverlässig und universell einsetzbar gelten. Unter den sehr guten Schülern, laut Forschungsergebnissen (siehe z.B. Rost & Hanses 1997, S. 167-177), befindet sich oft auch eine Reihe von Hochbegabten. Jedoch müssen Hochbegabte auf der Kehrseite nicht unbedingt gute Schüler sein, wie das Phänomen des Underachievers zeigt. Somit wird diese Gruppe von Hochbegabten durch die Methode des Heranziehens von Zensuren zur Identifizierung nicht ergriffen. Ebenso wenig ist sie optimal, um Kinder und/oder Jugendliche zu erfassen, die ihr Potential noch nicht so weit entfaltet haben, dass es zum ausdrücklichen Vorschein gekommen
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ist. Andere Kritik beruht auf der Validität der Zensuren. Sie wären abhängig von der jeweiligen Schulform, des Schulsystems und der Lehrereinschätzung, orientieren sich zu sehr an der Mittelschicht, wären mitbegründet durch das Klassenverhalten und der Eigenmotivation und erfassen ebenso wenig Begabungen auf kreativem Gebiet (Fels 1999; Hagen 1989; Rost 1991; Hany 2001; Ahlbrecht 2006).
5.1.1.3 Schulleistungsprüfungen
Schulleistungsprüfungen, die für die Einstufung in die weiterführenden Schulen relevant sind, finden im Allgemeinen in Deutschland nicht mehr statt, werden aber in den USA in der Regel an Highschools durchgeführt und ihre Ergebnisse sind als Voraussetzung für die Aufnahme an Universitäten und Colleges anzusehen. Sie bieten den Vorteil, dass ihre Resultate ohne den subjektiven Einfluss der Lehrkräfte als valider in der Messgenauigkeit angesehen werden können. Ihr Nachteil besteht aber darin, dass sie eigentlich nicht zur Identifizierung von Hochbegabten vorgesehen sind und demnach auf diesem Gebiet auch nur geringe Validität aufweisen können. Beeinflusst werden können die Resultate zusätzlich noch durch Prüfungsangst und die eigene Leistungsmotivation. Zudem muss die Tatsache berücksichtigt werden, dass diese Art von Erhebung nur den Ist-Zustand aufzeigt, der ebenso von der Einhaltung der Unterrichtspläne mit ihrer zeitlichen Begrenzung und von der Schulsituation insgesamt abhängig ist. Kinder mit noch latenter Hochbegabung ebenso wie hochbegabte Underachiever können mit Schulleistungsprüfungen nicht erfasst werden, da die Teilnahme an diesen Tests nicht Pflicht ist. Ein Ausschluss als zuverlässiges Identifizierungsmittel besteht allein schon darin, dass Schulleistungsprüfungen weder früh noch kontinuierlich durchgeführt werden können (vgl. Fels 1999, S.131 f).
5.1.1.4 Arbeitsproben
Im Bereich der intellektuellen Hochbegabung kann diese Methode nicht eingesetzt werden, jedoch sind sie in den kreativen, handwerklichen und psychomotorischen Leistungsbereichen von Vorteil, in welchen bislang keine zuverlässigen, wissenschaftlich überprüfbare Identifizierungsverfahren zu finden sind. Unter den Bereich der Arbeitsproben fallen z.B. eine musikalische Darbietung, das Anfertigen von künstlerischen Werken oder das Vorturnen (ebd., S.131 f). Der Vorteil liegt auf der
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Hand: eine vorhandenen Begabung kann direkt an den gezeigten Leitungsergebnissen erkannt werden. Voraussetzung dafür ist jedoch eine bereits erfahrene Förderung der Begabung, die dazu beigetragen hat, dass sich das Potential soweit hat entwickeln können, dass es sichtbar geworden ist. Ausgeschlossen werden allerdings latente Hochbegabungen, welche sich aufgrund einer mangelnden Förderung noch nicht haben entfalten können.
5.1.2 Informelle Verfahren
Informellen Verfahren bieten zusätzlich zu einem ausgewählten formellen Verfahren den Vorteil, dass, wenn sie ergänzend eingesetzt werden, ein breiteres Spektrum an Hochbegabten erfasst werden kann. Allerdings, so ihr Nachteil, sind sie alleine nicht valide genug, um für eine umfassende Identifizierung benutzt zu werden.
5.1.2.1 Lehrervorschlag
Der Lehrervorschlag als Identifizierungsverfahren bietet sich im Rahmen der schulischen Hochbegabungsidentifizierung aus mehreren Gründen an. Zum einen fallen keine zusätzlichen Kosten und Zeitanstrengungen an, da die Lehrer ohnehin die Leistungen der Kinder auf ihre Entwicklung gesehen beurteilen und die Urteile demnach auch in großer Zahl vorliegen. Zum anderen wird angenommen, dass die Lehrer ihre Schüler aus dem gemeinsamen Unterricht gut kennen und sie somit die Leistungsfähigkeit jedes Schülers aus ihrer eigenen Berufserfahrung heraus auch angemessen einschätzen können (Rost & Hanses 1997, S.167-177). Dies beinhaltet aber auch, dass sich die Lehrer nicht nur mit den gezeigten schulischen Leistungen der Kinder gut auskennen, sondern auch weitere Faktoren aus dem Umfeld des Kindes miteinbeziehen, so z.B. den sozialen und familiären Hintergrund, biographische Umstände, Beliebtheit des Schülers, Motivation und Leistungsbereitschaft uvm. (Hagen 1989). Sind diese Daten den Lehrern aus welchen Gründen auch immer (fehlendes Interesse oder Probleme beim Austausch mit anderen Lehrern und/oder den Eltern der Schüler) nicht zugänglich, so kann vermutet werden, dass gerade hochbegabte Underachiever oder Kinder mit latenten Begabungen übersehen werden. Viele Experten verweisen auch auf die „Mittelschichtsorientierung des Lehrerurteils“ (Fels 1999, S.133) hin. Dabei wird auf die Bevorzugung von Schülern aus eben dieser Sozialschicht aufmerksam gemacht. Gleichwohl sich viele Experten
Arbeit zitieren:
Silja van Kranen, 2008, Hochbegabt, anders, verhaltensauffällig?, München, GRIN Verlag GmbH
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