Unter Wirtschaftsethik wird im Allgemeinen die Anwendung ethischer Prinzipien auf den Bereich wirtschaftlichen Handelns verstanden.
Ethik untersucht als Teildisziplin der praktischen Philosophie die Frage nach den Maßstäben für gutes und gerechtfertigtes Handeln beziehungsweise Verhalten. Als „Lehre vom richtigen Handeln“ befasst sich Ethik mit dem konkreten Handeln beziehungsweise auch dem Unterlassen von Handlungen der Menschen. Da menschliches Handeln jeweils in verschiedene Kontexte eingebunden ist, kann man zwischen unterschiedlichen sogenannten „Bindestrich-Ethiken“ differenzieren. 1 Wirtschaftsethik bezieht sich demzufolge auf die Bewertung von Handlungen auf der allgemein wirtschaftlichen Ebene, Unternehmensethik auf die Handlungen in einer konkreten Unternehmung.
Innerhalb einer Wirtschaftsethik sind zwei Bereiche zu unterscheiden: Einerseits die interne Perspektive, das heißt das spezifische wirtschaftliche Handeln in einer Unternehmung, andererseits die externe Perspektive, das heißt die äußeren Rahmenbedingungen und ökonomischen Strukturen, innerhalb derer Wirtschaft im Allgemeinen agiert und funktioniert. Bei den folgenden Überlegungen möchte ich mich überwiegend auf den Bereich der Unternehmensethik konzentrieren und im Zuge dessen zwei zentralen Fragestellungen nachgehen. Erstens stellt sich die kontrovers diskutierte Frage, ob eine Wirtschafts- beziehungsweise Unternehmensethik überhaupt wirksam werden kann, sich also Ökonomie und Ethik sinnvoll vereinbaren lassen. Des Weiteren ist in diesem Kontext anschließend zu erörtern, wie eine sinnvolle Integration von Ethik in Ökonomie aussehen könnte oder aussehen müsste, um in Form einer Wirtschaftsethik agieren zu können. Hierbei möchte ich vor allem herausstellen, welche Aufgaben einer Wirtschaftsethik als Unternehmensethik zukommen sollten. Wie bereits erwähnt, geht es bei einer Wirtschaftsethik um die Anwendung ethischer Grundsätze auf wirtschaftliches Handeln. Aber was versteht man eigentlich unter „wirtschaftlich“? Unter wirtschaftlichem Handeln wird im Allgemeinen ein rationales Handeln verstanden mit dem Zweck, die „Knappheit der Güter zu verringern“ und die Menschen „bestmöglich mit Gütern zu versorgen“. 2 Es handelt sich also folglich um das Ziel einer optimalen Befriedigung menschlicher Bedürfnisse nach Waren und Dienstleistungen, sowie um die gleichzeitige Beseitigung von Mängeln. Hier ist ein „natürlicher“ Zweck des Wirtschaftens angesprochen, und zwar die grundlegende Befriedigung materieller Bedürfnisse. In der älteren Tradition der praktischen Philosophie wurde Ökonomie in diesem Sinne als Teildisziplin der Philosophie betrachtet, da sich sowohl Philosophie als auch Wirtschaft auf den Bereich menschlichen Handelns und Wertens bezog. So vertrat bereits Aristoteles die These, dass das wirtschaftliche
1 vgl. Friske (u.a) 2005: 16
2 Göbel 2006: 43
2
Auskommen notwendige Voraussetzung für ein „sittlich gutes Leben“ sei. Allerdings galt der menschliche Bedarf an Gütern als von der Natur festgelegt, Erwerbsstreben als Mittel zur Sicherung des wirtschaftlichen Auskommens. 3 Das Streben nach Gütern durfte in diesem Sinne nicht Selbstzweck sein, sondern immer nur dem höheren Zweck eines guten Lebens dienen. Ein unkontrolliertes Streben nach Reichtum galt dementsprechend als unnatürlich und unmoralisch.
Innerhalb der aristotelischen-scholastischen Tradition ist eine idealisierte „moralische Ökonomie“ der Ausgangspunkt, die mit ethischen Gesichtspunkten in keinem Widerspruch zu stehen schien. Das Problem der Übertragbarkeit dieses Ansatzes auf die heutige Form des Wirtschaftens besteht zunächst darin, dass es schon lange nicht mehr nur darum geht, bestehende materielle Bedürfnisse zur Sicherung des Auskommens zu befriedigen. Die moderne Wirtschaft hat eine seltsame Eigendynamik entwickelt, wodurch eine Anwendung ethischer Grundsätze auf ökonomische Kontexte fragwürdig und problematisch erscheint. So hat beispielsweise der Wirtschaftstheoretiker Max Weber eine Unterscheidung zwischen einer bedarfsorientierten und einer gewinnorientierten Wirtschaftsgesinnung vorgenommen. Während „bedarfsorientiert“ die klassische philosophische Forderung nach der notwenigen Erhaltung eines „guten Lebens“ widerspiegelt, deutet „gewinnorientiert“ eine Diagnose der modernen Gesellschaft und der kapitalistischen Wirtschaft an. Deutlicher wird dies durch das „Prinzip der individuellen Nutzenmaximierung“, wonach sich wirtschaftliches Handeln am eigenen Vorteil orientiert, und durch die Forderung nach „Effizienz“, das heißt geringster Mitteleinsatz zur Erreichung des größtmöglichen Nutzens. 4
Die Prinzipien des Eigennutzes und der strategischen Kooperation werfen die Frage auf, ob in einem solchen Wirtschaftsverständnis überhaupt Platz für eine Ethik ist, oder ob wir es hier mit zwei sich völlig widersprechenden und sich ausschließenden Prinzipien zutun haben. Wie bereits angedeutet besteht das Problem vor allem in dem sich verändernden Anspruch der Ökonomie, da Wirtschaften nicht mehr bloß Mittel zum humanen Zweck, sondern Selbstzweck geworden ist. An die Frage nach der Lebensdienlichkeit der Ökonomie schließen sich gleichsam Fragen nach Sinn und Legitimation dergleichen an. 5 Die reine Systemperspektive der Marktwirtschaft stellt den Aspekt der Effizienz und den individuellen Nutzen für den wirtschaftlich Handelnden vor die „natürlichen“ Werte eines guten Lebens und der sozialen Gerechtigkeit. Diese Entwicklungen haben unter anderem dazu geführt, dass auf sowohl wissenschaftlicher als auch praktischer Ebene eine strikte Trennung von Ethik und Ökonomie
3 vgl. Meran 1991: 92
4 vgl. Meran 1991: 94
5 vgl. Ulrich/Maak 2000: 2f.
3
vorgenommen wurde. Die aristotelische Verbindung scheint funktionslos geworden zu sein, seitdem sich die Ökonomie vom materiellen Zweck der Güterversorgung entfremdet und das ökonomische Prinzip zum „rein formalen Rationalprinzip der individuellen Zweck-Mittel-Optimierung erklärt hat“. 6
Dies hat zu der sogenannten „Zwei-Welten-Theorie“ geführt, nach welcher Wirtschaft und Ethik als getrennte Sphären mit jeweils eignen, nicht vergleich- oder vereinbaren Gesetzmäßigkeiten betrachtet werden. Niklas Luhman hat diese Diagnose in folgender Formel zum Ausdruck gebracht: „Es gibt Wirtschaft, es gibt Ethik, aber es gibt keine Wirtschaftsethik“. 7 Ein weitverbreiteter Vorwurf gegen die Wirtschaftsethik ist der, dass sie „wirtschaftsfeindlich“ sei und unbegründete moralische Verurteilungen vornehme, die aufgrund der eigenen logischen Struktur der wirtschaftlichen Sphäre nicht angebracht seien. Aufgrund der basalen Unterschiede dieser „zwei Welten“ sei ein Dialog von vornherein ausgeschlossen und jeder Versuch in diese Richtung zum Scheitern verurteilt. Die Zwei-Welten-Konzeption von Ethik und Ökonomie geht davon aus, dass die wirtschaftliche Entwicklung nach eigenen Regeln erfolgt und „eigensinnig“ ist. Durch die vorhandenen System- und Sachzwänge kann man von einer „entgrenzten Marktwirtschaft“ sprechen, die eine Transformation der Wirtschaftsethik in eine politische Ethik notwendig macht. 8 Die zentrale Frage ist also, ob es überhaupt Sinn macht über eine angewandte Wirtschaftsethik nachzudenken und wenn ja, wie diese in beispielsweise einem Unternehmen wirksam werden kann. Im Folgenden möchte ich verschiedene Strategien und Konzepte ansprechen, die den Versuch einer Integration von Ethik in die Ökonomie unternehmen.
Oft geben konkrete Konflikte, die in Unternehmen auftreten und oftmals öffentlich diskutiert werden, Anlass zu ethischen Überlegungen. Während sich Einzelpersonen vor ihrem Arbeitgebern und dem eigene Gewissen rechtfertigen müssen, findet bei Institutionen meist eine öffentliche Rechtfertigung statt. So stellt besonders in jüngster Zeit die Umwelt beziehungsweise der Umweltschutz ein ethisches Problemfeld dar, wenn beispielsweise mit umweltschädlichen Stoffen produziert wird. Hier stellt sich das Problem, dass ein Unternehmen einerseits eine Verantwortung für den eigenen Gewinn, andererseits aber auch für die Konsequenzen der eigenen wirtschaftlichen Handlungen tragen muss. Ein Unternehmen hat damit also immer auch eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung und muss sozusagen einen Mittelweg zwischen eigenen und gesellschaftlichen Ansprüchen finden. Diese vielfältige Ver-antwortung von Unternehmen ist Inhalt der sogenannten „Stakeholder-Theorie“, nach welcher
6 Göbel 2006: 51
7 Waibl 2005: 18
8 vgl. Ulrich/Meran 2000: 5
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Arbeit zitieren:
Nicole Borchert, 2011, Ethik und Ökonomie - Integration oder Illusion?, München, GRIN Verlag GmbH
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