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1. EINFÜHRUNG
01
2. ASPEKTE ZUR UNBESTIMMTHEIT DES RELIGIÖSEN TEXTES
03
2.1 Formale Aspekte des Talmuds, im Besonderen der Mischna 04
2.2 Inhaltliche Aspekte 06
2.2.1 Zeitlichkeit, Autorschaft und Referentialität 06
2.2.2 Widerspruch und Verbindlichkeit 08
ERGEBNISSE
3. 10
1. EINFÜHRUNG
»Der Talmud lebt auch heute noch.« 1 - Mit diesem Satz schließt der österreichische Judaist Günter Stemberger seine vielbeachtete Einführung zum Talmud. Dieser Schluss stellt zum einen die fortwährende Geltung des religiösen Textes heraus, weist zum anderen mit dem Zusatz noch aber auf eine Art Zukunftspessimismus hin. Der Hinweis auf dieses letzte Wort soll hier nicht überbewertet werden, zumindest scheint sich darin aber die stete Auseinandersetzung mit der (zukünftigen) Geltung des Talmuds widerzuspiegeln. Im Zuge der jüdischen Reformbewegungen in der Mitte des 19. Jahrhundert schrieb etwa Abraham Geiger diesem Werk eine Reflexion ständiger gesetzlicher Kreativität zu, die immer auf ihre Umgebung reagiere. Zudem seien der Talmud wie auch die Bibel als Produkte ihrer Zeit anzusehen. 2 Derlei Thesen sind auf eben jene Auseinandersetzung zurückzuführen, die den Talmud und seine Historie von jeher zu begleiten scheinen: Inwieweit kann der jahrhundertealte Talmud mit seinen Gesetzen Geltung in der Gegenwart erheben, in der andere Umstände herrschen und sich andere Fragen stellen? Geiger beantwortete die Frage also mit dem Herausstellen der Fähigkeit des Textes, auf seine Umgebung zu reagieren und mit dem In-Beziehung-Setzen zu dessen Entstehungszeit, ohne den Talmud als sakrales Relikt zu deklassieren. Für den Gläubigen stellt sich die Frage nach der Geltung des Talmud nicht, denn für ihn stellt das Werk »die einzige Quelle [dar], aus welcher das Judentum geflossen [ist, den] Grund […] auf welchem das Judentum besteht und die Lebensseele besteht und die Lebensseele ist, welche das Judentum gestaltet und erhält.« 3
Der Talmud gilt, doch gibt es zwischen seinen Bestandteilen Unterscheidungen; schon der Text selbst ist so konstituiert, dass er lediglich in seinem gesetzlichen Teil normativen Anspruch erhebt - diesem halakhischem Teil steht aber der haggadische Teil gegenüber; d.h. das
1
Stemberger, Günter: Der Talmud: Einführung - Texte - Erläuterungen, München
3
1994, S. 316.
2 »So konnte der Talmud keine einzige Einheit sein, die aus einem unveränderlichen göttlichen Willen hervorging. Er war das Spiegelbild einer ständigen gesetzlichen Kreativität, die fortwährend auf ihre Umgebung reagierte.« Und weiter: »Die Bibel müsse - nicht weniger als der Talmud - als ein Produkt ihrer Zeit verstanden werden.« Meyer, Michael A.: Antwort auf die Moderne: Geschichte der Reformbewegung im Judentum. Wien; Köln; Weimar, 2000, S. 143.
3 Hirsch, Samson Raphael: Über die Beziehung des Talmuds zum Judenthum: und zu der sozialen Stellung sei- ner Bekenner. http://www.talmud.de/cms/UEber_die_Beziehung_des_t.378.0.html Zugriff am 15.03.2011
Gesetz wird immer auch von Auslegungen und Kommentaren begleitet. Dieses System bewirkt den großen Umfang des Talmuds und scheint die Frage nach Geltung und Deutungsoffenheit der Textelemente zu nähren. Wenn das Gesetz an sich eindeutig wäre und keine Fragen aufwerfen würde, so hätten sich Auslegungen und Kommentare erübrigt. Stemberger fügt an, dass der Jude selbst von einem »Meer des Talmuds« spricht, »um damit seine unendliche Weite und unergründliche Tiefe auszudrücken.« Seine Bezeichnung »Dickicht religionsgesetzlicher Diskussionen« 4 wirkt dabei nicht weniger treffend, denn hier findet sich ein Ansatz hinsichtlich der Funktionsweise des Werkes; die Diskussion der Gesetze ist Bestandteil des Talmud und Funktion der Lehre zugleich. Auch scheinen Legenden, Anekdoten über Rabbinen, historische Erinnerungen und Stoffe aus Naturwissenschaften von Bedeutung zu sein, die sich im Talmud nachschlagen lassen - aufgrund dessen kommt Stemberger wohl dazu, dem Werk enzyklopädischen Charakter zuzuschreiben. 5
Es liegen verschiedenste Ansätze vor, die den Talmud zu fassen versuchen. Der Talmud 6 kann als Korpus verstanden werden, in dem sich die Grundlagen der (mündlichen) Tora wiederfinden, in dem Lehrsätze und Gesetze für den jüdischen Schüler dargelegt sind und vor allem eben diskutiert werden. Dieser wissenschaftlichen Betrachtung aber steht etwa Rabbi Hirschs jüdisch-orthodoxe Perspektive gegenüber, die sich dem talmudischen Anspruch von Universalität zu ergeben scheint, und die in dieser Untersuchung aber gleichwohl Berücksichtigung finden wird.
Der Talmud verfügt über formale wie auch über inhaltliche Eigenheiten, die ihn schwer greifbar machen bzw. seine große Reichweite bewirken, die ihm mitunter eine Unbestimmtheit aneignen. Im Folgenden sollen solche Aspekte aufgeführt werden, die für die Unbestimmtheit des Talmuds verantwortlich sein könnten.
4 Stemberger, Günter: Der Talmud: Einführung - Texte - Erläuterungen, München 3 1994, S. 7.
5 Vgl. Stemberger, Günter: Einleitung in Talmud und Midrasch, München 1992, S. 193. In seiner späteren Ab-handlung »Der Talmud: Einführung - Texte - Erläuterungen« beschäftigt sich Stemberger eingehender mit haggadischen Texten wie Fabelgeschichten, Gleichnissen, Totenklagen usw.
6 Gemeint ist in dieser Untersuchung stets der Babylonische Talmud
Arbeit zitieren:
René Ferchland, 2011, Das Meer des Talmud, München, GRIN Verlag GmbH
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