

Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis:
1. EINFÜHRUNG
01
2. ZUM EINGANG - KARL LERBS' ANEKDOTEN-THEORIE
03
3. BETRACHTUNG DER SPIEGEL - ANEKDOTEN
07
3.1 Formale Betrachtung 07
3.2 Inhaltliche Betrachtung 10
3.2.1 Entsprechung der Lerbs'schen Norm 10
3.2.2 Brüche mit der Lerbs'schen Norm 13
IST EINE REDEFINITION DER ANEKDOTE AUF DER GRUNDLAGE
4.
EINER ANTHOLOGIE MÖGLICH?
16
ANLAGE : INHALTSÜBERSICHT DER SPIEGEL
18
1. EINFÜHRUNG
Die literarische Gattung der Anekdote klar zu umreißen scheint auf den ersten Blick bar großer Schwierigkeiten; es handelt sich dabei um einen im Vergleich zu den anderen Gattungen durchaus kurzen, prägnanten Text, der mit einer Pointe abschließt. Aufgrund ihrer Kürze schließen sich Anekdoten oft vor einem regionalgeschichtlichen oder persönlichkeitsbezogenen Hintergrund in einer Anthologie zusammen, ebenso lassen sich Herausgaben von Anekdoten eines einzelnen Autors finden - etwa die Anekdoten von Heinrich von Kleist. Ein Versuch, die Anekdote unter einem anderen Gesichtspunkt zu betrachten, wurde mit der Anekdotensammlung »Der Spiegel: Anekdoten zeitgenössischer deutscher Erzähler«; herausgegeben von Karl Lerbs, unternommen. Der Bremer Schriftsteller, der von 1893 bis 1946 lebte, ist bekannt für seine Übersetzungen u.a. von Stevensons »Die Schatzinsel« und mehrerer Werke Virginia Woolfs wie Oscar Wildes. Vor allem aber verfasste und sammelte Lerbs Anekdoten, die er in Sammlungen zusammenführte; wie etwa »Die deutsche Anekdote«, »Die besten bremischen Anekdoten« oder »Unter Rolands Augen. Der bremer Anekdoten anderer Teil« 1 . Die Titel verraten schon den Duktus seiner Arbeit, der sich ebenfalls an Regionalität orientiert, wobei seine Heimat Bremen dabei in den Vordergrund tritt. Die hier zur Untersuchung vorliegende Anthologie, die im Folgenden verkürzt »Der Spiegel« genannt wird und im Jahre 1919 veröffentlicht wurde, impliziert in ihrem Titel andere Schwerpunkte. Zunächst trug Lerbs zwar auch Anekdoten deutscher Autoren zusammen, doch sein Anspruch reichte noch weiter; es sollten Anekdoten seiner Zeitgenossen sein - diesem Anspruch genügte er, indem er dreißig Autoren 2 in die Pflicht nahm, die seinerzeit noch lebten. Er selbst steuerte außerdem noch eine Anekdote bei und brachte sich damit als jüngster Vertreter in seine Sammlung ein. Der älteste und gebürtige Österreicher, Peter Rosegger (geboren 1843), war um fünfzig Jahre älter als er und zählt wie die meisten Autoren dieses Werks zur Gruppe eher wenig bekannter Schriftsteller, doch finden sich in der Liste Lerbs' auch Namen wie Hermann Hesse und Heinrich Mann.
1 Daten wurden dem Katalog der Deutschen Nationalbibliothek entnommen: http://d-nb.info/gnd/116946245, Zugriff am 06. Mai 2011.
2 Bemerkenswert scheint der Fakt, dass es sich ausschließlich um männliche Autoren handelt.
In einem recht ausführlichen Vorwort (»Zum Eingang«) geht Karl Lerbs auf sein Vorgehen ein, indem er sagt:
Der Einladung, die ich an die hier vereinigten berufenen Erzähler ergehen ließ, lag die Absicht zugrunde, das Problem von recht vielen Seiten zu beleuchten und den Mitarbeitern die Möglichkeit zu schaffen, ihrer Auffassung durch das Beispiel Ausdruck zu geben. (Der Spiegel, S. 14)
Der Ausdruck »das Problem« referiert hier auf die Anekdote selbst. Lerbs gibt in seinem Vor-wort Aufschluss über seine Anekdoten-Theorie und sein Ansinnen, eine Diskussion zu eröffnen. Worum es dabei dezidiert geht, wird im nächsten Punkt erläutert. Im Anschluss werden die thematischen wie inhaltlichen Grundpfeiler dieser Anekdotensammlung umrissen, um in einem nächsten Schritt Lerbs Ergebnis - die Sammlung - an seinem eigenen theoretischen Anspruch zu messen: entsprechen die Texte seinen Forderungen an die Gattung? Lassen sich aus der Sammlung »der Beispiele« Verallgemeinerungen ableiten, die mit seiner Gattungsdefinition konform gehen? Kann sich die Definition der Anekdote überhaupt aus dem generieren, was allen Anekdoten in der Anthologie zugrunde liegt? Was sagt dabei die Abweichung von der Norm aus? Diese Fragen werden im Folgenden Beachtung finden.
2. »ZUM EINGANG« - KARL LERBS' ANEKDOTEN-THEORIE
Den Beginn seiner Argumentation markiert Lerbs mit dem Hinweis darauf, dass »sich doch die einst so klare Form der Anekdote dem großen Wandlungsvorgang der Zeit nicht [hat] entziehen können.« Und weiterhin, dass »die Bestimmtheit der Form sich verwischte und heute so manches als Anekdote ohne Recht sich ausgibt, das scheint eine Abgrenzung der Anekdote gegen andere Kunstformen nötig zu machen.« (Der Spiegel: Anekdoten zeitgenössischer deutscher Erzähler. Hrsg. von Karl Lerbs, Weimar 1919, S. 10) Dass die Anekdote sich abgrenzen- und einer Redefinition unterzogen werden müsse, scheint Lerbs mehr als dringlich. Doch wie definiert Lerbs die Anekdote? Für ihn als Anekdotensammler und -herausgeber musste seine eigene Definition die Grundlage für seine jeweiligen Entscheidungen bilden, ob es sich bei dem ihm vorliegenden Text also um eine Anekdote handelte oder nicht. Seine Definition lautet wie folgt:
Die Anekdote ist die gedrängte, unbedingt in sich gerundete Darstellung eines Vorganges von irgendwie kennzeichnender Bedeutung, - gleichgültig, ob kennzeichnend für eine bekannte Persönlichkeit, für einen Einzelmenschen, einen Menschentypus oder nur als Vorgang an sich. Sie ist nicht Ausmalung, Betrachtung, Stimmung, sondern Leben, Bewegung, Handlung. Das umrankende Beiwerk darf, sparsam verwandt, nicht die klaren, sicheren Linien des fortschreitenden Geschehens überwuchern; es darf nur dazu dienen, die plastische Wesenheit der Handlung zu erhöhen, die Farben mit lebendiger Leuchtkraft zu untermalen. (S. 10f.)
Außerdem fügt er an, dass alles »für sich selbst ohne breite, nachdenkliche Erläuterung« (S. 11) dazustehen habe. Auf eine »ausführliche und betrachtende Zerlegung seelischer Vorgänge« (S. 12), die der Kürze und Prägnanz der Anekdote abträglich wäre, müsse verzichtet werden. Lerbs geht weiterhin auf die konventionelle Annahme ein, dass die Anekdote den Effekt des Belustigens zu bedienen habe: »auch das kann ihre Folge sein, aber die Verallgemeinerung solcher Forderung ist natürlich unsinnig.« (S. 13) Es muss vor dem Hintergrund seiner den Anekdoten vorangestellten Definition davon ausgegangen werden, dass alle Texte seiner Sammlung »Der Spiegel« diese Eigenschaften aufweisen.
Dezidiert äußert sich Lerbs auch zur Technik des Anekdotierens, woraus sich weitere Ansprüche an die Anekdote ergeben:
Der Anekdotenerzähler […] packt mit sicherem Griff ein Lebendiges und läßt es durch Tun und Gebärde sein Wesen ausprägen. Zur langsam strichelnden Stimmungsergänzung bleibt ihm wenig Zeit, das drängende Tempo reißt ihn wie seinen Leser fort. [...] […] Er fängt mit dem Handelnden zugleich auch seine Umgebung auf; aber von diesem Beiwerk wird auch nur dem eine wesentliche Rolle zufallen, das dazu dienen kann, den Vorgang zu begründen und zu unterstreichen [...]
So wird auch der Anekdotenerzähler vom 'Milieu' in knappen, aber scharf und körperhaft bildenden Worten nur das erstehen lassen, was seinem Vorwurf farbigen Hintergrund gibt und den Fluß der Handlung weiterleitet. (S. 12f.)
Die »Stimmungsergänzung«, die wohl dem oben genannten »Beiwerk« entspricht, muss sich dem Tempo, das wiederum die Kürze der Anekdote bewirkt, unterwerfen. Alles Unwichtige, »Unwesentliche«, was der Geschichte nicht unmittelbar dient, nicht notwendig ist, sei Lerbs zufolge zu tilgen.
Bisher stimmten Lerbs' definitorische Kriterien mit den einschlägigen Gattungsbestimmungen überein; so weisen sowohl das Metzler Lexikon Literatur als auch das Sachwörterbuch der Literatur Gero von Wilperts darauf hin, dass die Anekdote kurz zu sein habe. Von Wilpert fordert eine »prägnante Knappheit der objektiven Geschehensdarstellung und [einen] schlagkräftige[n], zielstrebige[n] Aufbau der unerwarteten Pointe, die blitzartig Zusammenhänge erleuchtet« 3 , während Metzler sagt, dass die Pointe »häufig in einer schlagfertigen Entgegnung« bestehe. Diese beiden Grundaussagen gehen konform - Lerbs hingegen lässt den Begriff der Pointe und überhaupt die damit zusammenhängende Anforderung an einen Schlusseffekt aus. Ob die von ihm zusammengetragenen Texte jeweils Pointen aufweisen und es sich dessenthalben womöglich nur um eine Eigenschaft handelt, die er zu erwähnen vergaß oder einfach voraussetzte, wird bei der Betrachtung des »Spiegels« zu klären sein.
3 Wilpert, Gero von: Sachwörterbuch der Literatur, Stuttgart, 8 2001, S. 28.
Arbeit zitieren:
René Ferchland, 2011, "Der Spiegel des Lebendigen", München, GRIN Verlag GmbH
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