Inhalt:
1. Einleitung 2
2. Begriffsklärung „Ostjude“ 2
3. Soziale Lage der Juden in Osteuropa 3
4. Wanderung 5
5. Schluss 11
1. Einleitung
Diese Arbeit gibt einen Teil der Geschichte der Juden Osteuropas
wieder. Eingangs wird ihre soziale Lage in ihren Heimatländern
geschildert , speziell in Rußland. Der Schwerpunkt liegt auf der
Abwanderung nach Westeuropa und in die Vereinigten Staaten,
wobei auf die Probleme eingegangen wird, die diese
Massenabwanderung im deutschen Reich zwischen 1880 und
1914 mit sich brachte. Nebenbei gilt es sich mit Zahlen zu
besch äftigen: Wie hoch war die Zahl der Auswanderer? Wieviele
verblieben im deutschen Reich, wieviele siedelten im Ausland?
In diesem Zuge fällt der Blick auch auf die Maßnahmen der
Reichsregierung und das Verhältniss der ortsansässigen Juden zu
ihren osteuropäischen Glaubensgenossen in Zeiten von
zunehmenden antisemitischen Tendenzen.
2. Begriffsklärung „Ostjude“
In den folgenden Ausführungen soll es im wesentlichen um die
ostj üdische Bevölkerungsgruppe gehen. Gemeint sind diejenigen
Juden , die nicht in den Staaten Westeuropas lebten, und ihr
traditionelles Leben (noch) nicht gegen ein säkularisiertes, von
Assimilation geprägtes eingetauscht hatten. Aschheim beschreibt
sie als „Kaftanjuden“ 1 Für die östlichen Juden werden in der
2
1Vgl. Steven E. Aschheim, Brothers and strangers : the East European Jew
in German and German Jewish consciousness, 1800 - 1923
Madison , 1982, Chapter 3
Literatur verschiedene Bezeichnungen analog verwendet. Es ist von "Eastern Jews", "Eastern European Jews" und "Ostjuden" die Rede. Gemeint sind die Juden, die östlich des deutschen Staatsgebiets siedelten, also im geteilten Polen, dem zaristischen Rußland, Ungarn und den habsburgischen Provinzen Galizien und Bukowina. Vereinzelt wurden auch böhmische und preußische Juden aus der Provinz Posen dazugerechnet, aber allenfalls bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts 2 . Allein Wertheimer 3 spricht sich für eine strikte Trennung des Begriffs Ostjude(n) aus. Er führt an, der Begriff wäre erst später im Zuge der antisemitischen Bewegung entstanden und könne daher nicht allgemein zur Benennung der Juden Osteuropas verwendet werden, da er den Stereotyp des zurückgeblieben Ghettojuden bezeichne.
3. Soziale Lage der Juden in Osteuropa
Seit dem Mittelalter waren viele Juden aus Mitteleuropa ostwärts in das polnische Großreich eingewandert. Dies war von den polnischen Adligen gern gesehen, da diese Juden aufgrung ihrer Qualifikationen oft als Aufseher oder Verwalter eingesetzt werden konnten. Sie genossen daher Schutz und gewisse Privilegien 4 . Mit der endgültigen Teilung Polens auf dem Wiener Kongreß wurden diese Juden 1815 Bürger von Preußen, Rußland und Österreich. Davon entfielen 3.980.000 auf Rußland, auf die österreichisch-ungarischen Provinzen Galizien und Bukowina zusammen 754.000, auf Ungarn selbst 687.000 und in Rumänien nochmals 200.000 5 . Die jüdische Bevölkerung der an Preußen 3
2Jacob Toury, Soziale und politische Geschichte der Juden in Deutschland 1847 - 1871 : zwischen Revolution, Reaktion und Emanzipation, Düsseldorf, 1977, S. 30
3Jack L. Wertheimer, Unwelcome strangers : East European Jews in Imperial Germany, New York, 1987, S. 6.
4Albert S. Lindemann, Esau's Tears: Modern Antisemitism and the Rise of the Jews, Cambridge, 1997, S. 59.
5Salomon Adler-Rudel, Ostjuden in Deutschland : 1880-1940 : zugleich eine Geschichte der Organisationen, die sie betreuten, Tübingen, 1959, S. 2.
gefallenen Provinz Posen betrug damals rund 52.000 Seelen 6 . Während sich in Westeuropa ein säkularisiertes, von Assimilationsbestrebungen geprägtes Judentum herausgebildet hatte, waren die Juden Osteuropas weitesgehend in ihrem vormodernen Habitus verblieben 7 . Sie bildeten eine separate ethnische Gruppe mit eigener Kultur und einer gewissen Selbstverwaltung auf kommunaler Ebene(Kahal) 8 . Eine Eingliederung in die russische Gesellschaft nach dem Muster der westeuropäischen Assimilation war für sie wenig reizvoll, obwohl es genügend Versuche seitens der Zaren gab 9 . Meist kam dabei folgendes Mittel zum Einsatz: Vertreibung der Juden aus ihren Heimatdörfern und Umsiedlung in den Süden, wobei die Juden dort Landwirtschaft anstatt ihrer angestammten Tätigkeiten als Hausierer, Goldschmiede, Alkoholbrenner, etc. betreiben sollten 10 . Für die Juden wurden sogenannte Ansiedlungsrayons geschaffen. Dafür war ihnen untersagt, innerhalb 55 km zur Westgrenze zu siedeln. Auch bestimmte Städte wie Moskau, Kiew und einige Hafenstädte blieben ihnen verschloßen. Weiteres Mittel zur Integration war die Konversion. Aus den Juden sollten Christen werden. Als im Jahre 1825 die Wehrpflicht für Juden eingeführt wurde, wurden jüdische Kinder, zur Vorbereitung auf den Wehrdienst wie es hieß, in sogennante Kantonistenheime eingezogen. Bei den Übungen und durch Selbstmorde starben dabei nicht wenige der Kantonisten. Diese Maßnahmen währten bis 1856. Bereits 1844 war der Kahal, d. h. die Selbstverwaltung
4
6Steffi Jersch-Wenzel, Zur Geschichte der jüdischen Bevölkerung in der
Provinz Posen im 19. Jahrhundert, in: Gotthold Rhose(Hg.), Juden in Ostmitteleuropa von der Emanzipation bis zum Ersten Weltkrieg, S. 74. 7Albert S. Lindemann, Esau's Tears: Modern Antisemitism and the Rise of the Jews, Cambridge, 1997, S. 51.
8Heiko Haumann, Geschichte der Ostjuden, München, 1990, S. 27 9Shmuel Ettinger, Das Ringen um Emanzipation in Osteuropa, in: Haim Hillel Ben-Sasson(Hg.), Geschichte des jüdischen Volkes: Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Band III, München, 1995, S. 998f. 10Shmuel Ettinger, Das Ringen um Emanzipation in Osteuropa, in: Haim Hillel Ben-Sasson(Hg.), Geschichte des jüdischen Volkes: Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Band III, München, 1995, S. 997.
auf Gemeindeebene abgeschafft worden. Alle diese Versuche dienten der Festigung der absoluten Macht des Zaren im Vielvölkerstaat Rußland - allerdings mit kaum nennenswertem Erfolg bei der Integration 11 . Anfang der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts kam dann mehrfach zu schweren Pogromen gegen die Juden, was viele geradezu zur Auswanderung trieb. 12 Anlaß war ein Anschlag auf Zar Alexander III. In Rumänien wurden die Juden in den Jahren der Abspaltung vom türkischen Reich wohlwollend behandelt. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts jedoch scheiterten verschiedene Versuche seitens der Regierung ihnen Bürgerrechte zu gewähren. Dies führte bis hin zu Pogromen, die aufgrund ihrer Ausmaße selbst im Ausland für Aufsehen sorgten 13 .
In Galizien waren die Juden ebenso wie in Ungarn oder Böhmen Bürger der habsburgischen Doppelmonarchie. Triebfeder für die Abwanderung war hier die wirtschaftliche Not 14 . Ebenso ging es den Juden in der preußischen Provinz Posen.
4. Wanderung
Schon vor Beginn der "großen Wanderbewegung" gab es eine zählbare Abwanderung von Juden aus der Provinz Posen. Allerdings war diese im Vergleich zur Masseneinwanderung aus Galizien und Rußland eine innerpreußische Binnenwanderung. Macht man den Versuch den Beginn dieser Wanderung zu datieren, so muß man wohl den Anfang der 30er Jahre des 19.
5
11Albert S. Lindemann, Esau's Tears: Modern Antisemitism and the Rise of the Jews, Cambridge, 1997, S. 58.
12Vgl. David Vital, A People Apart The Jews in Europe 1789-1939, New York 1999, S. 283 ff. 13Shmuel Ettinger, Das Ringen um Emanzipation in Osteuropa, in: Haim Hillel Ben-Sasson(Hg.), Geschichte des jüdischen Volkes: Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Band III, München, 1995,, S. 1000
14Francois Guesnet, Juden aus dem östlichen Europa in Mittel- und Westeuropa, in: Handbuch zur Geschichte der Juden in Europa, Bd. 2 Religion, Kultur, Alltag, Darmstadt, 2001, S. 70; Heiko Haumann, Polen und Litauen, in: Handbuch zur Geschichte der Juden in Europa(Bd. 1), Länder und Regionen, Darmstadt, 2001, S. 247.
Arbeit zitieren:
Gunnar Kappei, 2003, Wanderung der Juden Osteuropas im 19. Jahrhundert und die Reaktion im Westen, München, GRIN Verlag GmbH
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