So wie ich Beckermann verstehe, reagieren Neuronen mit naturgesetzlicher Notwendigkeit auf bestimmte Bedeutungen von Wörtern oder Argumenten. Ansonsten würde es wenig Sinn machen in diesem Zusammenhang von Determination zu reden. Die Freiheit wird trotz der Bedingung durch neuronale Prozesse gewährleistet, da wir Bedeutungen reflektieren und dann entsprechend der Reflektion handeln können. Ich halte es für problematisch, den so formulierten Kompatibilismus als wirkliche Freiheit zu bezeichnen. 4 Zunächst ein Beispiel, das an das Problem heranführen, aber nicht weit genug reicht. Stellen wir uns vor, ein Kriegsgefangener erhält eine Gehirnwäsche, die ihn Aussagen machen lässt, die er sonst nicht gemacht hätte. Hier wird eine Verschiebung der kausalen Verknüpfungen im Hirn vorgenommen. Der Kriegsgefangene kann immer noch nachsinnen, aber es werden andere neuronale Prozesse ausgelöst als vor der Gehirnwäsche und folglich wird er andere Handlungen ausführen. Beckermann müsste das immer noch Freiheit nennen. Das widerspricht zunächst der Intuition. Dennoch lässt sich hier darauf hinweisen, dass der Gefangene zwar äußerlich nicht frei ist, aber innerlich schon. Ein anderes Beispiel kann da deutlich sein.
Gehen wir weiter und stellen wir uns vor, Wissenschaftler schaffen es die neuronalen Stränge zu lokalisieren und auf sie Einfluss zu nehmen, die für die Stärke eines neurologischen Signals stehen und von einer Wortbedeutung oder einem Argument angeregt werden. Nun würden sie einen Menschen dahingehend manipulieren können, wenn er die Pros und Kontras einer Entscheidung abwägt. Diese Manipulation befände sich im rein neuronalen Bereich. Die Wissenschaftler könnten beispielsweise jedes Mal, wenn er ein Kontraargument reflektiert, das neurologische Signal verstärken. Auf diese Weise wird er den Eindruck haben, dass die Kontraargumente viel stärker sind und von der in Frage stehenden Entscheidung zurücktreten. Hier wären wir immer noch im rein neuronalen Bereich, eine Person könnte immer noch seine Gedanken reflektieren und entsprechend handeln. Aber ich denke nicht, dass das noch Freiheit ist. Auch wenn die Lockschen Bedingungen erfüllt sind, so hat die Person nur noch einen stark verminderten Einfluss auf ihre Entscheidung, da der Reflekti-onsvorgang manipuliert ist. Folglich müssten Lockes Bedingungen erweitert oder abgeändert werden, um solche Fälle auszuschließen.
4 Vgl., ibid.
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Das Problem mit Frankfurts Kompatibilismus
Harry Frankfurt versucht das gleiche Problem des Kompatibilismus zu lösen. Der Kompatibilismus ist der Auffassung, dass sich Determination und freier Wille miteinander vereinbaren lassen. Ein Problem, das Liberalisten (die vertreten, dass Determination und freier Wille nicht vereinbar sind und der Mensch nicht determiniert ist) aufzeigen, besteht mit der kompatibilistischen Sichtweise: Wenn Menschen determiniert sind, dann können sie sich nicht anders entscheiden als sie es tun. Damit könnten sie, ganz intuitiv betrachtet, gar nicht moralisch verantwortlich sein. Denn uns scheint oft die hypothetische Möglichkeit, doch etwas anders machen zu können, wichtig zu sein, wenn wir untersuchen, ob jemand für eine Tat verurteilt oder verantwortlich gemacht werden kann oder auch nicht. 5 Gerade bei Kriegsverbrechen wird beispielsweise genauestens untersucht, inwiefern ein Soldat die Möglichkeit hatte, die Teilnahme an einem Massaker zu verweigern. Wäre sein eigenes Leben nicht in Gefahr gewesen, hätte er dann mitgemacht oder nicht. Die Beantwortung dieser Frage hilft uns abzuschätzen, inwiefern der Soldat für die begangenen Gräuel verantwortlich gemacht werden kann. Folglich scheint es durchaus ein Problem zu sein, ob Menschen anders hätten handeln können. Und dieses Problem will Frankfurt lösen.
Frankfurt entwirft dafür ein Gedankenexperiment, das unseren sprachlichen und alltäglichen Umgang mit moralischer Verantwortung untersucht. Dafür stellt er sich die Person Jones vor. Jones hat vor eine Tat zu begehen. Nehmen wir als Tat, den Kiosk von Jerry auszurauben. Jerry hat aber einen langjährigen Feind: Black. Black will Jerry schaden und will daher, dass Jones den Kiosk ausräumt. Aber Black ist geschickt und würde nur dann in Erscheinung treten (und Jones heftige Drohungen machen), wenn er merkt, das Jones den Laden doch nicht ausrauben wird. Aber nach Frankfurt sollen wir annehmen, dass Black nichts zu tun braucht: Jones will den Kiosk überfallen und er tut es auch. 6 Und damit haben wir einen Fall, bei dem jemand (Jones) etwas tut, nicht anders hätte handeln können (sonst hätte Black ihn gezwungen) und dennoch moralisch verantwortlich ist (denn Jones wollte den Kiosk ausrauben). 7 Daher stellt Frankfurt das Prinzip auf, nach dem jemand nur dann für sein Verhalten nicht verantwortlich ist, wenn er nur deswegen so gehandelt hat, wie er gehandelt hat, weil er nicht anders konnte. 8
5 Vgl. Frankfurt 2001, 53.
6 Vgl. ibid., 60-61.
7 Vgl. ibid., 62-63.
8 Vlg. Ibid., 64.
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Arbeit zitieren:
BA Jan Hoppe, 2010, Probleme des Kompatibilismus, München, GRIN Verlag GmbH
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