1 Einleitung
Die Benachteiligtenförderung in der Bundesrepublik Deutschland ist seit etwa 1980 in einer Dauerkrise, denn „die milliardenteuren Kurse zur beruflichen Qualifizierung von Jugendlichen sind einer Studie zufolge oft nicht ihr Geld wert. Außerdem sei das Wirrwarr der zahllosen Angebote selbst für Fachleute kaum zu überblicken“ 1 , heißt es in der Frankfurter Rundschau vom 13. Januar 2011.
So kann man auch die Ergebnisse einer Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und der Bertelsmann-Stiftung zum Stand beruflicher Qualifizierungsmaßnahmen zusammenfassen: Etwa 350.000 Jugendliche konnten in Deutschland nach ihrem Schulabschluss im Jahr 2009 eine Berufsausbildung nicht unmittelbar anschließen. Gelder und Personal für Übergangsmaßnahmen sollten optimierter eingesetzt werden, sind sich 89 Prozent der 500 befragten Berufsbildungsexperten einig. Weiterhin halten 81 Prozent der Fachleute die Programme zur Unterstützung der Jugendlichen auf ihrem Weg in eine Berufsausbildung für erforderlich. Jörg Dräger (Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung) macht deutlich, dass „Deutschland […] es sich nicht mehr leisten [könne], viele Jugendliche erst über Umwege oder Warteschleifen in eine Ausbildung zu bringen oder sie sogar ganz ohne Berufsausbildung auf den Arbeitsmarkt zu entlassen“. 2
Die sozialen Folgen und Folgekosten sind unüberschaubar. Daraus lässt sich ableiten, dass die Qualifizierung auch schwächerer Jugendlicher in einer modernen Wissensgesellschaft auch aus finanziellen Gründen immer wichtiger wird. Für die Bundesrepublik Deutschland ist damit Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit verbunden. Für das Individuum bedeutet Berufsbildung die Teilhabe am gesellschaftlichen und beruflichen Leben. Qualifizierung und Bildung sind daher in vielfacher Sicht von großer Bedeutung. Dem steht jedoch entgegen, dass das Bildungssystem der Bundesrepublik Deutschland von einem selektiven Charakter geprägt ist und nicht allen Jugendlichen die gleichen Chancen vermittelt. Der Bildungserfolg von Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist in hohem Maße von
1 Frankfurter Rundschau online (2011): Studie: Hilfen zum Berufseinstieg kritisiert, [01.02.2011].
2 Ebd.
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der sozialen und nationalen Herkunft des Einzelnen abhängig. 3 Für die Heranwachsenden hat dies fehlende berufliche Perspektiven, ein erhöhtes Risiko für Ausbildungs- und Arbeitslosigkeit, schlechte Arbeitsbedingungen und somit ein geringeres Einkommen zur Folge. Die berufliche Bildung stellt aus diesem Grund eine zentrale Komponente der Bildungspolitik dar, wenn es um das Vorhaben der Bundesregierung geht, Deutschland zu einer Bildungsrepublik zu machen. Der demografische Wandel, wirtschaftliche Veränderungen, fortschreitende technologische Erkenntnisse, Fachkräftemangel, erhöhte Qualifikations-anforderungen und (Jugend-) Arbeitslosigkeit erfordern ein zeitgemäßes Umdenken im Bereich der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Wichtig auf der Reformagenda seien nach Meinung des BMBF „in den nächsten Jahren neben der Fachkräftesicherung und der weiteren Attraktivitätserhöhung, Modernisierung und Durchlässigkeit der beruflichen Bildung, die Stärkung der beruflichen Weiterbildung und die Systematisierung der Übergänge in Berufsbildung“. 4
Das Hauptaugenmerk der Bundesregierung liegt dabei im Einzelnen auf folgenden Ansatzpunkten: Die Zahl der Ausbildungsplätze muss in der erforderlichen Kapazität vorhanden sein, um die angestrebte Herausbildung von qualifizierten Arbeitskräften verwirklichen zu können. Damit einher geht auch die zunehmende Bedeutung des so genannten Übergangssystems - also der Brücke von der Schule in eine berufliche Ausbildung, um benachteiligte junge Menschen auf dem Weg in die Erwerbstätigkeit unterstützen zu können. „[…] Potenziale und Risiken bei Jugendlichen [sollen] bereits in der Schule frühzeitig erkannt und erfasst, eine praxisorientierte frühzeitige Berufsorientierung bundesweit ausgebaut und eine ganzheitliche Förderung und individuelle Begleitung bildungsgefährdeter Jugendlicher ab der 7. Klasse bis zum Ausbildungsabschluss im Rahmen von Bildungsketten gesichert werden“, so der Plan der Bundesregierung. 5 Ich bin der Ansicht, dass diese Vorhaben notwendig und wichtig sind, denn es gibt jährlich immer noch etwa 100.000 Jugendliche, die den unmittelbaren Übergang von der Schule in eine Berufsausbildung nicht schaffen. 6
3 Zeit online (2010): Bildungsstudie. Bessere Pisa-Ergebnisse für Deutschland, [11.01.2011].
4 BMBF (2010): Berufsbildungsbericht 2010, Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Perspektiven des Bildungswesens im demografischen Wandel, S. 3.
5 Ebd.
6 Martin (o. J.): Die Misere auf dem Ausbildungsstellenmarkt, o. S., [11.01.2011].
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Berufsvorbereitung wird aus diesem Grund in der Schule, im Betrieb, bei Trägern und auch in Produktionsschulen (PS) gebraucht, denn „eine berufliche Ausbildung mit der Möglichkeit zum Erwerb umfassender beruflicher Kompetenzen gibt Halt und trägt so zur Vermeidung von gesellschaftlicher und sozialer Entwurzelung bei“. 7
Die bildungspolitischen Fragen lauten: Wie können diese Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf beim Übergang von der Schule in eine Berufsausbildung unterstützt werden? Wie können benachteiligte Jugendliche besser als bisher gefördert und in die Berufswelt integriert werden? Was hat die so genannte Produktionsschule damit zu tun und welche Bedeutung hat das Modell für förderbedürftige Jugendliche in Deutschland mit besonderem Blick auf Hamburg? Diese Fragen möchte ich in der vorliegenden Arbeit aufgreifen und beantworten, um am Ende klären zu können: Welche Auswirkungen haben Produktionsschulen in Hamburg auf benachteiligte Jugendliche seit ihrer ersten Einführung? Können Produktionsschulen erfolgreicher arbeiten als andere Formen der Benachteiligtenförderung?
Der Hintergrund meiner Themenwahl ergibt sich aus folgenden Ansatzpunkten. Zunächst ist mein bisheriger Interessenschwerpunkt in meinem Studium zu nennen. Dieser richtete sich (entgegen der naheliegenden Vermutung) vorrangig auf die Bereiche Sportpädagogik und Erwachsenenbildung. Mit der Entscheidung für die Thematik der Produktionsschulen im Kontext der Benachteiligtenförderung sah ich eine große persönliche Herausforderung, ein bildungspolitisches Feld für förderbedürftige Jugendliche zu erarbeiten, das selbst noch in der Entwicklung ist. Bestärkt wurde mein Interesse durch die Aktualität von Jugendausbildungs- und -arbeitslosigkeit (nicht nur) in Deutschland und der damit verbundenen Bestrebung, mehr Hintergründe darüber zu erfahren. Der zweite Aspekt meiner Themenwahl ist auf meine Verbundenheit mit der Stadt Hamburg zurückzuführen. In der vorliegenden Arbeit erläutere ich aus diesem Grund eine von zahlreichen Maßnahmen des Übergangssystems 8 und werde versuchen, die Bedeutung von Produktionsschulen für die Stadt Hamburg herauszustellen.
7 Allespach/ Novak (2005): Abbau von Benachteiligung als berufspädagogischer Auftrag und berufspädagogische Herausforderung, S. 11.
8 Das Übergangssystem ist eigentlich kein System, sondern ein undurchsichtiger Maßnahmen- und Finanzierungsdschungel.
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Ich möchte zunächst eine Grundlage für meine Arbeit schaffen, indem ich kläre, was die Bezeichnung „benachteiligte Jugendliche“ meint oder besser gesagt: meinen könnte. Dies erfolgt unter Annäherung an die Begrifflichkeiten Benachteiligung und Benachteiligtenförderung sowie einer umfangreichen Darstellung der verschiedenen Faktoren, die zu einem besonderen Förderbedarf dieser jungen Menschen führen können. Außerdem sollen die gesellschaftlichen Folgen von (Jugend-) Arbeitslosigkeit auf die Bedeutung der Benachteiligtenförderung verweisen.
Dann thematisiere ich einführend das Modell der Produktionsschule. Ausgehend vom 16. Jahrhundert werden einige historische Eckpunkte umrissen, die die Entwicklung des Produktionsschulkonzepts geprägt haben. Mit einem Blick auf das Königreich Dänemark sollen das Potenzial der dort vorhandenen Einrichtungen sowie die Besonderheiten des Konzepts aufgezeigt werden. Die Entwicklung von Produktionsschulen in der Bundesrepublik Deutschland ist ebenfalls Gegenstand dieses Abschnitts. Die markanten Unterschiede der Rahmenbedingungen dänischer und deutscher Institutionen werden in einem Vergleich verdeutlicht. Die Erfolgsfaktoren deutscher Produktionsschulen schließen diesen Gliederungspunkt ab.
Der anschließende Abschnitt zu den Produktionsschulen in Hamburg stellt einen weiteren Schwerpunkt meiner Arbeit dar. Ich gehe darin auf die Einführung und Entwicklung sowie die allgemeinen Merkmale der Institutionen in der Freien und Hansestadt Hamburg ein und möchte damit einen umfassenden Einblick in die dortige Produktionsschullandschaft geben. Ein besonderer Fokus richtet sich auf die Produktionsschule Altona als erste Einrichtung in Hamburg. Ihr Konzept sowie Hintergründe zu dem geführten Interview mit dem Geschäftsführer Martin Krinke sollen den Einblick in die Produktionsschulidee intensivieren. In einer anschließenden Kritik werden die Vor- und Nachteile der Einrichtungen in Hamburg aufgezeigt.
Die Schlussbetrachtung dieser Arbeit dient der Zusammenfassung meiner Erkenntnisse und gibt (unter Berücksichtigung des demografischen Wandels) einen Ausblick auf die zukünftige Bedeutung von Produktionsschulen in Hamburg und Deutschland.
In der vorliegenden Arbeit wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit bei geschlechtsspezifischen Begriffen die maskuline Form verwendet. Die Schreibweise impliziert beide Geschlechter.
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2 Benachteiligte Jugendliche
Die Eingliederung von jungen Menschen in die Beruf- und Arbeitswelt ist von hoher sozialer Bedeutung, da sie die Lebensqualität des Einzelnen beeinflusst. Soziale Erfahrungen, gesellschaftliche Anerkennung, persönliche Perspektiven, geregelte Einkünfte sowie Selbstwertgefühl und Verantwortungsbewusstsein sind einige Faktoren, die dazu beitragen, das Leben eigenständig bewältigen zu können. Aufgrund der gegenwärtigen Ausbildungs- und Arbeitslosigkeit unter den Jugendlichen wird die Bedeutung der Thematik deutlich. Besonders hervorzuheben sind an dieser Stelle die sozial benachteiligten und lernschwachen jungen Menschen, denen der Zugang zu Ausbildung und Beruf durch steigende Qualifikations-anforderungen u. a. im theoretischen und sozialen Bereich erschwert wird. Was bedeutet Benachteiligung eigentlich? Was beinhaltet und bezweckt die Benachteiligtenförderung und welche Formen der Benachteiligung gibt es? Im Folgenden wird versucht, diese Fragen zu beantworten und die sozialen und finanziellen Folgen für die Gesellschaft aufzuzeigen.
2.1 Begriffsbestimmungen
2.1.1 Benachteiligung
Der Begriff Benachteiligung wird u. a. in der Jugend(berufs-)hilfe und Jugendsozialarbeit verwendet und hat zahlreiche Definitionsansätze hervorgebracht. So bezeichnet er beispielsweise „die soziale Position eines Menschen, der im Vergleich zu anderen signifikant schlechtere Chancen in Bezug auf verschiedene Ziele und Möglichkeiten im Leben hat“. 9 Weiterhin führen Rauschenbach und Züchner an, dass sich Benachteiligung „als situativ nicht behebbare, schlechtere Ausgangslage im Wettbewerb um z. B. schulischen Erfolg, um eine Ausbildungsstelle, um einen Ausbildungsplatz oder eine berufliche Karriere oder
9 Rauschenbach/ Züchner (2001): Lebenschancen benachteiligter junger Menschen - Risiken heutiger Sozialisation, S. 70.
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allgemeiner: um eine soziale Positionierung innerhalb der Gesellschaft verstehen“ 10 lässt. Diese Erklärungsansätze stellen den Benachteiligtenbegriff jedoch nur grob umrissen dar. Das ist kein Einzelfall, denn die undifferenzierte Betrachtung der Thematik ist ein weit verbreitetes Phänomen. Bojanowski sieht die Schwierigkeiten einer zutreffenden Begriffsbestimmung darin, „dass bisher kein entdiskriminierender oder entstigmatisierender Begriff gefunden werden konnte, was angesichts der extrem heterogenen Gruppen kein Wunder ist […]. Die begrifflichen Erscheinungsformen bleiben diffus und werden dem, was Benachteiligung meinen könnte, nicht gerecht.“. 11 Die Lebensbedingungen und sozialen Ausgangslagen der jungen Heranwachsenden muss man voneinander unterscheiden und wenn es um die Ursachen der Benachteiligung geht, differenziert betrachten. Bei Jugendlichen im Kontext der Benachteiligtenförderung handelt es sich meist um junge, benachteiligte Menschen, die für ihre berufliche und soziale Integration in die Gesellschaft Unterstützung benötigen. Diese erforderliche Hilfestellung hat sich die Benachteiligtenförderung zur Aufgabe gemacht.
2.1.2 Benachteiligtenförderung
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) initiierte für die berufliche Erstausbildung eine Vielzahl von Modellversuchen, die vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) auf Anwendbarkeit geprüft und evaluiert wurden. Dazu zählte u. a. das Benachteiligtenprogramm, das 1980 mit etwa 600 Ausbildungsplätzen in außerbetrieblichen Einrichtungen seinen Anfang nahm. Acht Jahre später wurde das Programm in das Arbeitsförderungsgesetz (AFG) übernommen und im § 40c gefestigt. Im weiteren Verlauf hat sich als Bezeichnung dieser Maßnahme der Begriff Benachteiligtenförderung als beständig erwiesen. Im Jahre 1998 wurde das Programm im Sozialgesetzbuch III (SGB III, §§ 235 und 240 bis 246) verankert. 12 Die berufliche Benachteiligtenförderung ist folglich neben
10 Rauschenbach/ Züchner (2001): Lebenschancen benachteiligter junger Menschen, S. 70.
11 Bojanowski (2005a): Umriss einer beruflichen Förderpädagogik. Systematisierungsvorschlag zu einer Pädagogik für benachteiligte Jugendliche, S. 343.
12 BMBF (2005): Berufliche Qualifizierung Jugendlicher mit besonderem Förderbedarf - Benachteiligtenförderung,S. 7.
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Schule, Berufsausbildung und Hochschule als vierte Säule des Bildungssystems der Bildungs- und Berufsbildungspolitik der Bundesrepublik anzusehen, denn „unter dem Begriff Benachteiligtenförderung lassen sich alle Aktivitäten subsumieren, die auf die Eingliederung in Ausbildung und Erwerbsleben zielen und die an diejenigen Menschen gerichtet sind, denen diese Eingliederung aus individuellen oder sozialen Gründen in den etablierten Institutionen des Bildungssystems nicht selbständig gelingt“ 13 , so Niemeyer. Des Weiteren geben Bojanowski, Eckardt und Ratschinski (2005) an, Benachteiligtenförderung sei ein „Sammelbegriff, der schulische, betriebliche und außerschulische berufsbezogene Fördermaßnahmen der verschiedenen Träger, Akteure und Institutionen umgreift“. 14 Trotz hoher Investitionen von mehr als 100 Mrd. Euro bis zum Jahr 2008 ist der Bedarf an diesen genannten Fördermaßnahmen nach wie vor erheblich, denn „diese Finanzmittel haben nicht verhindert, dass in der Altersgruppe der heute 20- bis 40-Jährigen 2,5 Millionen nicht beruflich ausgebildete Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ein hohes Arbeitsplatzrisiko tragen“. 15 Aus diesem Grund ist es von hoher politischer und sozialer Bedeutung, weiterhin Maßnahmen zur Förderung von Benachteiligten bereitzustellen und den Risiken der sozialen Ausgrenzung entgegenzuwirken. Dies ist auch im Sinne des deutschen Gesetzes. Im Sozialgesetzbuch Drittes Buch (SGB III) Arbeitsförderung besagt der § 242 Förderungsbedürftige Auszubildende Folgendes: 16
(1) Förderungsbedürftig sind lernbeeinträchtigte und sozial benachteiligte Auszubildende, die wegen der in ihrer Person liegenden Gründe ohne die Förderung
1. eine Berufsausbildung nicht beginnen, fortsetzen, erfolgreich beenden können oder
2. nach dem Abbruch einer Berufsausbildung eine weitere Ausbildung nicht beginnen oder
13 Niemeyer (2008): Professionelle Benachteiligtenförderung - eine Bestandsaufnahme, S. 11.
14 Bojanowski/ Eckardt/ Ratschinski (2005a): Annäherung an die Benachteiligtenforschung -Verortungen und Strukturierungen, S. 11.
15 Eckardt (2008): Schule mit Produktion (08.09.2008), S.1, [14.01.2011].
16 Sozialgesetzbuch (SGB) Drittes Buch (III) - Arbeitsförderung, [11.01.2011].
10
3. nach erfolgreicher Beendigung einer Ausbildung ein Arbeitsverhältnis nicht begründen oder festigen können oder
4. Angebote zur beruflichen Eingliederung nicht oder nicht mehr in Anspruch nehmen oder mit diesen noch nicht eingegliedert werden können.
Förderungsbedürftig sind auch Auszubildende, bei denen ohne die Förderung mit ausbildungsbegleitenden Hilfen ein Abbruch ihrer Ausbildung droht. Auszubildende nach Satz 1 und Absolventen berufsvorbereitender Bildungsmaßnahmen sollen vorrangig gefördert werden.
[…]
Die Benachteiligtenförderung setzt folglich dort an, wo junge Menschen an einem Übergang ihres Lebens stehen, diese Brücke von der Schule in eine Ausbildung jedoch problembehaftet ist. Aufgrund verschiedener Faktoren ist kein direkter Zugang zum Erwerb berufsspezifischer Kompetenzen möglich, weshalb zur Erlangung der Berufsfähigkeit ein erhöhter Förderbedarf notwendig ist. Im folgenden Abschnitt werde ich die unterschiedlichen Hintergründe einer Benachteiligung aufzeigen.
2.2 Ursachen der Benachteiligung
Die Thematik der Benachteiligung von Jugendlichen ist ein komplexes Gefüge von mehrfachen Unterscheidungsmöglichkeiten. Deutlich wird dies beispielsweise anhand der folgenden Sammlung von Begrifflichkeiten 17 , die auf die vielschichtige Beschäftigung mit der Thematik und den somit weitreichenden Charakter der Benachteiligung verweist:
17 Spies/ Tredop (2006): ): „Risikobiografien“ - Von welchen Jugendlichen sprechen wir?, S. 10 und Allespach/ Novak (2005): Abbau von Benachteiligung als berufspädagogischer Auftrag und
berufspädagogische Herausforderung, S. 9.
11
Randi Fuglsang, Vizevorsteherin der dänischen Produktionsschule Fløng Produktionshøjskole Hedehusene, geht sogar so weit und verwendet in diesem Kontext - jedoch in kritischer Art und Weise - den Ausdruck Stiefkinder der Gesellschaft 18 und verweist somit auch auf ein grundsätzliches Strukturproblem einer Gesellschaft, die sich demokratisch nennt. Der Umgang mit dem Benachteiligtenbegriff ist oft von einer generalisierenden und undifferenzierten Sicht gekennzeichnet. Auffallend ist in diesem Zusammenhang das umfangreiche Repertoire für die Benennung benachteiligter Jugendlicher. Deutlich ist auch, dass alle Betroffenen eines gemeinsam haben: Sie benötigen Unterstützung bei der sozialen Integration und auf ihrem Weg in die Erwerbstätigkeit. Was die jungen Erwachsenen jedoch voneinander unterscheidet, ist nicht nur die Bezeichnung ihres Defizits, sondern auch die Ursache für die jeweilige Benachteiligung bzw. die Ausgangslagen der Individuen. Im Sammelband „Benachteiligte Jugendliche in Europa“ (1994) von Steinmetz, Ries und Homfeld wird eine differenzierte Sicht auf die Faktoren der Benachteiligung Heranwachsender deutlich. Dabei spielen neben der ethnischen und sozialräumlichen Benachteiligung auch geschlechtsspezifische Aspekte im europäischen Kontext eine bedeutende Rolle. Da sich die vorliegende Arbeit jedoch vorrangig mit dem nationalen Raum (und an späterer Stelle zudem auszugsweise mit dem Königreich Dänemark) beschäftigt, erfolgt die Kategorisierung in Anlehnung an Rahn, der in seinem Werk „Übergang zur Erwerbstätigkeit: Bewältigungsstrategien Jugendlicher in benachteiligten
18 Fuglsang (o. J.): Die dänischen Produktionsschulen, S.1, [Skript].
12
Lebenslagen“ (2005) neben Stigmatisierung und Lebenslage drei weitere Ursachen für Benachteiligung anführt (S. 39-56):
2.2.1 Soziale Faktoren
Ein qualifizierender Bildungsabschluss allein ist für den beruflichen Werdegang noch nicht entscheidend. So spielt beispielsweise das Geschlecht eine bedeutende Rolle, aber auch ein Migrationshintergrund, die regionale Herkunft und die soziale Schicht beeinflussen junge Menschen in ihren Aussichten auf einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz in hohem Maße. Rahn führt für diese Begründung eine Studie von Solga und Wagner 19 an, die u. a. besagt, dass häufig diejenigen Kinder an Hauptschulen verbleiben, deren Eltern entweder nicht erwerbstätig sind oder einfachen Berufstätigkeiten nachgehen. Weiterhin ist der Studie zu entnehmen, dass die berufliche Biografie bereits in der Schule geprägt wird und nicht erst mit dem Übergang zur Ausbildung beginnt. 20 Unterstützt werden diese Grundannahmen von einer Untersuchung aus Bayern, die ebenfalls den Zusammenhang von Bildungsstand, Status und Schichtzugehörigkeit der Eltern mit den schulischen Erfolgen der Kinder ergab. 21 Daher sind die Lebensumstände, in denen die Jugendlichen heranwachsen, als richtungsweisend anzusehen. Zu diesem Ergebnis kommt auch die so genannte TIMSS-Übergangsstudie, die den „Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule“ unter Berücksichtigung von Leistungsgerechtigkeit und regionalen, sozialen sowie ethnisch-kulturellen Disparitäten in 13 Bundesländern im Schuljahr 2006/2007 untersucht hat. Bildungsforscher Jürgen Baumert vom Max-Planck-Institut macht deutlich, dass der soziale Status noch immer einen bedeutenden Einfluss auf den Lernerfolg an deutschen Schulen hat. 22 Trotz aller Bemühungen, den Fokus auf die Bildungsfähigkeit von Kindern als einziges Kriterium für eine entsprechende
19 Solga/ Wagner (2001): Paradoxie der Bildungsexpansion. Die doppelte Benachteiligung von Hauptschülern. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 4. Jg. H.1, S. 107-127.
20 Rahn (2005): Übergang zur Erwerbstätigkeit: Bewältigungsstrategien Jugendlicher in benachteiligten Lebenslagen, S. 44.
21 Ebd.
22 BMBF (Hrsg.) (2010a): TIMSS Übergangsstudie untersucht den Übergang von der Grundschule in weiterführende Schulen (02.07.2010), [02.02.2011].
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Janett Hemstedt, 2011, Produktionsschulen in Deutschland mit besonderem Blick auf Hamburg, München, GRIN Verlag GmbH
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