I. Inhaltsverzeichnis I
I. Inhaltsverzeichnis I. Inhaltsverzeichnis I II. Abbildungsverzeichnis V III. Abkürzungsverzeichnis VI 1 Einleitende Betrachtung 1 1.1 . Problemstellung 5 1.2 . Zielsetzung 9 1.3 . Vorgehen 9
2 Curitiba: A cidade da gente - ein Erfolgsbeispiel 12
2.1 . Hinführende Überlegungen (Problem der Urbanisierung als Ausgangslage) 15
2.2 . Logik und zugrundeliegende Prämissen Curitibas 18
2.3 . Ausgewählte operative Erfolgsbeispiele im Überblick 33
2.4 . Was festzuhalten bleibt 43 3. Arbeit [im] System 44
3.1 . Führung [im] System: individuell oder top-down? 47 3.2 . Effizienz [im] System 53
3.3 . Beobachtungen [im] Curitiba 55
3.4 . Das Essentielle [im] Überblick 58 4 Arbeit [am] System 59
3.1 . Führung [am] System: kollektiv oder bottom-up? 60
3.2 . Belastbarkeit / Robustheit [am] System 63
3.3 . Beobachtungen [am] Curitiba 64
3.4 . Das Essentielle [am] Überblick 69
5. „It´s possible!“ - Implikationen für Manager 70
I. Inhaltsverzeichnis II
6 Schließende Bemerkungen 78 6.1 . Ergebnisse 78
6.2 . Kritische (Selbst-) Reflexion 80 IV. Anhang IX V. Literaturverzeichnis LIII
II. Abbildungs- und Tabellenverzeichnis
II. Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Nachhaltigkeitskurve nach Lietaer Seite
Abb. 2: Nervenbahnen im menschlichen Gehirn Seite
Abb. 3: Entwicklung Hauptstrukturachsen Curitiba von 1974 bis 2009 Seite
Abb. 4: Logik und zugrunde liegende Prämissen Lerners Seite
Abb. 5: Philosophie der Stadtplanung von IPPUC Seite
Abb. 6: Organigramm Curitiba Seite
Abb. 7: Totalmodell Curitiba Seite
Abb. 8: Trinäres Straßensystem Curitiba Seite
Abb. 9: BRT Flotte Curitiba 2011 Seite
Abb. 10: Modell top-down Führung Seite
Abb. 11: Modell bottom-up Führung Seite
Abb. 12: Curitibas Kette positiver Verstärkungen Seite
Abb. 13: Führungstriade Seite
Abb. 14: Totalmodell dieser Arbeit - Implikationen für Manager Seite
Abb. 15: Nachhaltigkeitskurve Lietaer mit Totalmodell dieser Arbeit Seite
Abb. 16: Profil von Curitiba Seite
Abb. 17: Sozioökonomische Indikatoren Curitiba 2010 Seite
Abb. 18: Timeline Curitiba Seite
Abb. 19: Lerners Turtle-Metapher Seite
Abb. 20: Entwicklung Plan Curitiba von 1943 bis 2004 Seite
MA -Arbeit Hartmann
III. Abkürzungsverzeichnis VI
III. Abkürzungsverzeichnis
Abb. Abbildung akt. aktualisierte Anm. Anmerkung Aufl. Auflage Ausg. Ausgabe AVL available bras. brasilianisch BRT Bus Rapid Transit bsph. beispielhaft BSC Balanced Scorecard bspw. beispielsweise BWL Betriebswirtschaftslehre bzgl. bezüglich bzw. beziehungsweise ca. zirka CIC Cidade Industrial de Curitiba d. h. das heißt ed. Edition ehem. ehemaliger engl. Englisch erw. erweitere et al. und andere ff. fortfolgende (mehre Seiten) Fávela Elendsviertel Brasiliens, Slums
III. Abkürzungsverzeichnis VII
FDP Freie Demokratische Partei (die Liberalen) FIFA Fédération Internationale de Football Association ggf. gegebenenfalls gr. griechisch HBM Harvard Business Manager HDv Heeresdienstvorschrift der Bundeswehr HQL höhere Qualität der Lösung Hrsg. Herausgeber IBGE Instituto Brasileiro de Georgrafia e Estatística IPPUC Instituto de Pesquisa e Planejamento Urbano de Curitiba i. S. im Sinne i. V. m. in Verbindung mit Jg. Jahrgang Kfz Kraftfahrzeug km/h Kilometer pro Stunde lat. lateinisch Min. Minute Mio. Million o. A. ohne Autor o. S. ohne Seite o. V. ohne Verlag port. Portugiesisch PPP Public Private Partnership QM Qualitätsmanagement rev. revised RMC Região Metropolitana de Curitiba
III. Abkürzungsverzeichnis VIII
S. Seite SERETE Gesellschaft für Studien und Projekte SGO Schweizerische Gesellschaft für Organisation und Management SME Secretaría Municipal de Educação SMMA Secretaría Municipal de Meio Ambiente sog. sogenannt TBL Triple Bottom Line TED Technology, Entertainment, Design u. und u. a. unter anderem überarb. überarbeitete UIA União Internacional de Arquitetos URBS Companhia de Urbanisação URL Uniform Ressource Locator UNO United Nations Organisation UNFPA United Nations Populations Fund upd. updated usw. und so weiter u. U. unter Umständen u. v. m. und vieles mehr vgl. vergleiche vs. versus WM Weltmeisterschaft z. B. zum Beispiel zfo Zeitschrift Führung und Organisation zw. zwischen
1. Einleitung 1
1 Einleitende Betrachtung
Die Einwohner Curitibas, der Hauptstadt von Paraná in Südbrasilien, sind der Überzeugung, dass sie in der besten Stadt der Welt leben - dies wird auch von vielen Experten bestätigt. Das obige Statement von Charles LEADBEATER 1 , einer der populärsten britischen Trendforscher und top Managementdenker der Welt, bestätigt und unterstreicht eindrucksvoll, was die Curitibanos bereits Jahrzehnte vorleben: Curitiba ist eine der kreativsten und zeitgleich effizientesten Städte der Welt. Doch was macht diese Stadt so einzigartig und erfolgreich?
Curitiba hat für viele Probleme viele Lösungen gefunden: Man hatte z. B. infrastrukturell sowie finanziell nicht die Möglichkeit, eine klassische U-Bahn zu bauen. Stattdessen realisierte man eine „U-Bahn ohne U und ohne Bahn“ 2 . Was sollte das sein? Es handelte sich um ein oberirdisch angelegtes, auf festgelegten Trassen operierendes Bussystem mit der Leistungsfähigkeit einer konventionellen U-Bahn. „Damit konnte man die Attraktivität des öffentlichen Verkehrs so dramatisch steigern, dass in dieser Megacity die Verkehrsprobleme gelöst werden konnten.“ 3 Es gibt mittlerweile über 35 solcher kreativen Lösungen in Curitiba, von denen in dieser Arbeit (Kapitel 2.3) nur einige Ausgewählte erörtert werden sollen: BRT, Lixo que não é lixo, Faróis do Saber.
1990 hat LERNER den „United Nations Environmental Award“ für seine Stadt gewonnen 4 , 1992 erkannte die UNO Curitiba sogar offiziell den Status als „beispielhafte ökologische Stadt“ an. 5 1996 wurde Curitiba von internationalen Städteplanern zur „innovativesten
1 Grötker 2007, S. 65. Das Statement stammt aus einem Interview der wirtschaftspopulären Zeitschrift „brandeins“. Als anerkannter Experte und Regierungsberater sowie Träger des „David Watt Prize“ gilt Leadbeater als einer der Renommiertesten in seinem Fach. (vgl. Leadbeater 2008, URL Homepage)
2 Vgl. Wüthrich / Osmetz / Philipp 2002, S. 77. In dem Kapitel 3 zeigen sie Impulse aus Curitiba auf und leisten somit einen wertvollen Transfer für das Management.
3 Dunskus 2008, o. S. URL verfügbar. Prof. Wüthrich beschreibt im Gespräch mit dem BR ein zugegebener Maßen paradox klingendes Bustransportsystem, was zwar an die Leistung einer konventionellen U-Bahn (etwa die in London) heran kommt, jedoch oberirdisch mit Bussen operiert - daher als U-Bahn ohne U-Bahn bezeichnet wird.
4 Vgl. Goerdeler 2005, S. 65.
5 Vgl. Lietaer 2002, S. 323.
1. Einleitung 2
Stadt der Welt“ gewählt. 6 2009 betitelte die Zeitschrift „Forbes“ Curitiba als „smarteste Stadt des Planeten“. 7 2010 wurde Curitiba unter Regie von Beto Richa mit dem „Sustainable Transport Award“ in Washington durch das Institute for Transportation and Development Policy (kurz: ITDP) [Institut für Transport und Entwicklung] ausgezeichnet. 8 Darüber hinaus gewann Curitiba im selben Jahr noch den Preis der „Globe Award Sustainable City“ 9 In einem Auszug der Motivation der Jury (Jan STURESSON, Jurymitglied und international anerkannter Experte) hieß es:
“The City of Curitiba shows maturity in their understanding of sustainable city development
- both regarding policy and implementation. The holistic approach is well framed and managed in order to create a strong and healthy community, integrating the environmental dimension with other dimensions like intellectual, cultural, economic and social." 10
Im selben Jahr wurde Curitiba zur grünsten Stadt Lateinamerikas ernannt. 11 Auch unter ökonomischen Gesichtspunkten erkannte eine der zentralen Wirtschaftszeitschriften des Landes, der „Exame“ (vergleichbar mit „FTD“ - Financial Times Deutschland), Curitiba mehrfach den Titel als „Stadt, wo man die besten Geschäfte machen kann“ an. 12 Dies bestätigt auch das Magazin „Veja“, welches Curitiba in seiner „O Melhor do Brasil: Guia 2007“ 13 [Das Beste
6 Vgl. Brülisauer 2008, S. 6.
7 Vgl. Kotkin 2009, URL Homepage von Forbes. Dabei handelt es sich um eines der einflussreichsten Wirtschaftsmagazine der Welt. Näheres zum Titel „smarteste Stadt der Welt“ wird in der Einleitung des Kapitels 2 dargestellt.
8 Vgl. Thomaz 2010, URL verfügbar i. V. m. Gazeta do Povo 2010, URL verfügbar. Die „Gazeta do Povo“ [Zeitung fürs Volk] ist die regionale und meistgelesene Zeitung im Großraum Curitiba und Paraná. Interessant sind neben der Anzeige auch die Kommentare der Curitibanos. Sie reklamieren über diese Auszeichnung, weil Curitiba damit eher die Politiker in deren Image unterstützt als der Stadt wirklich zu helfen. Die Radfahrer klagen weitgehend über mangelnde Akzeptanz und Respekt gegenüber den Kraftfahrern, endlose Baustellen, usw. Carlos, einer der Kommentatoren dort, geht sogar so weit zu behaupten, dass es auf dieser Welt weitaus entwickeltere Städte gibt als Curitiba und zweifelt die Auszeichnung an. Ein anderer wiederum streitet gar nicht ab, dass Curitiba kein „Meer aus Rosen“ sei, steht aber stolz zu seiner Stadt. Das bestätigt auch Alvo W. im Interview (vgl. Anhang Nr. 5, [39:00 bis 40:54 Min.]). Die Familie W. wurde am Sonntag vor den offiziellen Besuchen bei der IPPUC, SMMA sowie Lerner interviewt. Die Intention des Autors bestand darin, neben der offiziellen, eher top-down geprägten Perspektive ebenso einen Einblick in die bottom-up Perspektiven zu gewinnen. Der Curitibano als Nutzer bzw. Empfänger sämtlicher Maßnahmen mag möglichweise eine ganz andere Sicht auf das Thema haben als bspw. Mauro Magnabosco, 1993 Präsident der IPPUC.
9 Vgl. Globe Award 2010, URL verfügbar. Diese Auszeichnung wurde erst zum zweiten Mal verliehen und steht für Städte, die besonders nachhaltig Städteentwicklung betreiben.
10 Globe Award 2010, o. S. URL verfügbar.
11 Vgl. Artikel aus Wirtschaftszeitschrift „Exame“ 2010, URL verfügbar.
12 Vgl. Artikel aus „ParanáOnline“ 2010, URL verfügbar.
13 Vgl. Veja 2007, URL verfügbar i. V. m. Gazeta do Povo 2008, URL verfügbar. Unter dem Titel “Veja Curitiba: A melhor do Brasil” [Schau an Curitiba: Das Beste in Brasilien] wurde die Stadt für 2008 / 09 als beste Stadt Bra-
1. Einleitung 3
aus Brasilien: Der Guide 2007] zum wiederholten Mal als „attraktivste Stadt für Business“ in Brasilien gewählt hat. Durch die hier aufgezeigte ökonomische Attraktivität sind die Investitionen durch „Global Players“ wie Bosch, Kraft Foods, Volkswagen AG, etc. in Curitiba im Ergebnis bedeutend gestiegen.
In Bezug auf das Image der Stadt wird schnell erkennbar, dass Curitiba über seine Bundes-und Landesgrenzen hinweg weltweit als eine der fortschrittlichsten und vielfach als Referenzstadt hergenommenen Vorzeigebeispiele gilt. 14 RABINOVITCH / LEITMAN bringen es mit diesem Zitat auf den Punkt:
„No other city has precisely the combination of geographic, economic, and political conditions that mark Curitiba. Nevertheless, its successes can serve as lessons for urban planners in both the industrial and the developing worlds.” 15
Diese Liste nationaler sowie internationaler Auszeichnungen ließe sich vermutlich beliebig weiterführen, was den Sinn und Zweck dieser Arbeit jedoch verfehlen würde. Vielmehr stellt sich doch die Frage, wie Curitiba dazu gekommen ist, derart beispielhaft und langfristig in den globalen Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Der Fokus der Untersuchung soll ganz speziell auf dem Spannungsfeld von individueller und kollektiver Führung liegen, wie es der Titel dieser Arbeit auch suggeriert.
Curitiba ist sowohl von der geografischen Lage wie auch von seiner Geschichte so gewöhnlich wie jede andere brasilianische Stadt auch. LERNER sagte 2004 in einem Interview mit HEUWING:
„Our city isn´t a paradise. We have all the problems that the other big cities in Brazil have: we have slums, we have low income people, and we have street children. But there is one [big] difference: it is the respect given to the people. […] My solution is respect. And if you offer respect to the citizens they will have an attachment to the city and a feeling of coresponsibility. This explains something about the difference to other cities.“ 16
siliens gewählt. Man könnte ergänzend bemerken, dass der Begriff sowie die gleichnamige Zeitschrift „Veja“ auf por. soviel wie Schau hin / Sieh es dir an bedeutet.
14 Vgl. Samek 1996, S.11.
15 Rabinovitch / Leitmann 1996, S. 45.
16 Heuwing 2007, Anhang S. B-53. In diesem Interview äußerte sich Jaime Lerner über den entgegengebrachten Respekt, welchen er als Kernelement einer funktionierenden Stadt identifiziert und hervorhebt.
1. Einleitung 4
Vielleicht mag gerade diese respektvolle und wertschätzende Haltung gegenüber den Bürgern der entscheidende Punkt sein, warum Curitiba eine Stadt wie keine Andere ist. Möglicherweise meinte LEADBEATER dies auch u. a., als er von den „[…] ganz grundlegenden Dingen des Lebens“ 17 sprach.
Städte und Unternehmen mögen sich in vielerlei Hinsicht ähneln. Besonders deutlich wird dies bspw., betrachtet man den Guia do Investidor 18 [Leitfaden für den Investor]. Der jährlich veröffentlichte Geschäftsbericht der Stadt Curitiba, welcher neben Eckdaten über Einwohner, Migration, Soziales, usw. insbesondere auch mit speziellen Fokus den ökonomische Aspekt beinhaltet, zeigt sehr deutlich, dass durchaus Parallelen zwischen einem Unternehmen und einer Stadt wie Curitiba bestehen. Ferner handelt es sich bei Beiden um soziale Systeme, in welchem Menschen miteinander in Interaktion stehen und die häufig jeweils von einem Bürgermeister oder Manager geführt werden. Diesen Vergleich stellt auch WÜTHRICH / OS-METZ 19 in deren „Fallstudie Curitiba“ an. Wenn es also offenbar eine knapp 2 Mio.-Einwohner-Stadt wie Curitiba erfolgreich zu meistern scheint, warum dann nicht auch ein Unternehmen mit 500 oder mehr Mitarbeitern?
Doch was lässt sich aktuell in deutschen Unternehmen beobachten?
Das GALLUP-Institut misst seit 2001 jährlich das Engagement von Mitarbeitern an deren Arbeitsplatz. Im Rahmen des sog. „Q12® GALLUP Engagement Index“ wird ein Zufriedenheits-portrait erstellt. Leider zeichnet sich mit leichten Abweichungen nahezu jedes Jahr folgendes Bild ab: Aus 1.920 befragten Mitarbeitern deutscher Konzerne verspüren 2010 etwa 87 Prozent keine echte Verpflichtung mehr gegenüber ihrer Arbeit und sogar knapp 66 Prozent gaben an, nur noch Dienst nach Vorschrift zu machen. Ferner waren nur 25 Prozent der Mitarbeiter der Überzeugung, bei der Arbeit mit einbezogen zu werden. 20
17 Grötker 2007, S. 65.
18 Vgl. Agência Curitiba de Desenvolvimento S / A 2010. Der im Titel verankerte Guia do Investidor lässt deutlich eine Analogie zu einem konventionellen Geschäftsbericht vermuten. Es handelt sich um ein Projekt, welches mit der 2007er Ausgabe eingeleitet wurde. Die Berichte aus 2008 und 2009 heben des Aspekt Curitibas als ökonomisch attraktive Stadt für Investition besonders deutlich hervor. Näheres zu diesem Geschäftsbericht ist im Anhang Nr. 1 unter dem Titel „Sozioökonomische Rahmenbedingung“ ergänzend vertieft worden.
19 Vgl. Wüthrich / Osmetz 2011, URL verfügbar.
20 vgl. Nink 2009, S. 30. Diese jährliche GALLUP-Studie (hier: Nink 2011, URL verfügbar.) macht deutlich, dass es so, wie bisher in [nicht ausschließlich] deutschen Unternehmen lief, nicht weiter gehen kann. Die Mitarbeiter verfallen regelrecht in die standardisierten und vor allem ressourcenorientierten Denkweisen der Unternehmen und verzichten dabei zusehends gänzlich auf ihre eigene Potenzialentfaltung am Arbeitsplatz oder darüber hinaus. Auch in der Neurobiologie ist man auf diesen Punkt aufmerksam geworden. (vgl. Hüther 2009, URL verfügbar.)
1. Einleitung 5
1.1 Problemstellung
Angelehnt, wenngleich leicht modifiziert, soll das Problem dieser Arbeit mit dem Modell von Bernard LIETAER aufbereitet werden. Als renommierter, belgischer Finanzexperte, Professor und Mitbegründer des Euro, hat er - aus der Biologie - abgeleitet festgestellt, dass sich Systeme mit erschreckender Tendenz stark in Richtung Effizienz entwickeln. Er prognostizierte den Zusammenbruch des Bankensystems im Zuge der Finanzkrise, welcher letztlich die Weltwirtschaftskrise 2009 / 10 folgte.
Betrachtet man sein Modell etwas genauer, so stellte LIETAER fest, dass „[...] ein zu hoher Grad an Effizienz eines Systems gleichzeitig seine Instabilität steigert. Das ist es, was wir jetzt erleben.“ 21 Die aus der Biologie gewonnene Erkenntnis lässt sich auf jedes beliebige System übertragen, also auch jenes einer Unternehmung. Die Natur sucht stets die optimale Balance zwischen den Polen der Belastbarkeit und Effizienz. In einer Grafik (vgl. Abb. 1 22 ) zeigt LIETA-ER auf, dass „[…] ein System etwa
doppelt so belastbar sein muss wie effizient, wenn es dauerhaft lebensfähig sein will.“ 23 Als lebensfähig gelten i. S. LIETAERs diejenigen Systeme, welche sich in einem engen Rahmen um das Optimum herum bewegen, dem
sog. Vitalitätsfenster. Aus diesem Grund liegt dies in der Grafik nicht in der Mitte, sondern links - in Abb. 1: Nachhaltigkeitskurve nach Lietaer
Richtung Belastbarkeit verschoben. In der Folge impliziert dies für die Nachhaltigkeit eines Systems ein scheinbar ausbalanciertes Verhältnis aus einem Drittel Effizienz und zwei Dritteln Belastbarkeit / Robustheit - wie es in dieser Arbeit in Bezug auf das Erfolgsbeispiel Curitibas mit seinen zahlreichen Innovationen sowie individuellen Akteuren und kollektiven Insti-
21 Gründler2009, S. 156. In einem Interview mit dem populär-wissenschaftlichen Magazin „brandeins“ legt Bernard Lietaer im Januar 2009 seine Perspektive von Effizienz in Bezug auf die Ursachen der aktuellen Finanzkrise offen. Die Instabilität mag für diese Arbeit das ferner dargestellte Führungsproblem darstellen.
22 vgl. Gründler 2009, S. 157. Die Abbildung 1 ist an den Artikel angelehnt und zeigt einen natürlichen Zusammenhang zwischen Belastbarkeit und Effizienz.
23 Gründler 2009, S. 159.
1. Einleitung 6
tutionen aufgezeigt werden soll. 24
Die zugrundeliegende Problemstellung dieser Arbeit leitet sich aus einem nur allzu häufig beobachtbaren, klassischen Führungsdogma ab. 25 Das Verständnis und die daraus beobachtbare Haltung von Führung entwickelt sich dabei stark in eine Richtung - angelehnt an die Abb. 1 i. S. von LIETAER die der Effizienz und meist individuell geprägten Führung. Da Zufriedenheit und Engagement als das Ergebnis von einer Führungsleistung interpretiert werden können, bestätigt dies wohl auch der einleitend angeführte GALLUP-Index. Statt eine „Sowohl-als-auch“-Logik anzustreben und somit eine natürliche Balance beider Pole zu gewährleisten, wird zusehends im „Entweder-oder“-Modus operiert. 26 Doch was ist damit gemeint?
Es lässt sich in Unternehmen beobachten, wie Manager oftmals rigide, streng top-down führen - oft individuell und einseitig statt kollektiv und vielseitig. Dabei versuchen sie stets, Prozesse, Abläufe sowie Strukturen planerisch standardisiert zu strukturieren und effizienter zu gestalten. 27 Es wird geplant, organisiert und vorbereitet, weniger hingegen vertraut, empowert und dialogisiert. 28 Sicherlich nicht zuletzt angetrieben durch den scharfen Wettbewerb und die wachsende Komplexität der Umwelt 29 , zwingt das Effizienzstreben die Führungskräfte bzw. Manager reflexartig in ein eher individuelles, klassisches Rollenverständnis von Führung zu verfallen. 30 Der Rückgriff auf bewährte Automatismen, etwa Führungsmus-
24 Zumindesthat der Autor diese Arbeitshypothese aufgestellt, die es im Verlauf der Arbeit zu beweisen, spätestens jedoch im Kapitel 5 aufzulösen gilt.
25 Wüthrich / Osmetz / Kaduk 2009, S. 19 ff. In dem Musterbrecher beschreiben sie „Die sieben glorreichen Führungsmuster“, welche implizit ein unreflektiertes Dogma von klassischer Führung charakterisieren. Demzufolge muss Führung (1) steuern, (2) kontrollieren, (3) standardisieren, (4) rational entscheiden, (5) den kurzfristigen Erfolg suchen, (6) beschleunigen und (7) sich an Rahmenbedingungen orientieren. Eine nähere kritische Betrachtung soll in Kapitel 5 erfolgen. In dem Buch unterliegen diese aufgezählten Führungsparadigmen einem „radikalen Musterbruch“ und werden grundlegend neu überdacht.
26 Damit sei eine Denkhaltung gemeint, die sich nicht unreflektiert und nahezu fahrlässig kategorisch auf eine Sache versteift, sondern mehrere Aspekte berücksichtigt und akzeptiert. Wüthrich / Osmetz / Kaduk (2006, S. 66) etwa suggerieren sogar eine Abkehr vom Dualismus des „Entweder-oder“.
27 Vgl. Laudenbach 2008, Artikel aus der „brandeins“ mit dem Titel „Der Tödliche Cocktail“. Ebenso bestätigt die einschlägige Literatur diese Beobachtung. So beschreibt Hakelmacher (2010, S. 19 ff.) in seinem Buch „Topmanager sind einsame Spitze. Höhenflüge in dünner Luft“ Manager etwa als monologführende, hierarchisierte Spitzenkräfte, ohne die nichts funktionieren würde. Ferner legt ein Handbuch für Controlling (vgl. Weber 2008, S. 37 ff.) nahe, dass die zentrale Herausforderung an den Manager darin besteht, stetig Strukturen, Prozessen und Abläufe zu optimieren - also auf den Punkt gebracht nach Effizienz zu streben.
28 Vgl. Anhang Nr. 11, Interview mit Lerner [01:22 bis 03:44 Min.]. Lerner kritisiert den Systemfehler heutiger Bildungseinrichtungen, immer nur nach Antworten und Lösungen zu suchen. Ferner hebt er kritisch hervor, dass die heutige Gesellschaft zu oft zu viele Pläne macht, vorbereitet, Studien zusammenstellt, etc. und weniger handelt. „Manchmal muss man einfach loslegen.“ [03:40 Min.]
29 vgl. Hamel 2008, S. 26.
30 Im Grunde genommen besteht das fatale und überalterte Verständnis von Führung darin, Macht auf Unterstellte in stark hierarchisch strukturierten Organisationen auszuüben und dabei möglichst im Detail vorzuge-
1. Einleitung 7
ter, scheint dabei oft die einzige Option zu sein. 31
So verwundert es wenig, wenn in der Konsequenz die systemische Belastbarkeit eines Unternehmens verdrängt und zunehmend durch monotone, nahezu verfängliche Effizienz ersetzt wird. 32 Dies geschieht in der Konsequenz oft durch streng individuell ausgelegte Führung. Der Manager steuert und kontrolliert doch eher selbst, als dass er seine Mitarbeiter am Führungsprozess partizipieren oder sich gar von ihnen führen lässt. In Curitiba mag Letzteres zutreffen, was sich im späteren Verlauf dieser Arbeit noch näher beobachten lassen wird. Das Dogma einer klassischen Führungshaltung jedoch hält flächendeckend Einzug in die globalisierte Unternehmenslandschaft, dabei in Kauf nehmend, das verfügbare Potenzial und seine kollektive Intelligenz verfallen zu lassen.
Doch nun mag man sich fragen, welchen Bezug Führung zu LIETAERs Modell hat.
Oftmals treffen einzelne Führungskräfte, etwa Manager oder Vorstände, wichtige Entscheidungen. Diese Entscheidungen sind häufig auf Effizienz ausgerichtet und bewirken oft das Streben nach kurzfristigen Erfolgen. 33 Dies lässt sich an der Tendenz im roten Pfeil der Abb. 1 34 nachvollziehen. Eine wie in der Natur vorherrschende natürliche Balance beider gegenläufiger Pole mag im Management weniger beobachtet werden können: Entweder wird individuell top-down geführt oder man lässt kollektiv bottom-up führen. Dies unterstreicht die hinführend angemerkte „Entweder-oder“-Haltung von Managern. Der bereits kritisch dargelegte, effizienzgeprägte, autistische 35 Umgang in Organisationen lässt offenbar keine natürli-
ben,wie eine Aufgabe bearbeitet werden soll, um somit dem Mitarbeiter möglichst wenig Spielraum für Abweichungen zu ermöglichen. (Neubauer / Rosemann 2006, S. 42 ff.)
31 In Anlehnung an Wüthrich / Osmetz / Kaduk 2009, S. 14 ff.
32 Das nahezu autistische Streben nach Effizienz erzeugt eine gewisse Betriebsblindheit, ein Scheuklappendenken im Unternehmen, was den von Lietaer suggerierten komplementären Pol der Belastbarkeit/ Robustheit anbelangt. Doch statt die umweltbedingten Signale wahrzunehmen (bspw. die Finanzkrise), wird immer mehr „mit dem Autopiloten [der Effizienz] ins Unwetter“ (Wüthrich / Osmetz / Kaduk 2009, S. 25) gesteuert. Erscheint es für einen objektiven Dritten offensichtlich, so lähmen unternehmensinterne Strukturen und Prozesse zunehmend diese Wahrnehmung: Eine erschreckende Entwicklung wie sie im Folgenden beschrieben wird. Die im Kapitel 3 (Anm. 269) verwendete, an Wüthrich / Osmetz / Kaduk (2009, S. 257-267) angelehnte, Formulierung eines „alltäglichen Wahnsinns“ dürfte ebenfalls diese Entwicklung meinen. Sämtliche Begrifflichkeiten, wie bspw. „Effizienz“, „Belastbarkeit“ bzw. „Robustheit“, sowie „System“, usw. werden in den Kapiteln 3 und 4 ausführlicher dargelegt.
33 Gründler 2009, S. 157. Das meint i. S. v. Lietaer die permanente Optimierung sämtlicher Abläufe und Informations-, Material- und Personalflüsse. Der Treiber besteht oft in monetären Größen wie Renditen, Gewinnen, etc. Vgl. ferner die obige Anm. 27.
34 Diese Abbildung stammt aus Gründler 2009, S. 159. Unter dem Titel „Erhöhte Unfallgefahr“ offenbart Lietaer in seinem Beitrag des populär-ökonomischen Magazins „brandeins“ ein ökonomisches Effizienzproblem.
35 An dieser Stelle sei auf eine aktuelle Untersuchung zu dem beobachtbaren Phänomen von „Autismus im Management“ verwiesen, die der Autor mitunter selbst gerade schreibt. Autismus ist per Definition medizi-
1. Einleitung 8
che Regulation zu - was der Belastbarkeit zunehmend ihre Existenz kostet. Das abgebildete „Vitalitätsfenster“ der Grafik markiert eine suggerierte optimale Balance, von welcher das Management jedoch noch weit entfernt zu sein scheint. Curitiba hingegen mag nahe an dieser Balance liegen, was diverse Gründe und Treiber zu haben scheint. 36 Der Dreiklang aus den Polen individueller bzw. kollektiver Führung, Effizienz bzw. Belastbarkeit / Robustheit sowie einer Arbeit [im] bzw. [am] System kann schließlich als Modifikation bzw. interpretative Ergänzung von LIETAERs Modell betrachtet werden und soll für diese Arbeit als Grundlage dienen. Ein definitorischer Abholpunkt für den Leser, was sämtliche bislang verwendeten Begriffe anbelangt, findet sich in den Kapiteln 3 und 4 wieder.
Die Finanzkrise mag ein repräsentatives Ergebnis aus das übermäßige Effizienzdenken sowie -streben von Menschen darstellen, Systeme immer noch rational effizienter zu gestalten und dabei die Belastbarkeit zunehmend auszublenden. Durch das Zulassen von mehr Vielfalt und einen höheren Grad an Vernetzungen, so schlägt LIETAER vor, könnte ein Weg zurück in den wünschenswerten Korridor des Vitalitätsfensters der Abb. 1 geebnet werden. 37 Jaime LERNER mag in seiner Führungshaltung mit Curitiba diesen Weg verfolgt haben. Dieses in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens beobachtbare durch individuelle Führung verursachte Effizienzproblem führt in einen Teufelskreislauf hinein, was der rote Pfeil in der Abb. 1 bestätigt, aus dem es zunehmend schwieriger wird, sich wieder zu befreien - darum besteht aus der Perspektive dieser Arbeit ein dringender Handlungsbedarf.
Es sei an dieser Stelle ausdrücklich darauf verwiesen, dass es sich hier um literaturgestützte, teilweise subjektive Beobachtungen handelt, die keinesfalls auf jeden Manager gleichermaßen zutreffen mögen. Es lässt aus der Perspektive dieser Arbeit jedoch in der Tendenz ein Bild über Führung beobachten, welches in der Problemstellung dargestellt wurde.
LIETAER hat sein Modell der Nachhaltigkeitskurve aus der Biologie transferiert - was legitimer Weise den Einspruch einer Diskussion über die Grenzen der Übertragbarkeit von Modellen zulässt. Wie nun bereits erörtert, geht er von einem natürlichen System aus, etwa einem fließenden Gewässer oder einem Wald. Wie eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem
nisch betrachtet eine Entwicklungsstörung. Die ersten Ergebnisse des Aufsatzes lassen vermuten, dass sich Manager, getrieben durch den Umgang mit Komplexität mittels reduzierender Maßnahmen (Homo Oeconomicus, Triviale Maschine, Rationalität), eine falsch interpretierte Sicherheit aufbauen und sich somit selbst in einen „autistischen Käfig der BWL“ einsperren lassen.
36 Vgl. Kapitel 2.2 sowie 2.3. Dort findet sich ein detaillierter Aufschluss über Curitibas Erfolgstreiber.
37 vgl. Gründler 2009, S. 159.
1. Einleitung 9
systemischen Begriff im Kapitel 3 zeigen wird, kann an dieser Stelle und für diese Arbeit vorweggreifend auch ein Unternehmen darunter verstanden werden. Dennoch bleibt bewusst, dass es an der einen oder anderen Stelle dieser Arbeit nicht zu einem vollständigen Transfer kommen kann. Nichts desto trotz soll LIETAERs Modell als Grundlage für die weiterführenden Erkenntnisse innerhalb dieser Arbeit verwendet werden.
Es mag sich nun möglicherweise die Frage aufdrängen, was LIETAERs Modell sowie die bisherigen Ausführungen zu Führung bzw. seinem beobachteten Spannungsfeld mit dem Kontext einer Großstadt Curitibas verbindet.
1.2 Zielsetzung
Die Zielsetzung dieser Arbeit ist es, wertvolle Implikationen aus dem Erfolgsbeispiel der südbrasilianischen Metropole Curitiba für das Management herauszuarbeiten. Unter Berücksichtigung theoretischer sowie praktischer Grundlagen 38 sollen daraus unmittelbar abgeleitete Lehren für Manager und Führungskräfte gezogen werden.
Im engeren Sinne wird das Ziel verfolgt, Curitiba anhand operativer Erfolgserlebnisse und -beispiele im Spannungsfeld zwischen individueller und kollektiver Führung zu verorten und zu bewerten. Das modifizierte Modell von LIETAER soll dabei als Grundlage herangezogen und verwendet werden. Da das Spannungsfeld aus individueller und kollektiver Führung in der Literatur bislang nur wenig untersucht wurde, setzt sich diese Arbeit ferner implizit das Ziel, zu diesem Aspekt von Führung weitere Erkenntnisse zu gewinnen.
1.3 Vorgehen
Diese Arbeit gliedert sich in drei grundsätzliche Themenblöcke: Zum Einen in den über die südbrasilianische Großstadt Curitiba (Kapitel 2), zum Anderen in den der theoretischen Grundlagen, speziell in Bezug auf Führung - insbesondere Individueller (Kapitel 3) und Kollektiver (Kapitel 4) - und letztlich in den eines Transfers der Erkenntnisse aus Curitiba für das Management (Kapitel 5).
Im Kapitel 2 wird Curitiba vorgestellt. Als Grundlage weiterführender Diskussionen soll in
38 Etwa Modelle und Ansätze aus der Literatur sowie Interviews und Beobachtungen aus Curitiba selbst.
1. Einleitung 10
diesem Kapitel ein praxisorientierter Grundstein gelegt werden. Während sich dieses Kapitel in drei Abschnitte gliedert, liefert der Anhang (Nr. 1 und 2) Zusatzinformationen: Nr. 1 stellt die notwendigen soziökonomischen Eckdaten von Curitiba zusammen, während Nr. 2 einen knappen historischen Abriss mit Fokus auf den Agache-Plan sowie dem weiterführenden Master-Plan liefert. Nach einer Einführung zum Kapitel 2 soll der Abschnitt 2.1 das Problem der Urbanisierung als Rechtfertigung für die in Curitiba augenscheinlich erfolgreich praktizierte Städteplanung beschreiben. Die anderen beiden Abschnitte liefern letztlich den praktischen Diskussionsstoff für die weiterführende Arbeit: Während der Abschnitt 2.2 potenzielle Treiber (personell, institutionell sowie kollektiv) einer implizit beobachtbaren Logik in Curitiba sowie dessen zugrundeliegenden Prämissen offenlegt und vorgreifend evaluiert, werden im Abschnitt 2.3 drei operative Erfolgsbeispiele (BRT, Lixo que não é lixo sowie Faróis do Saber) herausgestellt und beschrieben. Die zentralsten Punkte werden im Abschnitt 2.4 letztlich festgehalten.
Im Kapitel 3 steht die individuell, eher effizienzgeprägte Führung unter dem Titel „Arbeit [im] System“ im Fokus. Wie sich später noch herausstellen soll, kann eine top-down Führung oftmals auch als eine Arbeit [im] System verstanden werden. Dazu wird im Abschnitt 3.1 der Begriff Führung im Allgemeinen, individuell bzw. top-down im Speziellen vorgestellt und in der einschlägigen Literatur verankert. Anschließend wird sich im Abschnitt 3.2 mit dem Begriff „Effizienz“ näher auseinandergesetzt, um das Verständnis für LIETAERs Ausführungen zu schärfen. Der Abschnitt 3.3 soll die in diesem Kapitel hervorgegangenen Erkenntnisse mittels Curitiba praktisch illustrieren. Letztlich werden im Abschnitt 3.4 die essentiellen Ergebnisse zusammengefasst.
Im Kapitel 4 wiederum liegt der Fokus auf der kollektiven, eher robustheitsgeprägten Führung. Unter dem Titel „Arbeit [am] System“ soll die Belastbarkeit / Robustheit kollektiver Führung untersucht werden. Der Abschnitt 4.1 verankert dazu die zu Abschnitt 3.1 ergänzenden Grundlagen kollektiver, oder auch bottom-up Führung. Anschließend werden im Abschnitt 4.2 die an LIETAER angelehnten, zum Verständnis seines in der Einleitung beschriebenen Modells notwendigen Begriffe „Belastbarkeit“ und „Robustheit“ näher erörtert. Der Abschnitt 4.3 soll abschließend die gewonnenen Ergebnisse versuchen, unter Zuhilfenahme operativer Erfolgsbeispiele in Curitiba zu illustrieren. Die essentiellen Punkte werden letztlich erneut im Abschnitt 4.4 zusammengetragen.
1. Einleitung 11
Im Kapitel 5 sollen schlussendlich die Ergebnisse aus Kapitel 3 und 4 unter Berücksichtigung der praktischen Erkenntnisse über Curitiba im Kapitel 2 zusammengeführt werden. Dabei steht das vermeintliche Spannungsfeld individueller und kollektiver Führung im Fokus der Betrachtung. Zunächst werden beide Führungsverständnisse zu einer sog. Führungstriade zusammengeführt, um darauf aufbauend Implikationen für Manager herauszuarbeiten. Ein Totalmodell wird letztlich sämtliche Grafiken dieser Arbeit in einen Kontext i. S. einer „Lessons Learned“ bringen.
Abschließend soll im Kapitel 6 eine kritische Reflexion über die erarbeiteten Ergebnisse den Ausstieg aus dieser Arbeit ermöglichen.
Was das methodische Vorgehen anbelangt, so bilden neben einem umfangreichen Desktopresearch, narrative Interviews sowie Beobachtungen vor Ort die Grundlage für die empirische Forschung dieser Arbeit. 39 Sie beruht eher auf einer qualitativen Herangehensweise und versucht eine kritische Auseinandersetzung mit den vorliegenden Materialien zu gewährleiten. Der Autor war im Zeitraum 18. bis 21. Juni 2011 in Curitiba, wo er neben einer umfassenden Besichtigung zahlreicher Parks, sowie Nutzung des BRTs und Kommunikation mit den Curitibanos auch einen kompletten Tag mit zahlreichen Interviews, u. a. mit Mauro MAGNABOSCO (ehem. Präsident der IPPUC), Carlos GUILLEN (leitender Angestellter des SMMA 40 ) sowie Jaime LERNER durchführte (vgl. Anhang Nr. 5-11). 41 Ergänzend bleibt zu bemerken, dass der Autor selbst von 1997-2002 in Curitiba gelebt hat, was die Relevanz der im Verlauf der Arbeit geschilderten Impressionen zum Einen bekräftigt, zum Anderen jedoch aufgrund emotionaler Betroffenheit an vielen Stellen subjektiv erscheinen lässt. Der Desktopresearch hingegen berücksichtigt einen Großteil der bestehenden Literatur zu Curitiba, was im Kontext von Führung in nur geringem Umfang zur Verfügung stand. Dennoch seien Autoren wie CAMPBELL, SUZUKI et al., MACLEOD sowie die Produzenten PIBAL / ROMAUCH für diese Arbeit tragend hervorzuheben.
39 Vgl. Atteslander / Cromm / Grabow 2003, insbesondere S. 79 ff., 215 ff., 158; sowie Girtler 2001, S. 35 ff.
40 Es handelt sich hierbei um das Institut für Umweltangelegenheit der Stadt Curitiba.
41 Vgl. hierzu Anhang Nr. 4. Dort ist die Agenda der Visiten vom 20. Juni 2011 in Curitiba vom Sekretariat für Internationale Beziehungen aufgeführt. Letztlich können die Interviews selbst neben der beigelegten DVD auch im Anhang Nr. 5-11 nachvollzogen und -gelesen werden.
2. Curitiba: A cidade da gente - Ein Erfolgsbeispiel 12
2 Curitiba: A cidade da gente - ein Erfolgsbeispiel
Glaubt man der Aussage von Perikles 42 , einem der führenden Staatsmänner Athens, so determinieren sich Städte wie Curitiba durch die dort lebenden Menschen, genauso wie Unternehmen sich anhand der dort arbeitenden Mitarbeiter charakterisieren, nicht an deren Managern und Vorstandsvorsitzenden. Leider lässt sich in der Realität oftmals das Gegenteil beobachten: Im Zuge von Strategiebildung- und Planungsprozessen rücket gerade diese Mitarbeiter in den Hintergrund - was die Ergebnisse von GALLUP bestätigen mögen. Diese Idee von PERIKLES verfolgt auch HEUWING 43 in ihrer Dissertation zum „Radikalen Wandel“, worin sie im Abschnitt „Integrative Politik“ die Aussage trifft:
„Jede Stadt wird durch ihre Bürger gebildet, sie leben in ihr, sie nutzen die städtischen Einrichtungen, sie müssen die städtischen Verordnungen ertragen, sie bestimmen auch über die Verteilung der politischen Macht.“ 44
Der Mensch scheint also auch hier eine sehr zentrale Rolle einzunehmen, im Speziellenwenn es sich um Kernfragen der Stadtentwicklung und Problemlösung handelt. Insbesondere was das Thema „Macht“ anbelangt, ergeben sich aus dieser humanzentrierten Perspektive einige spannende Überlegungen in Bezug auf Führung, insbesondere die kollektiver oder sogenannter bottom-up Führung 45 , welche im Verlauf der Arbeit zum fundamentalen Ge-genstand werden soll. In Curitiba scheint man die Message von PERIKLES mit dem stadteigenen Slogan „a cidade da gente“ [unsere Stadt] bereits angenommen zu haben und vorzuleben.
Curitiba mag, den in der Einleitung bereits angepriesenen Auszeichnungen zufolge, als eine Stadt zu gelten, die viele Probleme durch einzelne Akteure nachhaltig effizient und zeitgleich robust behandelt zu haben scheint.
42 Zitat aus Radloff 2009, S. 8.
43 Vgl. Heuwing 2007, S. 43 ff. Darin beschreibt sie die „Integrative Politik“ der Stadt, welche sich in Anlehnung an die Stadtplanungsphilosophie der IPPUC durch drei zentrale Säulen kennzeichnet: Mensch, Stadt und Umwelt. Eine nähere Ausführung findet sich im Abschnitt 2.2.2 wieder.
44 Heuwing 2007, S. 43.
45 Im Kapitel 4.1 „Führung [am] System: kollektiv oder bottom-up?“ sollen die hier angestellten Überlegungen von zentraler Bedeutung sein.
„Curitiba hat für viele Probleme Lösungen gefunden, […]. Darüber hinaus werden in Curitiba ständig neue Lösungen und Methoden erarbeitet, um die Zustände weiter zu verbessern.“ 46
Nicht umsonst hat die Zeitschrift „Forbes“ Curitiba 2009, wie in der einleitenden Aufzählung an Auszeichnungen und Reputationen bereits erwähnt, neben Amsterdam, Seattle, Singapur und Monterrey mit unter die „smartesten Städte der Welt“ gewählt. 47 Dabei sei zu betonen, dass „smart“ Städte meint, die eine besonders starke Infrastruktur sowie eine attraktive Wirtschaft besitzen und darüber hinaus über eine besonders ausgeklügelte Städteplanung verfügen. In seiner Vortragsreihe über die mediale Ideenverbreitungsplattform „TED“ 48 geht LERNER auf das sogenannte „hidden Design“ 49 einer Stadt ein. Dabei plädiert er, dass jede Stadt durch ihre individuelle Beschaffenheit (Umwelt, Lage, Ressourcenverfügbarkeit, Klima, usw.) gewisser Maßen das infrastrukturelle Design vorgibt. Ein Städteplaner muss dann die Fähigkeit besitzen, diesen versteckten Plan zu lesen und Veränderungen in der sich im Zeitverlauf ändernden Beschaffenheit zu erkennen und immer wieder von Neuem zu berücksichtigen. LERNER bezeichnet diesen Prozess als „Kunstwerk“ - setzt somit also die Tätigkeit eines Städteplaners bzw. Architekten mit der eines Künstlers auf eine Ebene. 50
In Analogie dazu erscheint die Abbildung 3 51 der infrastrukturellen Entwicklung Curitibas von 1974 bis 2009 der Komplexität eines Gehirns gleichzukommen. Berücksichtigt man die Ausführung der vorangestellten BA-Arbeit vom Juni 2010 mit dem Titel „Was kann Führung/ Management aus der Neurobiologie lernen?“, wird interessanter Weise schnell deutlich, dass ein Gehirn (Abbildung 2 52 ) deutliche Ähnlichkeiten zu der Abb. 3 aufweist. Die Hauptnervenbahnen eines menschlichen Gehirns erinnern stark an die Hauptverkehrsstrukturachsen einer Stadt wie Curitiba im Bsp. der Abb. 3. Im übertragenen Sinne mag man sagen, dass
46 Heuwing 2007, S. 36.
47 Vgl. Kotkin 2009, URL Homepage des „Forbes“ Magazins.
48 Vgl. TED 2011, Homepage. URL verfügbar. Diese „nonprofit“ Organisation TED (= Technology, Entertainment, Design) existiert bereits seit 1984 und hat sich zum Ziel gemacht, Ideen ein Chance zu geben, verbreitet zu werden - was sie mit ihrem Slogan „Ideas worth spreading“ unterstreichen.
49 Vgl. Anhang Nr. 2, Abb. 19. Die Turtle-Metapher nach Lerner spiegelt diese Idee wieder. Sie wird dort auch näher erläutert.
50 Vgl. Anhang Nr. 13, Folie 7 TED Präsentation Lerner. Die Achsen einer Stadt ergeben sich durch ihre natürlichen Einflüsse, und nicht durch von Strategen geplante Strukturen. Dies wird auf der Folie 7 von Lerners Präsentation i. V. m. den obigen Ausführungen deutlich.
51 Vgl. Suzuki / Dastur / Moffatt / Yabuki / Maruyama 2007, S. 172.
52 Vgl. Hüther 2009. Die Abbildung 2 entstammt aus der Vortragsreihe „Gelassenheit - Anregungen für Gehirnbenutzer“ von Gerald Hüther, einem der renommiertesten Neurobiologen und Hirnforscher Deutschlands.
2. Curitiba: A cidade da gente - Ein Erfolgsbeispiel 14
Städte also ähnlich komplex und vielfältig funktionieren wie Ge-
hirne 53 - was die Überlegungen von LERNERs „hidden design“ und die damit einher gehenden Implikation zum Umgang damit an dieser Stelle aus neurobiologischer Sicht unterstützt. Auch erübrigt sich die Frage nach der Komplexität einer Metropole wie Curitiba, wenn man überlegt, dass sie neben den über 26 umliegenden Municípios [Kommunen] aus etwa 75 Stadtvierteln besteht. 54 Ferner unterstreicht dieser interdisziplinäre Exkurs das einleitende Zitat von PERIKLES: Schließlich machen auch nicht die Gehirnareale und Zentren das Gehirn, sondern die einzelnen Nervenzellen und deren Synapsen. 55 In der Realität ist eine Stadt jedoch - ähnlich wie jede andere Organisation auch - eingebettet in eine im rasanten Wandel befindliche Umwelt und komplexe Dynamik. 56 Die Strategie also, Komplexität mit Komplexität zu begegnen, vermag ein sinnvoller Weg zu sein - sofern man in seiner Haltung Vielfalt auch zulässt.
Dirk BAECKER nähert sich der Komplexität auf zwei Wegen: „Man kann versuchen, [Sie] als Problem zu beschreiben, dessen Lösung in bestimmten Formen des Managements zu suchen ist. Und man kann versuchen, Komplexität als Lösung zu beschreiben, dessen Problem erst
53 Die erarbeitete Mindmap (vgl. Anhang Nr. 15) zu dieser Arbeit zeigt eine ähnliche Komplexität auf, was die Vielfalt der Übertragbarkeit zwischen Management und Stadt vermuten lässt.
54 Vgl. Zanini 2005, S. 59. Nähere Ausführungen dazu finden sich im Anhang Nr. 1 wieder.
55 Als Nervenzellen oder Neuronen gelten erregungsbasierte Zellen, welche chemische und elektrische Signale produzieren und über die Synapsen weiterleiten. Synapsen sind also die Verbindungsstücke einzelner Nervenzellen. (vgl. Hüther 2006, S. 63 ff.)
56 Vgl. Pinnow 2005, S. 20 ff.
2. Curitiba: A cidade da gente - Ein Erfolgsbeispiel 15
noch zu finden ist.“ 57 W. Ross ASHBY schlägt in seinem Bestseller „Design for a Brain“ auch eher den zweiten Weg ein und stellt in seinem Gesetz der „requisite variety“ fest, dass man Vielfalt 58 nur mit Vielfalt begegnen kann. 59 Die weiteren Ausführungen zu dieser Arbeit vermögen jene wirtschaftswissenschaftliche Erkenntnis von ASHBY im Verlauf weiter verdeutlichen.
In den nachfolgenden Abschnitten dieses Kapitels 2 soll Curitiba als Hauptstadt Paranás 60 vorgestellt sowie in seinen Facetten aufgezeigt und erörtert werden. Dazu wird im Abschnitt 2.1 mit dem Problem der Urbanisierung die Begründung von der Notwendigkeit nachhaltiger Städteplanung diskutiert. Der Abschnitt 2.2 beleuchtet fortführend die entstandenen Prämissen und Logiken der Stadt bzw. ihrer Bürger - den Curitibanos - näher und hebt maßgebliche Treiber hervor. Eine Evaluation bzgl. des Beitrags zum Erfolgsbeispiel Curitiba soll abschließend im selbigen Abschnitt durchgeführt werden. Der Abschnitt 2.3 vertieft dann drei zentrale, operative Erfolgsbeispiele, welche aus der Logik der IPPUC maßgeblich abgeleitet sind. Im abschließenden Abschnitt 2.4 werden schließlich die grundlegenden Punkte dieses Kapitels zusammengetragen.
2.1 Hinführende Überlegungen (Problem der Urbanisierung als Ausgangslage)
Nach Schätzungen der UNO wird sich die Bevölkerung eines Landes, insbesondere eines Drit-te-Welt-Landes 61 , bis 2030 über 60 Prozent in urbanen 62 Gebieten ansiedeln. 63 Urbanisie-
57 Baecker(in: Ahlemeyer / Königswieser, 1998, S. 21) erörtert den Begriff „Komplexität“ in einem Beitrag zum Buchtitel „Komplexität Managen“.
58 Vielfalt kann in diesem Kontext als Ausfluss von Komplexität verstanden werden und wird in der Literatur häufig als Synonym verwendet. (vgl. Gießmann 2010, S. 32)
59 Vgl. Ashby 1952, S. 207. Ashby gilt als Pionier auf dem Gebiet der Kybernetik, dem Studium komplexer Systeme. Seine beiden Schlüsselwerke „Einführung in die Kybernetik“ und „Design for a Brain“ haben in den Wirtschaftswissenschaften den Grundstein für die Erforschung komplexer Systeme gelegt.
60 Paraná heißt der Bundesstaat, der im Süden Brasiliens lokalisiert ist und westlich am „Dreiländereck“ mit Argentinien und Paraguay angrenzt. Näheres zu Curitiba insgesamt soll der der Anhang Nr. 1 liefern.
61 Dieser Begriff stammt aus der Zeit des Kalten Krieges (Ost-West-Konflikt), wonach sich Länder in Erste, Zweite und Dritte Welt unterteilen ließen. Er soll im Verlauf der Arbeit als Synonym für ein Entwicklungsland verwendet und verstanden werden. (vgl. Wikipedia 2011a, Begriff: „Erste Welt“. URL verfügbar)
62 Urban ist aus dem lat. „urbs“ abgeleitet und meint „städtisch“. Im Übrigen ist dies auch die Bezeichnung der verwaltenden Institution Curitibas für Verkehr und Transport (URBS). Man verwendet diesen Begriff zwar
2. Curitiba: A cidade da gente - Ein Erfolgsbeispiel 16
rung kann als natürlicher Prozess verstanden werden, in welchem Städte aufgrund von Bevölkerungszunahme sowie Migration stark wachsen. 64 Im Speziellen scheint das exponentielle Bevölkerungswachstum ein hartes Faktum der Urbanisierung zu sein, welches zahlreiche Probleme mit sich bringt. Laut HEUWING ist eines dieser sehr dominierenden Probleme die Schere zwischen Arm und Reich: Insbesondere die krasse Armut in den sog. Fávelas 65 , meist rund um eine Stadt lokalisiert, die damit verbundenen Probleme von Müllansammlungen sowie den daraus resultierenden folgeschweren, epidemieartigen Krankheiten 66 , Kriminalität und Prostitution. 67 Um das ausufernde Problem langfristig erfolgreich zu bewältigen, bedarf es einer effizienten Struktur sowie zugrundeliegender Strategien und nicht zuletzt braucht es ein Bewusstsein über die Rahmenbedingungen finanzieller Mittelknappheit. 68 HEINEBERG beschreibt den Begriff der Urbanisierung als „diffusen, sozialgeographischen Prozess“ 69 . Anknüpfend an die Darstellung zur Komplexität im obigen einleitenden Teil zu diesem Abschnitt wird die Urbanisierung selbst als komplexer Prozess verstanden - was durch HEINEBERGs Überlegungen eines „diffusen […] Prozesses“ bestätigt wird. Dennoch ist die Urbanisierung ein „unausweichbarer Prozess“ 70 - aber auch eine „positive Kraft“ 71 , welche sich im Zuge von Menschen im Aufeinandertreffen im Miteinander einstellt und den es gilt, langfristig und vor allem nachhaltig zu berücksichtigen:
noch häufig, dennoch gilt er als veraltet und wird zunehmend durch den spezielleren Begriff ersetzt. (vgl. Wikipedia 2011b, Begriff: „Urban“. URL verfügbar) Heineberg (2006, S. 30 ff.) bezieht sich in seinem Buch „Stadtgeographie“ auf Walter W. Heller (1973) und benutzt Urbanisierung und Verstädterung als Synonym. 63 Vgl. Martine 2007, S. 1 ff. URL verfügbar. Der von der UNFPA (United Nations Populations Fund) lancierte Bericht zur urbanen Bevölkerungsentwicklung zeigt drastische Tendenzen auf, welche eine Stadt in Zukunft vor große Herausforderungen stellen wird.
64 Vgl. Prange 2003, S. 5.
65 Der Begriff wird als „Ansammlung von einfachen Wohnungen, im Rohbau ohne Verputz […] und nicht mit Kanalisation und Wasserversorgung erschlossen“ (Zanini 2005, S. 55) beschrieben. Seinen Ursprung findet er jedoch in der Pflanze des wilden Manioks, die sich schnell und unkontrolliert ausbreitet - zynischer Weise ähnlich wie Unkraut. Umgangssprachlich spricht man von Slums oder Elendsvierteln.
66 wie bspw. Typhus, Cholera oder Lepra.
67 Vgl. Martine 2007, S. 4 ff. Der Bericht der UNFPA beschreibt im Detail sämtliche Entwicklungen und Probleme von dem Prozess der Urbanisierung.
68 Vgl. Heuwing 2007, S. 36.
69 Heineberg 2006, S. 30 ff.
70 Martine 2007, S. 1.
71 Martine 2007, S. 69 ff. Der Bericht stellt gegen Ende heraus, dass der Prozess der Urbanisierung zwar unausweichbar und komplex ist, aber auch positive Aspekte wie bspw. die Notwendigkeit zur Verbesserung sowie Ausweitung von Schulen und Krankenhäusern erkennen lässt. Außerdem kann eine Stadt ökonomisch einen Wettbewerbsvorteil aufgrund des Überangebots günstiger Arbeitskräfte für Großkonzerne aus Europa, Asien oder Amerika schaffen. Grundlage sind jedoch ein funktionierendes Bildungssystem sowie ein stabiles Ge-sundheitssystem. Durch die zunehmende Masse an Bevölkerung werden Investitionen in diesem Bereich jedoch günstiger - was mit der Theorie der economies of scale [Skaleneffekte] zu erklären wäre. (vgl. Marshall 1997, S. 232 ff.) Es handelt sich hierbei um ein volkswirtschaftliches Phänomen, welches besagt, dass bei steigender Menge insgesamt der Preis fällt.
„If cities create environmental problems, they also contain the solutions. The potential benefits of urbanization far outweigh the disadvantages: The challenge is in learning how to exploit its possibilities.” 72
Die UNO sucht seit Jahrzehnten nach sinnvollen Lösungen um gegen das Problem der Urbanisierung anzugehen. Auch wenn man institutionell die von der Urbanisierung ausgehenden Probleme längst erfasst hat, heißt es, seien diese in den Köpfen vieler Menschen leider noch nicht angekommen. 73
Gerade Erste-Welt-Länder 74 scheinen es dennoch sehr effizient hinbekommen zu haben, den Folgen bzw. Problemen der Urbanisierung zu trotzen - was in Anbetracht der Tatsache relativiert werden sollte, da hier tendenziell eher ein Bevölkerungsrückgang zu verzeichnen ist. 75 Umso verwunderlicher erscheint es, wenn eine Stadt aus der Dritten-Welt diesen Umgang besonders herausragend gemeistert zu haben scheint und sogar von dem belgischen Nobelpreisträger Bernard LIETAER zum Erste-Welt-Land befördert wird. 76
Wie im Titel dieses Abschnittes dargestellt, bildet die Urbanisierung also die legitime Grundlage für eine nachhaltige Städteplanung, was im Beispiel von Curitiba durch das IPPUC 77 institutionalisiert wurde. Im Folgenden sollen nun also neben dem institutionellen auch personelle sowie kollektive Treiber betrachtet werden.
72 Vgl. Martine 2007, S. 1. Dieses Zitat aus dem UNFPA-Paper spiegelt sich so auch in Jaime Lerners Aussage „city is not a Problem, city is a solution“ (Anhang Nr. 13, Folie 1 TED Präsentation Lerner i. V. m. TED 2008, URL) wieder. Es wird hinzu zum Einstieg in den Abschnitt 2.3 angeführt.
73 Vgl. Martine 2007, S. 2. Sozioökonomisch meint in diesem Zusammenhang die Schnittstelle zwischen wirt-
schaftlichen Aktivitäten und gesellschaftlichen Prozessen. Eine Stadt sowie jede andere Organisation auch kann als solche definiert werden. (vgl. Smelser / Swedberg 2005, S. 3 ff.) Auch Zanini (2005, S. 217 ff.) schließt sich dieser definitorischen Grundüberlegung in ihrem Werk „Stadtentwicklung, Stadtplanung, Fávelas: Entwicklungsprobleme einer Hauptstadt“ an.
74 Ebenso wie der Begriff Dritte-Welt, stammt dieser aus der Zeit des Kalten Krieges und meint Industrieländer. Als solcher soll er in dieser Arbeit auch begriffen werden.
75 Vgl. Unispiegel 2011, URL verfügbar.
76 Vgl. Lietaer 2002, S. 324. Lietaer führt Curitiba in seinem Buch „Das Geld der Zukunft“ als Erfolgsbeispiel zum Ausbruch aus der Dritten-Welt und Aufstieg in ein Erste-Welt-Land an. Diese Annäherung an jene westliche Industrieländer, was die Lebensqualität sowie einzelne andere Bereiche anbelangt, bestätigt auch Zanini (2005, S. 255).
77 Im Abschnitt 2.2.2 soll das IPPUC näher erörtert werden.
2. Curitiba: A cidade da gente - Ein Erfolgsbeispiel 18
2.2 Logik und zugrundeliegende Prämissen Curitibas
Curitiba hat in den vergangenen Jahrzehnten einen rasanten Wandel durchgemacht. Mittlerweile mag sich sogar eine eigenständige, eher implizit gelebte Logik innerhalb der Stadt entwickelt haben. Wenn LERNER im Kontext einer Stadt den Begriff der Logik kategorisch ablehnt 78 , so scheint es auch hier eine Frage der Perspektive zu sein.
Aus definitorischer Sicht kann der Begriff „Logik“ in diesem Zusammenhang, aus dem gr. „logiké téchne“, als „denkende Kunst“ oder „Vorgehensweise“ verstanden werden. 79 Die klassische Lehre vom vernünftigen Schlussfolgern wurde maßgeblich vom gr. Philosophen ARISTOTELES (384-322 v. Chr.) begründet. Bis dato erfuhr der Begriff zahlreiche philosophische sowie theologische Erweiterungen, u. a. durch Größen wie Kant. 80 Prämissen, lat. „praemissum“, hingegen bedeutet übersetzt „vorausgeschickt“ und meint in der Lehre der Logik die Annahmen einer Schlussfolgerung. 81 Der Begriff stammt ebenfalls aus dem Repertoire von ARISTOTELES und ist somit Gegenstand logischen Denkens. Wie der Titel dieses Abschnittes also suggeriert sind Prämissen die zugrundeliegenden Voraussetzungen, um auf eine (Denk)Logik schließen zu können.
Ob eine Logik in der Metropole von Curitiba Einzug hält, welche zugrundeliegenden Prämissen daraus ableitbar sind und wer oder was diese grundsätzlich geprägt hat, soll in diesem Abschnitt mit Bezug auf das Erfolgsbeispiel Curitibas geklärt werden. Zunächst wird jedoch Jaime LERNER als personell individueller Treiber näher untersucht. Verfolgt man die Literatur, so hat er die Stadt maßgeblich geprägt - auch wenn er selbst im Interview eine derartige Frage strikt von sich weist, scheint durchaus etwas Wahres daran zu sein. 82
78 Lerner 2008, S. 18. Das Zitat stammt aus einem Artikel der HBM.
79 Aristoteles 2007, S. 95 ff. Hierbei handelt es sich um eine deutsche Übersetzung des Grundlagenwerkes von Aristoteles sowie diverser angehängter Aufsätze seiner Kritiker und Kollegen.
80 Vgl. Wikipedia 2011c, Begriff: „Logik“. URL verfügbar.
81 Aristoteles 2007, S. 856 ff.
82 Vgl. Anhang Nr. 11, Interview mit Lerner [29:33 Min.]. Er sprach ferner oft von seinem sehr gut funktionierenden Team: „I had the chance to have a very good team, very good professionals […].“ [00:35 Min.]
2. Curitiba: A cidade da gente - Ein Erfolgsbeispiel 19
2.2.1 Personelle Treiber: Jaime Lerner
Als erster Treiber einer möglicherweise entstandenen urbanen Logik soll die Personalie Jaime LERNERs angeführt werden. Der wohl berühmteste „Sohn Curitibas“ 83 hat sich in der Megacity über die vergangenen 40 Jahre hinweg einen festen Namen gemacht. Zentrale Projekte wie bspw. das BRT-System, die weltweit einzigartige Mülltrennung bezogen auf sein geschaffenes Bewusstsein sowie seine Art und der spezielle Zugang zu Wissen und Kultur
schenbild zu verfügen: Das der Theorie Y nach MCGREGOR 87 . Weitere Prämissen wie Respekt
83 Goerdeler 2005, S. 67. So wird Jaime Lerner oftmals von den Curitibanos, den Bürgern Curitibas, bezeichnet. Diese beiden Bezeichnungen sollen für diese Arbeit so übernommen werden.
84 Polley / Hunt 2004, URL verfügbar.
85 Vgl. Anhang Nr. 11, Interview mit Lerner [02:27 Min.]. Darin beschreibt er einen Körper, der schwimmen lernt. Individuen in Form von Händen und Füßen mögen vielleicht gut schwimmen können, aber wenn der Körper letztlich ins Wasser fällt, müssen alle Teile des Körpers, also alle Mitglieder eines Teams, gleichzeitig und zusammen miteinander funktionieren um gut schwimmen zu können und letztlich das Untergehen abzuwenden. Dies ist ein zentraler Bestandteil von Lerners Führungshaltung, welches im Kapitel 3 unter dem Aspekt individueller und kollektiver Führung näher beleuchtet werden soll.
86 Polley / Hunt 2004.
87 Vgl. McGregor 2005, S. 59 ff. Im Gegensatz zur Theorie X, wonach der Mensch als ausschließlich extrinsisch motivierbar gilt, geht McGregor in der Theorie Y von einem deutlich positiveren Menschenbild aus. Darin be-
2. Curitiba: A cidade da gente - Ein Erfolgsbeispiel 20
und Wertschätzung 88 , intrinsische Motivation und Vertrauen, Ermutigung zum Lernen 89 , Kontinuität in der Führung und nicht zuletzt eine proaktive, dialogische Diskurskultur zeichnen Jaime LERNER aus. Sie alle bilden die Annahmen seiner Denklogik: Eine, welche den Menschen zum zentralen Gegenstand sämtlicher Entscheidungen macht. 90 Die Abbildung 4 91 greift vorweg, was im Verlauf dieser Arbeit, insbesondere im Kapitel 3, 4 und 5, mit speziellem Fokus auf individuell effizienter und kollektiv robuster Führung in der Tiefe diskutiert werden soll. Um jedoch ein besseres Verständnis für LERNER zu bekommen und zu einem späteren Zeitpunkt seine Prämissen (vgl. Abb. 4) pointierter nachvollziehen zu können, soll zunächst die Frage beantwortet werden, wer er war und was ihn ausgezeichnet hat. Sein persönlicher Werdegang kann wie folgt dargestellt werden:
Er ist 1937 in Curitiba geboren; sein Vater war zuvor aus Polen eingewandert und versuchte sein Geld mit dem Straßenverkauf von Krawatten zu machen. Mit dieser offenbar erfolgreichen Geschäftsidee konnte er schließlich allen vier Söhnen ein Studium zu finanzieren. Jaime LERNER war der Jüngste seiner drei Brüder. Während diese sich eher für etwas Nichttechnisches interessierten, schloss LERNER 1964 mit Erfolg sein Studium der Architektur ab. 92
Er war drei Mal Bürgermeister von Curitiba, zweimal Gouverneur vom Südbrasilianischen Staat Paraná und nebenbei noch Präsident der Internationalen Union der Architekten (UIA). 93 Die Amtsperioden lagen nie hintereinander, sondern immer versetzt zwischen entsprechend anderen Politikern - was eine konsequente Linie in seiner politischen Führung
schreibt er den Menschen als ehrgeizig, fleißig, innovativ und vor allem verantwortungsbewusst. Ulich E. (2005, S. 456) bewertet McGregors Theorie X als „Teufelskreislauf“, in welchem der arbeitsunwillige, verant-wortungsscheue Mensch nur mit rigider Kontrolle und strengen Vorschriften motiviert werden kann. Dies wiederum widerspricht den jüngsten Erkenntnissen der Neurobiologie nach Hüther: „Motivation ist hirntechnischer Unsinn“ (Osmetz 2009, S. 159). Menschen können nicht für etwas motiviert werden, wofür sie kein Interesse erkennen. Das stellte Osmetz im Interview mit Gerald Hüther in der „zfo“ deutlich heraus. Dennoch beobachtet man, wie in der Problemstellung zu dieser Arbeit aufgezeigt, implizit oft noch die Theorie X.
88 Vgl. Ergebnisse aus den Interviews in Curitiba, etwa Anhang Nr. 5, Aussage von Zé B. [04:30 Min.], sowie Nr. 7, Magnabosco [33:12 Min.], Nr. 8, Guillen [33:00 bis 33:20 Min.] sowie Nr. 10, Daher [04:40 Min.].
89 Vgl. Polley / Hunt 2004.
90 Vgl. Abbildung 4. Sie wurde vom Autor entworfen und fasst Lerners Prämissen sowie die Grundlogik illustrativ zusammen.
91 Sie ist vom Autor entwickelt worden und soll wertvolle Aspekte von Lerners Logik bzw. dessen zugrundeliegenden Prämissen illustrieren. Sie bildet den Grundstein für weitere Diskussionen in dieser Arbeit.
92 Vgl. Goerdeler 2005, S. 66.
93 Vgl. Goerdeler 2005, S. 65.
2. Curitiba: A cidade da gente - Ein Erfolgsbeispiel 21
durchaus schwierig gestalten ließ. 94 Politisch spielte LERNER zwar nie eine besondere Rolle für den Staat Paraná oder gar das Land Brasilien; dennoch gilt er nicht als Mann geschwungener Reden, Unehrlichkeiten und Verdrossenheit von Parteien. Stattdessen folgte er häufig seiner Intuition und „[…] [zog] seine Fäden von seiner Heimatstadt in die Provinzen.“ 95 LER-NER hat seinen Inspirationen und Visionen Taten folgen lassen statt, wie allzu häufig in der Politik beobachtbar, nur bloße Reden zu halten. LERNER selbst bezeichnet sich auch als Architekt und weniger als Politiker - trotzdem er als politischer Leader berühmt wurde. Er habe das Mittel der Politik genutzt, um seine architektonischen Leidenschaften in die Praxis umsetzen zu können. Experten bezeichnen LERNER daher auch als „politischen Fuchs“ oder „Schlitzohr“. 96 Umso weniger verwunderlich erscheint es schließlich, dass er sich nach den über 35 erfolgreichen Innovationen 97 innerhalb und außerhalb der Stadt Curitiba aus der Politik zurückgezogen hatte. Er widmete sich seither seiner Leidenschaft zur Architektur, insbesondere der Erforschung sowie Planung urbaner Projekte - mittlerweile weit über die Landesgrenzen hinaus. In seinem Architekturbüro in Curitiba tüftelt LERNER bspw. aktuell an der Optimierung von einem „surface transport“, d.h. einem oberirdischen System integrierten Transportes als Ergänzung zu Bus, Tram, KFZ. Dabei versucht er, z. B. mit sog. „portable bikes“, eine effiziente aber simple und unter Umweltgesichtspunkten robuste Alternative für den öffentlichen Verkehr zu schaffen. 98
„Der Architekt macht den Plan, der Politiker will etwas bewegen […]. Die Gefahr für den Politiker besteht darin, dass er den Notwendigkeiten hinterherläuft.“ 99
Begriffe wie „unmöglich“ gab es in LERNERs Wortschatz nicht. 100 „Der Mann fegte durch die Amtsstuben, schleppte seine Pläne heran und entfachte eine regelrechte Begeisterungs-
94 Vgl.Anhang Nr. 2, Abb. 18 „Timeline Curitiba“. Diese Abbildung illustriert Lerners Amtszeiten chronologisch. Neben seiner ersten Periode als Bürgermeister 1971-75, war Lerner noch 1979-83 sowie 1989-92 Chef „seiner geliebten Stadt Curitiba“ (Polley / Hunt 2004). Dennoch ist es erstaunlich, wie er bzw. die Stadt u. a. mit dessen führungspolitischer Konsequenz bekannt geworden ist. Eine nähere Beleuchtung soll im Verlauf der Arbeit erfolgen.
95 Goerdeler 2005, S. 67.
96 Vgl. Goerdeler 2005, S. 65.
97 Vgl. Heuwing 2007, S. 42 ff.
98 Vgl. Polley / Hunt 2004.
99 Goerdeler 2005, S. 65. Dieses Statement trifft Lerner im Interview mit der HBM. Er spielt damit auf das Schwingen großer Reden und Mangel an Taten in der Politik an. Lerner ist kein Mann großer Worte, sondern punktueller und schneller Maßnahmen. (vgl. Anhang Nr. 11, Interview mit Lerner [ca. 26:00Min.]) Dies mag wohl auch sein Buch mit dem Titel „Urbane Akupunktur“ belegen. (vgl. S. 22 dieser Arbeit)
100 Vgl. Goerdeler 2005, S. 66.
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B.Sc. Sven Hartmann, 2011, Erfolgsbeispiel Curitiba - im Spannungsfeld zwischen individueller und kollektiver Führung, München, GRIN Verlag GmbH
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