I Einführung und Problemstellung
Italien verdankt seinen Aufstieg zu einer wohlhabenden Industrienation zum Großteil der dynamischen Wirtschaftsentwicklung im Nordwesten des Landes, insbesondere um das triangolo industriale Genua-Turin-Mailand. Der Aufschwung der 1950er und 60er Jahre verlief dort nach fordistischem Muster. Integrierte Großunternehmen wie die FIAT erzeugten standardisierte Güter in Massenproduktion, während kontinuierlich steigende Löhne die Nachfrage nach eben solchen Erzeugnissen stimulierten. Gleichzeitig blieb der Süden des Landes trotz zahlreicher staatlicher Fördermaßnahmen ökonomisch rückständig und gilt bis heute als „der ewige Patient“ (SCHRÖDER 2004: 30). Die beträchtlichen wirtschaftlichen Disparitäten zwischen Norditalien und Mezzo-giorno wurden weithin als das prägende Charakteristikum der Wirtschaftsstruktur des Landes verstanden. Während die neoklassische Schule Entwicklung als grundsätzlich linear verlaufenden Prozess definiert und die Unterentwicklung des Südens folglich als Verspätung interpretierte, der durch nachholende Entwicklung zu begegnen sei, gingen Meridionalisten wie GRAZIANI von einer funktionalen Rückständigkeit aus, die der Kapitalakkumulation im Norden diene (GRAZIANI 1972; LODA 1989: 180).
Unabhängig vom ideologischen Standpunkt konzentrierte sich die Debatte dabei ganz auf den Nord-Süd-Gegensatz. So blieb lange Zeit unbemerkt, dass sich im Zentrum und Nordosten der Halbinsel ein Wirtschaftsraum herausgebildet hatte, der keinem der beiden Pole zuzuordnen war. Seit den späten 1960er Jahren, insbesondere aber in den 1970er und 80er Jahren machte die Region durch überaus gute ökonomische Daten auf sich aufmerksam. Produktivität, Beschäftigung und Export entwickelten sich hier besser als im nationalen Durchschnitt und übertrafen mitunter sogar die Werte des Nordwestens (BAGNASCO 1977: 164 ff.; PIORE & SABEL 1989: 251; LODA 1989: 182 f.). Die wirtschaftliche Entwicklung verlief allerdings nach anderen Mustern als im triangolo industriale oder in vergleichbaren Industrieregionen Europas. Das Wachstum konzentrierte sich bemerkenswerterweise eher auf traditionelle Sektoren wie die Textil-, Schuh- oder Möbelindustrie, und statt großer, vertikal integrierter Konzerne prägten vor allem Kleinunternehmen das Bild. Besonders deutlich trat diese Andersartigkeit im Verlauf konjunktureller und struktureller Krisen zutage, als sich die spezielle Wirtschaftsstruktur der Region als sehr robust erwies, während die altindustrialisierten Räume verstärkt unter Arbeitslosigkeit und scharfen Tarifkonflikten zu leiden hatten (BRUSCO 1982: 167; BATHELT 1998: 248 f.). Anfangs wurden die Wachstumsprozesse in den zentralen und nordöstlichen Landesteilen oftmals sehr kritisch beurteilt. Vor dem Hintergrund von Massenstreiks und sozialen Spannungen zur Zeit des Heißen Herbstes 1969 dominierte zunächst eine politisch gefärbte Sichtweise, welche die Be-
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deutung externer Faktoren hervorhob. Demnach läge die Ursache für die Expansion kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) primär in der von den italienischen Großunternehmen betriebenen „produktiven Dezentralisierung“ (FREY 1974), die eine Schwächung der Arbeiterbewegung zum Ziel habe. Man versuche hier, große Teile der Produktion in Kleinbetriebe außerhalb der industriellen Ballungsräume zu verlagern, um die steigenden Lohn- und Sozialkosten sowie den wachsenden Einfluss der Gewerkschaften im Nordwesten zu umgehen. Hinter den zahlreich entstehenden, formell eigenständigen Kleinfirmen verbärgen sich demnach überwiegend „Pseudounternehmer“ (MAZZOTTA 1979: 158), die sich in einseitiger Abhängigkeit von Großkonzernen befänden. Die peripheren Betriebe seien dabei oft von vergleichsweise schlechten Arbeitsbedingungen, Schwarzarbeit sowie Steuer- und Sozialabgabenhinterziehung geprägt (FREY 1974; VARALDO 1979; GOGLIO 1982).
In der Tat trugen Produktionsauslagerungen seitens italienischer Großunternehmen in den 1960er und 70er Jahren dazu bei, die ökonomische Entwicklung in den betreffenden Gebieten anzustoßen. Die wirtschaftliche Dynamik ging jedoch weit darüber hinaus und umfasste auch Regionen ohne nennenswerte Investitionstätigkeiten externen Ursprungs. Vielen der anfangs abhängigen Subunternehmern gelang es, sich im Laufe der Zeit direkten Zugang zu den Märkten zu verschaffen. Ferner wurde bald klar, dass die Tendenz zur Dezentralisierung in der Großindustrie durchaus von Dauer war und nicht bloß als vorübergehende, strategische Reaktion auf die Gewerkschaftsbewegung der 1960er und 70er Jahre interpretiert werden konnte. Entsprechende Argumentationen vermochten es somit nicht, die auf Kleinbetrieben basierende Entwicklung in Mittel- und Nordostitalien in vollem Umfang überzeugend zu erklären. Eine entscheidende Schwäche derartiger Deutungen bestand darin, dass sie stets einer linearen Vorstellung von Entwicklung verhaftet blieben und den Nord-Süd-Dualismus in der Wirtschaftsstruktur Italiens niemals hinterfragten (LODA 1989: 183 f.).
Erst der italienische Soziologe ARNALDO BAGNASCO stellte das vorherrschende bipolare Entwicklungsschema grundsätzlich zur Disposition (BAGNASCO 1977). Obwohl er sich durchaus mit den exogenen Entwicklungsimpulsen durch Produktionsverlagerungen auseinandersetzte, erkannte er doch, dass hier viel tief greifendere, strukturelle Veränderungen zugrunde lagen. Die rasante ökonomische Entwicklung Mittel- und Nordostitaliens sei ohne Berücksichtigung endogener Faktoren nicht erklärbar. Er unterstrich die Bedeutung der spezifischen soziokulturellen Rahmenbedingungen wie Handwerkstradition und Großfamilie, die einen guten Nährboden für die Gründung von Kleinbetrieben darstellten. Da es trotz des beachtlichen Wirtschaftswachstums in Mittel- und Nordostitalien wider Erwarten keine Hinweise auf eine zunehmende vertikale Integration der Unternehmen gab und die Fertigung traditioneller, „reifer“ Produkte weiterhin
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dominierte, konnte ausgeschlossen werden, dass hier die gleichen Entwicklungsstadien wie einst im Nordwesten durchlaufen würden. Vielmehr habe man es mit einem territorial und strukturell eigenständigen Wirtschaftsraum zu tun, der nicht bloß als verlängerte Werkbank für die Konzerne des Nordwestens fungierte. BAGNASCO kam so zu dem Schluss, dass eine neue, dreiteilige Gliederung Italiens der Wirtschaftsstruktur des Landes besser gerecht würde und prägte den Begriff „Drittes Italien“ für die zentralen und nordöstlichen Landesteile. Aufgrund der typischen Merkmale des dortigen Produktionssystems wie flexible Nutzung von Arbeitskraft bei geringer Unternehmensgröße, stellte er Parallelen zum peripheren Wirtschaftstyp nach AVERITT (1968) her und grenzte den Wirtschaftsraum damit sowohl von der zentralen Formation des Nordwestens als auch von der marginalen des Mezzogiorno ab (BAGNASCO 1977: 22 ff.). Diese dreigeteilte Gliederung der Wirtschaftsstruktur Italiens hat sich weithin durchgesetzt. Zum Dritten Italien werden dabei in der Regel die Verwaltungsregionen Venetien, Trentino-Südtirol, Friaul-Julisch Venetien, Emilia-Romagna, Toskana, Marken und Umbrien gezählt (vgl. Abb. 1). Räumlich bilden sie den Rahmen der vorliegenden Arbeit. Obwohl sie ökonomisch nicht völlig homogen strukturiert sind und die typischen Konzentrationen von kleinen Industrie- und Handwerksbetrieben in einigen Regionen stärker ausgeprägt sind (Emilia-Romagna, Toskana) als in anderen (Umbrien, Friaul-Julisch Venetien), ist diese Abgrenzung aus Gründen der Praktikabilität und der Verfügbarkeit von Daten vertretbar und orientiert sich am Gros der Veröffentlichungen zu diesem Thema (SCOTT 1988: Kap. 5; LODA 1989: 180 f.; BATHELT & GLÜCKLER 2003: Kap. 6.4.1).
Neben der geringen Unternehmensgröße und der Prävalenz eher traditioneller Sektoren ist die auffällige räumliche Konzentration von Unternehmen gleicher oder verwandter Branchen ein weiteres, wichtiges Kennzeichen der Ökonomie des Dritten Italien. Prominente Beispiele hierfür sind die Agglomerationen von Textilunternehmen in Prato (Toskana), von Fliesen- und Keramikherstellern in Sassuolo (Emilia-Romagna) oder Schuhproduzenten um Fermo (Marken), um nur einige zu nennen. Der englische Ökonom ALFRED MARSHALL hatte bereits Ende des 19. Jahr-hunderts ähnliche Agglomerationen von Kleinunternehmen in England und Deutschland untersucht. Dabei kam er zu der Erkenntnis, dass unternehmensübergreifende Arbeitsteilung für den Erfolg derartiger Strukturen entscheidend ist. In seinen Beispielen bildeten viele kleine Unternehmen Produktionsnetzwerke, indem sie sich auf einzelne Stufen des Fertigungsprozesses spezialisierten und das Endprodukt erst durch die Zusammenarbeit der Betriebe entstehen konnte. Diese vernetzten Agglomerationen, in denen persönliche Kontakte und räumliche Nähe eine wichtige Rolle spielten, nannte er Industrial Districts (MARSHALL 1927b). Aufgrund der vielen Parallelen zu den Verhältnissen in Teilen Italiens wurden MARSHALLs Industriedistrikte nun auch zur Konzeptionalisierung der dortigen Produktionsstruktur herangezogen (BECATTINI 1979). Der theoretische Bezug auf MARSHALL ist deshalb von großer Bedeutung, weil man sich damit von der isolierten Betrachtung der Einzelunternehmen löste und begann, die vorgefundenen Strukturen als zusammenhängendes System zu verstehen, das in der Lage ist, die Nachteile kleiner Unternehmen bezüglich Skaleneffekten oder Marktmacht zu kompensieren (BRUSCO 1986: 92 f.). Der ökonomische Erfolg des Dritten Italien stieß seit den 1980er Jahren auf immer größeres Interesse der Wirtschafts-, Sozial-, und Raumwissenschaften. Die Entdeckung der besonderen Strukturen dieses Raums fällt dabei in eine Zeit, in der sich die Grenzen des lange stabilen fordistischen Entwicklungszusammenhangs in den Industrieländern immer klarer abzeichneten. Schon seit den 1960er Jahren waren einige Industriesektoren wie etwa die Textil- oder Kohleindustrie zunehmend von Krisen betroffen. Eine Hauptursache dafür war der wachsende Konkurrenzdruck von Unternehmen aus Entwicklungs- und Schwellenländern. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, reagierte man mit Produktionsverlagerungen in Länder mit niedrigen Arbeitskosten, was in den Industrieländern wiederum zu dauerhafter, struktureller Arbeitslosigkeit führte (BATHELT 1998: 247 f.). Vor diesem Hintergrund erschienen Produktionsstrukturen wie im Dritten Italien als vielversprechende Alternative zur industriellen Massenproduktion. Mithilfe bestimmter Organisationsformen war es offenbar möglich, in Industrieländern Wachstum und Beschäftigung auf regionaler Ebene zu sichern und sich erfolgreich gegen die internationale Konkurrenz zu behaupten. Im Unterschied zum oft zitierten Erfolgsbeispiel Silicon Valley gelang
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das in Italien sogar außerhalb der neuen Hightechsektoren. PIORE und SABEL stellten in einer viel beachteten Studie das große Potenzial von Kleinunternehmen mit flexibel spezialisierten Produktionsstrukturen heraus (PIORE & SABEL 1989). Sie besäßen die Fähigkeit, sich rasch an die immer unsteteren Nachfragebedingungen anzupassen und neue Marktnischen zu besetzen. Unter den veränderten ökonomischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen seien derartige Strukturen der Massenproduktion integrierter Großkonzerne grundsätzlich überlegen. Regionen wie das Dritte Italien seien quasi die Vorboten einer industriellen Zeitenwende, im Zuge derer die fordistische Massenproduktion von einem neuen, der Handwerksökonomie ähnlichen Produktionssystem abgelöst werde (PIORE & SABEL 1989: Kap. 9, 10). Ähnliche Ansätze finden sich bei SCOTT (1988) und MURRAY (1987). Das war die Grundlage für die Entstehung eines Mythos, der das Wirtschaftsmodell des Dritten Italien als europäische Antwort auf die Globalisierung sah und es zum Paradigma regionaler Wirtschaftsförderung erhob. Bei dieser Betrachtung schien den betreffenden Regionen eine blühende Zukunft bevorzustehen. Es wurde versucht, weltweit ähnlich strukturierte Räume ausfindig zu machen, wo man auf eine Wiederholung des italienischen Erfolgs durch entsprechende Fördermaßnahmen hoffte.
Kritischer ist da BATHELT (1998: 260 ff.), der nicht nur die Übertragbarkeit für grundsätzlich problematisch hält, sondern auch auf soziale Missstände aufmerksam macht und den Erfolg des Modells angesichts fortschreitender Internationalisierung der Produktionsbeziehungen für gefährdet hält. In der Tat treten seit einigen Jahren auch im Dritten Italien krisenhafte Entwicklungen zutage, die das mitunter sehr positive Bild dieses Wirtschaftsraumes angreifen. Durch den Fall des Eisernen Vorhangs 1989 wurden zwar neue Absatzmärkte hinzugewonnen, gleichzeitig wuchs aber auch neue Konkurrenz in Osteuropa, Süd- und Südostasien sowie insbesondere in China heran. Mit der Einführung der europäischen Gemeinschaftswährung 1999 verlor Italien zudem die Möglichkeit, dem Exportgeschäft seiner Produzenten durch Abwertung der Lira unter die Arme zu greifen. Zusammen mit dem Auslaufen des Multifaserabkommens 2005 bewirkten diese Faktoren Wettbewerbsnachteile und einen Rückgang der ausländischen Nachfrage. Folgen dieser Entwicklung sind zum Teil massive Produktionsverlagerungen in Niedriglohnländer, ein wachsender, oft informeller Einsatz von Immigranten als kostengünstige Arbeitskräfte in Italien sowie verstärkte Konzentrationsprozesse in Form von Aufkäufen und Fusionen (HADJIMICHALIS 2006: 90 ff.). Zudem machen asiatische Produzenten, die vom Label „made in Italy“ profitieren wollen, den alteingesessenen Firmen mit ihren Produktionsstätten vor der eigenen Haustür Konkurrenz (PIERACCINI 2008). Daneben spielen auch gesellschaftliche Veränderungen eine Rolle. Das einst verbreitete Modell der Großfamilie verliert aufgrund sehr niedriger Fertilitätsraten und sich wandelnder Rollenverständnisse an Bedeutung. Nicht wenige Familienunternehmer haben
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große Mühe, Nachfolger für ihre Betriebe zu finden (HADJIMICHALIS 2006: 91). Die informellen Beziehungen zwischen den Akteuren, das gegenseitige Vertrauen und das ausgeprägte regionale Zusammengehörigkeitsgefühl scheinen infolge der Umstrukturierungsprozesse und des größer werdenden wirtschaftlichen Drucks an Qualität zu verlieren.
Das dauerhafte, robuste Wachstum und die damit verbundene Euphorie scheinen vorerst beendet. Gleichsam als Gegenreaktion auf den einstigen Optimismus prophezeien Autoren wie HADJIMICHALIS (2006) oder BIANCHI (1998) bereits das Ende des Dritten Italien, das sie in vielerlei Hinsicht für einen durch Wunschdenken überhöhten Mythos halten. Die ökonomischen Erfolge und die Leistungsfähigkeit der Strukturen der Region seien überbewertet worden und keinesfalls auf die Zukunft übertragbar. AGNEW, SHIN und RICHARDSON (2005) bezeichnen darüber hinaus die von PIORE und SABEL postulierte „zweite industrielle Wegscheide“ (PIORE & SABEL 1989) als „Saga“ und äußern somit ganz grundsätzliche Zweifel am Siegeszug postfordistischer Produktionsstrukturen. Aus dieser deutlichen Divergenz in der Bewertung ergibt sich die Hauptfragestellung der vorliegenden Arbeit: Ziel ist es, durch eingehende Analyse zu einer differenzierten Neubewertung des Phänomens Drittes Italien zu kommen. Sind die Industriedistrikte Mittel- und Nordostitaliens „fragile Produktionssysteme“, die nur unter sehr speziellen Rahmenbedingungen erfolgreich sein konnten (RENTMEISTER 2001: 34), oder sind sie in der Lage, auch unter veränderten Konditionen die Chancen der Globalisierung zu nutzen? Von der Antwort auf diese Frage hängt auch ab, als wie relevant und repräsentativ das Dritte Italien eingestuft werden kann. Handelt es sich um einen Kernraum nachfordistischer Produktion von internationaler, paradigmatischer Bedeutung oder lediglich um eine interessante regionale Ausnahmeerscheinung, deren Strukturen nicht reproduzierbar sind? Ein Schlüssel zum besseren Verständnis der Region und ihres Potenzials liegt dabei in der besonderen Berücksichtigung der nichtökonomischen Rahmenbedingungen. Obwohl das embeddedness-Argument (GRANOVETTER 1985) in der Diskussion um das Dritte Italien eine große Rolle spielt, bleibt die Betrachtung des Kontexts, in den die wirtschaftlichen Aktivitäten eingebettet sind, in vielen Arbeiten oberflächlich und bruchstückhaft. Daher soll, neben der wirtschaftsgeographischen Analyse aktueller Strukturen und Prozesse, in Kapitel III ein kurzer, konsistenter Überblick über die historischen, soziokulturellen und institutionellen Faktoren gegeben werden, die die Entstehung und Entwicklung des Wirtschaftsraums maßgeblich beeinflussen.
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II Die Ökonomie des Dritten Italien
Um Leistungsfähigkeit und Zukunftsperspektiven des Dritten Italien beurteilen zu können, ist zunächst eine Bestandsaufnahme der dortigen Strukturen notwendig. Worin besteht das Erfolgsrezept, mit dem es der Region gelang, in Industriebranchen Wachstum und Beschäftigung zu generieren, die in anderen entwickelten Ländern im Niedergang begriffen sind? Wie schafften es die vorwiegend kleinen und sehr kleinen Unternehmen trotz geringer Kapitalausstattung und Marktmacht, effizient und innovativ zu sein? Welche Faktoren sorgen dafür, dass die unternehmensübergreifende Zusammenarbeit so reibungslos funktioniert, dass vertikale Integration praktisch überflüssig wird?
Gerade im Fall des Dritten Italien hat sich gezeigt, dass neoklassische Ansätze sowie traditionelle Standorttheorie und Raumwirtschaftslehre aufgrund der Vernachlässigung sozialer und institutioneller Beziehungen an ihre Grenzen stoßen. Als theoretisches Grundgerüst für die folgenden Kapitel dienen deshalb die von BATHELT und GLÜCKLER formulierten vier Ionen als Grunddimensionen einer relationalen Wirtschaftsgeographie, i. e. Organisation, Evolution, Innovation und Interaktion (BATHELT & GLÜCKLER 2003: Kap. 6-8). Da in den lokalisierten Produktionssystemen Mittel- und Nordostitaliens die soziale Dimension der ökonomischen Entwicklung eine entscheidende Rolle spielt, ist dieser eher sozialwissenschaftlich orientierte Ansatz hier sinnvoll. Er ermöglicht es, die Charakteristika der Ökonomie des Dritten Italien aus unterschiedlichen konzeptionellen Perspektiven zu beleuchten und Ansatzpunkte der new economic geography in die Analyse zu integrieren.
Der Forschungsgegenstand relationaler Wirtschaftsgeographie ist „ökonomisches Handeln als situierter Prozess in Strukturen von Beziehungen“ (BATHELT & GLÜCKLER 2003: 34). Um der Kontextualität situierten Handelns gerecht zu werden, wird sich die Betrachtung auf die. Akteursebene der Unternehmer und Betriebe und die Mesoebene der Produktionsnetzwerke bzw. Industriedistrikte konzentrieren, da letztere den Kontext für das Handeln und die Strategien der ersteren bilden. Dem Schema der COLEMANschen Badewanne folgend (COLEMAN 1991: Kap. 1), wird dann versucht, die so gewonnenen Erkenntnisse auf die Makroebene, d. h. den Wirtschaftsraum Drittes Italien zu projizieren, um die dortigen Strukturveränderungen zu verstehen. Es wird sowohl induktiv aus der Betrachtung von Einzelphänomenen auf übergeordnete Zusammenhänge und Regelhaftigkeiten geschlossen als auch deduktiv die Anwendbarkeit von Theorien und Hypothesen auf den Einzelfall überprüft. Dabei sollen die wichtigsten Etappen der Debatte um die Konzeptionalisierung der Produktionssysteme des Dritten Italien nachvollzogen werden.
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II.1 Organisation
„small firms can never (in the long run) earn higher profit rates than big firmsbecause all technical advantages which are open to them are open also to big firms; whereas big firms may earn higher rates of profits than small firms, because some advantages open to them are not open to small firms” (STEINDL 1945: 10).
Der Glaube an dieses von JOSEF STEINDL (1945: 10 f.) formulierte Prinzip der Asymmetrie, wonach große Unternehmen ein grundsätzlicher, quasi struktureller Wettbewerbsvorteil gegenüber kleinen zugesprochen wird, hielt sich bei Ökonomen aller Couleur lange hartnäckig. Kleinen Unternehmen sei es nur sehr eingeschränkt möglich, economies of scale zu realisieren. Rohmaterialien und Kredite erhielten sie in der Regel zu schlechteren Konditionen als Großunternehmen, da sie über eine geringere Markt- und Verhandlungsmacht verfügten (BRUSCO 1982: 173). Sie hätten oft nicht die Möglichkeit, Vertrieb und Vermarktung ihrer Erzeugnisse über die lokale Ebene hinaus zu organisieren und liefen so Gefahr, in einseitige Abhängigkeit von großen Firmen zu geraten (BOSCHMA 2000: 12). Durch die gerade in Mittel- und Nordostitalien von vielen KMU betriebene Spezialisierung auf kleine Abschnitte der Wertschöpfungskette ergibt sich außerdem die Notwendigkeit zu vielfältigen Austauschbeziehungen mit Unternehmen der vor-und nachgelagerten Produktionsschritte. Nach WILLIAMSON entstehen einem Unternehmen beim Leistungsaustausch vielfältige Kosten, etwa für die Informationsbeschaffung, die Qualitätssicherung oder den Vertragsabschluss, die als Transaktionskosten zusammengefasst werden. Sie fallen an, weil das opportunistische Verhalten der Akteure die Kontrolle des Austauschs unerlässlich macht (WILLIAMSON 1985: Kap. 1, 2). Kleine, spezialisierte Unternehmen, die den überwiegenden Teil der Transaktionen unternehmensextern abwicklen müssen, sind folglich einem potenziell höheren Transaktionskostenrisiko ausgesetzt, als vertikal integrierte Großunternehmen.
Dem Dritten Italien gelang es jedoch, beeindruckende Wachstumsraten zu erreichen, obwohl die Wirtschaft seit jeher von Kleinunternehmen mit all ihren vermeintlichen Nachteilen dominiert wird. Während Exporte und Beschäftigung seit den 1950ern kräftig zulegten, sank die ohnehin schon niedrige durchschnittliche Unternehmensgröße bei wachsender Unternehmenszahl (SCOTT 1988: 47). In der Provinz Modena mit ihrer Strickwarenindustrie beispielsweise stieg der Anteil der Firmen mit weniger als zehn Beschäftigten von stattlichen 86 % im Jahr 1971 weiter auf 92 % im Jahr 1981, während die Zahl der Betriebe mit mehr als 50 Mitarbeitern im gleichen Zeitraum von 52 auf 36 schrumpfte (LAZERSON 1990: 111). Da man gemeinhin davon ausging, dass
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industrielle Entwicklung zwangsläufig mit zunehmender vertikaler Integration und damit wachsender Unternehmensgröße verbunden sei, wurde das von kleinen Industriebetrieben getragene Wachstumswunder anfangs durchaus skeptisch beurteilt. Bei den Unternehmen handle es sich teilweise um Relikte einer vorindustriellen Handwerksökonomie, die mit veralteter Technik traditionelle Produkte in Handarbeit erzeugten und nur fortbestehen konnten, weil sich die Mechanismen des freien Marktes unter den spezifischen geographischen und sozialen Verhältnissen Italiens nicht überall frei hatten entfalten können. Die zahlreichen neu entstandenen Industriebetrieben dagegen dienten häufig nur als verlängerte Werkbänke der nordwestitalienischen Großkonzerne, was die Abhängigkeit von externen Akteuren erhöhe. Es stand der Vorwurf im Raum, den Einfluss der Gewerkschaften durch die Auslagerung von Produktionseinheiten systematisch zurückdrängen zu wollen (BRUSCO 1986: 85 ff.).
Als sich der wirtschaftliche Erfolg der Region jedoch trotz des hohen Anteils der Klein- und Kleinstunternehmen als dauerhaft erwies, wurde klar, dass dem Phänomen Drittes Italien mit den gängigen neoklassischen Erklärungsmustern nicht beizukommen war. Ein Hauptproblem bestand in der Wahl des einzelnen Unternehmens als Forschungsgegenstand. Bei isolierter Betrachtung schienen die für die Region typischen Kleinbetriebe kaum in der Lage, im Wettbewerb mit Großkonzernen oder mit den Konkurrenten aus Niedriglohnländern bestehen zu können. Doch nun fiel ein Aspekt auf, der gerade für die Raumwissenschaften von großem Interesse ist. Viele KMU Mittel- und Nordostitaliens konzentrierten sich in räumlich begrenzten, nach Branchen differenzierten Agglomerationen und pflegten untereinander intensive Austausch- und Kooperationsbeziehungen. In Anlehnung an ALFRED MARSHALL, der schon Ende des 19. Jahr-hunderts ähnliche räumliche Produktionsmuster beschrieben hatte (MARSHALL 1927a), wurden die mittelitalienischen Unternehmensagglomerationen zunehmend als Industriedistrikte konzeptionalisiert. Durch diesen theoretischen Bezug, der die Verflechtungsbeziehungen zwischen den Unternehmen in den Mittelpunkt rückte, konnte endlich nachvollzogen werden, wie es den kleinen italienischen Produzenten gelang, ihre Defizite bei Skaleneffekten, Beschaffung und Vertrieb zu kompensieren. Diese Perspektive wurde später in den Konzeptionen zu flexibler Spezialisierung (PIORE & SABEL 1989) und embeddedness (GRANOVETTER 1985; HARRISON 1992) aufgegriffen und weiterentwickelt. Im Folgenden sollen die für die Leistungsfähigkeit der Industrieunternehmen des Dritten Italien entscheidenden Organisationsstrukturen und ihre Auswirkungen auf die räumliche Verteilung der ökonomischen Prozesse anhand dieser theoretischen Ansätze dargestellt werden.
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II.1.1 Industriedistrikte nach MARSHALL
ALFRED MARSHALL hatte Ende des 19. Jahrhunderts in England und Deutschland regionale Produktionsnetzwerke untersucht, die ähnlich strukturiert waren wie jene im heutigen Dritten Italien. Bei seiner Analyse der Messerwarenindustrie in Solingen und der Wollwarenherstellung in Lancashire stieß er auf Agglomerationen von kleinen und mittleren Unternehmen. MARSHALL war sich der zahlreichen Vorteile von Großunternehmen im Hinblick auf die Ausnutzung von Skaleneffekten oder die Möglichkeit zu umfangreichen Investitionen in Forschung und Entwicklung durchaus bewusst (MARSHALL 1927b: 593). Dennoch erkannte er, dass es unter bestimmten Voraussetzungen effizienter sein kann, einen Produktionsprozess auf viele kleine Betriebe zu verteilen, statt ihn in einem einzigen großen Unternehmen zu konzentrieren. Bedingung dafür ist, dass sich es sich um eine Produktion handelt, die sich leicht in einzelne Fertigungsschritte aufspalten lässt. Sinnvoll ist eine Zerlegung des Produktionsprozesses vor allem bei Produkten, deren Nachfrage starken Schwankungen unterliegt, wie es etwa bei Modeartikeln der Fall ist. Auch Klein- und Kleinstserien sowie nicht standardisierte Erzeugnisse, die über keinen großen Markt verfügen und oft speziell auf Kundenwunsch angefertigt werden müssen, eignen sich für desintegrierte Produktionsstrukturen (WHITAKER, MARSHALL 1975: 196; BECATTINI 1990: 41).
MARSHALL bezeichnete die von Kleinunternehmen geprägten regionalen Produktionsnetzwerke als Industriedistrikte (MARSHALL 1927b). Ihre Effizienz führte er sowohl auf wirtschaftliche als auch auf soziokulturelle Faktoren zurück. Aus ökonomischer Perspektive ergeben sich durch die räumliche Konzentration von Betrieben gleicher oder miteinander verzahnter Branchen Lokalisationsvorteile. Die branchenspezifische Infrastruktur, das Pooling spezialisierter Arbeitskräfte und die Verfügbarkeit von Zuliefer- und Absatznetzwerken verhelfen Distriktunternehmen zu niedrigen Beschaffungs-, Produktions- und Vertriebskosten. Daneben spielen die Effizienzgewinne durch Spezialisierung eine wichtige Rolle. Industriedistrikte sind durch eine ausgeprägte intraregionale und zwischenbetriebliche Arbeitsteilung gekennzeichnet. Dabei konzentrieren sich die Betriebe auf einzelne Schritte eines Produktionsprozesses, die sie kontinuierlich optimieren (SCHÄTZL 2003: 232 f.). Auf diese Weise erwerben sie in ihrem jeweiligen Abschnitt der Wertschöpfungskette spezifische Kompetenzen. Durch die Aufspaltung in Produktionsphasen bleibt die technisch und wirtschaftliche sinnvolle Größe der einzelnen Industrieanlagen relativ klein. So können nach MARSHALL auch Kleinbetriebe eine hohe Auslastung ihrer Anlagen erreichen und Skaleneffekte realisieren, wenn auch freilich nur in dem kleinen Abschnitt der Produktionskette,
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auf den sie sich beschränken. Bei guter Auslastung wiederum lohnen sich Investitionen in neue Maschinen, sodass die Produktivität weiter gesteigert werden kann:
„the advantages of production on a large scale can in general be as well attained by the aggregation of a large number of small masters into one district as by the erection of a few large works. (…) with regard to many classes of commodities it is possible to divide the process of production into several stages, each of which can be performed with the maximum of economy in a small establishment. (…) If there exist a large number of such small establishments specialized for the performance of a particular stage of the process of production, there will be room for the profitable investment of capital” (WHITAKER/MARSHALL 1975: 196 f.).
Durch regelmäßige Kapitalinvestitionen kann die technische Ausstattung und die Effizienz der Produktionsabläufe in Distriktbetrieben ein Niveau erreichen, das man gemeinhin eher in großen, vertikal integrierten Unternehmen erwarten würde. Dank moderner Produktionsgüter erhöht sich zudem die Flexibilität, die Produktion kann laufend an die sich verändernde Nachfragebedingungen angepasst werden (SCHÄTZL 2003: 232).
Räumlich sind die KMU in Industriedistrikten oft kaum weniger konzentriert als die Produktionsstätten eines einzelnen Großunternehmens. Sie bilden gewissermaßen eine „Fabrik ohne Wände“ (HARRISON 1992: 475). Die Stärke solcher Strukturen resultiert also nicht aus der Größe des einzelnen Betriebs, sondern vielmehr aus der Größe und der Funktionsweise des gesamten Produktionssystems, in welches der Betrieb eingebunden ist (BELLANDI 1989b: 138 f.). Die diversen Kostenvorteile, die sich dem Einzelunternehmen durch die Einbindung in ein über-geordnetes System ergeben, fasst MARSHALL unter dem Begriff external economies zusammen (MARSHALL 1927a: 220 ff.).
Der Erfolg von Industriedistrikten ist jedoch auch von einer Reihe außerökonomischer Einfluss-faktoren abhängig. Der soziokulturellen Dimension des Industriedistrikts trägt MARSHALL mit dem Begriff der „industriellen Atmosphäre“ Rechnung. Diese Metapher steht vor allem für die Akkumulation von technischem und unternehmerischem Know-how innerhalb eines Industriedistrikts, auf das die Betriebe zurückgreifen können. Die räumliche Konzentration vieler sach-kundiger Arbeitskräfte, die auch außerhalb der Fabriken miteinander in Kontakt stehen, fördert die Verbreitung von spezifischem Wissen über Produkte und Produktionsprozesse. Die Geheimnisse der Industrie liegen gewissermaßen „in der Luft“ und werden in vielen alltäglichen Situationen - oft unbewusst - zwischen Kollegen, Bekannten und Familienmitgliedern aus-
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getauscht. Dadurch wird der Innovationsprozess kontinuierlich in Gang gehalten (MARSHALL 1927a: 25; BELLANDI 1989b: 142). Zudem fördert die Kenntnis der Gesetzmäßigkeiten des Marktes und der Eigenheiten der jeweiligen Branche unternehmerische Aktivitäten. Viele Distriktbewohner sind in der Lage, die Erfolgschancen von Produkten einzuschätzen und Marktlücken zu erkennen. Das besondere sozioökonomische Umfeld eines Industriedistrikts wirkt somit wie ein Inkubator für unternehmerische Kompetenzen, was der wirtschaftlichen Entwicklung zu weiterer Dynamik verhilft (DEI OTTATI 2006: 76 f.).
Der theoretische Bezug auf MARSHALL ermöglichte es, den scheinbaren Widerspruch zwischen ökonomischem Erfolg und geringer Unternehmensgröße aufzulösen. BECATTINI sprach sich daher dafür aus, den Industriedistrikt als Untersuchungseinheit für Arbeiten zum Dritten Italien zu-grunde zu legen, statt - wie in den Wirtschaftswissenschaften bis in die 1980er Jahre üblich - auf der Mikroebene (Unternehmer, Firma) oder Makroebene (gesamte Volkswirtschaft) zu verharren. Nur die Betrachtung der Mesoebene mache es möglich, die externen Kostenvorteile, die außerhalb des einzelnen Unternehmens, aber innerhalb des Distrikts entsehen, zu berücksichtigen und damit die Wettbewerbsfähigkeit der Produktionsnetzwerke zu erklären (BECATTINI 1979). Moderne Auslegungen des Industriedistriktkonzepts betonen, dass die Grenzen zwischen einzelnen Firmen durch deren Interdependenz, durch die intensive Kooperation und den „kooperativen Wettbewerb“ verschwimmen (HARRISON 1992: 471). Ökonomische Akteure werden nicht wie in der neoklassischen Theorie als atomisierte Konkurrenten betrachtet. Somit resultieren auch die in Distrikten entstehenden Agglomerations- bzw. Lokalisationsvorteile nicht aus der bloßen quantitativen Ansammlung von Unternehmen an einem Ort, sondern vielmehr aus der Qualität ihrer Interaktion (DEI OTTATI 2006: 74 f.; HARRISON 1992: 470 f.). Ein weiterer Vorzug von MARSHALLs Konzeption ist die Einbeziehung der sozialen Dimension des Produktionsprozesses durch das Element der Industriellen Atmosphäre. Schließlich hat gerade die Untersozialisierung vieler klassischer Ansätze lange zum mangelnden Verständnis für das Fortbestehen kleiner, sich vertikaler Integration erfolgreich widersetzender Firmen gesorgt (GRANOVETTER 1985: 507). Damit wird das embeddedness-Konzept (GRANOVETTER 1985) bereits implizit vorweggenommen. Mit den wirtschaftlichen Erfolgen des Dritten Italien bekamen MARSHALLs Arbeiten einen aktuellen Bezug. Vertreter der Florentiner Schule um GIACOMO BECATTINI und MARCO BELLANDI gingen als erste dazu über, die von Kleinunternehmen geprägten Industrieagglomerationen im Dritten Italien als Industriedistrikte zu konzeptionalisieren, wobei MARSHALLs Thesen an die spezifischen lokalen Bedingungen angepasst wurden (BECATTINI 1979, 1989, 1990; BELLANDI 1989b). Um die Unterschiede zu den Verhältnissen im 19. Jahrhunderts herauszustellen, wird in
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diesem Zusammenhang mitunter auch der Begriff „Neo-MARSHALLianischer Industriedistrikt“ verwendet (TAPPI 2001).
Ende der 1980er Jahre untersuchte SFORZI die räumliche Verteilung der italienischen Industriedistrikte in einer empirischen Studie (SFORZI 1989). Dabei grenzte er kleinräumige Arbeitsmarktregionen anhand von Pendlerströmen ab. Diese klassifizierte er als Industriedistrikte, wenn sie bezüglich ihrer ökonomischen (hohe Konzentration kleiner und mittlerer Industrieunternehmen gleicher oder verwandter Branchen) und sozialen Struktur (hoher Bevölkerungsanteil von Unternehmern, Industriearbeitern, erwerbstätigen Frauen) distrikttypische Merkmale aufwiesen. Auf diese Weise identifizierte er 60 Industriedistrikte, die einer überschaubaren Anzahl von Branchen angehörten und sich überwiegend in den Verwaltungsregionen Mittel- und Nordostitaliens be-fanden (vgl. Abb. 2) (SFORZI 1989; BATHELT 1998: 256 f.). Der Begriff Branche ist dabei im weitesten Sinne zu verstehen, da beispielsweise Textildistrikte neben den eigentlichen Textilherstellern auch Unternehmen umfassen, welche die zur Textilproduktion nötigen Maschinen oder Chemikalien produzieren (BECATTINI 1990: 40).
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Gerade in räumlicher Perspektive tragen die theoretischen Überlegungen zu Industriedistrikten wesentlich zum Verständnis der Standortstruktur des Dritten Italien bei. Damit sich die diversen external economies der Distriktstruktur voll entfalten können, ist räumliche Nähe von essenzieller Bedeutung. Dementsprechend tendieren die Unternehmen zur räumlichen Konzentration. So entstehen die typischen, nach Branchen differenzierten Agglomerationen, wo Firmen die für sie geeigneten Standortbedingungen maßgeblich selbst prägen. Dort, wo sie sich konzentrieren, entsteht nach und nach ein breites produkt- und prozessbezogenes Know-how, ein auf die Branchenbedürfnisse zugeschnittener Arbeitsmarkt, geeignete Infrastruktur und günstige sozioinstitutionelle Rahmenbedingungen. Dies wirkt als Anreiz zu weiteren Ansiedlungen und Neugründungen. So kommen AMIN und ROBINS nicht ohne Grund zu der Einschätzung, MARSHALLs Industriedistrikte eigneten sich besser als jedes andere Modell zur Konzeptionalisierung der Strukturen des Dritten Italien (AMIN & ROBINS 1990: 19). Das Konzept ist in der Lage, die wirtschaftlichen Vorteile der dortigen Strukturen schlüssig zu erklären. Trotz der geringen Größe der Unternehmen können in einem Industriedistrikt Skaleneffekte sogar mehrfach abgeschöpft werden. Viele, eng verknüpfte KMU bilden in ihrer Gesamtheit ein System beträchtlicher Größe, wodurch economies of scale auf Distriktebene entstehen (HARRISON 1992: 471). Daneben ergeben sich dank der hohen Auslastung der spezialisierten Maschinen und aufgrund der Flexibilität auch Skaleneffekte und economies of scope für den einzelnen Betrieb selbst. Unternehmen profitieren durch die Einbettung in die Strukturen eines Industriedistrikts von vielfältigen externen Kosten-vorteilen sowie von einem soziokulturellen Umfeld, das Innovation und Unternehmergeist fördert.
Leider wird der Terminus „Industriedistrikt“ häufig leichtfertig für spezialisierte Industrieagglomerationen aller Art herangezogen (z. B. DIGIOVANNA 1996; GUERRIERI et al. 2001). Die Aussagekraft des Konzepts leidet darunter, dass es auf inkonsequente Art auf zahlreiche, sehr unterschiedliche Regionen in allen Erdteilen angewandt wird. In Wahrheit stellen Industriedistrikte italienischer Prägung aufgrund des spezifischen sozioinstitutionellen Umfelds wohl eher eine Ausnahmeerscheinung dar (MARKUSEN 1996). MARSHALL selbst hielt die industrielle Atmosphäre aufgrund der Ortsgebundenheit ökonomischer, sozialer und institutioneller Normen für nicht transferierbar (MARSHALL 1927b). Die oft praktizierte Verallgemeinerung des Konzepts, auf die der „Mythos“ des Dritten Italien gründet, ist daher kritisch zu sehen. Damit steht auch der modellhafte Charakter von Industriedistrikten als wirtschaftsräumliche Konfiguration grundsätzlich in Frage (BATHELT 1998: 263). In Mittel- und Nordostitalien jedoch ist der Industriedistrikt als Paradigma der sozioökonomischen Entwicklung nach wie vor von großer Relevanz (BECATTINI & BELLANDI 2006). Die aus der Distriktstruktur resultierenden Vorteile sind Schlüsselfaktoren der
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Wettbewerbsfähigkeit des Dritten Italien. Die Zukunftsfähigkeit der Region wird somit entscheidend davon abhängen, ob es gelingen wird, die Distriktstrukturen erfolgreich an die sich rasch verändernden äußeren Rahmenbedingungen anzupassen.
II.1.2 Flexible Spezialisierung
Obwohl die außergewöhnliche Wirtschafts- und Sozialstruktur des Dritten Italien bereits 1977 von BAGNASCO beschrieben worden war, erlangte die Region erst mit PIORE und SABELs (1989) Veröffentlichung über die Vorzüge flexibel spezialisierter Produktionsstrukturen internationale Aufmerksamkeit. Darin stellen die Autoren den Erfolg der italienischen Industriedistrikte in den übergeordneten Zusammenhang der Krise des fordistischen Produktionssystems in den Industrieländern. Im Laufe des 19. Jahrhunderts, spätestens aber zu Beginn des 20. Jahrhunderts, hatte sich dort die Massenproduktion als Paradigma der industriellen Entwicklung durchgesetzt, während handwerkliche Produktionsstrukturen kontinuierlich zurückgedrängt wurden. Diesen Übergang bezeichnen PIORE und SABEL als „erste industrielle Wegscheide“ (PIORE & SABEL 1989: 13). In der Massenproduktion wird ein Produktionsprozess in kleine, einfache Schritte zerlegt, die von ungelernten Arbeitern an spezialisierten Maschinen ausgeführt werden. Der Mechanisierungsgrad ist hoch. Produziert werden standardisierte Güter für einen möglichst großen und homogenen Markt. In der Handwerksproduktion dagegen stellen qualifizierte Arbeiter mit vielfältig einsetzbaren Werkzeugen spezielle Güter für einen begrenzten Markt her. In der Kostenstruktur dominieren dabei die variablen Kosten, während in der Massenproduktion der Fixkostenanteil überwiegt (PIORE & SABEL 1989: 28, 63 ff.). In der Massenproduktion sinken somit die Stückkosten mit steigenden Produktionsvolumina wesentlich stärker als bei handwerklicher Produktion. Aufgrund dieses Kostenvorteils konnten sich Güter aus Massenproduktion auf den Märkten weithin durchsetzen. Allerdings sind Unternehmen, die nach diesem Prinzip produzieren, auf stabile Märkte angewiesen. Investitionen in teure Spezialmaschinen werden nur getätigt, wenn die Aussicht besteht, dass eine lang anhaltende Nachfrage nach großen Mengen der erzeugten Produkte besteht. Auch die langfristige Berechenbarkeit der Material- und Arbeitskosten spielt für die Investitionsentscheidung eine wichtige Rolle. Um Absatz- und Beschaffungsmärkte besser beherrschen zu können, versuchten die Unternehmen, möglichst große Teile der Wertschöpfungskette unter ihre Kontrolle zu bringen und trieben die vertikale Integration voran (PIORE & SABEL 1989: 66). Je größer ein Unternehmen wurde, umso mehr konnte es von economies of scale
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profitieren. Massenproduktion erfolgte bald überwiegend in integrierten Großunternehmen und Konzernen. In vielen Industriezweigen ermöglichte die Massenproduktion enorme Produktivitätssteigerungen, die wachsende Unternehmensgewinne, steigende Löhne und niedrigere Verbraucherpreise nach sich zogen. Dieser Entwicklungszusammenhang führte in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg zu beträchtlichem Wohlstand und gesellschaftlicher Stabilität in den entwickelten Industrieländern.
Ende der 1960er Jahre jedoch waren die Grenzen dieser Entwicklung erreicht. Zahlreiche Industriesektoren kämpften mit sinkender Produktivität und einem immer größeren Konkurrenzdruck aus Entwicklungs- und Schwellenländern. Die Arbeitslosenquote in den Industrieländern stieg an, Arbeitskämpfe häuften sich. Die Unternehmen reagierten darauf mit Produktionsverlagerungen an periphere oder ausländische Standorte mit niedrigeren Lohn- und Sozialkosten. Während gemeinhin vor allem externe Einflüsse wie der Ölschock von 1973 für die krisenhaften Entwicklungen verantwortlich gemacht wurden, gehen PIORE & SABEL davon aus, dass der Kern des Problems struktureller Natur ist. Der Nachteil von Massenproduktion ist demnach ihre außer-ordentliche Rigidität im Sinne eines sehr restriktiven Gebrauchs der Produktionsmittel. Die Produktionsanlagen und -prozesse sind so spezialisiert, dass eine Umstellung auf andere Produkte nicht oder nur mit großem Kapitalaufwand möglich ist (PIORE & SABEL 1989: 31 f.). Massenproduktion kann somit weder qualitativ noch quantitativ schnell auf Nachfrageänderungen reagieren. Dieses strukturelle Problem der schwerfälligen Koordination von Angebot und Nachfrage kam voll zum Tragen, als die für Massenproduktionsunternehmen so wichtige Stabilität der Märkte durch diverse gesellschaftliche und politische Entwicklungen zunehmend verloren ging. Seit der Einführung flexibler Wechselkurse 1971 hatten die Unternehmen mit teils erheblichen Währungskursschwankungen zu kämpfen, welche die Kalkulierbarkeit von Nachfrage und Beschaffungskosten stark erschwerten. Die Ölkrisen von 1973 und 1979/80 hatten steigende und vor allem unberechenbarere Rohstoffpreise zur Folge. Noch ausschlaggebender war jedoch die zunehmende Sättigung und Fragmentierung der Massenmärkte in den Industrieländern. Die auf-grund deflationärer Politik infolge der Rohstoffkrisen ohnehin geschwächte Nachfrage wurde immer heterogener. Die Akzeptanz standardisierter Produkte nahm zugunsten des Trends zu individuelleren Erzeugnissen ab. Die Massenmärkte, die die Basis des Erfolgs der Massenproduktion darstellten, zerfielen in zahllose kleine Segmente und Nischen. Großserienproduktion konnte diesen neuen Märkten kaum noch gerecht werden. Wenn die Großunternehmen versuchten, ihre Produkte dem Konsumentenwunsch entsprechend zu diversifizieren, trugen sie damit zur weiteren Verengung der Märkte bei und beschränkten somit das Wachstum in den
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alten Bahnen. Je kleiner die Produktserien wurden, umso stärker schrumpfte der Kostenvorteil der Massenproduzenten (PIORE & SABEL 1989: 213).
Bereits vor der Krise des Fordismus, als Massenproduktion in vertikal integrierten Unternehmen noch das unangefochtene technologische und organisatorische Paradigma industrieller Entwicklung darstellte, waren handwerklich geprägte Produktionsstrukturen nie völlig untergegangen. Ihre ungebrochene Vitalität stand im Widerspruch zu der verbreiteten Ansicht, dass es sich bei den kleinen Produzenten letztlich nur um Residuen einer vergangen Epoche handle, die früher oder später verschwinden würden. Doch Kleinunternehmen besetzten bereits zur Hochzeit des Fordismus konsequent jene Marktsegmente, die für Massenproduktionsunternehmen unrentabel erschienen, weil sie zu klein oder zu unsicher waren. So lieferten sie beispielsweise Produktionsanlagen für fordistische Großunternehmen, weil diese so spezifisch waren, dass sie selbst nicht in Massenproduktion hergestellt werden konnten (BERGER & PIORE 1980). In einigen Industriezweigen wie der Frauenbekleidungsindustrie, die von stark schwankender Nachfrage gekennzeichnet sind, dominierten sie sogar (PIORE & SABEL 1989: 36 f.). Als Alternative zum Paradigma der Massenproduktion entwerfen PIORE und SABEL das Bild eines der Handwerksökonomie ähnlichen Organisationsmodells, das sie als „flexible Spezialisierung“ bezeichnen (PIORE & SABEL 1989: 279). Dabei spezialisieren sich Kleinunternehmen auf einzelne Abschnitte der Produktionskette, wo sie spezifische Kompetenzen aufbauen. Diese Spezialisierung zwingt sie, entlang der Wertschöpfungskette miteinander zu kooperieren und Produktionsnetzwerke aufzubauen. Innerhalb dieser Verflechtungen verschmelzen die individuellen Kompetenzen der Einzelunternehmen zu einer breiten produkt- und prozessbezogenen Kompetenz über die ganze Wertschöpfungskette (BATHELT 1998: 257). Aufgrund der Netzwerkstruktur bilden flexibel spezialisierte Unternehmen einer Industriebranche häufig regionale Ballungen. Räumliche Nähe und ein starkes Gemeinschaftsgefühl erleichtern die Koordination und verringern die Risiken der oft informell organisierten Zusammenarbeit (PIORE & SABEL 1989: 294). Im Unterschied zur Massenproduktion sind die Produktionsmittel in der flexibel spezialisierten Produktion sehr vielseitig einsetzbar. Die gut ausgebildeten Arbeiter verfügen über ein breites Wissen über Produkte und Produktionsprozesse. Somit sind Umstellungen auf neue Produkte oder Produktvarianten schnell und kostengünstig durchführbar (PIORE & SABEL 1989: 39). Wesentlich weniger restriktiv als in der Massenproduktion sind auch die Beschäftigungsverhältnisse. Der Einfluss der Gewerkschaften ist begrenzt, die Hierarchien sind flach. Häufig besteht ein Großteil der Belegschaft aus Familienmitgliedern, die bereit sind, ihre Arbeitszeiten und Löhne an die Auftragslage des Unternehmens anzupassen. Sogar die Beziehungen zwischen den einzelnen Akteuren eines Unternehmensnetzwerkes sind flexibel. Im toskanischen Textil-
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Industriedistrikt Prato etwa wechseln Unternehmen häufig die Rollen zwischen Auftraggeber und Subunternehmer, je nach aktueller Auftragslage und Kapazität (PIORE & SABEL 1989: 240). Somit können sich flexibel spezialisierte Unternehmen gut an dynamische Nachfragestrukturen anpassen und entstehende Marktnischen rasch besetzen. Damit ähnelt flexibel spezialisierte Produktion in vielen Punkten den Produktionsstrukturen der Industriedistrikte des 19. Jahrhunderts. Eine entscheidende Weiterentwicklung flexibel spezialisierter Produktionssysteme im Vergleich zur traditionellen Handwerksökonomie besteht im Einsatz moderner Anlagentechnik selbst in Kleinbetrieben. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Aufkommen der Computertechnologie. Sie erlaubte es KMU, auch technologisch zu Massenproduktionsunternehmen aufzuschließen. Produktionsumstellungen können in computergesteuerten Anlagen durch einfache Umprogrammierung statt durch physische Umrüstung zeit- und kostensparend durchgeführt werden (PIORE & SABEL 1989: 287 ff.). So können kleine Betriebe ihre Produktion mechanisieren und die Produktivität erhöhen, ohne auf ihren Flexibilitätsvorteil zu verzichten. Dank der Spezialisierung auf kleine Abschnitte der Produktionskette ist der Kapitalaufwand für die Einführung neuer Technologien begrenzt, was angesichts der beschränkten Ressourcen vieler Kleinfirmen ein nicht unwichtiger Faktor ist (BATHELT 1989: 252). PIORE und SABEL stellten bei Untersuchungen Anfang der 1980er Jahre fest, dass auch die kleinsten Unternehmen in italienischen Industriedistrikten durchweg mit modernen, computergestützten Maschinen ausgestattet waren. Die Arbeitsabläufe waren genauso rationell und effizient organisiert, wie in großen Fabriken (PIORE & SABEL 1983: 393 f.). Das Erfolgsrezept der kleinen Industriebetriebe des Dritten Italien bestand also gerade in der Kombination von Flexibilität und technischer Innovation.
Bei Kleinserien haben kleine, handwerklich geprägte Betriebe seit jeher einen Kostenvorteil gegenüber großen Massenproduktionsunternehmen, da economies of scale hier kaum zum Tragen kommen. Stattdessen gewinnen economies of scope an Bedeutung, d. h. Kostenersparnisse, die sich aus der Mehrfachnutzung von Ressourcen ergeben, wenn also mit den gleichen Arbeitskräften und Produktionsanlagen unterschiedliche Produkte und Produktvarianten hergestellt werden können (PANZAR & WILLIG 1981). Mithilfe moderner Technik und verbesserter Produktivität konnten flexibel spezialisierte Unternehmen diesen Vorteil weiter ausbauen. So ermöglichte die technologische Flexibilität die Expansion von kleinbetrieblichen Produktionsstrukturen, die lange nur eine Randerscheinung darstellten (PIORE & SABEL 1989: 231). Sie scheinen über optimale Voraussetzungen zu verfügen, um einen immer größeren Teil der zunehmend heterogenen und unbeständigen Nachfrage an sich zu binden. PIORE und SABELs Argumentation zielt daher darauf ab, dass flexibel spezialisierte Produktion der Massenproduktion integrierter Großkonzerne unter den veränderten ökonomischen und gesellschaftlichen Rahmen-
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bedingungen grundsätzlich überlegen ist. Wir stünden somit vor einer zweiten industriellen Wegscheide, im Zuge derer handwerklich-kleinbetriebliche Produktionsstrukturen ihr Schattendasein beenden und zum neuen Paradigma der wirtschaftlichen Entwicklung werden können. Die wirtschaftliche Blüte des Dritten Italien ist somit kein Zufall, sondern reflektiert langfristige Veränderungen von Marktstrukturen und technologischen Wandel in den entwickelten Industriegesellschaften (PIORE & SABEL 1983: 391).
In Italien bestehen besonders günstige Voraussetzungen für die Entwicklung einer flexibel spezialisierten Produktionsstruktur. Die Massenproduktion hatte sich hier nie so nachhaltig durchsetzen können wie in anderen Industrieländern. Das Verhältnis der Tarifparteien ist traditionell sehr konfliktträchtig, was die Expansion großer Massenproduktionsunternehmen behinderte. Dagegen verfügt das Land über eine lange Handwerkstradition. Auf dem fragmentierten Binnenmarkt konnten viele spezialisierte Handwerksbetriebe überleben, die den Kern einer neuen, flexibel spezialisierten Ökonomie bilden können. Somit stellen diese historisch gewachsenen Strukturen heute angesichts der veränderten Nachfragebedingungen einen Wett-bewerbsvorteil dar (PIORE & SABEL 1983: 396, 406).
PIORE und SABELs Theorie ist jedoch nicht unumstritten. Die Kritik richtet sich hauptsächlich darauf, dass der flexiblen Spezialisierung epochale Bedeutung beigemessen wird, indem man sie in den übergeordneten Zusammenhang von makroökonomischem und makrosozialem Wandel stellt (AMIN & ROBINS 1990: 8). Dass wir tatsächlich am Beginn eines neuen, flexibel spezialisierten Industriezeitalters stehen, während das auf Massenproduktion basierende Modell industrieller Entwicklung dem Untergang geweiht ist, erscheint gerade aus heutiger Perspektive äußerst unwahrscheinlich. PIORE und SABELs vereinfachende Gegenüberstellung von rigider Massenproduktion einerseits, und flexibel spezialisierter Produktion andererseits, wird der Komplexität der Realität kaum gerecht. Viele Regionen sind eher heterogen strukturiert, vertikal integrierte Großunternehmen und desintegrierte KMU-Netzwerke existieren nebeneinander (STERNBERG 1995: 47). Auch die großen Unternehmen haben gelernt, ihre Produktpalette zu differenzieren und sich mithilfe flexibler Arbeitsorganisation und moderner Technologien an unstete Nachfragebedingungen anzupassen. Vielfach konnten sie ihre Marktanteile sogar auszubauen. Der Bedeutungsverlust von Massenmärkten und Skaleneffekten scheint demnach nicht so umfassend zu sein, wie vielfach prophezeit (AMIN & ROBINS 1990: 12). So kann aus heutiger Sicht mit Recht bezweifelt werden, dass flexibel spezialisierte Produktion notwendigerweise ein aufkommendes Paradigma industrieller Entwicklung darstellt und dazu bestimmt ist, ein neues Zeitalter zu prägen. Für den als „zweite industrielle Wegscheide“ (PIORE & SABEL 1989) bezeichneten fundamentalen Bruch mit der von Massenproduktion geprägten Ära gibt es keine ausreichenden
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empirischen Belege. Wahrscheinlicher ist, dass flexible Spezialisierung nicht zwangsläufig die nächste Stufe eines linearen Entwicklungsprozesses darstellt, sondern vielmehr eine von mehreren Möglichkeiten ist, industrielle Produktion an die veränderten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen anzupassen (AMIN & ROBINS 1990: 8, 25; HENRY 1992). Für das Dritte Italien sind die theoretischen Ansätze zur flexiblen Spezialisierung dennoch bedeutsam. PIORE und SABEL räumen der Nachfrage und damit gesellschaftlichen Entwicklungen einen entscheidenden Einfluss auf die industrielle Produktionsstruktur ein (PIORE & SABEL 1989: 13). Dieser Ansatz ist sinnvoll, denn er erklärt, warum der Sektor der Kleinunternehmen und Handwerker, die bisher eine marginale Stellung am Rand der Massenmärkte hatten, plötzlich Zugang zu immer mehr Marktsegmenten bekamen. Der unbestreitbare Trend zur Individualisierung und die damit verbundene Fragmentierung der Nachfragestrukturen stellte die Massenproduktionsunternehmen seit Ende der 1960er Jahre in der Tat vor große Probleme. So öffnete sich für periphere Räume, deren Wirtschaft traditionell von kleinen, desintegrierten Konsumgüterproduzenten geprägt war, ein window of opportunity. Die KMU der Industriedistrikte nutzten diese Chance, schlossen technologisch zu den Großunternehmen auf und entwickelten sich zum wichtigsten Wachstums- und Beschäftigungsmotor ganzer Regionen. Auch in räumlicher Perspektive trägt die Theorie durchaus zum Verständnis der vorgefundenen Strukturen bei. Das hohe Maß an unternehmensübergreifender Arbeitsteilung erfordert räumliche Nähe, um die entfernungsabhängigen Transaktionskosten zu senken, um Kommunikation und Koordinierung zu erleichtern und um die Risiken der Zusammenarbeit zu minimieren (STERNBERG 1995: 43; HARRISON 1992: 477 f.). Vertikale Disintegration erfordert demzufolge räumliche Konzentration und räumliche Konzentration fördert vertikale Disintegration (SCOTT 1986: 224). Flexibilität in der Produktion bedingt zwangsläufig die räumliche Agglomeration von Unternehmen und trägt damit zum Wiederaufleben des Phänomens der Industriedistrikte wie im Dritten Italien bei (STORPER & SCOTT 1989: 27).
Allerdings muss die historische Relevanz, die dem Dritten Italien als Vorreiter einer neuen Epoche mitunter zugesprochen wurde, wohl relativiert werden. Ob die dortigen Strukturen einen allgemeingültigen Entwicklungstrend industrieller Produktion repräsentieren, ist zu hinterfragen. Wenn flexible Spezialisierung nicht das beherrschende Paradigma einer neuen industriellen Ära ist, dann können auch die flexibel spezialisierten italienischen Industriedistrikte nicht als die „neuen Wachstumszentren des Weltsystems“ (SCOTT 1988: 178) angesehen werden. Versuche, den Erfolg der flexiblen Produktionsstrukturen Italiens zu verallgemeinern und für übertragbar zu halten, sind skeptisch zu sehen. Möglicherweise spielte ein gewisses Maß an Wunschdenken auf
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der Suche nach Alternativen zur kriselnden Massenproduktion bei der bisweilen recht unkritischen Bewertung von vermeintlich postfordistischen Produktionsmodellen eine Rolle.
II.1.3 Embeddedness und Vertrauen
Im Rahmen desintegrierter Produktionsnetzwerke entstehen einem Unternehmen durch die Vielzahl der Austauschbeziehungen mit externen Akteuren hohe Transaktionskosten. Vertikal integrierte Unternehmen, die danach streben, möglichst viele Transaktionen zu internalisieren, sind hier klar im Vorteil. So wurde das integrierte Großunternehmen lange als überlegene Organisationsform angesehen, während man KMU-Netzwerken langfristig kaum Überlebenschancen einräumte (CHANDLER 1977). Aus dieser Logik heraus kann der Erfolg von Regionen wie dem Dritten Italien nicht plausibel erklärt werden. Laut GRANOVETTER liegt das konzeptionelle Problem solcher klassischen und neoklassischen Überlegungen in ihrer atomistischen und untersozialisierten Grundperspektive des ökonomischen Akteurs als homo œconomicus (GRANOVETTER 1985: 483). In Wahrheit sei ökonomisches Handeln eine Form sozialen Handelns und könne nicht kontextfrei geschehen. Mit dem Konzept der embeddedness meint GRANOVETTER, dass ökonomisches Handeln nicht zwischen isolierten Akteuren stattfindet, sondern in ein fortdauerndes System sozialer Beziehungen eingebettet ist. Alle Bereiche des wirtschaftlichen Lebens sind demnach von Beziehungsnetzwerken durchdrungen (GRANOVETTER 1985: 487). Von besonderem Interesse sind hierbei konkrete persönliche Beziehungen, die dazu beitragen, ein vertrauensvolles Geschäftsklima zu schaffen, das Transaktionen zwischen den Akteuren erleichtert. Für SABEL ist Vertrauen eine essenzielle Voraussetzung für das Funktionieren regionaler Produktionssysteme (SABEL 1997). Wenn ökonomische Akteure nur ihr Eigeninteresse verfolgen und opportunistisch handeln, steigen die Transaktionskosten stark an, da jeder Leistungsaustausch genau überwacht und vertraglich fixiert werden muss (WILLIAMSON 1985: Kap. 2). Unter solchen Bedingungen wäre die intensive unternehmensübergreifende Arbeitsteilung in desintegrierten Produktionsnetzwerken ökonomisch kaum sinnvoll. Die Austauschprozesse in den Industriedistrikten des Dritten Italien vollziehen sich jedoch vor dem Hintergrund relativ stabiler Vertrauensbeziehungen zwischen den lokalen Herstellern. Vertrauen verringert die Unsicherheit und wirkt sich somit günstig auf die Transaktionskosten aus, insbesondere in Bezug auf Aufwendungen für Vertragsabschluss, Kontrolle und Qualitätssicherung. Es ist somit ein zentraler Faktor der Wirtschaftsentwicklung in den italienischen Industriedistrikten (BATHELT 1998: 258 f.).
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Damit derartige Vertrauensbeziehungen entstehen können, sind allerdings bestimmte Voraussetzungen nötig. Vertrauen ist erfahrungsgebunden, es entwickelt sich über einen längeren Zeitraum auf der Grundlage wiederholter Interaktionen. Vertrauen zwischen Geschäftspartnern basiert vorwiegend auf positiven Vergangenheitserfahrungen. Demnach ist räumliche Nähe ein wichtiger Faktor, da sie regelmäßige persönliche Kontakte ermöglicht (HARRISON 1992: 477). Unternehmen bevorzugen Partner, mit denen sie bereits gute Erfahrungen gemacht haben oder die gemeinhin als zuverlässig gelten. Daraus ergibt sich für alle Beteiligten eine ökonomische Motivation für redliches, vertrauenswürdiges Verhalten. Daneben dürften auch die die Erwartungen der Lokalgemeinschaft an ihre Mitglieder und die soziale Kontrolle einen wichtigen Anreiz für die Achtung gewisser Regeln darstellen (GRANOVETTER 1985: 490). Eine große Rolle spielt die Verwurzelung der Unternehmen in den Distriktgemeinden mit ihrer spezifischen Geschichte und Kultur. Es besteht keine klare Trennung zwischen Wirtschafts- und Sozialleben, vielmehr sind italienische Industriedistrikte geprägt von einer „thick local texture of interdependencies which bind together the small firms and the local population” (BELLANDI 1989b: 138). Nahezu die gesamte Bevölkerung, vom Selbstständigen bis zu den zahlreichen Heimarbeiterinnen, ist auf irgendeine Weise in den Produktionsprozess involviert. Auf diese Weise entsteht eine enge Verzahnung zwischen den andernorts räumlich und zeitlich stärker getrennten Sphären der Ökonomie und des Privaten bzw. Familiären (BECATTINI 1990: 43). Alle ökonomischen Aktivitäten sind in ein Netzwerk sozialer Beziehungen eingebettet, in dem ganz bestimmte Verhaltensnormen gelten. Es herrscht ein relativ homogenes Wertesystem, in dem Loyalität, Reziprozität und Solidarität von zentraler Bedeutung sind (TAPPI 2001: 8). Die räumliche und kulturelle Nähe der Akteure im Distrikt fördert den Informationsaustausch, das Sicherheitsempfinden und damit Vertrauen. Opportunistisches Verhalten Einzelner fällt schnell auf und wird von der Gemeinschaft entsprechend sanktioniert.
Die enge wirtschaftliche und soziale Vernetzung ermöglicht nicht nur Ersparnisse bei der vertraglichen Fixierung und Überwachung von Transaktionen, sondern auch bei der Informationssuche und -beschaffung. Neuigkeiten verbreiten sich im Distrikt schnell, und das Wissen über die Kompetenzen und die Verlässlichkeit von potenziellen Geschäftspartnern ist als „Gemeingut“ quasi frei verfügbar. Auf diese Weise wird auch die Humankapitalallokation optimiert, da die Fähigkeiten von Arbeitnehmern, gerade wenn sie die formale Qualifikation übersteigen, ebenso bekannt sind, wie der Leumund von Unternehmern (BECATTINI 1990: 42). Solange dieses System sozialer Beziehungen funktioniert, bewirkt es also eine erhebliche Senkung der Transaktionskosten und ist damit Voraussetzung für die intensive unternehmensübergreifende Arbeitsteilung und Spezialisierung in den Industriedistrikten Mittel- und Nordostitaliens. Die lokalisierte soziale
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