Der Kulturkanal Arte
1. EINLEITUNG 5
2. BEGRIFFSDEFINITIONEN 8
2.1 Europa als Kommunikationsraum 8
2.1.1 Die Kommunikationsraum-These von Kleinsteuber 9
2.1.2 Raum, Kommunikation und Rundfunk 9
2.1.3 Faktoren der Raumbildung 11
2.2 Kultur 13
2.2.1 Der Kulturbegriff von Arte 13
2.2.2 Kritik an kulturellen Programmen 14
2.3 Der europäische Kanal Arte 15
2.3.1 Der Vorgänger Eurikon 16
2.3.2 Der Vorgänger Europa-TV 17
2.4 Fernsehen und Europäische Integration 19
2.4.1 Der Integrationsbegriff 19
2.4.2 Der Identitätsbegriff 21
3. ZUR ENTSTEHUNGSGESCHICHTE VON ARTE 23
3.1 Voraussetzungen auf europäischer Ebene 23
3.1.1 Grundlegende Verträge - Regelungskompetenz der EU 23
3.1.2 Tätigkeiten der Europäischen Institutionen 25
3.1.2.1 Europäisches Parlament 26
3.1.2.2 Ministerrat 27
3.1.2.3 Europäische Kommission 28
3.1.3 Tätigkeiten des Europarats 29
3.1.4 Die Richtlinie “Fernsehen ohne Grenzen von 1989 30
3.1.5 Vergleich Europaratskonvention / Fernsehrichtlinie 32
3.2 Voraussetzungen in Deutschland und Frankreich 34
3.2.1 Frankreichs Weg zu Arte 34
3.2.1.1 Französisches Kulturfernsehen: LA SEPT 35
3.2.1.2 Französisches Interesse und Strategie 36
3.2.2 Deutschlands Weg zu Arte 37
2
3.2.2.1 Deutsches Kulturfernsehen: Dritte Programme, 3sat, 1Plus und Vox 37
3.2.2.2 Deutsches Interesse und Strategie 39
3.2.3 Gemeinsame Erklärungen und Vertrag zum Europäischen Kulturkanal 40
3.2.3.1 Gemeinsame Erklärungen zum Europäischen Fernsehkulturkanal 40
3.2.3.2 Vertrag zum Europäischen Fernsehkulturkanal 42
3.2.3.3 Arte-Gründungsvertrag 44
4 ARTE ALS KOMMUNIKATIONSRAUM-PROGRAMM 45
4.1 Externe Konfliktlinien 46
4.1.1 Politik - Zentralismus trifft auf Föderalismus 46
4.1.2 Recht - Rechtliche Vorgaben 49
4.1.3 Wirtschaft - Ökonomischer Raum 52
4.1.4 Technik - Technische Dimension 55
4.1.5 Kultur - Kulturraum trotz Differenzen 57
4.1.6 Zusammenfassung der Externen Konfliktlinien 60
4.2 Interne Konfliktlinien 62
4.2.1 Politik - Interne Politik des Senders 62
4.2.1.1 Erweiterung um neue Mitglieder 63
4.2.1.2 Streit um Arte-Präsidentschaftskandidaten 64
4.2.2 Recht - Struktur des Senders 66
4.2.2.1 Organisation der nationalen Pole 66
4.2.2.2 Gesellschaftsform und Organisation der Zentrale 68
4.2.3 Wirtschaft - Marktanteil, Rentabilität 70
4.2.3.1 Marktanteil 70
4.2.3.2 Rentabilität 72
4.2.4 Technik - Reichweiten, Empfang und technische Probleme 74
4.2.4.1 Reichweiten, Empfang 74
4.2.4.2 Technische Schwierigkeiten 76
4.2.5 Kultur - Interne kulturelle Differenzen 77
4.2.5.1 Der Arte-Journalismus 78
4.2.5.2 Zuschauerprofil 79
4.2.6 Zusammenfassung der internen Konfliktlinien 81
4.3 Conclusio aus der Untersuchung des Kommunikationsraums 83
3
Der Kulturkanal Arte
5 EUROPÄISCHE INTEGRATION 84
5.1 Arte und die Europäische Integration 85
5.2 Anspruch und Ziele von Arte 86
5.3 Mittel der Integration bei Arte 87
5.3.1 Der regard croisé 87
5.3.2 Programmprofil 89
5.4 Medienwirkung von Arte 90
5.4.1 Europäische Öffentlichkeit - Arte-Publikum 90
5.4.2 Arte und Medienwirkungs-Konzepte 92
5.5 Probleme für die Integration durch Arte 95
5.5.1 Sprache 96
5.5.2 Publikum 97
5.5.3 Defizite im Kommunikationsraum 99
5.6 Zusammenfassung 100
6 CONCLUSIO UND AUSB LICK 102
7 LITERATURVERZEICHNIS 105
8 ANHANG 117
8.1 Tabelle: Analoger Satellitenempfang von Arte 117
8.2 Tabelle: Digitaler Satellitenempfang von Arte 118
8.3 Interview mit Dr. Thomas Gruber 119
8.4 Interview mit Tobias Gerlach 12222
8.5 Interview mit Ruth Hieronymi, MdEP 129
8.6 Anfrage an den Arte -Zuschauerdienst 131
4
1. Einleitung
“Si je devrais refaire l´Europe je recommençerais par la culture.” Jean Monnet 1
Jean Monnet gilt als einer der politischen Begründer der Europäischen Union. Zu seiner Zeit war Europa als Staatengemeinschaft eher eine Vision denn ein klar definierbares Ziel. Es ist nicht verwunderlich, dass ein Mensch, der sein Leben l ang versuchte, seine Vision zu verwirklichen, rückblickend feststellt, was er hätte besser machen können. Jean Monnet erkannte, dass vor allem die Kultur eine europäische Ausprägung bekommen müsste, wenn man Europa gründen möchte. Genau vierzig Jahre nachdem die Hohe Behörde der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, mit Jean Monnet als Präsident, die Arbeit aufnahm, wurde Arte gegründet. Arte fing 1992 an, Europa mittels der Kultur einigen zu wollen. Und da Frankreich und Deutschland schon lange als “Motor Europas” gelten, nimmt es nicht Wunder, dass auch der Europäische Kulturkanal von diesen beiden Ländern ausgeht. Arte zeichnet sich dadurch aus, dass es der einzige europäische Sender ist, der europäische Einigung zum Ziel hat und kein Spartenkana l ist.
Aus dem Anspruch von Arte hat sich der Forschungsgegenstand dieser Arbeit entwickelt. Europa wird dabei als Kommunikationsraum betrachtet, also nicht als ein spezifisch politischer oder rechtlicher Raum. Die untersuchungsleitende Frage war, inwiefern Arte ein Programm für den Kommunikationsraum Europa ist und so in einen solchen Raum integriert. Dazu war es zuerst nötig, die Entstehungsgeschichte des Senders aus französischer, deutscher und europäischer Sicht darzustellen. Mit dem Forschungsgegenstand verbunden waren Fragen wie: Bestand bereits ein Kommunikationsraum für Arte? Wie war dieser beschaffen? Wie hat sich Arte selbst in den europäischen Kommunikationsraum integriert? Entspricht Arte den europäischen Strukturen des vor-handenen Kommunikations raums? Ist Arte also selbst ein europäischer Sender
1 Jean Monnet (1888 -1979) war in den frühen 20er Jahren stellvertretender Generalsekretär des Völkerbundes. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete Jean Monnet in den USA das amerikanische Victory Programm aus, einen Plan zur Umstellung der Kriegs- auf die Nachkriegsproduktion. Zurück in Europa stellte er als Leiter des Planungsamtes (1946-1950) Mo-
5
für ein europäisches Publikum? Diese Fragen habe ich durch eine Untersuchung des Kommunikationsraums zu beantworten versucht. Dazu wurde der Kommunikationsraum in die fünf Räume Politik, Recht, Wirtschaft, Technik und Kultur geteilt, die einzeln betrachtet wurden. Anhand dieser Kriterien wurde zuerst der vorhandene Kommunikationsraum untersucht. Dann bin ich dazu übergegangen, den Kommunikationsraum, in dem Arte heute agiert, nach den gleichen Faktoren zu untersuchen.
Im Anschluss daran habe ich mir die Frage gestellt: Wie integriert Arte sein Publikum in den Kommunikationsraum? Ich habe mir zuerst exemplarisch den regard croisé sowie das Programmprofil als Mittel der Integration bei Arte angesehen. Die Medienwirkung von Arte zu quantitativ zu untersuchen war im Rahmen dieser Arbeit leider nicht möglich. Ich bin deshalb auf die Frage eingegangen, ob es eine europäische Öffentlichkeit für Arte gibt. Außerdem habe ich denkbare Untersuchungsansätze aus der Medienwirkungsforschung in Bezug auf die Wirkung von Arte geprüft. Im Anschluss daran habe ich mögliche Probleme für die Integration aufgezeigt. Ein Ausblick sowie eine Bewertung der integrativen Wirkung von Arte bildet den Abschluss der Arbeit. Der Forschungsstand bezüglich dieses Themas ist noch nicht weit fortgeschritten. Es gibt einige Werke über Arte, die sich einerseits mit Medienpolitik und -kultur befassen, wie die von Gräßle 2 und Merkel 3 . Schmid 4 hat sich mit der Rechtsgestalt von Arte befasst, Hahn 5 die massenmediale Multikulturalität untersucht. Von Kleinsteuber 6 stammt die Kommunikationsraum- These, über die auch Erbring 7 ein Buch herausgegeben hat. Er hat insbesondere Akteure,
dernisierungsprogramme für die französische Wirtschaft auf. Jean Monnet war Präsident der Pariser Schumanplankonferenz und später Präsident der Hohen Behörde der Montanunion.
2 Gräßle, Inge: Der Europäische Fernseh-Kulturkanal ARTE. Deutsch-französische Medienpolitik zwischen europäischem Anspruch und nationaler Wirklichkeit. Frankfurt/Main/New York: Campus 1995.
3 Merkel, Katrin: Europa auf dem Bildschirm: Eine Untersuchung der europäischen Medienpolitik und -kultur am Beispiel des deutsch-französischen Kulturkanals ARTE. Coppengrave: Coppi-Verlag 1995.
4 Schmid, Dieter: Der Europäische Fernsehkulturkanal ARTE. Idee und Rechtsgestalt nach deutschem und europäischem Recht. Berlin: Duncker & Humblot 1997 (=Tübinger Schriften zum Internationalen und europäischen Recht 42).
5 Hahn, Oliver: Arte - der europäische Kulturkanal: eine Fernsehsprache in vielen Sprachen. München: Fischer 1997.
6 Kleinsteuber, Hans J./Rossmann, Torsten: Europa als Kommunikationsraum. Akteure, Stru kturen und Konfliktpotentiale in der europäischen Medienpolitik. Opladen: Leske + Budrich
1994.
7 Erbring, Lutz (Hrsg.): Kommunikationsraum Europa. Konstanz: Ölschläger 1995 (= Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft 21).
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Strukturen und Konfliktpotentiale in der europäischen Medienpolitik untersucht. Seinen Fokus legte er dabei auf das Fernsehen. Arte im Speziellen wurde bisher jedoch noch nicht als Akteur in einem derartigen Raum untersucht. Da ein Kommunikationsraum von vielen einzelnen Faktoren unterschiedlichster Felder beeinflusst wird, war es nötig, für diese Arbeit Literatur über verschiedenste Themen in Bezug auf Arte einzubeziehen. Recht, Politik und Wirtschaft eines Fernsehsenders sowie des gesamten Raums Europa spielten eine Rolle, genauso wie technische Einflüsse und kulturelle Begebenheiten. Durch die große Diversität der verschiedenen Punkte konnte ich nur eine Auswahl einzelner Faktoren untersuchen. Ich habe versucht, stets die auffälligsten und dennoch repräsentative Beispiele zu wählen. Durch die Darstellung und Untersuchung exemplarischer Probleme bin ich auf meine Schlüsse bezüglich der vorher genannten Fragestellungen gekommen.
Die vorliegende Arbeit ist zum einen ein Beitrag zur Forschung bezüglich Arte, zum anderen aber auch europäischen, grenzüberschreitenden Fernsehens im Allgemeinen und des Integrationsrundfunks. Zudem zeigt sie Möglichkeiten auf, anhand welcher Ansätze die Medienwirkung, insbesondere der integrative Effekt des Programms, untersucht werden kann. Der Ausblick, den ich am Ende der Arbeit gebe, ist eine rein subjektive Bewertung aufgrund der von mir erarbeiteten Ergebnisse. Eine andere Entwicklung von Arte soll damit auf keinen Fall ausgeschlossen werden.
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2. Begriffsdefinitionen
Einige zentrale Begriffe bedürfen der Definition, um sie richtig einordnen zu können. Der Begriff Kommunikationsraum und die dahinterstehende Theorie sollen beschrieben werden. Andere zentrale Begriffe des Themas bedürfen insofern einer Erörterung als klar werden soll, inwiefern Arte als Kulturkanal zu verstehen ist. Ein Aspekt betrifft dabei die europäische Ausdehnung des Senders. Oft ist zu lesen, Arte sei der erste “wahre” europäische Kanal. Ob dies zutrifft, wird zu klären sein. Dazu werde ich auch kurz auf die Vorgänger von Arte, Eurikon und Europa-TV eingehen. Die Dimension des Senders hängt m. E. auch eng mit den vorangegange nen Projekten zusammen, denn aus den Gründen ihres Scheiterns hat Arte gelernt. Am Ende der Definitionen werde ich außerdem auf die Begriffe der europäischen Integration und der europäischen Identität eingehen. Diese Ausdrücke werden im Zuge des Zusammenwachsens von Europa immer wieder angebracht. Die Definition im Zusammenhang mit dieser Arbeit soll zeigen, was Integration im Folgenden bedeutet.
2.1 Europa als Kommunikationsraum
Europa ist weder historisch noch geographisch eindeutig abgrenzbar. Will man Europa als geschichtlichen Begriff auffassen, müsste man mit den Griechen und Römern beginnen. Aber obwohl sie auf heute europäischem Territorium agierten, waren die mediterranen Reiche nicht nur europäisch orientiert. Sie erstreckten sich auch nach Asien und Afrika. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde das europäische Gebiet gar geteilt nach welchen Kriterien ist eine Abgrenzung also zu treffen? Sogar in territorialer Hinsicht ist es schwierig zu sagen, wo Europa im Osten endet. Auch die große Mehrzahl der Bevölkerung Russlands bzw. seiner Nachfolgestaaten definiert sich als europäisch, obwohl Russland zum größeren Teil ein asiatisches Land ist.
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2.1.1 Die Kommunikationsraum-These von Kleinsteuber
Hans J. Kleinsteuber 8 argumentiert, Europa sei schon seit langer Zeit ein Kommunikationsraum. Denn dass Europa existiert, ist eine Tatsache - auch wenn eine Grenzziehung unmöglich ist. Für Europa einzigartig ist die Verdic htung von Kommunikation. 9 Europa kommunizierte mit seinen Nachbarkulturen 10 , aber auch und dies besonders intensiv, intern. Privatbriefe, Messrelationen - um die Fülle von Kommunikation zu bewältigen, war es schon zur Zeit von Kaiser Maximilian I. (1486 - 1519) nötig, ein Postwesen aufzubauen. Die Kommunikation wurde sogar mechanisiert. So ist die Kunst des Buchdrucks eine durch und durch europäische Erfindung, die als Folge das Massenmedium Zeitung mit sich brachte. Und auch die Wissenschaft kommunizierte europaweit. Erasmus von Rotterdam zum Beispiel stand in regem Briefwechsel mit Denkern aus ganz Europa.
Man kann also folgern, dass Europa als Vorstellung aus Kommunikation heraus entstand. Durch Kommunikation über Landesgrenzen hinweg bildeten sich eine gemeinschaftliche europäische Perspektive und ein Verständnis von Zusammengehörigkeit.
2.1.2 Raum, Kommunikation und Rundfunk
Räume sind sozial konstituiert. Sie können groß oder klein, geschlossen oder offen angelegt sein. Europa ist ein Kommunikationsraum unter vielen, die teilweise ohne eindeutige Grenze in einander übergehen, aufeinander aufbauen oder miteinander konkurrieren. 11
8 Kleinsteuber, Hans J. / Rossmann, Torsten: Europa als Kommunikationsraum. Akteure, Strukturen und Konfliktpotentiale in der europäischen Medienpolitik. Opladen: Leske + Budrich 1994.
9 Vgl.: Kleinsteuber, Hans J.: Kommunikationsraum Europa - Europa als ein Raum verdichteter Kommunikation. In: Haller, Max / Schachner-Blazizek, Peter (Hrsg.): Europa - Wohin? Wirtschaftliche Integration, soziale Gerechtigkeit und Demokratie. Graz: Leykam 1994. S. 337
- 349.
10 Europa importierte das Alphabet aus Kleinasien, die Rezeptur zur Papierherstellung aus China und die Universitäten und Bildung in Form vieler griechischer Klassiker aus der arabischen Hochkultur.
11 Vgl.: Kleinsteuber, Hans J.: Faktoren der Konstitution von Kommunikationsräumen. Konzeptionelle Gedanken am Beispiel Europa. In: Erbring, Lutz (Hrsg.): Kommunikationsraum Europa. Konstanz: Ölschläger 1995 (= Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft 21). S. 42f.
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stellungen von Menschen, die sich ein Bild von ihrer Wirklichkeit machen. So sind Räume immer sozial, also im Bewusstsein sozialer Akteure verankert. Ein solcher Raum “unterscheidet sich dadurch vom geographischen Raum, dass vorfindliche Akteure, Gruppen oder Institutionen um so mehr gemeinsame Merkmale aufweisen, je näher sie sich zueinander im Raum verhalten.” 12 Räume bleiben jedoch nicht immer gleich. Sie verändern sich mit der Zeit, werden größer oder kleiner oder lösen sich auf. 13 Es geht darum, Erfahrungen zu systematisieren, die mit Kommunikation im Raum zu beobachten sind. Kommunikation meint im Zusammenhang mit Raum vor allem Massenkommunikation; Face-to-Face-Kommunikation wird kaum berücksichtigt. Kommunikation stiftet und gestaltet Raum, wird aber zugleich durch Raum bedingt. 14 Die Größe von Kommunikationsräumen variiert. Kleinsteuber und Rossmann zeigen eine Abfolge, die vom riesigen Raum, dem Weltraum, bis zum Wohnraum, einem Zimmer, reicht. Europa als Kommunikationsraum befindet sich demnach zwischen dem Kommunikationsraum Deutschland und dem Kommunikationsraum Welt. 15
Abbildung 1: Abfolge von Kommunikationsräumen nach Kleinsteuber: (Weltraum: ‘space’) à Welt à Kontinent à Staatengruppen à Staat à Landà Region à Stadt à Stadtteil à (Haus) à (Wohnraum: ‘room’). 16
Europa ist ein offener Kommunikationsraum, er besteht aus vielen verschachtelten Räumen. Ein geschlossener Kommunikationsraum wird durch
12 Kleinsteuber, Hans J. / Rossmann, Torsten: Europa als Kommunikationsraum. Akteure, Strukturen und Konfliktpotentiale in der europäischen Medienpolitik. Opladen: Leske + Budrich 1994. S. 11.
13 Vgl. dazu: Gräf, Peter: Wandel von Kommunikationsräumen. In: Hömberg, Walter / Schmolke, Michael (Hrsg.): Zeit, Raum, Kommunikation. München: Ölschläger 1992 ( = Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft
18). S. 371 - 386.
14 Dies schlägt sich im Folgenden in den Gliederungspunkten 4.2 (Externe Konfliktlinien - wie bedingt der Raum die Kommunikation?) und 4.3 (Interne Konfliktlinien - wie gestaltet Kommunikation Raum?)
15 Ob Europa als Staatengruppe EU definiert wird oder als Kontinent Europa, soll hier nicht näher diskutiert werden. Eine Einordnung als Kontinent schließt die Staatengruppe mit ein, weshalb ich zu dieser Einschätzung tendiere.
16 Vgl. Kleinsteuber Hans J. / Rossmann, Torsten: Europa als Kommunikationsraum. Akteure, Strukturen und Konfliktpotentiale in der europäischen Medienpolitik. Opladen: Leske + Budrich 1994. S. 14. Dieses Schema gilt speziell für die föderalistische, deutsche Einteilung.
10
Kabelnetze oder Zeitungsvertrieb konstituiert, während drahtloses Senden durch Satelliten zu offenen Kommunikationsräumen führt. Politisch gesetzte oder wirtschaftlich intendierte Grenzen werden in offenen Räumen überwunden. 17
Untrennbar verbunden mit der Entfaltung von Kommunikationsräumen ist auch die Verbreitung von Informationen. Gräf 18 erkennt drei Ebenen von Wirkungsfiltern einer kommunikationsräumlichen Informationsverarbeitung: die Verfügbarkeit von Informationen bildet die Grundlage, das Informationssuch-und nutzungsverhalten stellt eine zweite Wirkungsebene dar. Die Umsetzbarkeit von Informationen in raumwirksame Aktivitäten ist die letzte Stufe. 19 Spätestens hier ist der Zusammenhang zwischen einem informierenden Massenmedium wie dem Fernsehen und der Konstituierung von Kommunikationsräumen ersichtlich.
2.1.3 Faktoren der Raumbildung
Raum ist ein multidimensionaler Begriff. Massenmediale Kommunikation konstituiert sich aus den fünf Faktoren Recht, Politik, Wirtschaft, Technik und Kultur. Dabei folgt der technisch geschaffene Raum physikalischen Regeln. Im Zusammenhang dieser Arbeit geht es bei Technik hauptsächlich um Reichweiten und Übertragungssysteme.
Politik kann sich immer nur auf ein bestimmtes Territorium beziehen, nä mlich auf das Gebiet, in dem sie ihre Legitimation findet. In diesem Fall ist das nur das Gebiet der Europäischen Union. Was Arte anbelangt, hat einerseits die Europa-Politik entscheidend die Voraussetzungen für einen grenzüberschreitend sendenden Kanal geprägt. Andererseits ist die Politik von Deutschland und Frankreich für Arte konstitutiv. Kleinsteuber nennt politische Faktoren
17 Vgl. Kleinsteuber Hans J. / Rossmann, Torsten: Europa als Kommunikationsraum. Akteure, Strukturen und Konfliktpotentiale in der europäischen Medienpolitik. Opladen: Leske + Budrich 1994. S. 15ff. Ein Arte-bezogenes Beispiel für diese These ist Polen. Es ist seit 2001 assoziierter Partner von Arte, obwohl es noch nicht zur EU gehört. Außerdem empfangen Menschen in Nordafrika Arte über Satellit, auch wenn sie in Bezug auf die europäische Integration nicht zur Zielgruppe des Senders gehören.
18 Gräf, Peter: Wandel von Kommunikationsräumen. In: Hömberg, Walter / Schmolke, Michael (Hrsg.): Zeit, Raum, Kommunikation. München: Ölschläger 1992 ( = Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft 18). S. 371 - 386.
19 Vgl.: Ebd., S. 374.
11
“Gebietskörperschaften”. 20 Darunter sind jedoch nicht die Gebietskörperscha ften in politischem Sinne zu verstehen.
Politik wiederum schafft den rechtlichen Raum. Mit konkreten Vorschriften wird der politische Raum inhaltlich gefüllt. Wie aus der Politik gehen aus Recht geschlossene Räume hervor, die für ein begrenztes Territorium gelten. “Im europäischen Kontext hat das von der EG geschaffene Fernsehrecht nicht nur für den Gemeinsamen Markt, sondern faktisch für den ganzen europäischen Raum Gültigkeit. Was die EG nicht reguliert, bleibt weitgehend rechtsfrei.” 21 22
Wirtschaftliche Räume sind Märkte. Dabei geht es um Unternehmen, verkörpert in einer privatrechtlichen Unternehmensform. Ein Markt entsteht zwischen Programmanbieter und Publikum. Aber auch der globale Programmmarkt und der Werbemarkt spielen hier eine Rolle. Ökonomische Räume sind grundsätzlich auf politische Räume angewiesen, möchten diese jedoch in der Regel ausweiten. Dieser Raum ist also tendenziell offen, braucht aber auch eine gewisse Geschlossenheit, um Streuverluste gering zu halten. 23 Kulturell geprägte Räume sind in Bezug auf den Integrationsgedanken vielleicht am wichtigsten, gleichzeitig aber am schwierigsten festzulegen. Derartige Räume entstehen als Ergebnis historischer Prozesse. Sie werden über Faktoren wie Sprache, gemeinsame Eigenheiten, kulturelle Interessen und gemeinsame Organisationen definiert. Kulturelle Räume können als Gegenpol und Ausgleich für die Defizite anderer Faktor-Räume dienen. Wird Technik nur einseitig genutzt, soll Kultur “experimentelles Spiel und alternative Ansätze” 24 geben. Während der Kommerz sich um die Ausweitung und Vergrößerung von
20 Vgl.: Kleinsteuber, Hans J.: Faktoren der Konstitution von Kommunikationsräumen. Konzeptionelle Gedanken am Beispiel Europa. In: Erbring, Lutz (Hrsg.): Ko mmunikationsraum Europa. Konstanz: Ölschläger 1995 (= Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft 21). S. 44f.
21 Kleinsteuber, Hans J.: Kommunikationsraum Europa - Europa als ein Raum verdichteter Kommunikation. In: Haller, Max / Schachner-Blazizek, Peter (Hrsg.): Europa - Wohin? Wirtschaftliche Integration, soziale Gerechtigkeit und Demokratie. Graz: Leykam 1994. S. 345.
22 Da ich in der gesamten Arbeit die neue Rechtschreibung anwende, habe ich auch Zitate, die vor der Rechtschreibreform geschrieben wurden, der neuen Rechtschreibung angepasst.
23 Vgl.: Kleinsteuber, Hans J.: Faktoren der Konstitution von Kommunikationsräumen. Konzeptionelle Gedanken am Beispiel Europa. In: Erbring, Lutz (Hrsg.): Kommunikationsraum Europa. Konstanz: Ölschläger 1995 (= Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft 21). S. 46f.
24 Ebd., S. 48.
12
Räumen bemüht, kann Kultur “kleinräumige Kommunikation stärken” 25 . Dies ist eine Entwicklung, die man auch in der Medienpolitik der Europäischen Union betrachten kann: Drängt die Politik auf einen einheitlichen Markt für grenzüberschreitendes Fernsehen, erstarkt damit gleichzeitig das nationale Bewusstsein Dänemarks und Belgiens.
2.2 Kultur
Steinbacher 26 zählt 300 Definitionen von Kultur. Der Begriff ist also schwierig auf den Punkt zu bringen. Interessant ist, dass das deutsche Wort Kultur nicht dem französischen culture entspricht, sondern dem Terminus civilisation. Im Deutschen wird über Kunstwerke und Literatur geredet, wenn man den klassisch-humanistischen Kulturbegriff anwendet. Kultur wurde demnach als höherstehende Kultur von der Zivilisation abgetrennt. In der Kultur sollen sich der technische Fortschritt der Menschheit und der Umgang mit der Natur widerspiegeln. 27 Das französische culture hingegen meint Bildung, Wissen, Geschmack, Takt und Lebensstil. 28 Civilisation ist ein politischer Begriff geblieben, der auch den universalistischen Anspruch und die Größe Frankreichs in der Welt ausdrücken soll.
2.2.1 Der Kulturbegriff von Arte
Arte ist, trotz des Namens “Kulturkanal”, kein Spartenkanal, sondern ein Vollprogramm. Abgesehen von Unterhaltung und Sportsendungen werden alle Themen behandelt. Bereits der Name Arte weist jedoch auf eine allgemein kulturelle Ausrichtung des Senders hin.
Wie ist also der Kulturbegriff von Arte zu verstehen? Der ehemalige Arte-Präsident Jobst Plog sagt: “Kultur ist für uns Kultur im weitesten Sinne - Ge- 25 Kleinsteuber,Hans J.: Kommunikationsraum Europa - Europa als ein Raum verdichteter Kommunikation. In: Haller, Max / Schachner-Blazizek, Peter (Hrsg.): Europa - Wohin? Wirtschaftliche Integration, soziale Gerechtigkeit und Demokratie. Graz: Leykam 1994. S. 347.
26 Steinbacher, Franz: Kultur - Begriff, Theorie, Funktion. Stuttgart: Kohlhammer 1976.
27 Pflaum, Michael: Die Kultur-Zivilsations-Antithese im Deutschen. In: Knobloch, Johann / Moser, Hugo et al. (Hrsg.): Kultur und Zivilisation. Europäische Schlüsselwörter. Band 3. München: Max Hueber Verlag, 1967. S. 308.
28 Vgl. Gloker, Notker: Die Entwicklung von Civilisation und Culture in Frankeich seit 1930. In: Knobloch, Johann / Moser, Hugo et al. (Hrsg.): Kultur und Zivilisation. Europäische Schlüsselwörter. Band 3. München: Max Hueber Verlag 1967. S. 56.
13
sellschaftsthemen und Lebensstile gehören ebenso dazu wie Theater und Musik.” 29 Dieser so genannte “weite Kulturbegriff” ist auch in der Gemeinsamen Erklärung zum europäischen Fernsehkulturkanal vom 31. Oktober 1989 festgelegt. 30 Es musste zu Beginn des Kulturkanals ein gemeinsamer Nenner gefunden werden, auf den sich französische und deutsche Gründungsväter einigen konnten. “Interessanterweise hatte gerade der französische Partner anfangs Bedenken gegen den Namen [“Arte”, E.M.], weil er zu sehr an Beaux Arts erinnere und somit eine Einengung auf die “Schönen Künste” signalisiere.” 31 Hilfreich dafür war, dass sich erst in jüngerer Zeit die Ausdrücke Alltags-, Freizeit- und Lebens-Kultur entwickelten, die Arte heute zugrunde liegen. Genau diese Begriffe sind es bezeichnenderweise, die auch laut UNESCO 32 eine Verbindung zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Schichten und Kulturkreisen schaffen sollen.
2.2.2 Kritik an kulturellen Programmen
Ob das Fernsehen eine kulturelle Verbundenheit überhaupt erreichen kann, wurde mehrfach von verschiedenen Medienkritikern angezweifelt. Bekannt ist in diesem Zusammenhang die Kulturkritik von Horckheimer und Adorno, die die gesellschaftskritische Theorie der “sozialen Manipulation durch interessengeleitete Kulturproduktion” entwickelten. 33 Sie begründeten dabei den Begriff der “Kulturindustrie”, die sich durch politische Verwertbarkeit, Kommerzialisierung durch Werbung und ihren Warencharakter auszeichnet. Neil Postman 34 bezeichnet das Medium Fernsehen sogar als kulturschädigend. Dieser These kann aber nicht zugestimmt werden. Versteht man das Fernsehen als ein Teil- 29 Plog,Jobst: Für ein europäisches Fernsehen. In: Die Zeit vom 7. Juli 2001.
30 O. V.: Gemeinsame Erklärung zum europäischen Fernsehkulturkanal. Abgedruckt in: epd Kirche und Rundfunk. 1989, Heft 87. S. 23.
31 Schwarzkopf, Dietrich: Arte - Der deutsch-französische Kulturkanal und seine Perspektive als europäisches Programm. In: Media Perspektiven 1992, Heft 5. S. 298.
32 Vgl. UNESCO-Konferenzberichte. Zwischenstaatliche Konferenz über Kulturpolitik in E uropa, Helsinki 1972. Pullach/München: ohne Verlag, 1973.
33 Vgl.: Faulstich, Werner: Medientheorien: Einführung und Überblick. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1991 (= Kleine Vandenhoeck-Reihe 1558). S. 126.
34 Vgl. Postman, Neil: Wir amüsieren uns zu Tode. Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie. Frankfurt/Main: Fischer 1989.
14
system, das selbst Ausdruck von Kultur sein kann 35 , und so eventuell sogar die einzelnen Teile der Gesellschaft näher zusammenbringen soll, kann es nicht gleichzeitig für den Verfall der Kultur verantwortlich gemacht werden. Arte versteht sich schließlich selbst als Kulturvermittler. 36
2.3 Der europäische Kanal Arte
“Arte ist ein europäisches, öffentlich-rechtliches Kulturprogramm, das sich an alle Bürger in Europa wendet, insbesondere an die deutsch- und französischsprachigen Zuschauer.” 37
Ziel der politischen Arte-Gründer Helmut Kohl und François Mitterrand war es unter anderem, einen europäischen Sender zu schaffen. Er sollte das Verständnis der Europäer untereinander fördern, ganz im Sinne Jean Monnets, der gesagt hat, dass er, wenn er Europa noch einmal gründen solle, mit der Kultur beginnen würde. 38 Schon von Beginn an musste Arte sich von den beiden bereits existierenden Kulturkanälen Eins Plus 39 und 3sat abgrenzen. Diese Unterscheidung ergab sich durch die deutsch- französische Dimension des Senders zum einen, andererseits aber auch aus dem von Anfang an “gesamteuropäisch orientierten Angebot” 40 .
Des Weiteren ergibt sich die europäische Dimension von Arte natürlich durch die Zusammenarbeit mit sieben Partner-Sendeanstalten. Mit RTBF (Be lgien), TVP (Polen) und ORF (Österreich) bestehen Assoziierungsverträge 41 . Kooperationsverträge 42 wurden mit SRG SSR idée suisse (Schweiz), TVE
35 Siehe hierzu Merkel, Katrin: Europa auf dem Bildschirm: Eine Untersuchung der europäischen Medienpolitik und -kultur am Beispiel des deutsch-französischen Kulturkanals ARTE. Coppengrave: Coppi-Verlag 1995. S. 38.
36 Plog, Jobst: Europa schaut fern. Eine Vision geht in Erfüllung. URL: http://www.arte-tv.com/emission/emission.jsp?node=27385&lang=de <12.11.2002>
37 Arte: Das Leitbild von Arte. Originaldokument des Fernsehsenders.
38 Vgl. Trouille, Jean-Marc: Arte - Franco-German-Venture or first fully-fledged European Channel? In: Giles, Steve (Hrsg.): From classical shades to Vickers Victorious: Shifting perspectives in British-German-Studies. Bern: Lang-Verlag 1999. S. 215.
39 Eins Plus war von 29.3.1986 bis 30.11.1993 der Fernseh-Satellitenkulturkanal der ARD. Er wurde aus Kostengründen eingestellt. Seit 1.12.1993 ist die ARD statt dessen an 3sat beteiligt.
40 Schwarzkopf, Dietrich: Arte - der deutsch-französische Kulturkanal und seine Perspektive als europäisches Programm. In: Media Perspektiven 1992, Heft 5. S. 297.
41 Assoziierte Partner setzen eine bestimmte Anzahl von Koproduktionen um und liefern E igenproduktionen. Vertreter dieser Sender haben eine beratende Stimme in Entscheidungs- und Beratungsgremien von Arte.
42 Kooperationsverträge haben in erster Linie zum Ziel, eine bestimmte Anzahl von Koproduktionen in allen Programmgenres zu realisieren.
15
(Spanien) und YLE (TV1) (Finnland) sowie NPS (Niederlande) geschlossen. Arte geht sogar noch weiter: “Im historischen Prozess der europäischen Einigung will ARTE mit einer kreativen Fernsehkultur zur Bildung einer europäischen Identität beitragen.” 43
Die europäische Dimension des Senders umfasst also sowohl die Inhalte des Programms als auch die innere Struktur des Senders und den Auftrag, den sich Arte selbst gibt. Ob Arte im Sinne des Kulturraum-Konzepts von Kleinsteuber 44 ein europäisches Programm ist und ob es wirklich eine europäische Identität fördern kann, wird im Folgenden noch zu klären sein. Arte ist der erste heute noch bestehende europäische Kanal, der kein Spartenkanal ist. 45 Es gab zwei Vorgänger-Projekte, die jedoch beide scheiterten. Da die Erfahrungen aus den vorangegangenen Versuchen für Arte von großer Bedeutung sind, möchte ich hier kurz die Konzepte von Eurikon und Europa-TV schildern.
2.3.1 Der Vorgänger Eurikon
Eurikon war kein eigenständiger Sender, sondern ein Experiment. Es wurde fünf Wochen lang im Jahr 1982 durchgeführt. Fünf Sendeanstalten 46 entwarfen für jeweils eine Woche ein europäisches Programm für Eurikon. Die Übertragung war aus technischen und urheberrechtlichen Gründen nicht für die Allgemeinheit zugänglich und hatte nur einen sehr begrenzten Zuschauerkreis, der fast ausschließlich aus Fachpublikum bestand. Die Problematik der Mehrsprachigkeit wurde bei Eurikon durch Synchronisation, Simultanübersetzungen, “Voice-over” und Untertitelung gelöst.
Eine Eurobarometer-Meinungsumfrage, die die Europäische Kommission in den damals zehn Mitgliedstaaten der EU durchführen ließ, zeigte, dass die
43 Arte: Der europäische Kulturkanal. Herausgegeben von Arte G.E.I.E. Straßburg/Baden-Baden: ohne Verlag 2001. S. 5.
44 Vgl. Kleinsteuber, Hans J./Rossmann, Torsten: Europa als Kommunikationsraum. Akteure, Strukturen und Konfliktpotentiale in der europäischen Medienpolitik. Opladen: Leske + Budrich 1994.
45 Beispiele für europäische Spartenkanäle sind Eurosport und BBC, die ebenfalls europaweit senden.
46 IBA (Israel), RAI (Italien), ORF (Österreich), NOS (Niederlande) und die ARD
16
Mehrheit der Europäer (nämlich 57 Prozent) das Projekt eines europäischen Fernsehprogramms befürworteten. 47
Die wichtigsten Ziele von Eurikon benannte die Europäische Kommission in ihrem “Zwischenbericht über Realität und Tendenzen des Fernsehens in Europa: Perspektiven und Optionen” 48 wie folgt:
- Ausarbeitung eines gesamteuropäischen Programms, das sich an das neue Publikum “Europa” wendet und die traditionellen Barrieren Nationalität und Sprache überwindet;
- Schaffung einer europäischen Redaktion, die aus hochqualifizierten Journalisten besteht, die auch an die Zukunftsperspektiven eines derartigen Projekts glauben;
- Untersuchung und Definition der technischen, rechtlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und sprachlichen Probleme. 49
2.3.2 Der Vorgänger Europa-TV
Die Resonanz auf Eurikon war trotz technischer und konzeptioneller Schwierigkeiten positiv. Deshalb wurde 1985 Europa-TV ins Leben gerufen. Die Chancen für den Sender standen, rein statistisch gesehen, gut: Die bereits erwähnte Eurobarometer-Studie von 1982 hatte herausgefunden, dass Menschen, die öfter ausländisches Fernsehen sahen, tendenziell eher an einem transnationalem Programm interessiert waren. 50 Die Staaten, die an dem Projekt teilnah-
men, entsprachen dem entweder völlig (Niederlande, Portugal) oder teilweise, d. h. in einzelnen Regionen (Deutschland, Irland, Italien). Obwohl v or der Gründung viele Länder sich für eine Beteiligung an Europa-TV interessiert hatten, fehlte jedoch von Anfang an eine breite europäische Basis.
47 Vgl. Euro-Barometer: Umfrage über die Meinung der Europäer zum länderübergreifenden Fernsehen. In: Kommission der Europäischen Gemeinschaften: Zwischenbericht über Realität und Tendenzen des Fernsehens in Europa: Perspektiven und Optionen. Bericht der Kommission an das Europäische Parlament. Brüssel: 1983 (= KOM (83) 229 endg.). S. 199.
48 KOM (1983) 229 endg. vom 01.07.1983.
49 Kommission der Europäischen Gemeinschaften: Zwischenbericht über Realität und Tendenzen des Fernsehens in Europa: Perspektiven und Optionen. Bericht der Kommission an das Europäische Parlament. Brüssel: 1983 (= KOM (83) 229 endg.). S. 27f.
50 Vgl. Euro-Barometer: Umfrage über die Meinung der Europäer zum länderübergreifenden Fernsehen. In: Kommission der Europäischen Gemeinschaften: Zwischenbericht über Realität und Tendenzen des Fernsehens in Europa: Perspektiven und Optionen. Bericht der Kommission an das Europäische Parlament. Brüssel: 1983 (= KOM (83) 229 endg.). S. 200.
17
Sendungen und Fernsehwerbung zusammen. Europa-TV war dennoch kein kommerzielles Unternehmen. Der Werbeanteil durfte zehn Prozent des Programms nicht überschreiten und erwirtschafteter Gewinn musste vollständig für das Programm und den Betrieb des Senders aufgewandt werden. 51 Die eingeplante Subvention durch die Europäische Kommission 52 blieb weitgehend aus. “Von den europäischen Institutionen, insbesondere von der EG, erhofften sich die Europa TV-Betreiber - allerdings vergeblich - eine finanzielle Unterstützung von zehn Prozent des Budgets.” 53 Die Kommission hatte eine jährliche Finanzspritze von 3 Millionen Schweizer Franken (SFR) bis 1991 in Aussicht gestellt, später 2 Millionen für 1985 und jeweils 4 Millionen für die Jahre von 1986 bis 1991. 1985 überwies sie jedoch keinen Rappen, 1986 konnte sie ebenfalls nur 1,3 Millionen SFR überweisen. 54 Europa-TV scheiterte. Die Werbeeinnahmen waren nicht annähernd so hoch wie geplant, weitere Mitglieder traten nicht bei, und sogar die politische Unterstützung der Teilnehmer wurde teilweise verweigert. 55 Im Oktober 1986 wurden also die Sendungen gestoppt, die zuvor ein grundsätzliches Interesse beim Publikum für Europa bewiesen hatten. 56 Diese Tatsache spielte später auch bei der Gründung von Arte eine wichtige Rolle. Arte wird nicht zuletzt deshalb sowohl in Deutschland als auch in Frankreich über Rundfunkgebühren finanziert.
51 Schwarzkopf, Dietrich: Eins Plus und Europa Television. In: Media Perspektiven 1986, Heft
2. S. 74.
52 Die Kommission hatte Beiträge zur Finanzierung der Übersetzungen zugesagt, die jedoch in einem viel geringeren Maße gezahlt wurden, als von Europa-TV-Mitgliedern gewünscht und erhofft war.
53 Zimmer, Jochen: Europas Fernsehen im Wandel. Probleme bei einer Europäisierung von Ordnungspolitik und Programmen. Frankfurt/Main: Lang, 1993 (= Studien zur Ordnungspolitik im Fernsehwesen 4). S. 236. 54 Vgl.: Ebenda, S. 129.
55 In den Niederlanden wurde z. B. eine Untertitelung in Holländisch verboten, weil der Kultusminister das Programm als ausländischen Fernsehsender betrachtete. 56 Zum Programmkonzept von Europa-TV siehe Merkel, Katrin: Europa auf dem Bildschirm: Eine Untersuchung der europäischen Medienpolitik und -kultur am Beispiel des deutschfranzösischen Kulturkanals ARTE. Coppengrave: Coppi-Verlag 1995. S. 25f..
18
2.4 Fernsehen und Europäische Integration
“Der Kulturkanal soll sich als europäisches Programm verstehen, das den unterschiedlichen Mentalitäten, Lebensgewohnheiten und Darstellungsformen Ausdruck verleiht, eine Alternative und Innovation zu bestehenden Programmen entwickelt, die Kultur Europas in ihrer Gesamtheit darstellt und auf diesem Wege einen Beitrag zur Integration der Bürger leistet.” 57
Eine der Aufgaben des Kulturkanals heißt “Förderung der europäischen Integration”. Die Rolle der Medien, und insbesondere des Fernsehens, in Integrationsprozessen ist schwierig zu definieren. Integration hängt eng mit Identität zusammen. Man kann Integration als den Prozess ansehen, in dem eine europäische Identität im Einzelnen heranreift.
2.4.1 Der Integrationsbegriff
Münch 58 hat verschiedene Thesen aufgestellt, wie durch die Bildung einer europäischen Identität die Integration fördert werden kann. Darunter: Europäische Integration bildet sich durch innere Homogenisierung, die man unter anderem durch grenzüberschreitende Kommunikation erreicht. 59 Ronneberger geht wie folgt auf die Problematik der Integration durch Medien ein: “Haben wir es [...] mit einer zu erbringenden Leistung zu tun, die definiert ist, oder vollzieht sich Integration, indem die Medien arbeiten, ohne dass je-mand sagen kann, was sie im Sinne der Integration bewirken?” 60 Rühl geht kritisch mit dem Integrationsbegriff um. Er stellt zwar fest: “Ohne Massenkommunikation keine kommunikative Integration evoluierender Gesellscha f- 57 O.V.: Alternative und Innovation. Gemeinsame Erklärung zum europäischen Fernsehkulturkanal. Abgedruckt in: epd Kirche und Rundfunk 1989, Heft 87. S. 23.
58 Münch, Richard: Europäische Identitätsbildung. Zwischen globaler Dynamik, nationaler und regionaler Gegenbewegung. In: Segers, Rien T. / Viehoff, Reinhold (Hg.): Kultur Indentität, Europa. über die Schwierigkeiten und Möglichkeiten einer Konstruktion. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1999.
59 Ebd., S. 227.
60 Ronneberger, Franz: Integration durch Massenkommunikation. In: Saxer, Ulrich (Hrsg.): Gleichheit oder Ungleichheit durch Massenmedien? Homogenisierung - Differenzierung der Gesellschaft durch Massenkommunikation. München: Ölschläger 1985. S. 5.
19
ten.” 61 Gleichzeitig erkennt er aber, dass Integrationsleistungen auch grundsätzlich desintegrative Folgen nach sich ziehen. Sein Schluss: “Aus gesellschaftlichen Strukturen [...] ist nicht abzuleiten, ob Massenkommunikation für evoluierende Gesellschaftsordnungen integrative Leistungen zu erbringen vermag oder nicht.” 62
Ob Integration überhaupt wünschenswert ist, wird immer wieder diskutiert. In dieser Arbeit soll diese Prämisse gelten, vor allem da der Integrationsgedanke der Ursprung der Idee eines grenzüberschreitenden Fernsehkanals war. Immer noch sind es insbesondere die europäischen Institutionen Europarat und europäische Kommission, die die Schaffung einer europäischen kulturellen Identität fordern. “Das Fernsehen wird hier als eines der wesentlichen Mittel zum Aufbau einer spezifisch europäischen Identität - mit integrativer Wirkung
- gesehen.” 63 Der Terminus Integration an sich ist bereits positiv belegt, neutral wäre Homogenisierung. Die negative Belegung drückt das Wort Vereinheitlichung aus. 64
Meckel 65 teilt die Integrationsansätze in föderalistische und funktionalistische Ansätze. Der föderalistische Ansatz bezeichnet eine Vereinigung politischer Einheiten, die dennoch gewisse Eigenständigkeit behalten. Es geht also darum, sowohl eine Einheit zu erreichen als auch die Vielfalt zu bewahren. Dieser Ansatz beschränkt sich auf die institutionelle Dimension. Aber allein durch die Schaffung einer Institution wird kein Problem gelöst. Der funktionalistische Ansatz hingegen geht davon aus, dass sich “die auf Einigung bezogenen Interessen, Bedürfnisse, Funktionen und Aufgaben die
61 Rühl, Manfred: Integration durch Massenkommunikation? Kritische Anmerkungen zum klassischen Integrationsbegriff. In: Saxer, Ulrich (Hrsg.): Gleichheit oder Ungleichheit durch Massenmedien? Homogenisierung - Differenzierung der Gesellschaft durch Massenkommunikation. München: Ölschläger 1985. S. 23.
62 Ebd. S. 29.
63 Vormann, Thorsten: Kulturelle Souveränität und Fernsehen: Rechtsweg in den Maßnahmen zur Sicherung der kulturellen Identität in Kanada und den Europäischen Gemeinschaften unter besonderer Berücksichtigung der Quotenregelung im Fernsehen. Rheinfelden, Berlin: Schäuble
1993 (= Recht, Wirtschaft, Gesellschaft: Recht 35). S. 131.
64 Saxer, Ulrich: Gleichheit oder Ungleichheit durch Massenmedien? Homogenisierung - Differenzierung der Gesellschaft durch Massenkommunikation. München: Ölschläger 1985. S. XI.
65 Vgl.: Meckel, Miriam: Fernsehen ohne Grenzen? Europas Fernsehen zwischen Integration und Segmentierung. Opladen: Westdeutscher Verlag 1994 (=Studien zur Kommunikationswissenschaft 3).
20
ihnen entsprechenden organisatorischen Strukturen schaffen.” 66 Genau dies ist in Europa nicht wirklich passiert. Es gab keinen “spill-over”-Effekt, der europäische Institutionen im Fernsehbereich geschaffen hat. Mit einer Ausnahme: Arte. Inwieweit der Kanal diesem Anspruch trotz aller kritischen Stimmen gerecht werden kann, wird im Laufe dieser Arbeit noch zu klären sein. Bewusst sein muss man sich in jedem Fall der Tatsache, dass Integration nicht nach bestimmten Regeln funktioniert. Sie findet in den Köpfen der Bürger statt. Im Folgenden wird unter dem Begriff Integration also vor allem gesellschaftliche Verflechtung sowie gemeinsames Bewusstsein der Bürger zu verstehen sein. 67
2.4.2 Der Identitätsbegriff
“Kollektive Identität ist etwas, dessen Inhalt kontingent ist, mit dem eine diffuse affektive Bindung besteht und das eine zentrale Leistung erbringt: zu definieren, wer dazugehört und wer nicht, also Exklusionsleistungen erbringt” 68
Integration ist sehr eng mit dem Begriff der europäischen Identität verknüpft, der in erster Linie ein sozialpsychologischer Prozess in der einzelnen Person ist. 69 Wenn man sich mit einer Gruppe identifiziert, betrifft dies nicht nur das Verhalten in der Gruppe selbst, sondern beinhaltet ebenso gemeinsame Inhalte wie Regeln, Werte, Normen und Ziele. Hoffmann konstatiert: “Identität bedeutet aber auch: In einer Kultur verwurzelt sein, sich darin heimisch zu fühlen, bedeutet: Teilhabe an gemeinsamen Überlieferungen, an Gesellschaft, an Erlebnissen und Lernprozessen, nicht zuletzt auch an einem gemeinsamen System von Werten und Normen.” 70 Man darf außerdem nicht vergessen, dass Integration das Ergebnis eines Prozesses ist. Beim Thema Förderung der euro- 66 Meckel,Miriam: Fernsehen ohne Grenzen? Europas Fernsehen zwischen Integration und Segmentierung. Opladen: Westdeutscher Verlag 1994 (=Studien zur Kommunikationswissenschaft 3). S. 27.
67 Frei unterscheidet zwischen drei Dimensionen von Integration, der institutionellen (politische Entscheidungen), der sozialpsychologischen (gemeinsames Bewusstsein) und der Dimension der Transaktionen (gesellschaftliche Verflechtung). Auch die dritte Form der Integration tritt bei Arte zu, wenn es z. B. um den Austausch von Sendungen über Grenzen hinweg geht. Siehe dazu: Frei, Daniel: Integrationsprozesse. Theoretische Erkenntnisse und praktische Folgerungen. In: Weidenfeld, Werner (Hrsg.): Die Identität Europas. München: Hanser 1985. S.
113 - 131.
68 Eder, Klaus: Integration durch Kultur? Das Paradox einer Suche nach einer europäischen Identität. In: Segers, Rien T./Viehoff, Reinhold (Hg.): Kultur Indentität, Europa. über die Schwierigkeiten und Möglichkeiten einer Konstruktion. Frankfurt/Main: Suhrkamp 1999. S.
148.
69 Ebd., S. 116.
21
päischen Integration - durch Medien allgemein und durch Fernsehen im Speziellen - kommt es darauf an, Identität zu produzieren, durch Mittel, die den Lebensbedingungen des einzelnen Bürgers, den man damit erreichen möchte, angepasst sind.
Betrachtet man in diesem Zusammenhang die Medienwirkungstheorie McQuails, stellt sich eine neue Hürde in den Weg: McQuail sieht kulturellen Wandel, der den Wandel der persönliche n Identität mit einschließt, als ein Ergebnis von Kommunikation, das unbeabsichtigt entsteht. In seiner Matrix über Typen von Medienwirkungen findet sich kultureller Wandel unter den ungeplanten, langfristigen Folgen von Medieneinfluss. 71 Im Umkehrschluss kann
man mit McQuail also feststellen, dass Identität als Teil kulturellen Wandels nicht planbar ist.
Trotz all dieser schlechten Vorzeichen war es scho n seit langem das Bestreben der Europäischen Union, die europäische Integration durch Förderung der europäischen Identität zu verstärken. Dies ist einer neben vielen anderen Gründen für eine gemeinsame Medienpolitik der EU. Sowohl Eurikon als Europa-TV hatten sich dieses Ziel auf die Fahnen geschrieben; und wie man in der Gemeinsamen Erklärung zum Europäischen Kulturkanal lesen kann, hat Arte die gleiche Intention. 72
70 Hoffmann, Hilmar: Kultur für morgen: Ein Beitrag zur Lösung der Zukunftsprobleme. Frankfurt/ Main: Fischer 1986. S. 114.
71 McQuail, Denis: Mass Communication Theory. Part IV: Effects. London/Beverly Hills: Sage, 1994. S. 336.
72 Die kulturelle Identität Europas einerseits sowie die kulturellen Besonderheiten der europäischen Staaten andererseits sollen in dem neuen Programm zum Ausdruck kommen. Damit würde en wichtiger Grundstein für ein vertieftes Verständnis und Zusammenwachsen des deutschen und französischen Volkes sowie der Bürger Europas gesetzt und ein europäisches Bewusstsein gefördert werden. Aus: O. V.: Gemeinsame Erklärung vom 4. November 1988 zum deutsch-französischen Fernsehkulturkanal. Beschlossen anlässlich des Treffens der Bundesregierung mit der französischen Regierung in Bonn. Abgedruckt in: Media Perspektiven 1998, Heft 12. S. 795.
22
3. Zur Entstehungsgeschichte von Arte
Wenn man untersuchen möchte, inwiefern Arte die europäische Integration fördern kann, i st es unerlässlich zu betrachten, zu welchem Zwecke Arte eigentlich gegründet wurde. Verschiedene politische Akteure - Einzelpersonen genauso wie Institutionen - hatten an der Entstehung des Kanals Anteil gehabt. Dies geschah aus den unterschiedlichsten Be weggründen, doch war ein wichtiger Punkt stets die Gründung eines europäischen Programms. Deshalb möchte ich nun einen kurzen geschichtlichen Abriss geben, der die Motivationen sowohl auf europäischer als auch auf deutscher und französischer Seite darstellen wird.
3.1 Voraussetzungen auf europäischer Ebene
Bereits 1982 - also zehn Jahre vor der Gründung von Arte - gab es einen ersten Entschließungsantrag im Europäischen Parlament, der der Beginn einer europäischen Medienpolitik sein sollte. Parlament, Rat und Kommission haben verschiedene Dokumente für eine europäische Medienpolitik zu Wege g ebracht, die zum Teil auch für de Fernsehkulturkanal grundlegend sind. 73 Zu aller erst müssen jedoch die elementaren europäischen Verträge im Hinblick auf die europäische Kulturpolitik im Allgemeinen untersucht werden.
3.1.1 Grundlegende Verträge - Regelungskompetenz der EU
Die Kompetenz der EU zu Regelungen im kulturellen und speziell im Medie nbereich war von Anfang an sehr umstritten. Aus dem Vertrag von Rom, der zu Beginn der kulturellen Tätigkeit der damaligen EG noch galt, ließ sich für den Rundfunk keine Regelungskompetenz ableiten. Doch sobald Rundfunk, wie damals geschehen, als Dienstleistung 74 verstanden wird, ist die EU befugt, eine so genannte “Rechtsangleichung” durchzuführen.
73 Einen vollständigen Überblick über Richtlinien und Rechtsprechung der EU findet man bei Dörr, Dieter: Europäische Medienordnung und -politik. In: Hans Bredow-Insittut (Hrsg.): Internationales Handbuch für Hörfunk und Fernsehen 200/2001. Baden-Baden: Nomos 2000 25 . S. 65 - 88.
74 Eine Dienstleistung liegt vor, wenn es einen Leistungserbringer und einen Leistungsempfänger gibt und der Tatbes tand der Entgeltlichkeit gegeben ist. Es muss also eine der Personen als
23
ten immer wieder kritisiert. Die Lager spalten sich dabei in jene, die sich gegen
eine Definition des Rundfunks als Dienstleistung aussprechen (z. B. Dicke 75 ,
Schwarze 76 ) und solche, die den Mangel an kultureller Betonung in EU-
Dokumenten beklagen (Merkel 77 wünscht sich einen positiven Einfluss von
den Institutionen mit einem “größeren Wirkungsgrad”, Güllner 78 fordert eine
gemeinsame europäische Kulturpolitik). 79 Auch bei der Überarbeitung der
Richtlinie “Fernsehen ohne Grenzen”, die 2003 ansteht, werden wieder Kom-
petenzstreitigkeiten erwartet. Den Wünschen von Meckel und Güllner wird
dabei laut Dr. Thomas Gruber 80 nie Rechnung getragen werden: “Eigentlich ist
die einzige Legitimation der Fernsehrichtlinie allein die Vollendung des Bin-nenmarkts. Raum für die kulturelle Ausgestaltung muss denen bleiben, die da-für zuständig sind, in Deutschland also den Ländern.” 81 Man kann in diesem
Punkt von der EU nicht mehr erwarten, als sie gegen die Interessen der Einzel-staaten durchzusetzen im Stande ist.
Im Vertrag von Amsterdam von 1997 findet sich nur ein Artikel, der sich
mit Kulturpolitik befasst. Darin wird festgelegt, dass die Gemeinschaft die
Mitgliedstaaten in folgenden Bereichen unterstützt:
- Verbesserung der Kenntnis und Verbreitung der Kultur und Geschichte der
Zahlender und eine als Zahlungsempfänger auftreten. Als Beispiele nennt Artikel 60 EWGV (Europäischer Wirtschafts -Gemeinschafts-Vertrag) gewerbliche, kaufmännische, handwerkliche und freiberufliche Tätigkeiten, genauso ausschließlich privatrechtliche Handlungen. Nähere Erläuterungen zur Definition von Dienstleistungen siehe in Börner, Bodo: Kompetenz der EG zur Regelung einer Rundfunkordnung. In: Zeitschrift für Urheber- und Medienrecht 1985, Heft 12. S. 577 - 587.
75 Dicke, Klaus: Eine europäische Rundfunkordnung für welches Europa? In: Media Perspekti-
ven 1989, Heft 12. S. 196f.
76 Schwarze, Jürgen (Hrsg.): Fernsehen ohne Grenzen. Grünbuch über die Errichtung des ge-
meinsamen Marktes für den Rundfunk, insbesondere über Satellit und Kabel. Baden-Baden. Nomos 1985. S. 23f.
77 Merkel, Katrin: Europa auf dem Bildschirm: Eine Untersuchung der europäischen Medien-
politik und -kultur am Beispiel des deutsch-französischen Kulturkanals ARTE. Coppengrave: Coppi-Verlag 1995. S. 12f.
78 Güllner, Lutz: Chancen für eine gemeinsame auswärtige Kulturpolitik. Deutsch-französische
Zusammenarbeit vor neuen Herausforderungen. In: Dokumente. Zeitschrift für den deutschfranzösischen Dialog und übernationale Zusammenarbeit. 1997, Heft 5. S. 391.
79 Weitere Kritiker sind aufgeführt in: Meckel, Miriam: Fernsehen ohne Grenzen? Europas
Fernsehen zwischen Integration und Segmentierung. Opladen: Westdeutscher Verlag 1994 (=Studien zur Kommunikationswissenschaft 3). S. 82f.
80 Vertretung des Freistaates Bayern in Brüssel, zuständig für Angelegenheiten der Informati-
ons-, Kommunikations- und Medienangelegenheiten der EU.
81 Persönliches Gespräch am 24.10.2002 in Brüssel. Interview s. Anhang S. 121
24
- Erhaltung und Schutz des kulturellen Erbes von europäischer Bedeutung,
- Nichtkommerzieller Kulturaustausch,
- künstlerisches und literarisches Schaffen, auch im audiovisuellen Bereich. 82
An dieser Stelle muss noch auf die Konvention zum Schutz der Mensche nrechte verwiesen werden. Denn auch aus diesem Dokument leitet die EU ab, dass das grenzüberschreitende Fernsehen in Europa zu regeln ist. 83 Artikel 10 der Menschenrechtskonvention lautet: “Jede Person hat das Recht auf freie Meinungsäußerung. Dieses Recht schließt die Meinungsfreiheit und die Freiheit ein, Informationen und Ideen ohne behördliche Eingriffe und ohne Rücksicht auf Staatsgrenzen zu empfangen und weiterzugeben.” 84 [Hervorhebung E. M.]
3.1.2 Tätigkeiten der Europäischen Institutionen
Die Europäischen Institutionen umfassen das Europäische Parlament, den Ministerrat und die Kommission. Der Europarat ist keine Institution der EU. Er ist dennoch eine europäische Organisation. Ich werde im Folgenden zunächst nur auf die politischen Maßnahmen der EU-Institutionen eingehen und den Europarat in einem gesonderten Gliederungspunkt behandeln. Finanzielle Unterstützungen klingen nur am Rande an. 85 Nur zur Vollständigkeit möchte ich die wichtigsten Maßnahmen zur Förderung europäischer audiovisueller Produktion nennen: das MEDIA-Programm 86 zur Förderung von Film- und Fernsehkoproduktionen und EURIMAGES 87 , das ebenfalls Koproduktionen unterstützte.
82 Vertrag von Amsterdam, Artikel 151.
83 Beispielsweise beruft sich der “Zwischenbericht über Realität und Tendenzen des Fernsehens in Europa: Perspektiven und Optionen” der Europäischen Kommission an das Europäische Parlament auf die Menschenrechts-Konvention. Siehe dazu: Europäische Kommission: Zwischenbericht über Realität und Tendenzen des Fernsehens in Europa: Perspektiven und Optionen. Brüssel: KOM (1983) 229 endg. vom 01.07.1983. S. 13.
84 Zitiert nach: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Menschenrechte. Dokumente und Deklarationen. Bonn: ohne Verlagsangabe 1999. S. 342.
85 Zu Maßnahmen zur Förderung europäischer audiovisueller Produktionen siehe: Merkel, Katrin: Europa auf dem Bildschirm: Eine Untersuchung der europäischen Medienpolitik und -kultur am Beispiel des deutsch-französischen Kulturkanals ARTE. Coppengrave: Coppi-Verlag 1995. S. 17ff.
86 Ursprünglich war das MEDIA-Programm von 1990-1995 geplant, MEDIA-II folgte 1996-
2000.
87 Seit 1989.
25
3.1.2.1 Europäisches Parlament
Bereits 1980 wurde ein “Entschließungsantrag über Rundfunk und Fernsehen in der Europäischen Gemeinschaft” unter anderem von den Abgeordneten Hahn und Pedini in das europäische Parlament 89 eingebracht. Darin forderten sie die Errichtung einer europäischen Fernsehanstalt. In seinem Bericht von 1982 hält Wilhelm Hahn dieses Projekt jedoch selbst nicht mehr für realisierbar. Dennoch schreibt er 1987: “Es gibt keine europäische Urteilsbildung, denn es gibt nur nationale und regionale Berichterstattung.” 90 Der europäische Bürger könne seinen Standpunkt erst dann europäisch einordnen, wenn es ein europäisches Fernsehen mit europäischer Berichterstattung von europäisch denkenden Journalisten geben werde. Er spitzt sein Argument wie folgt zu: “[...] was in der modernen Demokratie nicht in den Medien ist, und zwar besonders im Fernsehen, das ist politisch nicht existent.” Da das Europäische Parlament Europas Wirtschaft, auch im audiovisuellen Bereich, aufgrund technischer Differenzen stärken wollte, forderte es eine europäische Rahmenordnung für Rundfunk und Fernsehen. 91 1983 wurde von der Kommission der bereits erwähnte “Zwischenbericht über Realität und Tendenzen des Fernsehens in Europa” vorgelegt, 1984 folgte das Grünbuch “Fernsehen ohne Grenzen”, das 1989 als Richtlinie vorlag. Die Schwerpunkte in der Medienpolitik setzt das Europäische Parlament wie folgt:
88 Hahn, Wilhelm: Hahn-Bericht vom 12. März 1982. Zitiert nach: Hahn, Wilhelm: Europäische Kulturpolitik. Aufsätze über Bildung, Medien und Kirche. Sindelfingen: Libertas 1987. S.
147.
89 Das Europäische Parlament verfügt gegenüber den Organen Ministerrat und Kommission über relativ stark begrenzte Kompetenzen, die es jedoch stets auszuweiten bemüht ist. So werden die 626 direkt gewählten Abgeordneten des Parlaments seit der ersten Direktwahl 1979 immer stärker in den legislativen Entscheidungsprozess eingebunden. Zu Zusammensetzung und Aufgaben des Parlaments siehe Vertrag von Amsterdam Art. 189 - 201.
90 Hahn, Wilhelm: Europäische Kulturpolitik. Aufsätze über Bildung, Medien und Kirche. Sindelfingen: Libertas 1987. S. 136.
91 Schon in den 80-er Jahren konnten beispielsweise Belgien und die Niederlande mehr Programme von außerhalb als aus dem eigenen Land empfangen. Inzwis chen ist es für die meisten
26
- Schaffung eines gemeinschaftlichen Informationsraumes (einschließlich Schaffung gemeinsamer Standards)
- Förderung von Fernsehprogrammen mit europäischem Inhalt als Ergänzung zu den bestehenden nationalen Programmen
- Ordnungspolitische Kohärenz zwischen den Mitgliedstaaten im Hinblick auf die Deregulierung (bzw. Neur egulierung) der Rundfunktätigkeit. 92
3.1.2.2 Ministerrat
Der Ministerrat (auch: Rat der Europäischen Union) 93 setzt sich aus Fachministern der Mitgliedstaaten zusammen, was eine stark nationale Prägung zur Folge hat. Infolgedessen mangelt es zwar nicht “an Verlautbarungen zur herausragenden Bedeutung einer Förderung von “europäischer” Kultur im Allgemeinen und der Medien im Besonderen” 94 , wirkliche Aktivitäten auf diesem Bereich fanden sich im Ministerrat jedoch lange Zeit nicht. 1985 legte ein vom Rat beauftragter Ausschuss einen Bericht vor, der u. a. einen Abschnitt “Kultur und Kommunikation” enthielt. Neben Maßnamen wie der Schaffung eines Systems zur Förderung europäischer Koproduktionen und rechtlicher und technischer Angleichung zum grenzüberschreitenden Fernsehen findet sich dort der Hinweis, dass zusammen mit der EBU (European Broadcasting Union) überprüft werden müsse, ob es möglich wäre, einen europäischen Fernsehkanal zu schaffen. Weitere Aktivitäten in dieser Hinsicht folgten jedoch nicht. Der Schwerpunkt blieb die technische Angleichung sowie die Förderung der wirtschaftlich relevanten Programmproduktion. So konnte sich der Rat bei der ersten Europäischen Ministerkonferenz in Wien 1986 darauf verständigen, die Normen der MAC/Paketefamilie als Übertragungssystem anzunehmen. Dadurch sollte die Inkompatibilität d er PAL- und Secam-
Mitgliedstaatender EU üblich, verschiedene Sender aus dem europäischen Ausland zu empfangen.
92 Vgl.: Internet-Seite des Europäischen Parlaments: http://www.europarl.eu.int/factsheets/4_7_8_de.htm <31.07.2002>
93 Der Ministerrat ist das intergouvernementale Element der Gemeinschaft und gleichzeitig legislatives Entscheidungsgremium. Zu Zusammensetzung und Aufgaben des Ministerrats siehe im Einzelnen Vertrag von Amsterdam Art. 202 - 210
94 Zimmer, Jochen: Europas Fernsehen im Wandel: Probleme einer Europäisierung von Ordnungspolitik und Programmen. Frankfurt/Man: Lang 1993 (= Studien zur Ordnungspolitik im Fernsehwesen 4). S. 139.
27
Quote paper:
Emily Mühlfeld, 2003, Der Kulturkanal Arte - Ein Beitrag zur Integration des europäischen Kommunikationsraums?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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