Die Einflüsse:
Die Gryphius-Werke, vor allem die Trauerspiele, waren geprägt von Not, Elend, Zerstörung und Verwüstung, die sich aus dem Drei?igjährigen Krieg, der damit verbundenen Pest, Plünderung, Hungersnot und Vernichtung entwickelt haben. 6
Mit 12 Jahren war Andreas Gryphius Vollwaise und auf die Hilfe von seinem Stiefvater, Michael Eder und anderen nahestehenden Menschen angewiesen, die unter dem „Zwang der Rekatholisierung“ 7 litten.
Gryphius ist ein typisch Barockzeit Lyriker gewesen - ein Mitproduzent der damaligen Stimmungslage. Die Vergänglichkeitstrauer und die irdische Existenz als Qual ist kein unübliches Thema in der Zeit gewesen. Hierbei wird das Klagen als „einzige poetische Möglichkeit fixiert“ 8 .
Die Kirchhofs-Gedanken wurden 1657 erstmalig veröffentlicht, doch vermutlich wurden sie zwischen 1650 und 1656 geschrieben. 9
Die ausführliche, metaphorischen, aber auch direkten Schilderung von Gerippen und verwesten Leichen bestimmt die Kirchhofs-Gedanken, aber auch die Rhythmik und die Strophengstaltung sind gebräuchliche Stilmittel in diesem Jahrhundert gewesen.
Friedhof [althochdeutsch frithof >Zufluchtsort<, zu friten >hegen<], etwa seit dem 15./16. Jahrhundert Bezeichnung für die Ruhestätte der Toten (Gottes Acker); ursprünglich ein umfriedeter Raum um die Kirche, der häufig als Begräbnisstätte diente (Kirchhof). 10
Zu spekulieren sei hierbei, ob der Friedhof eine so wichtige Rolle in Gryphius' Leben und Werken eingenommen hat, gerade weil er früh seine Eltern und später auch 4 seiner Kinder verloren hat und das in seiner Literatur verarbeitet wollte.
Grundthematik bei den Werken Gryphius', aber auch vielen anderen Barocklyrikern ist das Vanitas- Motiv(„Alles ist eitel/nichtig“) und Memento mori („Gedenke zu sterben“). Die Faszination für das Schicksal des menschlichen Körpers und dessen Seele nach dem Sterben hat nicht nur Gryphius sehr bewegt.
6 Fathy, Heba: Nachahmung. S.146f
7 Fathy, Heba: Nachahmung. S. 146
8 Ebd. S.147
9 Mannack, Eberhard: Andreas Gryphius, S. 44.
10 Meyer Lexikon
3. Das Vanitas-Motiv:
Das Leben nach dem Tod ist im 17. Jahrhundert oft von Lyrikern und Schriftstellern thematisiert worden. Die Aufmerksamkeit der Menschheit soll auf deren Vergänglichkeit gelenkt werden. Alles sei unbeständig, der Reichtum und der damit verbundene hohe Status in der Gesellschaft - Macht und Ruhm sowie Schönheit und Jugend seien vergänglich. 11
Der Mensch hat sein Leben selber nicht in der Hand - er ist ein Teil eines Mikrokosmos im einem Makrokosmos und somit nur ein Spielball der Zeit.
Der Kirchhof agiert hier als Schule des Sterbens - denn er lehrt den Leser die Vergänglichkeit des Lebens und bringt den Tod in Verbindung mit Visionen des jüngsten Gerichts. Der Mensch läuft Gefahr, die Standhaftigkeit in der Welt zu verlieren, wobei die Glaubenskraftauf die Ewigkeit gerichtet - hilft, die Unentwegtheit zu festigen. Wer betet, fragt Gott um Hilfe, die ihm dann selbstverständlich gewehrt wird. Ein Verlust des Glaubens wäre, nach Gryphius, das Schlimmste, im Gegensatz zu einer Entziehung von materiellen Gütern. Frömmigkeit und Gottesergebenheit haben daher sein Leben bestimmt. 12
3.1. Der Aufbau:
Gryphius' Werke setzen sich mit Paradoxen und Antithesen als Grundfigur auseinander. Das Irdisch-Vergängliche steht gegenüber dem Verlieren des Transzendent-Ewigen. Der Schein steht dem Sein direkt gegenüber. Durch die Variation von Versmaß, dem Auslassen von Partikeln und der Häufung von Begriffen gewinnt jedes seiner Werk an Intensität. 13 Der Kirchhofs-Gedanke besteht aus 50 Alexandrinerstrophen mit je 6 Versen. Beim Metrum handelt es sich um einen 4-hebigen Jambus und das Reimschema ist abbacddc.
3.2. Die Symbole: 14
Die Vanitas-Symbole, die die Vergänglichkeit der Menschheit ausdrücken, sind oftmals ähnliche. Der Totenschädel, der den Inbegriff der Sterblichkeit und der Auflösung des Menschen nach dem Tode darstellt oder die Musikinstrumente, die den unwiederholbaren Ton verkörpern, der nur für
11 Fathy, Heba: Nachahmung. S.147
12 Ebd. S.147
13 Hierbei bezieht sich der Autor zwar auf die Sonette, doch auch bei den Kirchhofs-Gedanken trifft diese Analyse zu. Fathy, Heba: Nachahmung. S. 149f
14 Battistini, Matilde: Bildlexikon
den Augenblick vorhanden ist. Das menschliche Leben ist im Gegensatz zu der Ewigkeit als flüchtiger Augenblick zu sehen. Das leere Schneckenhaus weißt auf das Leblose hin.
Auch Laster werden thematisiert, wie die Trunkenheit, die durch einen Krug symbolisiert wird oder die Eitelkeit - durch edle Stoffe wie Samt oder Schmuck.
Meist werden Zeichen verwendet, die eine gewisse Sterblichkeit haben - auf die der Mensch im langfristigen Sinne keinen Einfluss besitzt wie eine schöne und vollblättrige Rose, die ihre Blütenblätter verliert, oder eine abbrennende oder gar erloschene Kerze. Die Flamme oder auch das Licht wird als Seele, die den menschlichen Körper verlassen hat und die sterbliche Hülle zurücklässt, dargestellt. Gleichnisse zum Vanitas-Gedanken findet sich auch in dem Sonett Menschliches Elend von Andreas Gryphius.
Was sind wir Menschen doch? ein Wohnhauß grimmer Schmertzen, [...]
4. Der Nachruf 16
15 Gryphius, Andreas: Gedichte. S.6
16 Bogner, Ralf Georg: Autor S.145
Arbeit zitieren:
Master of Education Helene Erwin, 2003, Die Tradition Andreas Gryphius', München, GRIN Verlag GmbH
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