Inhalt:
Einleitung S. 3
1. Netze und Knorpel 4
Kurzer Rekurs auf Foucaults Machttheorie
2. Eine Genealogie Anderer Räume 6
Raumvorstellungen vor den Heterotopien
3. Heterotopologie 8
6 Grundsätze
4. Traum und Technik: Das Schiff 10
Die Heterotopie schlechthin
4.1 Seemannsgarn 12
4.2 Gruppe WochenKlausur 13
5. Alltägliches und Schockierendes: Der Spiegel 14
5.1 Passagen und Übergänge 15
5.2 Trickster 15
6. Öffentlicher Raum 17
Das Andere der Heterotopien
Literaturverzeichnis S. 21
2
Einleitung
Michel Foucaults Heterotopien sind viel diskutiert worden. Auch ich nehme mir in diesem Text vor, mich seinem Aufsatz „Andere Räume“ zu nähern, um ihn anschließend einer kritischen Lesart zu unterziehen. Was für eine Vorstellung von Raum bzw. Räumen entwirft Foucault? Wie plazieren sich darin Heterotopien? Wie liest sich dieses Raummodell im Zusammenhang mit Foucaults Machttheorie? Was ist das Andere der Heterotopien? Für eine kritische Lesart und zur näheren Bestimmung dessen was Raum und Zeit ist und Räume nehme ich mir einen Aufsatz von Oliver Marchart zu Hilfe über einige Überlegungen von Ernesto Laclau. Ich werde die Theorien, die dort entfaltet werden nicht annähernd komplex erfassen können und werde sie daher eng danach lesen, was ich damit zu Foucault ergänzen oder an ihm kritisieren möchte.
Für Foucault ist das Schiff die Heterotopie schlechthin, deshalb werde ich mich einige Zeit am Bild des Schiffes festhalten. Da mir als Künstlerin daran gelegen ist, Theorie auch in ihrer visuellen Umsetzung zu begreifen, werde ich zu Foucaults Aufsatz Textausschnitte und Fotos aus der Serie „Seemannsgarn“ des Künstlers Allan Sekula betrachten, die momentan auf der Documenta 11 zu sehen ist. Auch den Theoretiker Michel de Certeau, besonders Passagen aus dem Kapitel „Gehen in der Stadt“ in „Die Kunst des Handelns“ werde ich mit diskutieren. Wenn de Certeau davon spricht, sich Fragen zu einer Fortsetzung oder auch als Gegenpart zu Foucault zu stellen, dann fragt er nicht mehr nach den Details, die Macht konstituieren und den Raum disziplinieren, sondern nach den Umgangsweisen mit diesem (foucaultschen) Raum. Wie konkretes Handeln Räume hin zu Situationen und Möglichkeiten der Veränderung öffnen kann, möchte ich anschließend ausloten.
Ich versuche nun einen Einstieg mit einem kurzen Rekurs auf Foucaults Macht-theorie und einer Skizze des Heterotopie Begriffs, bevor ich näher auf seine Umschreibungen und Beispiele dieser Anderen Räume eingehe.
3
1. Netze und Knorpel
Foucault geht davon aus, dass alle Kulturen Heterotopien etabliert haben und etablieren. Das sind „wirkliche Orte, wirksame Orte, die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplazierungen oder Widerlagerer, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind (...).“ 2 Vor allem aber sind sie multipel. Nicht das eine Andere, sondern viele. Heterotopien als realisierte Utopien sind gleichzeitig materielle und metaphorische Orte. Der sozialen Verräumlichung tritt immer ein materieller Ort bei. Diese zweifache Räumlichkeit macht es möglich, Orte als soziale Praktiken zu begreifen und zu sehen wie sich Vorstellungen, Begehren, Mythen und Erzählungen an reellen Orten materialisieren und sie in Heterotopien verwandeln. Diese sind physische Räume, Sedimente der Lebenspraktiken und Vorstellungen einer Gesellschaft, in die sie als Andere Räume eingeschrieben sind. Die Vorstellung mannigfaltiger Widerlagerer läßt sich vielleicht verdeutlichen, wenn wir uns an Foucaults Macht- 1 GeraldRaunig, Wien Feber Null. Eine Ästhetik des Widerstands, Wien 2000, S. 40 1 Michel Foucault: Andere Räume, aus: Other Spaces. The Affair of the Heterotopia, Graz 1998, S. 29; im Folgenden sind alle kursiv gedruckten Zitate Foucaults diesem Aufsatz entnommen, sofern sie nicht anders gekennzeichnet sind
4
theorie erinnern. Es ist die Theorie eines heterogenen, dezentralen Machtgefüges. Eines, das nicht an einem einzigen Ort lokalisiert werden kann. Unser Zeitalter sei das Zeitalter des Raumes, schreibt Foucault, ein Netz, ein Gewirr aus Punkten und Linien, die verschiedene Machtpositionen innehaben. Ähnlich seiner Einführung von Heterotopien versteht Foucault Macht nicht als etwas zentrales, absolutes, dem ein homogenes Beherrschtes entgegengesetzt werden kann.
„Unter Macht, scheint mir, ist zunächst zu verstehen: die Vielfältigkeit von Kraftverhältnissen, die ein Gebiet bevölkern und organisieren, das Spiel, das in unaufhörlichen Kämpfen und Auseinandersetzungen diese Kraftverhältnisse verwandelt, verstärkt, verkehrt; die Stützen, die diese Kraftverhältnisse aneinander finden, indem sie sich zu Systemen verketten - oder die Verschiebungen und Widersprüche, die sie gegeneinander isolieren; und schließlich die Strategien , in denen sie zur Wirkung gelangen und deren große Linien und institutionelle Kristallisierungen sich in den Staatsapparaten, in der Gesetzgebung und in
3 den gesellschaftlichen Hegemonien verkörpern.“
Foucault spricht hier von „Vielfältigkeit“ und von Macht als Prozeß. Einen zentralen Ort hat diese Macht nicht oder vielmehr Mächte und wenn, dann ist es der Leib, der von den Mächten durchkreuzt wird und das „freie“ Individuum, das Macht ausübt. Über Interessen verbunden mit Strategien, Taktiken und Finten verbinden sich diese Mächte zu einer Topographie von Macht als ein alles umfassendes Netz ge-geneinander isolierter, überlagerter oder verbundener Zusammenballungen, die hegemoniale Machtgefüge verkörpern. Ein Netz aus Reihen, Bäumen, Gittern, wie Foucault diese Strukturen in „Andere Räume“ formal beschreibt. Jean Fischer schreibt in Anlehnung an Foucault zum wirkungsmächtigen Handeln:
„Wenn man in der Lage sein will, zu handeln und eine gewisse Verfügungsgewalt über die Dinge des eigenen Lebens auszuüben, wenn man etwas „machen“ will, muß man sich mit der Macht verbinden, sich an ästhetische oder gesellschaftliche Strukturen anschließen, die kulturelle Bedeutung produzieren und eine wirksame politische Stimme hervorbringen
4 können.“
Hier, wie auch bei Foucault, wird deutlich, dass Macht immer produktiv gedacht ist. Macht ist alles. Sie durchzieht alles, das heißt, niemand ist außerhalb der Macht.
3 M. Foucault, Sexualität und Wahrheit 1, Frankfurt/M. 1977, S. 113
4 Jean Fischer, „Zu einer Metaphysik der Scheiße“ aus Katalog zur Documenta 11, S. 65
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Arbeit zitieren:
Alexandra Gerbaulet, 2002, Heterotopia. Foucaults Andere Räume, München, GRIN Verlag GmbH
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