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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
1.1 Thema, Fragestellung und Vorgehen 3
1.2 Forschungsstand und Quellenlage 4
2. Griechen und Perser bei Herodot 6
2.1 Herodot als Quelle 6
2.2 Ereignisse: die Schlacht an den Thermopylen und die Eroberung Athens 7
2.3 Charaktere: Leonidas, Ephialtes, Megistias, Xerxes 9
2.4 Strukturen: die Griechen-Barbaren-Antithese 14
2.4.1 Die Polysemie der Überlieferung - Textaussagen und Deutungsspielräume
in den 1950er Jahren und heute 14
2.4.2 Die Funktionalisierung der Gegenbegriffe 20
3. Griechen und Perser in Oskar Kokoschkas Triptychon ,Thermopylae 20
3.1 Exkurs zur Methode der Bildanalyse und -interpretation 20
3.2 Oskar Kokoschka: ,Thermopylae oder der Kampf um die Errettung des Abendlandes 24
3.2.1 Genese, Urheberschaft und Zweck des Bildes 24
3.2.2 Bildbeschreibung 29
3.2.3 Bildanalyse und -interpretation 30
4. Zusammenfassung 37
Quellen - und Literaturverzeichnis 40
3
1. Einleitung
1.1 Thema, Fragestellung und Vorgehen
Am Anfang der griechischen Geschichtsschreibung steht Herodot (ca. 485-424) 1 . In seinen neun Büchern umfassenden ‚Historien’ schildert der „pater historiae“ 2 den Konflikt zwischen Griechen und Persern, der sich im Verlauf der Erzählung zu einem offenen Krieg entwickelt. Daneben lässt der antike Autor zahlreiche Exkurse über die geo- und ethnografische Vielfalt der ihm bekannten Welt einfließen. Unzählige Gelehrte haben sich seit ihrer Veröffentlichung, zwischen 430 und 425 v. Chr. in Athen 3 , der Exegese dieser zentralen Quelle der griechischen Antike gewidmet. Gefangen in den Schranken ihrer „hermeneutischen Situation“ 4 stellte jede Generation ihre spezifischen Fragen an den Text und verband in ihrem Streben nach „Wahrheit“ die antike Überlieferung auf diese Weise unausweichlich mit den Problemen ihrer Zeit. Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht mit Oskar Kokoschkas (1896-1980) Triptychon ‚Thermopylae’ eine visuelle Interpretation der antiken Überlieferung, die im Jahr 1954 unter dem Eindruck des Kalten Krieges im schweizerischen Villeneuve entstand. Der Maler greift darin die von Herodot im siebenten und achten Buch seiner Erzählungen geschilderten Ereignisse um die Schlacht an den Thermopylen und die persische Eroberung Athens auf und verleiht ihnen durch das Medium des Bildes auf einer Fläche von 2,25 x 8,00 m monumentalen Ausdruck. Auffällig ist die antithetische Struktur des eigens für die Hamburger Universität angefertigten Triptychons. Insbesondere bei der Darstellung von Personen und Personengruppen tritt sie deutlich hervor. Es gilt daher danach zu Fragen, wie Kokoschka Griechen und Perser in seinem Triptychon abgebildet hat, inwiefern er dabei von der Darstellung bei Herodot abgewichen ist und welche politische Botschaft er dadurch transportieren wollte.
Zur Klärung dieser Fragestellung soll zunächst untersucht werden, wie Herodot den von Kokoschka visuell verarbeiteten Stoff überliefert. Von Interesse ist dabei die Beschreibung zentraler Charaktere sowie der Deutungsspielraum, den der wissenschaftliche Diskurs für die Beurteilung von Griechen und Persern und ihres Verhältnisses zueinander in der Entstehungszeit des Bildes bot (2.). In einem weiteren Schritt wird Kokoschkas Darstellung von Griechen und Persern anhand eines semiotischen Ansatzes untersucht. Ausgehend von der Person Kokoschkas und der Entstehungsgeschichte seines ‚Thermopylae’-Triptychons soll gezeigt werden, wo sich der Maler innerhalb des zeitgenössischen Deutungsspielraumes befindet und welche politische
1 Über das genaue Geburtsjahr Herodots herrscht nach wie vor Uneinigkeit, vgl. u.a. Meier, M.: s.v. Herodotos, in: DNP, Bd. 5, 1998, Sp. 469-475, Sp. 469.
2 Cic. de. leg. I, 1,5.
3 Vgl. Bichler, R./Rollinger, R.: Herodot, (=Studienbücher Antike, Bd. 3), Hildesheim 2000, S. 13.
4 Gadamer, H.-G.: Was ist Wahrheit?, in: Ders.: Wahrheit und Methode. Ergänzungen. Register, (=Gesammelte Werke, Bd. 2: Hermeneutik II), Tübingen 1986, S. 44-56, S. 51.
4
Botschaft er mit seiner Interpretation der antiken Überlieferung transportieren wollte (3.). Abschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst (4.).
1.2 Forschungsstand und Quellenlage
Angesichts der interdisziplinären, die historischen Subdisziplinen Alte Geschichte und Zeitgeschichte verbindenden Perspektive, stellt die Integration bisheriger Forschungsergebnisse eine besondere Herausforderung dar. Zur Eingrenzung werden daher ausschließlich folgende drei Diskurse einbezogen:
Zunächst die in der Alten Geschichte teilweise sehr kontrovers Diskutierte Frage nach der Bewertung von Griechen und Persern bei Herodot und die damit verbundene Griechen-Barbaren-Antithese. Die ältere, überwiegend deutsche, vom Geschichtsdenken des 19. Jahrhunderts inspirierte Forschung weist hier eine von völkisch-nationalen Stereotypen geprägte Interpretation der herodoteischen Darstellung von Griechen und Persern auf. 5 Sie besitzt inzwischen selbst Quellenstatus und ist einer wesentlich Differenzierteren Betrachtung der Perserkriegsgegner gewichen, die immer stärker nach den pragmatischen Aspekten des gegensätzlichen Begriffspaares „Griechen - Barbaren (=Perser)“ in antiken und modernen Gesellschaften fragt. 6 Weiterhin dürfen die Stimmen der Kunsthistoriker und Kokoschka-Biografen keinesfalls überhört werden. Da ‚Thermopylae’ oftmals abschätzig zum weniger interessanten Spätwerk Kokoschkas gezählt wird, war das Interesse der Kunsthistorie bisher gering. Dennoch sind zwei Tendenzen erkennbar: Einerseits wurde die politische Bedeutung des Bildes grundsätzlich zu Gunsten einer philosophisch-ästhetischen Bildbotschaft abgewertet. Dabei ist man bisher zumeist werkimmanent vorgegangen, wobei eine genaue Untersuchung des Bild-Kontextes und der antiken Überlieferung häufig entfiel. 7 Demgegenüber hat ein Teil der kunsthistorischen Forschung bereits
5 Vgl. Jüthner, J.: Hellenen und Barbaren. Aus der Geschichte des Nationalbewußtseins, (=Das Erbe der Alten, Bd. 8), Leipzig 1923; Pohlenz, M.: Herodot. Der Erste Geschichtsschreiber des Abendlandes, (=Neue Wege zur Antike. II. Reihe, H. 7/8), Leipzig/Berlin 1937; Egermann, F.: Das Geschichtswerk des Herodot. Sein Plan, in: Neue Jahrbücher für Antike und deutsche Bildung, 1 (1938), H. 4/5, S. 191-197 u. 239-254; Gigante, M.: Herodot, der erste Historiker des Abendlandes, in: Marg, W. (Hg.): Herodot eine Auswahl der neueren Forschung, (=Wege der Forschung, Bd. 26), 3., korr. u. neu bearb. Aufl., Darmstadt 1982, S. 259-281.
6 Vgl. Bockisch, G.: Herodot - Geschichten- und Geschichtsschreiber, in: Klio, 66 (1984), H. 2, S. 488-501; Konstan, D.: Persians, Greeks and Empire, in: Arethusa, 20 (1987), H. 1/2, S. 59-73; Bichler, R.: Der Barbarenbegriff des Herodot und die Instrumentalisierung der Barbaren-Topik in politisch-ideologischer Absicht, in: Soziale Randgruppen und Außenseiter im Altertum, Graz 1988, S. 117-128; Hall, E.: Inventing the Barbarian. Greek Self-Definition through Tragedy, Oxford 1989; Koselleck, R.: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, (=Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, Bd. 757), Frankfurt a. M. 1989, S. 211ff.; Cartledge, P.: The Greeks. A Portrait of Self and Others, Oxford 1993;Sancisi-Weerdenburg, H.: The Personality of Xerxes, King of Kings, in: Bakker, E. J. u.a. (Hgg.): Brill's Companion to Herodotus, Brill u.a. 2002, S. 579-590.
7 Vgl. Spielmann, H.: Oskar Kokoschka. Leben und Werk, Köln 2003, S. 402-405; Lachnit, E.: Die Macht der Bilder. Politisches Engagement 1931-1953, in: Schröder, K.A. u.a. (Hgg.): Oskar Kokoschka, (=Katalog zur Ausst. ‚Oskar Kokoschka’ im Kunstforum Länderbank Wien, 14. März - 23. Juni 1991), München 1991, S. 37-43; Winkler, J.: Leben aus dem Feuer der Farbe. Zum späten Werk 1953-1973, in: Schröder u.a. (Hgg.): Kokoschka, S. 45-51; Lischka, G.J.: Oskar Kokoschka: Maler und Dichter. Eine literar-ästhetische Untersuchung zu seiner Doppelbegabung, (=Europäische Hochschulschriften. Reihe XVIII Vergleichende Literaturwissenschaften, Bd. 4), Frankfurt a. M. 1972, S. 45; Jähner, H.: Kokoschka und die Frage der Opposition. Zum 70. Geburtstag des Künstlers, in: Bildende Kunst, 4 (1956), H. 3, S.
5
früh den zeithistorischen und politischen Bezügen des ‚Thermopylae’-Triptychons stärkere Bedeutung eingeräumt. Auch dabei wurden der für die politische Aussage des Bildes entscheidende Entstehungszusammenhang sowie die Veränderung des Stoffes durch den Maler allenfalls sehr oberflächlich untersucht. 8 Eine Ausnahme bildet der Katalog zur Kokoschka-Ausstellung der Grafischen Sammlung Albertina in Wien von 1998. In den darin versammelten Aufsätzen wird ‚Thermopylae’ im Kontext des Kalten Krieges und der Ideenwelt der Ära Adenauer erstmalig als frühes Zeugnis des europäischen Integrationsprozesses gedeutet. Die Entstehungsgeschichte des Triptychons sowie ansatzweise auch die Veränderung des historischen Stoffes durch den Künstler sind dabei ebenfalls von Interesse. 9
Neben einem als „Forschungsgeschichte“ ausgewiesenen Abschnitt bei Bichler/Rollinger 10 bildet die Dissertation von Anuschka Albertz den derzeitigen Forschungsstand im Bereich der Herodot-Rezeption. Im Rahmen ihrer epochenübergreifenden Rezeptionsgeschichte der Schlacht an den Thermopylen, deren Leitgedanke ein „exemplarisches Heldentum“ ist, geht Albertz am Rande auch auf Kokoschkas Triptychon ein. Dabei weist sie auf die Aktualisierung der „Antithese von europäischem Abendland und barbarischem Osten“ 11 unter dem Eindruck des Kalten Krieges hin. In scharfem Gegensatz zu diesen meist sehr oberflächlichen Untersuchungen, ist - neben Herodot als antiker Quelle - die Quellenlage zu ‚Thermopylae’ ausgesprochen gut. Da Kokoschka während der 1950er und 1960er Jahre im Zenit seiner Popularität stand, sind zahlreiche Äußerungen des Künstlers über sein Bild in Briefen oder Aufsätzen überliefert. 12 Allein durch stichprobenartige Untersuchung regionaler Printmedien, wie dem ‚Hamburger Abendblatt’, der Hamburger Studentenzeitschrift ‚Auditorium’ oder auch dem Hamburger Nachrichtenmagazin ‚Der Spiegel’ lässt sich bisher kaum Bekanntes über die Genese des Triptychons in Erfahrung bringen. 13
140-144; Schade, H.: Guernica und Thermopylae. Zwei Katastrophenbilder von Picasso und Kokoschka, in: Stimmen der Zeit. Monatsschrift für das Geistesleben der Gegenwart, 81 (1955/56), H. 6, S. 425-436; Kokoschka, O./Kern, W.: Oskar Kokoschka. Thermopylae. Ein Triptychon, Winterthur 1955, S. 8-14.
8 Vgl. Werner, N. (Hg.): Kokoschka. Leben und Werk in Daten und Bildern, Frankfurt a. M. 1991, S. 100-105; Hofmann, W.: Der irrende Ritter, in: Kunsthaus Zürich (Hg.): Oskar Kokoschka. 1886-1980, (Katalog zur Ausst. im Kunsthaus Zürich vom 4. September - 9. November 1986), Zürich u.a. 1986, S. 12-19; Kunstgeschichtliches Seminar der Universität Hamburg: Das Thermopylen-Triptychon im Hörsaal D der Universität Hamburg, Hamburg 1982/83, S. 30, 43 (unveröffentlicht); Heise, C.G.: Oskar Kokoschka. Thermopylae. 1954, (=Reclams Werkmonographien zur bildenden Kunst, Bd. 68), Stuttgart 1961, S. 4-10.
9 Vgl. Schefbeck, G.: Das Europa der Freiheit. Ein großer Europäer vor dem Hintergrund der Anfänge der europäischen Integration, in: Weidinger, A. (Hg.): Die Thermopylen. Oskar Kokoschka - Ein großer Europäer, (=Katalog zur Ausst. der Grafischen Sammlung Albertina 22. Juli bis 26. September 1998), Wien 1998, S. 19-28; Weidinger, A.: Zu Kokoschkas Triptychon Die Thermopylen, in: Ders. (Hg.): Thermopylen, S. 29-35.
10 Bichler/ Rollinger: Herodot, S. 152-155.
11 Albertz, A.: Exemplarisches Heldentum. Die Rezeptionsgeschichte der Schlacht an den Thermopylen von der Antike bis zur Gegenwart, (=Ordnungssysteme. Studien zur Entstehungsgeschichte der Neuzeit, Bd. 17), München 2006 (zugl. Diss. phil. Univ. Trier 2004), S. 331.
12 Vgl. u.a. Kokoschka, O.: Zu meinem Triptychon ‚Die Thermopylen’, in: Ders.: Aufsätze, Vorträge, Essays zur Kunst, (=Oskar Kokoschka. Das schriftliche Werk, Bd. 3), hg. von Olda Kokoschka u. Heinz Spielmann, Hamburg 1975, S. 321-325; Ders.: Mein Leben, München 1971; Ders.: Briefe IV. 1953-1976, hg. von Olda Kokoschka u. Heinz Spielmann, Düsseldorf 1988.
13 Vgl. Abschn. 3.2.1.
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2. Griechen und Perser bei Herodot
2.1 Herodot als Quelle
Das moderne Wissen über die Perserkriege, den Kampf zwischen Griechen und Persern um das politische Schicksal der griechischen Halbinsel, beginnend mit dem Ionischen Aufstand (500 v. Chr.) bis zur Niederlage der Perser bei Plataiai (479 v.Chr.), stützt sich zu beträchtlichen Teilen fast ausschließlich auf die neun Bücher umfassenden Schilderungen Herodots. Wie es im Proömion heißt, sollen „große und wunderbare Taten der Griechen und der Barbaren“ 14 den Menschen hierdurch ebenso im Gedächtnis bleiben, wie die Gründe, „warum sie gegeneinander zum Kriege schritten“ 15 . Der Gegensatz zwischen Griechen und Persern wird damit bereits zu einem Leitmotiv des Werkes erhoben. 16 Herodot ist es auch, der in den Büchern sieben bis neun seiner ‚Historien’ vom Feldzug des Xerxes I. (reg. 485-465 v. Chr.) berichtet: Nach der Niederlage seines Vaters, Dareios I. ( reg. 521-486 v. Chr.), gegen die Griechen in der Ebene von Marathon (490 v. Chr.) überquerte dieser zehn Jahre später mit einem gewaltigen Heeresaufgebot erneut den Hellespont nach Westen - diesmal, um ganz Griechenland endgültig zu unterwerfen. Zur Verstärkung des Heeres entsandte Xerxes gleichzeitig eine Flotte vor die Küsten der Peloponnes. Im Sommer des Jahres 480 v. Chr. kam es zu einer ersten militärischen Auseinandersetzung zwischen dem persischen Heer und einem griechischen Aufgebot unter Führung des spartanischen Königs Leonidas: der Schlacht an den Thermopylen. 17 Obgleich die Schlacht für die Griechen zur blutigen Niederlage wurde, bei der Leonidas mit vielen seiner Kameraden den Tod fand und die Perser im Nachgang zwei mal Athen eroberten, waren die Verteidiger siegreich. Bei Salamis (480 v.Chr.) und Plataiai brachten die Griechen den Persern auf See und zu Lande entscheidende Niederlagen bei. Sie bewegten Xerxes zur Aufgabe seiner Expansionspläne.
Über den Quellenwert dieser Überlieferung, über ihre Glaubwürdigkeit, Entstehungsgeschichte und politischen Tendenzen ist seither in der Forschung immer wieder heftig diskutiert worden. 18 Der wissenschaftliche Quellenwert der ‚Historien’ dürfte allerdings für Oskar Kokoschka, der sich bei der Konzeption seines Triptychons ‚Thermopylae’ auf Herodots Bericht stützte, von untergeordneter Bedeutung gewesen sein. 19 Dennoch ist es zur differenzierten Beurteilung des Bildes wichtig, auch die historische Überlieferung in zentralen Punkten stärker zu berücksichtigen.
14 Hdt. I, 1.
15 Hdt. I, 1.
16 Vgl. Bichler/Rollinger: Herodot, S. 14f.
17 Vgl. Hdt. VII, 188-233.
18 Vgl. den Überblickartikel bei Meier: s.v. Herodotos Bichler/Rollinger: Herodot, S. 161-163; Welwei, K.-H.: Sparta. Aufstieg und Niedergang einer antiken Großmacht, Stuttgart 2004, S. 132-152; Albertz: Heldentum, Kap. I.1.
19 Vgl. u.a. Kokoschka: ‚Die Thermopylen’, wo Kokoschka wiederholt auf den Bericht des Herodot eingeht, dabei aber die bestenfalls populärwissenschaftliche Übersetzung von Theodor Braun verwendet (Übersetzung abgedruckt in: Kokoschka/Kern: Thermopylae, Anhang S. 1-6).
7
2.2 Ereignisse: die Schlacht an den Thermopylen und die Eroberung Athens
Herodot beschreibt die Ereignisse um die Schlacht an den Thermopylen und die Eroberung Athens relativ ausführlich, wobei das Geschehen an den Thermopylen (siebentes Buch) im Vergleich zur doppelten Eroberung Athens (achtes und neuntes Buch) breiteren Raum einnimmt. 20 So beginnt der antike Historiker seine Ausführungen mit dem Auszug des persischen Heeres aus Sardes und zeichnet ein genaues Bild der riesigen Streitmacht. 21 Während das Perserheer den Hellespont passiert und über Thrakien und Makedonien in den Norden der griechischen Halbinsel vorstößt, beraten die Griechen über geeignete Abwehrmaßnahmen. Sie bilden dazu einen Bund unter der militärischen Führung Spartas, dem aber längst nicht alle Griechen angehören. Eine Vielzahl nicht unbedeutender griechischer Mächte, wie Argos, Theben oder auch Thessalien, unterwirft sich den Persern. 22 Nachdem man eine erste Abwehrstellung im Tempe-Tal aus strategischen Gründen aufgegeben hat 23 , entscheiden sich die griechischen Bundesgenossen für die Thermopylen. Hier, wo es nur einen schmalen Pass gibt, den das Heer der Perser zum Weiterzug nach Süden zwangsläufig nutzen muss, wollen sie ihre Freiheit verteidigen. 24 Leonidas, König der Lakedaimonier, übernimmt selbst das Kommando. Neben einer Reihe griechischer Kontingente von der Peloponnes aus Boiotien, Lokris und Phokis stehen ihm 300 bewaffnete Spartaner zur Verfügung. Insgesamt kommandiert der Spartanerkönig etwa 6000 Hopliten, ein weiteres Kontingent Leichtbewaffneter und einen Tross aus Hilfspersonal für technische und logistische Aufgaben. 25 Da in Sparta zu dieser Zeit das Fest der Karneien begangen wird und die übrigen Griechen mit den Olympischen Spielen beschäftigt sind, bildet diese Truppe nach Herodot lediglich eine Vorausabteilung. Ohnehin rechnet man nicht mit einer schnellen Entscheidung. 26 Beim ersten Anblick des Perserheeres geht unter den Bundesgenossen die Angst um. Schließlich entscheiden sich die peloponnesischen Kontingente zum Rückzug, sie wollen ihre Heimat am Isthmus verteidigen. Leonidas beschließt nun mit den restlichen Truppen - ihm bleiben noch die Verbände aus Thespis, Lokis, Phokis sowie die als unzuverlässig charakterisierten Thebaner 27 - die Stellung zu halten und sendet gleichzeitig Boten aus, die Verstärkung anfordern sollen. 28 Als Xerxes’ Streitmacht zum Kampf bereit ist, lässt der König der Könige vier Tage verstreichen, um den
20 Vgl. Hdt. VII, 184-233 im Vergleich zu VIII, 37-55 u. IX, 13.
21 Vgl. Hdt. VII, 40-41; eine genauere Beschreibung der am Landfeldzug auf persischer Seite teilnehmenden Völker bei Hdt. VII, 61-88; die Problematik der Zahlenangaben bei Herodot sei hier außer Acht gelassen, vgl. dazu Welwei: Sparta, S. 167f.
22 Vgl. Hdt. VII, 131-133.
23 Vgl. Hdt. VII, 173f.
24 Vgl. Hdt. VII, 175-177.
25 Vgl. Hdt. VII, 202-203,1; da die Zahlenangaben Herodots schwanken, sind sie nur bedingt aussagekräftig, bei Hdt. VII 28,1 ist sogar nur von 4000 Peloponnesiern die Rede; Welwei: Sparta, S. 141f.
26 Vgl. Hdt. VII, 206.
27 Dies ergibt sich aus den Äußerungen bei Hdt. VII, 202-203,1 u. 205,3; außerdem dürften die Spartaner auch von Heloten begleitet worden sein, die ihre „Herren“ im Kampf unterstützen, vgl. Hdt. VII, 229 u. VIII, 25.
28 Vgl. Hdt. VII, 207.
8
Griechen die Möglichkeit zum Rückzug zu geben. Die Verteidiger bereiten sich indes auf die Schlacht vor. Am fünften Tag verliert Xerxes seine Geduld und es kommt zum Kampf. 29 Zwei Tage trotzt die Truppe um Leonidas nicht nur den Angriffen medischer Verbände, sondern auch denen der „10 000 Unsterblichen“, einer Elitetruppe des Perserkönigs unter dem Befehl des Hydarnes. Herodot betont ausdrücklich, dass die Perser an den Thermopylen erstmals während des gesamten Landfeldzuges Verluste hinnehmen mussten, und berichtet weiterhin, dass selbst Xerxes aus Sorge um sein Heer drei Mal von seinem Stuhl aufstand, während er den Schlachtverlauf verfolgte. 30
In dieser Situation bietet der Grieche Ephialtes den Persern seine Dienste an und verrät einen geheimen Pfad, auf dem er Hydarnes und seine Männer während der Nacht hinter die griechische Linie führt. 31 Dabei schlagen sie die zur Sicherung des Pfades abkommandierten Phoker in die Flucht. Am Morgen des dritten Tages wird Leonidas von seinen Spähern über den Ernst der Lage unterrichtet. Er entscheidet sich für den Kampf und gibt dennoch einem Teil seiner Kontingente den Befehl zum Rückzug. Bei ihm verbleiben nunmehr die Thespier unter Demophilos, die als Geißeln betrachteten Thebaner, der Seher Megistias und die 300 Spartaner. 32 Als die Perser bald darauf angreifen, ziehen sich die Thebaner zurück. Obschon sie sich ihrer ausweglosen Lage durchaus bewusst sind, gehen die restlichen Griechen in die Offensive und stürzen sich in den Kampf. Bis auf zwei Spartaner, von denen einer als Bote weggeschickt wird und der andere wegen einer Augenkrankheit nicht an den Kämpfen teilnimmt, kommen dabei alle Griechen ums Leben. 33 Am Ort des Kampfes werden die Gefallenen später beerdigt. Zu ihrer Ehrung bringt man drei Epigramme an, je eines für alle Getöteten, für den Seher Megiatias und für die 300 Spartaner um Leonidas. 34
Den Persern steht nun der Weg nach Griechenland offen. Sie erobern Athen und setzen die Akropolis in Brand. Da die Athener, insbesondere aber deren Frauen und Kinder, bereits vorsorglich evakuiert worden sind, finden die Eindringlinge eine fast menschenleere Stadt vor. 35 Kurz darauf, im Herbst des Jahres 480 v. Chr., gelingt den Griechen bei Salamis der entscheidende Schlag gegen die persische Flotte. Nach dieser Niederlage entscheidet sich Xerxes zum Rückzug, ein Teil seines Heeres soll allerdings unter Mardonios in Thessalien überwintern und die persische
29 Vgl. Hdt. VII, 210-212.
30 Vgl. Hdt. VII, 184,1 bzw. VII, 212,2
31 In der Forschung wird bereits seit langem darüber diskutiert, ob die Schlacht an den Thermopylen für die Griechen von Vornherein ein „Himmelfahrtskommando“ darstellte oder ob sie erst nach dem Verrat des Ephialtes für die Griechen verloren war; vgl. Albertz: Heldentum, S. 36f.
32 Vgl. zu den Zahlenangaben wiederum Welwei: Sparta, S. 144f. u. 148f.
33 Vgl. Hdt. VII, 213-232.
34 Vgl. Hdt. VII, 228.
35 Vgl. Hdt., VIII, 40f. u. 51,2 bzw.65,2, wo berichtet wird, dass Attika zu dieser Zeit „ganz menschenleer“ gewesen sei.
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Herrschaft zu Lande ausbauen. 36 Im Frühjahr des Jahres 479 v.Chr. macht Mardonios, der nun seinen Landfeldzug fortsetzt, den Athenern das Angebot, sich zu ergeben. Im Gegenzug soll Stadt und Einwohner verschont werden. Als die Athener ablehnen, führt er die verbleibenden persischen Truppen erneut gegen sie und erobert Athen im Abstand von nur zehn Monaten ein zweites Mal. 37 Nach dem Einmarsch in die erneut evakuierte Stadt räumt der persische Feldheer nochmals Bedenkzeit ein. Erst als die Athener auch dieses Angebot ablehnen, gibt er den Befehl zum Angriff. Athen wird geplündert, verbrannt und dem Erdboden gleich gemacht. 38
2.3 Charaktere: Leonidas, Ephialtes, Megistias, Xerxes
Unter den Griechen nehmen die Lakedaimonier, deren König Leonidas ist, eine herausragende Stellung ein. Bereits Demaratos, ehemaliger Spartanerkönig in persischen Diensten, weiß im Gespräch mit Xerxes zu berichten, dass seine Landsleute außerordentlich Tapfer seien und bis zum letzten kämpften, denn eine „mannhafte Haltung“ 39 sei ihnen in ihrer Heimat, wo „Weißheit und strenges Gesetz“ 40 herrschten, anerzogen worden. Über Leonidas, der diese spartanischen Eigenschaften in besonderer Weise verkörpert, lassen sich Herodots Schilderungen jedoch nur wenige Informationen entnehmen. Der Spartanerkönig kommt kein einziges Mal selbst zu Wort und der Leser erfährt auch nichts über seinen Abschied aus Sparta oder über Frau und Kinder des Leonidas. Offensichtlich scheinen Herodot die spartanischen Verhältnisse eher fremd zu sein, weshalb er diese nur in der Außenperspektive darstellt. 41 So ist den ‚Historien’ lediglich zu entnehmen, dass Leonidas, der unter Aufzählung einer langen Ahnenreihe bis auf Herakles zurückgeführt wird 42 , mit 300 auserwählten spartanischen Kriegern, die „bereits Kinder besaßen“ 43 , in die Schlacht zieht. Für die griechischen Bundesgenossen sollen er und seine Männer, deren Tapferkeit und Entschlossenheit stets betont werden, ein militärisches Vorbild sein - ein Aspekt, dem nach ihrem Tod bei Thermopylae im Rahmen der späteren Rezeption bis in die Gegenwart hinein eine kaum zu überschätzende Bedeutung zukommt. 44 In der Frage, warum Leonidas in auswegloser Situation die Stellung an den Thermopylen hält und zusammen mit seinen Männern in den Tod geht, erscheinen mehrere Antworten plausibel. Es lassen sich mindestens fünf teilweise
36 Vgl. Hdt. VIII, 113-120.
37 Vgl. Hdt., VIII, 136-143 u. IX,1.
38 Vgl. IX, 6 u. 13,1-2; Welwei, K.W.: Das klassische Athen. Demokratie und Machtpolitik im 5. und 4. Jahrhundert, Darmstadt 1999, S. 61-68.
39 Hdt. VII, 102,1.
40 Hdt. VII, 102,1.
41 Vgl. Albertz: Heldentum, S. 30.
42 Vgl. Hdt. VII, 204.
43 Hdt., VII, 205,2.
44 Vgl. Hdt. VII, 206,1 u. 209,4 bzw. VIII, 71,1; Albertz: Heldentum, S. 17f.; Rebenich, St.: From Thermopylae to Stalingrad the Myth of Leonidas in German Historiography, in: Powell, A./Hodkinson, St. (Hgg.): Sparta. Beyond the Mirage, London 2002, S. 323-349.
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B.A. Michael Peter Schadow, 2008, "Denke an die Russen in Europa, und Du wirst die Aktualität verstehen...", München, GRIN Verlag GmbH
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