Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 2
2. Mühlmanns Karriere. 3
2.1 Die Lage der deutschen Völkerkunde 1940. 3
2.2 Biographischer Abriss. 4
2.3 Mühlmanns Schriften. 6
2.3.1 Mühlmann zur Eugenik. 7
2.3.2 Artikel zur „Hitlerbewegung“ 9
2.4 Mühlmanns Laufbahn nach ’45 10
2.4.1 Der „ZEIT-Skandal“ 12
3. Mühlmann in der Kritik. 13
4. Fazit. 18
5. Bibliographie. 20
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1. Einleitung
In dieser Arbeit soll das Spannungsfeld Wissenschaft - Diktatur am Beispiel des deutschen Soziologen und Ethnologen Wilhelm Emil Mühlmanns (1904-1988) näher betrachtet werden. Wie ist seine Rolle während und nach der NS-Zeit zu beurteilen? War er Mitläufer, Opportunist, Karrierist oder eben doch ein klar Überzeugter?
Das Scheuen und die Schwierigkeit der Beurteilung seiner Person resultierte in der späten Auseinandersetzung mit seinen wissenschaftlichen Tätigkeiten zur NS-Zeit, diese fand erst Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre statt. Das Renommee Mühlmanns mag einer der Gründe gewesen sein, dass eine ausführliche Beschäftigung mit seinen wissenschaftlichen Tätigkeiten erst so spät geschah. Diese überfällige Auseinandersetzung erfolgte vor allem durch die Publikationen von Ute Michel 1 , welche exklusiven Zugang zu seinem Privatarchiv erhielt, und so weitere Arbeiten nach sich zog.
Ein Annähern an die Person Mühlmann und seine Ideen und Überzeugungen soll an Hand seiner Biographie und durch Beispiele aus Mühlmanns Schriften zur Eugenik und verstärkend durch seinen viel zitierten Beitrag zur „Hitlerbewegung“ 2 erfolgen. Im Zusammenhang mit Mühlmanns Wirken nach ’45 soll auf den Skandal in der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ eingegangen werden. Anschließend soll die Beurteilung der Person Mühlmanns innerhalb des Faches erfolgen, hier wird vornehmlich den Einschätzungen Michels, aber auch vielen anderen Wissenschaftlern Raum gegeben. Die Palette ist breit gefächert und umfasst von „Kind seiner Zeit“, über den „Opportunisten“, bis hin zum Mittäter, alle Charakteristika. Ferner soll auf die Politisierung der Wissenschaft während des Nationalsozialismus durch Gleichschaltung und opportunistisches Verhalten näher eingegangen werden. Hier soll die Problematik der Idee der „zweckfreien und unpolitischen Forschung“ im Zusammenhang mit der Wissenschaft im NS-System thematisiert werden.
Abschließend sollen die Ergebnisse reflektiert und in einen Zusammenhang gebracht werden. Hier sollen dann die gewonnenen Erkenntnisse über Mühlmanns Leben und Wirken noch einmal Revue passieren.
1 Michel, Ute (1986/87): Ethnologie und Nationalsozialismus am Beispiel W. E. Mühlmann. Ungedruckte Magisterarbeit. Universität Hamburg; und natürlich: Michel, Ute (1991): Wilhelm Emil Mühlmann (1904-1988) - ein deutscher Professor. Amnesie und Amnestie: Zum Verhältnis von Ethnologie und Politik im Nationalsozialismus. In: Klingemann, Carsten et al (Hrsg.): Jahrbuch für Soziologiegeschichte 1991. Opladen: Leske und Budrich, S. 69-117.
2 Aufsatz Mühlmanns aus dem Jahre 1933 (siehe Bibliographie: Mühlmann 1933).
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2. Mühlmanns Karriere
Es soll nun auf die politische und wissenschaftliche Positionierung und Biographie Mühlmanns zu Zeiten der Weimarer Republik, des Dritten Reiches und der Bundesrepublik eingegangen werden. Zum Einstieg soll hierzu ein blitzlichtartiger Einblick in die Positionierung der Disziplin der deutschen Völkerkunde von 1940 vermittelt werden. Anschließend folgt ein biographischer Überblick zum Wirken Mühlmanns, wobei auf seine Schriften zur Eugenik und zur „Hitlerbewegung“ detailliert eingegangen werden soll, sowie auf sein Leben nach dem zweiten Weltkrieg, hier steht der „ZEIT-Skandal“ im Fokus.
2.1 Die Lage der deutschen Völkerkunde 1940
Um einen Eindruck von der Situation der deutschen Völkerkunde zur NS-Zeit zu bekommen, soll der Bericht über die Arbeitszusammenkunft deutscher Volkskundler im Jahr 1940 angeführt werden. Hieraus exemplarisch die Definition von „Rasse“:
„Der Mensch als Ganzes, die Menschheit, ist eine Einheit, die sich durch gleiche Merkmale des Körpers, des Geistes und der Seele von anderen Lebewesen abhebt. Aber auf diesen allgemeinmenschlichen Wesenzügen liegen Besonderheiten, Gliederungen nach körperlichen, sowie geistigseelischen Merkmalverbundenheiten. Die Menschheit ist eingeteilt in Rassen. Schafft das Allgemeine im Menschen allgemeine Kulturerscheinungen, die elementaren Fundamente menschlicher Kultur, so ist das Besondere im Menschen, das Rassische, mit verantwortlich für das Besondere im Kulturleben der Menschheit, für die Prägung von Kulturformen. Es bestehen tiefe, innere Bedingtheiten zwischen der Rasse, als erblich bedingter Art des Menschen, und damit der Rassenmischungsgrundlage, der Blutgebundenheit menschlicher Gemeinschaften, und der Kultur als besonderer Art und eigener Betätigung kulturellen Wollens“ (Plischke 1941: 4).
Interessanterweise sehen die Völkerkundler eine gemeinsame Basis aller Menschen, was grundsätzlich der Hierarchisierung der Menschen als Basis des Rassismus widersprechen würde. Doch sofort wird deutlich, dass obwohl alle Menschen qua „Menschsein“ gleich sind, doch Unterschiede bestehen, welche sich in Rassen („erblich bedingte Art des Menschen“) und der Kultur manifestieren. Weiter wird der Schwerpunkt der damaligen Völkerkunde deutlich: „Rassenmischung“ und „Blutgebundenheit“ zeigen die ideologische Verbundenheit zu NS-Kernthemen wie „Rassenhygiene“ oder „Blutreinheit“ auf.
Ein weiterer Schwerpunkt der NS-Völkerkunde lag 1940 ebenfalls auf der Kolonialpolitik. In Bezug hierauf fasst der Vorsitzende Plischke die akademische Position wie folgt zusammen:
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„An die deutsche Völkerkunde werden damit große und wichtige Aufgaben herankommen. (…) Zur Lösung dieser Aufgaben müssen besondere Kräfte eingestellt werden, Regierungsethnologen, die der Kolonialverwaltung zur Verfügung stehen, Wissenschaftler, die ihre Arbeit tragen lassen von einer sicheren Kenntnis der Eingeborenenverhältnisse, ebenso aber auch von dem festen und stolzen Bewusstsein des weißen Herrentums und der Leistung, die diese Stellung schuf, sowie der Verpflichtung die sich daraus sich selbst, aber auch den Eingeborenen gegenüber ergibt“ (Plischke 1941: 5).
Die rassistische Grundhaltung kommt auch hier wieder eindeutig zum Ausdruck. Was in der Definition von Rasse (eine Menschheit) auf den ersten Blick vielleicht noch nicht ganz deutlich wird, sticht dem Leser spätestens hier ins Auge: Die Überlegenheit und Höherstellung des weißen Herrentums gegenüber den „Eingeborenen“ - die Klassifizierung in „Herrenrasse“ und „Untermensch“.
Bei diesem kurzen Einblick wird auf erschreckende Art und Weise deutlich, welche Rhetorik zu Zeiten des Nationalsozialismus eben auch (oder gerade?) in akademischen Kreisen Usus war.
2.2 Biographischer Überblick
Im Folgenden soll ein Überblick über Mühlmanns wichtigste Lebensstationen gegeben werden. Hierbei stütze ich mich auf die Angaben von Ute Michel (Michel 1991), welche detaillierte Daten aus seinem privaten Nachlass zusammengetragen hat. Wilhelm Emil Mühlmann wurde 1904 als Sohn einfacher Kaufleute in Düsseldorf geboren. Dieser Herkunft wollte Mühlmann durch ein Studium, verbunden mit elitärer aristokratischer Lebensweise, entfliehen. Sein Elternhaus lässt sich als preußisch-national gesinnt und kaisertreu bezeichnen. Diese Einstellung resultiert 1923 in einer Mitgliedschaft in einer paramilitärischen Vereinigung, und auch der Hitler-Putsch im November 1923 wird von ihm freudig als Auftakt zur „Befreiung des Vaterlandes von der Fremdherrschaft“ begrüßt (NLM 1946 3 , S.5, zit. nach Michel 1991: 71). Die Machtübernahme Hitlers 1933 wurde von ihm als „’friedliche’, ‚unblutige’, ‚legale’, ‚revolutionäre Selbstbefreiung’ des deutschen Volkes“ charakterisiert (Mühlmann 1936: 445, Mühlmann 1940: 212, zit. nach Michel 1991: 71). Laut Eigenaussage vertrat Mühlmann bereits zwei Jahre vor seinem Abitur mit wachsendem Engagement eine „’rassenbiologische Geschichtsbetrachtung und rassenhygienische
3 NLM bezeichnet den Nachlass Mühlmanns, welchen Michels einsehen konnte. Hier: Mühlmann (ca. 1946): Erinnerungen aus 12 Jahren. Handschriftliches Dokument.
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Weltanschauung’“ (NLM 1948 4 : 1-5, zit. nach Michel 1991: 71) und band diese in sein wissenschaftliches Weltbild mit ein. 1925, nach dem Abitur, ist er entschlossen „’die Forschung am Menschen, Anthropologie, rassenbiologische Geschichtsbetrachtung’“ zu seinem „’Lebensberuf’“ zu machen (NLM 1948: 5, 13f, zit. nach Michel 1991: 71). Wissenschaft bedeutet für Mühlmann nicht Wissenschaft als Selbstzweck, sonder tatsächlich Lebensberuf, er versteht Wissenschaft als Erhalt der Werte des Lebens - „Und diese Werte und Normen [...] entnimmt er als junger Student der Anthropologie der verklärten nordischen Rassenidee, ihrer Liebe zum ‚adeligen Blute’. Stolz auf seine ‚erbbiologische Reinheit’“, er kompensiere hier die Sehnsucht nach einer aristokratischen Gesellschaftsposition, so Michel (Michel 1991: 71). Er fühle sich als Kind eines verfluchten Zeitalters und sieht sich einem schweren Kampf zur Erhaltung seiner eugenischen Ideale ausgeliefert und so schreibt es 1927 in sein Tagebuch:
„Meinen ganzen Haß will ich sammeln, um den Dämon auf die Spur zu kommen, der dieses Zeitalter einen so furchtbaren Irrweg geführt hat. Meine ganze Liebe will ich sammeln, um allen wertvollen Menschen, die ich kenne, ein sinnerfülltes Leben im Lebensstrom der Rasse zu ermöglichen, soweit meine Kräfte reichen“ (NLM 1927-1929 5 : 953, zit. nach Michel 1991: 71).
Im April 1925 beginnt Mühlmann sein Studium in Freiburg bei Eugen Fischer mit dem Schwerpunkt der Rassenpsychologie, im Wintersemester 1926/27 ist er in München und vertieft dort seine Interessen, neben Rassenhygiene auch Anthropologie. Weiter studiert er ein Jahr (Wintersemester 1927/28) in Hamburg und erweitert seine Studien um die Völkerbiologie (Völkerkunde). Zum Wintersemester 1929/30 geht er nach Berlin, um dort sein Studium bei dem Ethnosoziologen Thurnwald zu beenden. Im September 1931 promoviert er an der Berliner Philosophischen Fakultät mit einer Arbeit über „Die geheime Gesellschaft der Arioi“, wo er soziologische Methoden mit seinen rassenbiologischen Ansichten kombiniert (Michel 1991: 74). Bei seinen zahlreichen Wechseln der Forschungsstätten wird zum einen die Bereitschaft deutlich, für seine Schwerpunkte die Universitäten zu wechseln, als auch die Breite seiner akademischen Ausbildung. Bis 1935 ist Mühlmann allerdings ohne feste Stelle und überbrückt dies mit honorierten Vorträgen 6 , Auftragsarbeiten und redaktionellen Tätigkeiten (Zeitschrift für Völkerpsychologie und Soziologie, später Sociologus), als auch durch die Einkünfte seiner
4 Mühlmann (1948): Lebenserinnerungen. Typoskript.
5 Mühlmann (1927-1929): Handschriftliches Tagebuch Nr. 9 vom 5.9.1927 bis 15.8.1929.
6 Im nachfolgenden Abschnitt soll auf einen dieser Vorträge bei der Konferenz „Von der Verhütung unwerten Lebens“ näher eingegangen werden.
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Arbeit zitieren:
Hannah Illgner, 2011, Prof. Dr. Wilhelm Emil Mühlmann - Überzeugter Anhänger oder „nur“ opportunistischer Forscher der NS-Zeit?, München, GRIN Verlag GmbH
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