1
Metallhandwerker aus der Bronzezeit
beim Schleifen eines Schwertes.
Ausschnitt aus einer Zeichnung
von Friederike Hilscher-Ehlert, Königswinter,
für das Buch »Deutschland in der Bronzezeit« (1996)
von Ernst Probst
3
Ernst Probst
Österreich in der
Spätbronzezeit
Mit Zeichnungen
von Friederike Hilscher-Ehlert
5
Widmung
Dr. Elisabeth Ruttkay (19262009)
und Dr. Johannes-Wolfgang Neugebauer (19492002)
gewidmet,
die mich bei meinen Büchern
»Deutschland in der Steinzeit« (1991) und
»Deutschland in der Bronzezeit« (1996)
unterstützt haben,
sowie der wissenschaftlichen Graphikerin
Friederike Hilscher-Ehlert
6
So genannte »reiche Frau« der Urnenfelder-Kultur
auf einer von dem Münchener Historienmaler
und Altertumsforscher Julius Naue (18321907)
geschaffenen historischen Trachtenrekonstruktion
7
Inhalt
Vorwort / Seite 9
Die Spätbronzezeit in Österreich
Abfolge und Verbreitung
der Kulturen und Gruppen / Seite 13
Die große Zeit der Wallburgen
Die Urnenfelder-Kultur
von etwa 1300/1200 bis 800 v. Chr. / Seite 17
Golden glänzten die Helden in der Sonne
Die Nordtiroler Urnenfelder-Kultur
von etwa 1300/1200 bis 800 v. Chr. / Seite 81
Grabhügel, Bronzepanzer, Sonnensymbole
Die Caka-Kultur
von etwa 1300 bis 1200 v. Chr. / Seite 101
Das Heiligtum auf dem Schlern
Die Laugen-Melaun-Gruppe
von etwa 1200 bis 800 v. Chr. / S. 109
Anmerkungen / Seite 123
Literatur / Seite 149
8
Bildquellen / Seite 165
Die wissenschaftliche Graphikerin
Friederike Hilscher-Ehlert / Seite 167
Der Autor Ernst Probst / Seite 169
Bücher von Ernst Probst / Seite 171
9
Vorwort
R
und 500 Jahre Urgeschichte von etwa 1300/1200
bis 800 v. Chr. passieren in dem Taschenbuch
»Österreich in der Spätbronzezeit« in Wort und Bild
Revue. Es befasst sich mit den Kulturen und Gruppen,
die in dieser Zeitspanne im Gebiet der heutigen
Alpenrepublik existierten. Geschildert werden die
Anatomie und Krankheiten der damaligen Ackerbauern,
Viehzüchter und Bronzegießer, ihre Siedlungen,
Kleidung, ihr Schmuck, ihre Keramik, Werkzeuge,
Waffen, Haustiere, Jagdtiere, ihr Verkehrswesen, Handel,
ihre Kunstwerke und Religion.
Verfasser ist der Wiesbadener Wissenschaftsautor Ernst
Probst, der sich vor allem durch seine Werke »Deutsch-
land in der Urzeit« (1986), »Deutschland in der Steinzeit«
(1991) und »Deutschland in der Bronzezeit« (1996) einen
Namen gemacht hat. Das Taschenbuch »Österreich in
der Spätbronzezeit« ist Dr. Elisabeth Ruttkay (1926
2009) und Dr. Johannes-Wolfgang Neugebauer (1949
2002) gewidmet, die den Autor mit Rat und Tat bei
seinen Werken über die Steinzeit und Bronzezeit unter-
stützt haben. Es enthält Lebensbilder der wissen-
schaftlichen Graphikerin Friederike Hilscher-Ehlert aus
Königswinter.
11
Der dänische Archäologe
Christian Jürgensen Thomsen (17881865)
hat 1836 die Urgeschichte
nach dem jeweils am meisten verwendetem Rohstoff
in drei Perioden eingeteilt:
Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit.
12
PAUL REINECKE,
geboren am 25. September 1872
in Berlin-Charlottenburg,
gestorben am 12. Mai 1958 in Herrsching.
Er wirkte 1897 bis 1908
am Römisch-Germanischen Zentralmuseum
in Mainz. 1908 bis 1937
war er Hauptkonservator
am Bayerischen Landesamt
für Denkmalpflege in München.
1917 wurde er kgl. Professor.
Reinecke teilte 1902 die Bronzezeit
in die Stufen A bis D ein.
1902 sprach er von der Straubinger Kultur
sowie von der Grabhügelbronzezeit
und später von der Hügelgräber-Bronzezeit.
13
Die Spätbronzezeit in Österreich
Abfolge und Verbreitung der Kulturen und Gruppen
D
ie Spätbronzezeit umfasst in Österreich die Stufe
Bronzezeit D (etwa von 1300 bis 1200 v. Chr.)
sowie die Stufen Hallstatt A und B (etwa von 1200 bis
800 v. Chr.). Diese Einteilung geht auf den süddeutschen
Prähistoriker Paul Reinecke (18721958) zurück.
In den meisten Gebieten Österreichs lebten von etwa
1300/1200 bis 800 v. Chr. die Menschen der Urnen-
felder-Kultur (s. S. 17).
1
Diese war in verschiedenen
regionalen Ausprägungen im Burgenland, in Nie-
derösterreich, Kärnten, der Steiermark, Oberösterreich,
im Land Salzburg und teilweise in Vorarlberg behei-
matet.
Im größten Teil Nordtirols existierte von etwa 1300/
1200 bis 800 v. Chr. die Nordtiroler Urnenfelder-Kul-
tur (s. S. 81).
Im Burgenland behauptete sich in der Bronzezeit D
von etwa 1300 bis 1200 v. Chr. gebietsweise die vor allem
in der Slowakei heimische Caka-Kultur (s. S. 101). Sie
ist nur durch wenige Grabhügel, Brandbestattungen und
Grabbeigaben nachgewiesen.
In einigen Gegenden Nordtirols und Vorarlbergs sie-
delten ab etwa 1200 bis 800 v. Chr. Angehörige der
14
Laugen-Melaun-Gruppe (s. S. 109), deren Lebensraum
hauptsächlich in Südtirol und im Trentino lag.
16
ERNST WAGNER,
geboren am 5. April 1832 in Karlsruhe,
gestorben am 7. März 1920 in Karlsruhe.
Der Sohn des Stadtpfarrers
von Schwäbisch Gmünd
war 1861 bis 1863 Erzieher
in London und 1864 bis 1875
Erzieher des Erbgroßherzogs in Karlsruhe.
1867 wurde er Leiter
der Friedrichschule.
Von 1875 bis 1919 leitete er
die Großherzogliche Altertümersammlung
(das spätere Badische Landesmuseum in Karlsruhe)
und war Oberschulrat.
Auf Wagner geht der Begriff
Urnenfelder-Kultur zurück.
17
Die große Zeit der »Wallburgen«
Die Urnenfelder-Kultur
I
m Burgenland, in Niederösterreich, in Kärn-
ten, der Steiermark, in Oberösterreich, im Land
Salzburg und teilweise in Vorarlberg ist ab etwa 1300/
1200 v. Chr. bis 800 v. Chr. wie in Deutschland die
Urnenfelder-Kultur nachweisbar. Dieser Begriff geht
auf den süddeutschen Prähistoriker Ernst Wagner
(18321920) zurück. Er bezieht sich auf die Bestattu-
ngen der Knochenreste von auf Scheiterhaufen ver-
brannten Toten, die in Urnen und in Süddeutschland
auf großen Gräberfeldern beigesetzt wurden.
Der Wiener Prähistoriker Richard Pittioni (19061985)
meinte 1938, im 13. Jahrhundert v. Chr. habe im Gebiet
der Lausitz zwischen Sachsen, Brandenburg und
Schlesien eine massenhafte Abwanderung der dortigen
Bevölkerung begonnen. Nach dem Aufeinandertreffen
dieser umherziehenden Völker mit einheimischen
Kulturen in verschiedenen Teilen Europas seien durch
Vermischung lokale Urnenfelder-Gruppen hervorge-
gangen.
Von heutigen Prähistorikern wird die Entstehung der
Urnenfelder-Kultur in Österreich unterschiedlich erklärt.
Die einen glauben an Unruhen und Wanderungen als
18
Verbreitung der Kulturen und Gruppen während der Spät-
bronzezeit (etwa 1300/1200 bis 800 v. Chr.) in Österreich
19
Ursachen, andere dagegen halten die Urnenfelder-Kultur
lediglich für ein Ergebnis des Austausches von
kulturellen und religiösen Ideen zwischen damaligen
Kulturen.
In Österreich wird die Urnenfelder-Kultur in zwei Stufen
eingeteilt. Die ältere davon fällt in die Abschnitte
Bronzezeit D und Hallstatt A. Sie wurde 1954 von
Richard Pittioni als Baierdorf-Velatitz-Stufe
1
bezeichnet.
Dieser Begriff erinnert an die Fundorte Baierdorf in
Niederösterreich und Velatitz (Velatice) in Tschechien
(Mähren).
Typisch für die Baierdorf-Velatitz-Stufe sind bestimm-
te Tongefäße, wie Doppelkonus, Zylinderhalsgefäß und
Amphore. Ebenfalls als charakteristisch gelten bronzene
doppelschneidige Rasiermesser, Sicherheitsnadeln
ähnelnde Fibeln, Riegsee- und Liptauer-Schwert,
Lanzenspitzen mit Tülle, Helme, Panzer, Beinschienen
und Schilde.
Die jüngere Stufe der Urnenfelder-Kultur in Österreich
entspricht dem Abschnitt Hallstatt B. Sie wurde 1974
durch den damals in Wien arbeitenden Prähistoriker
Clemens Eibner als Podol-Stillfrieder Stufe
2
bezeichnet.
Am mährischen Fundort Podolí
3
bei Brno hat man ein
größeres Urnengräberfeld entdeckt, der Fundort Still-
fried
4
liegt in Niederösterreich.
Kennzeichnend für die Podol-Stillfrieder Stufe sind
Tongefäße, die gegenüber denjenigen aus der älteren
Stufe in abgewandelter Form erhalten blieben, jedoch
20
nicht mehr so scharf profiliert wie ihre Vorgänger sind.
Bei den Metalltypen kamen als Neuheiten bronzene
halbmondförmige Rasiermesser, Harfenfibeln, Spi-
ralbrillenfibeln und Antennenschwerter dazu.
Die Zweiteilung der Urnenfelder-Kultur in eine ältere
und eine jüngere Stufe wird immer mehr verfeinert. So
spricht man heute in Ostösterreich bereits von den
Stufen Blucina-Kopcany, Baierdorf-Lednice, Velatice,
Ockov, Oblekovide, Klentnice I, Klentnice II, Brno
Obrany und Podolí.
Holzreste von manchen Fundstellen veranschaulichen,
welche Bäume in den einstigen Wäldern wuchsen. Fichte
(Picea excelsa), Weißtanne (Abies alba) und Rotbuche (Fagus
silvatica) sind aus einer Feuerstelle auf dem Brand-
stattbühel bei Schwarzach im Land Salzburg nach-
gewiesen. Arve beziehungsweise Zirbelkiefer (Pinus
cembra) und Stieleiche (Quercus robur) kennt man aus dem
Urnengräberfeld von Wels in Oberösterreich. In den
Wäldern streiften Braunbären (Ursus arctos) und Wölfe
(Canis lupus) umher.
Die Körpergröße der damaligen Männer, Frauen und
Kinder wird anhand der Mehrfachbestattung von sie-
ben Menschen auf dem Kirchhügel in Stillfried er-
sichtlich. Ein etwa 30 Jahre alter Mann war 1,72 Meter
groß, eine Frau um 40 maß 1,63 Meter und eine Frau
von etwa 45 Jahren erreichte 1,59 Meter. Ein neunjäh-
riges Mädchen hatte eine Körperhöhe von 1,24 Me-
tern. Von drei Jungen war der Achtjährige 1,16 Meter,
21
der Sechsjährige 1,11 Meter und der Dreijährige 0,83
Meter groß. Ein Mann aus dem Gräberfeld von
Obereching im Land Salzburg kam auf eine Körper-
höhe von 1,77 Metern. Dagegen war eine Frau von dort
nur 1,56 Meter groß.
Die Gebisse der drei Erwachsenen aus Stillfried haben
stark unter Karies gelitten. Die Frau um 40 hatte da-
durch bereits einen Backen- und einen Vorbackenzahn
im Oberkiefer verloren, drei weitere Zähne im Ober-
und Unterkiefer waren weitgehend zerstört, und zwei
wiesen Kariesspuren auf. Bei der Frau um 45 waren
von dem Backenzahn im Oberkiefer nur noch
Wurzelruinen erhalten und zwei andere Zähne
kariesgeschädigt. Bei dem Mann sind im Oberkiefer zwei
Backenzähne und ein Vorbackenzahn bis auf
Wurzelreste zerstört gewesen.
Die Frau um 40 hatte sich viele Jahre vor ihrem Tod als
Erwachsene die rechte neunte Rippe gebrochen.
Ursache hierfür könnten ein plötzliches Ausgleiten und
Aufprallen mit der rechten Rumpfseite auf einer Kante
oder ein heftiger Stoß von einem Rinderhorn beim
Füttern oder Melken gewesen sein. Die Fraktur verheilte
mit geringfügiger Verschiebung der Bruchenden. Auf
dem linken Scheitelbein dieser Frau ist eine ovale Delle
von 3,2 mal 2,1 Zentimeter Größe sichtbar. Sie könnte
von einer chirurgischen Ausschabung oder sym-
bolischen Schädeloperation (Trepanation) stam-men.
Bei der Frau um 45 ist eine Knochennarbe von 4,2 mal
22
2,5 Zentimeter Größe auf der linken Stirnhälfte
erkennbar, die vielleicht ebenfalls von einer Ausschabung
oder Schädeloperation herrührt. Diese Frau hatte zudem
ein chronisches Wirbelsäulenleiden (Spondylosis
deformans).
Das neunjährige Mädchen und der achtjährige Junge
aus Stillfried litten unter Eisenmangel-Anämie. Dies ließ
sich an siebartigen Porositäten des Augenhöhlenda-
ches (Cribra obitalia) ablesen. An den Langknochen
eines Menschen aus Mannersdorf am Leithagebirge
wurden Symptome einer Hungerosteopathie fest-
gestellt
Offenbar kannte man damals schon die betäubende
und anregende Eigenschaft des Bilsenkrautes (Hyo-
scyamus). Denn Samen dieser Pflanze lagen in einer
tönernen Urne des Gräberfeldes von Leobersdorf in
Niederösterreich. Eine solche Grabbeigabe war vorher
nicht bekannt.
Tönerne Spinnwirtel und Webgewichte belegen das
Spinnen von Flachs und Schafwolle sowie das Weben
von Kleidungsstücken. Spinnwirtel und Webgewichte
wurden in den Siedlungen von Gars am Kamp und
Stillfried (beide in Niederösterreich) sowie auf dem
Heiligen Berg bei Bärnbach (Steiermark) gefunden.
Bei Ausgrabungen am 458 Meter hohen Burgstallkogel
bei Kleinklein
5
in der Steiermark konnten Reste einer
Grube freigelegt werden, in der ein Webstuhl gestanden
hatte. Mit einer Breite von etwa drei Metern handelte es
23
sich hierbei um den größten Webstuhl aus der Ur-
nenfelder-Zeit.
In einem der Gräber des Friedhofes von Salzburg-
Maxglan fand sich ein ganzer Satz von Webgewichten,
die teilweise durch Hitzeeinwirkung zerbrochen sind.
Der Salzburger Prähistoriker Fritz Moosleitner vermutet,
dass man zusammen mit dem Leichnam einen
kompletten Webstuhl auf dem Scheiterhaufen verbrannt
hat. Dieser Brauch ist zur gleichen Zeit auch aus
Norditalien bekannt.
Außer Kleidungsstücken aus Leinen und Schafwolle wa-
ren auch solche aus Fell oder Leder in Mode. Aus drei-
eckigen Fellstücken hatte man zum Beispiel eine ke-
gelförmige Kopfbedeckung angefertigt, die im Grüner-
werk von Hallstatt (Oberösterreich) entdeckt wurde.
Bronzene Nähnadeln aus Gräbern belegen das Nähen.
Die Garderobe wurde durch bronzene Nadeln, Fibeln
oder Knöpfe zusammengehalten und verziert. Es gab
Violinbogen- und Bogenfibeln mit Fußspirale.
In etlichen Gräbern kamen bronzene Gürtelhaken zum
Vorschein. Diese Gürtelschließen waren teilweise reich
verziert und in seltenen Fällen sogar vergoldet.
Der Gürtelhaken in einem der Gräber aus der Stufe
Bronzezeit D von Salzburg-Maxglan wurde bereits in
der Hügelgräber-Bronzezeit hergestellt. Er diente spä-
ter in der Bronzezeit D als Grabbeigabe. Dieser Gür-
telhaken ist auf der Schauseite mit eingravierten kon-
zentrischen Kreisen und der Darstellung eines Dolches
24
Fragment eines Gürtelhakens
mit geritztem und eingeschlagenem Strichdekor
aus Grab 1 von Dorf in Pinzgau (Land Salzburg).
Durchmesser der Scheibe zehn Zentimeter.
Das ursprünglich im
Salzburger Museum Carolino Augusteum
aufbewahrte Original ist verschollen.
25
versehen. Der Haken wurde ehedem durch schmale,
abgerundete Laschen, die sich klammerartig zur
Rückseite umbogen, auf dem Ledergurt befestigt. Eines
der Enden des Gürtelhakens hat man geflickt, indem
man eine Bronzemanschette aus dünnem Blech darüber
legte und eine Klammer durchschlug.
Zu dem in Dorf bei Bramburg im Oberpinzgau (Land
Salzburg) gefundenen Gürtelhaken gehört eine
Gürtelscheibe von zehn Zentimeter Durchmesser und
zwei Millimeter Dicke. Die Scheibe weist auf der
Vorderseite einen zentralen Spitzbuckel auf und ist mit
Kreismustern verziert. Auf der Rückseite findet sich eine
Öse. Am linken Rand der Scheibe schließt sich ein
einfacher Haken an. Der größere und längere Haken
auf der rechten Seite ist abgebrochen.
Drei scheibenförmige Gürtelhaken wurden in Sankt
Johann im Pongau (Land Salzburg) geborgen. Ihre
Gürtelscheiben sind unterschiedlich groß. Sie haben
einen Durchmesser von sieben, siebeneinhalb und neun
Zentimetern.
Unter den Funden aus dem Bronzedepot von Sip-
bachzell bei Leombach in Oberösterreich befand sich
ein in Gürtelblech des süddeutschen Typs Riegsee. Es
ist mit Spiralmustern geschmückt. Als Raritäten gelten
die vergoldeten Gürtelbeschläge aus dem Schatzfund
von Rothengrub in Niederösterreich.
Ein fast vollständig erhaltenes tönernes Schuhgefäß aus
Unterhautzenthal bei Korneuburg in Niederösterreich
26
Tönernes Schuhgefäß aus Unterhautzenthal bei Korneuburg
in Niederösterreich von verschiedenen Seiten.
Es ahmt einen Lederschuh nach. Höhe neun Zentimeter.
Original im Museum für Urgeschichte
des Landes Niederösterreich, Asparn an der Zaya.
27
gilt als naturalistische Nachbildung eines rechten Le-
derschuhs. In dessen oberem Schaftbereich sind ein
kleiner Ösenhenkel und zwei umlaufende Rillen sichtbar,
die wohl Verschnürungen andeuten. Der gut sichtbare
Faltenwurf im vorderen Fuß- und Zehenbereich lässt
ebenfalls auf eine Verschnürung schließen. Der Bereich
der Ferse ist mit kleinen, knubbenartigen Verstärkungen
versehen. Dass damals auch Schnabelschuhe in Mode
waren, beweist ein tönernes Miniaturmodell aus Gars
am Kamp.
Bronzene Steigeisen aus Treffelsdorf bei Ottmanach
(Kärnten) und Schönberg bei Oberwölz (Steiermark)
erleichterten in bergigen Gegenden spürbar das Be-
gehen von Steilhängen. In Schönberg hat man ein
komplettes Exemplar und ein Bruchstück geborgen.
Ersteres Stück ist 10,2 Zentimeter lang und hat vier
Spitzen, letzteres trug ursprünglich sechs Spitzen.
Nach den vielen Funden von bronzenen Rasiermes-
sern aus Gräbern zu schließen, dürfte man auf ein
gepflegtes Äußeres großen Wert gelegt haben. Mit diesen
Toilettegegenständen wurden Bart- und Kopfhaare
geschnitten. Ein zweischneidiges Rasiermesser von
Grünbach am Schneeberg (Niederösterreich) war aus
einer Dolchklinge angefertigt worden.
Die Urnenfelder-Leute wohnten in unbefestigten kleinen
Weilern oder Bauerndörfern im Flachland, aber auch in
mit Gräben, Wällen und Palisaden stark befestigten
burgähnlichen Siedlungen (»Burgen«) in Höhenlage.
28
Zeichnung auf Seite 29.
Befestigung aus der Zeit der Urnenfelder-Kultur
auf einem Berg in Bayern.
Sie wurde an der ungeschützten Flanke
durch eine Steinmauer mit Torgasse
und an Steilhängen nur durch eine hölzerne Palisade gesichert.
Zeichnung von Friederike Hilscher-Ehlert, Königswinter,
für das Buch »Deutschland in der Bronzezeit« (1996)
von Ernst Probst.
30
Diese »Wallburgen« hatten teilweise eine erhebliche
Größe. Sie dürften eher Zentren der Macht eines
»Fürsten« gewesen sein als Zufluchtsstätten vor den
damals aus Südosten vordringenden Kimmeriern und
Thrakern.
Eine Flachlandsiedlung der älteren Urnenfelder-Kultur
wurde von 1981 bis 1994 vom Bundesdenkmalamt Wien
in Gemeinlebarn (Niederösterreich) untersucht. Auf
einer Fläche von etwa 15.000 Quadratmetern konnte
ein großer Teil einer zweiphasigen Dorfanlage erforscht
werden. Teilweise waren die Hausgrundrisse bis zu 18
Meter lang und maximal sieben Meter breit. Das
Brandgräberfeld, auf dem man die ehemaligen
Bewohner bestattete, ist schon in den 1920-er Jahren
entdeckt worden. In Mannersdorf am Leithagebirge
(Niederösterreich) konnte aus 41 Pfostengruben der
Grundriss eines zwölf Meter langen und 8,60 Meter
breiten Hauses rekonstruiert werden.
Einige besonders große »Wallburgen« in Höhenlage sind
in Niederösterreich errichtet worden. Dazu gehören die
Siedlungen von Stillfried an der March
6
, auf dem Ober-
leiserberg bei Ernstbrunn
7
, auf der »Holzwiese« und
»Schanze« bei Thunau am Kamp
8
, bei Michelstetten
9
und auf dem Burgstall von Schiltern
10
. Diese Befesti-
gungen stammen aus der jüngeren Urnenfelderzeit.
Die Stillfrieder »Wallburg« nordöstlich von Wien war
auf einem Plateau mit einer Fläche von etwa 23 Hek-
tar angelegt worden, das auf drei Seiten durch Talein-
31
schnitte geschützt ist und zur March hin etwa 20 Me-
ter tief abfällt. Dieser ausgedehnte Komplex wurde
durch den Wiener Prähistoriker Fritz Felgenhauer
untersucht.
Nach den Erkenntnissen des Ausgräbers war die Be-
festigung der älteren Urnenfelder-Kultur nur im Westen
durch eine Palisade aus zugehauenen Baumstämmen
geschützt. Erst in der jüngeren Stufe hat man einen 1,7
Kilometer langen Wall aus Erdreich aufgeschüttet und
diesen im Inneren mit einer Holzkonstruktion verstärkt.
Der Wallabschnitt im Westen erreichte eine Höhe von
vier Metern. Zusammen mit dem 26 Meter breiten und
sieben Meter tiefen Graben davor bildete er den
mächtigsten Teil der »Wallburg«.
Im Norden der Anlage erlaubte ein kleines Tal den Zu-
gang zum Tor. Dieser Zugang wurde durch eine schwere
Holzkonstruktion geschützt. Die links und rechts des
Nordtores errichteten Bastionen ragen noch heute 13
bis 15 Meter hoch auf. In der Urnenfelder-Zeit waren
sie sogar vier Meter höher. Auf der an den Westwall
anschließenden Innenfläche, dem so genannten Hügel-
feld, lagen Teile der Siedlung, von der Reste der Häuser,
Speichergruben und Werkstätten freigelegt wurden.
Der höchste Punkt, auf dem heute die Pfarrkiche Sankt
Georg steht, war vermutlich dem Herrensitz des
»Fürsten« vorbehalten. In der Nachbarschaft fanden sich
rätselhafte Hirschbestattungen und Deponierungen
vereinzelter Menschenschädel.
32
Westlich von Thunau am Kamp lag auf einem Hö-
henrücken hoch über dem Kamptal eine große
»Wallburg«, die durch den Wiener Prähistoriker Her-
wig Friesinger erforscht wurde. Der westliche Teil die-
ses Höhenrückens wird »Holzwiese«, der östliche
»Schanze« genannt.
Diese Anlage wurde im Süden und Osten durch
natürliche Steilhänge geschützt. Deswegen mussten nur
noch die Nord- und die Westseite durch einen Wall
gesichert werden. Im umwallten Bereich war vor allem
der Nordhang dicht besiedelt. Dort wurden teilweise
bis zu einem Meter in den Fels gehauene Vorratsgruben
und Pfostenlöcher von Ständerbauten mit lehmver-
schmierten Flechtwänden sowie Reste von zahlreichen
Backöfen entdeckt. Die Häuser hatte man auf Terrassen
erbaut. Für Helligkeit darin sorgten Tonlampen.
Nördlich von Thunau am Kamp, nur wenige hundert
Meter von der »Wallburg« auf der »Holzwiese« und
»Schanze« entfernt, erstreckte sich auf dem Burgberg
von Gars am Kamp eine weitere Befestigung der
Urnenfelder-Kultur. Sie wurde vermutlich durch den
heute noch erkennbaren Graben geschützt.
Aus der Übergangsphase von der späten Urnenfelder-
zur frühen Hallstatt-Zeit stammt die »Wallburg« auf dem
Burgstall von Schiltern. Dort haben 1939 der Wiener
Prähistoriker Eduard Beninger (18971963) und 1979
der Wiener Prähistoriker Gerhard Trnka gegraben. Der
Burgstall hat im Westen, Süden und Osten durch
33
Steilhänge den Charakter einer Naturfestung. Er war
nur von Norden her zugänglich, weswegen dort das 100
Meter hohe, nahezu quadratische Bergplateau durch
einem Stein-Erde-Wall mit Holzkonstruktion bewehrt
wurde.
Zu den kleineren »Wallburgen« aus der älteren Urnen-
felder-Zeit in Niederösterreich gehört die Anlage auf
der Hohen Wand am Gelände bei Grünbach am
Schneeberg
11
. Sie liegt in etwa 1000 Meter Höhe.
Während der jüngeren Urnenfelder-Zeit existierten die
»Wallburgen« auf der »Heidenstatt« bei Limberg
12
, auf
dem Buchberg bei Alland
13
(beide in Niederösterreich)
und auf dem Leopoldsberg bei Wien
14
.
Ebenfalls in die jüngere Urnenfelder-Zeit datiert werden
die »Wallburgen« am Burgstall von Purbach
15
und in
der Pinkaschlinge von Burg
16
im Burgenland. Unweit
davon lag die gleichaltrige Befestigung von Sopron-
Krautacker (Ödenburg) in Ungarn.
Auch aus der Steiermark sind etliche Befestigungen der
jüngeren Urnenfelder-Zeit bekannt. Dazu gehören die
Anlagen auf dem Burgstallkogel bei Kleinklein
17
, dem
Heiligen Berg bei Bärnbach
18
, dem Hoarachkogel bei
Spielfeld
19
, dem Königsberg bei Tieschen
20
, dem Kulm
bei Weiz
21
, dem Ringkogel bei Hartberg
22
, der
Riegersburg bei Riegersburg
23
und dem Fötzberg bei
Tacken
24
.
Der Heilige Berg bei Bärnbach verdankt einer auf
ihm errichteten barocken Wallfahrtskirche seinen
34
Namen. Während der ausgehenden Urnenfelder-Zeit
war auf diesem Berg ein Wall aufgeschüttet worden,
der eine Siedlung mit hölzernen Wohnhäusern si-
cherte.
Die »Wallburg« auf dem Hoarachkogel wurde durch
einen ein Kilometer langen, hufeisenförmigen Wall
geschützt. Dort konnten Grundrisse von mehrräumi-
gen Blockhäusern freigelegt werden, von denen das
größte 22,6 Meter lang und acht Meter breit war sowie
eine Herdanlage besaß.
Zehn Hektar Fläche umfasste die »Burg« auf dem durch
Steilhänge geschützten Königsberg bei Tieschen. Der
höchste Punkt in der Nordwestecke war besonders gut
bewehrt. Dem Wall an der Ost- und der Nordseite hatte
man außen einen Graben vorgelagert. Ein Einschnitt
im Wall diente als Zugang und wurde durch einen
Vorwall zusätzlich abgeschirmt. Den Rand der
Südwestseite schloss durch eine Trockenmauer ab. Im
Inneren der Befestigung befanden sich kleine Block-
häuser.
Auch von den Behausungen der »Wallburg« auf dem
Ringkogel wurden Reste entdeckt. Es handelte sich um
drei Grundrisse mit Herden, Abfallgruben und
Steinpflasterungen. Auf dem Fötzberg hat man sogar
sieben Grundrisse von Anwesen sowie Herde auf
Lehmböden gefunden.
»Wallburgen« der Urnenfelder-Zeit sind des weiteren
aus Vorarlberg bekannt. Hierzu gehören die Anlagen
35
auf der Heidenburg
25
und dem Hochwindenkopf bei
Göfis
26
, auf dem Sattelbergköpfle im Rheintal bei
Koblach
27
sowie auf dem Katilsköpfle bei Nüziders
28
.
Auch dort wurden die offenen Seiten durch Wälle
gesichert. Dagegen handelte es sich am kleinen
Exerzierplatz in Bludenz
29
um eine ungeschützte
Talsiedlung, von der Herdstellen von Wohnhütten
erhalten blieben.
Die etwa drei Hektar große Höhensiedlung auf dem
Freinberg bei Linz
30
in Oberösterreich wurde durch
einen etwa 200 Meter langen und bis zu fünf Meter
hohen Wall geschützt. Dort war in der späten vorrö-
mischen Eisenzeit eine weitere Befestigung errichtet
worden.
Eine der am bekanntesten Höhensiedlungen im Land
Salzburg lag auf dem Rainberg in Salzburg
31
. Auf diesem
Berg hatten um 4000 v. Chr. bereits Menschen der
Jungsteinzeit ihre Siedlungen errichtet. Das um-
fangreiche Fundgut aus verschiedenen Abschnitten
darunter der Urnenfelder-Zeit ist durch einen Stein-
bruchbetrieb ohne genauere Fundbeobachtung zutage
gefördert worden. Es überwiegen Keramikreste, aber
auch Metallfunde sind zahlreich vertreten. Die
Bewohner der Höhensiedlung auf dem Rainberg sind
nach Auffassung des Salzburger Prähistorikers Fritz
Moosleitner auf dem nur 1,5 Kilometer entfernten
Gräberfeld von Salzburg-Maxglan bestattet wor-
den.
Doris Probst
Dieser Titel ist Teil einer dreibändigen Taschenbuchreihe: Österreich in der Frühbronzezeit, Österreich in der Mittelbronzezeit, Österreich in der Spätbronzezeit.
on Saturday, September 10, 2011-