3
EINLEITUNG: 4
1. DIE ANOMIE NACH DURKHEIM 6
1.1. Die soziale Anomie - ein negativer Effekt von Regelungsdefiziten im sozialen
System 6
1.2. Das gesellschaftliche Gleichgewicht und seine Verletzungen 6
1.2.1. Anomie vs. Fatalismus und Individualismus vs. Kollektivismus 6
1.2.2. Regulation: Überregulierung vs. Regulationsdefizit 8
1.3. Zusammenfassung 9
2. DIE SCHWÄCHE LATEINAMERIKANISCHER STAATEN 10
2.1. Anmerkung zum Begriff Lateinamerika 10
2.2. Das Vollzugsdefizit 11
2.3. Vom Vollzugsdefizit zur Anomie - Peter Waldmann 11
2.4. Zusammenfassung 12
3. ANOMIE UND STAAT 12
3.1. Die Anomie-These in bezug auf Lateinamerika nach Waldmann 14
3.2. Der „anomische Ort“ 15
3.3. Zusammenfassung 15
4. FALLBEISPIELE 17
4.1. Anomische Zustände durch ein Regulierungsdefizit im Finanzwesen: Die
Inflation in Argentinien 17
4.1.1. Megainflation 17
4.1.2. Hyperinflation 20
4.2. Anomische Zustände durch ein Regulierungsdefizit im Gewaltmonopol:
Alltägliche Gewalt in Kolumbien 20
4.2.1. Akteure, Formen und Ketten der Gewalt in Kolumbien 21
4.2.2. Gewalt und gesellschaftliche Strukturbereiche 23
5. FAZIT UND METHODOLOGISCHE ANMERKUNGEN 25
Einleitung:
Der lateinamerikanische Subkontinent wird meist mit Krisensituationen assoziiert. Plakative und von den Medien immer wieder aufgegriffene Fälle sind beispielsweise die Währungskrise in Argentinien, der aktuelle Generalstreik in Venezuela, Drogenhandel und eine anscheinend allgemein verbreitete Kultur der Gewalt. Obwohl sich hinter dem Begriff Lateinamerika eine Vielzahl von Ländern verbirgt, die teilweise große Unterschiede in Bevölkerungsstruktur und Größe aufweisen, scheinen sich tendenziell immer wieder ähnlich strukturierte Problemsituationen zu bilden. Die Staaten Lateinamerikas werden seit ca. 17 Jahren demokratisch regiert
- aber die Demokratie ist in vielen Fällen nicht mit der Herstellung rechtsstaatlicher Verhältnisse Hand in Hand gegangen. Gewalt, Korruption, eine nur auf dem Papier existente Gleichheit der BürgerInnen sind alltägliche Erscheinungen. Auffallend ist, dass viele der Probleme Lateinamerikas auf Regelungsdefizite zurückgeführt werden können. Wird beispielsweise Selbstjustiz als ein großflächig von einer Bevölkerung akzeptiertes Mittel genutzt, obgleich es der Gesetzgebung widerspricht, so demonstriert dieser Zustand deutlich ein Defizit im staatlichen Gewaltmonopol.
In der vorliegenden Arbeit wird das Konzept der sozialen Anomie als Analyseansatz für den lateinamerikanischen Subkontinent vorgestellt. Dieses Konzept befasst sich mit den gesellschaftlichen Folgen von staatlichen Regulationsdefiziten und deren Rückwirkungen auf die Staats-organisation.
Der Neologismus Anomie geht ursprünglich auf Emile Durkheim 1 zurück. Durkheim selbst erarbeitete allerdings kein Analyse-Konzept anhand der Anomie oder eine vollständige „Anomie-Theorie“. Peter Waldmann 2 hat den Begriff in konzeptionelle Zusammenhänge eingebracht und schlägt vor, ihn in erweiterter Form bei der Analyse von Problemkonstellationen in Lateinamerika einzusetzen.
Nach Waldmann können Staaten gezielt mit der anomischen Zuständen arbeiten und kalkulieren. Die lateinamerikanischen Staaten nutzen in Extremfällen anomische Effekte, um ihre Macht über die Regelungsdefizite zu sichern. Dadurch sichern sie nicht den inneren Frieden und stützen nicht die öffentliche Sicherheit, sondern stellen ihrerseits einen Unsicherheitsfaktor und Gefahr der Ordnung dar. Waldmann verdeutlicht, wie der scheinbare Widerspruch Staat - Anomie in engem Zusammenhang existieren kann. Er zeigt eine neue Dimension in der Behandlung der Anomieproblematik auf: Durkheim und andere Soziologen bezogen die Anomie generell auf gesellschaftliche Verwerfungen und Strukturungereimtheiten. Waldmann hingegen arbeitet heraus, dass eine Regierung an sich Interesse an anomischen Zuständen haben kann.
1 Durkheim, Emile 1992: Über soziale Arbeitsteilung, Frankfurt a. M.: Suhrkamp (Original 1893).
2 Waldmann, Peter 2002: Der anomische Staat, Opladen: Leske und Budrich. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Literatur Waldmanns, das hier genannte Werk steht im Mittelpunkt. Weitere Literatur Waldmanns wurde auch beachtet und befindet sich im Literaturverzeichnis.
Die Arbeit ist in vier Kapitel unterteilt: Das erste Kapitel geht auf die Grundlage der Anomie-These ein. In ihm wird der Anomie-Begriff nach Durkheim beschrieben. Das zweite Kapitel behandelt die grundlegende Schwäche des lateinamerikanischen Staates. Im dritten Kapitel wird der Zusammenhang Anomie - Staat erläutert und Waldmanns These vorgestellt. Im vierten Kapitel wird das bisher abstrakt behandelte Anomiekonzept anhand von zwei Fallbeispielen (Argentinien und Kolumbien) verdeutlicht. Das Ende der Arbeit bildet das Fazit mit methodologischen Anmerkungen zum Anomie-Konzept.
1. Die Anomie nach Durkheim
1.1. Die soziale Anomie - ein negativer Effekt von Regelungsdefiziten im sozialen System Der Begriff der sozialen Anomie ist vor über 100 Jahren von Emile Durkheim in die Soziologie eingeführt worden. Unter Anomie versteht Durkheim eine Klasse von Phänomen, die durch Regulierungsdefizite hervorgerufen werden. Bekannt wurde der Begriff Anomie durch eine Neuformulierung von Robert K. Merton 3 . Der Bedeutungsinhalt des Begriffes variiert heute in den unterschiedlichen Untersuchungskontexten, in denen er eingesetzt wird. Nach Thome 4 kann im aktuellen Verständnis nicht von einer etablierten Definition, sondern von einem sentizing concept ausgegangen werden. Im Allgemeinen nimmt der Begriff Bezug auf Regelungsdefizite und ihre negativen Konsequenzen. Als Beispiel kann wieder die Selbstjustiz dienen: Die negative Konsequenz des Defizits im Gewaltmonopol ist die Selbstjustiz, die aufgrund ihrer Ungeregeltheit und Emotionalität Opfer fordert, denen keine Möglichkeit zur Verteidigung gewährt wird.
Die Effekte des Regelungsdefizits werden entweder sozialen Systemen oder Personen zugeschrieben. Bestimmte Verhaltensmuster auf gesellschaftlicher und/oder individueller Ebene dienen als Indikatoren für die Anomie.
Die Unterscheidung zwischen sozialen Systemen und Personen wird im Rahmen der Anomie oft durch die Attribute sozial bzw. psychisch auf sprachlicher Ebene kenntlich gemacht. Im Fall der psychischen Anomie kann auch von Anomia gesprochen werden, die man als mögliche Folge von sozialer (also gesellschaftlicher) Anomie untersuchen kann.
Durkheim selbst sieht Anomie als Merkmal sozialer Systeme an, er interessiert sich durchgehend dafür, wie das Individuum auf die anomischen Umstände reagiert und welche Folgen sich aus der Summe der Gesamtrekationen der Individuen für das soziale System ergeben. Die von ihm verwendeten Indikatoren sind die Anzahl der Suizide und der Morde. 5
1.2. Das gesellschaftliche Gleichgewicht und seine Verletzungen
1.2.1. Anomie vs. Fatalismus und Individualismus vs. Kollektivismus
Die ideale Gesellschaft beruht im Sinn Durkheims auf einer Balance von Integration und Regulation. Da anomischen Phänomene als anormal und pathologisch von Durkheim bezeichnet werden, sind sie als Folgen eines Ungleichgewichtes zwischen Integration und Regulation zu verstehen. Die von Durkheim erwünschte Balance der Gesellschaft spannt sich zwischen den Polpaaren Anomie vs. Fatalismus und Individualismus vs. Kollektivismus auf. Individualismus
3 Merton, Robert K. 1938: Social structure and anomie, American Sociological Review, 3, S. 625 - 682.
4 Thome, Helmut 2000: Das Konzept sozialer Anomie als Analyseinstrument, Erweiterte Fassung eines Beitrages zu einem Symposium über „Diktatur, Demokratisierung und soziale Anomie“, 2. - 4. 11.
2000, Augsburg.
5 Durkheim, Emile 1990: Der Selbstmord. Frankfurt a. M. : Suhrkamp (Orig.1987).
Der günstige Fall bezüglich des Individualismus ist der moralische Individualismus, der ungünstigste der egoistische (exzessive) Individualismus. Moralischer Individualismus basiert auf den Prämissen 6 , dass
- sich die Individuierung innerhalb des Sozialisationsprozesses vollzieht.
- die Wertschätzung des Individuums selbst Produkt sozialer Prozesse ist. Der exzessive Individualismus manifestiert sich, indem die Gesellschaft auf einen einzigen „Handels- und Tauschapparat“ 7 reduziert wird. Hier ist das Individuum einzig und allein auf seinen Vorteil bedacht. Kollektivismus
Der Kollektivismus oder das Kollektivbewusstsein beruht auf gemeinsamen Wertvorstellungen. Nach Durkheim besteht innerhalb hochdifferenzierter Gesellschaft der gemeinsame Glaube nur noch im allgemein praktizierten „Kult des Individuums“. Der „Kult des Individuums“ unterscheidet den Kollektivismus moderner Gesellschaften von dem traditioneller, in denen anstelle der Einzelperson Gruppenkonstellationen (Clans, Familien etc.) die höchste Wertschätzung erhalten. Fatalismus
Im Fall des Fatalismus ist eine zu hohe Regelungsdichte vorhanden, es kommt zu Repression und die Autonomie der Individuen wird angegriffen. Anomie
Im Fall der Anomie handelt es sich um ein Regelungsdefizit: Notwendige Regeln fehlen, sie sind unangemessen, widersprüchlich oder werden nicht befolgt. Die Kooperation innerhalb des sozialen Systems funktioniert nicht mehr. Auf individueller Ebene kann es zu Orientierungs- und Identitätsproblemen kommen. 8 Hieraus geht auch die negative inhaltliche Ausrichtung des Begriffes der sozialen Anomie hervor. Integration
Nach Thome 9 sieht Durkheim die Integration moderner Gesellschaften durch folgende zwei Dimensionen gewährleistet:
- Normative Dimension: geteilte Werte und Ziele (Kollektivbewusstsein)
- Funktionale Dimension: das kooperative Handeln, welche aus geregelter Arbeitsteilung hervorgeht
Es handelt sich hierbei um ein Grundschema von normativer und funktionaler Integration.
6 Nach Thome, s. Fußnote 4, S. 5.
7 Durkheim nach Thome, s. Fußnote 4, S.6.
8 Nach Thome, s. Fußnote 4, S. 4.
9 Nach Thome, s. Fußnote 4, S. 4.
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Julia Dombrowski, 2003, Anomische Staaten - ein Analysekonzept für den lateinamerikanischen Kontext, Munich, GRIN Publishing GmbH
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