Gedanken, er selbst sei der Vater des Kindes“ (S.22) und er erträumt sich eine bürgerliche
Handwerkerkarriere. Damit erhält Pater Terrier die Funktion eines fiktiven Vaters, ehe ihn
der erwachende Säugling mit seinem abnormen Geruchssinn in die Wirklichkeit zurückruft.
Der exzessive Umgang mit dem, wie Terrier meint, „niedrigsten der Sinne“ (S.20)
verunsichert Terrier so grundlegend, dass er sich des unheimlichen Kindes, des
„feindselige[n] Animal[s]“ (S.24) augenblicklich entledigen muss. Nachdem er gegen eine
Vorauszahlung den Säugling losgeworden ist, wird das unvermittelte Ende des Paters nur
durch eine Vorsilbe [ent-‐schlief] angedeutet (vgl. S.25).
3) Madame Gaillard
Mit der Erscheinung der Madame Gaillard, der der kleine Grenouille von Pater Terrier
ausgeliefert wird, führt der Erzähler erneut eine Ziehmutter ein. Durch Misshandlungen des
Vaters hat sie bereits im Kindesalter den Geruchssinn verloren und verfügt seither über
keine Formen menschlicher Empfindungsfähigkeiten, wie Zärtlichkeit, Abscheu, Freude und
Verzweiflung (vgl. S.25). Ihr Ziel ist es, sich im Alter eine kleine Rente und „einen privaten
Tod leisten“ (S.27) zu können, um nicht, wie ihr Mann, in einem Gemeinschaftsbett des
Hôtel Dieu zu enden. Das Kostgeld der „kleinen Pensionäre“ (S.27) stellt ihre
Existenzgrundlage und Alterssicherung dar. So streicht sie konsequent und eisern die eine
Hälfte des Gehaltes für ihren eigenen Lebensunterhalt und ihre Ersparnisse ein. Die andere
Hälfte teilt sie gerecht, aber unerbittlich auf ihre Pflegekinder auf und lässt sich dabei vom
Prinzip der Gleichheit weder durch persönliche Gefühle, noch durch individuelle Bedürfnisse
eines Kindes abbringen. Damit bietet sie Grenouille eine reelle Überlebenschance, denn
ohne ihre Aufmerksamkeit auf ihn zu richten, stellt ihm diese kalt berechnende, gefühlslose
Frau die nötige materielle Zuwendung zur Verfügung. Der seelische Kältestrom Grenouilles
und seine Geruchlosigkeit finden in Madame Gaillard ein Spiegelbild, wodurch sein
Überleben gesichert wird. Erst als Madame Gaillard auffällt, dass er sich angstfrei im Dunkeln
zu bewegen vermag, scheinbar durch feste Gegenstände hindurchsehen und Besucher lange
vor deren Ankunft ankündigen kann, fürchtet sie, dass er das „Unheil und Tod“ (S.37)
ankündigende „zweite Gesicht“ (S.37) besitze. Sie beendet das Pflegeverhältnis und übergibt
Grenouille einem Gerber namens Grimal als billige Arbeitskraft. Dass er dort „nach
menschlichem Ermessen keine Überlebenschance“ (S.38) besitzt, ist ihr zwar bewusst, doch
sie verdrängt diese Tatsache durch die Vorstellung, einen rechtlich korrekten Vertrag
abgeschlossen zu haben. Ihr eigenes Schicksal nimmt ein grotesk zugespitztes Ende. Das von
ihr einzig mit dem Ziel angehäufte Geld, sich einmal den Luxus eines privaten Todes leisten
zu können, verfällt im Verlauf der Französischen Revolution und Madame Gaillard endet in
einem „von Hunderten todkranker Menschen bevölkerten Saal“ (S.40), in dem bereits ihr
Mann zu ihrem lebenslangen Schrecken gestorben ist.
4) Madame Arnulfi
Innerhalb von sieben Tagen erreicht Grenouille Grasse, das „Rom der Düfte“ (S.211). Mit
dem Vorsatz sich die ihm noch unbekannten „Techniken der Duftgewinnung“ (S.211) - die
Mazeration und die Enfleurage - anzueignen, nimmt Grenouille im Hause des Parfumeurs
Arnulfi eine Gesellenstelle an. Madame Arnulfi, deren Mann, Maître Parfumeur Honoré
Arnulfi, erst wenige Monate zuvor gestorben ist, wird als eine „lebhafte, schwarzhaarige
Frau von vielleicht dreißig Jahren“ (S.219) eingeführt, die sich sowohl durch „Wohlstand“, als
auch durch „Geschäftssinn“ (S.220) auszeichnet. Mit ihrem Verhandlungsgeschick wird
Grenouille bereits bei seinem Vorstellungsgespräch konfrontiert Ihr Angebot reicht
aufgrund der „prekäre[n] wirtschaftliche[n] Lage“ (S.219) nicht über einen Schuppen als
Unterkunft, einen Wochenlohn von zwei Francs und eine warme Mahlzeit am Tag hinaus.
Die ihr zustehenden Aufgaben übernimmt sie leidenschaftlich mit Hingabe (vgl. auch S.225):
Sie überprüft die Pomaden und Essenzen, beschriftet die Behältnisse und trägt deren
Quantität und Qualität in die Geschäftsbücher ein. Sie besucht die Händler der Stadt und
erkundigt sich über den Duftstoffmarkt und seine Preise. Hier kommt auch wieder die kluge
Geschäftsfrau zum Ausdruck, doch weist ihr Gefühlsleben auch Anzeichen von
Sentimentalität auf. Der „schmelzend schöne[n] Blick“ der ganz in ihren Duftstoffen
lebenden Witwe „liebkost[e]“ ein mit Essence Absolue gefülltes Flakon. Ihre Sorgfalt
während der Arbeit (vgl. S.225) deutet auf einen geizigen Charakterzug hin. Mit ihrem
Gesellen Druot führt sie ein Doppelleben, zwischen ihnen besteht kein normales
Arbeitsverhältnis, denn dieser ist es gewohnt, „Madames Bett zu teilen“ (S.220).
5) Dominique Druot
Der „eine Wolke von Spermiengeruch“ (S.220) verbreitende erste Geselle Dominique Druot
ist von riesenhaftem Wuchs und begegnet Grenouille mit wohlwollender Herablassung. Dass
er „Madames zu teilen“ (S.220) pflegt, bleibt Grenouille nicht verborgen. Druot seinerseits,
Arbeit zitieren:
Lisa Maria Hirschfelder, 2009, Charakterisierungen der Hauptpersonen in "Das Parfum" - Patrick Süskind, München, GRIN Verlag GmbH
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