Inhalt
Vorüberlegungen 1
Autoren im Auf- und Abtauchen 2
Spielverderber und Enttäuscher 3
Vergleichsphase I
Spazierwege , Irrwege 4-6
Text , Selbst und Referenz 7-8
Vergleichsphase II
Dienen , Krisen, Komik 8-14
Kommunikation cum und versus Nichtkommunikation 14-15
Vergleichsphase III
Mikrogramm Zensur Missverstehen 15-20
Abschluss und Ausblick 21-22
Literaturverzeichnis 23
- Ich vergleiche, indem ich zwei oder mehr Elemente in Beziehung zueinander setze und aneinander messe. Hierfür sind unterschiedliche Ausgangssituationen denkbar: Entweder ich unterziehe die willkürlich ausgewählten Elemente 2 A und B einem Vergleich, oder ich wähle ausgehend von einer Idee bewusst geeignete Elemente 3 aus, um gleiche Phänomene zu erkennen und zu weiteren Erkenntnissen zu gelangen.
- Der Gegenstand der Literaturwissenschaft wird, vereinfacht gesagt, qualitativ definiert. Qualitativ - wenn etwa Vollkommenheit und Polysemie zum Kriterium werden oder wenn Orte und Formen 4 scheinbar per se über höhere Wertigkeiten verfügen. Autoren, deren Werke außerhalb der Demarkationslinie des Kanons liegen, unterliegen der Gefahr, zu Oberflächenphänomenen reduziert zu werden, die Parameter des Diskurses drohen bedeutende Randerscheinungen zu trivialen Marginalien zu degradieren. Philologischer Starrsinn und hermeneutische Einfalt erhöhen den literarischen Rahmen zur unüberwindbaren Barriere - Außergewöhnliches wird dann für gewöhnlich ausgegrenzt. Nicht besser ist jedoch hingegen der enervierende Standesdünkel der Subkultur, der Kritik mit Intoleranz verwechselt, in dem Anhängerschaft Selbstaufgabe heißt.
- Neugier, größtmögliche Unvoreingenommenheit, Werkkenntnis und die Bereitschaft, spielerisch mit Texten umzugehen, können neue Wege erschließen, auf denen von überraschenden Begegnungen bis zur Wiederentdeckung von Altbekanntem vieles möglich ist. Die Arbeitsweise kann sich von philologischer Kleinstarbeit zur umfassenden Diskursanalyse weiten - der Reiz sollte im Perspektivenwechsel liegen, der Anspruch ist, statt in Suche nach letztmöglicher Wahrheit, in der Freiheit des
1 Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, in: Rilke, Rainer Maria: Der ausgewählten Gedichte erster Teil. Wiesbaden: Insel - Verlag 1951. S.74.
2 In diesem Fall Autoren bzw. Künstler (die Bezeichnungen werden im folgenden, synonym gebraucht.)
3 Die quasi nach einem Vorvergleich für den Vergleich in Erwägung gezogen wurden. 4 Z.B. Buch und Roman im Gegensatz zu Feuilleton und Fragment.
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Widerspruchs, die Herausforderung im Querdenken zu sehen. Dem Anspruch auf Totalität wird durch Anleuchten der Facetten genüge getan. Jeder Text, als Aktion und Reaktion verstanden. gehorcht und widersetzt sich. Jedem Schreiben liegen Techniken und Prinzipien zugrunde, jedem Schreiben über Schreiben Prämissen, jedes Lesen geschieht aus einer Haltung. Verflechtungen im Gewebe zwischen, Autor und Kunst, Wissenschaft und Theorie sowie Leser und Rezeption wären zu markieren.
Was haben Robert Walser, Herbert Achternbusch, Helge Schneider gemein - was unterscheidet sie in Wesen, Werk, Wirkung von anderen - was macht sie einzigartig? In selbstreflexiver Haltung als „Zu philosophisch“ skizziert Walser lyrisch die Bewegung der eigenen Entwicklung, „Wie geisterhaft im Sinken / und Steigen ist mein Leben.“ 6 In einem Film Achternbuschs wird der Wunsch „Daß jemand mit dem Schreiben aufhört und einen anderen Weg findet“ 7 zum Handlungsprinzip, Schneider versteht es, spielerisch mit den Topoi des Showgeschäfts „Abschied“ und „Comeback“ 8 in seinen Liedern umzugehen. Doch lässt sich das Changieren zwischen Erfolg und Scheitern nicht nur in der Kunst, sondern auch in den Biographien wiederfinden. Die schwierigen Lebensumstände Walsers, die Filmskandale um Achternbusch, Flops und Tops Schneiders - sind selbst im Gedächtnis einer breiten kulturwahrnehmenden Öffentlichkeit haften geblieben.
Doch wenn auch die Genannten über eine gewisse Präsenz im öffentlichen Bewusstsein verfügen, so ist augenfällig, dass diese mehr durch Legenden, Eklats und Erregungen im öffentlichen Auftreten erreicht wurde, als durch eingehende Beschäftigung mit den Kunstwerken. Nahezu exemplarisch lässt sich an ihnen der Dissens zwischen
5 An die Parzen von Friedrich Hölderlin in: Stuttgarter Hölderlinausgabe Band 1, S. 241. 6 Robert Walser: Zu Philosophisch. Zit. nach Catherine Sauvat: Vergessene Weiten. Biographie zu Robert Walser. Zürich: Bruckner & Thünker 1989. S. 5. 7 Herbert Achternbusch: Ab nach Tibet (1995). 8 Z.B. Helge Schneider: Comeback in: es rappelt im Karton (CD - 1995).
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öffentlicher Wahrnehmung und künstlerischer Wirklichkeit beschreiben. Diese Autoren eint ein seltenes Verhältnis von Ablehnung und Anerkennung, eine Mischung aus Außenseitertum und Kultstatus, Reaktionen von öffentlicher Stilisierung bis zur totalen Ignoranz. Von Robert Walser bis Helge Schneider lässt sich die Ambivalenz aus geneigter Kennerschar einerseits und breiter Meinungsbildung andererseits nachzeichnen. Über ästhetische Urteile hinaus - ragen kulturkritische, sogar moralische Bedenken. Und es ließe sich angesichts massiver Vorverurteilungstendenzen die Lessingsche Formel 9 in „Wir wollen weniger verdammt, doch dafür mehr gelesen sein“ wandeln. Da nimmt es nicht wunder, dass es in den Stätten der Sinnproduktion nicht gelungen ist, eine erfolgreiche Etikettierung der Autoren vorzunehmen. Dagegen Gegenwehr - erneutes Abtauchen.
Spielverderber und Enttäuscher
die Regel muss von der Tat, vom Produkt abstrahiert werden, an welchem andere ihr eigenes Talent prüfen mögen. 10
‚Impliziter und expliziter Leser, ärgere dich nicht!’ könnte der Autor als ‚homo ludens’ dem Enttäuschten zurufen. Kunst und Literatur als Spiel im zweifachen Sinne verstanden:
Ein Spiel, das von den Teilnehmern (den Rezipienten) ein Sich-ein-lassen auf die Fiktion, ein Aufgehen in ihrer Totalität und die Akzeptanz, der vom Spielmacher (dem Künstler) vorgegebenen Regeln erfordert. Das Ziel des Spiels (der Lektüre) liegt im Spiel selbst, das Spielen wird zum Selbstzweck. Bei den Teilnehmern liegen unterschiedliche Interessenlagen vor, die immanentes Konfliktpotenzial freilegen können.
9 Die Sinngedichte an den Leser
Wer wird nicht einen Klopstock loben, doch wird ihn jeder lesen - nein. Wir wollen weniger gelobt, doch dafür mehr gelesen sein. (G. E. Lessing)
10 Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft. Hg. v. Wilhelm Weischedel. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1995. S. 245.
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Die Dichtkunst als die Fähigkeit ein, „freies Spiel der Einbildungskraft als ein Geschäft des Verstandes auszuführen“, 11 schürt gleichsam im Verlauf eines Spiels Erwartungen, die erfüllbar oder enttäuschbar sind.
Ein mögliches Verfahren für die Enttäuschung stellt der Fiktionsbruch dar, der den Leser jäh desillusioniert und ihm die Kontingenz des Geschehens vor Augen führt. Wenn wir, aus gutem Grund, davon ausgehen, dass vom paratextuellen Ort - im Titeleine Referenz auf den Inhalt ausgeht, so laufen wir Gefahr, vom Titelgeber irregeleitet zu werden, wenn die Bezugnahme offensichtlich nicht vorliegt. Mit jeder literarischen Form gehen spezifische Vorstellungen von Stil und Inhalt einher, die wenn sie nicht realisiert werden, zu Verfremdungseffekten führen. Die Defunktionalisierung der Form bietet die Option neben Zer- und Verstörung Überholtem neue Aufgaben und Möglichkeiten zuzuweisen. Die Folgen des avantgardistische Impetus können von unmittelbaren emotionalen Effekten bis hin zu prägenden poetologischen Entwürfen reichen.
Inwieweit Textsorten und Schreibverfahren epochentypisch, also charakteristisch für Zeitgeistphänomene sind, wäre in diesem Sinne zu überlegen: „Mir scheint, dass der Essay (Montaigne) postmodern ist und das Fragment (das Athenäum) modern.“ 12
Alle drei Autoren eint ein augenfälliges Verhältnis zur Bewegung, das sich schon in formelhaften Kennzeichnungen widerspiegelt.
So zeichnet Peter Utz 13 Walser als Tänzer auf den Rändern zwischen Raum und Zeit, der es geschickt versteht, seine Konturen zu verwischen. Eine Möglichkeit, dergestalt zu erzählen, findet Walser, indem er Begebenheiten scheinbar zwanglos aneinander reiht,
11 Ebd. S. 258.
12 Lyotard, Jean-François: Postmoderne für Kinder. Briefe aus den Jahren 1982-1985. Wien: Edition Passagen 1987. S. 30.
13 Vgl. Utz, Peter: Tanz auf den Rändern. Robert Walsers „Jetztzeitstil.“ Frankfurt am Main: Suhrkamp 1998.
Arbeit zitieren:
Daniel Seibel, 2002, Autorenvergleich. Walser, Achternbusch, Schneider, München, GRIN Verlag GmbH
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