„Restaurant und Bruchmuseum Flieger-Heim Franz Tolinski“
Geschichten um und über das erste Aviatische Museum.
Herausgeber und Autoren: Alexander Kauther, Berlin und Paul Wirtz, Jülich Heft 2 aus der Dokumentenreihe über den Flugplatz Berlin-Johannisthal 1909-1914. © Oktober 2011, 1. Auflage
Deckblatt- und Homepagegestaltung www.johflug.de: D&M agentur, www.dundmagentur.de
12487 Berlin-Johannisthal, Winckelmannstraße 70.
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Anmerkungen der Autoren
Der Johannisthaler Flugplatz - der erste Motorflugplatz Deutschlands - existiert nicht mehr. Er hat 1945 mit der letzten Landung des Flugzeugs Lissunow Li-2 aus Moskau und hatte 1995 mit einer historischen Flugschau endgültig ausgedient. Am 26. September 2009 wurde der 100. Jahrestag des ehemaligen Flugplatzes Adlershof-Johannisthal begangen.
Heute stehen viele neue Häuser auf dem Flugfeld und fast nichts erinnert mehr an diesen historischen Ort. Kennen die jetzt dort angesiedelten Haus- und Grundstückbesitzer die Geschichten, die mit den Straßen - benannt nach Luftfahrtpionieren - verbunden sind?
Es interessierte uns, ob noch neue zeitgeschichtliche Bilder und Dokumente aufzufinden wären, die über die Geschichte des Flugplatzes in Johannisthal Auskunft geben. Wir begannen zu recherchieren, nachzulesen und zusammenzutragen. So entstand die Dokumentenreihe über den Flugplatz Berlin-Johannisthal von 1909-1914.
Dieser Bericht gibt Auskunft über eine Fliegergaststätte und über das erste Aviatische Museum in Deutschland.
Zur Vervollständigung und Ergänzung sind wir weiterhin an Erlebnisberichten, Dokumenten und Fotografien über das „Flieger-Heim“ interessiert.
Berlin-Johannisthal, Oktober 2011 www.johflug.de info@joflug.de
Reste der Beschriftung über dem Eingang 1991 und 1947.
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Entstehung des Restaurants „Flieger-Heim“
Mit der Eröffnung des Flugplatzes im September 1909 entstanden am Rande des Flugfeldes eine Reihe von Gaststätten und Cafes. Dort trafen sich vor allem die ersten Aviatiker und Mechaniker, aber auch die Besucher der zahlreichen Flugveranstaltungen kehrten hier ein. Eines dieser Treffpunkte war das Flieger-Heim, mit seinem Inhaber Franz Tolinski (Geburtsdatum unbekannt - gestorben 1947 in Obersdorf, welches Obersdorf in Deutschland ist nicht bekannt). „Die „Fliegerklause“, das „Flieger-Heim“, in der Winckelmannstraße 68/Ecke Haeckelstraße (ehemals Friedrichstraße 17/Ecke Roonstraße) war das Aviatische Museum von Franz Tolinski. Entstanden ist die Gaststätte bereits in der Gründerzeit, 1880 wurde es erweitert und 1912 zum Fliegerheim umgestaltet. Die viel besuchte Gaststätte verfügte über ein reichhaltiges und ansehnliches Fliegermuseum mit Fotos und Flugapparate bekannter Flieger sowie auch über viele Bruchteile abgestürzter Flugzeuge und Luftschiffe. Im Volksmund sprach man vom „Bruchmuseum“. Der Gastwirt Tolinski bot jedem, der ihm Bruchteile bzw. Flugzeugreste brachte, kostenfrei ein Bier und einen Korn an. So konnte er ständig seine Sammlung vervollkommnen.
Franz Tolinski war auch Brandmeister der Johannisthaler Freiwilligen Feuerwehr. Die Endstation der Straßenbahn, Berliner Ostbahn Linie III (Straßenbahn von Friedrichsfelde-Kirche, nach Johannisthal), später die Straßenbahnlinie 70 und in Nachfolge die Linie 69 lag und liegt direkt vor der Tür des Flieger-Heims. Die Gaststätte existierte bis 1945, wurde später in eine Kindertagesstätte umgewandelt und versorgte zeitweilig die danebenliegende 8. Volksschule mit Schulspeisung.
Mit Beginn der Rekonstruktion der Winckelmannstraße und der Haeckelstraße, im Jahre 1986, wurden die Räumlichkeiten für die Versorgung der Bauarbeiter genutzt. Nach der Deutschen Einheit, 1990, entstand der Gedanke, das ehemalige Flieger-Heim für das Museum Treptow zu nutzen. Ungeklärte Eigentumsfragen führten zu einer besseren Lösung für die Unterbringung des Museums. Nach mehrjährigen Leerstand wurde das Gebäude 1996, trotz Denkmalschutz und ersten Renovierungsarbeiten, illegal und über Nacht abgerissen. Von 1996 bis 1998 erfolgte dann ein Neubau durch die Kapital-Liegenschafts-Gesellschaft mit 19 Wohnungen und einer Gaststätte im Erdgeschoss, in der Winckelmannstraße 68-70. Der Neubau sollte annähernd der Gebäudeform des alten Flieger-Heimes entsprechen, was auch erreicht wurde.
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Im April 1998 wurde das neue Flieger-Heim vom Gastwirt Birger Rohde eröffnet. Vorgesehen war gleichzeitig, hier
ein kleines Museum über die damalige Fliegerei in die Gaststätte zu integrieren. Die Räumlichkeiten wurden dann mit einer Bildersammlung aus der Johannisthaler Flugzeuggeschichte und einigen Flugzeugpropellern ausgestaltet. Bereits Anfang 1999 wurde die Gaststätte wieder geschlossen.
Nach kurzem Leerstand und anschließender Umgestaltung eröffnete das neue Restaurant im November 1999 unter dem Namen „Ulli's Sport- und Fliegerheim“. Die bildliche Gestaltung bezieht sich nunmehr vorrangig auf sportliche Motive. Neben Getränken werden auch kleine Speisen angeboten“.1 Heute wird das, mit veränderter Schreibweise, „Fliegerheim“, von der Pächterin Kornelia Brückner betrieben. Die Großbildleinwand für Sportübertragungen wird von den Gästen gerne angenommen. Zwei Dart-Vereinsmannschaften trainieren hier regelmäßig und führen Wettkämpfe mit Vereinen aus anderen Stadtbezirken durch. Zum 100. Jahrestag der Eröffnung des ersten Motorflugplatzes in Johannisthal, wurde am 26. September 2009 in der Gaststätte Fliegerheim ein Vortrag zur Geschichte des Flieger-Heim durchgeführt.
Mit der Eröffnung des Flugplatzes Johannisthal, entstand in der Fliegergaststätte Tolinski eine Ausstellung, die sich ab 1911 als Aviatisches Museum präsentierte. Im Flieger-Heim befand sich eine Sammlung von Reliquien aus verhängnisvollen Aeroplan- und Ballonkatastrophen. Sämtliche freie Wand- und Deckenflächen waren behangen mit allerlei Gegenständen. Vom Propeller, Räder, Sitze, Reste von Tragflügeln und Flugschrauben bis zur kompletten Tragfläche war alles in dieser bezeichneten Ausstellung vorhanden.
Das Aviatische Museum Tolinski war die damals umfangsreichste Sammlung dieser Art in Deutschland und wurde 1932 als „Tolinski-Sammlung“ in die Deutsche Luftfahrt-Sammlung, Berlin, vorerst in Hallen auf dem Adlershofer Teil des Flugplatzes, eingegliedert. Das Sammlergenie Tolinski zeigte Reste historisch gewordener Fliegerbrüche.
1 Johannisthal in Berlin, Förderverein für das Museum Treptow e.V., 2003, Seite147.
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Eine zeitgenössische Quelle aus dem Jahre 1913 berichtet darüber:
In seinen Erinnerungen schrieb Adalbert Norden 4 u.a.: „In der Deutschen Luftfahrt-Sammlung zu Berlin, einsam hinter Glas, stehen zwei derbe linke Schuhe, die Absätze abgerissen in letzter Todesnot“. Es sind die Schuhe von Schendel und Voß“. 5
Der Flugzeugführer Georg Schendel und sein Obermonteur August Voß stürzten bei einem Weltrekordversuch am 6. Juni 1911 im Glienicker Weg (Berlin-Adlershof) tödlich ab.
2 Heft 5 „Des Flugplatzhundes Ende - Der Werkshund Pilot und sein Herrchen Direktor Otto Wiener“.
3 Paul Emil Engelhard (1868-1911), Flugzeugführerberechtigung Nr. 3 vom 1. März 1910 mit einem Wright-Zweiecker auf dem Flugfeld Johannisthal. Tödlicher Absturz am 29. September 1911 in Johannisthal. Sein Leben wird im Heft 28 der Dokumentenreihe über den Flugplatz beschrieben.
4 „Flügel am Horizont“ von Adalbert Norden.
5 Heft 6 „Mach mir den Brummer fertig - Aus dem Leben des Flugzeugführers Georg Schendel und seinem Freund und Obermonteur August Voß“, aus der Dokumentenreihe über den Flugplatz Berlin-Johannisthal 1909-1914.
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Ansichtskarte vom Restaurant Franz Tolinski um 1912.
Auf dem Hof des Flieger-Heims war die Landbäckerei Behnke. Bei Tolinski kehrten vorwiegend Flugzeugmechaniker, Besucher des Flugplatzes, Angestellte und Gäste der JOFA, Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr und ab 1930 Mitglieder der SG „Sportfreunde Schöneweide-Johannisthal 1930“ ein. An der Theke stand der Wirt Franz Tolinski, kräftig von Gestalt, glatzköpfig, Oberlippenbart und mit hochgekrempelten Hemdsärmeln!
Die Flugpioniere verkehrten überwiegend in ihrem „Fliegercafe Max Senftleben“, aber auch im „Bürgergarten“ welches sich direkt gegenüber vom Fliegercafe befand. Zu den seltenen Gästen im Flieger-Heim gehörte auch Amelie Hedwig (genannt Melli) Beese-Boutard (1886-1925), die erste Fliegerin Deutschlands mit dem Flugzeugführerzeugnis Nr. 115 vom 13. September 1911. Stammgast war sie aber im „Fliegercafe Max Senftleben“ in der damaligen Kaiser-Wilhelm-Straße 50/Ecke Parkstraße 18 (heute Sterndamm/Ecke Königsheideweg). Hier spielte sich das Leben der Flugzeugführer und der besseren Gesellschaft ab. 6 „…Franz Tolinski lockte viele bekannte Fliegergrößen in das Flieger-Heim, wie Manfred von Richthofen, Ernst Udet und Max Immelmann. Diese Piloten dienten der Gaststätte während und nach dem ersten Weltkrieg als Aushängeschild.“ Von der Filmfabrik JOFA AG kamen u. a. als Gäste die Schauspieler Renate Müller, Elfi Meyerhofer, Willy Bürgel, Hans Albers 7 und Heinz Rühmann…“ 8 Schon sehr früh hatte Heinz Rühmann Flugmodelle gebaut und eifrig an Firmen geschrieben, die Zubehör wie Propeller, Peddigrohr, Räder fürs Fahrgestell und Gummibänder lieferten. Sein Lieblingsmodell war eine Rumpler-Taube. Dieses leistungsfähigste Flugzeug seiner Zeit, wurde in Berlin in der ersten Flugzeugfabrik in Deutschland vom Österreicher Edmund Rumpler seit 1908 gebaut.
6 Heft 3 „Über das „Cafe und Conditorei Senftleben“ aus der Dokumentenreihe über den Flugplatz Berlin-.Johannisthal 1909-1914.
7 Heft 12 „Papa Raschke“ aus der Dokumentenreihe.
8 Persönliche Erinnerungen 1920-1930 von Christa Judis, ehemals wohnhaft gewesen Haeckelstraße.
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Schon als Junge war Rühmann glücklich, wenn er bei Piloten und Mechanikern sein konnte, die immerzu an etwas herumbastelten. „Es roch so schön nach Öl und Benzin!“ Seinen ersten Mitflug machte Rühmann erst, als er schon Theater spielte. Er flog mit dem bekannten Motor- und Segelflieger Wolf Hirth in einer Klemm 25, einer offenen Maschine, mit. Durch diesen Rundflug über Berlin „war ich endgültig und für immer ein Fliegernarr“.
Der große Flieger Ernst Udet, sechs Jahre älter als Rühmann, war mit ihm befreundet. Hans Albers und Heinz Rühmann drehten in Johannisthal den Film „Bomben auf Monte Carlo“.
Das waren wohl die Gründe, warum Rühmann in Johannisthal war und das Flieger-Heim aufsuchte?
1920 Die Johannisthaler Filmanstalt GmbH (JOFA), spätere TOBIS Tonbild Syndikat GmbH, Straße am Flugplatz.
Von der JOFA wurden zwei ehemalige Flugzeughallen der Albatros Flugzeugwerke übernommen und genutzt. Diese stehen heute nicht mehr.
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Alexander Kauther, Paul Wirtz, 2011, Restaurant und Bruchmuseum "Flieger-Heim Franz Tolinksi" - Geschichten um und über das erste Aviatische Museum in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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