Um 1347 hielt sich Boccaccio häufig in den Hafenstädten Ravenna und Forli sowie in Florenz auf. Allein in Florenz hatte die Pest bis 1348 annähernd 80.000 Menschen das Leben gekostet. 5 Das Leid, die Verzweiflung und das regelrechte Massensterben erlebte Giovanni Boccaccio als Augenzeuge mit. In seiner Novellensammlung „Il Decamerone“ (entstanden zwischen 1349-53) 6 versucht er dies - und darin könnte man ihn durchaus als literarisches Unikum beschreiben - auf humorvolle und ironisch-obszöne Weise zu verarbeiten. Der Inhalt des Buches, den man bereits am Namen erahnen kann, lässt sich kurz zusammenfassen. 7
1348 fliehen sieben junge adlige Frauen und drei Männer aus Florenz um dem Peststerben zu entkommen. Sie begeben sich gemeinsam auf ein abgelegenes Schlösschen und leben dort zehn Tage zusammen. Um sich abzulenken und der traurigen Realität des grassierenden Todes zu entgehen, erzählen sie sich untereinander Geschichten. Diese haben jedoch kaum etwas mit Tod und Verzweiflung zu tun, sondern sie thematisieren vorwiegend lebensbejahende Dinge. 8 Die Pest als solche bildet sozusagen nur den Rahmen, den Ausschlag bzw. den Anlass der gesamten Erzählung. Dies wird uns an dem vorliegenden Vorwort des Werkes deutlich. Hierin schildert Boccaccio die Zustände, die den Protagonisten seiner Erzählung den Ausschlag zur Flucht gaben. Jene Schilderung unterliegt jedoch einer so starken subjektiven Empfindung, dass an der Objektivität der Darstellung gezweifelt werden kann. Natürlich war Boccaccio als Zeitzeuge durchaus befähigt die Ereignisse wiederzugeben, jedoch ist er stark in seine humanistische Grundkonzeption verwurzelt, dass ihm eine neutrale und objektive Darstellungsweise schwer fällt. 9 Nicht die Erkrankung als solche oder die damaligen Vorgehensweisen der Epidemieeindämmung sondern die Folgen auf die Bindungen der damaligen Gesellschaft rückt Boccaccio in den Mittelpunkt. Björn Hoffmann bemerkt richtig, dass Giovanni Boccaccio zwar keine medizinische Ausbildung besaß und seine Pestdarstellungen oftmals aus
5
Vgl. dazu:
6
Vgl. dazu: HOFFMANN, Björn: Die Pest in der Literatur. Eine Untersuchung von Boccaccio bis Camus, Lübeck 2006, Seite 157,
7
Anmerkung DM: Das Wort ‚Decamerone’ ist den griechischen Worten
̣
deka
(Zehn) und
hmera
(Tag) entlehnt und kann frei übersetzt werden mit dem „Zehntagewerk“. Vgl. dazu:
8
Anmerkung DM: Am ersten Tag ist das Erzählthema von jedem der Anwesenden frei wählbar; am zweiten Tag werden Menschen thematisiert, die ein schwieriges Ziel erreichen; am dritten Tag wird vom Scharfsinn erzählt; der vierte sowie der fünfte Tag handeln von der Liebe; am sechsten Tag geht es um den Spott; der siebte und achte Tag sind den Streichen vorbehalten und am Schluss (neunte und zehnte Tag) wird über Edelmut und Hochsinnigkeit erzählt. Vgl. dazu:
9
Anmerkung DM: 1350 lernt Giovanni Boccaccio den italienischen Humanisten Francesco Petrarca (1307-1374) kennen. Beide Männer verbanden zeitlebens eine enge Freundschaft und das gemeinsame Interesse an der Wiederbelebung der antiken Tradition. Sie werden treffender Weise auch als „Väter der italienischen Renaissance“ bezeichnet. Vgl. dazu:
2
anderen Quellen übernommen hat 10 , doch den Zerfall sozialer Bindungen sowie die Bedeutungslosigkeit des Individuums, die er in seinem Vorwort beschreibt, sind durchaus nachvollziehbar und glaubhaft. Und genau dies ist die Hauptintention der Vorrede. Boccaccio will dem Leser deutlich machen - dies kennzeichnet auch den Quellenwert der Vorrede als Tradition, wie sich das menschliche Miteinander in Zeiten des Elends verändert. Jedoch stellt er diese Veränderung als Verlust und Fehlentwicklung, nicht als Notwendigkeit angesichts der unvorstellbaren Opferzahlen dar.
Boccaccio berichtet zu Beginn, dass unter den Frauen eine Art der Sittenlosigkeit aufkam. „Keine […] kümmerte sich darum, ob es ein Mann war, der sie pflegte […] sie schämte sich gar nicht, ihm jeden Teil ihres Körpers zu zeigen.“ 11 Der Autor versucht deutlich zu machen, dass die Menschen - entgegen der ursprünglichen Tradition - nicht mehr zur gegenseitigen Versorgung im Stande waren. Weil die Zahl der Pestopfer so hoch war, kümmerte sich jeder einzelne nur noch um sein eigenes Überleben. Der alte Brauch, nach dem Tod eines geliebten Mitmenschen in dessen Haus zusammenzukommen und den Toten zu betrauern, war nicht mehr länger gültig. „Je wilder die Pest tobte, desto mehr verfielen diese Bräuche.“ 12 Dies ging sogar soweit, dass viele Menschen starben ohne einen Mitmenschen an ihrer Seite zu haben. Ob dies im eigenen Heim oder offen auf der Straße passierte, war dabei egal. 13 Diese Pestepidemie war so verheerend, dass man sprichwörtlich über Leichen ging, wenn man sein Haus verließ. Um dieser Situation Herr zu werden, etablierte sich nach Boccaccios Bericht eine neue soziale Schicht. Weil die meisten Leute nur an ihre eigene Gesundheit dachten, enthielten sie den Toten jedwedes Mitgefühl vor und ließen die Aufgabe der Beisetzung von den so genannten ‚becchini’ erledigen. Diese Totengräber boten ihren Dienst, so Boccaccio, gegen Bezahlung an. Der Tod wurde sozusagen zu einem lukrativen Geschäft. 14 Diese neue Qualität des Todes zeigte sich jedoch nicht nur im gesellschaftlichen Verhalten, sondern auch auf geistlicher Ebene. Die Pfarrer waren nicht mehr in der Lage jeden Verstorbenen feierlich beizusetzen. Die Zahl derer war einfach zu groß. Auch wenn dieser Aspekt nachzuvollziehen ist, kritisiert Boccaccio den Klerus. Er sagt nämlich, dass „sich [die Geistlichen] nicht mehr die Mühe eines langen, feierlichen Totenamtes [machten].“ 15 Dies wurde nur noch den gutbetuchten Toten zuteil. Er bringt dadurch zum Ausdruck, dass die
10 Vgl. dazu: HOFFMANN, Björn: Literatur, Seite 25.
11 BOCCACCIO, Giovanni: Decamerone. In: KTHGQ II, S. 256.
12 Ebd., Seite 256.
13 Vgl. ebd., Seite 257.
14 Vgl. ebd., Seite 256.
15 Ebd., Seite 256.
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Arbeit zitieren:
Daniel Meyer, 2009, Pest und Tod in Giovanni Boccaccios "Il Decamerone", München, GRIN Verlag GmbH
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