INHALTSVERZEICHNIS
INHALTSVERZEICHNIS
ABBILDUNGSVERZEICHNIS / TABELLENVERZEICHNIS IV
ABSTRACT V
1 EINLEITUNG 1
1.1 AUSGANGSLAGE 1
1.2 BEGRIFFSABGRENZUNG KONFLIKTKLÄRUNGSSYSTEM 5
2 WODURCH KANN EIN KONFLIKT BEWUSST WERDEN? 7
2.1 AUSGANGSLAGE 7
2.1.1 FORSCHUNGSSTAND UND ÜBERLEGUNGEN ZU KONFLIKT 7
2.1.2 ZUSAMMENFASSUNG KONFLIKT 11
2.1.3 WAS TREIBT DEN MENSCHEN IM KONFLIKT ZU EINER LÖSUNG? 12
2.2 BILDUNG HYPOTHESE 1 15
2.3 FORSCHUNGSSTAN:D 16
2.3.1 EMOTION FURCHT 16
2.3.2 FURCHTKONDITIONIERUNG 18
2.3.3 UNBEWUSSTE INFORMATIONSAUFNAHME 20
2.3.4 „INNERE BILDER“ 22
2.3.5 PSYCHOSOZIALER KONFLIKT - UNKONTROLLIERBARE ANGST - STRESSREAKTION 23
2.4 DURCH ANGST AUSGELÖSTE KÖRPERREAKTIONEN 28
2.5 BEGRIFFSABGRENZUNG „NONVERBALE KOMMUNIKATION“ 29
2.6 PRAKTISCHE ÜBERPRÜFUNG DER HYPOTHESE 1 34
2.7 ZUSAMMENFASSENDE BEWERTUNG HYPOTHESE 1 37
2.8 RESÜMEE IN BEZUG AUF DAS KINDERHAUS 38
3 WIE KANN EINE HALTUNG VERÄNDERT WERDEN? 39
3.1 AUSGANGSLAGE 39
3.2 BILDUNG DER HYPOTHESE 2A 41
3.3 FORSCHUNGSSTAND ZU HALTUNG UND ABLEITUNG HYPOTHESE 2B 42
I
Inhaltsverzeichnis
3.4 ÜBERPRÜFUNG HYPOTHESE 2A 46
3.4.1 FORSCHUNGSSTAN:D VERÄNDERUNG KÖRPERHALTUNG UND GEFÜHL 46
3.4.2 PRAKTISCHE ÜBERPRÜFUNG 49
3.5 ZUSAMMENFASSENDE BEWERTUNG HYPOTHESE 2A 50
4 WIE KANN DAS ELEMENT DES AKTIVEN ZUHÖRENS IN DIE
LÖSUNGSFOKUSSIERTE HALTUNG AUCH ÜBER DEN KÖRPER INTEGRIERT
WERDEN 50
4.1 AUSGANGSLAGE 50
4.2 FORSCHUNGSSTAN:D 53
4.2.1 WIE WERDEN UNSERE GRUNDGEFÜHLE GESTEUERT? 53
4.2.2 WANN ENTSTEHT WELCHES GRUNDGEFÜHL? 55
4.2.3 AKTIVES ZUHÖREN 59
4.2.4 HERZ-INTELLIGENZ 63
4.3 BILDUNG DER HYPOTHESEN 3A UND 3B 66
4.4 ÜBERPRÜFUNG DER HYPOTHESE 3A: 67
4.4.1 FORSCHUNGSSTAN:D DAS HERZ UND SEIN EINFLUSS AUF DEN KÖRPER 67
4.4.2 PRAKTISCHE ÜBERPRÜFUNG 1 68
4.4.3 FORSCHUNGSSTAN:D KÖRPERWAHRNEHMUNG UND IHRE AUSWIRKUNGEN 69
4.4.4 FORSCHUNGSSTAN:D SOMATISCHE MARKER 71
4.4.5 FORSCHUNGSSTAN:D WAS BEWIRKT AKTIVES ZUHÖREN? 72
4.4.6 PRAKTISCHE ÜBERPRÜFUNG 2 74
4.5 ZUSAMMENFASSENDE BEWERTUNG HYPOTHESE 3A 76
5 AUSGANGSSITUATION: WELCHE VERÄNDERUNG KANN DURCH DIE
ENTWICKLUNG EINER LÖSUNGSFOKUSSIERTEN HALTUNG BEWIRKT
WERDEN? 78
5.1 METHODEN ZUR KLÄRUNG DER HYPOTHESEN 2B UND 3B 78
5.2 ÜBERPRÜFUNG HYPOTHESE 2B 79
5.3 ÜBERPRÜFUNG HYPOTHESE 3B 81
5.4 GEMEINSAME BEWERTUNG HYPOTHESE 2B UND 3B 85
6 ZUSAMMENFASSUNG 90
7 DANK 95
II
Inhaltsverzeichnis
LITERATURVERZEICHNIS 96
III
Tabellenverzeichnis
ABBILDUNGSVERZEICHNIS / TABELLENVERZEICHNIS
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
ABBILDUNG 1: KÖRPERHALTUNG UNGELÖSTER KONFLIKT 35
ABBILDUNG 2: KÖRPERHALTUNG GELÖSTER KONFLIKT 49
TABELLENVERZEICHNIS
TABELLE 1: ANGSTSYMPTOME (MARSCHITZKY/SATOR, 2010, S. 72-73) 35
TABELLE 2: KÖRPERHALTUNG UNGELÖSTER KONFLIKT 35
TABELLE 3: MIMIK ANGST / UNGELÖSTER KONFLIKT 36
TABELLE 4: REFLEXE ANGST / UNGELÖSTER KONFLIKT 36
TABELLE 5: ELEMENTE EINES ZU IMPLEMENTIERENDEN KONFLIKTKLÄRUNGSSYSTEMS 40
TABELLE 6: KÖRPERHALTUNG GELÖSTER KONFLIKT 49
TABELLE 7: “KARTENABFRAGE ZU KONFLIKT UND GEFÜHLE (SORTIERUNG GEFÜHLSVARIANTEN:
CIOMPI, 2005, S. 79) 53
TABELLE 8: ASSOZIATIONSGEFLECHT ZU DEN STIMULUSWORTEN „ICH“, „KINDERHAUS“, „KONFLIKT“,
„KONFLIKTKLÄRUNG“ 80
TABELLE 9: KEKS AUFSTEIGENDE SORTIERUNG 83
IV
ABSTRACT
Vorliegende Arbeit befasst sich mit der Möglichkeit der Entwicklung einer Lösungsfokussierten Haltung während der Entwicklung und der Implementierung eines Konfliktklärungssystems. Die Haltung bei einem Konflikt ist mit starken Gefühlen verbunden und zeigt sich in der nonverbalen Kommunikation. Der Kern von Konflikten bezeichnet ein Gefühl der psychischen Bedrohung, der Bedrohung des inneren Gleichgewichts, des Selbstbildes, des individuellen inneren Bildes von sich und der Welt. Die Angst zählt zu den Grundgefühlen und wird durch entsprechende Körperreaktionen ausgelöst, wenn unser inneres Gleichgewicht aus der Balance gerät und wir uns bedroht fühlen. Aufgrund der Furchtkonditionierung reagieren wir auf bestimmte Reize, um Gefahren zu vermeiden oder abzuwehren. Es gilt als erwiesen, dass Einstellungen und Emotionen im Körper verankert sind und sich in der Körpersprache zeigen. Die innere Haltung (Einstellung) zeigt sich in der äußeren Haltung (Körperhaltung). Die Gehirnforschung, die Psychotraumatologie und die Säuglingsforschung belegen, dass Gefühle und Gedanken auf Körperempfindungen aufbauen und miteinander verknüpft sind. Es ist ebenso bekannt, dass die erlebten Erfahrungen und die mit ihnen verknüpften erlernten Reaktionen zwar in jeder Zelle des Körpers gespeichert sind, jedoch wurden diese oft nicht bewusst oder vorsprachlich erfahren und sind daher dem Bewusstsein nicht oder nur bedingt zugänglich. So erweist es sich als schwierig, unsere Einstellungen und unsere Gefühle in einem Konflikt über das bewusste Denken zu verändern. Da Konflikte mit grundlegenden Gefühlen einhergehen, Gefühle unser Denken und Handeln beeinflussen, Emotionen über den Körper entstehen, befasst sich diese Arbeit mit der Entwicklung einer Lösungsfokussierten Haltung auch über den Körper.
This thesis deals with the possibility of developing a solution-Focused attitude during the development and implementation of a conflict resolution system. The attitude in a conflict is associated with strong feelings and is revealed in the non-verbal communication. The core of conflict refers to a sense of psychological threat, the threat of internal balance, the self-image, inner image of the individual himself and the world. Fear is one of the basic emotions and is triggered by appropriate body reactions, if our inner balance is off balance and we feel threatened. Due to the fear conditioning, we react to certain stimuli in order to avoid or ward off threats. It is proven that attitude and emotions are rooted in the body and manifest itself in the body language. The mental attitude is reflected in the motor attitude. The brain research, the psycho-traumatology and infant research are showing that feelings and thoughts and feelings build on body are linked. It is well known that the lived experience associated with them and learned responses are stored in every cell of the body but these were often not aware of or experienced the preverbal and are therefore not or only partially accessible to consciousness. It is difficult to change our attitudes and our feelings in a conflict over the conscious mind. Since conflicts are associated with basic emotions, feelings affect our thinking and acting, emotions arise over the body, this work deals with the development of a solution-Focused on keeping the body well.
V
1 EINLEITUNG
1.1 AUSGANGSLAGE
PROJEKT
Im Rahmen des Masterstudiums zum Master of Arts in Mediation wurde in einem Kinderhaus das Projekt „Konfliktforschung und Implementierung eines konstruktiven Konfliktklärungssystems“ in der Zeit von April 2010 bis Juli 2011 durchgeführt und die vorliegende Masterthesis erarbeitet. Der Träger des Kinderhauses ist der Kreisverband eines großen deutschen Wohlfahrtverbandes. Nach einem Gemeinderatsbeschluss wurde ein bereits seit dem Jahr 2000 bestehender Kindergarten um eine Kinderkrippe mit 24 Plätzen erweitert. Die erste Kinderkrippengruppe wurde übergangsweise ab Januar 2008 bis zur Fertigstellung in einem 30 Geh-Minuten externen Gemeinderaum untergebracht. Die zweite Kinderkrippengruppe wurde am 01.02.2010 eröffnet und musste übergangsweise im Turnraum untergebracht werden, bis die Räumlichkeiten am 13. März 2010 soweit fertig gestellt waren, dass die beiden Kinderkrippengruppen einziehen konnten. Nun besteht das Kinderhaus aus drei Kindergartengruppen mit 72 Kindern zwischen 2,5 Jahren und der Einschulung und zwei Krippengruppen mit je 12 Kindern zwischen 3 Monaten und 3 Jahren. Die Leiterin des Kinderhauses ging Anfang des Jahres 2008 in Erziehungsurlaub und die Leitung wurde vorübergehend von einer Mitarbeiterin der Kinderkrippe übernommen. Zu Beginn des Projektes stand bereits fest, dass der Träger die neue Leitung behalten möchte und sich bemühen würde, mit der vorhergehenden Leitung eine entsprechende Einigung zu erzielen. Diese Einigung wurde Mitte 2010 erreicht, so dass ab diesem Zeitpunkt feststand, dass die jetzige Leiterin bleiben wird und es konnte eine stellvertretende Leiterin benannt werden.
Die erste Kindergartengruppe besteht aus der Leitung (Erzieherin, 31 Jahre alt), welche seit 2002 in dieser Einrichtung arbeitet, einer Kinderpflegerin (27 Jahre alt), welche seit 2003 angestellt ist und einer Teilzeitkraft (37 Jahre alt), welche seit 2004 im Kindergarten arbeitet. Die zweite Kindergartengruppe besteht aus der stellvertretenden Leitung (Erzieherin, 25 Jahre alt), welche erst Ende 2010 offiziell zur stellvertretenden Leitung ernannt wurde und seit 2006 im Kindergarten arbeitet, einer Kinderpflegerin (24 Jahre alt), welche in 2009 angestellt wurde und einer Berufspraktikantin. Im Kindergarten arbeiten jedes Jahr 2 Praktikantinnen ab den 01. September für ein Jahr. Dieses eine Jahr wird entweder zu Beginn ihrer Ausbildung oder als Berufspraktikum am Ende ihrer Ausbildung zur Erzieherin absolvieren.
1
Die dritte Kindergartengruppe besteht aus einer Dipl. Sozialpädagogin (31 Jahre alt), welche seit 2008 die Gruppe leitet, einer Kinderpflegerin (25 Jahre alt), welche seit 2006 im Kindergarten arbeitet und einer Praktikantin.
Die erste Kinderkrippengruppe setzte sich in 2008 aus einer Kinderpflegerin in Vollzeit (30 Jahre alt) und einer Kinderpflegerin in Teilzeit (39 Jahre alt) sowie einer Erzieherin (48 Jahre alt) zusammen. Da das Verhältnis zwischen der Erzieherin und der Teilzeitkraft schwierig war, sprach sich die Teilzeitkraft dafür aus, bei der Gründung der zweiten Kinderkrippengruppe nicht mehr zusammen in derselben Gruppe zu arbeiten. So übernahm die Erzieherin die Leitung der neuen Kinderkrippengruppe zum 01.02.2010 und es wurde eine Erzieherin (29 Jahre) als Leitung der ersten Kinderkrippengruppe eingestellt sowie 2 Kinderpflegerinnen (26 Jahre) für die zweite Gruppe, wobei eine der beiden Kinderpflegerinnen während der Probezeit zum 31.08.2010 wieder entlassen wurde. Die Kündigung war eine gemeinsame Entscheidung der Gruppenleitung, der Leitung des Kinderhauses und der Fachabteilungsleitung des Trägers.
Das Projekt „Konfliktforschung und Implementierung eines konstruktiven Konfliktklärungssystems“ wurde der Geschäftsführerin der Kreisverbandes und der Fachabteilungsleitung sowie der Leitung des Kinderhauses vorgestellt. Die Fachabteilungsleitung, welche die Leiterin in ihrer neuen Position unterstützt, begrüßte das Projekt u.a. um das Zusammenwachsen der Gruppen des Kindergartens und der Kinderkrippen zu erleichtern und überzeugte mit Ihrer Begeisterung auch die Leiterin des Kinderhauses.
Die Ausbildung zur Kinderpflegerin dauert 2 Jahre. Ein mittlerer Bildungsabschluß und eine berufspraktische Vorbildung sind die Voraussetzungen für die ErzieherInnenausbildung. In Bayern ist eine einschlägige Berufsausbildung Bedingung für die Aufnahme an Fachschulen bzw. Fachakademien für Sozialpädagogik. Die Ausbildung dauert drei Jahre incl. eines einjährigen Berufspraktikums, das dem dritten Ausbildungsjahr entspricht. Das Berufsbild wird zu 96 % von Frauen ausgefüllt. Zu deren Aufgaben gehört auch, bei Konflikten zwischen den Kindern zu vermitteln. Daher sind den Mitarbeiterinnen im Kinderhaus entsprechende Modelle zur Konfliktbearbeitung bekannt z.B. Eisbergmodell, 4-Ohren-Modell, Konfliktkerze, Dialogverfahren etc. FORSCHUNGSMETHODE UND ENTWICKLUNG DER HYPOTHESEN
Die „Grounded Theory“ ist eine Methode der qualitativen Sozialforschung. Entwickelt wurde die Grounded Theory von den Soziologen Barney Glaser und Anselm Strauss und 1967 von ihnen veröffentlicht. Es wurde eine der verbreitesten Vorgehensweisen der qualitativen Sozialforschung. Statt der bloßen Hypothesenprüfung ist Ziel der Grounded Theory die Theoriegewinnung. „Bei der Endeckung von Theorie generiert man konzeptionelle Kategorien oder ihre Eigenschaften auf der Grundlage von Belegen; ist die Kategorie einmal festgelegt, dienen die Belege dazu, das Konzept zu illustrieren.“ (Glaser/Strauss, 2005; S. 33). Der Fokus der Aufmerksamkeit richtet sich nicht von
2
Beginn an auf bereits bestehende Hypothesen, sondern der Blick bleibt offen für Neues, Unerwartetes. Die entwickelte Theorie geht aus dem laufenden Forschungsprozess hervor, d.h. aus den empirischen Daten wird eine hieraus hervorgehende Theorie entwickelt. Somit steht am Anfang keine Theorie bzw. Hypothese, sondern ein Untersuchungsbereich. Die Theorie entwickelt sich aus den vorgefundenen realen Daten der Praxis des Alltags. Die Verifizierung geschieht während des Forschungsprozesses, die Datengewinnung wechselt sich mit der Theorieentwicklung ab und es erfolgt ein ständiger Abgleich. Theoretische und praktische Erwägungen werden miteinander verbunden. „Der Soziologe spürt, dass er ein ‚Gefühl’ für die situative Alltagsrealität hat, während eine in die Situation verstrickte Person erfährt, dass sie die Theorie beherrscht und anwenden kann“ (a.a.O. S. 245). Es ist wichtig, versteckte Vorannahmen zu hinterfragen und sich der interpretativen Rolle des Forschers bewusst zu sein. Die gewonnenen Daten werden skeptisch hinterfragt und der Forscher ist sich seiner beeinflussenden Interaktion bewusst.
Um mit den Teilnehmerinnen zusammen ein für sie passendes Konfliktklärungssystem zu entwickeln, war es wichtig, mit einem „offenen neugierigen Blick“ das Projekt zu beginnen. Daher entschied man sich für die Vorgehensweise der Grounded Theory. Der zu untersuchende Bereich war zunächst das bestehende Konfliktklärungssystem des Kinderhauses. Dieses wurde mittels eines halbstrukturierten Interviewleitfadens erhoben, die Codierung erfolgte nach Mayring. Besonders auffällig war, dass die Mehrzahl der Aussagen zum derzeitigen Ist-Zustand zur Hauptkategorie „Konfliktlösungsverhalten“ der Unterkategorie „Flucht“ zugeordnet werden konnten, von allen Teilnehmerinnen betont wurde, dass sie keine Konflikte hätten, jedoch ein offener Dialog gewünscht wurde. Die Organisationskultur ist geprägt von Konfliktscheu, welche Konfliktvermeidung und Konfliktunterdrückung zur Folge hat (vgl. a.a.O. S. 15; Glasl, 2010, S. 80-84). Bei der „Weder-noch-Wahrnehmung“ der Filterwahl der „verdeckten Unterschiede“ werden laut Conrad/Jacob/Schneider (2003, S. 38-42) die auftretenden Probleme tabuisiert, denn es darf keine Unterschiede geben und so gibt es keinen Konflikt, weil die Unterschiede sofort verdeckt werden. Konflikte werden als gefährlich angesehen, sind unter allen Umständen zu vermeiden und alle Handlungen, die den Zusammenhalt der Betroffenen und Beteiligten gefährden, werden unterlassen. Dies schließt auch ein, dass Konflikte nicht angesprochen
werden. Alle Mitglieder müssen sich an diese Regel halten. Damit wird ein harmonisches Zusammenleben erreicht, das durch ungelösten Umgang mit Unterschieden und schwelenden Konflikten bezahlt wird. Konflikte werden vermieden, um die Harmonie, den Zusammenhalt der Gruppe und die eigene Zugehörigkeit zur Gruppe nicht zu gefährden. Außerdem hilft die Vermeidung von Konflikten die Angst bzw. Unsicherheit, welche durch die personellen Veränderungen im Kinderhaus ausgelöst wurde, zu reduzieren. Das Individuum ordnet seine Bedürfnisse und sein Verhalten der Gruppennorm unter.
Die Aufgabenstellung war, gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen des Kinderhauses ein Konfliktklärungssystem zu entwickeln. Die Hypothesen, welche sich entsprechend der Grounded
3
Theory erst im Laufe des Projektes ergaben, werden im Sinne des logischen Aufbaus der Arbeit zu Beginn der Thesis genannt.
Nach entsprechendem Literaturstudium (vgl. 2.) ist davon auszugehen, dass die subjektive Bewertung ausschlaggebend ist, ob wahrgenommene Unterschiede einen Konflikt auslösen. Da Emotionen hinter den Bewertungen stehen, wurde vermutet, dass Angst hierbei eine wesentliche Rolle spielen könnte. Daraus leitete sich die erste Hypothese ab: Hypothese 1
Durch die bewusste körperliche Wahrnehmung der Angst und ihre Wirkung auf die nonverbale Kommunikation kann dem Menschen bewusst werden, dass ein Konflikt besteht.
Nach Literaturstudium des aktuellen Forschungsstandes und praktischer Überprüfung der ersten Hypothese, wurde hierauf aufbauend die nächste Hypothese gebildet: Hypothese 2a
Eine Lösungsfokussierte Haltung kann auch über den Körper entwickelt werden
Die Entwicklung einer neuen inneren Haltung auch über den Körper müsste sich auch auf die Einstellung zu Konflikten auswirken:
Hypothese 2b
Durch das Erlernen einer lösungsfokussierten Haltung ändert sich die Einstellung zu Konflikt und Konfliktlösung
Nach Prüfung des aktuellen Forschungstandes, einer praktischen Überprüfung der Hypothese 2a und einer weiteren Datenerhebung stellte sich die Frage, wie das aktive Zuhören, welches ebenfalls ein wichtiger Bestandteil einer Lösungsfokussierten Haltung ist, über den Körper unterstützt werden kann. Nach weiterem Literaturstudium entstand die nächste Hypothese:
Hypothese 3a
Das aktive Zuhören bei einem Konflikt kann durch die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf die eigenen Gefühle im Körper unterstützt werden
Eine Fokussierung der Aufmerksamkeit auf die eigenen Gefühle im Körper müsste zur Folge haben, dass sich die Eigenwahrnehmung des Körpers und damit die private Selbstaufmerksamkeit erhöht. Hypothese 3b
Durch das Erlernen einer lösungsfokussierten Haltung erhöht sich die Eigenwahrnehmung des Körpers und dadurch die private Selbstaufmerksamkeit
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1.2 BEGRIFFSABGRENZUNG KONFLIKTKLÄRUNGSSYSTEM
WAS IST EIN SYSTEM? WAS IST EIN KOMMUNIKATIONSSYSTEM?
Um den Begriff „Konfliktklärungssystem“ abzugrenzen, muss zunächst betrachtet werden, wie in diesem Zusammenhang die Begriffe „System“ und „Kommunikationssystem“ abzugrenzen sind. Laut Peter Senge (2003, S. 158-159), einem der führenden Experten systemischen Organisationslernens besteht die „Kunst des Systemdenkens darin, dass man Komplexität durchschaut und die grundlegenden Strukturen erkennt, die Veränderungen bewirken. Systemdenken bedeutet nicht, dass man die Komplexität ignoriert. Es bedeutet vielmehr, dass man die Komplexität zu einer zusammenhängenden Geschichte ordnet, die die Ursachen der Probleme deutlich macht und zeigt, wie man sie dauerhaft lösen kann.“
Lebende Systeme sind autopoietische Systeme, d.h. sich selbst reproduzierende Systeme, deren Elemente in komplexen Wechselbeziehungen zueinander stehen. Psychische und soziale Systeme, der Mensch selbst sowie soziale Konflikte sind lebende Systeme. Psychische Systeme bringen durch Gefühle die entsprechenden Gedanken hervor und umgekehrt. Durch das Kommunikationssystem erhält der Mensch Zugang zu dem psychischen System, indem der Mensch das Verhalten (Sprechen, Gestik, Mimik etc.) interpretiert und darauf reagiert. Der Empfänger bewertet das Verhalten, indem er das Verhalten mit einer bestimmten Bedeutung für ihn verbindet (vgl. Simon, 2010, S. 25-29). Systeme nehmen nur wahr, was für sie relevant ist, d.h. was an dem Sinn der bisherigen Kommunikation „anschlussfähig“ ist. Systeme haben ein Gedächtnis und beziehen sich auf die nach ihren eigenen Gesetzen wahrgenommenen Abbildungen, d.h. Systeme beziehen sich auf sich selbst. Die Realität wird durch Unterscheidung konstruiert und so hat jedes System seine eigene konstruierte Realität, seine eigene Wahrnehmung der Umwelt, deren Bedeutung der Beobachter, d.h. der Mensch oder die Gesellschaft, selbst festlegt. Ein System funktioniert, indem es selbst Unterschiede zur Umwelt wahrnimmt. Etwas Erlebtes läuft also durch die subjektiven Unterscheidungskategorien des Menschen und er nimmt nur wahr, was individuell für ihn als wichtig erscheint. Obwohl der Mensch Teil seiner Umwelt ist, kann er sich selbst nicht beobachten und dadurch bleibt ein „blinder Fleck“. In der Kommunikation wird eine Mitteilung durch die eigenen Wahrnehmungsfilter in der selbst konstruierten Realität empfangen und nach eigenen subjektiven Bewertungskriterien verstanden. Die Wahrnehmung beeinflusst die Kommunikation und umgekehrt, d.h. soziale Systeme beeinflussen die psychischen Systeme und umgekehrt, beide sind autonom und doch voneinander abhängig (vgl. Berghaus, 2011, S. 26-72).
Konfliktsysteme sind ebenfalls sich selbst reproduzierende Systeme und haben eine Eigendynamik, hinter der die originären Konfliktursachen immer mehr zurücktreten, je länger der Konflikt andauert. Auch die Gesamtheit affektiver und nicht-affektiver, rationaler und emotionaler Beweggründe müssten beachtet werden und die Aktivierung einer „kritischen Masse“ ist wichtig, um einen Transformationsprozess anzustoßen (vgl. Wils et.al., 2006, S. 11-19). Aus diesem Grunde wurde die Entscheidung getroffen, mit allen Teilnehmerinnen des Kinderhauses die Workshops durchzuführen,
5
um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass diese „kritische Masse“ erreicht wird. Ein System ist komplex und es dürfte schwierig sein, die Gesamtheit aller affektiven und nicht affektiven Beweggründe zu erfassen. Zum einen betrifft ein Konflikt vorrangig die Beziehungsebene und zum anderen kann man die Ursache des Konflikts, die selbst erstellten Unterschiede nicht „lösen“. Die Unterschiede bleiben, da sich ein System nicht so ändern kann, dass es seine Identität verliert. Man muss etwas finden, was für jeden Menschen „anschlussfähig“ ist, etwas, indem wir uns nicht unterscheiden und das sind unsere Gefühle, die unsere Gedanken beeinflussen. Jeder weiß, wie sich Angst anfühlt - auch wenn jeder vor etwas anderem Angst hat.
Laut Peter O. Güttler, betonen der Intergruppenansatz von Tajfel, die Systemtheorie und der soziale Konstruktivismus, die Dominanz der Interaktionsbeziehungen und ordnen das Individuum diesen unter, denn „Die Person ist ein gesellschaftlich handelndes Subjekt, das vorwiegend im Rahmen seiner Gruppenmitglieder agiert“ (Güttler, 2003, S. 184-185). Warum ist es uns so wichtig, uns so zu verhalten, wie es die anderen Gruppenmitglieder erwarten, damit wir nicht aus dem Rahmen fallen? „Wir versuchen, lieb, nett, angepasst und brav zu sein, aus Angst, andernfalls von unseren Kolleginnen und Freundinnen abgelehnt zu werden, sie zu verlieren bzw. im Extremfall ganz aus der menschlichen Gemeinschaft ausgestoßen zu werden“ (Koemeda-Lutz, 2009, S. 103). Warum ist es uns so wichtig, ein Mitglied der Gemeinschaft zu sein?
„Lebewesen und ihre Gene sind Systeme, die mit der Umwelt kommunizieren, in der sie leben […] Variation, Rekombination, Kooperation und Selbstmodifikation beschreiben nicht nur das Repertoire von Genen, sondern von biologischen Systemen ganz allgemein“ (Bauer, 2008, S. 174-175). Da am Anfang aller Biologie die Kooperation steht, ist „nicht der Kampf ums Dasein für den Menschen lebensbestimmend. Vielmehr sind Kooperation, Zugewandtheit, Spiegelung und Resonanz das Gravitationsgesetz biologischer Systeme“ (Bauer, 2008, S. 130-132). Denn soziale Resonanz wie z.B. zwischenmenschliche Zuwendung, Anerkennung, Wertschätzung und gemeinsames Lachen mobilisieren die „Wohlfühlbotenstoffe“ Dopamin, Oxytozin und körpereigene Opioide. Diese wirken positiv sowohl auf die Emotionszentren des Gehirns, als auch auf die emotionale Gesundheit und geben ein positives Ich-Gefühl. Die Motivationssysteme und die Lebensfreude, steuern unseren (An)Trieb (vgl. Bauer, 2008, S. 30-46).
In sozialen-Gruppen-Systemen untersteht der Einzelne den Regeln der Gruppe, um zum System zu gehören muss er kooperieren. Das System „Mensch“ braucht ein Gegenüber - woran sollte er sonst seine Unterschiede bilden, um diese durch seine Wahrnehmungsfilter zu bewerten und entsprechend zu handeln und sich zu entwickeln. Gelungene Prozesse zusammen mit anderen Personen, die ihn menschlich weiterbringen und positive Resonanz, sind das, was den Menschen glücklich machen und ihm Sicherheit und Geborgenheit vermitteln. Der Mensch ist eben vor allem ein soziales Wesen.
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2 Wodurch kann ein Konflikt bewusst werden?
WAS BEDEUTET „IMPLEMENTIERUNG EINES KONFLIKTKLÄRUNGSSYSTEMS“?
Zur Implementierung eines konstruktiven Konfliktklärungssystems zählen auch die Förderung der Selbst- und Sozialkompetenz sowie die Kenntnis unterschiedlicher Instrumente, um die Eskalation von Konflikten zu vermeiden. Die Entwicklung und Implementierung eines konstruktiven Konfliktklärungssystems muss vor allem zusammen mit den Beteiligten der Organisation erfolgen, welche die Impulse geben. Während der Implementierung sollen die Selbst- und Sozialkompetenz erhöht werden, um die Fähigkeit zur Kooperation und zum kooperativen Verhandeln zu entwickeln. Dies kann nur in Ausrichtung auf die Bedürfnisse und gemeinsam mit den Beteiligten erfolgen. Die Verbesserung der Kommunikations- und der sozialen Wahrnehmungsfähigkeiten zur Entwicklung und Stabilisierung eines konstruktiven Konfliktklärungssystems ist die Grundvoraussetzung. Die Beteiligen selbst entwickeln in Begleitung von Mediatoren in Ihrer Organisation den für sie passenden Konfliktklärungsprozess (mündliche Mitteilung vom 23.01.2010, Lisa Waas)
2 WODURCH KANN EIN KONFLIKT BEWUSST WERDEN?
2.1 AUSGANGSLAGE
Die Antworten auf die Frage 9 des Interviewleitfadens „Was ist für Sie ein Konflikt“ lassen die Vermutung zu, dass soziale Konflikte auf der Beziehungsebene stattfinden, indem unterschiedliche Meinungen existierten, keine direkte Kommunikation möglich ist (entweder wird sie gar nicht versucht, oder sie bricht ab, nachdem jeder seine Meinung ausgesprochen hat) und es fehlt eine Lösung.
2.1.1 FORSCHUNGSSTAND UND ÜBERLEGUNGEN ZU KONFLIKT
In der Wissenschaft scheint über eine Definition eines Konflikts keine Einigkeit zu bestehen. Friedrich Glasl, der zu den ausgewiesenen Konfliktexperten zählt, betrachtet „Differenzen zu haben als natürlichste Sache der Welt“ und er unterscheidet Differenzen im Wahrnehmen und aufgrund dessen Differenzen im Denken, im Vorstellen, Differenzen im Fühlen und Differenzen im Wollen (vgl. Glasl, 2008, S. 22). Dies sind alles Vorgänge, die in uns selbst stattfinden. Seine Definition eines „sozialen Konflikts“, welche wohl am meisten zitiert wird, wenn es um Konfliktdefinition geht: „Sozialer Konflikt ist eine Interaktion
- zwischen Aktoren (Individuen, Gruppen, Organisationen usw,)
- wobei wenigstens ein Aktor
- Differenzen (Unterschiede, Widersprüche, Unvereinbarkeiten)
im Wahrnehmen
und im Denken/Vorstellen/Interpretieren
und im Fühlen
und im Wollen
- Mit dem anderen Aktor (anderen Aktoren) in der Art erlebt,
- dass beim Verwirklichen dessen, was der Aktor denkt, fühlt oder will, eine Beeinträchtigung
- durch einen Aktor (die anderen Aktoren) erfolgt“ (a.a.O., S. 24).
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2 Wodurch kann ein Konflikt bewusst werden?
Glasl schreibt „unsere Gefühle und Emotionen sind nicht dieselben“ (a.a.O., S. 22). Für machen mag das missverständlich sein. Denn es sind unsere Gefühle und Emotionen, die uns Menschen verbinden und es sind unsere Gefühle und Emotionen, die unser Leben an- und manchmal auch umtreiben. Im Konstruktivismus, ebenso in den Neurowissenschaften, ist es die Bewertung, die den Unterschied macht und die unsere Gefühle auslöst und unsere Wahrnehmung beeinflusst. Wenn jemand wütend auf jemanden ist und ihn angreift, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass auch der andere wütend wird. „Wir sind so konstruiert, dass wir auf Emotionen mit Emotionen reagieren; in aller Regel fühlen wir die Botschaft“ (Ekman, 2010, S. 129). Unsere Gefühle sind dieselben. Und gerade weil unsere Gefühle dieselben sind, ermöglichen unsere Gefühle uns einander zu verstehen, einander nahe zu kommen. Wir wissen alle, wie sich Angst, Wut, Trauer, Freude etc. anfühlt, auch wenn es uns schwerfällt, unsere Gefühle in Worten auszudrücken. Über das Gefühl lässt sich nicht streiten, auch wenn es uns nicht immer möglich sein sollte, die jeweiligen Ursachen nachzuvollziehen. Wären unsere Gefühle nicht dieselben, könnten wir füreinander kein Verständnis aufbringen. Glasl erklärt die Differenzen im Fühlen dann so, dass jeder im Verlaufe eines Konflikts für sich selbst die positiven und für die andere Seite die negativen Gefühle reserviere (vgl. a.a.O. S. 28). Diese Begründung bestätigt, dass beide sich im Fühlen nicht differieren: im Laufe eines Konflikts sieht man sich selbst immer mehr als der „Gute“ und der andere ist der „Böse“. Nachvollziehbarer für die Verfasserin wäre, wenn Glasl angeführt hätte, dass aufgrund der unterschiedlichen Erfahrungen jeder Mensch anders auf bestimmte Reize reagiert, bzw. ganz individuell bestimmte Reize mit Emotionen, erlebten Konsequenzen und Verhalten verbindet. Jedoch bei einer Eskalation werden sich beide Kontrahenten in ihrem Empfinden, in ihren Gefühlen immer ähnlicher, denn beide werden immer mehr von ihren Emotionen geleitet und immer weniger von ihrem Verstand - doch hierauf wird im Verlauf der Masterarbeit noch eingegangen werden. So meint dann auch Glasl, dass aus Unterschieden noch kein Konflikt entsteht, sondern „Es kommt einzig darauf an, wie die Menschen die Differenzen erleben und wie sie mit ihnen umgehen“ (a.a.O. S. 23). Weiter geht Glasl davon aus, dass man sich bewusst auf eine Meinungsverschiedenheit einlassen könne, jedoch sei man ab einer bestimmten Schwelle nicht mehr in der Lage, das Geschehen zu überblicken und so zu beeinflussen, dass nur das ursprünglich Beabsichtigte geschieht. Der Konflikt habe einen im Griff, wenn man sich nicht mehr aus dem Geschehen herausnehmen kann und man schließlich wie fremdgesteuert handle. Die Wahrnehmung verzerre sich erheblich, es kämen Gefühle auf, die einen bis zur Besessenheit treiben, das Wollen werde eingeengt und man verhalte sich einfältig, stereotyp und unflexibel (a.a.O. S. 31). Glasl sagt es zwar nicht explizit, doch wird im Verlaufe dieser Masterarbeit herausgearbeitet, warum für die Eskalation eines Konfliktes die Emotionen verantwortlich sind.
Gerhard Schwarz gibt erst gar keine Definition für den Begriff „Konflikt“ und spricht stattdessen lieber vom „Sinn eines Phänomens“ und glaubt, „dass man den klassischen Kausalitätsbegriff ‚Ursache -Wirkung’ hier nicht erfolgreich anwenden kann“ (vgl. Schwarz, 2009, S. 15). Eine Erklärung, weshalb
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2 Wodurch kann ein Konflikt bewusst werden?
der klassische Kausalitätsbegriff nicht zur Anwendung kommen kann, gibt er nicht. Man könnte diese Aussage damit erklären, dass wir nicht in toten Systemen leben. So kann man bei einem Auto, das nicht mehr anspringt, nach einer Ursache suchen. Jedoch nicht in lebenden Systemen. Für lebende Systeme wird angenommen, dass die Regeln darauf ausgerichtet sind, das System zu befähigen, sich in selbst organisierender Weise selbst zu reproduzieren (vgl. Maturana/Varela, 2010, S. 55-60). Damit ein lebendes System sein Leben sichern und reproduzieren kann, erzeugt es sich selbstrückbezügliche Regeln, die seinen Aufbau wieder ermöglichen. Da sich jedoch die Umwelt ständig ändert, können die bisherigen Regeln nicht belassen werden (Homöostase), sondern müssen in Abstimmung mit der Umwelt, dem Kontext verändert werden (Morphogenese), um zu überleben. Die Kybernetik beschäftigt sich mit sich selbst regulierenden Systemen. Durch Rückkoppelung wird ein immer wieder neu zu definierendes Gleichgewicht gegenüber den Einflüssen der Umwelt gefunden. Systeme lernen jenseits des Gleichgewichts, daher sind beide Seiten notwendig, um zu überleben: die Homöostase und die Veränderung. Somit ist es müßig bei sich selbst regulierenden Systemen nach einer Ursache zu suchen.
Schwarz schreibt weiter, der Sinn von Konflikten bestehe darin, vorhandene Unterschiede zu verdeutlichen und fruchtbar zu machen und die Gruppeneinheit wieder herzustellen (vgl. Schwarz, 2009., S. 20). Der Sinn eines Konfliktes liege sowohl in der Funktion des Trennens, als auch in seiner gegenteiligen Position des Vereinigens. Da sich beides widerspricht, erscheine es eher als sinnvoll, die beiden Prinzipien gut auszubalancieren. Nur durch Konflikte könne man Gemeinsamkeit erreichen, indem das Wesentliche hervortritt und durch die Berücksichtigung der Bedürfnisse der Einzelnen, Vertrauen und damit Gemeinsamkeit entstehe. So gehen die Weiterentwicklung und das Finden von Identität immer mit Konflikten einher und die Anpassungsfähigkeit sichere das Überleben des Menschen. Daher sieht Schwarz im Gegensatz von Verändern und Erhalten einen Sinnaspekt von Konflikten, da nur im polaren Spannungsverhältnis eine Entwicklung erfolgen kann. Schwarz zitiert Laotse: „Nur wenn man die widersprüchlichen Aspekte einer Sache gleichzeitig vor Augen hat, hat man die volle Wahrheit“ (vgl. Schwarz, 2010, S. 16-32).
Hedwig Kellner betont, dass wir es in und um uns mit vier sich widersprechenden Grundstrebungen zu tun haben, dass der Kern von Konflikten darin läge, dass wir zum einen nach Neuem, nach Abwechslung streben und zum Anderen das Gewohnte und Bewährte erhalten wollen. Einerseits nach Abgrenzung und Autonomie bzw. Selbständigkeit streben und andererseits nach Geselligkeit und Harmonie bzw. Hingabe. Weiter schreibt Kellner, dass jeder von uns die vier Strebungen als zwei Gegensatzpaare kenne, was sich in inneren Konflikten zeige (vgl. Kellner, 2000, S. 8-11). Riemann und Thomann entwickelten zusammen, ausgehend von den vier verschiedenen menschlichen Grundausrichtungen das „Riemann-Thomann-Modell in der Arbeitswelt“. Auf der Raumachse stehen sich die Nähestrebung und die Distanzstrebung gegenüber und auf der Zeitachse stehen sich Dauer und Wechsel gegenüber. Beide gehen davon aus, dass jeder Mensch ein Gemisch
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aus allen vier Grundstrebungen sei -von dem einem Pol mehr, von dem anderen weniger- wobei man dann in einem der vier Ausprägungen seinen „Persönlichkeitsschwerpunkt“ habe. Jedoch erlebe man sich in unterschiedlichen Situationen verschieden und kenne somit irgendwie alle Tendenzen (vgl. Thomann, 2007, S. 230-266).
Fritz Riemann schreibt in seinem berühmtesten Buch „Grundformen der Angst“ (2009, S. 7-14), dass die Angst „unvermeidlich zu unserem Leben“ gehöre und „wir haben dann meist die Neigung, ihr auszuweichen, sie zu vermeiden, und wir haben mancherlei Techniken und Methoden entwickelt, um sie zu verdrängen, zu betäuben, zu überspielen und zu leugnen.“ Angst kann uns aktiv machen oder lähmen und ist immer ein „Signal und eine Warnung bei Gefahren, und sie enthält gleichzeitig den Aufforderungscharakter, nämlich den Impuls, sie zu überwinden. Das Annehmen und Meistern der Angst bedeutet einen Entwicklungsschritt“, denn sie tritt dort auf, wo wir uns in einer Situation befinden, der wir nicht oder noch nicht gewachsen sind. Somit sei jede Entwicklung mit Angst verbunden, da sie in etwas Neues, bisher Unbekanntes, noch nicht Erlebtes, noch nicht Erfahrenes führt. Weiter meint Riemann, dass es sich jedoch immer um Varianten ganz bestimmter Ängste handeln würde, die er als „Grundformen der Angst“ bezeichnet. Es sind jeweils zwei gegensätzliche bzw. sich ergänzende Impulse, die uns in Bewegung halten und sich aus der Gesetzmäßigkeit ableiten lassen, der sich auch die Erde und das Sonnensystem zu unterwerfen haben: der Individuation und der Einordnung in ein größeres Ganzes, dem Impuls nach Dauer und Beständigkeit und dem Impuls sich zu verändern, zu wandeln. Riemann schreibt: „nach dieser kosmischen Analogie sind wir vier grundlegenden Forderungen ausgesetzt, die wir als einander widersprechende und doch zugleich sich ergänzende Strebungen in uns wiederfinden. In wechselnder Gestalt durchziehen sie unser Leben und wollen in immer neuer Weise von uns beantwortet werden“.
So sollen wir einerseits ein einmaliges Individuum werden, dies sei verbunden mit der Angst, aus der Geborgenheit des Dazugehörens und der Gemeinsamkeit herauszufallen, was Unsicherheit, Nichtverstanden-, Abgelehnt-, Bekämpftwerden, Einsamkeit und Isolation bedeuten würde. Und andererseits sollen wir uns auf das Leben einlassen, was verbunden sei mit der Angst, unser Ich zu verlieren, abhängig zu werden, uns auszuliefern und unsere Individualität nicht leben zu können, zuviel von uns selbst aufgeben zu müssen. So würde sich die Angst vor der „Ich-Aufgabe“ der Angst vor der „Ich-Werdung“ zugleich gegenüberstehen. Und zugleich würden wir Dauer anstreben und würden dabei mit der Angst vor dem Wagnis des Neuen, dem Planen ins Ungewisse, dem ewigen Fliessen des Lebens konfrontiert. Jedoch könnten wir nicht auf die Dauer verzichten, da es uns sonst nicht möglich wäre, uns zu verwirklichen. Einerseits würden wir ohne die Vorstellung, dass alles Geschaffene etwas von Dauer habe, nicht anfangen, unsere Ziele zu verwirklichen und somit sei „diese illusionäre Ewigkeit, ein wesentlicher Impuls, der uns zum Handeln treibt.“ Anderseits sollen wir immer bereit sein, uns zu wandeln, uns immer lebendig weiter zu entwickeln. Angetrieben durch die Angst, durch Regeln, Gewohnheiten etc. festgehalten, festgelegt, eingeengt, in unseren Möglichkeiten und in unserem Freiheitsdrang begrenzt zu werden. Die Angst vor der Vergänglichkeit,
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2 Wodurch kann ein Konflikt bewusst werden?
vor dem Tod, der für die Erstarrung und für Endgültigkeit steht, lässt uns nicht stillstehen. Zusammenfassend sind die vier Grundformen der Angst: die „Angst vor der Selbsthingabe, als Ich-Verlust und Abhängigkeit“ versus der „Angst vor der Selbstwerdung, als Ungeborgenheit und Isolierung“ sowie die „Angst vor der Wandlung, als Vergänglichkeit und Unsicherheit“ versus der „Angst vor der unausweichlichen Notwendigkeit, als Endgültigkeit und Unfreiheit“. Der Mensch strebe sowohl nach „Selbstbewahrung und Absonderung“, als auch nach „Selbsthingabe und Zugehörigkeit“ und sowohl nach „Dauer und Sicherheit“ als auch nach „Wandlung und Risiko“ und es „scheint eine lebendige Ordnung nur möglich zu sein, wenn wir eine Gleichgewichtigkeit zwischen diesen antinomischen Impulsen zu leben versuchen. Eine solche Gleichgewichtigkeit bedeutet indessen nicht etwas Statisches, […] sondern sie ist voller ungemeiner innerer Dynamik, weil sie nie etwas Erreichtes, sondern etwas immer wieder Herzustellenden ist.“ (a.a.O. S. 14-17). Johan Galtung gilt als einer der Väter der Friedens- und Konfliktforschung. Er schreibt von den Impulsen. So sei das Ziel sowohl im Leben, wie auch in einem Konflikt, dass etwas erreicht oder etwas vermieden werden soll und dass es kein Leben ohne Widersprüche geben würde. Es gebe kein Leben, kein Ziel ohne Widerspruch, ohne Konflikte, denn „nur tote Wesen sind ohne Widersprüche“ (vgl. Galtung, 2007, S. 14). So spricht Galtung nicht von Unterschieden, Differenzen, sondern von Widersprüchen und erwähnt die Bewegungsimpulse, die einander widersprechenden Bewegungen: der Hinbewegung und der Vermeidung.
So könnte man zusammenfassen, dass die sich gleichzeitig widersprechenden und ergänzenden Pole der Identität und der Gemeinschaft, der Sicherheit des Bekannten und die Unsicherheit des Unbekannten die sich widersprechenden und ergänzenden Impulse der Vermeidung und der Hinbewegung auslösen, die uns bewegen, uns motivieren, uns vorantreiben, durch die wir uns weiterentwickeln, um die gegensätzlichen Pole des Lebens auszugleichen. Also gibt es kein Leben, keine Entwicklung ohne Widerspruch, ohne Konflikte, ohne Angst.
2.1.2 ZUSAMMENFASSUNG KONFLIKT
Da Systeme jenseits des Gleichgewichts lernen, sind immer 2 Pole/Seiten notwendig, um das System zum Lernen zu bewegen: die Homöostase und die Veränderung. Das Ziel ist, das Gleichgewicht der Stabilität durch/trotz Veränderung durch Rückkopplung immer wieder neu zu erlangen. Wenn man sich zu einem Pol hinbewegt, bewegt man sich gleichzeitig vom anderen Pol weg, wenn man etwas vermeidet, bewegt man sich auf etwas anderes zu. Dadurch entsteht Bewegung. Schwarz nennt als Sinn des Konfliktes das Ausbalancieren des Widerspruchs des Trennens und des Vereinigens. Es wird ein Unterschied wahrgenommen, der einander trennt. Durch Vereinigung entsteht etwas Neues, das System entwickelt sich, es lernt. Durch die Veränderung des Individuums aufgrund der Anforderung der Umwelt wird eine neue Stabilität, ein neues Gleichgewicht des Individuums mit seiner Umwelt erreicht. Die hierbei auftretenden Konflikte zwischen Identität und Anpassung dienen
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der Weiterentwicklung und der Sicherung des Überlebens. Luhmann sieht aus systemischkonstruktivistischer Sicht ebenfalls 2 Pole, wobei keiner ohne den anderen existieren kann und beide sich gegenseitig beeinflussen: die vollständige Abhängigkeit und die Autonomie. Keller und Thomann sehen ebenso wie Schwarz und Luhmann die Autonomie und die Geselligkeit als 2 Gegenpole und darüber hinaus noch als weitere Gegenpole das Streben nach Abwechslung und die Erhaltung des Gewohnten/Bewährten, wobei das Gewohnte Sicherheit bedeutet und um Neues zu entdecken, zu lernen, Unsicherheit, Risiko in Kauf genommen werden muss. Jedoch bedeutet Stillstand für jedes System den Tod, so dass wir uns weiterentwickeln müssen, um zu überleben. Leben ist Widerspruch, und birgt dadurch den Konflikt in sich. Da die jeweiligen Pole das Leben ausmachen, ist es nur möglich, die sich widersprechenden Unterschiede zu überwinden, indem man darüber hinausgeht, die Wahrnehmung erweitert und dadurch verändert. Die Unterschiede werden transformiert, die beiden Pole werden durch die Veränderung der Wahrnehmung der Unterschiede ausbalanciert. Durch diese Rückkopplung lernt jedes System - eine Weiterentwicklung des Individuums wird erreicht. Dadurch hat sich dann auch die zukünftige, selektive Wahrnehmung der Umwelt durch das System verändertdie eigene Realität hat sich verändert.
Leben ist Veränderung, Veränderungen gehen mit Konflikten einher. Einerseits möchte der Mensch (und alles Lebende) die Sicherheit des Bekannten, doch bedeutet Stabilität und Dauer auch Tod. Andererseits ist jedes Leben gezwungen sich der lebenden Umwelt anzupassen, um zu überleben. Wir sind ein Teil unserer Umwelt und suchen die Geborgenheit der Zugehörigkeit, dazu müssen wir uns anpassen, jedoch wollen wir gleichzeitig unsere Identität bewahren. Jedes Leben muss hier sein Gleichgewicht finden, indem es die sich widersprechenden, wahrgenommnen subjektiven Unterschiede, die sein inneres Gleichgewicht ins Schwanken bringen, wieder ausbalanciert, eine neue Harmonie wieder herstellt. Dies nennt man Entwicklung bzw. Leben.
Im Konflikt stehen sich auch gleichzeitig zwei widersprechende Bewegungen, die „Hin-zu“-Bewegung der Neugier auf Veränderung, und die „Hinweg-von“-Bewegung der Angst vor Veränderung gegenüber. Jedoch ist die Neugier immer auch mit der Angst vor dem Unbekannten verbunden. Hält sich diese Spannung in Grenzen, kann das Neue auch als Herausforderung erlebt werden, je nach unseren erlebten Erfahrungen. Das, was uns bewegt, was uns antreibt, ist mit Angst verbunden.
2.1.3 WAS TREIBT DEN MENSCHEN IM KONFLIKT ZU EINER LÖSUNG?
Damasio (2009, S. 49) schreibt von dem übergeordneten Ziel „Überleben in einem Zustand des Wohlbefindens […] Die Lösung jedes neuen Problems ist notwendig, um das übergeordnete Ziel zu erreichen“. Grawe (2004, S. 186f) geht von einem übergeordneten „Grundprinzip der Konsistenz des psychischen Funktionierens“ aus. Die Konsistenzregulation und die Bedürfnisbefriedigung sind verbunden durch die „Kongruenz zwischen aktuellen motivationalen Zielen und realen Wahrnehmungen“. Inkongruenz bedeute Stress und schlechtes Wohlbefinden (a.a.O. S. 192). So gab
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Graham Burrows (Präsident einer internationalen Einrichtung zur Stressforschung) im Protokoll des 7. Internationalen Stresskongresses 1995 an, dass er nach jahrelanger Lektüre der Forschungsberichte zum Thema Stress zu dem Schluss gekommen sei, dass sich das ganze Thema auf zwei Grundursachen zurückführen ließe: auf Probleme in der Wahrnehmung und auf Probleme in der Kommunikation (vgl. Childe/Martin, 2010, S. 93).
Die Bedürfnisbefriedigung ist entsprechend Johan Galtungs Entwicklungstheorie per Definition die Vorbedingung für die Reproduktion eines jeden Systems und ohne die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse könnten Individuen und Gesellschaften nicht überleben. Galtung spricht von 4 Grundbedürfnissen: Überleben, Wohlbefinden, Identität und Freiheit und „nur wenn sie befriedigt
werden, können wir existieren“ (Galtung, 2007, S. 9-15). „Die Befriedigung elementarer Bedürfnisse […] verstärken die Aktivität dopaminerger Neuronen im mesolimbischen System; die Rückkehr zum körperlich-physiologischen Gleichgewicht wird von uns als lustvoll empfunden“ (Roth, 2001, S. 297). Roth sieht als „das wichtigstes Kriterium menschlichen Handelns […] das Aufrechterhalten eines möglichst stabilen und in sich widerspruchsfreien emotionalen Zustandes.“ Hierzu gehört „ein spannungsarmes Verhältnis zwischen dem ‚Ich’ (insbesondere seiner unbewussten Anteile) und dem ‚Anderen’, zwischen dem Wunsch nach Selbstverwirklichung und dem nach der Zuneigung der Gruppe“ (Roth, 2003, S. 560). Damit spricht Roth ebenfalls jeweils die beiden Pole der eigenen Identität und der Autonomie, bzw. des Trennens und der Anpassung, bzw. der Abhängigkeit und des Vereinigens an. Die Spannung jeweils zwischen zwei Polen erleben wir durch unsere Emotionen. Und das Ziel ist, jeweils die beiden Pole auszubalancieren, um zu Überleben, uns wohl und sicher zu fühlen.
„Kern aller Motivation ist es, zwischenmenschliche Anerkennung, Wertschätzung, Zuwendung oder Zuneigung zu finden und zu geben. Wir sind - aus neurobiologischer Sicht - auf soziale Resonanz und Kooperation angelegte Wesen“ (Bauer, 2008; S. 36). Hier sieht die Verfasserin den Bezug darauf, dass wir als offene Systeme, soziale Wesen sind, die für ihre innere Harmonie in Harmonie mit ihrer Umwelt leben müssen und aus diesem Grunde die Wiederherstellung des Gleichgewichts angestrebt wird, sobald eine Dissonanz auftritt. Joachim Bauer (2011, S. 32-39) schreibt, dass Voraussetzung eines Trieb-Bedürfnis, bei denen Handlungen spontan auftreten, die Aktivierung der Motivationssysteme und damit die Ausschüttung der Wohlfühlbotenstoffe sei und bezeichnet daher Vertrauen, Zusammenhalt, soziale Akzeptanz, Fairness, Kooperation als „Triebziel“, die den Menschen antreiben. Somit wird das Motivationssystem durch andere Menschen, d.h. durch gute zwischenmenschliche Beziehungen aktiviert. Das Ausbleiben der Aktivierung oder eine Deaktivierung hat Auswirkungen auf das Stressystem, denn „Menschen sind Drogen für andere Menschen“ (mündliche Mitteilung vom 15.07.2011. Prof. Dr. Bauer).
Und schließlich meint Hüther (2010b, S. 120f), dass das, was den Menschen am meisten antreibe, was stärker als die Angst sei, die den Menschen zur Flucht treibe, die Angst vor dem Verlust der
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Anerkennung anderer oder die Angst vor dem Verlust der eigenen Selbstachtung sei, wenn der Mensch „sein Selbstbild nicht mehr mit dem in Deckung bringen kann, was er getan und wie er gehandelt hat.“ Diese noch größere Angst würde uns zwingen, den mit der Angst verbundenen Hinweg-Impuls zur Flucht zu überwinden. Bei all der erforderlichen Anpassung und damit Weiterentwicklung der eigenen Identität an bzw. durch die Umwelt, macht uns am meisten Angst, das eigene Selbstbild in Frage zu stellen, denn wir benötigen ein „brauchbares, handlungsleitendes und Orientierung bietendes inneres Bild“. Außerdem meint Hüther, wir könnten unser inneres Bild nur erweitern und vergrößern, wenn nicht das Gesamtbild in Frage gestellt wird (vgl. a.a.O. S. 108f). Fühlen wir also in einem sozialen Konflikt unser inneres Bild von uns und der Welt bedroht, ist dies mit einer noch größeren Angst verbunden, die uns unsere Angst, die uns zur Flucht treibt, überwinden und uns mutig für die Bewahrung unseres inneren Bildes einstehen lässt. Laut Hüther entstehen so Helden (a.a.O. S.120). Dies ist insoweit nachvollziehbar, als wir in einer Welt, in der unser inneres Bild von uns und der Welt gänzlich falsch wäre, nicht überleben könnten, denn wir hätten keine passenden oder „anschlussfähigen“ Erfahrungsmuster, um zu agieren. Auch können wir nicht unser ganzes Selbstverständnis komplett neu erschaffen. Wir können nur unser vorhandenes System anpassen, verändern, entwickeln.
Johan Galtung entwickelte das sogenannte Konfliktdreieck: Als Inhalt des Konflikts bezeichnet er den Widerspruch, d.h. eine Unvereinbarkeit von Zielen, Interessen, Wertvorstellungen, Bedürfnissen, Erwartungen, welche durch die kognitive und emotionale Haltung/Annnahme/Einstellung bewertet wurden. Diese beiden Komponenten des Konflikts seien zunächst unbewusst und würden sichtbar in dem Verhalten, den Strategien, die auf eine Veränderung hinwirken. Galtung (2007, S. 32-33) spricht davon, den Konflikt durch eine „sowohl-als-auch-Formulierung“ zu transformieren und erst „wenn die Transformation angenommen wird und sich außerdem als dauerhaft erweist, dann können wir von einer ‚Lösung’ sprechen“. Somit spricht auch Galtung davon, dass eine Verbindung der durch die Emotionen wahrgenommenen und bewerteten Unterschiede nicht möglich ist, jedoch eine Weiterentwicklung, die diese beinhaltet. Er nennt es „Transformation“ und Fritz B. Simon nennt es „Entscheidung“ (2010, S. 19) „Der Konflikt ist ein sich selbst am Leben erhaltendes System, das heißt, er setzt sich fort, bis eine Entscheidung fällt“. Simon schreibt weiter, dass diese Entscheidung erst getroffen werden könne, wenn die Wahrnehmung der Unterschiede, welche immer eine Bewertung beinhalte, sich verändere. „Erst wenn Veränderungen in der Beobachtung der Beteiligten zu einer Asymmetrie in der Bewertung der beiden Seiten der Unterscheidung führen, kommt es zur Entscheidung.“
Was bewirkt die Wahrnehmung und Bewertung der Unterschiede? Und wie kann man die Wahrnehmung und Bewertung verändern?
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2.2 BILDUNG HYPOTHESE 1
Nach dem o.a. Literaturstudium lässt sich folgende Theorie bilden: Aufgrund der individuellen Bewertung der subjektiv wahrgenommen Unterschiede stehen sich zwei Seiten gegenüber: die Sicherheit des Bewährten und die Entwicklung durch Wandlung. Sind andere Menschen beteiligt, stehen sich auch die beiden Pole der Selbstbewahrung und der Zugehörigkeit gegenüber. Die beiden Seiten sind jeweils unvereinbar und doch sind sie unabdingbar für das Leben, denn Leben bedeutet Veränderung, Stillstand den Tod. Das Ziel eines jeden Systems ist es zu überleben - der Mensch hat das übergeordnete Ziel in einem Zustand des Wohlbefindens zu überleben. Dies ist sein Grundbedürfnis. Durch die dadurch ausgelösten „Wohlfühlbotenstoffe“ wird es zum Trieb. So muss er in seiner Entwicklung für sich immer wieder das Gleichgewicht seiner „inneren Bilder“ neu finden. Dies ist begleitet von der Angst aufgrund des Widerspruchs der beiden Pole, welche durch die Impulse der Annäherung und der Vermeidung, das Leben motivieren. Der Konflikt entsteht aus dem Widerspruch der Pole des Lebens und ist damit ebenso unvermeidbar, wie die damit verbundene Angst, da jeweils der eine Pol den anderen ausschließt, den wir aber zum Überleben brauchen. Angst ist zwar immer ein Signal und eine Warnung vor etwas Unbekannten oder vor bekannten Gefahren, jedoch ist Angst gleichzeitig eine Aufforderung, die Angst durch Mut zu überwinden und zu handeln, die Unterschiede, die Widerstände zu transformieren, eine Entscheidung zu treffen, die eigene Wahrnehmung und Bewertung durch die Emotionen zu verändern. Die Emotionen zu verändern. So ließe sich auch erklären, weshalb das Vermeiden von Konflikten angstreduzierend wirkt, indem man die wahrgenommenen Unterschiede verdeckt, welche einen Konflikt auslösen könnten. Wird ein Konflikt vermieden, den die Auseinandersetzung mit etwas Neuem oder/und etwas Furchterregendem mit sich bringt, wodurch wir uns verändern werden, wird auch die damit verbundene Angst vermieden. Nach einem Konflikt ist nichts mehr, wie es zuvor war. Außerdem braucht der Mensch als soziales Wesen die Anerkennung und Wertschätzung anderer, dies gibt ihm Sicherheit, deshalb passt er sich an. Andererseits kann er seine Individualität nicht leben, wenn er sich anpasst. Die Spannung der beiden Pole - der Anpassung und der Individualität - führt früher oder später zum Konflikt, um die wahrgenommene Unterschiedlichkeit zu transformieren, um sich weiterzuentwickeln. Was macht dem Menschen bewusst, dass ein Widerspruch besteht, Grundbedürfnisse nicht befriedigt sind und den Menschen auf eine Veränderung in Haltung und Verhalten zu einer Entscheidung, zu einer Transformation drängt? Die erste Hypothese entstand durch
die Auswertung der Interviews, welche ergab, dass 15 von 16 Teilnehmerinnen als Konfliktlösungsverhalten die Konfliktflucht und die Konfliktvermeidung bevorzugt zeigen und dieses Verhalten auch die Gruppennorm prägt
und sich in der Angst vor der Einführung eines Konfliktklärungssystems wiederfindet
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Arbeit zitieren:
Andrea Keisel, 2011, Die Entwicklung einer Lösungsfokussierten Haltung auch über den Körper, München, GRIN Verlag GmbH
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Thomas Keisel hat den Text Die Entwicklung einer Lösungsfokussierten Haltung auch über den Körper kommentiert
Andrea Keisel hat den Text Die Entwicklung einer Lösungsfokussierten Haltung auch über den Körper kommentiert
Andrea Keisel hat den Text Die Entwicklung einer Lösungsfokussierten Haltung auch über den Körper kommentiert
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Gefühle verstehen, Probleme bewältigen
Ein praktischer Ratgeber zur B...
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Andrea Keisel
Je tiefer uns ein Konflikt berührt, je mehr übernehmen unsere Emotionen die Regie, denn die Emotionszentrale kappt die Verbindung zu unserem bewußten logischen kreativen Denken. Wir alle kennen diesen Nebel im Kopf, wenn wir mit einem Konflikt konfrontiert werden bzw. wenn wir uns in einem Konflikt befinden. Was können wir tun, um wieder einen klaren Kopf und damit wieder den Zugriff auf unsere kreativen Lösungsressourcen zu erhalten? Dies war der Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit...
am Sunday, October 16, 2011-
Andrea Keisel
Ausgehend von dem aktuellen Stand der Neurowissenschaften (Gehirnforschung)und der Forschung zur Haltungsänderung (welche immer eine Verhaltensveränderung nach sich zieht) wird diese Fragestellung bearbeitet. Es wird belegt, wie Konflikte mit der Emotion der Furcht und dem Gefühl der Angst zusammenhängen und was dies bewirkt. Auch auf die Wut, welche die Angst überlagern kann, wird eingegangen. Wie die Transformation der durch den Konflikt ausgelösten Affekte erfolgen kann, den jeweiligen aktuellen Forschungsstand hierzu und die jeweils durchgeführte Empirie wird dargestellt. Die Arbeit entstand während der Einführung und Implementierung eines konstruktiven Konfliktklärungssystems von März 2010 bis Juli 2011. Es stellte sich hierbei heraus, das das Aktiven Zuhören für Respekt steht und die Basis für Vertrauen liefert. Da das Aktive Zuhören ein wesentlicher Bestandteil einer lösungsfokussierten Haltung ist, wurde auf das Aktive Zuhören selbst, wie das Aktive Zuhören generell und insbesondere in einem Konflikt bei sich selbst und schließlich auch bei dem anderen unterstützt werden kann und was dies bewirkt. Dabei wurde immer auf den aktuellen Forschungsstand verwiesen, ebenso wurde auf die Empirie hierzu eingegangen.
am Thursday, October 20, 2011-
Thomas Keisel
Diese Arbeit untersucht die Zusammenhänge zwischen Intraindividuellem Konflikterleben, der damit verbundenen Körperhaltung, und wie eine lösungsfokussierte Haltung auch durch die eigenen Körperwahrnehmung erreicht werden kann.
Die Autorin nimmt den Begriff "Haltung" wörtlich und beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit einer Thematik, die die neuesten neurowissenschaftlichen Erkenntnisse hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen Psyche und Soma bzw. zwischen Gehirn, Gefühle und Körper miteinbezieht. In speziell für die Teilnehmerinnen der Projektgruppe konzipierten Workshops werden echte Haltungsänderungen, d.h. in innerer und äußerer Haltung im Umgang mit Konflikten entwickelt. Dies geschieht - in konsequenter Umsetzung des Gedanken, dass ein konstruktiver Umgang mit Konflikten bei der Entwicklung der Selbstkompetenz der Beteiligten beginnt, und erst auf der Grundlage einer reflektierten Selbstwahrnehmung Sozialkompetenz entwickelt werden kann.
In ihrer Arbeit untersucht Frau Keisel konsekutiv 5 Hypothesen, die nach eingehender Prüfung der aktuellen Literatur, Forschungsergebnissen und wissenschaftlichen Artikeln zur Neurobiologie, (Sozial)Psychologie, Stressforschung sowie zur Konflikt- und Friedensforschung und den eigenen erhobenen Daten bearbeitet werden.
Die Autorin versteht es auch sehr komplexe Zusammenhänge verständlich darzustellen und miteinander zu verbinden. Besonders positiv hervorzuheben ist, dass sie mit der Entwicklung einer "lösungsfokussierten Haltung" zum Umgang mit Konflikten und der Erforschung ihrer Wirkung Pionierarbeit geleistet hat. Sie eröffnet mit ihrer Arbeit Perspektiven für all die erfahrenen KonfliktbearbeiterInnen, die mit ihren meist aufs Kognitive beschränkten Zugängen zu Menschen, die "der Konflikt hat", an ihre Grenzen stoßen. Denn jeder weiss nur zu gut, welches Verhalten bei einem Konflikt logisch richtig wäre, nur wie können wir es ermöglichen, dass wir uns auch unserer Logik entsprechend verhalten?
Diese Arbeit wurde zurecht mit "Ausgezeichnet" bewertet.
am Tuesday, December 20, 2011-