1
Häuptling aus der älteren Bronzezeit.
Ausschnitt aus einer Zeichnung
von Friederike Hilscher-Ehlert, Königswinter,
für das Buch »Deutschland in der Bronzezeit« (1996)
von Ernst Probst
3
Ernst Probst
Deutschland in der
Mittelbronzezeit
Mit Zeichnungen
von Friederike Hilscher-Ehlert
5
Widmung
Dr. Rolf Breddin, Potsdam
Dr. Claus Dobiat, Marburg
Professor Dr. Markus Egg, Mainz
Dr. Rudolf Feustel, Weimar
Dr. Gretel Gallay (heute Callesen), Nidderau
Professor Dr. Hans-Eckart Joachim, Bonn
Professor Dr. Albrecht Jockenhövel, Münster
Professor Dr. Horst Keiling, Schwerin
Dr. Joachim Köninger, Freiburg/Breisgau
Professor Dr. Rüdiger Krause, Frankfurt/Main
Dr. Friedrich Laux, Hamburg
Dr. Berthold Schmidt, Halle/Saale
Dr. Peter Schröter, München
Dr. Klaus Simon, Dresden
Dr. Otto Mathias Wilbertz, Hannover
gewidmet, die mich bei meinem Buch
»Deutschland in der Bronzezeit« (1996)
mit Rat und Tat unterstützt haben,
sowie der wissenschaftlichen Graphikerin
Friederike Hilscher-Ehlert
6
»Goldener Hut« (Goldblechkegel) von Schifferstadt
(Kreis Ludwigshafen) in Rheinland-Pfalz
ein Kultobjekt aus der späten Mittelbronzezeit um 1300 v. Chr.
Höhe 30,6 Zentimeter.
Original im Historischen Museum der Pfalz, Speyer
7
Inhalt
Vorwort / Seite 9
Die Mittelbronzezeit in Deutschland
Abfolge und Verbreitung der Kulturen
und Gruppen / Seite 13
Der Kult der »goldenen Hüte«
Die Hügelgräber-Kultur
von etwa 1600 bis 1300/1200 v. Chr. / Seite 17
Der Goldbecher von Fritzdorf
Die ältere Bronzezeit in Nordrhein-Westfalen
von etwa 1500 bis 1200 v. Chr. / Seite 79
Flügelhauben und Totenhäuser
Die Lüneburger Gruppe
in der älteren Bronzezeit von
etwa 1500 bis 1200 v. Chr. / Seite 99
Drei Nackte blickten zur Sonne
Die Stader Gruppe in der älteren Bronzezeit
von etwa 1500 bis 1200 v. Chr. / Seite 123
Der Schalenstein von Wiershausen
Die Südhannoversche Gruppe
von etwa 1500 bis 1200 v. Chr. / Seite 143
8
Pfostenavenuen und »Sonnensteine«
Die Oldenburg-emsländische Gruppe
von etwa 1500 bis 1200 v. Chr. / Seite 149
Der Sonnenkult der »Urgermanen«
Die nordische ältere Bronzezeit
von etwa 1500 bis 1200 v. Chr. / Seite 165
Ihre Siedlungen kennt man nicht
Die ältere Bronzezeit im westlichen Brandenburg
von etwa 1500 bis 1300/1200 v. Chr. / Seite 203
Steinkränze als Sonnensymbole?
Die Vorlausitzer Kultur
von etwa 1500 bis 1300/1200 v. Chr. / Seite 215
Anmerkungen / Seite 225
Literatur / Seite 253
Bildquellen / Seite 289
Die wissenschaftliche Graphikerin
Friederike Hilscher-Ehlert / Seite 293
Der Autor Ernst Probst / Seite 295
Bücher von Ernst Probst / Seite 297
9
Vorwort
R
und 400 Jahre Urgeschichte von etwa 1600
bis 1300/1200 v. Chr. passieren in dem Taschen-
buch »Deutschland in der Mittelbronzezeit« in Wort
und Bild Revue. Es befasst sich mit den Kulturen und
Gruppen, die in dieser Zeitspanne im Gebiet zwischen
Nordseeküste und Alpen existierten. Geschildert werden
die Anatomie und Krankheiten der damaligen Acker-
bauern, Viehzüchter und Bronzegießer, ihre Siedlungen,
Kleidung, ihr Schmuck, ihre Keramik, Werkzeuge,
Waffen, Haustiere, Jagdtiere, ihr Verkehrswesen, Handel,
ihre Kunstwerke und Religion.
Verfasser ist der Wiesbadener Wissenschaftsautor Ernst
Probst, der sich vor allem durch seine Werke »Deutsch-
land in der Urzeit« (1986), »Deutschland in der Steinzeit«
(1991) und »Deutschland in der Bronzezeit« (1996) einen
Namen gemacht hat. Von 1986 bis 2011 veröffentlichte
er mehr als 100 Bücher, Taschenbücher, Broschüren und
E-Books.
Das Taschenbuch »Deutschland in der Spätbronzezeit«
ist Dr. Rolf Breddin, Professor Dr. Claus Dobiat,
Professor Dr. Markus Egg, Dr. Rudolf Feustel, Dr.
Gretel Gallay (heute Callesen), Professor Dr. Hans-
Eckart Joachim, Professor Dr. Albrecht Jockenhövel,
Professor Dr. Horst Keiling, Dr. Joachim Köninger,
Professor Dr. Rüdiger Krause, Dr. Friedrich Laux, Dr.
Berthold Schmidt, Dr. Peter Schröter, Dr. Klaus Simon
10
und Dr. Otto Mathias Wilbertz gewidmet, die den Autor
bei seinem Werk ,,Deutschland in der Bronzezeit" un-
terstützt haben. Es enthält Lebensbilder der wissen-
schaftlichen Graphikerin Friederike Hilscher-Ehlert aus
Königswinter.
11
Der dänische Archäologe
Christian Jürgensen Thomsen (17881865)
hat 1836 die Urgeschichte
nach dem jeweils am meisten verwendetem Rohstoff
in drei Perioden eingeteilt:
Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit.
13
Die Mittelbronzezeit
in Deutschland
Abfolge und Verbreitung der Kulturen und Gruppen
I
n der Zeit von etwa 1600 bis 1300/1200 v. Chr., die
in Süddeutschland als Mittelbronzezeit bezeichnet
wird, beherrschten sämtliche im Gebiet von Deutsch-
land verbreiteten Kulturen den Bronzeguss. Wegen
dieses Fortschritts der Metallurgie hat 1935 der
schwedische Prähistoriker Nils Åberg (18881957) die
Mittelbronzezeit als Hochbronzezeit bezeichnet. An-
dere Autoren dagegen vor allem in Norddeutschland
reden von der eigentlichen, reinen oder älteren
Bronzezeit.
Der Mittelbronzezeit entsprechen in Süddeutschland vor
allem die Stufen Bronzezeit B und C im Sinne der 1902
vorgenommenen Gliederung des damals in Mainz
arbeitenden Prähistorikers Paul Reinecke (18721958).
Demzufolge wird die Stufe Bronzezeit B in zwei
Unterstufen eingeteilt (B 1 und B 2). Im Gegensatz zu
früher tendiert man heute dahingehend, die Stufe
Bronzezeit D (etwa von 1300 bis 1200 v. Chr.) erst der
Spätbronzezeit zuzuordnen.
Mit der Mittelbronzezeit ist in Baden-Württemberg,
Bayern, im Saarland, Rheinland-Pfalz, Hessen, Süd-
14
thüringen und Sachsen-Anhalt die Hügelgräber-Kultur
(s. S. 17) bzw. -Bronzezeit identisch. Sie dauerte in diesen
Gebieten von etwa 1600 bis 1300/1200 v. Chr.
1
Die
Hügelgräber-Kultur war damals von Ostfrankreich bis
zum Karpatenbecken in Ungarn verbreitet. Sie wird von
den Experten in mehrere lokale Gruppen gegliedert.
Nordrhein-Westfalen gehörte nur bedingt zur Hügel-
gräber-Kultur. Dort werden die Funde zwischen 1500
und 1200 v. Chr. norddeutscher Terminologie folgend
allgemein der älteren Bronzezeit (s. S. 79) zugerechnet.
Damit findet die auf dem Kulturgefälle in der Früh-
bronzezeit zwischen dem Süden und dem Norden
basierende Phasenverschiebung von Bronzezeitstufen
terminologisch ihre Fortsetzung.
In Niedersachsen bezeichnet man den Abschnitt von
etwa 1500 bis 1200 v. Chr. als ältere Bronzezeit. Diese
umfasst die Stufe II in der Chronologie des schwedi-
schen Prähistorikers Oscar Montelius (18431921) für
die nordische Bronzezeit. Damals gab es in Nieder-
sachsen mehrere lokale Gruppen: die zur Hügelgräber-
Kultur gehörende Lüneburger Gruppe (s. S. 99), die
zum Nordischen Kreis zählende Stader Gruppe (s. S.
123), die Südhannoversche Gruppe (s. S. 143) und die
Oldenburg-emsländische Gruppe (s. S. 149).
In Schleswig-Holstein und im Küstengebiet von
Mecklenburg-Vorpommern begann um 1500 v. Chr. die
nordische ältere Bronzezeit (s. S. 165). Diese Kultur
endete um 1200 v. Chr. Sie entspricht der Stufe II nach
Montelius.
15
Die Funde von etwa 1500 bis 1300/1200 v. Chr. im
westlichen Teil Brandenburgs werden der älteren
Bronzezeit (s. S. 203) zugeordnet.
In Sachsen und Ostbrandenburg war ab ungefähr 1500
bis 1300/1200 v. Chr. die Vorlausitzer Kultur (s. S. 213)
heimisch. Sie ging der spätbronzezeitlichen
LausitzerKultur voraus.
16
PAUL REINECKE,
geboren am 25. September 1872
in Berlin-Charlottenburg,
gestorben am 12. Mai 1958 in Herrsching.
Er wirkte 1897 bis 1908
am Römisch-Germanischen Zentralmuseum
in Mainz. 1908 bis 1937
war er Hauptkonservator
am Bayerischen Landesamt
für Denkmalpflege in München.
1917 wurde er kgl. Professor.
Reinecke teilte 1902 die Bronzezeit
in die Stufen A bis D ein.
1902 sprach er von der Straubinger Kultur
sowie von der Grabhügelbronzezeit
und später von der Hügelgräber-Bronzezeit.
17
Der Kult der »goldenen Hüte«
Die Hügelgräber-Kultur
E
twa um 1600 v. Chr. änderten sich in weiten Teilen
Europas die Bestattungssitten radikal: Statt die To-
ten wie in der Frühbronzezeit in Flachgräbern beizu-
setzen, schüttete man nun häufig über den Gräbern ein
bis zwei Meter hohe Hügel auf und setzte dann nicht
selten noch weitere Verstorbene darin bei. Auf diesem
neuen Brauch beruht der Begriff »Hügelgräber-Kultur«,
den 1902 der damals am Römisch-Germanischen Zen-
tralmuseum, Mainz, tätige Prähistoriker Paul Reinecke
(18721958) geprägt hat. Bei der Namenswahl wurde
er vermutlich durch die 1887 erschienene Publikation
»Die Hügelgräber zwischen Ammer- und Staffelsee« des
Münchener Historienmalers und Altertumsforschers
Julius Naue (18321907) inspiriert.
Nach heutigem Kenntnisstand war die Hügelgräber-
Kultur etwa ab 1600 bis 1300/1200 v. Chr. von Ost-
frankreich (Elsass) bis nach Ungarn (Karpatenbecken)
verbreitet. Sie ist in diesem Raum mit der Mit-
telbronzezeit identisch und lässt sich in zahlreiche Lo-
kalgruppen gliedern.
Zu den im Gebiet von Deutschland vertretenen Lo-
kalgruppen gehören die Württembergische Gruppe
1
, die
Oberbayerische Gruppe
2
, die Oberpfälzisch-böhmische
18
Kulturen und Gruppen während der Mittelbronzezeit (etwa 1600
bis 1300/1200 v. Chr.) in Süddeutschland und in der älteren
Bronzezeit (etwa 1500 bis 1200 v. Chr.)
19
Gruppe
3
, die Rhein-Main-Gruppe
4
, die Werra-Fulda-
Gruppe
5
und die Lüneburger Gruppe (s. S. 99). Die
Lokalgruppen unterscheiden sich durch die Keramik
sowie bronzene Schmucktracht und Bewaffnung
voneinander.
Die Angehörigen der süddeutschen Hügelgräber-Kul-
tur stammen von den Menschen der Frühbronzezeit
im selben Gebiet ab. Sie sind nicht eingewandert, wie
der Marburger Prähistoriker Friedrich Holste (1908
1942) in einer 1953 posthum erschienenen Publikation
meinte. Nach seiner Ansicht spiegelten angeblich die
mittelbronzezeitlichen Fundstellen in einigen Gebieten
Süddeutschlands eine andere Verbreitung als die
frühbronzezeitlichen Fundorte wider. Doch später
wurden viele der vermeintlichen Fundlücken durch neue
Entdeckungen geschlossen.
Wie groß die damaligen Menschen waren, wird anhand
von sieben Bestattungen bei Nersingen
6
(Kreis Neu-
Ulm) in Bayern ersichtlich, die durch den Münchener
Anthropologen Peter Schröter untersucht wurden. Dort
erreichten die Männer eine Größe zwischen 1,60 und
1,70 Metern und die Frauen zwischen 1,52 und 1,57
Metern. Ein sechsjähriges Kind brachte es auf eine Kör-
perhöhe von etwa einem Meter. Als ungewöhnlich groß
für jene Zeit gilt ein Mann von angeblich 1,93 Metern
aus Gauingen-Hochberg (Kreis Reutlingen) in Baden-
Württemberg. Diese Maßangabe beruht jedoch auf einer
Messung des Ausgräbers bei der Grabung und nicht
auf einer anthropologischen Körperhöhenschätzung.
20
Mit Prunk und Pomp vorgenommene Bestattungen
deuten auf erhebliche gesellschaftliche Unterschiede in
der Bevölkerung hin. Offenbar hat es Häuptlinge oder
»Fürsten« gegeben, die großen Reichtum anhäufen
konnten. Ein solcher Anführer war wohl der »Fürst«
von Hagenau bei Regenstauf
7
(Kreis Regensburg) in
Bayern. Auch bei der übrigen Bevölkerung gab es
merkliche Unterschiede zwischen arm und reich
innerhalb einer Sippe sowie zwischen verschiedenen
Gegenden.
Frauen wurden mit ihrem gesamten Schmuck beerdigt.
Nur ihnen legte man wertvolle Bernstein- und Glas-
perlen mit ins Grab. Der Weimarer Prähistoriker Rudolf
Feustel vertritt die Ansicht, dass die bronzenen
Schmuckstücke die Frauen nicht nur schmücken,
sondern vor allem den Reichtum ihrer Ehemänner
demonstrieren und so deren gesellschaftliche Reputa-
tion und Macht erhöhen sollten.
Feustel hat nach Untersuchungen von Hügelgräbern in
Thüringen zahlreiche interessante Schlüsse über die
damalige Gesellschaft gezogen. Das ausgeglichene
Verhältnis der Bestattungen von Männern und Frauen
sowie vereinzelte Doppelbestattungen von Mann und
Frau beispielsweise deuten nach seiner Auffassung auf
Monogamie hin.
In der Gesellschaft hatten anscheinend die Männer das
Sagen, vermutet Feustel. Denn anders ließe es sich kaum
erklären, warum unter hohem Arbeitsaufwand und
sicherlich als Gemeinschaftsunternehmen fast alle
21
Grabhügel für jeweils einen Mann errichtet worden
seien. Zudem lagen fast sämtliche Männer im Zentrum
und auf dem Grund des Grabhügels, während die
Frauen und Kinder meist am Rand bestattet wurden.
Fremde Schmuckformen in manchen Frauengräbern
beweisen Einheirat von Frauen aus anderen Gegenden.
So trug eine Frau, die in Neuenstein-Obergeis (Kreis
Hersfeld-Rotenburg) in Hessen bestattet wurde, eine
Radnadel und eine Fibel, die für die Lüneburger Gruppe
in Niedersachsen typisch ist. Im Grab eines Mädchens
von Hünfeld-Molzbach (Kreis Fulda) lagen einige
Schmuckstücke aus dem Maingebiet. Nach Erkennt-
nissen des Prähistorikers Albrecht Jockenhövel aus
Münster/Westfalen dürften Frauen selten weiter als in
ihre direkte Nachbargruppe eingeheiratet haben.
Mitunter sind ältere Männer nach weiblichem Ritus
beigesetzt worden. Der Prähistoriker Alexander Häusler
aus Halle/Saale deutete 1966 diese Bestattungen als
solche von Homosexuellen und Transvestiten.
Die Hügelgräber-Leute sind meistens nicht sehr alt
geworden. Unter den 16 Verstorbenen von Wixhausen
8
(Kreis Darmstadt-Dieburg) in Hessen wurde kein
einziger älter als 60 Jahre und nur einer überschritt das
40. Lebensjahr. Von den neun Erwachsenen in
Wixhausen waren zwei Männer und sieben Frauen. Auch
die beiden Jugendlichen von dort sind weiblich, der Rest
starb bereits im Kindesalter.
Auf ungünstige Lebensbedingungen deuten auch die
bei Jüchsen
9
(Kreis Schmalkalden-Meiningen) in
22
Thüringen entdeckten Bestattungen hin. Von sieben
Männern sind fünf (71 Prozent) schon im Alter von 20
bis 35 Jahren gestorben, ein Mann wurde um die 40
Jahre alt und ein weiterer mindestens 40 bis maximal 60
Jahre.
Untersuchungen der Gebisse aus Nersingen zeigten,
dass es um die Zähne häufig schlecht bestellt war.
Der Mann in Grab 2 hatte alle Zähne des Oberkiefers
sowie die Mahlzähne und den rechten zweiten
Vormahlzahn des Unterkiefers verloren. Die wenigen
noch vorhandenen Zähne waren stark abgeschliffen,
und der linke erste Vorbackenzahn war von Karies
befallen. Bei der Frau aus Grab 3 sind die Zähne auf
der rechten Seite des Ober- und Unterkiefers stärker
abgekaut als links. Ihre oberen ersten Backenzähne
sind von Karies geschädigt, und an etlichen Zähnen
im Ober- und Unterkiefer haften Zahnsteinreste. Beim
Mann aus Grab 6 ist der untere zweite Vormahlzahn
ausgefallen, die Schneidezähne sind relativ stark
abgeschliffen, und es konnte geringer Zahnsteinbefall
festgestellt werden.
Ein mindestens 14-jähriger Jugendlicher von Wilsingen
10
(Kreis Reutlingen) in Baden-Württemberg hat nach einer
Entzündung im Oberkiefer den rechten ersten
Vormahlzahn verloren. Im Unterkiefer war sein linker
zweiter Vormahlzahn ungewöhnlich klein und bildete
nur einen Lückenfüller zwischen dem ersten Vormahl-
zahn und Mahlzahn. Eine Frau aus Wixhausen hatte
Überbiss.
23
Auch an den Skeletten sind mancherlei Krankheiten
ablesbar. So litt der erwähnte Mann aus Grab 2 von
Nersingen unter degenerativen Gelenk- und Wirbel-
schäden. Ein mehr als 40 Jahre alter Mann aus Wilsin-
gen hatte in der Hals- und Brustwirbelsäule eine
Spondylitis (Wirbelentzündung). Und der ebenfalls
erwähnte 40 bis 60 Jahre alte Mann aus Jüchsen muss
große Arthroseprobleme gehabt haben.
Sogar Opfer von Gewalttaten sind aus einigen Hügel-
gräbern in Bayern und Thüringen bekannt. Es handelt
es sich hierbei um Menschen, die durch Pfeilschüsse
ums Leben gekommen sind. So steckte einem Toten in
der Gegend des unterfränkischen Ortes Stetten
11
(Kreis
Main-Spessart) die eingeschossene bronzene Pfeilspitze
noch in einem seiner Oberarmknochen. Ob dieser
Mensch an seiner Verwundung starb, ist unbekannt, weil
weitere Skelettreste fehlen. Wahrscheinlich hat er diese
Verletzung nicht lange überlebt.
Auf eine Tragödie lassen auch die Funde in der Grab-
kammer eines Hügels bei Jüchsen schließen. Dort hatte
man drei männliche Tote gleichzeitig bestattet. Obwohl
die Grabkammer genügend Platz bot, bettete man zwei
der Männer nicht nebeneinander, sondern in entge-
gengesetzter Richtung übereinander. Zwischen den
Skelettknochen dieser beiden Männer lagen insgesamt
acht Pfeilspitzen, die ihnen wahrscheinlich den Tod
gebracht haben. In einigem Abstand war in extremer
Hockstellung möglicherweise gefesselt ein dritter
Mann niedergelegt worden.
24
Nach Ansicht des erwähnten Prähistorikers Rudolf
Feustel kann man darüber spekulieren, ob alle drei
Männer hingerichtet worden waren, oder ob der drit-
te, gefesselte Mann die beiden anderen erschossen
hatte. War letzterer vielleicht wegen der Bluttat zum
Tode verurteilt und aus Vergeltung lebend zu seinen
Opfern ins Grab gelegt worden? Zumindest sollte
seine Wiederkehr aus dem Jenseits verhindert wer-
den.
Als weiteres Zeugnis dafür, dass Pfeil und Bogen nicht
nur als Jagdwaffen, sondern auch bei Konflikten
eingesetzt wurden, gilt eine Bestattung aus Klings/
Rhön
12
(Wartburgkreis) in Thüringen. In diesem Fall
steckte eine Pfeilspitze in einem menschlichen Rü-
ckenwirbel. Eine Schussverletzung in Saalfeld
13
(Kreis
Saalfeld-Rudolstadt) in Thüringen war offenbar nicht
tödlich, weil die Pfeilspitze von Knochenwucherungen
umgeben ist.
Ein anderer seltener Fund beweist, dass es auch im
Verbreitungsgebiet der Hügelgräber-Kultur Medizin-
männer gab, die Schädeloperationen (Trepanationen)
vornahmen. Der entsprechende Nachweis ein Schä-
del mit rundlicher Öffnung gelang in einem der Hü-
gelgräber von Lochham
14
(Kreis München). Die
Bronzeobjekte aus den Hügelgräbern von Lochham
wurden 1938 durch den Prähistoriker Friedrich Holste
als älteste Funde der Hügelgräber-Kultur bezeichnet
und dem so genannten Lochham-Horizont zugerech-
net.
25
Die Haltung von Schafen und Funde von tönernen
Spinnwirteln zum Spinnen von Wolle deuten darauf
hin, dass die damalige Kleidung aus Schafwolle ange-
fertigt wurde. Spinnwirtel kennt man aus Gräbern von
Holzalfingen bei Lichtenstein und Hundersingen bei
Münsingen (beide Kreis Reutlingen) in Baden-
Württemberg. Die Kleidung war vielleicht teilweise mit
ähnlichen Mustern verziert, wie sie auf der Oberfläche
mancher Tongefäße zu sehen sind.
Das Gewand der Männer wurde durch eine bronzene
Nadel zusammengehalten. Die Prähistoriker unter-
scheiden zwischen Kolbenkopf-, Lochhals- und
Trompetenkopfnadeln. Bei diesen Nadeln gab es einen
Trend zu bombastischen Formen, der in Häuptlings-
beziehungsweise »Fürstengräbern« besonders drastisch
zum Ausdruck kommt. Zur Garderobe der Männer
gehörte ein Gürtel aus Wolle oder Leder, der manchmal
mit einem bronzenen Gürtelhaken oder -blech versehen
war.
Als Gürtelhaken bezeichnet man jenen Teil des Gür-
tels, der beim Verschließen zum Einhängen in ein
anderes Teil diente. Er besteht aus einem Haken oder
Dorn und einer Vorrichtung zur Befestigung am Gürtel.
Beliebt waren Gürtelhaken aus Bronzedraht mit
Spiralscheiben an beiden Enden. Man fand kleine
Exemplare von nur zwei Zentimeter Länge, wie in
Wilsingen (Kreis Reutlingen), aber auch große von 24
Zentimeter Länge, wie in Mehrstetten (Kreis Reutlin-
gen). Von den Gürtelhaken unterscheiden sich die nach
26
Zwei Frauen mit langärmeligen Blusen, knöchellangen Röcken,
Schulter- und Kopftüchern aus Schwarza (Kreis Schmalkalden-
Meiningen) in Thüringen eine Rekonstruktion des Weimarer
Prähistorikers Rudolf Feustel von 1958
27
dem gleichen Prinzip angefertigten Gürtelbleche, die
ebenfalls Teil eines Gürtels aus organischem Material
waren.
Im Gegensatz zum Gewand der Männer wurde das
Kleid der Frauen an beiden Schultern durch je eine
bronzene Radnadel zusammengehalten, oder man hatte
damit den Schulterumhang festgesteckt. Im östlichen
Teil Süddeutschlands trugen die Frauen ein lang
herabfallendes, schürzenartiges Kleidungsstück, das mit
kleinen Bronzehütchen besetzt und verziert war. Die
Füße blieben entweder nackt oder steckten in offenen
Sandalen. Manche Zehen wurden mit bronzenen Ringen
verschönert.
Bei den Frauen in Südthüringen waren schleierartige
Kopf- und Schultertücher aus feinen Wollfäden, är-
mellose oder langärmelige Blusen sowie knöchellange
Röcke aus dichtem, gewalktem Wolltuch in Mode. Wie
ein Fund aus der Gegend bei Schwarza (Kreis
Schmalkalden-Meiningen) in Thüringen zeigt, gehör-
ten zur weiblichen Ausstattung auch kleine Beutel aus
Schafleder.
Dass die Frauen der Werra-Fulda-Gruppe in Südthü-
ringen und in Osthessen sich in lange Röcke hüllten,
schloss der Prähistoriker Rudolf Feustel aus der Tat-
sache, dass in diesen Gebieten kaum Knöchelbänder
oder sonstiger Beinschmuck gefunden wurde. Dagegen
haben die Frauen der Rhein-Main-Gruppe ihre Beine
häufig mit Bronzeschmuck versehen und deswegen wohl
kurze Röcke bevorzugt.
28
Rekonstruktionen von Frauentrachten aus der Zeit der Hügel-
gräber-Kultur nach Funden aus Wiesbaden (Südfriedhof) und
Großenlüder-Unterbimbach (Kreis Fulda) in Hessen
29
Rekonstruktionen von Frauentrachten aus der Zeit der Hügel-
gräber-Kultur nach Funden aus Hünfeld-Molzbach (Kreis Fulda)
und Darmstadt-Wixhausen in Hessen
30
Manche Frauen in Süddeutschland besaßen wertvolle
bronzene Gürtel aus einem Blechband mit einem Ha-
ken am einen und einer Einhängevorrichtung (meistens
einfache Löcher) am anderen Ende. Besonders
dekorative Blechgürtel kamen in Großen-Linden (Kreis
Gießen) und Hünfeld-Molzbach (Kreis Fulda) in Hessen
zum Vorschein. An dem 80,6 Zentimeter langen
Blechgürtel von Großen-Linden hafteten sogar noch
Lederreste. Er ist an einem Ende mit eingepunzten
Buckeln verziert.
Das fragmentarisch erhaltene, 49,3 Zentimeter lange
Gürtelblech aus dem Mädchengrab von Hünfeld-
Molzbach (Flur Bomberg) ist an einem Ende zur Vor-
derseite hin spiralförmig eingerollt. Sechs kleine
Durchbohrungen am anderen Ende könnten von einer
Reparatur stammen. Dieses Gürtelblech trägt auf der
Schauseite ein Dekor aus getriebenen Perlbuckeln. Die
beiden Längsseiten werden von doppelten Perlreihen
gesäumt. Das große unverzierte Mittelfeld wird auf
beiden Enden von je einer senkrechten Reihe größerer
Schrägkreuze zwischen dreifachen Perlreihen begrenzt.
Ab der Hügelgräber-Kultur stutzten sich die Männer in
Mitteleuropa mit bronzenen Rasiermessern die Kopf-
und Barthaare und zupften sich mit bronzenen Pinzetten
lästige Haare aus. Solche Toilettegegenstände hatte
es zuvor schon bei der Mykenischen Kultur in
Griechenland gegeben. Sie wurden vermutlich durch
Kontakte mit dieser Kultur bekannt und verbreitet. Die
Rasiermesser der Mittelbronzezeit sind allesamt
31
zweischneidig und häufig mit einen Ring an einem Ende
versehen.
Experimente mit bronzenen Rasiermessern ergaben,
dass man sich damit nicht täglich rasieren konnte.
Manche Autoren nehmen an, die Rasur sei nur bei
festlichen oder kultischen Anlässen vorgenommen
worden. Um die Schneiden zu schützen, hat man die
Rasiermesser in Schutzhüllen aus Holz, Leder, Stoff
oder Bronzeblech aufbewahrt. An einem Rasiermes-
ser von Muckenwinkling bei Agendorf (Kreis Strau-
bing-Bogen) wurden auf einer Seite Reste von Haaren
und auf der anderen Lederreste vom einstigen Futteral
festgestellt. Die Klingen der Rasiermesser sind zuweilen
durch Dengeln oder Schleifen geschärft worden.
Mit den bronzenen Pinzetten ließen sich Kopf- oder
Barthaare entfernen, die dem Rasiermesser wider-
standen hatten. Als erster vermutete dies 1916 der
damals in Berlin tätige Prähistoriker Max Ebert (1879
1929). Der bereits erwähnte Münchner Historienmaler
Julius Naue dagegen vertrat 1894 die Ansicht, man habe
mit den Pinzetten Fäden durchgezogen.
Unterschiedlich gedeutet wurden auch bronzene
Pfrieme. Der dänische Prähistoriker Sophus Müller
(18461934) bezeichnete diese Metallgeräte schon 1897
als Tätowiernadeln. Seine Erklärung findet heute noch
die meisten Anhänger. Im Gegensatz dazu stieß die
phantasievolle Deutung des Hamburger Prähistorikers
Gustav Schwantes (18811960), es handle sich um
Dornauszieher, in der Fachwelt auf wenig Gegenliebe.
32
Die Lage der Goldringe im Grab des erwähnten »Für-
sten« von Hagenau lässt darauf schließen, dass dieser
bedeutende Mann sein Haar zu einem hüftlangen Zopf
geflochten hatte. Wenn dies zuträfe und es sich
tatsächlich um einen mächtigen Herrscher handelt, wäre
der Zopf wohl nicht vom Fürsten selbst, sondern von
einem Familienmitglied oder Untergebenen kunstvoll
geflochten worden.
Die Siedlungen der Hügelgräber-Leute lagen im
Flachland an Quellen, Bächen, Flüssen und Seen, welche
die Wasserversorgung sicherten, sowie auf Bergen mit
mehr oder minder steilen Hängen. Die auf Bergen
errichteten Höhensiedlungen konnten sowohl unbe-
festigt als auch stark geschützt sein. Die besonders
wehrhaften Höhensiedlungen mit Erdwällen oder
Steinmauern gelten als Sitze von Häuptlingen oder
»Fürsten«, die deren Macht demonstrierten.
Eine kleine Flachlandsiedlung wurde am Rabenhof bei
Freystadt-Thannhausen
15
(Kreis Neumarkt) in Bayern
entdeckt. Sie setzte sich aus drei in einer Reihe
angeordneten kleinen Pfostenbauten von etwa sechs
Meter Länge und vier Meter Breite zusammen. Die
Behausungen waren entlang einer Umzäunung und in
gleichmäßigen Abständen voneinander errichtet. Als
tragendes Element der Hauskonstruktion dienten vier
Reihen von jeweils drei Pfosten, die man im Abstand
von zwei Metern in den Boden eingegraben hatte. Die
Außenwände bestanden aus Flechtwerk mit Lehm-
bewurf. Abdrücke des Flechtwerks waren häufig in
33
Lehmbrocken zu sehen, die durch einen Brand verziegelt
wurden.
Die Behausungen sind offenbar häufig bei Bränden
zerstört worden, wie Funde von Hüttenlehm, Mahl-
steinen und Tongefäßen mit starken Feuerspuren ver-
raten. Derartige Zeugnisse für eine Brandkatastrophe
wurden am Fundort Riedwiesen von Frankfurt/Main-
Schwanheim
16
entdeckt, einer Siedlung, die nach dem
Unglück von den Bewohnern aufgegeben worden war.
Ob das Feuer durch unachtsamen Umgang entstand
oder durch Angreifer gelegt wurde, ist in diesem Fall
nicht zu klären.
Hüttenlehm mit Abdrücken von Flechtwerk hat man
auch in Bubenheim (Kreis Mainz-Bingen) in Rheinland-
Pfalz entdeckt. Der Lehm für die Hauswände und für
die Keramik wurde aus Gruben entnommen, die man
in Nähe der Baustelle ausgehoben hatte. In den Häusern
gab es mit Steinen gepflasterte Herde und teilweise in
den Fußboden eingelassene tönerne Vorratsgefäße.
Seeufer waren zur Zeit der süddeutschen Hügelgräber-
Kultur keine idealen Siedlungsplätze mehr, weil sich das
Klima rapide verschlechterte. Seeufersiedlungen aus
jenem Abschnitt kennt man in Bodman-Schachen am
Bodensee (Kreis Konstanz) und am Federsee bei Bad
Buchau (Kreis Biberach) in Baden-Württemberg.
Am Federsee wurde um 1500 v. Chr. erneut ein Dorf
errichtet, das noch etwas größer als die frühbronze-
zeitliche »Siedlung Forschner«
17
war. Doch spätestens
um 1450 v. Chr. musste das durch einen Palisadenring
34
befestigte Dorf wegen einer Überschwemmung schon
wieder aufgegeben werden.
Den letzten Bewohnern der »Siedlung Forschner«
könnte bereits das Bau- und Brennholz knapp ge-
worden sein, weil sie den umliegenden Laubwald aus
Buchen, Eschen und Eichen unterschiedlichen Alters
planlos abholzten. Allein auf der ausgegrabenen Fläche
der Siedlung wurden 5035 Pfosten und 2772 Hölzer
gefunden. Zur jüngsten Siedlung am Übergang zur
Mittelbronzezeit führte von Südosten ein etwa 60 Meter
langer hölzerner Bohlenweg. In diesem Dorf stand eine
unbekannte Zahl von Blockhäusern.
Nach den Siedlungsresten auf süddeutschen Bergen
zu urteilen, existierten zur Zeit der Hügelgräber-Kul-
tur zahlreiche Höhensiedlungen. Teilweise wirkten
diese aufgrund steiler Felswände in ihrer Umgebung
wie natürliche Bergfestungen, in anderen Fällen wur-
den zusätzlich mächtige Erdwälle oder Steinmauern
errichtet, wodurch regelrechte »Burgen« entstanden.
So war es schon vorher in der Frühbronzezeit gewe-
sen.
Unbefestigte Höhensiedlungen der Hügelgräber-Kul-
tur waren in Bayern auf dem Frauenberg bei Welten-
burg
18
(Kreis Kelheim), dem Schlossberg von Kall-
münz
19
(Kreis Schwandorf), dem Schlüpfelberg bei
Sulzbürg
20
(Kreis Neumarkt) der Gelben Bürg bei
Dittenheim
21
(Kreis Weißenburg-Gunzenhausen) und
dem Hesselberg bei Wassertrüdingen
22
(Kreis Ansbach)
zu finden.
35
Zu den mittelbronzezeitlichen »Burgen« in Baden-
Württemberg gehören die Heuneburg bei Hunder-
singen an der Donau
23
(Kreis Sigmaringen) und der
Runde Berg bei Urach
24
(Kreis Reutlingen). In Bayern
sind gut geschützte Höhensiedlungen im »Rauen
Forst« bei Bergheim
25
(Kreis Augsburg), auf dem
Stätteberg bei Unterhausen
26
(Kreis Neuburg-Schro-
benhausen), der Großen Birg bei Kochel
27
(Kreis Bad
Tölz-Wolfratshausen) und dem Bogenberg bei Bogen
28
(Kreis Straubing-Bogen) bekannt.
Eine besonders wehrhafte Anlage in Süddeutschland
ist die Heuneburg bei Hundersingen. Der Bergsporn,
der während der Hügelgräber-Kultur erstmals besie-
delt wurde, fällt auf drei Seiten steil zur Donau ab.
Das etwa 275 mal 175 Meter große Plateau wurde
an der Kante des Berges mit einer 2,50 bis 3,20 Me-
ter breiten Mauer abgesichert. Diese bestand aus
einem in Blockbautechnik gezimmerten Kastenwerk
mit Erdfüllung. An der Nordspitze setzten die
Erbauer der Befestigung zusätzlich einen sechs
Meter tiefen und 14 Meter breiten Graben vor die
Mauer. Im Südwesten schüttete man auf einer Länge
von 110 Metern einen 3,60 Meter hohen, an der Basis
bis zu 20 Meter breiten Wall auf, dessen Krone zwei
knapp drei Meter breite Kastenmauern bildeten. Im
Inneren der Befestigung wurden Reste von Pfo-
stenhäusern mit Herden sowie ein sieben Meter breiter
und vier Meter tiefer Graben entdeckt, der das Plateau
quer durch-zog. Vor wem sich die Bewohner dieser
36
imposanten mittelbronzezeitlichen Burg fürchteten,
weiß man nicht.
Von steilen Hängen gesäumt war auch die mit mehre-
ren Wällen umgebene Befestigung auf der Großen Birg
bei Kochel in Bayern. Sie thronte auf der in den
Kochelsee hineinragenden Felskuppe.
In höhlenreichen Gegenden wurden die natürlichen
Refugien vorübergehend von umherziehenden Hirten
aufgesucht. Als Unterschlupf dienten unter anderen die
Burghöhle bei Dietfurt und die Göpfelsteinhöhle bei
Veringenstadt (beide Kreis Sigmaringen), die Höhle
Lautereck bei Lautrach und die Bärenhöhle bei Erp-
fingen (Alb-Donau-Kreis), eine mittlerweile zerstörte
Höhle bei Gächingen (Kreis Reutlingen) und die
Kühlstellenhöhle bei Winterlingen (Zollernalbkreis).
Lange galten die Hügelgräber-Leute als Bauern, die sich
vorwiegend als Viehzüchter betätigten. Der Prähistoriker
Friedrich Holste meinte, die Funde der Hügelgräber-
Kultur hätten sich auf Gebiete konzentriert, die sich
wenig für Ackerbau eigneten. Doch dieser Irrtum wurde
allmählich aufgrund neuer Entdeckungen und Beo-
bachtungen korrigiert. Außerdem hatte es geheißen, die
Hügelgräber seien häufig aus Plaggen von Heideflächen
errichtet worden, die nur bei intensiver Weidewirtschaft
entstehen können.
Funde von Getreidekörnern und deren Abdrücke auf
Tongefäßen, Pollenanalysen, bronzene Sicheln und
Mahlsteine beweisen heute eindeutig auch Ackerbau.
So sind Getreidekörner aus Butzbach (Wetteraukreis)
37
in Hessen Indizien für den Anbau von Einkorn (Triti-
cum monococcum) und Dinkel (Triticum spelta) und der
Abdruck eines Getreidekorns der Beweis für die
Kultivierung von Zwergweizen (Triticum aestivum ssp.
compactum). Auf Getreideanbau in Nähe der Siedlung
von Frankfurt/Main (Riedwiesen) deuten Abdrücke von
Getreidekörnern auf Tongefäßen, Mahlsteine und die
Ergebnisse der Pollenanalyse hin.
Zur Getreideernte wurden Sicheln aus Bronze ver-
wendet. Mit den Metallsicheln ließen sich die Ähren
schneller und müheloser als mit den zuvor üblichen
Steinsicheln abschneiden. Experimente ergaben eine
Leistungssteigerung von etwa 40 Prozent. Bronzene
Sicheln waren bei den damaligen Ackerbauern sehr
begehrt. Allein zu einem Depotfund von Penkhof
29
(Kreis Amberg-Sulzbach) in Bayern gehören 159
bronzene Sicheln beziehungsweise deren Fragmente.
Tierknochenreste in den Siedlungen von Gauting (Kreis
Starnberg), Straßkirchen (Kreis Straubing-Bogen) und
Frankfurt am Main-Schwanheim (Riedwiesen) belegen
die Haltung von Rindern, Schweinen, Schafen und
Ziegen. Die Tierknochen aus Gauting mit Feuerspuren
und die von Straßkirchen gelten als Mahlzeitreste. In
Straßkirchen hat man sogar Hundefleisch gegessen.
Reste von zwei Hunden kamen im Brunnerschacht bei
Vorra (Kreis Nürnberger Land) zusammen mit Schaf-
und Ziegenknochen zum Vorschein. In Südthüringen
züchtete man vor allem Schafe, deren Fell eine vor-
zügliche grannenfreie Wolle ergab.
38
Auch die als Wegzehrung für die Toten gedachten
Speisebeigaben in Gräbern lieferten Hinweise auf die
Viehzucht. So barg man in Gräbern von Nersingen
(Kreis Neu-Ulm) Schaf- oder Ziegen- sowie Rinder-
knochen. In Gräbern von Deggendorf-Fischerndorf
(Kreis Deggendorf) stieß man auf verbrannte Reste vom
Rind, Schwein und Hund. Dass Hunde damals nicht
selten waren, verraten durchbohrte Eckzähne als
Anhänger von Halsketten in Gräbern von Wilsingen
(Baden-Württemberg), Nersingen, Tremmersdorf
(Bayern) und Mutterstadt (Rheinland-Pfalz).
In einem Grab von Appenstetten bei Schwimmbach
(Kreis Roth) in Bayern lag neben mehreren Rinder-
zähnen auch der Oberkieferzahn eines jüngeren Pfer-
des. Reste von Pferden aus der Zeit der Hügelgräber-
Kultur sind bisher sehr selten entdeckt worden.
Der Fischfang wird unter anderem durch Fischreste in
der Höhle Lautereck bei Lautrach (Alb-Donau-Kreis)
und durch einen durchlochten Fischwirbel am Fundort
Schwaigersche Kiesgrube in Straubing dokumentiert.
Bei Lautrach hatte vielleicht ein kleiner Fischer- und
Jägerposten bestanden. In Gräbern von Pörndorf (Kreis
Landshut) und Unterbrunnham bei Tacherting (Kreis
Traunstein) fand man jeweils einen bronzenen Angel-
haken.
Auf gelegentliche Jagd deuten durchbohrte Bären- und
Eberzähne aus Gräbern hin, die als Anhänger für
Halsketten bestimmt waren. In einer der Höhlen des
Kyffhäusers (Kyffhäuser-Kreis) in Thüringen wurden
39
drei Hasenknochen geborgen, die vielleicht von einem
Opferfest stammen, bei dem es Hasenbraten gab.
Die Gegend bei Schwarza (Kreis Schmalkalden-Mei-
ningen) in Thüringen war damals von Mischwäldern
bedeckt, in denen neben Eichen (Quercus) auch Linden
(Tilia) und Haselnusssträucher (Corylus) vorherrschten.
Außerdem bestimmten Buchen (Fagus), Erlen (Alnus),
Birken (Betula), Eschen (Fraxinus), Tannen (Abies) und
Kiefern (Pinus) das Landschaftsbild. Dagegen fehlten
offenbar die dort heute überwiegenden Fichten (Picea).
Zum Backen von fladenartigem Brot diente eine qua-
dratische tönerne Herdplatte aus Rückersdorf
30
(Kreis
Nürnberger Land). Sie hat einen Durchmesser von etwa
60 Zentimetern und ist ein bis drei Zentimeter dick.
Die Platte wurde in feuchtem Zustand über einer mit
Steinen umstellten rechteckigen Grube angebracht und
von Brettern gestützt, bis sich der Ton durch Trocknen
oder Feuer verfestigt hatte. Die Bretter haben an der
Unterseite der Herdplatte Rillen hinterlassen. Auf der
Oberseite sind Stärkereste enthalten, die von Emmer
stammen sollen. Als Brennstoff wurde Eichen- und
Tannenholz verwendet.
Als Belag auf fladenartigem Brot aß man vielleicht Käse
aus Rinder-, Schaf- oder Ziegenmilch. Diese Vermutung
basiert darauf, dass in manchen Siedlungen tönerne
Scherben von Siebgefäßen gefunden wurden.
Die Hügelgräber-Leute haben möglicherweise schon
Hanf (Cannabis sativa) oder Schlafmohn (Papaver somni-
ferum) in Pfeifen mit tönernem Kopf und hölzernem
40
Saugrohr geraucht. Darauf deutet ein Fund von 1993
aus Bad Abbach-Heidfeld (Kreis Kelheim) in Bayern
hin, den der Prähistoriker Michael M. Rind aus Kel-
heim als Tonpfeifenkopf betrachtet. Dieser ist fast vier
Zentimeter hoch und hat einen Durchmesser von 4,5
Zentimetern. Vom schräg nach unten verlaufenden
Saugrohr mit einem Innendurchmesser von zwei
Millimetern sind nur noch 1,5 Zentimeter erhalten. Am
Fundort des mutmaßlichen Pfeifenkopfes kam auch das
eventuelle »Feuerzeug« zum Vorschein, nämlich ein
Schlagstein aus Feuerstein mit zahlreichen Benut-
zungsspuren. Sollte sich diese Annahme bewahrheiten,
wäre es die älteste Pfeife der Welt.
Unter den Keramiken der Hügelgräber-Kultur gab es
Schüsseln, Schalen, Teller, Krüge, Tassen, große ei-
merartige Gefäße, Siebgefäße und Tonlöffel. Ein Ton-
löffel wurde in Nabburg (Kreis Schwandorf) zutage
gefördert. Die Prähistoriker unterscheiden zwischen
Feinkeramik, mittelfeiner Ware und Grobkeramik
(Wirtschaftsware).
Die zur Feinkeramik gehörenden Krüge und Tassen sind
dünnwandig, gut geglättet, poliert, mit bandförmigen
Henkeln versehen und reich dekoriert. Man hat die
Verzierungen meistens vor dem Brennen im Töpferofen
eingeritzt, aber auch eingeschnitten (Kerbschnitt) und
deutlich seltener eingestempelt. Als Ornamente
dienten waagrecht umlaufende Bänder mit Rillen,
Leiterband, Schrägstichgruppen, Kornstich, Punktstich
und Kreisaugen. Sie sind häufig mit weißer Paste gefüllt,
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