1 Einleitung
In dieser Hausarbeit möchte ich als Grundlage zunächst mein Theorieelement »Glaubensentwicklung nach Fowler« darstellen. Dies wird den ersten Teil meiner Seminararbeit ausmachen. In Bezug auf die theoretische Einführung beginnt der zweite Teil meiner Hausarbeit mit der Vorstellung meiner Forschungsfrage. Es schließt sich eine explizite Darstellung meiner Probandin, sowie die Beschreibung der Malsituation und ein anschließendes Interview an, sowie der Versuch der Interpretation der kindliches Gottesverständnis und der Symbolbildung anhand des von der Probandin angefertigten Bildes und des Interviews. In diesem Teil versuche ich auch mit Hilfe der eingangs erläuterten Theoriegrundlagen meine Forschungsfrage zu beantworten.
2 Das Theorieelement
Im Folgenden schließt sich der Theorieansatz von James W. Fowlers »Stufen des Glaubens« an. Es folgt eine kritische Würdigung dessen.
2.1. Zu Fowlers Stufen des Glaubens
James W. Fowler vereinigt mit seiner Theorie der Glaubensentwicklung psychosoziale Ansätze (z.B. in Bezug auf E. H. Erikson) mit kognitivistischen Theorien (z.B. von J. Piaget). Damit stellt Fowler den Versuch an, eine ungefähre Folge von entwicklungsmäßig miteinander verbundenen, stadienartigen Klassen von Glaubensbefindlichkeiten darzustellen. 1 Das subsumable Ergebnis dessen besteht in Form einer Stufentheorie, mittels derer Fowler versucht, die Entwicklung des Glaubens zu beschreiben. Bei diesem Glaubensverständnis unterstellt er, dass jeder Mensch innerhalb seiner Existenz auf einen Sinn angewiesen ist. Demnach lebt das Individuum in einer Welt die sowohl deutungsfähig, als auch deutungsbedürftig ist. Der Einzelne muss dabei den Sinn der Welt erst für sich erschließen. Unklar bleibt bei Fowler allerdings, ob der Mensch in der Welt einen Sinn vorfindet, oder ob er ihn für sich selbst
1 Vgl. Hans‐Jürgen Fraas, Die Religiösität des Menschen, Göttingen 1990, S.68
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erschafft. Der Glaube kann demnach bei Fowler nicht nur religiös verstanden werden, denn er sieht er zwischen Religion und Glauben eine enge Verbindung. Damit wäre nach Fowler auch der Atheismus eine bestimmte Form des Glaubens. Grundsätzlich unterscheidet Fowler deswegen differenziert er zwischen zwei Grundbegriffen, nämlich faith, der Glaubenshaltung eines Menschen und belief, der den Glauben als inhaltliche Überzeugung und das Für-Wahr-Halten von Aussagen verschiedener Religionen beschreibt, während der Begriff faith als Lebensglaube eher auf eine bestimmte Weltanschauung, als auf eine spezifische Religion hin angelegt ist. 2
Fowler unterscheidet zwischen insgesamt sieben Stufen des Glaubens. Diese sollen jedoch nicht hierarchisch verstanden werden. Mit der Benennung dieser Stufen, bezweckt Fowler die Vielschichtigkeit der von ihm untersuchten religiösen Entwicklung einzufangen und darzustellen. 3
Im Folgenden sollen Fowlers Stufen des Glaubens dargestellt werden. Die Stufe Null bezeichnet den »Ersten Glauben«. Dieser ist vielmehr eine vorsprachliche Stimmung, da sich das Bewusstsein des Kindes noch im Entstehungsprozess befindet. Innerhalb dieser Stufe des noch undifferenzierten Glaubens entwickelt das Kind ein Grundvertrauen, welches die Grundlage zur späteren religiösen Entwicklung bildet. 4 Mit Stufe Eins benennt Fowler einen intuitiv-projektiven Glauben. Dieser ist in der frühen Kindheit beobachtbar. Dieser Glaube steht auch in Zusammenhang mit dem Spracherwerb des Kindes und der Entwicklung seines Vorstellungsvermögens. 5 Die Phantasie des Kindes wird noch nicht von den Gesetzen der Logik im Zaum gehalten. Die Kinder nehmen noch vieles wörtlich und genau darin liegt die Gefahr dieser Stufe. Da für diese Stufe auch die Empfänglichkeit gegenüber Glaubensüberzeugungen von Erwachsenen bezeichnend ist und das Kind kognitive Operationen nur sehr begrenzt
2 Vgl. Schweitzer, F.: Lebensgeschichte und Religion, München 1999, S.138 f.
3 Vgl. ebd. S.144.
4 Vgl. ebd.
5 Vgl. Hans‐Jürgen Fraas, Die Religiösität des Menschen, Göttingen 1990, S. 68.
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ausführen kann, kann es auf dieser Glaubensstufe dazu kommen, dass die Kinder sich von einem allsehenden Gott beobachtet fühlen, oder Ängste vor möglichen Strafen Gottes entwickeln. 6
Die eigentlich dritte Stufe (Stufe Zwei bei Fowler) ist vom »Mythischwörtlichen Glauben« der Kinder oder Jugendlichen gekennzeichnet. Hier gewinnen Symbole, Mythen und Geschichten, die von der Umwelt angeboten werden an zentraler Bedeutung für die Orientierung in der Welt. Auf dieser Stufe ist noch das konkret-operationale Denken vorherrschend. Demnach nimmt das Kind / der Jugendliche noch vieles wörtlich. Die symbolische Sprache (z.B. der Bibel) wird im Wortsinn verstanden und dieser bestimmt die Grenze des Verstehens. Daher ist auf dieser Stufe auch der Anthropomorphismus zu finden, denn die wörtliche Interpretation symbolischer Schriften führt dazu, dass Gott als menschliches Wesen verstanden wird. Zudem ist das Kind oftmals an den wörtlich genommenen, mythischen Überzeugungen orientiert (z.B. Im Himmel lebt Gott, in der Hölle der Teufel.). 7
Fowlers Stufe Drei ist von einem »Synthetisch-konventionellen Glauben« geprägt. Konventionell deswegen, weil der auf dieser Stufe vorherrschende Glaube kein persönlicher Glaube ist. In der Kindheit und im frühen Jugendalter mangelt es noch an persönlicher Autonomie. Es existiert keine unabhängige Urteilsbildung. Glaubensüberzeugungen anderer werden von Kindern und Jugendlichen, aber auch teilweise noch Erwachsenen, die diese Stufe nicht verlassen haben, unreflektiert und ungeprüft übernommen. Oftmals spielen dabei die Eltern oder weitere Bezugspersonen, aber auch die Kirche eine entscheidende Rolle. Dabei steht die Glaubwürdigkeit anderer Personen weitgehend außer Zweifel. 8
6 Vgl. ebd. S.70.
7 Vgl. Schweitzer, F.: Lebensgeschichte und Religion, München 1999, S.145/ 146.
8 Vgl. ebd. S.146/ 147.
4
Für Stufe Vier nach Fowler ist der »Individuierend-reflektierende Glaube« bezeichnend. Dabei herrscht nun im Vergleich zu Stufe Drei ein deutliches Bewusstsein der eigenen Autonomie und Individualität. Eigene Überzeugungen werden kritisch aufgearbeitet. Nach Fowlers Untersuchungen ist diese Stufe nicht vor dem späten Jugendalter zu finden. Auf dieser Stufe besteht nun zwar die Fähigkeit zur eigenen (kritischen) Urteilsbildung, allerdings besteht die dabei die Gefahr dass der Individualismus zur radikalen Symbolkritik führt. Es fällt nun auch oft schwer, sich mit einer religiösen Tradition oder einer Institution verbunden zu fühlen. 9
Während es dem Individuum auf Stufe Vier schwerfällt, sich mit anderen verbunden zu fühlen, wird dies auf Stufe Fünf vom »Verbindenden Glauben« abgelöst. Dabei tritt an Stelle des "Entweder-Oder" der vorherigen Stufe ein dialogisches Verständnis, welches von einer dementsprechenden Haltung und Offenheit der Welt und anderer Menschen gegenüber geprägt ist. Die Individualität der Befindlichen muss nicht, wie auf der vorher beschriebenen Stufe gegenüber gegen andere Traditionen oder Glaubensüberzeugungen verteidigt werden. Bezeichnend für die fünfte Stufe ist auch, dass sämtliche religiöse Traditionen als relativ wahr und gültig angesehen werden. Sie werden in Abhängigkeit von der individuellen Erfahrung eines Menschen oder Volkes verstanden. 10
Die sechste und letzte Stufe bei Fowler betrachtet er als rein hypothetisch. Sie ist die höchste Stufe innerhalb seiner Entwicklungslogik und bezeichnet den »Universalisierenden Glauben«. Dieser ist von absoluter Liebe und Gerechtigkeit geprägt, dabei tritt die eigene Selbsterhaltung in den Hintergrund. Der auf dieser Stufe befindliche Mensch besitzt ein Gefühl für die
9 Vgl. Schweitzer, F.: Lebensgeschichte und Religion, München 1999, S.148‐150.
10 Vgl. ebd. S.150/ 151.
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Arbeit zitieren:
Alina Müller, 2009, Religiöse Sozialisation bei Kindern , München, GRIN Verlag GmbH
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