1. Einleitung 02-04
2. Streitgedicht versus Trostgedicht 04-05
2. 1 Dialogisch und monologisch 05-06
2. 2 Das Personifizierungsproblem 06-07
3. Ordnungsvorstellungen 07-08
3. 1 Doppeldeutigkeit: der Tod als Repräsentant und Ursache 08-09
3. 2 Ein Gerichtsverfahren? 09-11
3. 3 Überhöhung des „Sehnsuchtsschreis“ 11-13
3. 4 Ordnungsvorstellungen als Ausdruck von Werten 13-16
3. 5 Der Tod als „Gottes Hand“ 16-17
3. 6 Vom Bekannten zur Erkenntnis des Unbekannten? 17-19
4. Ackermanns Gottesbegriff 19-22
4. 1 Dialektische Inszenierung 22
5. Gewissen - die moralische Dimension der Trauer 23-26
6. Gleichmut: Der Tod als „Richter auf dem Königsthron“? 26-27
7. Schluss 27-29
8. Literaturverzeichnis 30-31
1
1. Einleitung
Mit dem im Jahre 1400 entstandenem „Ackermann aus Böhmen“ liegt dem Leser keine ‚unzeitgemäße‘ Betrachtung vor, deren Bedeutungsgehalt ausschließlich in dem Übergang zweier Epochen, an der Grenze vom Mittelalter zur Neuzeit, also im Wechselspiel von Altem und Neuem, auszumachen ist. Wenngleich 1348 die Prager Universität gegründet wurde und die 50 Jahre später erschiene Schrift somit ein Ausdruck der dort gelehrten, neuen Bildung sein könnte 2 , liegt das Hauptaugenmerk im Folgendem auf der vom historischen Kontext zu abstrahierenden Thematik von Leben und Tod. Wo und wann genau der Ackermann seine Klage erhebt, geht nicht unmittelbar aus dem vorliegenden Text hervor. Dem Leser wird sie lediglich als eine in Saaz nach 1400 erschienene Dichtung vorgestellt. Der hier inszenierte Dualismus von Da-sein und Nicht-Sein verweist auf das zeitlose und ortsentbundene Bedürfnis nach Sinnkonstruktionen, unter der hier anzunehmenden Voraussetzung, dass dieses auch historisch verhandelbar ist.
Entspricht die literarisch-kunstvolle Sinnkonstruktion einem von Johannes von Tepl stilistisch inszenierten Streitgespräch zwischen dem Tod und dem Ackermann oder entspringt die Dichtung einem konkreten Erlebnis? Um von dem zweiten Fall ausgehen zu können, liegt es nahe, den Autor mit dem Ackermann zu personifizieren, der den Verlust seiner geliebten Gattin beklagt. Demzufolge hätte es der Leser nicht mit einem Streitgedicht zwischen ihm und dem Tod, sondern mit einem Trostgespräch zu tun, das der Ackermann mit sich selbst führt. Abgesehen von der im zweiten Gliederungspunkt vorzunehmenden Unterscheidung, ob es sich um ein Streit- oder um ein Trostgedicht handelt, wirft es die Frage nach einem angemessenen Umgang mit dem Tod in der Zeit um 1400 auf und richtet somit seine Aufmerksamkeit auf die Lage eines klagenden Witwers.
1 Burdach, Konrad: Platonische, freireligiöse und persönliche Züge im „Ackermann aus Böhmen“, in: Der
Ackermann aus Böhmen des Johannes von Tepl und seine Zeit, hrsg. v. Ernst Schwarz. Darmstadt:
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1968, S. 185.
2 Vgl., Schwarz, Ernst (Hg.): Der Ackermann aus Böhmen des Johannes von Tepl und seine Zeit, Darmstadt:
Wissenschaftliche Buchgesellschaft,1968, S. 6.
2
Ob die Dichtung noch zum Mittelalter oder schon zur Neuzeit gehört, ist eine berechtigte Frage, die aber nicht ohne weiteres stringent zu beantworten ist. Das Lebensgefühl des Dichters ist zwar von der Renaissance beeinflusst, aber im Schlussgebet zeigt sich, wie sehr die Haltung zum Tod mit den mittelalterlichen Vorstellungen übereinstimmt und wie konform sich der Autor mit der kirchlichen Lehrmeinung zeigt, obzwar der Ackermann mit dem Tod selbstbewusst ins Gericht geht. Dieser Gedanke ist mit dem persönlichen Anspruch verbunden, durch den Verlust eines geliebten Menschen das Recht einzufordern, um die ‚verlorene‘ Person in angemessener Weise trauern zu können. Somit soll ein subjektiver Raum für die eigene Trauer geschaffen, wenn nicht gar erstritten werden. Um genau dieses Maß an Trauer als ein Ausdruck von verschiedenen Wertvorstellungen, die aufeinander treffen, soll es unter anderem im dritten Punkt der vorliegenden Arbeit gehen. Die Einheit des Werkes bilden die beiden Ordnungsvorstellungen, die des Ackermanns und des Todes, sowie der göttliche Richterspruch und das Schlussgebet. Damit tritt nicht nur ein bestimmter Stil, sondern auch eine bestimmte Botschaft zutage. Das Thema der Untersuchung konzentriert sich weniger darauf, anhand abstrakter Begriffe den Gegensatz zwischen Mittelalter und Renaissance, Altem und Neuem herauszuarbeiten. Die Gegenüberstellung erfolgt weniger mittels abstrahierender Epochenbegriffe, denn letztlich treffen die Ordnung des Ackermanns und die des Todes aufeinander. Der Tod wird hierbei als ein natürliches Ereignis und nicht mehr als Strafe inszeniert. Das wird insofern gesteigert, indem der Tod nicht nur als lex naturalis auftritt, sondern darüber hinaus vom Ackermann als Feind Gottes empfunden und nicht - wie im Mittelalter üblich - als Richter Gottes angenommen wird. Die Aussagen des Ackermanns gründen sich auf seinem Gottesbegriff, der unter dem vierten Gliederungspunkt thematisiert wird, der zudem mit der Ordnung eines sinnvollen und beglückten, irdischen Menschenlebens einhergeht. Das Ableben einer jungen geliebten Frau bringt die Ordnung desjenigen, der sie geliebt hat, ins Wanken. In 33 Kapiteln ringen die Protagonisten darum, wie sehr die Ordnung des Todes jene des Liebenden zerstört hat. Die Dichtung hilft einem Bedürfnis Ausdruck zu verleihen, um den persönlichen Einschnitt in Gestalt einer literarischen Auseinandersetzung zu verarbeiten. Insofern geht es darum, einen Weg im Umgang mit dem Tod als ein naturnotwendiges Ereignis zu finden. Als der Dialog zwischen dem Tod und dem Ackermann beginnt, ist die Ordnung des Ackermanns bereits zerstört. Aus seiner Perspektive steht der Tod der göttlichen Ordnung als Feind und Zerstörer gegenüber. Durch den schmerzhaften Verlust seiner Frau gerät seine stabile Ordnung in einen wankenden, affekthaften Zustand. Der Affekt der Trauer wird ausgehend vom Ackermann als eine besondere Form der Gemütsbewegung zur dialogantreibenden Emotion zwischen den beiden Kontrahenten. Für den Verlauf des
3
Dialoges stellt sich die Frage, ob die Klage des Ackermanns auf dieser Stufe verharrt oder ob sich seine Lamentation in eine rationale Richtung bewegt. Kann der Ackermann den Tod mittels seiner Vernunft überwinden?
Nach stoischer Auffassung 3 , die durch den Tod vertreten wird, ist die Eudämonie (Glückseligkeit) nur dann zu erreichen, wenn kein Affekt die Seelenruhe stört. Möglicherweise offenbart sich die Größe des Ackermanns im Umgang mit dem Tod, indem er ihn durch seine Haltung sogar überragt. Oder bleibt der Ackermann ihm nicht nur notwendigerweise unterworfen, sondern auch unterlegen? Um diese Frage beantworten zu können, eignet es sich die moralische Dimension der Memoria 4 in Punkt 5 näher zu betrachten und darauf einzugehen, welche Rolle die Erinnerungsleistung bei der Verlustbewältigung einnimmt.
2. Streitgespräch versus Trostgedicht
Dem Leser liegen 32 Kapitel vor, deren Gesprächsverlauf von zwei Argumentationspositionen aus vollzogen wird: Eine klagt an und die andere verteidigt sich gegen die vorgebrachte Klage. Im Speziellen werden diese beiden Ausgangslagen durch den Ackermann, der Klagender und Anklagender zugleich ist, und durch den Tod - im wörtlichen Sinne - verkörpert.
Durch die methodische Form eines Dialoges wirkt die Dichtung lebendig und nicht wie ein starres Gebilde aus Argumenten und Gegenargumenten. Die Lebendigkeit ist ein bedeutendes Element im Aufbau des Dialoges, sowohl methodisch als auch inhaltlich. Tepl lässt seinen Dialogpartnern einen von Emotionen geleiteten lebendigen Gesprächsraum 5 , indem er die
3 Anmerkung dazu: Gemäß der stoischen Auffassung gilt es für den Stoiker als Individuum seinen Platz in einer
Ordnung zu suchen, in welcher der Stoiker ein von natürlichen Zusammenhängen waltendes göttliches Prinzip
zu erkennen vermeint, sodass er durch die Einübung emotionaler Selbstbeherrschung sein Los zu akzeptieren
lernt und mit Hilfe von Gelassenheit und Seelenruhe zur Weisheit strebt. Die Selbstbeherrschung, eine sich über
den Affekt erhebende Disziplinierung, bezeichnet ein stetiges und eigen kontrolliertes Verhalten, das einen
Ordnungszustand schafft, indem man gewisse Anstrengungen aufwendet, zum Beispiel bei der Bewältigung
seiner Trauer. Das Faktum Tod sollte rationaler Denkweisen entsprechend verarbeitet und zu akzeptieren
versucht werden, ohne in Schuldzuweisungen (wie die an den personifizierten Tod gerichteten Vorwürfe seitens
des Ackermanns) zu verfallen.
4 Vgl. dazu: Augustinus, Confessiones/Bekenntnisse, Lateinisch und Deutsch. Eingeleitet, übersetzt und erläutert
von Joseph Bernhart. Mit einem Vorwort von Ernst Ludwig Grasmück. Frankfurt a. M.: Insel, 1987. Elftes Buch,
20,26 und 27, 35); „Es sind die drei den Modi der Zeit zugeordneten subjektiven Bezugnahmen auf Ereignisse in
der Zeit, der Augenschein, „contuitus“, die Erinnerung, „memoria“, und die Erwartung, „expectatio“. Sie
versteht Augustinus als drei verschiedene und unabhängig voneinander bestehende subjektive Weisen von
Vergegenwärtigung. So ist die Erinnerung eine durch Vorstellungsbilder vermittelte Vergegenwärtigung eines
vergangenen Ereignisses.“ (Stolzenberg, Jürgen: Zeit und Selbst. Zum Problem der Zeiterfahrung bei Aristoteles,
Augustinus, Husserl und Heidegger, in: Über die Seele, hrsg. v. Katja Crone, Robert Schnepf und Jürgen
Stolzenberg, Berlin: Suhrkamp, 2010, S.281f.) „Der Unterschied zu dem, was früher unter dem Begriff der
memoria als Wiedererinnerung an Vergangenes beschrieben worden war, besteht somit darin, dass hier nicht
etwas Vergangenes in einer Vorstellung reproduziert wird, sondern in und während der Wahrnehmung ein
kontinuierliches Festhalten des Wahrgenommenen stattfindet“ (Ebd., S. 283).
5 Anmerkung dazu: expressis verbis in den Kapiteln 1 bis 3
4
Fakten in dem kunstvollen Streitgespräch dialogisch mit dem Ziel der Klärung durch den Richterspruch Gottes anordnet. 6
2. 1 Dialogisch und monologisch
Der Streit endet mit dem Schiedsspruch Gottes: In dem 33. Kapitel fällt Gott sein Urteil in der Rolle eines Richters zwischen den beiden Gegnern. Das Urteil Gottes impliziert zum einen das Verhältnis der Streitenden zueinander und zum anderen die Beziehung der beiden gegenüber Gott.
Dabei spricht er dem Ackermann „ere“ und dem Tod „syge“ 7 zu. Wie Gott zu seinem Urteil kommt und warum der Ackermann eine Entwicklung vollzieht, durch die ihm Ehre zuteil wird und der Tod möglicherweise aufgrund seiner determinierten Rolle keine Entwicklung vollzieht, soll im Folgenden diskutiert werden. Es steht erst einmal fest, dass der Streit durch den Richterspruch nicht geschlichtet oder entschieden wird, da beide Positionen ihre Berechtigung haben. Eine viel wichtigere Rolle spielt die Anerkennung Gottes, die er den beiden Streitenden erweist. 8
Die Ackermanndichtung kann man demnach in zwei Teile gliedern, die sich strukturell und inhaltlich voneinander unterscheiden. Mit Blick auf die Struktur ergibt sich ein dialogischer und ein monologischer Teil. Thematisch verlagern sich die Schwerpunkte, sofern in der ersten Hälfte danach gefragt wird, wie sich die Gewalt des Todes rechtfertigen lässt. Sozusagen stehen sich zwei Rechtsansprüche gegenüber: einerseits das Recht des Todes, andererseits das Recht auf Trauer des Ackermanns. Aus diesem Grund bildet der „monologische Zeterruf“ 9 in der zweiten Hälfte des Ackermanns den Mittelpunkt. Während der Tod sein Recht nur verteidigt, so muss der Ackermann sein Recht erst noch einfordern. Die beiden thematischen Wegweiser, Vernunft und Sinnlichkeit, nehmen eine scheinbar polarisierende Rolle 10 in dem auf vordringende Klärung ausgerichteten Streit ein. Einerseits repräsentiert der Tod die Vernunft, andererseits symbolisiert der Ackermann durch den
6 Anmerkung dazu: Exordium in den ersten beiden Kapiteln, Narratio Kapitel 3 bis 20, Argumentatio Kapitel 21
bis 29, Conclusio Kapitel 30 bis 32.
7 Tepl, Johannes von: Der Ackermann. Frühneuhochdeutsch/Neuhochdeutsch, hrsg., übers. und komment. v.
Christian Kiening, Stuttgart: Reclam, 2002, S. 75. Kapitel 33, Zeile 22. (Im Folgenden werden nur die Kapitel
und Zeilen als Kap., Z. angegeben.)
8 Vgl., Hahn, Gerhard: Die Einheit des Ackermann aus Böhmen. Studien zur Komposition, München: Beck,
1963, S. 108.
9 Burdach, Konrad: Vom Mittelalter zur Reformation. Forschung zur Geschichte der deutschen Bildung. 3. Band,
2. Teil, 2. Hälfte, Berlin: Weidmannsche Buchhandlung, 1932, S. 428.
10 Anmerkung dazu: Nach Kants Auffassung ist die Sinnlichkeit ein Erkenntnisvermögen eigener Art, das auch
Vorstellungen a priori gewähre, nämlich unsere reinen Anschauungen von Raum und Zeit. Andererseits ist die
Sinnlichkeit bei Kant „blind”, wenn sie ohne Verstand gedacht wird, so wie der Verstand „leer” ist, wenn nicht
die Sinnlichkeit den Bezug zu wirklichen Dingen herstellt. Nur in Beziehung aufeinander sind die beiden
Erkenntnisstämme wahrheitsfähig. (Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft. Hrsg. v. Raymund Schmidt,
Hamburg: Meiner, 1990, S. 94f/B 75, A51.)
5
affektbeladenen Umgang mit dem Verlust seiner Gattin, die Sinnlichkeit. Ob diese strikte Gegenüberstellung bis zum Schluss zutrifft, wird zu klären sein. Zunächst lässt sich die Frage stellen, welche unterschiedlichen Menschenbilder durch die Positionen der Diskutanten zum Ausdruck kommen. Der Tod seiner Gattin symbolisiert eine schicksalhafte, gegebene Situation, die ausgehend von zwei Perspektiven erfasst wird: durch die Vernunft (ratio, securitas) und durch den Affekt (timor, dolor, sensus). Demgemäß soll erörtert werden, mit welchen Argumenten die zwei psychologischen Haltungen, zum einen die Stimme der Ratio und die affektbefallene Klage, eine gegenseitige Akzeptanz einfordern. Der Ackermann ist blind vor Schmerz und ohne jeglichen Abstand davon. Das bringt ihn dazu, vom Tod Rechenschaft zum „Mord“ an seiner Frau zu fordern, was pars pro toto unmöglich ist. Zudem beschuldigt er den Tod ihm alles irdische Glück genommen zu haben und überhöht damit zugleich seine Frau zu einem Bild eines vollkommenen Menschen.
2.2 Das Personifizierungsproblem
Mit dem Ackermann meint Konrad Burdach, ein Begründer der Ackermannforschung, das erste Zeugnis humanistischer Grundhaltung in Deutschland zu erkennen. Die Kontroverse zwischen dem Tod und dem Ackermann sieht er stellvertretend für die Auseinandersetzung zwischen Altem und Neuem, Mittelalter und Renaissance, allerdings nicht in Form eines Streitgedichtes, sondern in Form eines Trostgedichtes. Wenn die vorliegende Arbeit die These von Burdach übernähme, die Ackermanndichtung als „ein poetisches Requiem“ 11 zu interpretieren, das auf einer Totenklage beruht, dann kann das nur unter der Annahme erfolgen, von einer autobiografischen Einheit auszugehen. Dem muss aber widersprochen werden, zumal sich an dieser Stelle die Schwachstelle in Burdachs Argumentation zeigt. Diese liegt eben darin, den Dichter mit dem Ackermann zu personifizieren 12 , den Burdach infolgedessen als einen Vertreter des Frühhumanismus und der Renaissance bewertet. Doch erweist es sich als problematisch, den Dichter mit dem Ackermann zu identifizieren und zugleich von einem Stilkunstwerk, ob nun von einem Trostgedicht, das die Assoziation des Lesers in die Richtung lenkt, von einem tatsächlichen Verlusterlebnis des Dichters auszugehen, oder von einem Streitgedicht zu sprechen. Dem ist entgegenzusetzen, dass es sich schließlich in der Form um ein kunstvolles Streitgespräch handelt. Dessen Bedeutungsgehalt kommt ferner ohne die spekulative Prämisse aus, von einer
11 Burdach, K.: Vom Mittelalter zur Reformation. Forschung zur Geschichte der deutschen Bildung (1932), S.
435.
12 „Der Saazer Dichter führt in seiner Klage wider den Ton sich ein unter der Maske eines Ackermanns.“
(Burdach, K.: Platonische, freireligiöse und persönliche Züge im „Ackermann aus Böhmen“, in: Der Ackermann
aus Böhmen, hrsg. v. E. Schwarz, S.160). Auch wenn der Dichter kein wirklicher Ackermann gewesen sei (Vgl.,
Ebd., S. 161).
6
„autobiografischen Triade“ 13 auszugehen, die sich unabhängig davon bereits aufgrund der schwierigen Quellenlage (16 Handschriften und 15 Druckausgaben des Ackermann-Textes) des Textes als ein indiskutables Vorhaben erweist. Die Urschrift ist verloren und die deutsche Überlieferung beruht auf einem Archetypus und nicht unmittelbar auf der Urschrift. 14 Deshalb handelt es sich vorwiegend um ein rhetorisches Kunstwerk als um einen autobiografischen Erlebnisbericht, deren Annahme in diesem Fall jede Wahrscheinlichkeitsaussage entbehren muss. 15 Mit anderen Worten: Der Wahrheitsgehalt ist nicht überprüfbar. Für die Beurteilung, ob es sich um stilvolle oder ‚schlechte’ Literatur handelt, spielen Wahrscheinlichkeitskriterien keine ausschlaggebende und textimmanente Rolle. Der Ackermanndichter selbst geht im Text nicht darauf ein, ob ein konkretes Erlebnis, der Verlust seiner Gattin, die Intention darstellt, dieses Werk zu verfassen. 16 Es kann somit getrost außer Acht gelassen werden.
3. Ordnungsvorstellungen
Anders als die Forschungsmeinung von Gerhard Hahn 17 , das Werk und den Autor weder in einen historischen Kontext einzuordnen noch ein historisches Urteil über den Autor zu fällen, wie Tepl Leben und Tod in seinem Werk behandelt, soll hier nicht gänzlich darauf verzichtet werden. Obwohl das nicht zu einem thematischen Schwerpunkt der Analyse erhoben wird, so kann man zumindest auf Textstellen aufmerksam machen, die darauf hinweisen, dass die beiden Figuren, der Tod und der Ackermann, stellvertretend für ein in der Zeit zu berücksichtigendes Menschenbild stehen. Möglicherweise lassen sich anhand der unterschiedlichen Wertvorstellungen Kriterien ermitteln, den „Ackermann aus Böhmen“ als ein Übergangswerk oder sogar als ein frühhumanistisches Werk der Renaissance zu erfassen. Für den Aspekt, es als ein frühreformatorisches Werk zu erfassen, spricht, dass die Heilsversprechen der Kirche keine bedeutende Rolle spielen. Die antiken Stilmuster und Philosopheme und der diesseitige Optimismus im Menschenbild, der insbesondere im 25.
13 Unter der „autobiographischen Triade“ versteht man, dass die Person gleichsam zu einem Protagonisten und
zu einem Erzähler der eigenen Lebensgeschichte wird. (Vgl., Thomä, Dieter: Erzähle dich selbst. Lebens-geschichte als philosophisches Problem, Frankfurt a. M: Suhrkamp, 2007, S. 27.)
14 Vgl., Schwarz, E. (Hg.): Der Ackermann aus Böhmen, S. 3.
15 Anmerkung dazu: „Der Leser, der ein literarisches Werk liest, betritt eine andere Welt, schlüpft in ein anderes
Subjekt als er selbst. […] für den Schriftsteller geht es darum, definierte und verständliche Aussagen der
unklaren Opazität des Nicht-Gesagten zu entreißen. Auf diese Weise erschafft er ein Objekt, das keinerlei
Realität birgt, ein Objekt, das in der Weise des Imaginären existiert […].“ (Beauvoir, Simone de: Das Alter. 4.
Aufl., Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2008, S. 521.)
16 Vgl., Schwarz, E. (Hg.): Der Ackermann aus Böhmen, S. 16.
17 Vgl., Hahn, Gerhard: Der Ackermann aus Böhmen des Johannes von Tepl. Darmstadt: Wissenschaftliche
Buchgesellschaft, 1984, S. 111.
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