Aufgabe 1
Das Wort ,Lebenskunst‘ ist ein Kompositum und setzt sich aus ,Leben‘ und ,Kunst‘ zusammen. Um zu verstehen, was Lebenskunst ist, erscheint es sinnvoll, sich mit der antiken Philosophie auseinanderzusetzen und zu klären, was die zwei genannten Begriffe (,Leben‘ und ,Kunst‘) dort bedeutet haben. Bitte beantworten Sie deshalb die Frage, was antike Lebenskunst ist, und zwar unter Bezugnahme auf John Sellars‘ Ausführungen zu ,Leben‘ und ,Kunst‘.
„ ... in antiquity philosophy was conceived by some as an art (τεχνη) concerned with one’s way of life (βιοζ)“ 1 .
In der Antike wird die Philosophie als Ausdrucksweise des Lebens betrachtet. Die Philosophie ist die Kunst, die das Leben (βιοζ) gestalten kann. Einen Zusammenhang zwischen der Philosophie und dem Leben kann zum Beispiel der Bart herstellen; für die antiken griechischen Philosophen ist der Bart das Merkmal, das sie als Philosophen auszeichnet, er wird je nach Ausrichtung der Schule getragen. „ ... philosophy [...] transforms every aspect of one’s behaviour, including one’s shaving habits“ 2 . Die Philosophie beeinflusst also die Lebensweise und das Verhalten des Einzelnen, auch wenn es sich um banale Dinge wie Rasiergewohnheiten handelt. Sie kann als Handwerk dienen, das Leben zu gestalten. Im antiken Verständnis wird die Philosophie als etwas betrachtet, das durch Handlungen, weniger durch Worte, ausgedrückt wird.
Sokrates entwickelt Ideen einer Lebenskunst, jedoch kein Konzept. Die Lebenskunst ist hauptsächlich mit dem βιοζ verbunden, Dinge wie Wissen und λογοζ stehen nicht im Vor-dergrund. Es geht um die grundsätzliche Frage, wie das Leben zu leben ist. Er sieht die Hauptaufgabe eines Philosophen darin, sich und andere zu prüfen, „Socrates suggests that the best thing that anyone can do is to examine oneself and others“ 3 . Ein Leben (βιοζ) ohne diese Art von Prüfung hingegen sei nicht lebenswert, es ist in eine philosophische Art des Lebens umzugestalten. „Socrates‘ project of examining himself and others may be characterized as a project that is concerned with taking care of one’s soul“ 4 . Dabei ist eine Unterscheidung zu treffen zwischen „taking care of oneself“ und „taking care what belongs to oneself“; Ansehen und Reichtümer gehören zum Beispiel nicht zu den Dingen, die für „the art of taking care of
1 Sellars, John: The Art of Living. The Stoics on the Nature and Function of Philosophy, Aldershot/Burlington
2003, S. 32.
2 ebd., S. 17.
3 ebd., S. 34.
4 ebd., S. 36.
1
oneself“ wichtig sind. 5 „The art of taking care of oneself“ erfordert „self-knowledge“, es ist eine Aktivität, die vom Wissen geleitet wird und Übung (Askese) verlangt; die Selbstsorge ist der tragende Faktor, der Philosophie und Leben miteinander verbindet. Eine Kunst zu erlernen ist für Sokrates mit λογοζ und ασκησιζ verbunden. Zum Lernen einer τεχνη gehören beide Komponenten. Es reicht nicht, theoretisches Wissen zu haben, Übungen sind erforderlich, um das Wissen in das Verhalten einzubringen.
Sokrates unterscheidet zwischen Körper und Seele und den dazugehörigen Künsten; die zur Seele gehörigen nennt er „politics“, die, die mit dem Körper verbunden sind, bezeichnet er als „gymnastics and medicine“; „the art of taking care of the soul will benefit the soul in a manner similar to the way in which medicine benefits the body“ 6 . So wie Medizin dem Körper zu einer Heilung verhilft, kann „the art of taking care of oneself“ eine Therapie für die Seele sein. Die Medizin verhält sich zur Gesundheit des Körpers analog wie die Philosophie zur Seele. Körper und Seele müssen beide intakt gehalten werden. Die Seele wird durch die Selbstsorge zum Positiven verändert.
Das antike Konzept der Lebenskunst ist hauptsächlich mit den Stoikern verbunden. Sie stellen das Leben als das Material der Lebenskunst dar. Das Leben ist dabei charakterisiert als „something within our power or `up to us`“ 7 , es gehört zum Individuum und sollte zum Mittelpunkt der Sorge des Menschen gemacht werden. Die Lebenskunst ist nicht nur mit dem βιοζ verbunden, sondern auch mit der Vortrefflichkeit (αρετη) des Menschen, die das ganze Leben beeinflusst. Ein allgemeiner Aspekt der stoischen Ethik besagt, dass „the principal desire of all animals and humans is for self-preservation. The thing most important to any animal is its own constitution“ 8 . Um sich zu konstituieren, hat der Mensch die αρετη zu nutzen.
Die Philosophie der Stoiker ist hauptsächlich mit „transforming one’s life (βιοζ)“ 9 ver-bunden. Dabei behalten sie Sokrates‘ Differenzierung zwischen den Künsten, die die Seele und denen, die den Körper betreffen, bei. Zudem betrachten auch sie Philosophie als etwas, das primär durch Handlungen, nicht durch Worte, zum Ausdruck gebracht wird. Das Ziel der stoischen Philosophie ist das Erlangen von Weisheit, so entwerfen sie auch das Ideal des „sage (σοϕοζ)“. Ihm gegenüber steht die „foolish majority“ 10 ; zwischen diesen beiden Ex-
5 vgl.ebd., S. 37/38.
6 ebd., S. 41.
7 ebd., S. 56.
8 ebd., S. 57.
9 ebd., S. 58.
10 ebd., S. 63.
2
tremen ist die Gruppe zu finden, deren Mitglieder die Weisheit zwar schätzen, jedoch trotzdem bei der „foolish majority“ einzuordnen sind, da sie dumm bleiben. Wie Sokrates sehen sie zwei Komponenten der Lebenskunst zugehörig, die philosophische Theorie (λογοζ) und die philosophische Übung (ασκηοιζ), zur Lebenskunst gehört Aktivität. Das Konzept der Lebenskunst wird jedoch auch kritisiert, zum Beispiel von Sextus Empiricus. Er führt als Argument gegen die Lebenskunst an, dass die verschiedenen philosophischen Schulen sich nicht auf „the precise nature of the art of living“ 11 einigen können, es ist nicht möglich, den verschiedenen Künsten zu folgen; die Wahl einer Lebenskunst würde eine andere Kunst benötigen. Zudem kritisiert er, dass die Lebenskunst nicht gelehrt werden kann, bevor sie nicht beherrscht wird. Wer nicht über Weisheit verfügt, kann sie auch nicht vermitteln. Als weiteres Argument führt er an, dass die Lebenskunst Eindrücke und Fassungskraft voraussetzt; wenn diese nicht verfügbar sind, ist auch die Lebenskunst nicht verfügbar. Als weiterer Kritikpunkt wird genannt, dass die Lebenskunst keine Handlungen hervorbringt, die für sie spezifisch sind, wie es von einer Kunst zu erwarten wäre. Da die Lebenskunst nicht zu realisieren ist, da die Handlungen, die sie einschließt, nicht ausgeübt werden können, ist sie laut Sextus Empiricus wertlos.
Diese skeptischen Einwände haben sich jedoch nicht durchsetzen können, so dass das Konzept der antiken Lebenskunst mit Sokrates und den Stoikern verbunden bleibt; die Philosophie wird als Kunst betrachtet, von der zu sagen ist,
„that the subject matter of this art is one’s soul and its goal is to transform or to take care of one’s soul. The product will be the transformed disposition of the soul, namely excellence or wisdom. This transformed disposition will, insofar as it constitutes an internal cause, necessarily impact upon an individual’s behaviour, expressing itself in their actions.“ 12
11 ebd., S. 88.
12 ebd., S. 168.
3
Aufgabe 2
Auf welchen Philosophen geht der Ausdruck „Ästhetik der Existenz“ zurück, und was könnte dieser Philosoph darunter verstanden haben?
Der Ausdruck „Ästhetik der Existenz“ wurde von Michel Foucault formuliert. Die Ästhetik der Existenz ist eine „Art von Ethik“ 13 . Ethik nennt Foucault dabei „die Art der Beziehung, die man zu sich haben sollte, der Selbstbezug, […], der bestimmt, wie das Individuum sich als Moralsubjekt seiner eigenen Handlungen konstituieren soll“ 14 . Das Selbst ist uns nicht gegeben, wir müssen uns selbst als Kunstwerk schaffen 15 , der Stoff dieses Kunstwerkes ist dabei das bios.
Die moderne Gesellschaft ist eine Gesellschaft der Regulierung, der Alltag wird in Zusammenhang mit Macht erlebt. „Macht ist Repression, sofern sie den autonomen Handlungs- und Freiheitsspielraum der Individuen einschränkt oder gar gegen Null gehen läßt“ 16 . Macht ist ein Eingriff, der die Freiheit des Individuums beschränkt. Durch die Befreiung aus Machtverhält-nissen könnte Freiheit möglich werden. Foucault geht deshalb es „um die Formen, die man seinem Leben selbst gibt, um dessen Gestaltung nicht dem Zugriff der Normen zu über-lassen“ 17 . Deshalb sind bei der Konstituierung des Subjekts die Selbsttechniken zentral. Es handelt sich um Techniken des Umgangs mit sich. Die Selbsttechniken sind Arbeit und Akti-vität, kein passiver Zustand. Foucault übernimmt den Begriff aus der Antike und aktualisiert ihn. In der Antike gibt es für Foucault eine Einheit von Ästhetik und Ethik, was für ihn ein Ideal darstellt. Das Ethikverständnis aus der Antike bezeichnet das Streben nach einer Indivi-dualethik, Ethik bezieht sich nicht auf ein gesellschaftliches System. Bei den Griechen wurde in der Lebenskunst „der Begriff der Ausübung einer vollkommenen Selbstbeherrschung bald zum Hauptthema“ 18 . In der Antike konstituiert sich das Subjekt unabhängig selbst, es wird nicht untergeordnet, in der modernen Sexualität hingegen wird es konstituiert.
So stellen die Selbsttechniken „Künste der Existenz“ dar, Praktiken, „mit denen sich die Menschen nicht nur die Regeln ihres Verhaltens festlegen, sondern sich selber zu transformieren,
13 [Ein Interview mit Michel Foucault:] Zur Genealogie der Ethik: Ein Überblick über laufende Arbeiten, in:
Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik, hrsg. von Hubert L. Dreyfus und Paul
Rabinow, 2. Aufl. Weinheim 1994, S. 267.
14 ebd., S. 275.
15 vgl. ebd., S. 274.
16 Fink-Eitel, Hinrich: Michel Foucault zur Einführung, 3. Aufl. Hamburg 1997, S. 103.
17 Schmid, Wilhelm: Auf der Suche nach einer neuen Lebenskunst. Die Frage nach dem Grund und die Neube-
gründung der Ethik bei Foucault, 2. Aufl. Frankfurt am Main 1992, S. 38.
18 Interview, S. 271.
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Arbeit zitieren:
Birte Jessen, 2006, Lebenskunst, München, GRIN Verlag GmbH
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