Inhalt
1. Einleitung: Malthusianismus als Wunschdenken. 3
2. Das Gebot des Leviathan. 4
3. Die Konsequenzen des Geborenseins. 5
4. Die Menschheit als Feigenblatt. 7
5. Die Vollendung des selbstzerstörerischen Wesens. 9
6. Geburt und Wiedergutmachung. 11
7. Schlusswort: Bürde und Würde des Selbstbewusstseins. 13
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1. Einleitung: Malthusianismus als Wunschdenken
Seit Thomas Robert Malthus´Abhandlung mit dem für seine Zeit typischen langen Titel "An essay on the principle of population as it affects the future improvement of society, with remarks on the speculations of Mr. Godwin, M. Condorcet, and other writers" ist die Bevölkerungsbombe aus dem allgemeinen Bewusstsein nicht mehr wegzudenken. Bevölkerungen haben angeblich die verhängnisvolle Eigenschaft, exponentiell zu wachsen. Da jedes Paar so viele Nachkommen wie möglich zu produzieren trachtet, verdoppelt sich die Gesamtbevökerung in einem stets endlichen Revier nach einer bestimmten Anzahl von Jahren. Produziert jedes Paar neun Nachkommen, von denen jeweils vier das reproduktionsfähige Alter erreichen, verdoppelt sich die Bevölkerung im Laufe nur einer Generation (und hier sind die eine Weile weiterhin am Leben bleibenden Elterngenerationen noch nicht mitgezählt). Nach hundert Jahren versechzehnfacht sich die Bevölkerung. Würde sich die Weltbevölkerung heute so vermehren, wie das Abendland zwischen Neuzeit und Moderne, gäbe es im Jahr 2111 bereits über hundert Milliarden Menschen auf der Erde. Würde sich die Bevölkerung weitherhin vermehren, gäbe es nach einer noch überschaubaren Zeit keinen Platz mehr im Universum: alles wäre mit menschlichen Körpern zugemüllt. Dies ist kein Scherz, sondern eine in den 1970-er Jahren durchaus ernst gemeinte Hochrechnung. Die malthusianische Platzangst sitzt tief in den Köpfen, und im Kopf des Verfassers vielleicht noch tiefer als gewöhnlich. Schon Johann Peter Süßmilch erkannte - vor Malthus - nüchtern in seinem Werk "Die Göttliche Ordnung in den Veränderungen des menschlichen Geschlechts, aus der Geburt, dem Tode und der Fortpflanzung desselben erwiesen", dass die Bevölkerungsdynamik keineswegs unbegrenzt weiterläuft, sondern sich an vernünftige, von der Natur und der vorherrschenden Lebensweise gesetzte Grenzen hält. Heute sind sämtliche Hungersnöte politisch verursacht, und es werden um ein Vielfaches mehr Lebensmittel aus Mangel an Bedarf vernichtet, als an Lebensmitteln nötig wäre, um jeden Erdenbürger satt zu bekommen. Im Jahre 2011 gibt es deutlich mehr übergewichtige als unterernährte Menschen auf der Welt. Mit anderen Worten: Malthus´ Bevölkerungsparanoia lässt sich bei näherer Betrachtung nicht logisch begründen, und dennoch ist gegen den Malthusianismus kein Kraut gewachsen. Dies hat somit tiefere Ursachen, als man auf den ersten Blick annehmen könnte. Um das moralische Körnchen Wahrheit im wissenschaftlich unhaltbaren Malthusianismus soll es in dieser Abhandlung gehen. Wir fragen uns, weshalb wir uns so sehr nach einer menschenleereren Welt sehnen, und welche Bedeutung der wiederkehrenden Furcht, die Kulturnation, der man selbst angehört, könnte aussterben, zukommt.
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2. Das Gebot des Leviathan
Das Alte Testament postuliert das Gebot "Du sollst nicht töten" als ein unhinterfragbares göttliches Gesetz. Seit der Neuzeit ist der im alten Griechenland begonnene Weg vom Mythos zum Logos vollzogen, und es darf, kann und muss alles hinterfragt werden. Thomas Hobbes begründet en passant das fünfte Gebot als logische Konsequenz der Tatsache, dass prinzipiell jeder jeden töten könnte, - du sollst nicht töten, auf dass du selbst nicht getötet wirst. Im Krieg aller gegen alle muss, so Hobbes, eine höhere irdische Macht dafür sorgen, dass die Menschen sich nicht gegenseitig umbringen, - ein Gewaltherrscher soll Gewalt verhindern. Warum töten Menschen? Krieg, Habgier und sexuelle Konkurrenz sind nur äußere Gründe, und erfassen den Menschen nur als ein heteronomes kreatürliches Wesen. Der Mensch ist seiner Selbst jedoch bewusster, als er es wahrhaben will. So wie es letztlich die Entscheidung des Selbstmörders selbst ist, in die Tiefe zu springen, und kein äußerer Grund zwingend zu einem Suizid führen kann, entscheidet ein Mensch autonom, ob er einen Mitmenschen umbringt oder nicht. Zu oft wird der Weg der Kooperation von Anfang an ausgeschlossen, als dass man vom Töten als ultima ratio sprechen könnte, zu bereitwillig bauen sich Menschen Feindbilder auf, um den Anderen als tötungswürdig auszuerkiesen. Zivilisationen entstehen und gehen unter, und ihren Platz nehmen Barbaren ein, die es mit dem Tötungsverbot nicht so genau halten. Die Vermutung, dass Kulturen im Laufe ihrer Entwicklung langsam an moralischer Überladung ersticken, ist zynisch, aber nicht von der Hand zu weisen. Dekadenz ist der Zustand, der eintritt, wenn die Opferbereitschaft einer ganzen Zivilisation durch ein Anspruchsdenken abgelöst wird. Die Inflation der Rechte seit der Französischen Revolution - von der Meinungsfreiheit bis zum Recht auf lebenslange staatliche Wohlfahrt - zeichnet einen eindeutigen Weg der abendländischen Dekadenz. Nicht der moralische Verfall, sondern die moralische Inflation kennzeichnet die Dekadenzphase einer Kultur; im Jahre 2011 gilt als Konsens, dass es nichts auf der Welt geben könnte, wofür man sein Leben opfern sollte. Zivilcourage gilt als wünschenswert, Opferbereitschaft als tollkühn. Ebenso ist es undenkbar, dass es geboten sein könnte, in einer bestimmten Situation einen Menschen zu töten; die Todesstrafe gilt als barbarisch. Hierin ist, so scheint es, der Grund aller postmodernen Weltuntergangserzählungen zu suchen: da wir selbst nicht mehr töten dürfen, soll es der Klimawandel für uns machen, oder die berüchtigte Bevölkerungsbombe. Der Leviathan hat sich zum politisch korrekten Moralwächter gemausert, er tötet nicht mehr, er droht mit der Klimakatastrophe und der Ressourcenknappheit.
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3. Die Konsequenzen des Geborenseins
Warum sterben Menschen? Dieser Frage wird man gewöhnlich mit biologischen Argumenten beikommen wollen, etwa mit dem Teufelspakt unserer Zellen mit den Mitochondrien, der Potenzierung der Replikationsfehler im Erbgut nach mehreren Zellteilungszyklen, oder, einfacher aber eleganter: weil Menschen sterblich sind. Doch auch dies ist eine Scheinantwort, die etwas Kontingentes als irreduzible Konstante voraussetzt: wir sterben, weil wir geboren werden. Wer niemals geboren wird, kann auch niemals sterben, auch wenn er ein mangelhaftes und sterbliches Wesen sein würde.
Das Beste sei, so Sophokles, nie geboren zu werden, das Zweitbeste, so schnell wie möglich wieder zu sterben. Nicht umsonst wünscht sich auch Goethes Faust, zerbrochen an Gretchens Leid, nie geboren worden zu sein. Spricht ein depressivistischer Pessimismus aus dem Munde dieser herausragenden Geister, oder sollten wir von unserer postmodernen psychologistischen Arroganz absehen, und ihnen besser eine tiefe Weisheit zugestehen? Der Tod ist kein Unfall, kein Resultat der Funktionsmängel im staatlichen Sicherheitsapparat, kein Scheitern der Medizin, sondern unsere conditio humana und unser finales Lebensziel. Jeder lebt für etwas anderes, aber der Mensch lebt, um zu sterben.
Um eine etwaige Sinnlosigkeit des Lebens, die der Verfasser trotz Gesagtem entschieden verneint, soll es in dieser Abhandlung nicht gehen: sobald man nämlich das Bewusstsein seiner Selbst erlangt hat, will man am Liebsten für immer am Leben bleiben, trotz aller möglichen Enttäuschungen und entgegen jeder Verzweiflung. Der Selbstmörder, weiß Schopenhauer, negiert nicht das Leben als solches, sondern nur ein bestimmtes unglückliches Leben, das er zufälligerweise sein nennen darf. Jedes Seiende will, so Spinoza, seine Existenz behaupten; jeder selbstbewusste Wille will, so Hegel, sich selbst. Deshalb ist nicht das Leben an sich in Frage zu stellen, sondern seine Weitergabe.
Der Tod ist unvermeidlich, sobald ein Mensch geboren wird. Wer einen Menschen tötet, begeht - was keiner Erklärung bedarf - eine höchst unmoralische Tat, und tut dennoch dem Schicksal des Getöteten nichts hinzu. Jedes Mordopfer wäre ohnehin irgendwann gestorben, aber jemand, der von einem bestimmten Menschenpaar nicht geboren wurde, wird deshalb nicht zwingend dank eines anderen Menschenpaares das Licht der Welt erblicken. Mit anderen Worten: das Geborenwerden ist - wertneutral - ein gravierenderer Einschnitt in das Schicksal eines Menschen, als das Getötetwerden. Irrelevant, ob es ein Fluch oder ein Segen ist, geboren zu werden, - wer bewusst neues Leben zur Welt bringt, spielt Gott. Die furchtbare, weil göttliche Macht, ein neues Leben zu erzeugen, geht zwingenderweise mit
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Arbeit zitieren:
B. A. Konstantin Karatajew, 2011, Malthus muss Recht haben!, München, GRIN Verlag GmbH
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