PISA aus Stanforder Sicht.
Annett Rischbieter
Inhaltsverzeichnis 1
I. Einleitung 2
II. Theorie der Weltgesellschaft 4
III. PISA als Kapitel eines globalen Bildungs-skripts 8
1. Was ist PISA 8
2. Versuch einer allgemeinen analytischen Anwendung 9
3. Versuch einer diskursanalytischen Annäherung an PISA 11
a) Fortschritt und Gerechtigkeit 11
b) Das selbständige Individuum 13
c) Rationalität und Steuerbarkeit 13
d) Verantwortung und Politik 14
IV. Fazit 17
V Literatur 18
1. Theorie 18
2. PISA 18
3. Sekundärliteratur 19
I. EINLEITUNG
Eine als seriös geltende internationale Organisation lässt eine enorme Anzahl 15jährige Schülerinnen1 einige Leistungstests durchführen, und in einem Land, in dem man besseres von den eigenen Sprösslingen erwartet hatte, läuten plötzlich sehr laut die Alarmglocken, in Feuilletons, Kantinen, und politischen Grundsatzpapieren. Eine überzogene Reaktion? Wieso gelingt kein Schulterzucken? Weshalb kann man die Ergebnisse nicht einfach annehmen und die eigene Gesellschaft hinfort weniger überschätzen? Warum glaubt man handeln zu müssen? Ein Erklärungsangebot lässt sich aus der von John Meyer und seinen Mitarbeitern entwickelten Weltgesellschaftstheorie ableiten. PISA ist demnach nicht lediglich eine Studie, die eine internationale Organisation durchgeführt hat und bei der “Deutschland” - nun ja - versagt hat. Die Bedeutung von PISA liegt an anderer Stelle. In PISA und den deutschen Reaktionen darauf kommen weltweite (oder zumindest OECD-weite, damit aber schon supranationale) Orientierungen zum Ausdruck, an PISA lassen sich Normen und Werte, Vorstellungen des Gewussten, Möglichen und Notwendigen ablesen, die unabhängig von nationalen Kulturen sind und mit der sich die jeweiligen Gesellschaften auseinandersetzen müssen. PISA ist in dieser Perspektive Teil eines Prozesses, der als Versuch betrachtet werden kann, einem transnationalen kulturellen, auf Bildung bezogenen Skript2 zu folgen. Dieses Skript hat, wie aus der Theorie deutlich werden wird, die Eigenheiten, sich zum einen zu wandeln und zum anderen nirgends fixiert zu sein. Deshalb möchte ich PISA als ein Phänomen behandeln, das man zur Annäherung an dieses Skript benutzen kann; ich möchte PISA als Ausdruck dieses Skripts interpretieren.
Es geht in dieser Arbeit nicht darum, Theorieentwicklung zu betreiben. Ich möchte nicht versuchen, eventuelle immanente Widersprüche von Meyers Theorie aufzudecken oder anhand von PISA Gegenargumente zu entwickeln. Dafür ist der Rahmen dieser Arbeit zu klein und würde meine Methode eine andere sein. Mein Erkenntnisinteresse in dieser Arbeit beschränkt sich darauf anzutesten, ob PISA als Phänomen unter der Meyerschen Makroperspektive betrachtet werden kann. Meine Fragestellung lautet also: Was spricht dafür, am Gesamtphänomen PISA das Wirken eines weltweiten Bildungsskripts festzumachen und wie drückt sich dies in Teilen des PISA-Diskurses aus? Mich interessieren dabei nicht die Inhalte der Reformvorschläge, sondern die Begründungen für ihre Notwendigkeit. Ich werde zunächst die Theorie der Weltgesellschaft von John W. Meyer et al. umreißen und zentrale Befunde der empirischen, bildungssoziologischen, Arbeit ansprechen (II). Im zweiten Teil versuche ich, die Stanforder Perspektive auf PISA als Gesamtphänomen anzuwenden, um zu sehen, ob sich PISA „an sich“ in die Vorstellung der Existenz von Skripten einordnen lässt. (3.2) Wenn ja, wie lässt sich dieses Skript in den Aussagen der PISA-Entwicklerinnen und im Diskurs darüber erhaschen (3.3)?
Mein Vorgehen kann dabei nur eine Annäherung sein. Ich kann in dieser Arbeit die Debatte um PISA nicht vollständig und systematisch untersuchen, und beschränke mich zudem auf Fachkreise. Dies hat zwei erkenntnistheoretische Grenzen: erstens finde ich nicht heraus, wie sich die öffentliche Diskussion von der der Fachwelt unterscheidet. Zum zweiten lässt sich nicht bestimmen, ob im Phänomen PISA auch eine spezifisch „deutsche“ Kultur zum Ausdruck kommt, denkbar wären: eine spezifisch deutsche Empiriegläubigkeit oder –skepsis, eine spezifisch deutsche Versagensangst oder Charakteristika deutschen agenda-settings. Wollte man Weltkultur dingfest machen – und ich will mich nur annähern - wäre es nötig, auch Diskurse in anderen Ländern unter dem Stanforder Blickwinkel zu interpretieren.3 Es gibt noch eine dritte Grenze, sie ist identisch mit der Grenze der Reichweite der PISAStudie. Länder der sogenannten Dritten Welt haben daran nicht teilgenommen. Definiert man Weltgesellschaft tatsächlich als ausnahmslos alle Länder betreffend (siehe II), so müsste man auch ihre bildungspolitischen Orientierungen in die Analyse einbeziehen.
II. THEORIE DER WELTGESELLSCHAFT
[...]
1 Anmerkung: In dieser Arbeit wird i.d.R. für Berufs-, Rollen-, und ähnliche Personenbezeichnungen die weibliche Form verwendet (Ausnahme: konkrete Gruppen ohne eine Frau). Männer und Intersexuelle sind selbstverständlich mitgemeint.
2 Die Rede von Skripten ist metaphorisch gemeint.
3 Dies wirkt zunächst als beweise es, was es voraussetzt. Doch: sucht man das Gemeinsame (siehe II) braucht man immer noch diskrete Vergleichseinheiten.
Arbeit zitieren:
M.A. Annett Rischbieter, 2003, PISA aus Stanford Sicht, München, GRIN Verlag GmbH
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