Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung 3
2. Ziele der Bauernbefreiung 4
2.1. Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation Russlands vor den Reformen 4
2.2. Absichten der Reformen 8
3. Bauernbefreiung und Modernisierung 10
3.1. Der Begriff der Moderne nach Peter Wagner 10
3.2. Befreiende und disziplinierende Elemente der Reformen zur Bauernbefreiung 11
4. Fazit 14
A Quellenverzeichnis 16
B Literaturverzeichnis 17
2
1. Einleitung
Die Reformen zur Bauernbefreiung in Russland ab 1861 gehören zu den größten Einschnitten in der Geschichte des Landes. 1 Mit der Aufhebung der Leibeigenschaft ging ein umfassendes Gesetzeswerk einher, das nicht nur den Agrarsektor, sondern auch die Bereiche des Militärs, der Bildung, der Infrastruktur, der territorialen Organisation und vieler anderer Gebiete umfassend reformierte. Das gesamte politische, soziale und ökonomische System Russlands wurde auf diesem Wege neu organisiert.
In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, in welchem Maße die Bauernbefreiung den Modernisierungsprozess in Russland vorangetrieben und ermöglicht hat. Wichtige Punkte der Arbeit werden eine kurze Analyse der Zustände vor der Befreiung sowie eine Beschreibung der Folgen des Gesetzeswerkes sein. Für die Beantwortung der Themenstellung ist es außerdem unerlässlich, die Absichten der Reformatoren zu untersuchen und in einen Zusammenhang zur Moderne zu stellen. Natürlich können weder eine Analyse der Verhältnisse vor den Reformen und die Ergebnisse selbiger noch eine außerdem notwendig kurze Charakterisierung der Moderne im Detail dargestellt werden, da dies zu umfassend wäre und den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Vielmehr soll eine beispielhafte Auswahl verschiedener Aspekte erfolgen, um aufzuzeigen, welche Wirkungen im Hinblick auf Modernisierung erzielt wurden.
Die erfolgten Untersuchungen zu Entwicklungen und Zusammenhängen beziehen sich auf den Zeitraum der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und sind geografisch auf die russischen Gebiete begrenzt. Die Angabe von Jahreszahlen erfolgt ausschließlich nach dem in Russland bis 1918 verwendeten julianischen Kalender. Als Quellengrundlage dient hauptsächlich die russische Gesetzessammlung, die ich in vergleichender Betrachtung zur Forschungsliteratur heranziehen werde. Im Fazit werden die erfolgten Untersuchungen dann abschließend zusammenfassend dargestellt werden.
Zunächst jedoch stellt sich die Frage, was wir unter einer Bauernbefreiung verstehen und warum diese als notwendig erachtet wurde. Eine allgemeine Zustandsbeschreibung ist nur schwer möglich, da man immer wieder mit dem Problem konfrontiert wird, einer gewissen Unschärfe von Begriffen gegenüber zu stehen. 2 Der Begriff des Adligen z.B. ist durchaus problematisch zu betrachten, da er nicht ausschließlich, wie im westlichen Europa, einen mit
1 Beyrau, Dietrich, Von der Leibeigenschaft zur frühindustriellen Gesellschaft, S. 13.
2 ebd.
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besonderen Rechten versehenen Geburtsstand beschreibt, sondern zu dieser Zeit in Russlandauch als Synonym für einen Grundbesitzer verwendet wird und umgekehrt. 3 Das Leben der Bauern hing von vielen verschiedenen Faktoren ab und war regional sehr unterschiedlich geprägt. Die Größe der Güter, das lokale Klima, die Intensität der Bewirtschaftung und die Ausstattung des Guts mit Seelen 4 waren die größten beeinflussenden Bedingungen des Arbeits- und damit auch Lebensalltages der Bauern. Grundlage jeder bäuerlichen Wirtschaft war dabei natürlich der Besitz von Land. 5 Wenn von einer Bauernbefreiung oder Agrarreform gesprochen wird, meint dies zunächst das Beenden bäuerlicher Untertänigkeitsbeziehungen und die Aufhebung der persönlichen Unfreiheit. 6 Mit dem Beenden des mittelalterlich-frühneuzeitlichen
Abhängigkeitsverhältnisses zwischen adligen Herren und der bäuerlichen Landbevölkerung gingen meist Reformprogramme zur Neuordnung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft einher, die den Durchbruch einer modernen und gewinnorientierten Landwirtschaft ermöglichten, die die Erträge erheblich steigern ließ. 7 Durch die Bevölkerungszunahme im
19. Jahrhundert war eine Bindung des Bauern an seine Scholle unmöglich geworden, und die Notwendigkeit einer effektiveren Landwirtschaft bedingte schließlich nach der Französischen Revolution das Einsetzen des Reformprozesses überall in Europa. 8 Es war der Beginn einer unumkehrbaren politischen und ökonomischen Veränderung in der gesamten westlichen Welt.
2. Ziele der Bauernbefreiung
2.1. Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation Russlands vor den Reformen
Untrennbar mit der gesellschaftlichen Analyse eines sich entwickelnden Staates ist in jedem Falle eine Zustandsbeschreibung verbunden. Der um 1860 tatsächlich in der Landwirtschaft beschäftigte Teil der russischen Bevölkerung lässt sich allerdings nur sehr schwer bestimmen, da unter dem Bauern eine Standeskategorie und Rechtssphäre und kein Beruf verstanden wurde. 9 Unter einem Bauern verstand man einen auf dem Land Lebenden, wobei Beruf und Vermögen nebensächlich waren. Ein Bauer musste also nicht zwangsläufig von der
3 Schreibert, Peter, Die russische Agrarreform, S. 95.
4 Der Reichtum eines Adligen wurde nicht in Land oder Geld bemessen, sondern in Seelen. Eine Seele ist eine
unfreie männliche Person, über die der Adlige in Form von z.B. Leibeigenschaft Besitzrechte ausübt.
5 Schreibert, Peter, Die russische Agrarreform, S. 17.
6 Hennig, Friedrich Wilhelm, Sowjetsystem und Demokratische Gesellschaft, Bd. 1, S. 600.
7 Brakensiek, Stefan/Mahlerwein, Gunther, Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 1, S. 122‐129.
8 Hennig, Friedrich Wilhelm, Sowjetsystem und Demokratische Gesellschaft, Bd. 1, S. 606.
9 Löwe, Heinz‐Dietrich, Die Lage der Bauern in Russland, S.9.
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Landwirtschaft leben, sondern konnte durchaus auch als Handwerker tätig sein. Es gab sogar Bauern, die so vermögend an Land waren, dass sie sich eigene Bauern oder sogar Leibeigene hielten, die für sie arbeiteten. 10 Das Bild vom "grundsätzlich armen Bauern" ist also definitiv nicht allgemeingültig anwendbar. Dennoch wird sich die Hausarbeit im Wesentlichen vereinfachend mit dem deutlich überwiegenden Teil der auf dem Feld arbeitenden Bauern beschäftigen. Die wichtigste Unterscheidung ist die zwischen einem freien Bauern und einem leibeigenen. Der in der vorliegenden Arbeit benutzte Begriff des Bauern und die Untersuchungen beziehen sich hauptsächlich auf den leibeigenen und unfreien Bauern. Ein Adliger hingegen konnte auch ein Gutsbesitzer sein, der nur ein extrem kleines Gut besaß und nur sehr wenige oder im Extremfall gar keine Leibeigenen besaß. 11 Alle Zahlen können uns daher nur eine ungefähre Vorstellung der Zustände liefern. 12 Wir wissen jedoch, dass 81% der Bevölkerung im russischen Agrarsektor tätig waren, was einen Spitzenwert darstellte, der in Europa längst überwunden war. Tatsächlich entsprach die Produktivität als Verhältnis von Aussaat und Ernte einem Verhältnis, das England schon in den 1750er Jahren hinter sich gelassen hatte. 13 Jedoch schwankten die tatsächlich erzielten Erträge in den Teilen der russischen Herrschaftsgebietes derart, dass eine Zahl der Gesamterträge kaum Aufschluss über die Verhältnisse im Einzelnen gibt. Waren die Schwarzerdengebiete durch ihre Fruchtbarkeit und ihr Klima stets am besten für die Landwirtschaft geeignet, gab es Gebiete wie den Norden und große Teile Sibiriens, die noch gänzlich unerschlossen oder für Agrarwirtschaft völlig ungeeignet waren. 14 Auch der Landbesitz, die Kindersterblichkeitsrate oder die Alphabetisierungsquote waren so unterschiedlich, 15 dass man kaum regional zusammenhängende Darstellungen vornehmen kann.
Diese regionale Unterschiedlichkeit gehört sicherlich bis heute zu einem der Grundprobleme russischer Politik und trifft Russland deutlich härter als andere Staaten, die innerhalb ihrer Grenzen ethnisch, geografisch, topografisch, klimatisch und im Bereich der Bodenschätze kaum derart differenzieren. Das Faktum der Grenzen war ohnehin eine weitere Schwierigkeit, denn Russland fehlten seine natürliche Grenzen vollständig. 16
10 Löwe, Heinz‐Dietrich, Die Lage der Bauern in Russland, S.32.
11 ebd. S. 56.
12 Schreibert, Peter, Die russische Agrarreform, S. 3.
13 Beyrau, Dietrich, Von der Leibeigenschaft zur frühindustriellen Gesellschaft, S. 19.
14 Schmidt, Christoph, Russische Geschichte, S. 121.
15 ebd. S. 84.
16 ebd. S. 116.
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Arbeit zitieren:
Maximilian Lörzer, 2011, Die Bauernbefreiung 1861 in Russland – wegweisende Reformen für den Modernisierungsprozess?, München, GRIN Verlag GmbH
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