2 Definitionen
In diesem Abschnitt wird eine Anzahl gebräuchlicher Definitionen von Migration, Integration und Anomie gegeben. Anschließend werden die Begriffe auf die für die vorliegende Problemstellung notwendige Begrenzung eingeengt.
2.1 Migration
Definitionen des Begriffes Migration findet man im Lexikon der Soziologie: 1
Migration, Wanderung, Bewegung von Individuen, Gruppen oder Gesellschaften (Bevölkerung) in geographischen und sozialen Raum, die mit einem ständigen oder vorübergehenden Wechsel des Wohnsitzes verbunden ist. M. ist Gegenstand verschiedener Disziplinen (Demographie, Ökonomie, Soziologie, Anthropologie, Völkerkunde, Statistik), die den Begriff in unterschiedlicher Weise gebrauchen. So wird M. beispielsweise definiert als [1] Wechsel eines Individuums oder einer Gruppe von einer Gesellschaft in eine andere (. . . );
[2] Wechsel von einer sozio-kulturellen Umgebung in eine andere, die sich grundsätzlich von der ersten unterscheidet und auf Grund der Distanz physische Kontakte unmöglich macht (. . . );
[3] Jeder freiwillige oder unfreiwillige, dauernde oder vorübergehende Wechsel des Wohnsitzes (. . . );
[4] Ständiger oder vorübergehender Wechsel des Wohnsitzes, worunter auch der Wohnsitzwechsel innerhalb eines Hauses zu verstehen ist (. . . ); Inwieweit M. zur sozialen Mobilität zu rechnen ist, wird in der Literatur nicht einheitlich beantwortet. Als Synonym für M. stehen Begriffe wie geographische, räumliche und im engeren Verständnis regionale Mobilität. Teilweise werden diese ohne Einschränkung mit dem Begriff der horizontalen Mobilität gleichgesetzt (. . . ), teilweise nur bedingt (. . . ).
Offensichtlich passt für die hier zu betrachtende Situation die „Teildefinition“ [1] in Verbindung mit [2] am ehesten, wobei aber anzumerken ist, das physische Kontakte durchaus möglich sind.
2.2 Integration
Der Begriff Integration wird sehr vielschichtig verwendet. 2 Vor allem gibt es „die Integration“ nicht nur in Zusammenhang mit Migration, sondern auch verschiedene
1 Fuchs et al. (1988) S. 502.
2 Fassmann (2006).
2
Arten von ihr. In dieser Arbeit wird Integration in folgender vereinfachender Weise gesehen: Integration bezeichnet einen Zustand der Einbindung (und gesellschaftlicher Akzeptanz) von Zuwandernden, der ihnen im Großen und Ganzen die gleichen Rechte, Möglichkeiten und Chancen bietet und indem die wesentlichen Grundnormen der Gesellschaften akzeptiert und respektiert werden.
Diese Punkte sollen hier kurz erörtert werden. Die „aufnehmende“ Gesellschaft fordert also etwas und gibt auch etwas. Umgekehrt geben Migranten etwas aber fordern auch etwas.
Was (vom Standpunkt der aufnehmenden Gesellschaft) gegeben werden muss, ist die rechtliche Gleichstellung und die Chancengleichheit (welche sowohl eine rechtliche Basis hat als auch auf alltäglichen Verhaltensweisen beruht). Gefordert wird von den zuwandernden Personen eine Akzeptanz und Einhaltung von bestimmten Grund-normen und eine Aufgabe von Verhaltensweisen und Normen, die eben genau diesen widersprechen.
Exakt in diesem Spannungsfeld liegen die Probleme des Alltags oder des praktischen Zusammenlebens verschiedener Gruppen. Sie rühren zu einem beachtlichen Teil aus der fehlenden Definition und der diffusen Formulierung der erwähnten Grundnormen her.
Ohne hier bestimmte Dinge ohne weitere, ausführliche Diskussion als solche Grund-normen erklären zu wollen, seien exemplarisch einige Punkte angesprochen, die eventuell als solche Grundnormen anzusehen sind: Staatliches Recht steht über religiösem Recht, Gleichstellung von Mann und Frau, Gewaltmonopol des Staates, Selbstbestimmungsrecht bei Volljährigkeit, keine Zwangsehen, u.ä. Ganz sicher gehören Kleidungs-normen nicht zu den Grundnormen (Stichwort Kopftuch).
2.3 Anomie
Im Lexikon zur Soziologie 3 findet man folgender Definitionen von Anomie:
Anomie, [1] Zustand der Regellosigkeit bzw. Normlosigkeit a) als Folge wachsender Arbeitsteilung; die Individuen stehen in ungenügend intimer und dauerhafter Beziehung, so dass sich kein System gemeinsamer Regeln entwickeln kann, b) als Folge der Ausweitung der menschlichen Bedürfnisse ins Unendliche. A. tritt besonders in Zeiten plötzlicher wirtschaftlicher Depression oder Prosperität auf und führt zu einer erhöhten Rate abweichenden Verhaltens (É. Durkheim).
[2] Zusammenbruch der kulturellen Ordnung in Form des Auseinanderklaffens von kulturell vorgegebenen Zielen und Werten einerseits und den
3 Fuchs et al. (1988) S. 44.
3
sozial erlaubten Möglichkeiten, diese Ziele und Werte zu erreichen, andererseits. Die Situation der A. übt auf die Individuen einen Druck zu abweichenden Verhalten aus und wird je nach Anerkennung oder Ablehnung der kulturellen Ziele und Werte der erlaubten Mittel durch verschiedene Formen der Anpassung bewältigt (R. K. Merton). [3] Bezeichnung für einen psychischen Zustand, der vor allem durch Gefühle der Einsamkeit, der Isoliertheit, der Fremdheit, der Orientierungslosigkeit sowie der Macht- und Hilflosigkeit gekennzeichnet ist. An Stelle dieses Begriffs der A. wird auch die Bezeichnung „Anomia“ (engl.: anomia) verwandt. Psychologische A. gilt als Folge der A. im soziologischen Sinne. Zur Messung psychologischer A. sind verschiedene, zumeist als „Anomieskalen“ bezeichnete Einstellungsskalen entwickelt worden (. . . ). [4] . . .
Für unsere Bedürfnisse scheint die Definition [2] am ehesten zu passen, wobei aber in der gegenwärtigen, österreichischen Situation sicherlich nicht von einem „Zusammenbruch der kulturellen“ Ordnung zu sprechen ist.
3 Anomie bei Durkheim
Bei Durkheim 4 findet man folgende einprägsame Aussage zu Ursache und Wirkung der Anomie:
... Zustand von Verbitterung und gereiztem Überdruss, der zu Anomie führt, kann je nach den Umständen sich entweder gegen den Betreffenden selbst oder gegen den Mitmenschen richten.
Hier ist schon klar erkenntlich, dass Anomie zwei Arten von Folgen haben kann: Entweder kriminelle Handlungen oder selbstdestruktive Aktionen (Selbstmord, Alkoholismus / Drogenkonsum, . . . ). Anomie geht nach Durkheim einher mit Verbitterung und Überdruss (Überdruss nicht aufgrund von Übersättigung sondern aufgrund von Mangel an bestimmten Dingen).
Des Weiteren sieht Durkheim die Gründe für Anomie folgendermaßen: 5
Anomie entsteht bekanntlich dadurch, daß es an bestimmten Stellen innerhalb der Gesellschaft an Kollektivkräften fehlt, das heißt an Gruppen, die zur Regelung des Lebens in der Gesellschaft geschaffen sind.
4 Durkheim (1973) S. 421.
5 Durkheim (1973) S. 454.
4
Für Durkheim liegt das Problem nicht in der materiellen Not an sich 6 sondern darin, dass Regeln, wie die Bedürfnisse (auch immaterieller Art) befriedigt werden können, fehlen. 7
Obwohl Durkheim seine Untersuchungen von Gesellschaften um 1890 8 durchführten und sich die Probleme damaliger Gesellschaften zweifellos erheblich von denen heutiger Gesellschaften unterscheiden, findet man dennoch einige Aussagen, die auch heute noch zutreffen und in der Analyse verwendet werden können (das auch dann, wenn man nicht bloß - so wie Durkheim - den Selbstmord als Folge im Auge hat). So kann man wohl vermuten, dass Migranten das Bedürfnis haben, einen bestimmten materiellen und gesellschaftlichen Status zu erreichen, der a) besser ist als der im Herkunftsland (vor allem in Bezug auf materielle Verhältnisse) und b) der sich in etwa mit dem der Einheimischen vergleichen lässt. Es stellt sich nun die Frage, welche Regeln sie vorfinden, deren Einhaltung ihnen die Bedürfnisbefriedigung mit einer gewissen Sicherheit garantiert. Der wirtschaftliche Anschluss wird sicher durch Sprachschwierigkeiten und Ausbildungsdefizite erschwert - und selbst dort, wo solche nicht gegeben sind, ist der Zugang zu gleichen Chancen aufgrund einer „gläsernen Wand“, die aus einer expliziten oder diffusen Ablehnung gebildet wird, versperrt. 9 Auch in Bezug auf das Bedürfnis nach einer „guten“ sozialen Stellung bzw. Anerkennung sehen sich Migranten aus bestimmten Kulturkreisen großen Problemen gegenüber. So können bestimmte soziale Normen ihrer Herkunftskultur nicht (mehr) gelebt werden aber andererseits wird ihnen aufgrund der von den Einheimischen gering geschätzten Herkunftskultur (eine Geringschätzung, die sich auch auf die Personen überträgt) der Zugang zu einem sozialen Aufstieg, einer sozialen Anerkennung verwehrt. Als Ausweg verbleibt dann etwa eine eher zwanghaft-verkrampfte Konzentration auf Muster der Herkunftskultur oder eine der Reaktionsformen, wie sie Merton beschreibt 10 .
Vor diesem Hintergrund sind „Boulevardaussagen“ wie „sie müssen sich integrieren“ inhaltsleer. Genau diese geforderte Integration wird verwehrt, indem es keinen oder nur einen schlecht geregelten Zugang zur (einheimischen) Gesellschaft gibt. Und in den Fällen, wo es dennoch gelingt, sich zu integrieren, wird nicht etwa aufgrund des Verhaltens die Integration abgesprochen, sondern aufgrund der Herkunft oder des Aussehens. Als Beispiel dafür soll auf den Fall von Arigona Zogaj aus den Jahren 2007 bis 2010 11 hingewiesen werden. Dieses Mädchen hätte wirklich nichts mehr tun können, um akzeptiert zu werden.
6 Durkheim (1973) S. 274.
7 Durkheim (1973) S. 279.
8 Wikipedia (2011b).
9 Siehe als Beispiel etwa Koc (2009) oder ORF Online (2011)
10 Siehe dazu Abschnitt 4, Seite 6 dieser Arbeit
11 Wikipedia (2011a).
5
Es erscheint denkbar, dass dieser Anomieansatz auch zur Definition von Integration herangezogen werden kann: Integration ist dann gegeben, wenn die Aufnahmegesellschaft a) den Migranten jene realistisch einhaltbaren Regeln nennt bzw. realistisch gangbare Wege bereitstellt, die sie zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse ermächtigt und b) Migranten durch die Befolgung dieser Regeln und Einhaltung der Wege gleiche Rechte und Pflichten wie die Einheimischen vorfinden.
Durkheim spricht von dem Fehlen von Kollektivkräften, die das gesellschaftliche Leben regeln und meint damit in erster Linie religiöse Institutionen. Ob dieser Bereich tatsächlich ein brauchbarer Ansatzpunkt für Integrationsfragen ist, scheint fraglich. Ein Problem besteht im unterschiedlichen Einfluss von religiösen Institutionen auf Einheimische bzw. Migranten. Wenn eine Gruppe eher säkular ausgerichtet ist, während die andere Gruppe religiöser orientiert ist, und wenn zudem unterschiedliche Religionen betroffen sind, dürfte die Religiosität in diesem Bereich eine eher unterge-ordnete Rolle spielen. Durkheim sah in dem Rückgang der gemeinsamen (oder sich inhaltlich sehr nahe stehenden Religionen wir Katholizismus und Protestantismus) Religiosität einen Grund für Anomie. Im Falle heutiger Migration ist das nicht unbedingt gegeben - zumindest in Mitteleuropa nicht. Religion bzw. deren Institutionen und Vertreter können zwar auf einzelne Gruppen einen Einfluss ausüben, aber kaum auf die Gesamtgesellschaft.
4 Anomie bei Merton
Robert King Merton baut in seinen Arbeiten zur Anomie auf Émile Durkheim auf und verfeinert diesen Ansatz. Zudem steht Merton (1910 bis 2003) alleine aufgrund seiner Schaffensperiode unseren modernen Gesellschaften näher als Durkheim. Merton sieht ähnlich wie Durkheim in dem Auseinanderklaffen von kulturellgesellschaftlichen Zielen und den Mitteln, die zur Erreichung eben dieser Zeile bereitstehen (bzw. den sozialen Normen, die den Weg zur Erreichung bestimmen) die Ursache von Anomie. Die Ziele sind sozusagen das, was in einer Gesellschaft als Erstrebenswert erscheint. Die sozialen Normen sind die Regeln, die das Erreichen dieser Ziele bestimmen.
Wenn es nun einen starken Zwang gibt, Ziele zu erreichen, aber die erlaubten Mittel (soziale Normen und Regeln) dies kaum oder gar nicht zulassen, dann spricht er von Anomie und diese kann zu unterschiedlichen Reaktionen führen (Reaktionen, die sich auf die Ziele oder die Wege zur Zielerreichung beziehen). Merton unterscheidet fünf Anpassungsformen an diese Differenz von Zielen und Mitteln: 12
Konformität: Die Betroffenen akzeptieren die Ziele und haben auch die Mittel, diese (potenziell) zu erreichen. Hier gibt es also keine Probleme.
12 Merton (1995) S. 135.
6
Arbeit zitieren:
Johann Murauer, 2011, Gegenwärtige Integrationsprobleme unter dem Blickwinkel der Anomietheorie, München, GRIN Verlag GmbH
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