Inhalt
0. Einleitung 2
1. Allgemeine Grundlagen zur Wortbildung 3
1.1 Wortbildung als morphologisch-strukturelles Verfahren 3
1.2 Ansätze in der Wortbildung: Generativismus und Strukturalismus 3
1.3 Die Rolle der Motivation 4
1.4 Wortbildungsmodell und Wortbildungsprodukt 5
1.5 Lexikalisierung 6
1.5.1 Wortbildungsbedeutung und Wortschatzbedeutung 7
1.5.2 Wortbildungssemantik 7
1.6 Wortbildung und Flexion 8
2. Wortbildung und Wortschatzerweiterung 9
2.1 Vorbemerkungen 9
2.2 Wortbildung mit Wortschatzerweiterung 9
2.2.1 Derivation 9
2.2.1.1 Semantische Regeln der Derivation 10
2.2.2 Konversion 10
2.2.3 Komposition 11
2.3 Wortschatzerweiterung ohne Wortbildung 11
2.3.1 Wortschöpfung 11
2.3.2 Erbwörter und Entlehnungen 12
2.4 Wortbildung mit relativer Wortschatzerweiterung 13
2.4.1 Wortkürzung 13
2.4.2 Produktive Wörter 14
3. Zusammenfassende Betrachtung 15
Literatur 17
1
0. Einleitung
Fragt man sich, wie das Sprachsystem funktioniert, so gelangt man zu der Erkenntnis, dass es sich um eine Kombination und ein Ineinandergreifen von einzelnen sprachlichen Einheiten handelt. Aus Lauten setzen sich Wörter zusammen, aus Wörtern wiederum Sätze, und schließlich werden ganze Sätze zu einem Text zusammengefügt.
Wird das Wort selbst analysiert und, soweit möglich, in seine Bestandteile zerlegt, spricht man von der Morphologie und Wortbildung. Sie umfasst die Formenlehre, das heißt die Flexionslehre und die Wortartenlehre, daneben auch die Wortbildungslehre. Während die Flexion verschiedene Formen desselben Wortes konstituiert (z.B. frz. je parle, nous parlons), entstehen durch Wortbildung neue Wörter.
Die Wortbildung ist sprachspezifisch unterschiedlich ausgeprägt. So verfügen zum Beispiel die romanischen Sprachen, die in der vorliegenden Arbeit als Veranschaulichung verwendet werden, über ein reiches Reservoir von Derivationsverfahren.
Die Arbeit untergliedert sich in zwei größere Teile. Zuerst werden allgemeine Grundlagen der Wortbildung aufgezeigt. Aufgrund der unzähligen Aspekte, die im Fall der Wortbildung behandelt werden könnten, habe ich mich auf einige wenige Punkte beschränkt. Eingehen werde ich auf die Wortbildung als Verfahren, dabei soll auch die Begriffsdefinition im Vordergrund stehen. Ein anderer zu behandelnder Punkt werden die beiden entscheidenden Ansätze sein, die sich in der Sprachwissenschaft im Hinblick auf die Wortbildung entwickelt haben. Des weiteren möchte ich auf die Begriffe der Motivation, des Wortbildungsmodells und der Lexikalisierung eingehen und versuchen zu klären, welche Rolle sie für die Wortbildungsmorphologie spielen. Darauf folgen dann Ausführungen zur
Wortbildungssemantik und der Abgrenzung der Flexion zur Wortbildung. Der Schwerpunkt des zweiten Teils der Arbeit befasst sich mit der Frage, wie stark die Wortbildung mit einer Erweiterung des Wortschatzes korrespondiert. Sie soll demnach eine Antwort auf die Frage geben, ob jede Wortbildung eine Lexikalisierung mit sich zieht. Wann kommt es bei der Wortbildung zu einer Erweiterung des Wortschatzes und wann nicht? Kann man Wortbildung überhaupt noch als einen Bereich der Morphologie und nicht vielmehr als einen der Lexikologie sehen? Somit besteht der zweite Teil in einer Beschreibung der Wortbildungsverfahren und ihrer Auswirkungen auf den Wortschatz. Mit einigen zusammenfassenden Betrachtungen werde ich die Arbeit sodann schließen. Anzumerken sei noch, dass ich für die folgenden Ausführungen die Definition der Wortbildung von Marchand zugrunde lege: „Word-formation is that branch of the science of language which studies the patterns on which a language forms new lexical units, i.e.
2
words.“ 1 Damit ist bereits ein wichtiger Aspekt der Arbeit vorweggenommen, nämlich, dass der Wortbildung eine “Zwischenstellung” zwischen Grammatik und Lexik zukommt. 2
1. Allgemeine Grundlagen zur Wortbildung
1.1 Wortbildung als morphologisch-strukturelles Verfahren
Die Prägung einer neuen Benennungseinheit geschieht mittels verschiedener Verfahren auf semantischer, syntaktischer oder morphologisch-struktureller Ebene. 3 Jeder der drei Prozesse greift dabei auf bereits vorhandenes Sprachmaterial zurück. Ich möchte kurz genauer auf diese einzelnen Verfahren eingehen: Das semantische Verfahren beinhaltet die Veränderung der Bedeutung eines Ausgangelementes. Dabei können auch Veränderungen in der Orthographie und der Flexion auftauchen. In einem neueren Wörterbuch findet man z.B. verschiedene Begriffe anders definiert als in einem älteren. In diesem Fall liegt die Homonymisierung vor, d.h. es existieren zwei gleichlautende Wörter mit unterschiedlicher Bedeutung. 4 Ein Beispiel dafür wäre das französische Wort souris.
Im Rahmen des syntaktischen Verfahrens steht der Wortartwechsel im Vordergrund. Dieser ist verbunden mit der Entstehung neuer Wörter. Die Begriffsklassen verändern sich. Substantiviert man z.B. das italienische Wort grande, erhält man grandezza. Die Begriffsklassenveränderung vollzieht sich in diesem Fall von durch den Wechsel von einer Eigenschaft zu einer Substanz. 5
Von Wortbildung im eigentlichen Sinne spricht man beim morphologisch-strukturierten Verfahren. Dabei wird in die formale Struktur eines Wortes eingegriffen. Diese Eingriffe sind gekoppelt an semantische und syntaktische Prozesse. Die zentralen Mechanismen wie Komposition oder Derivation werden im zweiten Teil der Arbeit näher beschrieben.
1.2 Ansätze in der Wortbildung: Generativismus und Strukturalismus
Ausgehend von der Tatsache, dass es in der Wortbildung um das „Prozesssystem“ 6 als solches, jedoch auch um die Menge, die sich aus solchen Prozessen ergibt, geht, kann man
1 MARCHAND, H. (1969): The categories and types of present-day English word-formation. 2 nd ed. München: Beck, 70.
2 HUNDSNURSCHER, F. (1977): „Zur Rolle der Wortarten im System der Perzeptionswörter“, in: BREKLE, H.E. / KASTOVSKY, D. (Hgg.) (1977a): Perspektiven der Wortbildungsforschung, Bonn: Bouvier, 83-97, hier: 83.
3 FLEISCHER, W. (2000): „Die Klassifikation von Wortbildungsprozessen“, in: BOOIJ, G./ LEHMANN, Ch./ MUGDAN, J. et al. (Hgg.) : Morphologie. Ein internationales Handbuch zur Flexion und Wortbildung, Bd.I, Berlin: De Gruyter (= BURKHARDT, A./ STEGER, H./ WIEGAND, H.E. (Hgg.): Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft (HSK), Bd.17.1 und 17.2), 1. Halbband, 886-897, hier: 886f.
4 STEIN, A. (1997): Einführung in die französische Sprachwissenschaft, Stuttgart: Metzler, 63.
5 FLEISCHER, W./ BARZ, I. (1995) : Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache, Tübingen: Niemeyer, 7.
6 BREKLE, H.E./ KASTOVSKY, D. (1977b): „Wortbildungsforschung: Entwicklung und Positionen“, in: BREKLE/ KASTOVSKY (1977a), 7-19, hier: 7.
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in der Sprachwissenschaft zwei Ansätze unterscheiden, die sich für die Wortbildung als entscheidend herausgestellt haben und in den Arbeiten der einzelnen Autoren, die sich mit der Wortbildung beschäftigen, wiederspiegeln: der generative und der strukturalistische Ansatz.
Der strukturalistische Ansatz geht statisch und rein deskriptiv vor, d.h. es geht ihm um die analytische Ermittlung der Wortstruktur. Bei diesem Ansatz erkennt man das Wort als reines Morphemgefüge. Im Gegensatz dazu legt die generative Wortbildungstheorie den Schwerpunkt mehr auf die Beschreibung der Prozesse als solche, die bei der Wortbildung von ganz bestimmten Basisformen ausgehen und durch eine Tiefenstruktur neue Wortformen ergeben. Generativisten fragen also nach der Dynamik: Wie wird etwas erzeugt, wie kommt es zustande (in unserem Fall hier Wörter)? Aus diesem Grund könnte man sagen, dass es sich bei letzterem um den kreativeren Ansatz der Wortbildung handelt. 7 Im Großen und Ganzen tendieren die Sprachwissenschaftler zu einer verstärkten generativen Betrachtung, bei der die Wortbildung eindeutig als ein Verfahren, ein Prozess, angesehen wird und der Perspektive der Analyse die der Synthese vorgezogen wird. 8
1.3 Die Rolle der Motivation
Um den Begriff der Motivation zu klären, empfiehlt es sich davon auszugehen, dass jedes sprachliche Zeichen eine materielle Gestalt und Bedeutung hat, d.h. es ist morphologischrelevant und in diesem Fall motiviert. 9 Für die Wortbildung bedeutet dies nun, dass „semantische Beziehungen zwischen den Zeichen auf paradigmatischer Ebene zustande kommen“. 10
Dies lässt sich anhand eines Beispiels am besten verdeutlichen: die grammatischen Formen des französischen Worts renverser, je renverse, il a renversé usw. sind ebenso wie das Lexem renversement durch die Beziehungen zwischen ihren Morphemen paradigmatisch miteinander verbunden.
Solche Morphemverbindungen, denen jeder, welcher der jeweiligen Sprache mächtig ist, die richtige Bedeutung zuordnen kann, nennt man motiviert, d.h. sie sind in der formalen und inhaltlichen Beschaffenheit durchschaubar, aus sich selbst verständlich. 11 Ein anderes Beispiel dafür ist das italienische Wort capostazione. 12 Das Kompositum ist motiviert, unmotiviert sind dagegen die einzelnen Bestandteile capo und stazione. Die
7 KÜRSCHNER, W. (1977): „Generative Transformationsgrammatik und die Wortbildungstheorie“, in: BREKLE/ KASTOVSKY (1977a), 129-139; MOTSCH, W.: „Ein Plädoyer für die Beschreibung von Wortbildungen auf der Grundlage des Lexikons“, in: BREKLE/ KASTOVSKY (1977a), 180-202, hier: 188.
8 LÜDTKE, J. (2001): „Morphologie II. Wortbildungslehre“, in: HOLTUS, G./ METZELIN, M./ SCHMITT, C. (Hgg.): Lexikon der Romanischen Linguistik (LRL), Bd. I, 1, Tübingen: Niemeyer, 765-781, hier: 766.
9 THIELE, J. (1993): Wortbildung der französischen Gegenwartssprache. 3rd ed. Leipzig: Langenscheidt, Verlag Enzyklopädie, 13.
10 Ebd., 14.
11 RAINER, F. (1993): Spanische Wortbildungslehre, Tübingen: Niemeyer, 16ff.
12 SEEWALD, U. (1996): Morphologie des Italienischen, Tübingen: Niemeyer, 111.
4
Bedeutungen dieser Wörter muss man nämlich entweder wissen oder im Lexikon nachschlagen. 13
Ob es sich bei einem Wort um Motivation handelt oder nicht kann man also daran feststellen, wie durchsichtig die Struktur des Wortes ist, d.h. ist nicht klar, wie es gebildet ist, aus welchen Bestandteilen es sich zusammensetzt, so ist es nicht motiviert. Im Lauf der Sprachgeschichte können ursprünglich motivierte Wörter, d.h. Wörter, die durchsichtig waren ihre Motivation verlieren, ihre Struktur lässt sich dann nicht mehr in klare Segmente zerlegen. 14 In diesem Fall spricht man von Demotivierung. 15
1.4 Wortbildungsmodell und Wortbildungsprodukt
„Das Wortbildungsmodell ist eine stabile Struktur, die über eine verallgemeinerte lexikalisch-kategoriale (designative) Bedeutung verfügt und geeignet ist, mit verschiedenem lexikalischen Material ausgefüllt zu werden.“ 16 Vereinfacht bedeutet die Aussage von Stepanowa, dass Wortbildungsmodelle bestimmte Strukturschemen sind, nach welchen Reihen gleichstrukturierter Wortbildungsprodukte mit unterschiedlichem lexikalischem Material erzeugt werden können. 17
Beispiele solcher Strukturschemen im Französischen und Italienischen sind 18 :
a) Verbstamm und Adjektivsuffix - able: utiliser -> utilisable (frz.)
b) Verbale Präfixbildung mit pré- : venir -> prévenir (frz.)
c) Nomenbildung mit -tór-: vincere -> vincitore (it.)
Wenn man die Liste der möglichen Modelle ergänzt, merkt man bald, dass Wörter nicht einfach beliebig aus willkürlich ausgewählten Morphemen zusammengesetzt sind, sondern dass sie den Wortbildungsmodellen unterliegen und so an feste Kombinationsregeln gebunden sind. 19 Fasst man all diese Regeln zusammen, nach denen in einer bestimmten Sprache Morpheme zusammengesetzt werden können, spricht man von der Wortgrammatik einer Sprache. 20 Durch eine bestimmte Wortbildungsregel wird das Produkt der Wortbildung in eine bestimmte Klasse der Wortarten eingeführt: Nomina, Adjektive, Verben oder Adverbien. 21 Wortbildungsprodukte fungieren sodann als „Wörter eines Wortschatzes“, d.h. sie haben nun eine Wortschatzbedeutung (siehe Kapitel 1.5.1).
13 FLEISCHER/ BARZ (1995), 11.
14 SEEWALD (1996), 40.
15 SCHPAK-DOLT, N. (1992): Einführung in die französische Morphologie, Tübingen: Niemeyer, 40.
16 STEPANOWA, M.D. (1973): Methoden der synchronen Wortschatzanalyse, München: Hueber, 109.
17 FLEISCHER/ BARZ (1995), 53.
18 GECKELER, H.: „Zur Frage der Lücken im System der Wortbildung“, in: BREKLE/ KASTOVSKY (1977a), 70-82, hier: 76 ff.
19 SEEWALD (1996), 39.
20 SCHWARZE (1995): Grammatik der italienischen Sprachen, Tübingen: Niemeyer, 486.
21 Ebd., 488.
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Arbeit zitieren:
M.A. Christine Koch, 2005, Die Bedeutung der Wortbildung und ihre Auswirkungen auf den Wortschatz am Beispiel romanischer Sprachen, München, GRIN Verlag GmbH
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