Zeitintervall-Semantik
von Michael Kaiser
Inhalt
1. Einleitung 3
2. Die grundlegende Einheit temporaler Bezüge 3
3. Zeitintervalle 5
3.1. Definition eines Zeitintervalls 5
3.2. Randpunkte eines Intervalls 6
3.3. Wahrheitsintervalle 7
3.4. Erweiterung des temporalen Modells 7
4. Temporale Strukturen verbaler Prädikate 9
5. Literatur 12
1. Einleitung
In einem semantischen Modell, das den Faktor Zeit beinhalten soll, müssen neue Elemente hinzugefügt werden. Eine Menge T von Zeitpunkten t1, t2, t3 etc. können von der Sprechzeit aus betrachtet in der Vergangenheit oder Zukunft liegen. Zur Sortierung der Abfolge jener Zeitpunkte muss eine Ordnungsrelation liegt vor oder liegt nach über der Menge T definiert werden: t1 < t2 bedeutet somit, dass der Zeitpunkt t1 zeitlich vor dem Zeitpunkt t2 liegt. Zeitachse T: [Abbildung in Downloaddatei vorhanden]
Bei genauer Betrachtung dieses einfachen temporalen Modells zeigt sich, dass es zur Darstellung bestimmter Ereignisse oder Handlungen nicht ausreicht: Zu einem bestimmten Zeitpunkt t1 lässt sich zwar bewerten, ob etwa der Satz Helga tanzt wahr ist. Die Punktualität der Zeitachse mit den Punkten t1, t2, t3 etc. entspricht im Grunde jedoch nicht dem Tanz-Ereignis, das stets über einen längeren Zeitraum ausgedehnt stattfindet. Will man die Bedeutung von tanzen ermitteln, so ist ein Modell, dessen wesentliche Bestandteile Zeitpunkte sind, nicht hinreichend. Die vorliegende Arbeit wird daher ein temporales Modell darstellen, dessen Grundelemente nicht Zeitpunkte sondern Zeitintervalle sein sollen, mit dessen Hilfe sich beispielsweise das Ereignis tanzen darstellen lassen kann. Die Darstellung und Syntax soll hierbei insbesondere aus Horst Lohnsteins Einführung „Formale Semantik und natürliche Sprache“ entnommen sein.
2. Die grundlegende Einheit temporaler Bezüge
Das in der Einleitung gezeigte temporale Modell ist nicht adäquat, um den Satz Helga tanzt hinreichend darzustellen. Ereignisse, Situationen und auch Zustände haben eine zeitliche Ausdehnung: Schlafen, spielen oder genesen t1 t2 t3 t0 t4 t5 t6 Vergangenheit Gegenwart Zukunft erfolgen nicht punktuell, sondern lassen sich nur angemessen formulieren, wenn sie unter Verwendung längerer Zeiträume beschrieben werden. Helga tanzt geschieht beispielsweise nicht an einem Zeitpunkt, sondern an einer ganzen Reihe von Zeitpunkten, die zusammengehören: Betrachtete man eine Fotografie, die entstand, während Helga tanzt, könnte man aufgrund der festgehaltenen Abbildung wahrscheinlich vermuten, dass die Person auf dem Bild tanzt. Eine gesicherte Aussage, ob die Dame auf der Fotografie nun wirklich tanzt, würde ein Wagnis darstellen. Festgehalten wurde nämlich nur eine bestimmte Körperhaltung, nicht aber das Ereignis Tanzen, das aus einer Reihe von verschiedenen Bewegungen und Körperhaltungen – einer Sequenz von verschiedenen Schritten also – bestünde. Sähe man sich jedoch eine Filmaufnahme an, die eine ganze Reihe von Einzelbildern über einen Zeitraum hinweg zeigte, ließe sich aus der Abfolge der einzelnen Darstellungen der Eindruck eines tanzenden Menschen ableiten. Entscheidend ist somit die Verfolgung des Ereignisses über einen Zeitraum oder ein Intervall hinweg.
Da sich eine große Anzahl von Ereignissen nur über die Betrachtung von Zeitintervallen hin darstellen lassen, stellt sich somit die Frage, ob Zeitpunkte oder nicht vielmehr Zeitintervalle die grundlegenden Einheiten sind, mit deren Hilfe temporale Bezüge zu deuten sind. Der Satz Helga tanzt deutet darauf hin, dass Zeitpunkte als elementare Einheit nicht geeignet sind. Betrachtet man weiterhin die Wahrheitswerte von Prozessen zu bestimmten Zeitpunkten, zeigt sich, dass zu einem Zeitpunkt t ein Prozess nicht als wahr oder falsch deklariert werden kann.
Beispiel: Helgas Fieber sank.
[...]
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Michael Kaiser, 2002, Zeitintervall-Semantik, Munich, GRIN Publishing GmbH
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