Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Wittgensteins Kritik am Augustinischen Sprachkonzept 2
2.1 Das Augustinische (Abbildungs-)Modell der Sprache 2
2.2 Dekonstruktion einer traditionellen Sprachtheorie 3
3. Philosophische Bedeutung 8
4. Schlussbetrachtung 11
Literaturverzeichnis 13
1 Einleitung
Worin besteht das Wesen respektive die Funktionsweise der menschlichen Sprache? Was ist die Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks, und wie wird dessen Verständnis ermöglicht? Derartige Fragen haben innerhalb der Philosophiegeschichte den Gegenstandsbereich sprachphilosophischer Bemühungen dargestellt. Einen hohen Stellenwert betreffs dieser Thematik nimmt das als Klassiker der Philosophie geltende spätphilosophische Hauptwerk Ludwig Wittgensteins ein: die Philosophischen Untersuchungen (fortan PU). 1
Dort beabsichtigt Wittgenstein, Aufklärung und Klarheit über die Sprache zu erlangen, da durch den (metaphysischen) Gebrauch, den Philosophierende von ihr machen, philosophische Schwierigkeiten erzeugt werden können, die zu Orientierungslosigkeit führen. 2 Ein falsches Verständnis unserer Sprache sowie ihrer Funktionsweise kann zu einem falschem Menschheits- und Gesellschaftsbild führen, weshalb es gemäß Wittgensteins Auffassung die Mission des Philosophen ist, falsche Annahmen und Irrmeinungen diesbezüglich zu beseitigen. 3
Zu diesem Zweck setzt sich Wittgenstein zu Beginn der PU mit einer bestimmten Irrmeinung über das Funktionieren der menschlichen Sprache kritisch auseinander: jener des christlichen Kirchenlehrers und Philosophen Augustinus. 4 Im Zusammenhang dieser Thematik ist es das Ziel der vorliegenden Arbeit, folgende Fragestellung zu untersuchen: Worin besteht Wittgensteins Kritik an der Augustinischen Auffassung von Sprache und wodurch wird diese begründet? Zur Beantwortung dieser Untersuchungsfrage wird wie folgt vorgegangen: Zunächst wird dargestellt, welche Auffassung bzw. welches Sprachbild von Augustinus vertreten wird (vgl. 2.1), um daran anknüpfend sowohl Wittgensteins Kritikpunkte, als auch deren Begründung aufzuführen (vgl. 2.2). Auf dieser Basis befasst sich anschließend das dritte Kapitel damit, einen Überblick darüber zu verschaffen, wie der Stellenwert und die Fruchtbarkeit der kritischen Anmerkungen Wittgensteins zu Augustinus bzw. seine daraus resultierenden sprachphilosophischen Einsichten aus
philosophiehistorischer Perspektive einzuschätzen sind. Schließlich endet die
1 Vgl. Kellerwessel, Wulf (2009): Wittgensteins Sprachphilosophie in den „Philosophischen Untersuchungen“. Eine kommentierende Ersteinführung. Frankfurt: ontos verlag, S. 11.
2 Vgl. ebd., S. 27 f.
3 Vgl. Ross, John J. (2009): Reading Wittgenstein’s Philosophical Investigations. A Beginner’s Guide. Lanham, Maryland: Lexington Books, S. 13.
4 Vgl. Kellerwessel, Wulf (2009): a.a.O., S. 38.
1
Untersuchung mit einer Schlussbetrachtung im vierten Kapitel, welche mit Rückgriff auf die zentrale Fragestellung die erarbeiteten Ergebnisse kurz zusammenfasst.
2 Wittgensteins Kritik am Augustinischen Sprachkonzept
Im Folgenden soll Wittgensteins Kritik an der Augustinischen Auffassung von Sprache erörtert werden. Hierfür wird zunächst eine Darstellung dieses Konzeptes geliefert, um im Anschluss daran Wittgensteins kritische Anmerkungen zu präsentieren.
2.1 Das Augustinische (Abbildungs-)Modell der Sprache
Um seiner Intention, „[…] zunächst […] ein angemessenes Bild unserer Sprache zu gewinnen“ 5 , gerecht zu werden, lässt Wittgenstein seine PU mit einem Zitat von Augustinus aus den Confessiones beginnen. In dieser Passage beschreibt der Kirchenvater, „[…] wie er als Kind die Bedeutung seiner ersten Wörter erfaßt hat“ 6 und vermittelt auf diese Weise, so Wittgenstein, „[…] ein bestimmtes Bild von dem Wesen der menschlichen Sprache.“ 7 Die besagte Passage lautet folgendermaßen:
„Nannten die Erwachsenen irgend einen Gegenstand und wandten sie sich dabei ihm zu, so nahm ich das wahr und ich begriff, daß der Gegenstand durch Laute, die sie aussprachen, bezeichnet wurde, da sie auf ihn hinweisen wollten. Dies aber entnahm ich aus ihren Gebärden, der natürlichen Sprache aller Völker, der Sprache, die durch Mienen- und Augenspiel, durch die Bewegungen der Glieder und den Klang der Stimme die Empfindungen der Seele anzeigt, wenn diese irgend etwas begehrt, oder festhält, oder zurückweist, oder flieht. So lernte ich nach und nach verstehen, welche Dinge die Wörter bezeichneten, die ich wieder und wieder, an ihren bestimmten Stellen in verschiedenen Sätzen, aussprechen hörte. Und ich brachte, als nun mein Mund sich an diese Zeichen gewöhnt hatte, durch sie meine Wünsche zum Ausdruck.“ 8
Vor diesem Hintergrund lässt sich Folgendes anmerken: „In the quoted section Augustine describes learning language through finding out the names of things […]“ 9 ; genauer: „Spracherwerb erscheint […] als das Erlernen von Bezeichnungen für Dinge […].“ 10 Folglich sind „Wörter […] nicht mehr als Benennungen von Gegenständen […]“ 11 , wobei die Relation zwischen Name und Gegenstand durch Zeige- bzw.
5 Vgl. Kellerwessel, Wulf (2009): a.a.O., S. 38.
6 Gebauer, Gunter (2009): Wittgensteins anthropologisches Denken. München: Beck, S. 14.
7 PU § 1, 2. Abs.
8 PU § 1; Übersetzung des Augustinus-Zitats. Hervorhebung im Original.
9 Ross, John J. (2009): Reading Wittgenstein’s Philosophical Investigations. A Beginner’s Guide. Lanham, Maryland: Lexington Books, S. 11.
10 Kellerwessel, Wulf (2009): a.a.O., S. 39.
11 Goppelsröder, Fabian (2007): Zwischen Sagen und Zeigen. Wittgensteins Weg von der literarischen zur dichtenden Philosophie. Bielefeld: transcript, S. 65.
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Benennungshandlungen hergestellt wird, wodurch mentale Repräsentationen erzeugt werden; ferner werden Sätze durch die Verbindungen von Namen konstituiert. 12 Dementsprechend lässt sich zum einen konstatieren, dass die primäre Funktion der Sprache, die von der Augustinischen Sprachauffassung offenbar impliziert wird, in der Abbildung (Darstellung) der Wirklichkeit bzw. Bezeichnung von Alltagsgegenständen liegt; zum anderen wird gemäß diesem Konzept der Erwerb einer Sprache durch kognitive Leistungen ermöglicht, durch welche die Sprache-Welt-Verbindungen geistig (mental) erfasst werden. 13
Des Weiteren verbergen sich nach Wittgenstein hinter diesem Sprachmodell „[…] die Wurzeln einer philosophischen Idee von der Bedeutung eines Wortes“ 14 , welche er wie folgt darstellt: „Jedes Wort hat eine Bedeutung. Diese Bedeutung ist dem Wort zugeordnet. Sie ist der Gegenstand, für welchen das Wort steht.“ 15 Diese (Referenz-)Theorie der Bedeutung, die das Bedeuten allein durch das Bezeichnen erklärt, bildet schließlich den Ausgangspunkt für Wittgensteins kritische Überlegungen zu dem beschriebenen Sprachmodell 16 , welche im nächsten Abschnitt demonstriert werden.
2.2 Dekonstruktion einer traditionellen Sprachtheorie
Zu Beginn des vorliegenden Abschnitts sollte zunächst berücksichtigt werden, „[…] daß das Bild [vom Wesen der Sprache; C. R.] nicht von Augustinus selbst gegeben wird.“ 17 Anders ausgedrückt: Wittgensteins Kritik richtet sich nicht auf eine bestimmte Bedeutungstheorie der Sprache; vielmehr repräsentiert Augustinus‘ Passus paradigmatisch die gemäß Wittgensteins Auffassung lang vorherrschende philosophische Vorstellung, dass Wörter nur durch Benennung bzw. Bezugnahme (Referenz) Bedeutung erlangen. 18 Insofern betrifft seine Kritik zugleich „[d]ie traditionelle Sprachtheorie, wie man sie bei Platon, Aristoteles, Kant, in der Port-Royal-Schule findet […].“ 19
12 Vgl. Kellerwessel, Wulf (2009): a.a.O., S. 39.
13 Vgl. ebd., S. 38 f.
14 Raatzsch, Richard (1998): Wittgensteins Philosophieren über das Philosophieren: Die Paragraphen 89 bis 133. In: Savigny, von Eike [Hrsg.]: Ludwig Wittgenstein. Philosophische Untersuchungen. Berlin: Akademie Verlag, S. 78. Hervorhebung getilgt.
15 PU § 1, 2. Abs.
16 Vgl. hierzu auch Kellerwessel, Wulf (2009): a.a.O., S. 288 f.
17 Raatzsch, Richard (1998): a.a.O., S. 78.
18 Vgl. Ross, John J. (2009): a.a.O., S. 11.
19 Gloy, Karen (2006): Grundlagen der Gegenwartsphilosophie. Eine Einführung. Paderborn: Wilhelm Fink Verlag, S. 127.
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Arbeit zitieren:
Christian Reimann, 2011, Wittgensteins Kritik an der Augustinischen Sprachauffassung in den "Philosophischen Untersuchungen", München, GRIN Verlag GmbH
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