Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Judas - Verräter, Opfer oder Heiliger? 4
2.1 Judas als Verräter 4
2.2 Judas als Opfer 5
2.3 Judas als Heiliger 6
3. Leben und Wirken des Judas Iskariot 7
3.1 Der historische Judas 7
3.2 Der Judas der Synoptiker 9
3.2.1 Markus 9
3.2.2 Matthäus 13
3.2.3 Lukas 18
3.3 Exkurs: Johannes 21
3.4 Ein Zwischenfazit 25
4. Theologisch - Systematische Aspekte des „Fall
Judas “ 27
4.1 Der Heilsplan Gottes 27
4.2 Gottes Gnade und menschliche Freiheit 28
4.3 Jeder Mensch ist Judas 31
5. Literarische Aspekte des „Fall Judas“ 33
5.1 Walter Jens - Der Fall Judas 33
5.1.1 Aufbau und Aussagen des fiktiven Berichtes 35
5.1.2 Reaktionen auf Walter Jens und den Fall Judas 41
5.2 Weitere literarische Auslegungen des Judas Iskariot 43
5.2.1 Die Bibel nach Biff 43
5.2.2 Das Evangelium nach Pilatus 45
6. Judas Iskariot: Verräter, Opfer, Heiliger - ein Fazit
48
7. Literaturverzeichnis 51
1
1. Einleitung
Judas Iskariot 1 ist eine der rätselhaftesten Gestalten im Neuen Testament 2 , sein Name, wenn man ihn hört oder liest, ruft eine Vielzahl unterschiedlichster Assoziationen hervor. Kaum eine andere Person der biblischen Geschichten hat Theologen und Schriftsteller immer neu zum Nachdenken angeregt. Auch nach 2000 Jahren spielt Judas eine wichtige Rolle. Gibt man den Namen in eine Suchmaschine im Internet ein, erhält man unzählige Treffer. 3
Warum geht von Judas eine solche Faszination aus, dass die unterschiedlichsten Wege im Verlauf der Auslegungs- und Wirkungsgeschichte bestritten worden sind? 4
Der Titel meiner Arbeit entspringt einem Buch, in dem es um Judas geht. Geschrieben und veröffentlicht wurde es in den siebziger Jahren von Walter Jens und trug eben diesen Titel Der Fall Judas.
Ziel meiner Arbeit soll es sein unterschiedliche Auslegungen des Judas wiederzugeben, sowohl anhand von theologischen als auch literarischen Aspekten. Damit beginne ich in Punkt 2. An dieser Stelle möchte ich jedoch deutlich machen, dass es sich hierbei lediglich um von mir bewusst übertrieben gewählte Behauptungen handelt. Sie sollen provokativen Charakter haben und die gegensätzlichen Darstellungen von Judas und seiner Tat verdeutlichen.
Um festzustellen wie es zu dieser Vielzahl von Judasgestalten kommen konnte, denn „dieser Judas, so scheint es, hat tausend Gesichter“ 5 , beleuchte ich in Punkt 3 das Leben und Wirken des Judas. Hier versuche ich herauszufinden, ob Judas historisch zu belegen ist und gehe anschließend ausführlich auf die Darstellung des Judas der vier Evangelisten ein.
1 Für den Beinamen „Iskariot“ sind verschiedene Schreibweisen bekannt (siehe auch Punkt 3.1 dieser Arbeit). Ich habe mich für die Schreibweise Martin Meisers entschieden.
2 Vgl. Heitmüller in: RGG 1 , 1912; S. 795.
3 Vgl. Fenske, Wolfgang, 1999; S. 7.
4 Vgl. Klauck, Hans-Josej, 1987; S. 15.
5 Jens, Walter, 1975; S. 57.
2
In einem Zwischenfazit werde ich versuchen eine Zusammenfassung des Judas, wie er bei den Evangelisten dargestellt wird, wiederzugeben. Da ich weder des Hebräischen, noch des Aramäischen und Griechischen mächtig bin, kann ich keine fundierte Aussage über Traditionsgut oder redaktionelle Eingriffe treffen. Aus der von mir für diese Arbeit verwendeten Sekundärliteratur 6 ist mir jedoch bekannt, dass in den Evangelien, wenn es um die Tat des Judas geht, fast immer das Verbum ‚paradidonai’ verwendet wird. Dies heißt ursprünglich nicht ‚verraten’, sondern ‚überliefern’ oder ‚dahingeben’. 7 Aus diesem Grund verwende ich für meine Arbeit nicht die bekannte lutherische Übersetzung der Bibel, da hier stets mit ‚verraten’ in Bezug auf Judas übersetzt wird. Ich habe die Bibel in gerechter Sprache gewählt, welche an diesen Stellen von ‚ausliefern’ spricht.
In dem Hauptteil meiner Hausarbeit werde ich die literarischen und theologischen Aspekte des ‚Fall Judas’ bearbeiten. Ich beginne bewusst mit den theologisch-systematischen Aspekten (Punkt 4), da sie m. E. zu einem besseren Verständnis der literarischen Aspekte beitragen. In Punkt 4.1 bis 4.3 durchleuchte ich den Heilsplan Gottes, daran anschließend dessen Gnade und die menschliche Freiheit sowie die Behauptung, dass jeder Mensch ein Judas sei. Diese drei Punkte sind bezüglich der Gottesbeziehung zum Menschen mit Judas als Stellvertreter wichtige systematische Aspekte. Um die literarischen Aspekte aufzuzeigen verwende ich in Punkt 5 drei Bücher, in welchen Judas eine je unterschiedliche Rolle spielt. Ausführlich setze ich mich mit dem Fall Judas von Walter Jens auseinander. Dazu gehe ich kurz auf den Autor und den Inhalt des Buches ein, um im Anschluss den Aufbau, die Aussagen der Geschichte sowie Reaktionen anderer auf das Buch aufzuzeigen.
In Punkt 5.2 folgen weitere literarische Auslegungen des Judas Iskariot. Hier habe ich mich für die Romane Die Bibel nach Biff - Die wilden Jugendjahre von Jesus, erzählt von seinem besten Freund von Christopher Moore und Das Evangelium nach Pilatus von Eric-Emmanuel Schmitt entschieden. Beide sind in den letzten fünf Jahren veröffentlicht worden, woran deutlich
6 Vgl. Punkt 7: Literaturverzeichnis, S. 50-52.
7 Vgl. Meiser, Martin, 2004; S. 44.
3
wird, dass Judas uns gegenwärtig immer wieder begegnet und unterschiedliche Reaktionen hervorruft. Ebenso wie zum Buch Der Fall Judas erfolgt zuerst eine kurze Übersicht zum jeweiligen Autor sowie zum Aufbau und Inhalt des Buches, bevor ich mich mit der Darstellung des Judas in diesen Büchern auseinandersetze.
Diese Vorgehensweise wähle ich, da ich davon ausgehe, dass die Romane dem Leser meiner Arbeit nicht bekannt sind.
In einem abschließenden Fazit nehme ich noch einmal Bezug auf meine, in Punkt 2 aufgeführten, Behauptungen. Zudem soll es eine zusammenfassende Ergebnisdarstellung beinhalten und ich werde selbst zu den zuvor erarbeiteten Punkten Stellung beziehen.
Bei allen in dieser Arbeit verwendeten Abkürzungen, theologische wie allgemeine, beziehe ich mich auf das Verzeichnis für Abkürzungen des RGG.
2. Judas - Verräter, Opfer oder Heiliger?
2.1 Judas als Verräter
„Du Judas!“ 8 ist eine Anklage, die jeder 9 sofort versteht - eine Bezeichnung für jemanden, der sich des Verrates schuldig gemacht hat. Denn das ist Judas Iskariot: ein Verräter - geldgierig, ein Dieb mit einem undenkbar widerlich schlechten Charakter. Einer, der Gottes Sohn an die Römer, die Hohenpriester, die Feinde verrät 10 , kann nur böse sein. Wie niederträchtig, wie hinterhältig muss man sein, um eine solche Tat zu begehen? Welche teuflische Macht muss in einem stecken? Judas kann nur
8 Vgl. Krieg, Matthias, 1996; S. 29.
9 Ich möchte darauf hinweisen, dass ich in meiner Arbeit der Einfachheit halber, immer die männliche Form verwende, welche die weibliche automatisch beinhalten soll.
10 Vgl. Mk 14, 10-11; Joh 18, 3.
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verdorben sein! Er ist ein Schuft, der sich an dem Leiden des Messias erfreut. Und das für einen billigen Lohn von dreißig Silberlingen! 11 Erst schleicht er sich heran an Jesus von Nazareth, erwirbt sich hinterlistig dessen Vertrauen, um ihm kaltblütig von hinten das Messer ins Herz zu stechen. Der Heuchler Judas schafft dies sogar mit einem Kuss 12 und missbraucht das Zeichen der Liebe und Ehrerbietung für seinen verschlagenen Plan! Diese verfluchte und hassenswerte Gestalt hat nichts anderes verdient als den schlimmsten Tod. So einer muss Höllenqualen leiden. Und noch immer wäre er nicht gerecht bestraft! Einem solchen Menschen kann man nur mit Abscheu begegnen. Solch einer hat keine Gnade verdient. Auch nicht nach 2000 Jahren. Judas Iskariot ist ein Verräter „par excellence“ 13 , bei ihm wäre Mitleid völlig fehl am Platz. Er ist Satan, er ist der Antichrist. So einer wie Judas, wird auf immer Verräter bleiben!
2.2 Judas als Opfer
Judas ein Verräter? Nein, das ist er nicht. So kann man keinen bezeichnen, der zu etwas gezwungen wird. So kann man keinen bezeichnen, der zum Werkzeug eines anderen wird - zum Werkzeug Gottes. Ein Verräter handelt aktiv, Judas aber ist passiv. 14 Sein Handeln geschieht ohne seinen Willen. Er wird zum Spielball in dem Machtspiel von Teufel und Gott. Er wird benutzt, um den Plan der Errettung der Menschen umzusetzen. Doch nicht, dass er gefragt würde. Nicht, dass er dies freiwillig täte. Was ist eine verlorene Seele gegen Milliarden und Abermilliarden geretteter Seelen? Ja, Jesus von Nazareth muss leiden am Kreuz, aber er darf auferstehen und wird zum Christus. Und Judas? Nicht nur, dass er den elenden Tod 15 findet, er wird verschmäht, zum Bösen gemacht und das völlig zu unrecht. Dieser einen, verlorenen Seele muss man sich annehmen. Man muss Mitleid mit ihr haben. Man muss sie in Schutz nehmen. Wenn jemand zum Verräter wird,
11 Vgl. Mt 26, 15.
12 Vgl. Mk 14, 45.
13 Vgl. Fenske, Wolfgang, 1999; S. 89.
14 Vgl. Krieg, Matthias, 1996; S. 37.
15 Vgl. Mt, 27, 5.
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dann doch Gott, der diese eine Seele, diesen einen Menschen verrät und an den Teufel ausliefert. Judas ist ein armer Mensch, der all unser Mitgefühl verdient. Judas ist ein Opfer!
2.3 Judas als Heiliger
Judas ist weder Opfer noch ist er Verräter. Er ist Mitwisser eines Plans, der uns Menschen zur Errettung geführt hat. Von Anfang an erkennt er ihn, den Sohn Gottes, Jesus Christus. Er begleitet ihn und steht fest zu ihm, mehr noch als alle anderen Jünger. Er glaubt an ihn, er hilft ihm, den Menschen das Heil zu bringen. ‚Freiwillig’ spielt er den Verräter, wie Gott es sich von ihm wünscht. Er zögert nicht und ist der Erste, der für seinen Erlöser in den Tod geht und zum Märtyrer wird. 16
Wir müssen ihm dankbar sein, dass er eine solche Bürde auf sich nimmt um zu helfen uns zu erlösen. Wer sonst würde die Verachtung aller auf sich nehmen, außer jemandem, der weiß, dass Gott ihm gnädig ist und ihn lächelnd empfängt? Außer jemandem der weiß, was er tun muss, weil Gottes Sohn ihn darum bittet? 17
Gott braucht ihn, diesen einen Menschen. Er bezieht ihn ein in seinen Plan und lässt ihn daran teilhaben. Einmal mehr zeigt er damit, dass er ein Bündnis mit dem Menschen eingeht. 18
Judas und Jesus von Nazareth stehen sich nah, sie sind wie Brüder. Sie verabschieden sich voneinander mit einem Kuss, der etwas ausdrückt wie: „Auf ein baldiges Wiedersehen!“ Judas Iskariot ist ein Heiliger!
16 Vgl. Jens, Walter, 1975; S. 61.
17 Vgl. Schmitt, Eric-Emmanuel, 2005; S. 80.
18 Vgl. Gen 17, 7.
6
3. Leben und Wirken des Judas Iskariot
3.1 Der historische Judas
Wer war Judas Iskariot? Stoßen wir in der Leben-Jesu-Forschung schon auf Grenzen, so steht man bei der Suche nach einem ‚historischen Judas’ noch viel mehr vor einem grundsätzlichen Überlieferungsproblem, 19 denn es stehen uns keine außerbiblischen oder von den biblischen Darstellungen unabhängige, historisch verwertbare Quellen zur Verfügung. Historisch gesehen weiß man sehr wenig über Judas. Klar ist, dass es sich bei Judas Iskariot nicht nur um eine Symbol- oder kerygmatische Gestalt handelt, sondern um einen tatsächlichen Jünger Jesu und somit um eine unverkennbar historische Gestalt. 20 Die Angabe der Tat und auch die Tat selbst verbieten es anzunehmen, dass Judas keine historische Gestalt gewesen sei. Es wäre sonst schwer zu erklären, warum die Urgemeinde sich selbst durch dessen Erfindung in Schwierigkeiten hätte bringen sollen, denn dadurch entstünde die Frage, weshalb die Gemeinden einen Verräter in die Geschichte einarbeiten und es zulassen, dass Jesus diesen akzeptiert. Hinzu kommt die wachsende Tendenz davon auszugehen, dass der Verrat mit Wissen und auf Anweisung Jesu geschehen ist und notwendig für die Durchführung des Heilsplans war. 21 Ob dies tatsächlich so angenommen werden kann, werde ich in der Arbeit noch näher untersuchen. Weniger Probleme bereitet der Name ‚Judas’. Es ist die griechische Schreibweise des hebräischen Namens ‚Juda’, der einem aus dem Alten Testament bekannt ist und dort (der Stamm und dessen Stammvater!) eine große Rolle spielt. 22 Der Name ist beliebt und bekannt in der frühjüdischen Zeit. Es ließe sich sogar daraus schließen, dass es sich bei Judas Eltern um eine tradi-tionsverbundene jüdische Familie gehandelt haben könnte.
19 Vgl. Niemann, Raul, 1991; S. 8.
20 Vgl. Vogler, Werner, 1983; S. 37.
21 Vgl. Fascher, E. in: RGG 3 , 1959; S. 966.
22 Vgl. Dieckmann, Bernhard, 1991; S. 15.
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Die Beliebtheit dieses Namens hat allerdings durch die Darstellungen des Judas der Evangelien erheblich eingebüßt, so dass der Name bis heute mit solch negativen Assoziationen besetzt ist, „daß das deutsche Namensgebungsgesetz eine solche Benennung eines Kindes um seines eigenen Schutzes willen untersagt“ 23 .
Aber was hat es mit dem Beinamen ‚Iskariot’ auf sich? Gerade hier gehen die Meinungen erheblich auseinander. Drei Deutungen dieses Beinamens sind inzwischen am weitesten verbreitet: Zum einen nimmt man an, der Name bezeichne die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Dabei wird in dem Namen ‚Iskariot’ das lateinische Wort für Dolch ‚sicarius’ erkannt und als Hinweis darauf verstanden, dass Judas den ‚Sikariern’, den ‚Dolchmännern’ angehörte. Eine Gruppe von politischen Rebellen, welche die Vorherrschaft der Römer stürzen wollten. Dieser Annahme stehen aber deutliche grammatikalische Bedenken entgegen. 24
Eine andere Deutung sieht in dem Beinamen einen Hinweis auf die Tat des Judas. Die Verben ‚sakar/sagar’ (in jemandes Gewalt geben / ausliefern) oder ‚schaqar’ (täuschen, hintergehen) könnten in dem Wort ‚Iskariot’ enthalten sein. Dies wäre aber daraufhin nicht schlüssig, dass dann der Zusatz ‚der ihn auslieferte’ eine unnötige Doppelung aufweist. 25 So ist m. E. die dritte Deutung die wahrscheinlichste. Hier wird davon ausgegangen, dass es sich um eine geographische Zuordnung handelt und sich der Name ‚Iskariot’ zusammensetzt aus ‚isch’ (Mann) und ‚Kariot’ (Karioth), was dann einfach ‚Mann aus Karioth’ bedeuten würde und Judas als Beinamen zugefügt wurde, um ihn von anderen genannten Personen mit Namen Judas unterscheiden zu können. 26 Zumal Judas nicht der Einzige unter den Aposteln mit einem Beinamen ist. 27
Aber ist denn die Berufung der Zwölf durch den irdischen Jesus von Nazareth, bei der Judas Iskariot stets an letzter Stelle und immer mit einem Verweis auf seine Tat bei den Synoptikern genannt wird, ein historisches
23 Fenske, Wolfgang, 1999; S. 66.
24 Vgl. Fenske, Wolfgang, 1999; S. 67.
25 Vgl. Fenske, Wolfgang, 1999; S. 68.
26 Vgl. Fenske, Wolfgang, 1999; S. 67.
27 Vgl. dafür zum Beispiel in der „Bibel in gerechter Sprache“ MK 3, 14-19.
8
Ereignis? Die Namenslisten schwanken in der Reihenfolge, was auf eine unsichere Überlieferung hinweisen könnte. 28 Jedoch ist die Gründung des Zwölferkreises als ein Realsymbol für die zwölf Stämme Israels dem irdischen Jesus genauso zuzutrauen wie den nachösterlichen Gemeinden. 29 Historisch erkennbar bleibt allerdings, dass Judas nach seiner Tat nicht mehr in den Kreis der Jünger zurückkehrt und irgendwann nach Jesu Gefangennahme stirbt. Wann genau und wie er jedoch den Tod findet, ist nicht zu bestimmen. Es gibt in der wichtigsten Quelle, den Evangelien, zu viele Unstimmigkeiten. Nicht nur über den Tod des Judas, denn dieser wird nicht mal bei jedem Evangelisten erwähnt, sondern auch über seinen Charakter. Durch diese Unstimmigkeiten und die wenigen Auskünfte, die die Evangelien bieten, ist historisch wenig über Judas Iskariot zu sagen. Umso mehr jedoch lässt gerade das die Möglichkeiten der Spekulationen und Interpretationen der Gestalt zu. Dass schon die Evangelisten dieser Gefahr erlagen, werde ich in den folgenden Kapiteln deutlich machen. Da Matthäus und Lukas sich, unter anderem, beide auf Markus beziehen, „liegt es nah (…) beim Markusevangelium einzusetzen.“ 30
3.2 Der Judas der Synoptiker
3.2.1 Markus
Das Markusevangelium ist das älteste der vier Evangelien und vermutlich um 70 n. Chr. entstanden. Bis dahin scheinen die Geschichten von Jesus nur mündlich überliefert worden zu sein. Dass tatsächlich ein Mann namens Markus allein das Evangelium geschrieben hat, ist eher unwahrscheinlich. Vermutlich ist das Evangelium in der Gemeinde entstanden und die Überschrift nachträglich eingefügt worden, um die Autorität des Evangeliums
28 Vgl. Meiser, Martin, 2004; S. 37.
29 Vgl. Meiser, Martin, 2004; S. 39-40.
30 Meiser, Martin 2004; S.22-23.
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hervorzuheben, denn der Name ‚Markus’ ist eventuell auf einen Missionar um Paulus zurückzuführen. 31
Das Markusevangelium lässt die Kindheit des Jesus von Nazareth unerwähnt und setzt bei der Taufe durch Johannes den Täufer ein. Markus verwendet eine einfache Sprache, ohne seine Texte sehr auszuschmücken. 32 So auch, wenn er von Judas Iskariot schreibt. Judas wird viermal im Markusevangelium erwähnt bzw. benannt. Die erste Stelle findet sich in MK 3, 19. Beginnend mit Vers 14 wird die Berufung der Zwölf beschrieben:
14 Er wählte zwölf aus, damit sie ihn begleiteten und um sie auszusenden, damit sie verkündigten. 15 Sie bekamen auch die Vollmacht, von Dämonen zu befreien. 16 Simon gab er den Beinamen Petrus, 17 Jakobus, dem Sohn des Zebedäus, und Johannes, dem Bruder des Jakobus, sprach er den Beinamen Boanerges zu, das heißt Kinder des Donners. 18 Andreas, Philippus, Bartolomäus, Matthäus, Thomas und Jakobus, den Sohn des Alphäus, wählte er aus sowie Thaddäus, Simon den Zeloten 19 und Judas Iskariot, der später auch half, ihn auszuliefern.
Judas wird hier als letzter der Zwölf genannt 33 , ob dem eine Bedeutung zugeschrieben werden kann, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Klar ist aber, dass Jesus selbst die Jünger bestimmt. Also auch Judas Iskariot. Es wird nicht gesagt, dass dieser darum bitten würde in den Kreis der Zwölf aufgenommen zu werden. „Er wählte zwölf aus“ heißt es lediglich. Auch von ‚verraten’ ist hier keine Rede, sondern gesagt wird: „…,der später auch half, ihn auszuliefern.“
Das wirft schon jetzt eine entscheidende Frage auf: Wem half er ihn auszuliefern? Half er den Hohenpriestern? Oder half er vielleicht Jesus selbst?
31 Vgl. Dannemann, Irene in: Bibel in gerechter Sprache, 2006; S. 1890.
32 Der Einfachheit halber nenne ich an manchen Stellen ‚Markus’ als Schreiber, auch wenn ich mir bewusst bin, dass es sich nicht um eine einzelne Person namens ‚Markus’ bei den Verfassern des Markusevangeliums handelt. Ebenso verfahre ich mit den drei folgenden Evangelien.
33 Vgl. Dorn, Klaus in: Wagner, Harald, 1985; S. 48-49.
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Merle von Uslar, 2007, Der Fall Judas, München, GRIN Verlag GmbH
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